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Die
Schule
für Götter

Stefano D’Anna

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Dieses Buch ist für die Ewigkeit

An den Träumer in mir,

der meine Träume

auf unvernünftige Höhen

und in Tiefen jenseits von Gefühlen

treibt,

der mich beherrscht

und der mich zwingt

frei zu sein.

Titel der Originalausgabe:

La Scuola degli Dei / The School for Gods
© Nehir Otgur, Sinedie Basım Yayın Dan. Hizm.

Stefano D’ Anna: Die Schule für Götter

© J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld 2010

info@j-kamphausen.de

Projektleitung: Marianne Nentwig

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Print 978-3-89901-260-6

ISBN E-Book 978-3-95883-106-3

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Dieses Buch

I: Die Begegnung mit dem Träumer

1. Die Begegnung mit dem Träumer

2. Arbeit ist Sklaverei

3. „Ich bin eine Frau…“

4. Eine aussterbende Spezies

5. Das Wiedererwachen

6. Die Vergangenheit verändern

7. Inneres Vergeben

8. „Selbstbeobachtung ist Selbstkorrektur“

9. „Der Tod ist nie eine Lösung“

10. Heilung kommt von innen

11. Die Vermieter

12. Judith, ‚das Fräulein‘

13. Danke, Luisa!

II: Lupelius

1. Die Begegnung mit der Schule

2. „Die Welt ist uns erzählt worden“

3. Eine Schule des Umschwungs

4. Lupelius

5. Die Begegnung mit Pater S.

6. Die Doktrin des Lupelius

7. Opfere Äskulap einen Hahn

8. Es ist verboten, sich innerlich umzubringen

9. Die Schule für Götter

10. Mea Culpa

11. Zustände und Ereignisse I

12. Zustände und Ereignisse II

13. „Lass Gott die Arbeit machen“

14. Die Kunst der Wachbleibens

15. Schlechte Gewohnheiten

16. „Du wirst es nicht schaffen“

17. „Stell deine Überzeugungen auf den Kopf“

18. Das Narzissmus-Syndrom

19. Ein Mensch kann sich nicht verstecken

III: Der Körper

1. „Die Welt ist in dir, und nicht umgekehrt“

2. Psychologische Zwerge

3. Das Klagelied

4. Der Körper kann nicht lügen

5. Sei genügsam

6. Eine Welt ohne Hunger

7. Die Welt ist so, wie du sie träumst

8. Kein Krieg im Innern, kein Krieg im Außen

9. Denken ist Schicksal

IV: Das Gesetz des Antagonisten

1. Der Lauf

2. Die Wärter von der Main Street

3. Die Wände

4. Das Gesetz des Antagonisten

5. Liebe deinen Feind

6. Lerne, dir innerlich zuzulächeln

7. Die Suite im St. James

8. Bevor der Hahn kräht

9. Dinner mit dem Träumer

10. Der unehrliche Verwalter

11. Das Opfer ist immer schuldig

12. Die Tickets

13. Im Theater mit dem Träumer

14. Les Misérables

V: Adieu New York

1. Auf den Straßen von Manhattan

2. Die Werkzeuge des Traumes

3. Die Lüge

4. Adieu New York

5. Wer liebt, kann nicht abhängig sein

6. Man kann nicht zugleich träumen und abhängig sein

7. Eine Zukunft aus zweiter Hand

8. Dinner mit dem Scheich

9. Flucht in die Krankheit

10. Die Spinne und die Beute

11. Das Versteckspiel der Existenz

12. Die Flasche

13. Die wirklich Armen

14. Angst ist degradierte Liebe

15. Die Lösung kommt von oben

VI: Nach Kuwait City

1. Das ist Wirtschaft!

2. Den ‚Traum‘ vergessen

3. Sich zu sorgen ist ein animalischer Instinkt

4. Flucht ist für wenige

5. Planen, ohne daran zu glauben

6. Der Terminkalender

7. „Hallo, wer bin ich?“

8. Mechanische Gewohnheiten abstellen

9. Sich selbst besiegen

10. Der ‚Traum‘ ist das Wirklichste, das es gibt

11. Heleonore

12. Die Adoption

VII: Rückkehr nach Italien

1. Die Klausel

2. Ein unangenehmes Erwachen

3. Die Ignoranz ist immer griffbereit

4. Zurück in die Vergangenheit

5. Die psychische Verschmutzung

6. Im Bauch des Wals

7. Der Unfall

8. Der Brief. Ein umgedrehter König Midas

9. „Tanze, um Himmelswillen, taaanze!“

10. „Du bist nur lebendig und aufrichtig, wenn du bedroht bist!“

11. Heilung kann nur aus dem Inneren heraus geschehen

12. Lob der Ungerechtigkeit

13. Die Welt wird durch unsere Gedanken geschaffen

14. Die Vergangenheit ist Staub

15. Wille und Zufall

VIII: Mit dem Träumer in Shanghai

1. Perfektion wiederholt sich niemals

2. Der Verstand des Menschen ist bewaffnet

3. Das Tier, das lügt

4. „Werde ein freier Mann!“

5. Der Vater des Buddha

6. Von etwas abzuhängen, ist eine unerträgliche Sklaverei

7. Vision und Wirklichkeit sind eins

8. Die Spezies der Angestellten

9. „Tue nur, was du liebst!“

10. Die schreckliche und wunderbare Richtung…

11. Sich verlieben – ‚to fall in love‘

12. „Ich bin du!“

13. Uni-verum: versum unum, dem ‚Einen‘ entgegen

14. Der König ist das Reich und das Reich ist der König

15. Wirklichkeit ist ‚Traum‘ plus Zeit

16. Vom ‚Traum‘ berührt werden

IX: Das Spiel

1. Glauben heißt sehen

2. „Ändere dein Leeeben!“

3. Die Bezahlung

4. Wir sind der Bogen, der Pfeil und die Zielscheibe

5. „Ich bin gekommen, um dich zu befreien“

6. Rollen spielen

7. Der Rückwärtsweg

8. „Du bist nicht bereit“

9. Die Abkürzung

10. Zeit komprimieren

11. Die anderen enttarnen dich

12. Absichtliches Rollenspiel – ‚Schauspielkunst‘

13. Das ‚Spiel der Begegnungen‘

14. Das neue Paradigma

15. Das Wiederholungsspiel

16. Sich etwas von der Welt erwarten

17. Dieses Buch ist für die Ewigkeit

X: Die Schule

1. Die vertikale Vision

2. Eine Schule für ‚pragmatische‘ Träumer

3. Der Traum des Traumes

4. Das tragbare Paradies

5. Die bedeutendste wirtschaftliche Wahrheit

6. Haben heißt Sein

7. Universität bedeutet ‚der Einheit entgegen‘

8. Die Geburt der Schule

9. Die Mission der Schule

10. Glauben, ohne zu glauben

11. Das Geheimnis des Tuns

12. Die Vergangenheit ist eine Lüge

13. Zustand ist Ort!

14. Sei ein König, und das Königreich wird kommen

15. Die Bank

16. Geld ist nicht real

17. Glaube und du wirst sehen

18. Die Auktion

Dieses Buch

Dieses Buch ist eine Landkarte und ein Fluchtweg.

