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Ursula Wagner

Die Kunst des

Alleinseins

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GEWIDMET

Meiner Mutter und in liebevoller Erinnerung meinem Vater († 2002)

Theseus im Internet: www.Theseus-Verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Print 978-3-89901-454-9

ISBN E-Book 978-3-95883-227-5

Originalausgabe

Copyright © 2005 Theseus in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

Die Verwertung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld, www.mbedesign.de unter Verwendung eines Fotos © martinbuber / photocase.com Autorenfoto: © Mani Bakhshpour

Lektorat: Ursula Richard

Typografik & Design – Ingeburg Zoschke

E-Book Gesamtherstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt a. M.

Inhalt

Dank

Vorwort

Einführung: Mein Alleinsein, erste Spuren

Ich erinnere mich …

Symbole des geglückten Alleinseins

Die Kunst, die Herausforderungen des Alleinseins anzunehmen

Wozu bin ich allein?

Was das Alleinsein uns gibt

Alleinsein – Sinnfindung und Sinngebung

Warum bin ich allein?

Der Blick nach innen – Vom Umgang mit Selbstzweifeln

Alleinsein beenden – Was macht den Beziehungswunsch heutzutage so schwierig?

Wie der Körper das Alleinsein lernt

Der Körper als Quelle des Glücks

Mit allen Sinnen leben – die Kunst im Alleinsein

Sexuelle Enthaltsamkeit: Mangel oder Chance?

Die Kunst, das All-Eins-Sein im Alleinsein zu finden

Wie die Seele lernt, glücklich allein zu sein

Kreativität. Das Universum im Inneren

Alleinsein in den spirituellen Traditionen

Allein in der Natur: Selbsterkenntnis und Liebe zur Welt

Der spirituelle Weg: Heilung des Alleinseins oder Flucht vor dem Leben?

Die Kunst, durch die dunklen Zeiten des Alleinseins zu gehen

Warum fühle ich mich einsam? Psychologische Einsamkeitsforschung

Mit der Einsamkeit leben – aber wie?

Notwendige Einsamkeit: Übergang zu einer neuen Lebensphase

Alleinsein nach einem gescheiterten Lebensentwurf: Habe ich versagt?

Alleinsein nach dem Tod von geliebten Menschen

Die Kunst, die Sehnsucht nach Zweisamkeit zu verstehen und bei sich anzukommen

Sehnsucht verstehen – Die Kraft der Sehnsucht

Gibt es einen Seelenpartner? Oder: Haben wir einen Arche-Noah-Komplex?

Von der Sehnsucht des Verliebtseins

Allein sein können oder allein sein müssen?

Exkurs für stolze Frauen: Die verborgene Seite der stolzen Frau

Das Alleinsein »sein-lassen« können

Die Sehnsucht annehmen – die Flucht vor dem Alleinsein aufgeben

Anhang

Entspannungsmethoden

Die Übungen im Überblick

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Adressen

Über die Autorin

Dank

Ich möchte allen Personen sehr herzlich danken, ohne deren Unterstützung, Wissen und Hilfe dieses Buch nicht hätte entstehen können.

Zuallererst danke ich den Lektorinnen Ursula Richard und Heike Neumann für die Ermutigung zum Schreiben und ihre hilfreichen Anregungen bei der Umsetzung dieses Projektes.

Marianne Henry danke ich sehr für Transkription und Korrekturarbeiten.

Den Schwestern des Karmelitinnen-Ordens in Berlin möchte ich besonders für den Ort der Stille danken, den sie für Gäste bereitstellen und teilen.

Meinen Interviewpartnern verdanke ich fachliche Beiträge und persönliche Geschichten zum Thema Alleinsein, die mir sehr wichtig waren.

Herzlich bedanken möchte ich mich bei der Psychoanalytikerin, Prof. Dr. Eva Jaeggi, der Psychoanalytikerin Esther Staewen-Schenkel und der Psychotherapeutin Erdmuthe Kunath sowie den Meditationslehrerinnen Sylvia Wetzel, Joan Halifax Roshi und dem Benediktinermönch Anselm Grün, mit denen ich sehr inspirierende Gespräche führen konnte.

Sofern es sich um persönliche Geschichten handelt, habe ich die Namen und biografischen Umstände der Interviewpartnerinnen und -partner auf Wunsch so weit verändert, dass man keine Rückschlüsse auf ihre Namen ziehen kann, ihre Geschichten jedoch lebendig geblieben sind. Ich danke allen für ihre Offenheit und Bereitschaft, über das Thema Alleinsein und Einsamkeit mit mir zu sprechen.

Aus meinem persönlichen Umfeld standen mir in der Entstehungszeit mit hilfreichen Gesprächen zur Seite: Birgit Bauer, Gloria Brandt, Imke Fiedler, Monika Löhlein-Heidt, Gertrud Mayr, Brigitte Stresemann, Dorothee Wagner und Thomas Zimmermann. Danke auch an den Mittwochskreis, solange er bestanden hat.

Mein besonderer Dank geht an Guido für inspirierenden Austausch und tatkräftige Unterstützung im Endspurt sowie für den Beginn eines wundervollen neuen Kapitels …

Ursula Wagner

Vorwort

Als ich begann, ein Buch über das Alleinsein zu schreiben, war ich vor allem neugierig darauf, das Alleinsein in seinen vielfältigen Facetten zu erforschen und zu beschreiben. Ganz unterschiedlich hatte ich selbst bis dahin das Alleinsein erlebt: von den ersehnten Momenten der Ruhe und inneren Einkehr im Kloster bis zur Enttäuschung über Phasen des ungewollten Alleinseins als Single.

Mehr und mehr entdeckte ich im Verlauf der Zeit die Qualitäten des Alleinseins: die Möglichkeit, sich seiner selbst bewusst zu werden, sich im Leben auszuprobieren, die spirituelle Dimension des Seins zu berühren und bei sich selbst anzukommen. Dazu will Sie auch dieses Buch einladen: anzukommen bei sich selbst, ganz gleich, ob Sie sich im Familienalltag nur jeweils kurze Auszeiten genehmigen können oder als Single längere Zeit allein leben und diese Zeit sinnvoll nutzen möchten.

In den vier Teilen des Buches werden die unterschiedlichen Aspekte des Alleinseins dargestellt. Die »weltliche« Dimension des Single-Lebens und wie man damit umgehen kann werden ebenso untersucht wie die Möglichkeit, spirituelle Erkenntnis durch das Alleinsein zu finden.

