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Bernard Glassman

DAS HERZ DER VOLLENDUNG

Unterweisungen eines westlichen Zen-Meisters

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Aus dem Englischen von Bernd Bender

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Die amerikanische Originalausgabe Infinite Circle, Teachings in Zen erschien 2002 bei Shambhala Publications, Inc., 300 Massachusetts Avenue, Boston, MA 02115, USA

Bernard Glassman: Das Herz der Vollendung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

ISBN Print 978-3-89901-651-2

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Danksagung

Einführung

TEIL I

DAS HERZ DES SUTRA DER VOLLENDETEN GROSSEN WEISHEIT

Das Herz des Sutra der Vollendeten Großen Weisheit

Kein gelber Ziegelsteinweg

Sein-Tun

Leerheit

Loslassen

Kein Leiden

Die Verwandlung der Drei Gifte

Loslassen des Loslassens

TEIL II

DIE IDENTITÄT VON RELATIVEM UND ABSOLUTEM

Die Identität von Relativem und Absolutem

Vollkommene Vertrautheit

Subtile Quelle, verzweigende Ströme

Vermischen sich selbst dann, wenn sie allein strahlen

Zwei Pfeile, die in der Luft aufeinander treffen

TEIL III

DIE BODHISATTVA-GELÜBDE

Die Bodhisattva-Gelübde

Die Bodhisattva-Gelübde: Wörtliche, subjektive und absolute Perspektive

Die Drei Kostbarkeiten und die Drei Reinen Gelübde

Nicht Töten

EPILOG

Die Regeln des Zen-Peacemaker-Ordens

Aus sich selbst heraus entsteht die Frucht

DANKSAGUNG

Mein besonderer Dank und meine Wertschätzung gelten Sensei Lou Mitsunen Nordstrom, der aus meinen mitunter weitschweifigen und verschlungenen Vorträgen ein einheitliches Manuskript schuf; Sensei Eve Myonen Marko, die das Manuskript für die Veröffentlichung lektorierte, und meinen Schülerinnen und Schülern der Zen Community of New York, die meine Vorträge nicht nur niederschrieben, sondern auch wichtige Fragen stellten.

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EINFÜHRUNG

Denke an Nichtdenken. Wie denkst du an Nichtdenken? Nichtdenkend. Dies ist die essentielle Kunst des Zazen. Zazen ist nicht das Erlernen der Meditation, sondern einfach das Dharma-Tor des Friedens und der Freude. Es ist die Praxis und Realisation der vollkommenen, höchsten Erleuchtung. Es ist die Manifestation absoluter Wirklichkeit. Körbe und Käfige vermögen es nicht einzufangen. Wenn du begreifst, worum es hierbei geht, gleichst du einem Drachen, der ins Wasser gelangt, oder einem Tiger auf dem Weg in die Berge. Du musst wissen, dass sich in Zazen das vollendete Dharma manifestiert und Dumpfheit und Aufgeregtheit augenblicklich von dir abfallen.1

Dogen Zenji

Im vorliegenden Buch versuche ich, die Worte Dogen Zenjis, des Gründers der japanischen Soto-Zen-Schule, zu erläutern. Ich begegnete Dogens Schriften 1968 zum ersten Mal, als ich seinen Essay »Sein-Zeit« las. Damals war ich damit beschäftigt, meine Promotion in angewandter Mathematik abzuschließen, und Dogens Beschreibungen von Raum und Zeit beeindruckten mich tief. In ihm begegnete mir ein Denker des 13. Jahrhunderts, der Konzepte beschrieb, die wir in der modernen Physik und Mathematik gerade erst zu entwickeln begannen! Kurze Zeit später hatte ich das große Glück, meine Zen-Schulung unter meinem Lehrer, Taizan Maezumi Roshi, zu beginnen, durch dessen Anleitung ich die von Dogen Zenji beschriebene Welt zu entdecken begann.