Wenn das Dasein dich fest im Griff hat, sodass du kaum noch atmen kannst, so wie es mir der Fall gewesen ist ist, wenn du von deinem Leben hoffnungslos enttäuscht bist und keinen Ausweg mehr siehst, dann wird dieses Buch dich finden. Es wird in deine Hände gelangen und du wirst erkennen, dass du für deine individuelle Revolution, für das größte Abenteuer, das ein Mensch sich nur vorstellen kann, bereit bist: Das Wiedererlangen deiner Integrität, deines verlorenen Paradieses.

Dieses Buch ist die Geschichte meines Versuchs, den ausgetretenen Pfaden eines vorherbestimmten, kollektiven Schicksals zu entfliehen und ein Individuum zu sein. Auf meiner Reise zurück zur Essenz musste ich das ausweglose Unterfangen wagen, den sterblichen Ballast der dunkelsten Teile meines Wesens abzulegen: destruktive Gedanken, negative Gefühle, Überzeugungen und Ideen, die nicht meine waren.

Wie die meisten ganz gewöhnlichen Menschen dachte und redete ich über mein Leben, als wäre es nur eine Aneinanderreihung äußerer Umstände. Doch auf meinem Weg, mich selbst zu erobern, musste ich einsehen, dass die Ereignisse und äußeren Umstände in unserem Leben nichts weiter sind als der Spiegel unserer Gefühle, Gedanken und Überzeugungen, eine Materialisierung unseres Wesens.

Zwischen unserem inneren Befinden und der äußeren Welt, zwischen Zeitlosigkeit und Zeit besteht ein Zusammenhang, der auf dem Prinzip von Ursache und Wirkung beruht. Alles, was wir fühlen, all unsere Leidenschaften, Gedanken und Fantasien, unsere Hoffnungen, Ambitionen, Geheimnisse, Erinnerungen und Vorstellungen, die Ängste und Unsicherheiten und all unsere Empfindungen, Reize, Sehnsüchte, Vorlieben und Abneigungen gehören zu der ungreifbaren und dennoch sehr realen Welt des Seins. Die Ebene unseres Seins kann uns arm oder reich machen, uns Glück oder Elend bescheren.

Unser Sein gestaltet unser Leben

Nachdem ich begriffen hatte, dass die Qualität meines Lebens im Außen auf Gedeih und Verderb in meiner eigenen Verantwortung lag, dass die negativen und manchmal tragischen Ereignisse meiner Existenz mit meinen Seinszuständen in Verbindung standen und nichts anderes waren als ein materieller Ausdruck meiner Ängste, destruktiven Gedanken und negativen Fantasien, hörte ich damit auf, anderen die Schuld zu geben, Dinge zu bereuen oder mich in Selbstmitleid zu ergehen.

Ich lernte die tiefere Bedeutung des lateinischen Ausspruchs „Mea Culpa“ kennen, als ich auf einen wertvollen Kodex stieß, den Lupelius im neunten Jahrhundert verfasst hatte. Durch das Manuskript dieses mönchischen Philosophen wurde ich auf die schwindelerregende Kraft aufmerksam, die sich hinter diesem Aphorismus verbirgt.

Mea Culpa bedeutet, dass alles meine Schuld ist und nicht die irgendeines anderen in diesem Universum. Es ist der prägnanteste und potenteste Ausdruck für meine Vorstellung von Verantwortung. Es enthält das Geheimnis uneingeschränkter Energie.

Seit tausenden von Jahren wurde diese Formel uneingeschränkter Verantwortung wie ein Schatz gehütet und sie wirft bis heute wie ein Leuchtturm ihr Licht in die dunkle See menschlicher Unzuverlässigkeit und menschlichen Leichtsinns. Seither ist „Mea Culpa“ das unumstößliche Prinzip, der wichtigste Grundsatz meines Lebens.

Damals begann ich mit der kostbarsten und fruchtbarsten aller Aktivitäten: der Beobachtung meiner selbst. Es beginnt damit, dass man seine Aufmerksamkeit auf das richtet, was im Inneren vorgeht, dass man sich selbst studiert, die eigenen Reaktionen, Gedanken und Überzeugungen, die eigene Geisteshaltung beobachtet. Diese Arbeit der Selbstbeobachtung mit dem Ziel, mich selbst zu entdecken und kennenzulernen, hat viele Jahre in Anspruch genommen und große Anstrengungen von mir gefordert. Es war eine äußerst einnehmende Aufgabe, aber auch der lohnenswerteste Teil meiner Suche. Sie verleiht mir die anhaltende Fähigkeit, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen und den Lauf meines Schicksals selbst zu bestimmen.

Selbstbeobachtung ist wie eine Fehlerkorrektur an sich selbst.

Das Buch handelt aber auch von meiner persönlichen Lehrzeit, die in der wohl unglaublichsten Aufgabe gipfelte: der Erschaffung einer planetaren „Schule“, einer Universität ohne Grenzen. Ich gründete diese Universität in London und sie basiert auf den großen Gesetzmäßigkeiten, den Ideen und Prinzipien, die ich durch harte Arbeit an mir selbst entdeckt habe. Die Mission dieser neuen Universität besteht darin, dem Einzelnen zu dienen, die zukünftigen Träumer aus aller Welt zusammenzubringen und sie darauf vorzubereiten, zu den visionären Individuen und pragmatischen Utopisten heranzuwachsen, die die Welt braucht.