Sie können jeweils einfach mit den Kapiteln beginnen, die Ihnen spontan zusagen. Viele Interviewpartner, Frauen und Männer, sowie Experten aus der Psychologie und spirituelle Lehrerinnen und Lehrer haben zu diesem Buch beigetragen.

Neben diesen Anregungen und Geschichten finden Sie in jedem Kapitel Übungen und Meditationen, die Sie in Ihrem Alltag ausprobieren können.

Sie können die Übungen und Meditationen auch unabhängig von der im Buch angegebenen Reihenfolge ausführen. Sofern eine andere Übung zur Grundlage nötig ist, wird darauf jeweils verwiesen. Im Anhang finden Sie eine Übersicht sämtlicher Übungen und Meditationen.

Wenn Sie das Buch immer wieder einmal zur Hand nehmen und unterschiedliche Übungen oder Meditationen machen, kann es sinnvoll sein, Ihre Aufzeichnungen dazu in einem Notizbuch oder Ihrem Tagebuch zu sammeln.

Gerne möchte ich Sie dazu inspirieren, die Kunst des Alleinseins zu üben, denn sie ist nach meiner Erfahrung die Voraussetzung für wirkliches Glück.

Für Ihren Lebensweg – allein und mit anderen – wünsche ich Ihnen von Herzen alles Gute.

Einführung: Mein Alleinsein, erste Spuren

Ich erinnere mich …

Ich bin sechs Jahre alt und werde eingeschult. In einer Aula, die mir aus der Perspektive des kleinen Mädchens riesig erscheint, sitze ich neben meiner Mutter. Der Raum ist gefüllt von dem aufgeregten Geschnatter und Gelächter der anderen Kinder mit ihren Eltern. Die Geräuschkulisse überschwemmt mich. In der unüberschaubaren Masse von Kindern und Erwachsenen fühle ich mich verloren. Wenigstens gibt es da noch die Hand meiner Mutter, in die ich meine kleine Kinderhand ängstlich vergrabe.

Und dann kommt der Moment, in dem wir Erstklässler aufgefordert werden, zu den neuen Klassenlehrerinnen nach vorn zu gehen. Name für Name wird aufgerufen, jetzt kommt meiner, jetzt soll ich nach vorne gehen, allein, die Hand der Mutter loslassen … ich habe so viel Angst! Und ich fühle mich so allein! Mit meinen zittrigen kleinen Beinen und mit Tränen in den Augen gehe ich nach vorn ins Ungewisse.

Alleinsein, das heißt loslassen von dem, was Halt, Sicherheit und Schutz gibt, Aufbrechen ins Unbekannte.

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Ich bin vielleicht zehn oder elf Jahre alt und atme die kühle Weihrauchluft der Kapelle in meinem Heimatort ein. Es ist ein winziger Raum, bestückt mit nur drei kleinen Bänken vor einem Marienaltar, auf dem Opferkerzen und Weihrauch brennen. Drei Treppenstufen führen hinunter in das grottenartige Gewölbe, diesen Ort der Stille, mitten im Stadtkern der niedersächsischen Kleinstadt, in der ich aufwachse. Es ist Hochsommer, draußen ist es stickig heiß und laut. Hier drinnen aber ist es kühl und still. Ich sitze hier, so oft ich kann, ein zartes, junges Mädchen, das auf die Stille lauscht und noch nicht weiß, noch nicht sagen könnte, was es hier sucht – und findet.

Alleinsein, das ist Stille. Stille, die eine Verbindung herstellt mit dem tiefsten, dem unausgesprochenen Wesensgrund, den ich mein Leben lang suchen und erforschen werde.

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Ich wache an einem Sonntagmorgen auf, eine Frau Mitte dreißig. Meine Hand fährt über die leere Seite meines Doppelbetts. Ich bin allein an diesem Sonntagmorgen, wieder allein, und meine Gedanken machen mich traurig. Warum ist niemand bei mir? Warum habe ich niemanden, mit dem ich mein Leben teile, jemanden zum Reden, Lachen, Anfassen? Warum muss ich so viel allein sein? Die Gedanken hallen bitter in meinem Kopf wider.

Alleinsein, das ist Einsamkeit und sie tut weh. Meine Wahrnehmung reduziert sich auf meinen persönlichen Schmerz. Das Herz verkrampft sich, die Gedanken drehen sich im Kreis.

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Ich sitze auf dem Lieblingsplatz in meiner Wohnung, auf dem Sofa, neben dem breiten Fenster zur Dachterrasse. Der Blick schweift ungehindert frei über den Horizont, weit über die Dächer Berlins. Der Abendhimmel bietet mir sein erstaunliches Farbschauspiel, gelb, orange, violett. Ich sitze nur und schaue. Es gibt nichts zu tun, außer hier zu sitzen, in dieser erfüllten Stille, allein. Ich muss keine Kinder versorgen, keinen Mann bekochen, keine materiellen Ängste ausstehen, ich bin gesund.

Und ich bin dankbar, so dankbar hier angekommen zu sein, dass es mir Tränen in die Augen treibt.

Alleinsein, das ist ein Privileg. Allein zu sein und so glücklich sein zu können, das ist eine wundervolle Blüte des Lebens.

Übung.

Spurensuche meines Alleinseins

Nehmen Sie sich Zeit, am besten spontan, wenn Sie »in Stimmung« sind, und gehen Sie auf die Spurensuche Ihres eigenen Alleinseins.

Schreiben Sie Ihre Erinnerungen, Gedanken und Gefühle auf oder malen Sie ein Bild mit Wasserfarben oder Wachsmalkreiden. Je unzensierter und spontaner, desto besser.

Achten Sie dabei auch auf Ihren Körper – wo spüren Sie das Alleinsein jeweils? Im Brustkorb, im Bauch, im Kopf? Welche Körperempfindungen sind es? Wärme, Kälte? Ein Ziehen, Brennen, ein Druck oder ein Klopfen?

Symbole des geglückten Alleinseins

Als ich persönlich begann, mich mit dem Alleinsein zu beschäftigen, war es mir wichtig mit Menschen zu sprechen, denen das Alleinsein zu glücken schien. Und ebenso wichtig wurden mir Symbole, die dieses glückliche Alleinsein verkörperten.

Ich fand zwei Bilder, die mich in dieser Hinsicht besonders beeindruckten.

Eines ist ein Foto aus der Natur. Darauf sieht man einen Baum, der an einem Felsen wächst, mitten in der Steinwüste von Utah, und seine Gestalt gegen den blauen Himmel streckt.