Für Dogen ist Zazen oder Zen-Meditation die Verwirklichung des Weges der Erleuchtung. Er betrachtet Zazen nicht als eine Technik, durch die man lernen kann, die Erleuchtung zu erlangen, den Geist zur Ruhe zu bringen oder den Körper zu stärken. Zazen ist der Weg der Erleuchtung. Der unmittelbarste Ausdruck des Zazen ist die Sitzmeditation, doch Zazen umfasst weit-aus mehr. Shakyamuni Buddha erklärte: »Alles, so wie es ist, ist der Weg der Erleuchtung!« Blitz, Donner und Regen sind Zazen. Zazen ist die Aufhebung der Distanz zwischen Subjekt und Objekt. Doch was ist Zazen? Was ist Erleuchtung? Was ist Verwirklichung? Ich hoffe, diese Fragen in den folgenden Kapiteln zu beantworten.

Dem Text liegen drei Workshops zugrunde, die ich am Greyston-Seminar der Zen Community of New York abhielt. Sie beschäftigten sich mit dem Herzsutra, mit dem von Ch’an-Meister Shih-t’ou His-ch’ien im 8. Jahrhundert verfassten Gedicht Die Identität von Relativem und Absolutem (Sandokai) und mit den Bodhisattva-Gelübden. Die Auseinandersetzung mit diesen drei Texten korrespondiert mit der Struktur der im 18. Jahrhundert von dem japanischen Zen-Meister Hakuin Ekaku entwickelten Koan-Schulung. Traditionellerweise findet die Koan-Schulung in der direkten Begegnung von Lehrer und Schüler von Angesicht zu Angesicht statt und erfordert weniger ein intellektuelles Verstehen als ein intuitives Erfassen des Gegenstandes. Lesen Sie diesen Text deshalb bitte, als ob wir miteinander im Gespräch wären, denn tatsächlich ist das der Fall. Durch das Herzsutra werden wir erfahren, wie Zen-Praxis uns mit allen Dingen vertraut macht und uns in den Bereich des Nicht-Denkens oder Nicht-Wissens begeben. Danach werden wir durch Die Identität von Relativem und Absolutem in Dogens Welt der Praxis-Realisation eingeführt. Abschließend werden wir unsere Einsichten durch eine Betrachtung der Bodhisattva-Gelübde oder kai (jap. »Aspekte unseres Lebens«), die das rechte Dharma bilden, erweitern.

Ich gab diese Workshops in den Anfangsjahren der Zen Community of New York. Wir hatten bereits eine starke Meditationspraxis und ein Studienprogramm etabliert und befanden uns gerade im Aufbau unserer sozialen Projekte. Vor uns lag der Umzug nach Yonkers und die Entwicklung des von buddhistischen Prinzipien inspirierten Greyston-Modells für sozialen Wandel, eine Entwicklung, die sich über fünfzehn Jahre erstrecken sollte. Bis heute ist es aktiv und voller Leben. Auch die Gründung des Zen-Peacemaker-Ordens und die Anfänge der Peacemaker-Gemeinschaft lagen noch vor mir; sie stehen Friedensstiftern aller spiritueller Traditionen offen, die sich um die Integration von spiritueller Praxis und sozialem Engagement bemühen.

Wieso veröffentliche ich nach diesen vielfältigen Aktivitäten ein Buch über das Herzsutra, das die Leerheit aller Elemente verkündet, aus denen das menschliche Sein sich zusammensetzt, und über ein Gedicht, in dem die komplexen Beziehungen zwischen der relativen und der absoluten Wirklichkeit mit akribischer Genauigkeit beschrieben werden? Aus welchem Grund sind diese Texte, neben weiteren buddhistischen Schriften, sozialem Engagement und gewaltlosem Handeln, Bestandteile der Schulung der Mitglieder des Zen-Peacemaker-Ordens?

