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Die niederländische Originalausgabe Oneindig afscheid – ouder worden in het licht van het Tibetaans boeddhisme ist erschienen bei Uitgeverij Altamira-Becht, Haarlem 2004

Übersetzung aus dem Niederländischen: Marianne Holberg

Arnaud Maitland
Leben ohne Bedauern

Lektorat:

Jutta Fethke / Susanne Klein

Coverdesign:

Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld, mbedesign.de

Covermotiv:

Haupttempel des Odyian Retreat Center, Ron Spohn

Innenteil/Satz:

Wilfried Klei

Druck & Verarbeitung:

Westermann Druck Zwickau

© Theseus in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld 2016

ISBN Printausgabe: 978-3-95883-159-9

1. Auflage 2017

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Arnaud Maitland

mit Caroline van Tuyll van Seeroskerken

Leben ohne Bedauern

Älterwerden und Tod im Licht des
tibetischen Buddhismus

Mit einem Vorwort von
Tarthang Tulku Rinpoche

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Aus dem Niederländischen
von Marianne Holberg

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Für meine Mutter, meinen Vater
und meine drei Brüder

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Handelnd will ich „lesen“; was soll dagegen das Lesen von Worten nützen? Wie könnte dem Kranken das bloße Lesen der Heilkunst helfen?

Shantideva1

Dank und Vorbemerkung

Vorwort von Tarthang Tulku

Einleitung

Der tibetische Buddhismus

Zur Blüte kommen

Intelligenz und Energie

Quelle der Weisheit

Es ist nie zu spät

1 Wertvolles menschliches Leben

Wahrhaftig leben

Wertschätzung

Vergänglichkeit

Karma

Unnötiges Leiden

Freiheit

2 Der Geist ist der Kapitän des Schiffs

Reiner Geist, unreiner Geist

Intelligenz und Gefühl

Geistestrubel

Erkenntnis des Bewusstseins

Vertrauen bedeutet glauben

Die elf positiven mentalen Ereignisse

3 Wir sind der, für den wir uns halten

Der Kreis der Gedanken

Die Tyrannei des Ich

Gedankenstrom

Wo ist das Ich?

4 Kontinuität ohne Anfang

Abrunden

Alles geht zu Ende

Abhängiges Entstehen

Sicherheit in Unsicherheit

Wie wir atmen, so werden wir

Der subtile Atem

Die Grundlage des Mitgefühls

5 Der Verlust der Erinnerung

„Gedächtnis“ ist nicht mehr zeitgemäß

Meditation und Gehirn

Übertragung von Wissen

Die Gegenwart erinnern

Achtsamkeit

Zeit und Bewusstsein miteinander verbinden

Die Zeit bleibt stehen

Der Zeitkorridor

6 Der blaue Vogel

Dharma im Alter

Selbsterkenntnis

Licht werden

Zuflucht nehmen

Die drei Juwelen

7 Ein Hauch Entspannung

Die Vier Edlen Wahrheiten

Unruhe ist Leiden

Drei Arten von Leiden

Spannung – eine neue Art zu sein

Eine Frage der Energie

Widerstand

Alles wird lebendig

Unvollendete Vergangenheit

8 Meister des Lebens

Meisterschaft

Eine Frage der Wahrnehmung

Der Edle Achtfache Pfad

In allem das Rechte

9 Liebe in der Klemme

Die Alzheimerkrankheit

Liebe ist Freundschaft

Schuldgefühl

Sein, nicht Tun

Das Herz öffnen

Die Ursachen des Glücks

10 Tätiges Mitgefühl

Im Abseits

Verlust der Würde

Liebe in Aktion

Lebensweisheit

Ursachen des Leidens

Wie eine Mutter für ihr Kind

Was wirkt?