Geschichte.

Der blühende Baum am Felsen

Kühn möchte man ihn nennen, diesen allein stehenden Baum. Wie er seine vom Wind knorrig gewordenen, gewundenen Äste weit dem blauen Himmel entgegenstreckt und dabei am Abgrund des Felsens balanciert. Seine Wurzeln sind nicht zu sehen, nur zu ahnen, sie müssen irgendwo in den Spalten des rötlichen Felsens stecken. Wo ist wohl die Erde, die diese Wurzeln hält? Der Baum ist in diesen Felsen hineinverwoben und balanciert an der Felskante wie ein Hochseilartist. Auf den zweiten Blick erkennt man, wenn man den Blick von der kühnen Silhouette des Vordergrundes in den Hintergrund des Fotos schweifen lässt, dass es noch andere Bäume in dieser kargen Felslandschaft gibt. Es scheint ein Netzwerk von Baum-Freunden zu geben, die mit dem Fels verbunden sind und sich genau die wenige Erde teilen, die sie zum Überleben brauchen. Wind und Sonne wechseln im Lauf der Tages- und Jahreszeiten ab und spenden Wasser, Licht und Schatten. Eichhörnchen klettern auf den Ästen umher, fressen die Früchte des Baumes und hinterlassen auf dem Boden die Samen, so dass der Baum sich fortpflanzen kann. Hin und wieder kommt ein einsamer Wanderer mit einem schweren Rucksack und einigen Wasserflaschen vorbei, um in dieser kargen Landschaft sein Zelt aufzuschlagen. Und der Baum mag sich denken: Kühn, diese Menschen in dieser Landschaft – so allein.

Übung.

Fels in der Brandung und blühender Baum – Symbole des Alleinseins

Welches Symbol aus der Natur verkörpert für Sie die Stärke des Alleinseins?

Suchen Sie sich ein solches Bild, vielleicht aus einem Kalender oder einer Postkarte und hängen Sie es so auf oder stellen Sie es so hin, dass Sie es immer wieder einmal betrachten können.

Wie ähnlich oder verbunden fühlen Sie sich diesem Symbol der Stärke?

Oder: Wie verschieden, wie getrennt sind Sie von dem Symbol der Stärke?

Das zweite Bild zeigt eine buddhistische Statue, eine weibliche Buddha-Gestalt, mit dem Namen Kuan-Yin. Dieses Foto sah ich zum ersten Mal als Titelbild auf einer Zeitschrift zu dem Thema: »Körper und Geist in Einklang«.1 Und genau diesen Einklang mit sich selbst verkörpert diese Buddha-Statue auch für mich.2

Geschichte.

Betrachtung der weiblichen Buddha-Figur Kuan-Yin

Wie sie da sitzt, völlig in sich ruhend und zugleich so, als könnte sie im selben Moment voller Energie aufspringen, erkennt man auf den ersten Blick: Sie muss eine Königin sein, wenn nicht gar eine Göttin! Ja, sie ist ein Buddha in weiblicher Gestalt. Man sieht es an ihrem überirdisch schönen Lächeln, dem edlen, figurumspielenden Gewand aus Seide mit eingewirkten Goldfäden. Man erkennt es an ihrem hohen Haarschmuck, an den kostbaren langen Ohrringen und den Armreifen. Gelassen sitzt sie auf einem Thron, der ganz auf der Erde steht und dessen Kostbarkeit doch himmlisch anmutet. Ein Bein hat sie aufgestellt, ihr rechter Arm stützt sich auf das angewinkelte Knie. Anmutig und vollkommen entspannt hängt ihre rechte Hand mit den langen Fingern über ihrem Unterschenkel. In dieser Haltung könnte Sie gleich aufstehen, ja aufspringen und tausend Taten vollbringen oder für immer sitzen bleiben und nichts tun. Ihr Gesichtsausdruck ist ruhig, gütig und ein klein wenig belustigt. So, als freue sie sich am Leben und vielleicht auch an ihren vielen Betrachtern, die täglich in das Museum zu ihr kommen, um vor ihrer Schönheit und Anmut staunend zu verweilen. Manche Besucher setzen sich vor sie hin, nur um sie eine Zeit lang zu betrachten. Denn man ist gerne in ihrer Nähe – für einen Augenblick, für eine Stunde, für die Ewigkeit.

Kuan Yin ist, wer sie ist. Man fragt sich bei ihrer Betrachtung nicht, wo ihr Mann ist, ob sie Kinder hat oder noch welche bekommen möchte. Oder ob sie Karriere gemacht hat oder noch machen möchte.

Vor Kuan Yins perfektem Alleinsein wird tatsächlich ALLES-EINS. Zumindest wird es für kurze Zeit der Betrachter mit der Statue, vor dessen Ruhe er in Anbetung verfällt, auch wenn er nicht weiß, wer sie ist.

Meditation.

Klarheit, Kühnheit, Klugheit3Wer verkörpert für mich die Kraft des Alleinseins?

Wenn Sie an die Begriffe Klarheit, Kühnheit, Klugheit denken, welche Person fällt Ihnen dazu ein?

(Es kann sich um eine Person aus dem realen Leben oder aus der Literatur oder Geschichte handeln.)

Welche »Botschaft« würde Ihnen diese Figur mit auf den Weg geben, die für Sie persönlich wesentlich und hilfreich wäre?

Die Kunst, die Herausforderungen des Alleinseins anzunehmen

Der erste Teil dieser Reise durch das Alleinsein untersucht das Alleinsein im Alltag. Wie gelingt der Umgang mit dem Alleinsein und warum sind in unserer Gesellschaft so viele Menschen allein? Eine Frage, die vermutlich viele langjährige Singles kennen, ist der Gedanke: Warum bin ich allein? Stimmt etwas nicht mit mir? Die weniger bekannte Frage ist die nach dem »Wozu« des Alleinseins. Was wird mir durch das Alleinsein möglich? Was kann ich tun, gerade weil ich allein bin und lebe? Wozu will ich Zeiten des Alleinseins nutzen?

Wozu bin ich allein?