Doch nach vielen Jahren kam ich zu dem Schluss, dass ich von meinem eigenen Traum abgewichen war, dass die Schule, die mir vorschwebte, keine Wände würde haben können, auch keinen Campus, Klassenzimmer oder Büchereien, wie sie zu jeder traditionellen Schule gehören; vor allen Dingen sollte sie sich nicht an Lehrbücher und starre akademische Vorgaben klammern, die sich in der ganzen Welt alle mehr oder weniger gleichen. Ganz gewiss sollte sie keiner wachsamen, vieläugigen akademischen Autorität unterstellt sein, die nur den Status Quo in Ehren halten würde. In meiner Vision sollte sie im Zeitalter der Klassik wurzeln, in den Träumen von Platon und Plutarch, und von der Renaissance mit ihrem Streben nach Schönheit, Kreativität und Vortrefflichkeit inspiriert sein.

Ich machte mir diese Vision zu einer Herzensangelegenheit und konzipierte ein Bildungsprojekt in Gestalt eines Laboratoriums, ein akademisches Forschungsprogramm mit der visionären Absicht, eine Schmiede für integere Männer und Frauen zu sein – wunderbare Menschen, die von den Ideen und Grundsätzen der Schule für Götter inspiriert werden.

Daher legte ich am 2. Dezember 2010 mein Rektorenamt wie auch mein Amt als Vizepräsident der ESE Foundation in New York nieder und schränkte auch meine übrigen Verpflichtungen stark ein, um mich einem ganz modernen Programm für Führungspositionen zu widmen: „Future Leaders of the World“ vermittelt auserwählten Studierenden ein Gefühl für Größe, grenzenlose Freiheitsliebe und unbestechliche Integrität als zentrale Qualitäten einer Führungspersönlichkeit und als wichtigste Errungenschaften des Menschen überhaupt. Es handelt sich dabei um die Führer der Zukunft, die wichtigste strategische Ressource für das wirtschaftliche Wachstum und die Menschheitsentwicklung aller Nationen. Ohne sie kann es keinen Fortschritt geben.

Dieses Buch ist die Geschichte meines Lebens und sie entspricht bis ins letzte Detail der Wahrheit. Es ist die Geschichte eines ganz gewöhnlichen Mannes, der als Symbol für eine dem Untergang geweihte, bezwungene Menschheit und zugleich für die Verkündung steht, dass unsere Erlösung, unsere Wiedergeburt möglich ist. Seine Reise zurück zur Essenz ist ein weiterer Exodus auf der Suche nach einer verlorengegangenen Integrität. Diese Suche steht allen Menschen offen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen.

Dieses Buch erzählt nur meine Geschichte und hat nicht den Anspruch, dir irgendetwas zu vermitteln. Als ich damals von dieser Universität träumte und sie leitete, war ich davon überzeugt, Schreiben und noch viel mehr das Lehren seien die wahrhaftigsten Formen des Gebens. Jetzt weiß ich, dass das Schreiben dieses Buches ebenso wie die Gründung der Universität und die vielen Jahre des Lehrens nur eine List waren, um mich selbst kennenzulernen, meine Unvollständigkeit zu erkennen und zu heilen. Meine eigentliche Absicht ist es, eine Richtung vorzugeben und dich dazu aufzufordern, dich auf deine eigene Reise zu begeben. Das ist angsteinflößend und wunderbar zugleich, schwierig und erfreulich, aber ebenso notwendig wie die Reise des Lachses gegen den Strom.

Wenn ich die Lektionen, die ich gelernt habe, mit dir teile, dann vermeide ich es bewusst, Episoden, Ereignisse und Enthüllungen einzuflechten, die möglicherweise über die Akzeptanz des Lesers hinausgehen, sondern berichte nur von Dingen, die, wenn sie auch durchaus „revolutionär“ sind, für die Menschheit in ihrem gegenwärtigen Zustand dennoch erfassbar sind.

www.profstefanodanna.com

Kapitel I

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Die Begegnung mit dem Träumer

1Die Begegnung mit dem Träumer

Damals lebte ich in New York. Meine Wohnung lag auf einer kleinen Insel – auf Roosevelt Island – mitten im East River zwischen Manhattan und Queens. Das Inselchen wirkte wie ein Schiff, das im Begriff war, abzulegen und auf der Strömung des Flusses hinauszutreiben in die Freiheit der Weltmeere, obwohl es doch tagaus, tagein in der wogenden Dunkelheit des Flusses verharrte. Ich ging ins Schlafzimmer, um den Kindern Gute Nacht zu sagen; sie waren jedoch bereits eingeschlafen. Auf Zehenspitzen ging ich zurück ins Wohnzimmer. Die Stille der Nacht hüllte mich ein; ich fühle mich plötzlich, als gehörte ich nicht hierher – ich fühlte mich wie ein Dieb, der sich in das Leben eines Fremden hineinstiehlt. Ich hielt inne und schaute hinaus auf die Lichterkette entlang der Queensborough-Brücke. Ich empfand sie als kühl und bedrohlich, wie eine kommende Gefahr.

Meine Frau, Jennifer, hatte sich einfach in ihr Zimmer zurückgezogen – und so auf typisch amerikanische Art unseren Ehestreit beendet. Ich war spät nach Hause gekommen an diesem Abend.

Ich hatte auf dem J.F.K.-Flughafen einen Freund abgeholt, den ich geraume Zeit nicht gesehen hatte. Und schon im Moment unserer Begrüßung, augenblicklich, hatte ich das Gefühl, sein Leben sei besser als meines: viel erfüllter und erfreulicher als das meine. Gefühle von Eifersucht, von Neid und blinder Rivalität kamen blitzartig hoch, wie ich sie normalerweise nicht einmal mir selbst gegenüber eingestanden hätte, und mündeten in einen gedankenlosen Wortschwall: in ein zwanghaftes Bedürfnis, ununterbrochen zu reden. Auf der Rückfahrt, im Auto, wurde ich geradezu erfinderisch: Ich ersann eine Lüge nach der anderen und konstruierte eine fiktive Variante meiner Jahre in New York. Ich schilderte, wie unmöglich es mir sei, auf all die Partys, zu all den Vernissagen und Premieren zu gehen, zu denen ich eingeladen wurde. Ich redete über meine beruflichen Erfolge, über meine Hobbys und vor allem über meine großartige Beziehung zu Jennifer. Allerdings: Meine Worte waren schon tot in dem Moment, in dem sie mir über die Lippen kamen. Tief in meinem Innern erklang ein stummer Schrei der Verzweiflung. Ich ertrank in der Flut meiner Unaufrichtigkeiten. Es war unerträglich, und doch war ich unfähig, das Lügengespinst zu zerreißen. Je mehr ich versuchte, mich aus dem Dickicht meiner Unwahrheiten zu befreien, desto deutlicher spürte ich, wie unmöglich es mir war. Ich konnte mich von diesem Roboter – von dem Mann, der ich war – nicht trennen. Je mehr mich meine Worte anekelten, desto mehr begriff ich: Es war aussichtslos. Wir waren zu zweit in meinem Körper. Tief im Innern war ich gefangen – als abgespaltene Kreatur. Ein Gedanke, der mich erstarren ließ: auf ewig eingesperrt zu sein als siamesischer Zwilling, als Zentaur, als Zwitter, in einer unbändigen, grotesken Symbiose.