Zum Nutzen anderer

11 Harmonie und Gleichgewicht

Der destruktive Alzheimerprozess

Die Diagnose

Das Alter

In guten und in schlechten Zeiten

Verantwortung

Freude

Gleichmut

Die vier unermesslichen Qualitäten

Harmonischer Kreis

12 Mutterseelenallein

Geborgenheit

Spiritualität im täglichen Leben

Jetzt ist die Zeit

Begreifen, erfühlen und verarbeiten

Ein Meer des Bewusstseins

Gehirnforschung

Visualisierung

13 Weder hier noch dort

Bardo

Angst

Stille und Raum

14 Spiegel

Hilferufe

Urteile

Das Lebensrad

Die sechs Daseinsbereiche

Erkenntnis der Freiheit

Tonglen

15 Der Tod kommt nie gelegen

Verpasste Gelegenheit

Sterben als Höhepunkt

Abschied

Sterbeprozess

Den Geist reinigen

Auf den Tod vorbereiten

Verzeihen

16 Was geboren ist, wird sterben

Das Tibetische Totenbuch

Der Nutzen des Leidens

Es ist nie zu spät

17 Abschied vom Ich

Die sechs Paramitas

Erste Paramita: Freigebigkeit

Zweite Paramita: Disziplin

Dritte Paramita: Geduld

Vierte Paramita: Einsatz

Fünfte Paramita: Konzentration

Sechste Paramita: Weisheit

Tathagata-garbha

Anmerkungen

Über den Autor

Index

Dank und Vorbemerkung

Mein Dank gilt Tarthang Tulku Rinpoche. Durch ihn hörte ich meine innere Berufung und erhielt eine Struktur für meine Entwicklung, um mich selbst und andere zu führen.

Für die unvollständige oder unrichtige Wiedergabe des tibetischen Buddhismus trage ich als Einziger die Verantwortung.

Er und sie

Im theoretischen Teil des Textes wurden abwechselnd das männliche und das weibliche Pronomen gewählt – mit einer kleinen Präferenz für das weibliche.

Vorwort

Unzählige Menschen kommen auf die Welt, doch zeigt sich das erstaunliche Mysterium des Seins darin, dass nur die Wenigsten vollends verstehen können, wie wir zur Geburt gelangen, wie wir immer wieder von Neuem erscheinen und wohin genau uns unsere Reise führt. Denn viele scheinen das Mysterium unseres Eintretens in diese Welt nicht einmal zu bemerken, sodass sich für sie daraus vielleicht gar keine Fragen ergeben oder sie diese Fragen gar nicht für relevant erachten.

Wie eine Kerze, die im Winde flackert, ist jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit ein Ausdruck des Seins und zugleich ein Teil unendlich vieler Arten, das Sein anzunehmen. Von der Natur aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt sind wir die Manifestation unterschiedlicher Formen und Gestalten, und es scheint, als sei ein bestimmter Charakter unweigerlich und unwiderlegbar der Ausdruck unseres Seins. Doch wer wir in Wahrheit sind und wie es kommt, dass wir überhaupt erschienen sind, das vermögen wir auch weiterhin nicht zu verstehen. Bisher ist es uns weder mit mikroskopischen noch mit makroskopischen Methoden, weder auf intellektueller noch auf experimenteller Ebene gelungen, hier ein wirklich überzeugendes Verständnis zu erreichen.

Auf sämtlichen fruchtbaren Feldern der menschlichen Erkenntnis, von der Religion über die Philosophie bis hin zu den modernen Wissenschaften, wurde im Laufe der Geschichte immer wieder versucht, eine schlüssige Antwort auf die Frage nach unserer Existenz zu finden, sei es in Form der Artikulation ihres letztendlichen Zwecks, sei es durch die Erforschung der hinter ihrer Erscheinung stehenden Kausalität. Solche Versuche mögen zwar überzeugende Aussichten bieten, verharren aber in den Grenzen des gewöhnlichen begrifflichen Denkens: also des Denkens als Versuch, „Sinn“ zu erzeugen, das heißt, ein Produkt hervorzubringen, dessen letztendlicher Zweck darin besteht, vom Denken selbst konsumiert zu werden. Wie leicht wir doch vergessen, dass wir selbst die Architekten unserer Bestimmung sind! Zufrieden mit unseren klugen Antworten und ausgefeilten Theorien, wenn nicht gar von ihnen fasziniert, sehen wir nicht, dass hinter den unserem Denken zugrundeliegenden Strukturen die essenzielle Natur unseres Wesens ein Mysterium bleibt.