Im Zen gibt es zwei Wege, die Wirklichkeit zu beschreiben. Der eine beschreibt sie als Einheit: Alles ist Buddha. Der zweite beschreibt die Vielfalt der Realität, den Reichtum an Phänomenen und Unterschieden. In diesen zwei Texten, dem Sandokai und dem Herzssutra, wird nicht nur hervorgehoben, dass beide Wege, die Realität zu betrachten, Gültigkeit besitzen, sondern darüber hinaus, dass sie letztendlich gleich sind. Über viele Jahrhunderte haben Zen-Meisterinnen und Zen-Meister Methoden entwickelt, die Wirklichkeit zuerst getrennt von beiden Seiten zu betrachten, um sie dann in der Gleichheit beider Perspektiven zusammenzuführen.

Je mehr ich mich in sozialen Aktivitäten engagiere, umso klarer erkenne ich, dass die Frage von Einheit und Verschiedenheit nicht nur im Zentrum der Zen-Praxis steht, sondern die zentrale Problematik des Friedensstiftens darstellt. An vielen Orten unserer Welt werden systematischer Massenmord und ethnische »Säuberungen« mit der Vorstellung gerechtfertigt, dass es nur eine gültige Lebensform, nur eine gültige Form, sich auszudrücken, nur einen gültigen Gott gibt und alles andere falsch ist. Immer wird es etwas geben, das wir aus der Einheit aller Dinge ausschließen, etwas, von dem wir nicht glauben wollen, dass es erleuchtet ist, so wie es ist. An diesem Punkt muss auf die Wichtigkeit der Prajna-Weisheit hingewiesen werden. Wenn wir die Dinge nicht mehr dualistisch wahrnehmen, werden wir ihre strahlende Lebendigkeit erkennen, so wie sie sind, in diesem Moment.

Im Zen haben wir manchmal das Problem, dass wir zwar sitzen, aber nichts tun. Über die Jahre begegne ich immer wieder Zen-Schülerinnen und Zen-Schülern, die davon überzeugt sind, dass alles Handeln in der Welt nutzlos sei, solange sie nicht erleuchtet sind; ihrer Ansicht nach handeln sie ansonsten aus der Täuschung heraus. Ich habe immer wieder mit Nachdruck dafür plädiert, dass wir handeln müssen. Wir praktizieren nicht, um erleuchtet zu werden – weil wir erleuchtet sind, praktizieren wir. Ebenso handeln wir nicht in der Welt, um sie eins werden zu lassen – weil wir alle eins sind, handeln wir! Bodhisattvas geloben nicht, bis an das Ende aller Zeiten aktiv zu sein, um Resultate zu verwirklichen und Ziele zu erreichen, die außerhalb von ihnen liegen. Weil sie prajnaparamita oder Vollendete Weisheit sind, weil sie das Wissen verkörpern, dass alles, ohne Ausnahme, miteinander verbunden ist, bemühen sie sich, alle Wesen zu retten. Je klarer wir das erkennen, umso angemessener werden wir letztendlich handeln. Uns bleibt gar keine andere Wahl.

Aus meiner Sicht dreht Zen-Praxis sich immer um den Einen Körper. Nicht allein um den Einen Körper als Entität, sondern auch um die Abermillionen unterschiedlicher Einzelheiten und Elemente, die, jedes einzeln für sich, ebenfalls der Eine Körper sind. Vom Anbeginn menschlicher Geschichte war, so glaube ich, die große Frage nicht so sehr die Suche nach oder gar die Realisation der Einheit – beide existierten von Anfang an –, sondern die der Achtung vor den spezifischen, individuellen Aspekten des Einen Körpers als Einen Körper, ohne irgendetwas oder irgendjemanden auszugrenzen, ohne vorzuschreiben, wie die Dinge zu sein haben, um als Teil des Einen Körpers gelten zu dürfen.