Die Dunkelheit brach herein. Ich merkte, ich war falsch abgebogen. Wir drangen tiefer und tiefer ein in ein Labyrinth schwach erleuchteter Straßen, die zunehmend verwahrloster, dreckiger wirkten. Die Worte erstarben mir auf den Lippen, eisige Stille breitete sich aus und erfüllte den Wagen. Bei schwerem, sintflutartigem Regen wurden wir langsamer und fuhren bald nur noch im Schritttempo. Ich sah die Scheinwerfer eines Autos, das dicht hinter uns fuhr, erhaschte einen flüchtigen Blick auf einen Schatten, der sich unter den Pfeilern eines Straßenübergangs bewegte, richtete den Blick dann auf meinen Freund – und erstarrte. Er zitterte! Sein Gesicht war von Angst verzerrt. Ich beschleunigte. Mein Herz schlug heftig und ich bog instinktiv in die erstbeste Straße ein. Mit scharfem Ausscheren konnte ich gerade noch einer Gruppe Stadtstreicher ausweichen, die sich um ein Feuer in einem Ölfass drängten. Die Schatten der Gebäude klafften auf wie monströse Rachen, bereit, uns zu verschlingen.

Der gellende Lärm einer Sirene zerschnitt die Luft. Ich warf nervöse Blicke in den Rückspiegel, auf den Wagen, der uns folgte, bis ich sah, dass dessen Lichter schwächer wurden und in der Dunkelheit verschwanden. Und endlich hatte ich einen sichereren Stadtteil erreicht und erkannte einige Straßen wieder, die uns schließlich nach Hause brachten.

Ich habe diesen Freund nie wiedergesehen.

Zusammen mit einem enorm großen schwarzen Mann nahm ich den Aufzug nach oben zum 17. Stockwerk; sein Gebrabbel verfolgte mich den ganzen Weg bis zu meiner Wohnung. Damals war Roosevelt Island Teil eines sozialen Integrationsexperiments; deshalb war es nicht ungewöhnlich, auf behinderte Menschen zu treffen, die hier mit ihren Betreuern wohnten.

Mich empfing der Anblick von Jennifer; die von großen Lockenwicklern befreiten Haare ringelten sich um ihr Gesicht wie die Schlangen der Medusa. Sie fuchtelte mit einer Zigarette zwischen ihren Fingern herum, während sie Schimpftiraden losließ und im Zimmer auf- und abging. Das war – im Spiegel meines eigenen Lebens – mein endgültiger, unvergesslicher Eindruck von ihr. Ich spürte die große Leere zwischen uns und einen jähen Daseinsschmerz, als sei das Narkotikum, das mich jahrelang betäubt hatte, schließlich zu Ende gegangen. Die Wohnung, meine Beziehung mit dieser Frau und alles, worauf mein erstarrter Blick fiel, sprachen von beharrlicher Mittelmäßigkeit. Entscheidungen, von denen ich geglaubt hatte, sie seien meine eigenen – seien Ausdruck meiner Persönlichkeit –, entpuppten sich als Fallen, aus denen es für mich kein Entkommen gab.

Das war nicht das Leben, von dem ich geträumt hatte. Meine eigene Unfähigkeit ekelte mich an. Verzweiflung überflutete mich, ertränkte meine Lügen und Kompromisse und spülte mich an ein trostloses Gestade. Ich bettete meine Stirn auf meine Arme, und der Schlaf vertrieb meine Trauer.

Das Innere der Villa war in Dunkelheit getaucht, die im Begriff war, von der beginnenden Morgendämmerung aufgelöst zu werden. Am Ende der großen Halle nahm ein antikes Gemälde die ganze Wand ein. Im dämmrigen Licht konnte ich gerade noch eine Waldszene mit einer träumenden Gestalt in der Mitte ausmachen. Wie das Gemälde, so war auch alles andere an und in diesem Raum – vom Mobiliar bis zu seinem Baustil – durchdrungen von ausgeprägter, intensiver Schönheit. Es war für mich sehr seltsam, in dieser ungewissen Zeit zwischen Nacht und Dämmerung in dieser Villa zu sein; doch es überraschte mich nicht. Alles schien vertraut, obwohl ich mir sicher war, hier noch nie zuvor gewesen zu sein.

Die Villa war still, wie tief in Gedanken versunken. Ich stieg die alten Steinstufen empor und gelangte zu einer Holztür. Ich bemerkte, dass ich elegant gekleidet war – wie für ein Treffen mit einer unbekannten Autoritätsperson. Ich erinnere mich nicht, was genau mich verdross; doch ich war ängstlich und mürrisch. Emotionen tobten in mir und nährten innere Monologe wie trockene Zweige ein Feuer. Ich zog meine Schuhe aus und ließ sie am Eingang stehen. Das schien mir vollkommen natürlich, notwendig und vertraut. Es war offensichtlich Teil eines Rituals, das ich bei vielen anderen Gelegenheiten schon praktiziert hatte. Ich hatte das Gefühl, schon zu wissen, was mich hinter dieser Tür erwartete, obwohl ich nicht die leiseste Ahnung davon hatte. Als ich jedoch anklopfte, spürte ich Angst. Ohne auf Antwort zu warten, drückte ich die schmiedeeiserne Klinke herunter und stieß die Tür auf. Ich blickte kurz zum offenen Kamin. Die blendende Helligkeit der Flammen schmerzte in meinen Augen, so dass ich beiseiteschauen und heftig blinzeln musste, um nicht zu weinen. Er stand neben dem Kamin, wandte mir den Rücken zu; der Schatten Seines Profils zeichnete sich auf der Wand ab. Der Raum – vom Licht des Feuers großenteils im Dunkeln gelassen – verfügte über eindrucksvolle Gewölbe; sie umrahmten alte Fenster – wie steinerne Augenhöhlen mit weit geöffneten Augen, die in die Nacht hinausblickten. Durch die ostwärts gerichteten Fenster konnte ich einen Teil vom Himmel sehen, gefärbt von den zarten Farben der Morgendämmerung.