Wie viele Milliarden unserer Vorfahren sind uns vorausgegangen auf der Reise, die sich auf diesem Planeten vollzieht, der in der buddhistischen Tradition Jambudvipa genannt wird? Und doch stehen wir heute, im 21. Jahrhundert, immer noch gerade erst am Anfang mit unserem Verständnis jenes dynamischen Wechselspiels zwischen unzähligen Dimensionen, die in einem empfindenden Wesen miteinander zusammenhängen, jener wundersamen Verschmelzung von Geist, Körper und Seele. Mehr denn je ist die moderne Wissenschaft bestrebt, die biochemischen Prozesse des Bewusstseins von Körper und Geist und die kausale Beziehung von Denken und Gefühlsleben zu verstehen. An einem subtileren, jedoch existenziell notwendigen Bewusstsein aber fehlt es erstaunlicherweise, und zwar dem Bewusstsein, dass unsere Lebensweise als Ganzes innerhalb der materiellen Umwelt, in der wir leben, ein aus vielen verschiedenen Phänomenen zusammengesetzter Prozess und selbst wiederum ein Produkt von Geist, Körper und der Wechselwirkung zwischen ihnen ist.

Wenn wir diese Dialektik vergessen, die in der buddhistischen Tradition als Prinzip des Karma erklärt wird, blenden wir bei unserer Suche die wahrhaft transformierende und erhebende Erkenntnis dessen aus, worin die eigentliche Bedeutung unseres Menschseins besteht. Dann scheint unser Streben dazu verdammt, sich fortwährend und zunehmend in dem sich selbst strukturierenden Gehege des Geistes im Kreise zu drehen.

Wenn wir erkennen, dass uns das Geheimnis des eigenen fragilen individuellen Seinskontinuums trotz unseres aufrichtigen Bemühens um Verständnis verborgen bleibt, fühlen wir uns erst recht außerstande, die Bestimmung auf der großen Reise des menschlichen Seins zu ergründen. Überblicken wir die Spanne unserer Existenz von der Geburt über das Leben bis hin zum Sterben, so stellen wir vielleicht fest, dass uns die Frage nach dem absoluten Anfang unseres Anfangs mit tiefster Wissbegierde erfüllt; und es ist vielleicht ganz natürlich, dass wir uns dann fragen, ob es überhaupt jemals ein wirkliches und endgültiges Ende unseres Endes gibt. Die Frage nach dem eigenen Ursprung lässt uns die kosmologische Perspektive einnehmen, die das scheinbar unendliche Kontinuum hinter dem oder in dem Erscheinungsbild all der empfindenden Wesen, die diesen Kosmos bevölkern, in Betracht zieht. Überwältigt von dem enormen Ausmaß dieser Makro- und Mikroebenen in der Erforschung unseres Seins ziehen wir uns dann vielleicht in das behaglichere Reich des Unmittelbaren und Bekannten zurück. Doch auch wenn wir die Möglichkeit einer theoretischen Herleitung, die unseren Zustand tatsächlich widerspiegelt, bezweifeln mögen, können wir doch früher oder später die unmittelbar offensichtliche empirische Wahrheit nicht mehr bestreiten, dass es hinter jeder Erscheinung ein „Woher“ und ein „Wohin“ gibt, eine Form von Elternschaft und Vermächtnis. Jenseits der Bedingtheit zivilisatorischer, kultureller und persönlicher Glaubenssysteme reflektiert und repräsentiert jedes einzelne Leben etwas in der Tat sehr Kostbares.