Unsere Entscheidungsträger werden nicht müde, daran zu erinnern, dass wir gegenwärtig in einer globalen Gesellschaft leben. In Politik, Wirtschaft und Wissenschaft tauchen jeden Tag neue Synonyme für den Einen Körper auf: Globalisierung, gemeinsame Märkte, Weltwirtschaft, Internet. Doch auch hier stellt sich die Frage: Geht die Entwicklung der Globalisierung, die ja die Einsicht beinhaltet, dass wir alle eine Einheit bilden, einher mit der Achtung vor der Vielfalt der Kulturen, Märkte, Traditionen und Bedürfnisse? Sind wir fähig, die einzelnen Elemente als den Einen Körper zu respektieren, oder respektieren wir den Einen Körper auf Kosten einzelner Elemente? Schon immer lag in dieser Frage eine große Herausforderung für die Menschheit, und sie besteht für alle Friedensstifter bis zum heutigen Tag.

Der dritte Teil des Buches stellt die Bodhisattva-Gelübde der japanischen Soto-Zen-Schule vor: Die Drei Kostbarkeiten, die Drei Reinen Gelübde und das erste der Zehn Großen Gelübde, Nicht Töten. Ich habe diese Thematik in das Buch aufgenommen, weil sich in ihr die Frage nach angemessenem Handeln stellt. Im Zen-Peacemaker-Orden haben wir die Gelübde etwas umformuliert, und im Epilog des Buches beschreibe ich einige dieser Änderungen und die Gründe, die wir dafür hatten. Die Frage nach dem richtigen und besten Handeln ist eine lebenswichtige Frage, die uns alle angeht. Indem wir uns mit ihr beschäftigen, werden wir erkennen, dass es keine einzig richtige Antwort gibt. Jede Antwort hängt von der Situation ab; sie entsteht und vergeht mit den Umständen. Letzten Endes geht es einzig und allein darum, aus der Nicht-Getrenntheit heraus zu handeln und Zeugnis abzulegen. Dabei gibt es nichts, worauf wir uns beziehen können, außer der endlosen Entfaltung des Lebens, der wir uns furchtlos und spontan zuwenden, Moment für Moment.

Bernie Glassman
Santa Barbara, Ostern 2001

TEIL I

DAS HERZ DES SUTRA DER VOLLENDETEN GROSSEN WEISHEIT

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DAS HERZ DES SUTRA DER VOLLENDETEN GROSSEN WEISHEIT

Avalokiteshvara Bodhisattva, im Tun tiefer Prajnaparamita,

Erkannte die Leerheit aller fünf Elemente

Und war vom Schmerz befreit.

Oh Shariputra, Form ist nichts anderes als Leerheit,

Leerheit nichts anderes als Form.

Form ist Leerheit,

Leerheit ist Form.

Das Gleiche gilt für Empfindung, Wahrnehmung, Reaktion und Bewusstsein.

Oh Shariputra, alle Dinge sind Ausdruck der Leerheit:

Sie entstehen nicht und vergehen nicht, sie sind nicht rein und nicht unrein, nehmen nicht zu und nicht ab.

Daher ist Leerheit nicht Form,

Noch Empfindung, Wahrnehmung, Reaktion oder Bewusstsein.

Kein Auge, kein Ohr, keine Nase, keine Zunge, kein Körper, kein Geist;

Keine Farbe, kein Klang, kein Geruch, kein Geschmack, kein Berührbares, kein Geistesobjekt;

Kein Bereich des Sehens, kein Bereich des Denkens;

Keine Unwissenheit, kein Ende der Unwissenheit;

Kein Alter und Tod, kein Ende von Alter und Tod;

Kein Leiden, keine Ursache und kein Ende des Leidens, kein Pfad;

Keine Weisheit und kein Gewinn.

Kein Gewinn – So leben Bodhisattvas Prajnaparamita

Ohne Hindernis im Geist.

Ohne Hindernis, und daher ohne Furcht.

Jenseits aller Täuschung ist bereits Nirvana.

Alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft leben Prajnaparamita

Und verwirklichen höchste, vollkommene Erleuchtung.

Wisset daher, dass Prajnaparamita das höchste Mantra ist,

Das strahlende Mantra, das unübertroffene Mantra, das unvergleichliche Mantra,

Das alle Leiden aufhebt.