Ich hatte erst ein paar vorsichtige Schritte über die weite Fläche des weiß gefliesten Bodens gemacht, als Seine Stimme mächtig und furchterregend erscholl, meine Bewegungen erstarren ließ und meine Gedanken betäubte.

„Du bist in einem fürchterlichen Zustand!“, sagte Er, ohne sich umzudrehen und mich anzusehen: „Ich kann das an der Art spüren, wie du hereinkamst, an deinen Schritten. Du bist ein einziges Chaos – eine haltlose und maßlose Ansammlung von Gedanken und Emotionen. Wohin willst du in diesem Zustand? So in tausend einzelne Stücke zersplittert, wie du bist, schaffst du es kaum, dein Dasein als Angestellter zu bewältigen.“

„Ich bin kein Angestellter“, konterte ich und hob die Stimme, als wolle ich mich gegen einen plötzlichen körperlichen Angriff wehren. Wer auch immer dieser Mensch war, mir schien es angebracht, die Fronten zwischen uns halbwegs abzustecken. Doch – wie gedämpft von einer gepolsterten Wand – ging die Wirkung meiner Worte unter. Eine seltsame Angst ergriff mich; so brachte ich kaum die nötige Stimme auf, um zu erwidern:

„Ich bin Manager.“

Das Schweigen, das nun folgte, breitete sich gewaltig aus und durchdrang meinen innersten Kern. Irgendwo in meinem Inneren ertönte hämisches Gelächter – und ich verharrte schmerzhaft im Zweifel darüber, welcher Anteil von mir spottete und welcher Anteil verspottet wurde. Danach – es dauerte, wie mir schien, eine Ewigkeit – hörte ich erneut die Stimme:

„Wie wagst du es, Ich zu sagen?“ Er sprach mit so viel Verachtung, dass es mich wie ein Schlag ins Gesicht traf. „In meiner Welt ist, ‚Ich‘ zu sagen, wie ein Selbstmord. Ich, das ist der Konflikt, den du in dir trägst … Es ist eine Unmenge von Lügen. Jedes Mal, wenn du eines deiner kleinen Ichs aussprichst, lügst du. Nur jemand, der sich selbst kennt, nur jemand, der sein eigenes Leben meistert … nur wer echten Willen hat, der kann Ich sagen.“

Nach einer Pause fuhr Er noch bedrohlicher fort: „Wenn ich dich jemals wieder Ich sagen höre, dann darfst du niemals mehr hierher zurückkommen!

Beobachte dich selbst … Entdecke, wer du bist!

Ein Teil der Masse zu sein bedeutet, in einem unwirklichen, unentrinnbaren System aus falschen Überzeugungen und Lügen festzusitzen, die du dir selbst ersonnen hast. Mangelnde Einheit hält den Menschen gefangen in Unwissenheit, Angst und Selbstzerstörung. Sie verursacht in der Außenwelt Krankheit, Entwürdigung, Gewalt, Grausamkeit und Krieg.

Die Welt ist – wie du sie träumst – ein Spiegel. Dort draußen entdeckst du deine Spiegelung, die Welt, die du erzeugt, die du erträumt hast. Dort draußen kannst du dich selbst finden! Los, geh hinaus in die Welt und verstehe, was du bist. Du wirst entdecken, dass andere das gespiegelte Abbild der Lüge sind, die in dir lebt, deiner Kompromisse und deiner Ahnungslosigkeit.

Verändere dich! – und die Welt wird sich verändern.

Du erschaffst eine kranke Welt – und dann packt dich die Angst vor deiner eigenen Schöpfung, vor dem, was du selbst hervorgerufen hast. Du hältst die Welt für eine objektive Tatsache … doch die Welt ist so, wie du sie erträumst. Geh in die Welt und akzeptiere dich selbst. Triff die Armen, die Gewalttätigen, die Aussätzigen, die in dir leben. Akzeptiere sie … Weiche ihnen nicht aus, gib ihnen keine Schuld … Liefere dich deiner Welt aus. Geh und lass bewusst gelten, was du dir da erschaffen hast: eine unnachgiebige, unwissende, leblose Welt.

Die Kraft des Menschen liegt in seiner Fähigkeit, sich selbst zu beherrschen und sich gleichzeitig sich selbst zu ergeben.“

Unvermittelt nahm Seine Stimme einen scharfen Befehlston an.

„In meiner Gegenwart … Stift und Papier! Vergiss das niemals.“

Sein Kommandoton und der jähe Themenwechsel brachten mich aus der Fassung. Und dann wandelte sich meine Verwirrung in Angst und in Panik. Mir war, als hinge eine tödliche Bedrohung über mir, als ich Seine in furchterregendes Zischen verwandelte Stimme hörte:

Dieses Mal musst du schreiben. Stift und Papier werden deine Rettung sein. Meine Worte aufzuschreiben, ist die einzige Art, nicht zu vergessen … Schreib! Das ist der einzige Ausweg! Deine einzige Chance, die Bruchstücke deines Seins wieder zusammenzufügen.“

Dann – als wäre Er nie vom Thema abgewichen – griff Er meine letzte Behauptung auf:

„Ein Manager ist ein Angestellter, der sich abmüht, an das zu glauben, was er tut; er zwingt sich, daran zu glauben … er ist der Hohepriester eines Kultes – wie mittelmäßig der auch sein mag –, der ihm ein Zugehörigkeitsgefühl und die Illusion eines Ziels vermittelt. Aber selbst das hast du nicht. Was du hast, Gedanken und Emotionen, sind amorphe Bruchstücke des Seins – ‚du‘ bist ein bedeutungsloses, dem Universum ausgeliefertes Bruchstück.“

Die Worte ergossen sich über mich wie ein Kübel kalten Wassers. Mir war plötzlich eiskalt. Tiefe Beschämung, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nie erlebt hatte, begann mich zu erfüllen, langsam und grausam. Ich zuckte beim Ton Seiner Stimme zusammen; sie war so unglaublich nah, dass ich Seinen Atem spüren konnte: ein heißes, trockenes Murmeln.