Doch worin besteht dieses unaussprechlich kostbare, fühlbare, aber nicht sichtbare Etwas, das wir repräsentieren? Sind wir es uns nicht schuldig, in der geringen Zeitspanne, die unsere Verkörperung währt, in der also dieser Körper, dieser Geist und diese Seele in jenem einzigartigen Ausdruck unserer selbst vereint sind, das Wesen unseres Seins zu entdecken und, tiefer noch, herauszufinden, was das Wohlbefinden unseres Seins in Wahrheit bedeutet? Zwar mögen manche Antworten nicht leicht zu finden sein, doch diese Fragen sind sehr wichtig, sowohl für unseren Geist als auch für unser Herz, und letzten Endes ist dies beides doch alles, was wir sind oder haben. Und so kann es wohl, solange diese Lebenskraft, diese Sinne und diese Elemente noch nicht zerfallen, keine Untersuchung geben, die unseren Einsatz mehr verdienen würde.

Da die Zeit, die wir zum Erlangen solcher Erkenntnis haben, begrenzt ist, erscheint die Notwendigkeit dazu umso zwingender; denn die Zeit, die uns bleibt, um das Geschenk unseres Lebens im Lichte einer solchen authentischen Erkenntnis zu leben, ist sogar noch kürzer. Körper, Geist, Seele und selbst die Erkenntnis werden sich bald in Bestandteile auflösen, von denen wir nicht wissen, welche Gestalt und Richtung ihnen bestimmt ist, deshalb lässt sich schwer sagen, wann uns ein solches glückliches Zusammenströmen noch einmal begegnen wird – eine Geburt als Mensch, bei der es möglich ist, eine tiefe, staunende Dankbarkeit dafür zu erwecken, am Leben zu sein, und die dieses Leben wahrhaftig kostbar macht.

Zwar scheinen alle Wesen sich im tiefsten Innern nach Wohlbefinden zu sehnen, doch trennt uns heutzutage die alles beherrschende Skepsis zunehmend von allem, was das Wohlbefinden bejaht und fördert. Wo selbst der Sinn an allen Fronten durch neue nihilistisch orientierte, kritische Einstellungen zu Erkenntnis attackiert wird, könnten sogar unsere kostbarsten Werte infrage gestellt werden. Das Ergebnis dieses gnadenlosen Vordringens von Sinnlosigkeit ist, dass Herz und Geist auseinandergerissen und miteinander in Konflikt gebracht werden. Da der Zweifel seinerseits zunehmend als herrschende Währung der Erkenntnis gefeiert wird, kommt es womöglich noch so weit, dass man unsere allumfassende Skepsis für Intelligenz hält, sodass am Ende gar die Ungewissheit zum endgültigen Maßstab und Schicksal der Erkenntnis wird. Wenn dieser Verlauf unverändert anhält, könnte es leicht geschehen, dass die Erkenntnis sich selbst zugrunde richtet, indem sie die Fähigkeit und sogar die Berechtigung verliert, den Interessen des menschlichen Glücks zu dienen.

Obwohl schon über zweitausendfünfhundert Jahre vergangen sind, seit Herz und Geist der Lebewesen vom Lichte der Erkenntnis, das der Buddha brachte, erhellt wurden, taugt dieses Licht bis heute als nützlicher Wegweiser bei unserer Suche nach den tiefsten, dauerhaftesten Quellen des Wohlbefindens. Würden wir so leben, wie der Buddha uns alle miteinander so freimütig zu leben einlädt, dann würden wir uns seine Worte zu Herzen nehmen. Dann wären wir freundlich nicht nur zu anderen, sondern auch zu uns selbst und würden nicht nur andere leiten, sondern auch uns selbst. Gestärkt durch die Absicht, uns selbst zum Wohle aller Wesen freundlich zum wahren Wohlbefinden zu führen, würden wir uns Schritt für Schritt der Verwirklichung eines dauerhaften inneren Friedens annähern, den sich doch jedes Lebewesen im tiefsten Innern wünscht. Dann würden wir mit der Gabe der heilenden Weisheit des Buddha womöglich feststellen, dass unsere Gedanken freundlicher und entgegenkommender geworden sind, sodass wir nach und nach wieder Vertrauen fassen könnten zu unserem eigenen Geist. Ist dieses innere Vertrauen erst einmal wieder da, so werden selbst alltägliche Gedanken und Absichten uns zuverlässig zu den Quellen einer sich stetig vertiefenden, nichtkonzeptuellen Erfahrung des Wohlbefindens führen.