Dies ist die vollkommene Wahrheit.

Das Mantra der Prajnaparamita sollte daher verkündet werden,

Verkündet dieses Mantra und lasst es erklingen:

Gate, gate, paragate, parasamgate, bodhi svaha!

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KEIN GELBER ZIEGELSTEINWEG

Das Herz des Sutra der Vollendeten Großen Weisheit Maha Prajnaparamita Hrdaya Sutra

Die Schriften zur Weisheit, oder die Prajnaparamita-Sutras, liegen in unterschiedlichen Längen vor. Es gibt Fassungen mit einhunderttausend, fünfundzwanzigtausend, achttausend, einhundert und mit fünfzig Zeilen. Ich beziehe mich in diesem Buch auf eine Fassung mit vierundzwanzig Zeilen, die das Herz (hrdaya) oder die Essenz der Prajnaparamita bildet.

Manchmal wird behauptet, es sei nicht notwendig, das Herzsutra in deutscher Übersetzung zu lesen, da die Essenz dieser Schrift über die Weisheit sich bereits erschließe, wenn die ursprüngliche Sanskrit-Fassung einfach nur rezitiert wird. Natürlich ist das Herzsutra vollkommen in der Handlung des Rezitierens enthalten, wenn wir es wirklich einfach nur rezitieren. Wenn wir so rezitieren, dass nichts anderes geschieht, wenn unsere gesammelte Aufmerksamkeit, unser ganzer Körper und Geist, sich vollkommen im Klang A konzentrieren (der ersten Silbe des Originaltextes, »Avalokiteshvara …«), dann ist das alles, was existiert: einfach nur A!, einfach nur das Ende jeder Spur einer Trennung von Subjekt und Objekt – was nichts anderes ist als unser Zazen selbst. Wenn wir mit gesammelter Aufmerksamkeit einfach nur rezitieren, gibt es keine Trennung, und diese Nicht-Getrenntheit ist shunyata, Leerheit, oder das, was ich Nicht-Wissen nenne. Dann realisiert sich die Wirklichkeit vollständigen Handelns, in der alles sich genau in diesem Moment konzentriert. Ganz und gar in diesem Moment zu sein bildet das Herz unserer Praxis – Moment für Moment. Dann ist es ganz gleich, welche Worte rezitiert werden. Wenn Sie mit ganzem Herzen A werden, ist A nicht einmal mehr A, es ist dann das gesamte Universum und umfasst alles.

So können wir auch die tiefere Bedeutung des ersten Wortes im Sanskrit-Titel des Herzsutra verstehen: maha. Der vollständige Titel lautet: Maha Prajnaparamita Hrdaya Sutra oder auf Deutsch: Das Herz des Sutra der Vollendeten Großen Weisheit. In gewisser Weise ist in diesem Titel der gesamte Text – und alle Lehren des Zen – zusammengefasst.

Maha wird meist mit »groß« übersetzt, was sowohl in einem quantitativen als auch in einem qualitativen Sinn gemeint ist – tatsächlich kommt dem Begriff jedoch ein ganz besonderer Sinn zu. Maha ist so groß, dass es kein Außen gibt. Eine Analogie aus der Mathematik mag dies verdeutlichen. Wenn man einen Kreis zeichnet, werden dadurch bestimmte Elemente ein-, andere hingegen ausgeschlossen. Auch wenn der Radius vergrößert wird, werden bestimmte Dinge weiterhin ausgeschlossen sein. In der Mathematik wird ein Kreis oder sein Umfang unter anderem dadurch definiert, dass etwas außerhalb von ihm lokalisierbar wird. Auf ein bestimmtes Objekt bezogen fragt man: »Befindet es sich innen oder außen?«