Alleinsein bedeutet für Menschen ganz Unterschiedliches. Manche assoziieren damit ausschließlich den Begriff Einsamkeit, andere wiederum kennen das Alleinsein als Voraussetzung für Ausgeglichenheit und Zufriedenheit in ihrem Leben. Zeit mit sich allein – Alleinzeit – das ist nichts, das man möglichst schnell hinter sich bringen sollte wie die Überquerung eines Berges bei schlechtem Wetter. Tägliche Oasen des Alleinseins sind unerlässlich, um in einem Alltag von Beziehungen, Familie, Arbeit und anderen Aktivitäten nicht im Strudel der Eindrücke und Anforderungen unterzugehen. Und Alleinsein als Lebensphase kann ein Abschnitt des Lebensweges sein, der viele reiche Erfahrungen mit sich bringt.

Wir haben alle ein intuitives Wissen darüber, dass Alleinsein wertvoll und wichtig für uns ist. Warum vermeiden so viele Menschen es dennoch, eine Zeit lang allein zu sein oder sogar allein zu leben? Vielleicht liegt es daran, dass Zeiten des Alleinseins auch Angst hervorrufen. Es ist eine tiefe, existentiell menschliche Angst, die beklommen danach fragt: »Bin ich allein und verlassen?« Eine Antwort auf die Frage, wozu wir allein sein sollen, liegt genau darin begründet, sich dieser Angst zu stellen. Die Sufi-Lehrerin Annette Kaisern drückt es folgendermaßen aus: »Jeder Mensch hat in sich ein Empfinden für das Ganzsein, für das Heilsein, für ungetrennte Liebe, für das Eine. Wir tragen Es alle im Herzen. Wir werden in diese Welt hineingeboren und erleben an irgendeinem Punkt eine Spaltung, weil diese Welt der Erscheinung auf dem dualen Prinzip basiert. Das ist sehr oft der Punkt, an dem wir uns nicht mehr geliebt fühlen, verstoßen, nicht akzeptiert … Es ist eine Art Kernspaltung. Wie wir auf diese ›Kernspaltung‹ reagieren und auch die Spaltung selbst müssen uns bewusst werden.«4 In Phasen des Alleinseins können wir zweierlei erleben, erstens, dass wir diese »Kernspaltung«, diesen tiefsten Punkt des Alleinseins, erleben können und den Schmerz darüber überleben, und zweitens, dass wir in der Konfrontation mit diesem existentiellen Alleinsein erst unsere wahre Stärke finden.

Wozu sollten wir uns dem Alleinsein stellen? Weil Alleinsein uns in unserem Alltag in jedem Fall begleiten wird. Es gibt einen inneren Raum in uns, der sich nicht mit Medien, Beziehungen oder Arbeit verdecken lässt. Eine kleine, innere, nagende Stimme sagt: »Hör mich, ich bin dein Alleinsein.« Damit Sie hören können, was diese innere Stimme Ihnen darüber hinaus sagen möchte, müssen Sie in Ihrem Alltag hin und wieder innehalten. Das können Sie zu festgelegten Zeiten tun, etwa in einer stillen Minute am Morgen, nach Beendigung Ihres Arbeitstages, um zu Hause anzukommen, oder auch immer einmal wieder in Ihrem Alltag, indem Sie innerlich STOPP sagen. Die folgende kleine Übung zur Achtsamkeit schlägt Jessica Wilker5 vor:

Übung.

Achtsam für Gefühle werden

Halten Sie einen Moment inne und versuchen Sie dann wahrzunehmen, was Sie in diesem Moment fühlen. Verwenden Sie zur Benennung Ihres Gefühles einmal nicht die geläufigen Formulierungen wie zum Beispiel: »Ich bin traurig« oder »ich fühle mich müde«, sondern versuchen Sie einmal, Ihr Gefühl auf folgende Weise auszudrücken: »Da ist Trauer« oder »da ist Müdigkeit«. Dadurch können Sie Ihre Gefühle mit etwas mehr Abstand und klarer wahrnehmen.

Sobald Sie Ihre innere Verfassung benannt haben, beenden Sie diese kleine Übung schon.

Wiederholen Sie diese Übung dafür mehrmals im Laufe des Tages. Wählen Sie dafür zunächst Momente, in denen Sie Zeit und Ruhe haben. Zusammengefasst lautet die Übung der Achtsamkeit einfach:

Innehalten – Gefühl wahrnehmen – Gefühl benennen – Übung beenden.

Durch die Übung der Achtsamkeit für Gefühle können Sie Momente des Alleinseins herbeiführen, um sich Ihrer selbst mehr bewusst zu werden. Dies ist eine gute Basis, um kleine Oasen des Alleinseins mehr und mehr auch genießen zu können.

Auf längere Phasen des Alleinseins sind allerdings die Wenigsten von uns wirklich vorbereitet.

Für manche Menschen kommt das Alleinsein auf Samtpfoten, für andere dagegen als Schock. Vera, die mit 45 Jahren plötzlich Witwe wurde, sagt: »Alleinsein, das war für mich in den ersten Monaten nur ein schwarzes Loch.«

Ganz anders ging es Natascha, die drei Jahre allein lebte, bevor sie auf einer Party völlig ungeplant ihren heutigen Mann traf. Sie erinnert sich, dass sie dachte: »Schade, dass meine Zeit des Alleinseins schon vorbei ist.«

Auch die Qualität des Alleinseins kann sehr unterschiedlich erlebt werden. Das Ende einer Beziehung des 40-jährigen Thomas zog sich über mehrere Jahre hin. Einsamkeit erlebte er bereits in der Beziehung, und das tatsächliche Alleinleben war dann wie ein Aufatmen. Der 42-jährige Martin wählte das Alleinsein bewusst als Lebensform, nachdem eine Beziehung zu Ende gegangen war, »damit ich zu mir komme«. Auch für Sylvia, eine Schriftstellerin, ist ihr derzeitiges Single-Dasein eine frei gewählte Lebensform. Sie sieht diesen Lebensabschnitt als vorübergehend an und genießt den freien Raum für ihre Arbeit.

Um die positiven Seiten des Alleinseins annehmen zu können, muss man im Alleinsein ankommen und Abschied nehmen vom Mythos der Gleichung allein = einsam = unglücklich, zu zweit = nicht mehr allein = glücklich.

Beruf und Partnerschaft sind in der westlichen Kultur zwar die wichtigsten »Stützräder« unseres Selbstbewusstseins und Selbstwertes. Doch diese vermeintliche Sicherheit ist trügerisch. Wer einmal eine Zeit ungewollt allein gelebt hat, arbeitslos geworden ist oder gar beides, der muss seinen Selbstwert sehr viel mehr aus eigener Kraft schöpfen. Er muss die Kraft aufbringen, gegen den Wind der Ansprüche und der Erwartungen von außen auf seinem eigenen Weg zu bleiben. Allein zu leben, so könnte man auch sagen, ist das reinste Bodybuilding für den Selbstwertmuskel!