Wollten wir diese uralte Tradition der Erkenntnis und der Weisheit als anachronistisch abtun, so spräche dies lediglich für einen sehr beschränkten Blick auf die gewaltige Zeitspanne, über die sich die Reise des Menschen erstreckt. Etwa zweitausendfünfhundert Jahre, das mag uns sehr fern vorkommen; im Kontext der größeren Erzählung unserer menschlichen Reise auf dem Jambudvipa aber ist es noch gar nicht lange her, dass der Buddha erschienen ist und gezeigt hat, dass die letztendliche Bestimmung jedes empfindenden Wesens die Möglichkeit zur Erleuchtung ist. Dass in unserer Welt gegenwärtig nur so wenige Beispiele für Erleuchtung existieren, nährt freilich unsere Zweifel und macht uns umso anfälliger für die Annahme, dass es eine Erkenntnis, die zu vollkommener Erweckung führt, nicht geben kann.

Doch schon ein kurzer Blick auf die Geschichte des Dharma offenbart Hunderte und Aberhunderte erweckter Wesen und Bodhisattvas, die in unserer Welt erschienen sind und die auch weiterhin den langen Weg zur universellen Erweckung der Erkenntnis beleuchten werden. So ist beispielsweise der erleuchtete Meister Padmasambhava, der im achten Jahrhundert den Buddhismus in Tibet begründen half, nicht bloß eine folkloristische Sagengestalt. Solche erleuchteten Meister haben allein mit ihrem Leben bewiesen, dass Karma und Emotionalität, die die Alltagserfahrung beschränken, durchaus in Weisheit und Mitgefühl umgewandelt werden können.

In Tibet haben in der Vergangenheit viele ganz gewöhnliche aufrichtig Suchende wie wir, inspiriert und geleitet von der Abstammungslinie an Meistern wie Padmasambhava, ihr Leben dem leidenschaftlichen Streben nach Erleuchtung geweiht. Als sich ihr Streben mit der Transformation von Körper, Geist und Seele vollendet hatte und sie in die Regenbogenkörper des Lichts übergingen, konnte jedermann sehen, dass die Linie der Erkenntnis real und wirksam war.

Im Westen aber sind solche Überzeugung und solche Zuversicht heutzutage selten. Der gewöhnliche Geist kann so eine totale Transformation nicht rational erklären und hat Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass in der Welt, in der wir heute leben, überhaupt noch Erleuchtung möglich ist.

So viele innere und umweltbedingte Umstände scheinen gegen eine anhaltende und wirkungsvolle Schulung des Geistes zu sprechen. Ohne Vertrauen, Disziplin und Verdienst bleiben die großen, majestätischen Pforten zur Erkenntnis stillschweigend verschlossen. Vielleicht sind nicht die Voraussetzungen da zur Schulung des Geistes, und selbst wenn sie da sind, untergraben ernste Verbindungsstörungen zwischen den traditionellen Institutionen der Lehre und normalen praktizierenden und nichtpraktizierenden Laien sowohl im Osten als auch im Westen das Fundament, das notwendig ist, um einen weitverbreiteten wirklichen Zugang zu den Lehren der Erleuchtung zu fördern.