Werfen wir nun einen Blick auf uns selbst. Stellen wir uns einen Kreis vor, der für die Person steht, die ich zu sein glaube. Wenn Maha nun bedeutet, dass es kein Außen gibt, dann liegt jedes von mir bezeichnete Objekt innerhalb des Kreises, der für die Person steht, die ich zu sein glaube. Alle Dinge sind nichts anderes als ich selbst. Wut, die mir entgegengebracht wird, bin ich; sie existiert nicht außerhalb von mir. Die Bäume und der Fluss, die ich betrachte, bin ich ebenfalls; sie liegen nicht außerhalb von mir. Ich bin jede Leserin und jeder Leser dieses Buches. Ich bin selbst die Sterne und der Mond; sie sind nicht außerhalb von mir. Wenn dem so ist, dann ist jede und jeder Einzelne von uns Maha. Wenn wir alle uns innerhalb des gleichen Kreises befinden, ist alles der Eine Körper. Es gibt kein Außen – und da es kein Außen gibt, gibt es auch kein Innen. Dies ist eine der wichtigsten Lehren des Buddhismus und eine grundlegende Lehre des Zen.

Sobald man den Begriff »Außen« benutzt, ergibt sich automatisch der komplementäre Begriff »Innen« und schafft eine Begrenzung, einen Kreis. Wenn Außen jedoch nicht existiert – da der Kreis unendlich ist –, dann gibt es nicht nur kein Innen, sondern auch keinen Kreis. Was bleibt, ist einfach nur eine Sache, der Eine Körper. Dies ist die grundlegende Bedeutung von Maha.

Maha umfasst alles, nichts ist ausgeschlossen. In diesem Sinne entspricht Maha dem, was der Weg oder das Dao genannt wird. Maha, weder-Außen-noch-Innen, ist der Weg. Im Gegensatz dazu glauben manche Menschen, der Weg sei gewissermaßen ein Pfad, eine bestimmte Art zu handeln, oder eine Richtung, die man einschlägt. Doch das Dao ist alles. Jede und jeder von uns ist der Weg. Wir alle gehen den Weg.

Erinnern Sie sich an Dorothy aus Der Zauberer von Oz? Jemand schickte sie auf den gelben Ziegelsteinweg, an dessen Ende sie den Zauberer von Oz finden sollte. Diesen gelben Ziegelsteinweg gibt es jedoch nicht! Wir sind bereits auf ihm. Wo immer wir sind, befindet sich der gelbe Ziegelsteinweg. Das ist das Dao, das ist Maha. Maha bedeutet, dass es auf diesem Weg kein Innen und kein Außen gibt. Alles ist dieser Weg; wir alle sind auf dem Weg. Wohin? Er führt nirgendwo hin! Er ist der Herzschlag des Lebens in alle Richtungen.

Das zweite Wort des Titels, prajna, wird im Deutschen meist mit »Weisheit« übersetzt; der Begriff hat jedoch eine ganz besondere Bedeutung. In manchen Meditationshallen erhalten Meditierende mit einem Stock, der auch »Schwert der Weisheit« oder »Manjushris Schwert« genannt wird, während des Zazen unter Umständen einen aufmunternden Schlag auf die Schulter, um sie darin zu unterstützen, ihre Täuschungen, ihre gesamten Ideen und Vorstellungen durchzuschneiden. Prajna ist keine Weisheit, die auf Wissen oder Sammeln von Informationen beruht, und auch nicht die Einsicht allwissender Weisen, die alle Antworten parat haben. Diese Weisheit ist nicht einmal das, was wir assoziieren, wenn wir davon sprechen, den Sinn des Lebens verstehen zu wollen. Prajna ist die Weisheit der Leerheit.

Prajna ist leer, da sie keine eigenen Inhalte hat. Sie ist nichts anderes als der Ausdruck oder das Wirken Mahas, des Einen Körpers oder der Dinge, wie sie sind. Prajna ist der Ausdruck der Wirklichkeit, genau in diesem Moment, sie ist genau dieser Moment. Wenn uns heiß ist, schwitzen wir; dieser Vorgang ist Prajna. Schwitzen ist die Weisheit, Hitze zu empfinden, denn die Hitze ist der Ausdruck dieses Momentes. Wir zünden eine Kerze an, und das Licht selbst ist Prajna. Wenn wir durch den Regen laufen, werden wir nass – das ist Prajna. Wir treten in Hundekot und unser Schuh stinkt – das ist Prajna, der Ausdruck dessen, was ist.