Bei den amerikanischen Indianerstämmen gab es eine Menschenklasse am alleruntersten Rang-Ende: Menschen, die weder Medizinmänner noch Krieger waren; sie jagten nicht, noch kämpften sie um Positionen oder um Frauen. Sie bekamen die härtesten, die am meisten erniedrigenden Aufgaben. Es waren Menschen, die vor Mutproben und Unbestechlichkeitsprüfungen zurückschreckten.“

Hier hielt Er inne … und holte dann neu aus:

In jedem primitiven oder modernem Stamm wärst du immer dort: auf der untersten Sprosse der Leiter.“

Es traf mich mitten ins Herz; ich war tief erfüllt von Scham. Jetzt wollte ich nicht mehr, dass Er aufhörte. Ich wollte nur noch entkommen, genügend Stärke finden, um Ihm den Rücken zuzukehren und zu gehen. Konnte nicht ein Telefon oder ein Wecker läuten und mich vor all dem bewahren? Doch ich konnte nichts machen, keinen noch so winzigen Muskel bewegen. Dort in der Welt des Träumers hielt mich ein ehernes Gesetz davon ab, eine einzige Geste zu machen oder einen Atemzug zu tun …

Ich weiß, du würdest gern diesem ‚Traum‘ entkommen“, fuhr Er unerbittlich fort. „Aber ich bin Wirklichkeit. Dein Leben, von dem du glaubst, es sei real, und deine Welt, in der du meinst, dass du dort eine Wahl oder Entscheidung treffen kannst, all das ist unwirklich … das sind schreckliche Albträume. Heiraten, Kinder haben, eine Karriere und ein Haus, Geld verdienen … all das, woran du glaubst … all das ist ein absurder Fetisch, den du anbetest.

Nur der ‚Traum‘ ist wirklich. Der ‚Traum‘ ist das Realste, das es gibt. Lerne, in der Welt des Realen zu leben. Hierher passen nicht länger deine Angewohnheiten und Überzeugungen und deine alten Richtlinien … Was du Wirklichkeit nennst, ist nur ein Abbild, von dem du dich völlig lösen musst. Nichts von der alten Welt kannst du mitbringen. Du wirst neu lernen müssen zu denken, zu atmen, zu handeln und zu lieben.

Du hast ein planloses Dasein geführt … ein schmerzhaftes Leben. Versteckt hinter einem Job und einem Gehaltsscheck hältst du die Armut und das Leiden der Welt lebendig“, diagnostizierte Er mit sanfter und ernster Stimme, als stelle Er irgendwelche ernsthaften Schäden fest. „Das Leben ist zu kostbar, um es zu vergeuden, und es ist zu reich, um es zu verlieren. Es ist Zeit für eine Veränderung!

Eine Pause verstärkte die Wucht Seiner Worte.

Es ist Zeit, dass du deine paradoxe Weltsicht aufgibst. Es ist Zeit, all das absterben zu lassen, was leblos ist. Es ist Zeit, wiedergeboren zu werden.

Es ist Zeit für einen neuen Exodus und für eine neue Freiheit. Das ist das größte Abenteuer, das sich ein Mensch vielleicht vorstellen kann: seine eigene Integrität wiederzuerlangen.“

Meine Augen hatten sich fast an das Halbdunkel gewöhnt. Draußen begann die Dämmerung, die Nacht aufzulösen. Bevor die kalte, bleiche Welt aufs Neue aus dem Schatten auftauchte, traf ein Sonnenstrahl den Mahagoni-Kaminsims, der den steinernen Rauchfang über dem Kamin trug. In großer vergoldeter gotischer Schrift war dort zu lesen: Visibilia ex Invisibilibus. – Das Sichtbare entspringt dem Unsichtbaren.

2Arbeit ist Sklaverei

„Wer seid Ihr?“, fand ich gerade noch die Kraft nachzufragen.

Ich bin der Träumer. Ich bin der Träumer, und du bist der Geträumte. Ein Augenblick der Ehrlichkeit, ein Riss in der Mauer deiner Lügen, wie ein erhellender Lichtblitz, ermöglichten dir, Mich zu sehen.“

Das jetzt folgende Schweigen breitete sich wie kleine Wellen in unendlichen Kreisen aus. Seine Stimme wurde zu einem Säuseln.

„Ich bin die Freiheit. Jetzt, wo du Mir begegnet bist, wirst du nicht mehr imstande sein, ein so belangloses Dasein zu leben.“

Die nachfolgenden Worte sollten sich auf ewig in mein Gedächtnis einprägen:

Es ist stets eine persönliche Entscheidung, abhängig zu sein – selbst wenn die Entscheidung unbeabsichtigt getroffen wurde. Nichts und niemand kann dir Abhängigkeit aufzwingen; das kannst nur du selbst.“

Er ließ mich nicht aus den Augen, und Er legte mir dar: Der Hang, der Welt allein die Schuld zu geben und über das eigene Los zu jammern, sei der unwiderlegbare Beweis für die Tatsache, dass Grundsätzliches nicht verstanden worden sei. Ein Mensch hänge nicht von seiner Firma ab; ihm seien weder von der Firmen-Hackordnung noch von einem Chef, sondern von seiner eigenen Angst Grenzen gesetzt. Abhängigkeit sei Angst.

Abhängig zu sein, ist nicht das Ergebnis eines Vertrages; sie hat weder mit irgendeiner Rolle zu tun, noch ist sie Resultat einer sozialen Schichtung … Abhängigkeit ist die Folge, wenn wir die Selbstachtung verringern, der eigenen Würde entsagen. Es ist das, was passiert, wenn du dir selbst erlaubst, niedergeschmettert zu sein.

In der äußeren Welt nimmt diese innere Konditionierung, diese Degradierung, oft die berufliche Form an; in den Aspekten einer Untergebenen-Position. Abhängigkeit ist das Problem eines Geistes, der von eingebildeten Ängsten, von seinen eigenen Befürchtungen versklavt ist …

Abhängigkeit ist das sichtbare Anzeichen, den eigenen ‚Traum‘ preisgegeben zu haben.“

„Abhängigkeit“: Jedes Mal, wenn Er das sagte … Die langsame, deutliche Aussprache jeder Silbe offenbarte die wirkliche Bedeutung des Wortes und all das Leid, das Fehlen von Selbstliebe, das sich hinter der Abgedroschenheit seiner alltäglichen Verwendung versteckte.