Allein etwas zu tun, in die Welt zu gehen, stärkt uns. Und das nicht nur als Kinder, sondern auch als Erwachsene. Wussten wir, dass wir uns gut mit Händen und Füßen am marokkanischen Taxistand verständigen können, bevor wir es nicht erlebt haben?

Wer hat uns immer eingeredet, dass wir »zu wenig selbstbewusst« seien und uns »nicht gut durchsetzen« könnten? Während der Dienstreise allein im Ausland kommen wir plötzlich mit lauter Fremden ins Gespräch und schaffen es auch, unserem Wunsch nach einem warmen, nicht lauwarmen Essen angemessen Ausdruck zu verschaffen.

Wer plötzlich auf sich allein gestellt ist, entdeckt oft Kräfte, die er vorher nicht an sich wahrnehmen konnte.

Übung & Meditation.

Das Stärkeninventar

Wenn Sie sich gerade in einer Phase des Alleinlebens befinden oder sich an eine solche Zeit zurückerinnern können, stellen Sie bitte jetzt einmal spontan eine Liste auf mit Eigenschaften, die Sie gerade in dieser Phase des Alleinseins besonders stark erlebt haben. Konzentrieren Sie sich einmal nur auf die positiven Eigenschaften und Stärken, die Sie in dieser Zeit entwickeln konnten.

Ihre Liste könnte zum Beispiel folgende Punkte beinhalten:

auf Menschen aktiv zugehen

unerschrocken sein, sich nicht hinter anderen verstecken

meine Finanzen regeln

mich selbst verwöhnen können

Gedichte schreiben

Um Ihre Stärken zu würdigen und weiter wachsen zu lassen, können Sie sich in einer kleinen abschließenden Meditation Ihre Stärken wie Samenkörner vorstellen, die Sie in einem Blumenbeet oder Blumenkasten einpflanzen und dann wachsen sehen. Dazu können Sie sich einfach an einen ruhigen Platz bequem hinsetzen, Ihre Augen schließen und das Bild der Samenkörner und des Wachsens vor Ihrem inneren Auge sehen.

Wie Sie mit einer einfachen Atemmeditation die Übungen mit inneren Bildern unterstützen können, lesen Sie im folgenden Abschnitt in der kurzen Einführung zur Meditation.

Meditation.

Eine kurze Einführung

Setzen Sie sich nun an einen ruhigen Ort und folgen Sie einige Atemzüge lang Ihrem Atem.

Achten Sie besonders auf die Atempausen und warten Sie, bis Sie spontan wieder ein- oder ausatmen.

Beenden Sie die Atemmeditation nach einigen Minuten, bevor Sie sich »anstrengen« müssen, Ihre Aufmerksamkeit zu halten.

Für die Übungen in diesem Buch reicht es, Meditation in ihrer Grundform zu verstehen, nämlich einfach als unsere natürliche Fähigkeit, aufmerksam zu sein. Meditation ist die Kunst, diese natürliche Aufmerksamkeit bewusst zu üben und zu bündeln.

Man kann die Aufmerksamkeit auf verschiedene Objekte ausrichten, zum Beispiel auf den Atem, auf eine Kerzenflamme, ein Bild oder auf Mantras und auch auf Gebete. Der Atem empfiehlt sich aus mehrerlei Hinsicht als Meditationsobjekt. Einmal ist er immer bei uns – wir können ihn also nicht verfehlen oder verpassen. Zweitens verbindet uns der Atem ganz tief mit unserem Lebensprozess: Einatmen und Ausatmen ist das Leben. Das Ende des Atmens bedeutet auch das Ende des Lebens.

Tatsächlich verbindet uns der Atem auch ganz besonders mit unserem Alleinsein. Atmen Sie einmal spontan ein – bemerken Sie die kleine Pause am Ende des Einatmens – und lassen Sie den Atem wieder ausfließen – bemerken Sie die kleine Pause am Ende des Ausatmens.

Wenn man völlig ausgeatmet hat, spürt man eine gewisse Leere in sich. Der Autor John Selby meint in seinem Buch Die Kunst, allein zu sein6, dass genau diese Leere am Ende des Ausatmens uns mit unserem innersten Wesen verbindet, das stets allein ist.

Dem Atem zu folgen und den natürlichen Drang des Einatmens wieder zu spüren kann in uns das Vertrauen wachsen lassen, dass alles von allein und gut geschieht. Eine weitere Atemmeditation finden Sie im Anhang auf der Seite 263.

Viele Menschen, egal ob sie bisher gar nicht, wenig oder viel meditiert haben, finden es schwierig, sich aus ihrem geschäftigen Alltagsleben herauszulösen, um sich einfach hinzusetzen und ruhig zu werden.

Für die Meditationen und Übungen dieses Buches möchte ich Ihnen deshalb zwei Entspannungs- und Konzentrationsübungen empfehlen, die im Anhang auf den Seiten 262 f. vorgestellt werden. Sie können Ihnen helfen, zur Ruhe zu kommen. Beherrschen Sie selbst schon eine Entspannungsmethode, dann führen Sie diese durch. Wenn es Ihnen zur Entspannung hilft, können Sie auch vor oder während der Übungen in diesem Buch sanfte Musik im Hintergrund laufen lassen.

Was das Alleinsein uns gibt

»Glücklich, wer allein sein kann«, sagt der berühmte Glücksforscher Mihaly Czikszentmihalyi.7

Eine Kunst ist es, gut allein sein zu können, so wie es eine Kunst ist, in Beziehungen zu leben. Manchmal wird das »Wozu« des Alleinseins erst im Rückblick auf das eigene Leben wirklich deutlich. So erlebte es die 40-jährige Ulrike, die mit Mitte dreißig fünf Jahre allein lebte und nicht sehr glücklich in dieser Zeit war. Sie sagt: »Ich hatte viel Sehnsucht nach einer Beziehung, doch jetzt, wo ich verheiratet bin und sogar noch ein Kind bekommen habe, kann ich erst schätzen, was ich am Alleinsein gehabt habe.«

Geschichte.