Ein Nazi, der ein kleines Kind in die Gaskammern von Auschwitz schickt, ist ebenfalls Prajna, man darf Prajna also nicht im Sinne von richtig und falsch, gut und böse verstehen. Manjushris Schwert, das Schwert der Weisheit, durchschneidet alle Dualismen und enthüllt die Dinge, wie sie sind. Der Ausdruck dieses Zustandes ist Prajna. Er ist so umfassend, dass wir meist nicht erkennen, wenn wir ihn erfahren. Prajna sind die Klänge, die wir hören, der Regen, das Sonnenlicht, der Duft der Blumen, das Flugzeug über unserem Kopf – in direktem Erleben, nicht von uns getrennt. Wenn unsere Vorstellungen oder Konzepte abfallen, fällt auch die Trennung zwischen uns und dem, was ist, und es ist das Wirken dieser Nicht-Getrenntheit, die wir als Prajna bezeichnen. Da Prajna der Ausdruck Mahas ist und Maha nichts anderes ist als wir, ist Prajna das Wirken, der Ausdruck dessen, was wir sind, und wir sind nichts anderes als Prajna.

Die erste Hälfte des Herzsutra handelt von Prajna. Die zweite Hälfte beschäftigt sich mit dem Wirken der Bodhisattvas, die Prajna realisieren. Prajna drückt sich in uns allen aus, Bodhisattvas jedoch erkennen und realisieren sie. Bald werden wir sehen, dass auch wir Bodhisattvas sind.

Das nächste Wort des Titels ist paramita, das meist mit »Vollkommenheit« oder »Vollendung« übersetzt wird. Wörtlich bedeutet Param jedoch »das andere Ufer erreichen«. Paramita ist das Perfekt und bezeichnet »das, was das andere Ufer erreicht hat«. – Wir sind also schon da. Wissen Sie, wo das andere Ufer liegt? Manchmal wird es Nirvana genannt. Am anderen Ufer zu sein bedeutet demnach, dass Nirvana bereits verwirklicht ist. Paramita zeigt uns, dass wir bereits dort angekommen sind, wo wir der Eine Körper sind. Anstatt davon auszugehen, dass wir uns vom Zustand der Täuschung zum Zustand der Erleuchtung entwickeln, weist Paramita darauf hin, dass wir bereits dort sind. Hier ist das andere Ufer. Hier ist die Erleuchtung.

Im Buddhismus werden sechs Paramitas gelehrt, von denen nur eine Prajna-Paramita ist. Das Herzsutra bezeichnet Prajna nun als das Fahrzeug, das uns dahin bringt, wo wir bereits sind – genau hier! Doch wenn alles nichts anderes als der Eine Körper ist, wie kann es dann überhaupt ein anderes Ufer geben? Könnten wir das wirklich erkennen, bedürften wir Manjushris Schwert nicht, um die Täuschung des Dualismus zu durchschneiden. Wir brauchen es jedoch! Obwohl kein anderes Ufer existiert, ist uns das weder bewusst, noch können wir es akzeptieren. Fortwährend befinden wir uns auf der Suche nach diesem anderen Ufer, nach irgendetwas außerhalb von uns selbst, in der Hoffnung, einen wunderbaren Ort zu erreichen. Wir weigern uns, anzuerkennen, dass dieser Ort genau hier bereits existiert.

Wir gehen nicht an das andere Ufer; das andere Ufer kommt zu uns. Etwas geschieht, und wir erwachen zu der Realisation, dass das Ufer sich direkt unter unseren Füßen befindet. Genau dieser Körper ist Buddha, und alle Klänge dieser Welt – alles, so wie es geschieht – sind Buddhas Lehren.