Abhängigkeit ist eine Krankheit des Seins! … Sie ist die Folge eigener Unvollkommenheit. Abhängig sein heißt, aufzuhören, an sich selbst zu glauben. Abhängig zu sein bedeutet, mit dem Träumen aufzuhören.“

Je mehr ich über Seine Worte nachdachte, desto mehr spürte ich, wie sie sich wie Säure in mich einätzten. Mein Groll verschärfte sich zu Wut. Die Art, wie Seine Worte eine Schneise durch die Situation der Menschen schlug, empfand ich als unerträglich. Für mich waren die zwei Welten – die innere und die äußere – stets getrennt gewesen, und das sollten sie auch bleiben. Ich war davon überzeugt: Es war möglich, in der äußeren Welt abhängig zu sein und dennoch im Innern frei zu bleiben. Und diese Gewissheit schürte meine Empörung.

Wie Millionen anderer Menschen hast du dein Leben verborgen im Schoße einer leblosen Organisation gelebt“, ging Seine Anklage weiter. „Du hast deine Freiheit gegen eine illusorische Sicherheit eingetauscht. Es ist Zeit, aus deinem Narkoseschlaf zu erwachen.“

Niemand hatte mich jemals zuvor so behandelt.

„Wer gibt Ihnen das Recht, so zu mir zu sprechen?“, brach es aus mir hervor.

Du.“

Bei dieser einfachen, unerwarteten Erwiderung erstarrte ich. Ich fühlte mich ohnmächtig und von einem überwältigenden Schuldgefühl erdrückt und wollte das verbergen. Eine unerklärliche Scham packte mich – das Gefühl, nackt vor diesem bislang gesichtslosen Sein zu stehen. Dann folgte unbändiges Verlangen zu fliehen. Mit dem Rest meiner Widerstandskraft versuchte ich, der Situation Herr zu werden, die die Grenzen meiner Welt zu sprengen schien:

„Aber wie können Organisationen denn wirklich ohne Angestellte funktionieren?“, versuchte ich das Gespräch zu dem zurückzuführen, was mir schlüssig und vernünftig schien.

Der Träumer erwiderte nichts. Ermutigt von Seinem Schweigen, das ich als Ratlosigkeit und Unfähigkeit, mir zu antworten, interpretierte, fuhr ich fort:

„Gäbe es sie nicht … die Welt würde stillstehen.“

„Nein, genau das Gegenteil!“, erwiderte Er scharf. „Die Welt kommt zum Stillstand, weil es abhängige Menschen gibt, Menschen, die zu Tode erschrocken sind. Die Menschheit in ihrem jetzigen Zustand kann keine Gesellschaft erdenken, die frei ist von Abhängigkeit.“

Als Er erkannte, dass die Grenzen meines Begriffsvermögens erreicht und faktisch überschritten waren, mäßigte Er Seinen Ton und munterte mich beinahe ein wenig auf, wenn auch mit sarkastischem Unterton:

Ängstige dich nicht! Solange es Menschen wie dich gibt, wird die Welt der Abhängigkeit weiterbestehen und dicht bevölkert sein.“

Die nachfolgende Pause machte die Luft zwischen uns frostig. Sein Ton wandelte sich von ‚leicht amüsiert‘ zu ‚stahlhart‘:

„Du! … Du wirst nicht länger imstande sein, Teil jener Welt zu sein … weil du Mir begegnet bist!“

Ich spürte, wie ein Lichtstrahl schmerzhaft meine gedankliche und emotionale Düsternis durchdrang.

Abhängigkeit heißt, den Traum zu leugnen. Abhängigkeit ist die Maske, die sich Menschen aufsetzen, um ihre fehlende Freiheit, ihre Lebensverneinung zu kaschieren.“

Ich hatte das Wort „Abhängigkeit“ oft benutzt und gehört. Doch erst jetzt, nach diesem ersten Treffen mit dem Träumer, erkannte ich den ganzen Umfang seiner Bedeutung. Ein von einer Firma abhängiger Angestellter zu sein, offenbarte sich als moderne Verwirklichung der antiken Sklaverei: als ein Zustand innerer Unreife und Knechtschaft. Ich stellte mir plötzlich Massen menschlicher Wesen vor, die zum Schicksal des Sisyphos verdammt waren: gekettet an endlose Schinderei, an Aufgaben, die sie niemals gewählt hatten, an eine Arbeit ohne Kreativität.

Wie in einer Rückblende tauchte vor mir die Fassade des Rusconi-Gebäudes in Mailand auf, in der Via Sacra, mit dem Hinweisschild „Eingang für Arbeitnehmer“ – ital.: „Ingresso Dipendenti“, also auch: „Eingang für Abhängige“ –, das über der langen Zeile der den Angestellten vorbehaltenen Eingangstüren emporragte. Ich stellte mir eine Heerschar gebeugter Individuen vor, die sich der Reihe nach durch die engen Eingänge zwängen, wie die besiegten Römer einst in den Samnitenkriegen gezwungen waren, gedemütigt die Kauditischen Pässe zu passieren – eine Prozession von Männern und Frauen, die das Vertrauen in ihre eigene Einzigartigkeit verloren haben. Eine Ahnung vom ‚Tod des Individuums‘ verdüsterte die Atmosphäre, und all das Leid, das dieses Verhängnis begleitete, schnürte mein Herz ein.

Der Träumer beendete diese Vision. Seine Worte hatten einen feierlichen Tonfall:

Eines Tages wird es eine Gesellschaft geben, die nur träumt und nicht mehr arbeiten muss. Eine Menschheit, die reich genug ist, um zu träumen – und unendlich reich ist, weil sie träumt.

Das Universum ist extrem freigiebig; es ist ein von allem, was des Menschen Herz begehrt, überquellendes Füllhorn. In einem solchen Universum ist Mangel ausgeschlossen. Nur von Angst und Zweifel gepeinigte Menschen wie du können arm sein.“

„Aber ich bin nicht arm!“, war meine empörte Antwort. „Warum sagst du das?“

Stumm verteidigte ich mich mit allem, was ich an Begründungen zusammentragen konnte, um die Unsinnigkeit Seiner Vorwürfe nachzuweisen. Der Träumer schwieg.

„Ich bin nicht arm! Ich habe ein schönes Zuhause, ich habe eine Position, Freunde, die mich achten … Ich habe zwei Kinder, für die ich gleichzeitig Vater und Mutter bin …“

Hier hielt ich inne, überwältigt von der Ungerechtigkeit Seines Angriffs.