Ulrike: Rückblick auf mein Alleinsein

»Mein Weg in eine längere Phase des Alleinseins war unspektakulär, wie bei so vielen Frauen zwischen 30 und 40. Aus einer Beziehung Anfang 30 ging ich einvernehmlich heraus, das Ende war undramatisch. Ich dachte zunächst auch nicht daran, absichtlich lange allein zu bleiben. Ich spürte kein Bedürfnis dazu. Im Gegenteil, nach einer kurzen Zeit der Trauer, war ich bereit, mich wieder zu binden, so dachte ich jedenfalls. Doch das Leben lief anders als erwartet, und ich blieb mehrere Jahre allein. Irgendwie kam ich mir zwischendurch so vor, als hätte ich einen Zug verpasst, und in der Hoffnung, dass in zwei Stunden der nächste Zug fährt, blieb ich halt so auf dem Bahnsteig allein stehen. Doch dann musste ich erkennen, so schnell fährt hier kein Zug mehr. In meinem Alter ist es schwieriger, wieder einen Lebenspartner zu finden. So musste ich mich dem Alleinsein stellen, mich ihm zuwenden. Oft tat ich es widerwillig, lehnte mich auf, beschwerte mich über das ungerechte Schicksal, das mich ungewollt allein auf dem Lebensweg zurückgelassen hatte. Dann gab es auch wieder andere Phasen. Ich begann in dieser Zeit, mich für Meditation zu interessieren, und ich erlebte diese Meditationszeiten wie eine Oase, eine Voraussetzung für spirituelle Vertiefung und für Balance in meinem Leben. Das ungewollte Alleinsein in meinem Alltag dagegen fühlte sich an wie ein Bremsklotz auf der Fahrt ins Glück.

Nachdem sich ein weiterer Beziehungsversuch sehr schnell zerschlagen hatte, sagte ich mir: ›Nun mache ich was draus, dass ich allein bin.‹ Und dann begann ich, einen großen Lebenstraum von mir in Angriff zu nehmen, nämlich einmal drei Monate in Südamerika zu leben. Schließlich musste ich niemanden um Erlaubnis fragen oder mit jemandem verhandeln, dem es sicherlich nicht recht gewesen wäre, dass ich so allein eine solche Unternehmung in Angriff nehme. Endlich war es so weit, ich konnte über ein Projekt zwei Monate im Land arbeiten und dann noch einen Monat lang den gesamten Kontinent bereisen. Das war eine der intensivsten Lebenserfahrungen, die ich je gemacht habe, und ich fühlte mich reich beschenkt von dieser Reise. Danach richtete ich mich wieder zufriedener in meinem Leben ein. Ich bekam eine neue Arbeitsstelle und lernte so auch neue Leute kennen. Einige Zeit nach meinem 38sten Geburtstag hatte ich mich von der Idee, eine Familie zu gründen, weitgehend verabschiedet. Und dann lernte ich meinen späteren Mann kennen. Mit einem Mal ging alles sehr schnell. Mit ihm hatte ich tatsächlich einen idealen Gefährten gefunden. Uns verband die Liebe zu Südamerika, unser Interesse an Meditation und viele andere Dinge. Obwohl wir uns natürlich in unserer Beziehung auch zurechtruckeln mussten, habe ich es doch als relativ leicht empfunden, vom Alleinsein wieder in eine Beziehung zu gehen. Anderthalb Jahre später haben wir geheiratet, und ich wurde schwanger. Inzwischen hat sich mein Leben also völlig verändert. Ich lebe in einer Familie, etwas, das ich noch zwei Jahre vorher für unmöglich gehalten hätte. Ich bin glücklich in dieser neuen Situation, obwohl sie mir auch vieles abverlangt. Rückblickend auf meine Zeit des Alleinseins denke ich manchmal: ›Hätte ich doch diese Phase mehr genossen.‹ Denn wenn das Alleinsein erst einmal vorbei ist, dann erst kann man oder konnte ich zumindest erst richtig würdigen, was das Alleinsein mir gegeben hat.«

Die Geschichte von Ulrike beschreibt ein Phänomen, das nur zu menschlich ist. Wir können weniger schätzen, was wir haben, und wir vermissen, was wir nicht haben. Doch das muss nicht so sein. Die folgende Übung lädt Sie ein, sich dem Stellenwert des Alleinseins in Ihrem Leben einmal kreativ zu nähern.

Übung.

Die Landkarte meiner Beziehungen und meines Alleinseins

Nehmen Sie sich einen Zeichenblock und Malstifte, die Ihnen gefallen (dicke Buntstifte, Filzschreiber oder Pastellkreide) sowie einen Schreibstift.

Malen Sie über das gesamte Blatt den Umriss einer Landkarte. Das kann eine Insel, ein Kontinent oder ein anderer beliebiger Ausschnitt sein. Dieses Stück Land symbolisiert Ihr Leben bzw. Ihre Lebenslandkarte.8

Auf dieser Landkarte Ihres Lebens zeichnen Sie nun im Folgenden alle Ereignisse, Lebensabschnitte und eventuell auch Personen ein, die in Bezug zu Ihren Beziehungen und Ihrem Alleinsein stehen. Übersetzen Sie diese Ereignisse, Seelenzustände oder beteiligten Personen in die Sprache der Landkarte und zeichnen Sie sie entsprechend als Städte, Berge, Täler, Flüsse, Straßenverbindungen samt Umleitungen usw. ein.

Eventuell kann es helfen, wenn Sie sich zunächst eine Liste der Elemente aufschreiben, die Sie einzeichnen möchten, um diese dann in die Sprache der Landkarte zu übersetzen.

Anbei einige Beispiele, was man in die Landkarte einzeichnen kann:

den »Fluss der Einsamkeit«, mit der »Fähre« zur Insel »Nimmerwiedersehen«

das »tiefe Tal der Tränen«, das zum »Berg der Erkenntnis« führt

die Autobahn »A4«, für vier Jahre des Alleinseins, die an einem Örtchen namens »Beziehungsdramenhausen« vorbeiführt

die ehemalige Hauptstadt »Große Liebe« (heute nur noch eine Geisterstadt)

die »Oase – Alleinsein« inmitten der Metropole »Familiencity« oder

die »Wüste Gobi des Alleinseins«, umgeben vom »Fluss der Leidenschaft« (der leider zurzeit kein Wasser führt)

der Ort »Virtual Reality« mit dem Stadtteil »Single-Chatroom« und der Europa-Autobahn »E7«, die zur Stadt »Nirgendwo« führt

Je bildreicher und kreativer Sie bei der Übung vorgehen, umso mehr Spaß macht es!