Im Zen findet alles immer in der Gegenwart statt. Es gibt keine Zukunft, keine Vergangenheit – alles geschieht jetzt. Es gibt keinen Ort, an den wir gehen, nichts, das wir erreichen könnten, alles ist schon da, alles ist der Eine Körper. Weil wir bereits da sind, haben wir schon das Ende des Pfades erreicht und stehen zugleich an seinem Anfang. Wir praktizieren nicht, um erleuchtet zu werden, wir praktizieren nicht, um etwas zu realisieren – wir praktizieren, weil wir erleuchtet sind. Wir essen nicht, um zu leben – weil wir leben, essen wir. Normalerweise glauben wir, dass es genau umgekehrt sei: Wir essen und atmen, um am Leben zu sein oder zu bleiben. Aber nein, weil wir leben, atmen wir, essen wir, handeln wir.

Wenn wir annehmen, wir praktizierten, um den Weg zu realisieren, begreifen wir nicht, worum es geht, denn dann gehen wir davon aus, dass wir durch Praxis etwas erreichen werden, zum Beispiel die Erleuchtung. Nach der gleichen Logik denken wir, dass wir am Leben bleiben, weil wir atmen, als ob das Atmen unser Lebendigsein verursachen würde. Nein, beides findet gleichzeitig statt. Beides steht in keinem linearen Verhältnis, Ursache und Wirkung sind eins.

Üblicherweise neigen wir dazu, das Leben aus einer linearen Perspektive zu betrachten: Wir tun etwas, und dieses Tun bedingt später etwas anderes. In Wirklichkeit geschieht alles jedoch genau in diesem Moment. Es scheint eine lineare Abfolge zu geben, aber sie ist nicht real. Es ist wie bei einem Film: Wir nehmen ein fortlaufendes Geschehen wahr, obwohl es aus separaten, einzelnen Bildern zusammengesetzt ist. Wirklichkeit – alles – ist hier, genau jetzt. Das Bewusstsein suggeriert uns, dass das, was in diesem Moment geschieht, den nächsten Moment hervorbringt. In gewisser Weise stimmt das auch, aber diese Sicht der Dinge ist trotzdem irreführend. Beides, was jetzt geschieht und was später geschieht, ist bereits da, genau in diesem Moment.

Sobald wir zu atmen aufhören, werden wir selbstverständlich nicht mehr lange leben. Da Atmen die elementarste Funktion des Lebens ist, können wir nicht nicht atmen. Atmen verursacht jedoch das Leben nicht, sondern ist unteilbar mit ihm verbunden. Atmen ist Leben. Es kann so wenig vom Leben getrennt werden wie die Nässe vom Wasser. Die Einheit von Ursache und Wirkung ist genau diese absolute Unteilbarkeit.

Dogen Zenji sagt im Genjokoan, dass Feuerholz nicht zu Asche wird. In unserer linearen Sichtweise gehen wir davon aus, dass Feuerholz sich im Vorgang des Verbrennens in Asche verwandelt. Diese Verwandlung gibt es jedoch nicht! Feuerholz ist Feuerholz und hat die Funktion, Feuerholz zu sein; Asche ist Asche und hat die Funktion, Asche zu sein. Atmen ist Leben, Leben ist Atmen; beide sind nicht als Ursache und Wirkung miteinander verknüpft. So wie Feuerholz sich nicht in Asche verwandelt, so verwandelt Leben sich nicht in Tod. Leben ist Leben und drückt sich vollständig als Leben aus. Tod ist Tod und drückt sich vollständig als Tod aus.

Die Behauptung, dass es keine Verwandlung gibt, folgt aus der Tatsache, dass alles der Eine Körper ist. Es bedeutet jedoch nicht, dass die Dinge sich nicht wandeln. Shakyamuni Buddha lehrte, dass alles Wandel ist. Genau dases