Armut bedeutet, unfähig zu sein, seine eigenen Grenzen zu erkennen“, erklärte der Träumer. „Arm sein heißt, dass du dein Recht, der Schöpfer deines eigenen Schicksals zu sein, eingetauscht hast gegen einen Job, den du nicht magst und den du nicht gewählt hast.“

Du!“ – fügte Er hinzu, gerade als ich hoffte, Er habe geendet –, „du bist der Ärmste der Armen, weil du immer noch nicht weißt, wer du bist … Du hast ‚vergessen‘. Niemandem sonst bot ich so viele Gelegenheiten wie dir. Dies ist deine letzte Chance.“

Mit diesen Worten – wie wenn ein Blitz die Dunkelheit der Nacht erhellt – begriff ich den Abstand zwischen Ihm und mir: die Falschheit meiner ‚angegriffenen Würde‘ und die Bedeutungslosigkeit meines ‚Ich‘, das in Gegenwart des Träumers wie ein winziges Piepsen im Universum klang. Meine Illusion, zu einer Klasse von Entscheidungsträgern, zu einer Elite verantwortlicher Menschen zu gehören, im Besitz freien Willens und von Unabhängigkeit – diese Illusion fiel wie der Vorhang nach dem ersten Akt einer komischen Oper. Meine Augen waren jetzt offen. Doch ohne es zu bemerken, war ich dabei, im Sumpf des Selbstmitleids zu versinken.

Glücklicherweise griff der Träumer ein, mit einem barschen Kommando an die eigentliche Tiefe meiner Existenz:

Wach auf! Beginne deine eigene Revolution … Erhebe dich gegen dich selbst!“, befahl Er und zeigte mir damit einen Ausweg aus der Zerknirschtheit, in die ich mich zurückgezogen hatte.

Träume die Freiheit … Frei zu sein von allen Zwängen … Du bis das einzige Hindernis, das vor allem steht, was du begehrst! Träume, träume … Träume ohne Ende! Der Traum ist das Realste, was es gibt.“

3„Ich bin eine Frau …“

Seine Stimme, noch einen Augenblick zuvor so tief und kraftvoll, war nun so sanft wie die einer Frau. Die Verwandlung ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Das konnte nicht sein! Diese Stimme war … sie war … der Gedanke begann, in meinen Kopf zu wirbeln, und obwohl Seine Worte nicht mehr barsch waren, blieben sie doch unerträglich.

Ich bin eine sterbende Frau“, murmelte die Stimme.

Die folgende Pause währte lange genug, um mich zutiefst zu erschrecken. Ich war gelähmt, unfähig, den Blick zu heben. Über meine Vergangenheit öffnete sich, weit wie der Horizont, ein mitleidloses Auge.

Ich bin eine Frau, die an Krebs leidet und die dich dafür verflucht, sie verlassen zu haben und nicht imstande zu sein, ihrem bevorstehenden Tod entgegenzusehen.“

Ich lauschte angespannt, zitterte, mein Körper bebte; ich spürte, wie mich jedes Wort näher an den Rand eines Abgrundes schob. Luisella sprach zu mir, mit ihrer entwaffnenden Anmut, ergriff mich jenseits der Zeit, über die Grenzen von Leben und Tod hinaus. Mein Schuldgefühl wurde aufs Neue mit den entsetzlichen Umständen ihres Todes, mit 27 Jahren, konfrontiert. Das Elend vieler Episoden unseres Zusammenlebens, die Selbstsucht, die mich antrieb, für ein wenig Sicherheit mit allem und jedermann zu schachern, meine Fixierung auf Geld und Karriere und die Unfähigkeit, sie zu lieben, all das blitzte schmerzhaft in mir auf; meine Seele wurde von überwältigender Abscheu überschwemmt; ich versuchte, mich von dem Mann, der ich war, loszureißen.

Das ist ‚dein‘ Tod! Es ist der Tod von all dem, was du gewesen bist – und der Tod des Alten, der Trümmer, die du in dir trägst … Lauf davor nicht weg … stell dich ihm ein für alle Mal! Um ‚wiedergeboren‘ zu werden, muss ein Mensch zuerst ‚sterben‘.“

„Was bedeutet ‚sterben‘?“, fragte ich interessiert. Ich bemerkte, wie sehr sich meine Haltung verändert hatte.

„‚Zu sterben‘ bedeutet, die Art, wie du die Dinge betrachtest, aufzuheben. ‚Zu sterben‘ heißt, aus einer gewöhnlichen Welt zu verschwinden, die von Leiden beherrscht wird, und auf einer höheren Ebene wieder aufzutauchen.“ Er sprach wahrlich in Rätseln.

Ich verstand immer noch nicht, und ein Teil von mir wollte Widerstand leisten. Diese nie zuvor gehörten Worte rissen mich in Stücke, zerrütteten meine Erinnerung und meine tief verwurzelten Überzeugungen. Über Jahre hinweg hatte ich studiert, hatte ich verzweifelt versucht, an die Spitze kommen, unermüdlich gearbeitet, um mir einen Namen zu machen – vom Ehrgeiz getrieben, jemand zu sein, der etwas galt. Zu kämpfen, zu rackern, zu gewinnen … jedes Hindernis auf meinem Weg zu überwinden. Das Leitprinzip meines Lebens – und das Einzige, an das ich je geglaubt hatte – war: hart zu arbeiten, um ‚es zu machen‘; meine größte Genugtuung war: zu gewinnen. Und all das sollte ich jetzt verwerfen? Es schien mir unfair, dass der Träumer meine Anstrengungen verachtete: meinen Willen, der Beste zu sein – von dem ich glaubte, es sei der gesündeste und vitalste Teil von mir.

Was auch immer außerhalb von dir geschieht, muss zuvor im Inneren deine Zustimmung bekommen. Das heißt: Alles, was in deinem eigenen Leben passiert, ist das genaue Abbild deines Willens“, sagte Er, und ich sog die Worte in mich hinein wie tiefe Atemzüge nach einem langen Tauchgang. Meinem Bemühen, zu verstehen, was ich gerade von Ihm gehört hatte, folgte ein Augenblick der Qual:

„War ich damals für Luisellas Tod verantwortlich, hatte ich es so gewollt?“

Die Welt um dich herum stirbt, weil du innen stirbst … Ein Mensch, der dir sehr viel bedeutet, stirbt, damit du deine tödliche Sicht als die eigentliche Ursache all deiner Schwierigkeiten begreifst. Lass ihr Opfer nicht, durch dein Unverständnis und dein Selbstmitleid, vergeblich sein! Alles ist stets gut, was dir möglich macht, die Wahrheit über dich selbst zu wissen, selbst wenn es unerträglich ist.“

„Wie könnte ich das wieder in Ordnung bringen? Ich würde mein Leben dafür hergeben!“

„.