Unter den Bedingungen einer solchen Verarmung ist der gewöhnliche Geist ohne zuverlässige Führung verloren und außerstande, die Quellen des Wohlbefindens zu erkennen, geschweige denn sie zu pflegen. So ehrlich unsere Absichten auch sein mögen, es gelingt dem Geist einfach nicht, zu sich zu kommen, und die daraus erwachsende Bedrängnis, der Zweifel und die Angst, von denen das ungeschulte Bewusstsein gefärbt ist, können so chronisch werden, dass es den Anschein hat, als seien sie untilgbare, natürliche Facetten des Geistes selbst. Und während sich die Bewusstheit verdunkelt, kann es sein, dass sich die Erinnerung an die Bewusstheit oder gar die Sehnsucht danach zurückzieht in eine nur noch verschwommenere Unschärfe. Es kann sein, dass wir, ohne auch nur zu merken, was geschieht, nach und nach unsere wesentlichen menschlichen Eigenschaften verlieren und unser inneres Wesen von den Kräften der Verwirrung und der Dummheit „gekidnappt“ wird.

Glücklicherweise kann die äußerst empfindliche Beschaffenheit des Geistes auch in den Dienst der Wiedererweckung und Stärkung der Bewusstheit gestellt werden. Würden wir lernen, den Geist nur ein klein wenig mehr zu sich kommen zu lassen, dann könnten wir die Eigenschaften des Geistes nach und nach immer besser als Ausdrucksformen seiner klaren, strahlenden Natur erkennen. Mit jedem Blick würde dieses Sehen dann klarer, tiefer und anhaltender werden, sodass unser ganzes Sein durch das Vertrauen in die Erkenntnis unserer innersten Natur bereichert und transformiert werden würde. Anstatt uns wie ein Hund, der den eigenen Schwanz jagt, fortwährend nur in diesen von unserer Verwirrung erzeugten endlosen Begriffskreisen zu drehen, würden wir einfach innehalten und den Kreis als das erkennen, was er ist: als einen nutzlosen Versuch, dem strahlenden, unteilbaren Licht des Bewusstseins, das allumfassend, von keiner Grenze beschränkt und frei von jeglichem Zeichen ist, eine Dualität zuzuschreiben.

Mit einer solchen schrittweisen Schulung unseres Geistes, wie sie unzählige Wesen vor uns durchlaufen haben, nehmen wir gerade die Schwächen unserer gebrochenen, gequälten und erschöpften Herzen als Quellen der Integration zu einer Ganzheit des Seins an.

Wenn es eine Erkenntnis gibt, die uns zu vollkommener Freiheit des Seins erwecken kann, so ist es mit Sicherheit die Rechte Erkenntnis, die der Buddha lehrte. Führt man sich vor Augen, dass die Impulse für Erkenntnis heutzutage vor allem im Dienste der Nützlichkeit und von immer größerem materiellen Reichtum stehen, so fragt man sich, ob solch gnadenlosen Triebkräfte überhaupt dazu in der Lage sind, sich auf eine neue Weise zu entwickeln? Ist aber das Streben nach spirituellem Reichtum Maßstab und Zweck der Erkenntnis, könnte sich unter allen Menschen und in allen Altersgruppen ein spirituelles Verständnis verbreiten, und die Erkenntnis selbst würde zur universellen Sinfonie, die das Wunder des Seins feiert.

Ich glaube fest daran und träume davon, dass eine solche Entwicklung des universellen Bewusstseins möglich ist, und so hoffe ich aufrichtig, dass von edlen Absichten geleitete Werke wie dieses den Lesern helfen, das tief innewohnende Wohlbefinden des Seins zu entdecken, das ein jedes Wesen so reichlich verdient.

Tarthang Tulku

Odiyan Center, USA, 12. März 2005

(Auf Bitten von Arnaud Maitland und Caroline van Tuyll brachte ich einige Stunden damit zu, meine Gedanken Pema Gellek zu diktieren, die dieses Vorwort zu Papier brachte, das Leslie Bradburn druckreif überarbeitet hat. Ich hoffe, es wird die Leser ermutigen, gründlich und ernsthaft über den Sinn und die Möglichkeiten des menschlichen Seins nachzudenken.)