Lassen Sie Ihr Bild schließlich auf sich wirken und betrachten Sie es so oft, wie Sie mögen, fügen Sie eventuell auch noch weitere Elemente ein.

Welche Vorteile Alleinsein hat

Wer längere Zeit ungewollt allein ist, verliert leicht die Perspektive dafür, welche Vorteile das Alleinsein mit sich bringt.

Denn es stimmt tatsächlich, dass das Alleinleben vieles ermöglicht. Menschen, die in Partnerschaften oder Familien leben, können das besonders gut sehen, weil ihnen selbst diese Freiheiten abgehen. Dazu gehören der ganz eigene Lebensrhythmus, den Alleinlebende an niemanden anpassen müssen, und Marotten, die sie ungehemmt ausleben können, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Es ist das Ausschlafen am Morgen, weil keine kleinen Kinder quengeln, und der im Bett verbrachte Sonntag mit Krimi und einer Tafel Schokolade.

Doch genauso wie das Single-Leben nicht grenzenlose Freiheit bedeutet, genauso wenig hat man im Paarleben ein Abonnement auf dauerhaftes Glück. Jeder, der einmal in einer längeren Beziehung gelebt hat, weiß das. Manchmal vergessen wir nach einiger Zeit des Alleinseins wieder, wie mühsam und anstrengend auch das Leben zu zweit sein kann.

Für unsere seelische Gesundheit gilt die Faustregel, dass man besser allein bleibt, als zu zweit einsam zu sein.

Bettina, heute 42 Jahre alt, sagt über eine insgesamt achtjährige Beziehung, die sie von Mitte zwanzig bis Anfang dreißig mit einem wesentlich älteren Mann geführt hat: »Nach den letzten fünf Jahren Kampf und Krampf war ich total fertig. Ich war niemand mehr, nichts. Ich traute mir nichts mehr zu, fühlte mich überhaupt nicht mehr liebenswert.«

Alleinsein ermöglicht manchmal erst, dass man sich aus einer Sackgasse des Lebens herausbewegt. Vera, eine 39-jährige Frau, lebte über zehn Jahre mit ihrer Lebensgefährtin zusammen. Rückblickend meint sie heute, »dass die Beziehung uns beide immer mehr erstickte«. Während die Freundin immer passiver und lebensuntüchtiger wurde, übernahm Vera in ungesunder Weise die gesamte Verantwortung für das Leben beider. »Am Ende unserer Beziehung regelte ich alles für meine Freundin, vor allem die finanziellen Dinge. Ich dachte ständig darüber nach, was wohl passieren würde, wenn ich nicht mehr da wäre, zum Beispiel durch einen Unfall. Ich war 35 und beschäftigte mich oft mit meinem eigenen Tod und was ich vorher zu regeln hätte. Dann verliebte sich meine Freundin plötzlich neu. Die Trennung war eine völlige Befreiung für mich. Danach verliebte auch ich mich wieder und heute lebe ich in einer ganz anderen, ausgeglichenen Beziehung. Ich frage mich rückblickend oft, warum ich es so lange in dieser anderen Partnerschaft ausgehalten habe?«

Oft werden Beziehungen aus so genannten »unbewussten Vereinbarungen« heraus eingegangen.9 Ein Partner springt für die Defizite des anderen ein oder verschließt die Augen davor. Das Ergebnis ist eine Stagnation für beide, die manchmal sogar zu Krankheit und Sucht eines Partners oder beider führt. Auf jeden Fall können die eigenen Stärken untergehen. Erst wenn die Beziehung endet, wird auch der Raum frei, die vorher ungelebten Fähigkeiten wieder zu leben und zu stärken.

Silke, eine Frau Mitte dreißig, die sich nach einer schmerzhaften Scheidung erst sehr einsam fühlte, ergreift schließlich die Gelegenheit, wieder aktiv Musik zu machen so wie vor ihrer Ehe. Sie schließt sich einem Orchester an. Im Laufe der Zeit fühlt sie sich weniger einsam, ist wieder inspiriert und erfüllter. Das Alleinsein hat ihr die Möglichkeit eröffnet, eine verlassene Lebensspur wieder aufzunehmen.

Thomas ergreift mit Anfang vierzig nach dem Ende einer anstrengenden Beziehung zu einer sehr passiven Frau die Initiative und startet allein eine Rucksack-Reise durch die USA. Schon viele Jahre war eine solche Reise sein Lebenstraum, doch während seiner Beziehung hat er nicht gewagt, diesen Traum umzusetzen. Nach der Reise hat er so viel Mut geschöpft, dass er auch eine lange überfällige Änderung in seinem Berufsleben vornimmt.

Phasen des Alleinseins sind für viele Menschen im Rückblick eine sehr ausgefüllte Zeit. Pia, die bis zu ihrem 30. Lebensjahr viel allein gelebt hat, sagt: »In den Zeiten, in denen ich ohne Partner war, habe ich so viele Dinge unternommen wie sonst nie in meinem Leben. Ich bin drei Monate durch Asien gereist, habe ein Praktikum in New York gemacht und mich ganz in meinem Beruf engagiert.«

Für Annette, die nach einer längeren Beziehung mit Mitte dreißig wieder allein lebte, führte die Zeit des Alleinseins zu einer Phase des »aktiven Rückzugs«, wie sie es nennt. »Mein Leben«, sagt sie rückblickend, »war durch den Beruf meines Partners so dominiert, dass ich kaum eigene Pläne machen konnte. Alles ging nach seinem Terminkalender. Erst nach der Trennung nahm ich mir die Zeit, Yoga zu lernen und regelmäßig an Wochenendkursen teilzunehmen. Diese konzentrierte Zeit ohne hektische Aktivitäten habe ich total genossen.«

Eine Trennung, die in eine Phase des Alleinseins mündet, kann zu einer Zeit des Aufbruchs nach außen oder innen werden. Allerdings heißt dies oft, sich zunächst dem Schmerz des Alleinseins zu stellen. In den meisten Fällen bringt uns die Zeit des Alleinseins ein »Geschenk«, für dessen Wert wir manchmal die Augen erst öffnen müssen.

Eine Möglichkeit, sich der Frage zu nähern, was Ihnen das Alleinsein gibt, ist das so genannte Lebenspanorama. Mit dieser Übung verschaffen Sie sich einen Überblick über Ihre Lebensthemen, Lebensphasen und Lebenszeiten. Manchmal wird erst im Überblick der Entwicklung über die Jahre deutlich, wozu Phasen des Alleinseins dienen können. (Ein Lebenspanorama mit dem Thema der ungewollten Kinderlosigkeit finden Sie auf Seite 199.)

Übung.

Bilanz ziehen mit dem Lebenspanorama

Für die Übung brauchen Sie einige Blatt Papier sowie eventuell Ihre Notiz-Kalender der letzten Jahre, wenn Sie diese noch zur Verfügung haben.

Ich schlage Ihnen zunächst vor, sich drei Lebensabschnitte bewusst zu machen. Sie können dann mit der Zeit so weit in Ihre Vergangenheit zurückgehen, wie es für Sie spannend ist.

Zunächst aber sollten die Gegenwart, die letzten zehn Jahre der Vergangenheit und die nächsten fünf Jahre der Zukunft der Rahmen dieser Übung sein.

Legen Sie die Blätter im Querformat nebeneinander hin (Sie brauchen genügend Platz für die Themen und Jahreszahlen).

Das linke Blatt soll die letzten zehn Jahre Ihrer Vergangenheit beinhalten. Das mittlere Blatt die Gegenwart, das rechte Blatt die kommenden fünf Jahre der Zukunft. Beschriften Sie jedes Blatt am oberen Rand mit den jeweiligen Jahreszahlen und Ihrem Alter zu der Zeit. Im Blatt der Gegenwart gibt es nur eine Jahreszahl.

Jetzt sammeln Sie Ihre wichtigsten Lebensbereiche oder Lebensthemen und schreiben Sie sie in Spalten mit etwas Abstand zueinander am linken Rand jedes Blattes herunter. Zu wichtigen Lebensbereichen oder Lebensthemen gehören zum Beispiel: Beruf, Wohnsituation, Partnerschaft, Freundschaften, Fortbildungen, Kinder/-wunsch, Gesundheit, Finanzen, Hobbys, spirituelle Praxis, soziales oder ehrenamtliches Engagement und was immer Ihnen sonst wichtig ist.

Benutzen Sie für alle drei Blätter die gleichen Lebensthemen und schreiben Sie sie im gleichen Abstand auf, damit die Blätter gut vergleichbar sind.

Eine Spalte wie Studium oder Ausbildung ist dann eventuell nur auf einem Blatt ausgefüllt.

Füllen Sie nun die Spalten/Zeilen zu den Lebensthemen in jedem Blatt mit kurzen Kommentaren aus und beginnen Sie in der Gegenwart. Notieren Sie bei den Lebensthemen auch, wenn etwas beginnt oder endet, zum Beispiel »Studium begonnen/beendet«, »Arbeitgeber gewechselt«. Oder notieren Sie, wenn eine wichtige Lebensentscheidung vom Jahr davor noch in diesen Fünfjahreszeitraum hineinreicht, zum Beispiel »Scheidung im Vorjahr, immer noch viel Stress«. Schreiben Sie pro Lebensthema (Querspalte) auf, was Ihnen einfällt, oder konsultieren Sie für wichtige Eckdaten Ihre alten Kalender.

Für das Zukunftsblatt haben Sie natürlich nur Ihre Vorstellungskraft. Da Sie auch fünf (oder auch zehn Jahre) zurückschauen, was halten Sie dann in fünf Jahren für möglich? Wie werden Sie leben, mit wem und von welchem Beruf? Was wäre, wenn Sie nichts verändern?

Wenn Sie mögen, dann unterstreichen Sie jetzt noch jede Zeile, also jedes Lebensthema im Verlauf der Zeit mit einer Linie in einer bestimmten Farbe. Sie können auch die Qualität des Lebensthemas in die Linie aufnehmen, zum Beispiel Zickzack für schwierige Perioden oder Wellenlinien für angenehme Zeiten.

Legen Sie nun die drei Lebensabschnitte nebeneinander, so dass die Beschreibungen mit den farbigen Lebenslinien nebeneinander liegen. Lassen Sie das Bild und die Erkenntnisse dazu auf sich wirken.

Einige Leitfragen können Ihnen bei der Auswertung helfen.

Mit Blick auf Ihre gegenwärtige Lebenssituation und Ihre Vergangenheit:

Welche Lebensthemen habe ich bisher reichlich ausgeschöpft (zum Beispiel berufliche Karriere, Familie, Freizeit, Reisen, Fortbildungen, Therapie- und Selbsterfahrung, spirituelle Entwicklung etc.)?

Welche Lebensthemen sind chronisch »notleidend« (Symptome dafür sind zum Beispiel ständige Probleme in einem Bereich oder Gefühle von Stagnation und Resignation)?

Wie steht es derzeit um meine materielle Basis, d.h. Finanzen und körperliche Gesundheit? Gibt es etwas, das ich in diesem Bereich tun kann oder muss?

Angenommen, Alleinsein wäre überhaupt kein Problemthema mehr für mich und ich hätte alle Unterstützung, die ich mir wünsche, was würde ich gern in meiner freien Zeit tun? Welche Themen in meinem Freundeskreis oder in der Gesellschaft warten auf meinen Beitrag?

Wenn das Ende meines Alleinlebens ein wichtiges Lebensthema für mich ist und bleibt, welche konkreten Schritte habe ich in der Vergangenheit schon unternommen, es zu beenden? Welche konkreten Schritte werde ich ab morgen dafür unternehmen? (Zum Beispiel sich nach Partnerschaftsinstituten erkundigen, eine Annonce aufgeben, eine Freizeitaktivität beginnen, um unter Menschen zu kommen, Beratungsstunden nehmen, um möglichen Ursachen meiner Partnerlosigkeit auf die Spur zu kommen.)

Alleinsein – Sinnfindung und Sinngebung

Wozu bin ich allein? Auf diese Frage gibt es viele individuelle Antworten. Um ganz ich selbst zu sein und zu werden. Um Fähigkeiten auszubilden, die in einer Partnerschaft verkümmert sind. Um einfach einmal zur Ruhe zu kommen oder um Selbstliebe und Akzeptanz zu lernen, unabhängig davon, ob es da jemand anderen gibt, der mir das immer wieder bestätigen muss.

Man selbst zu werden nennt die Psychologin und Autorin Ursula Nuber als wichtigste Voraussetzung für ein gelassenes Lebensgefühl. Sie erzählt die Geschichte von Rabbi Sussja: »Rabbi Sussja erklärt seinen Schülern: ›Eines Tages wird Gott mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen? Er wird mich fragen: Warum bist du nicht Rabbi Sussja gewesen?‹«10

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