Einleitung

Der schwach erleuchtete Tempel ragte hoch vor uns auf. Wie eine Riesenkerze zeichnete sich die Silhouette gegen die grauen, rötlich durchleuchteten Wolken ab. Es war Neumond, traditionell ein geeigneter Abend für Zeremonien. Vor dem bronzenen Tor an der Ostseite des massiven Bauwerks warteten wir im Dämmerlicht. Währenddessen wurden die großen Muschelhörner verteilt. Wenn während der Zeremonie darauf geblasen wurde, klang es wie das Schmettern einer Herde angreifender Elefanten. Auch der Weihrauch wurde ausgeteilt. Jetzt nur noch das Verlesen der Namen der Kranken und Verstorbenen, für die diese Zeremonie bestimmt war, dann konnte die eigentliche Feier beginnen. Plötzlich hörte ich, wie meine eigene Stimme der Liste einen Namen hinzufügte: Mutter.

Ich war an der Reihe, die Glocke zu läuten, und löste mich von der Gruppe. Der Abstand zwischen Tempel und Glockenhaus betrug gut hundert Schritte, ein Weg, den ich schon unzählige Male zurückgelegt hatte. Während sich um mich herum die Dunkelheit herabsenkte, wurde mein Kopf mit jedem Schritt leerer. Beim Glockenhaus bückte ich mich, um fünfundzwanzig Kieselsteine aufzuheben, sodass ich mich nachher nicht verzählen würde. Jetzt noch ein paar Stufen hinauf. Die gewaltige bronzene Glocke, an der Innen- und Außenseite mit tibetischen Inschriften bedeckt, wartete still über meinem Kopf.

Mit beiden Händen ergriff ich das geflochtene Seil und zog mit meinem ganzen Gewicht, um dem Klöppel Schwung zu geben. Bammmmmmmm. Nachdem der volle Ton eine Zeit lang erklungen war, ergriff ich das Seil für den nächsten Ruck, fünfundzwanzig Mal nacheinander. Jeder neue Ton schien mehr Raum zu schaffen, sodass die Klänge weiter fliegen konnten: Mühelos erreichten sie die entlegensten Winkel des Weltalls. Grenzen verschwammen, der Raum umfasste alles, das Heute nahm die Vergangenheit in sich auf. Die fünfundzwanzig Glockenschläge dauerten eine Ewigkeit.

Meine Mutter starb fünf Jahre vor dieser Zeremonie. Ich bin nicht sicher, was nach dem Tod geschieht, aber über eines war ich mir im Klaren: Nichts geht jemals verloren. Ihr physischer Körper war nicht mehr da, aber alles andere blieb zurück. Ihre Gesten, die Worte, die sie gesprochen hatte, alles, was sie getan, gedacht, geträumt hatte, sogar die Ängste ihrer letzten Lebensjahre waren noch hier, erhalten als Spuren in der Zeit. Ist es möglich, dieses Empfinden in Worte zu fassen? Die tibetische Sprache verfügt über ein reichhaltiges Vokabular an passenden Begriffen, aber im Deutschen gibt es dafür nur sehr wenige Wörter; am Nächsten kommen „Geist“ und „Seele“.

So wie ein toter Stern jahrhundertelang sichtbar bleibt, war das Wesen meiner Mutter nach ihrem Tod noch spürbar. Doch es war Zeit, Abschied zu nehmen von meinem Leben als ihr Sohn. Dieser Abschnitt meines Lebens war vorbei. Für sie würde diese Zeremonie ein Segen sein, für mich ein Abschied.

In den darauffolgenden Wochen fing ich an, das Leben meiner Mutter zu erforschen. Alles, woran ich mich erinnerte, alles, was ich von ihr wusste, betrachtete ich aus der Sicht des tibetischen Buddhismus oder zumindest aus der Sicht dessen, was ich während des Studiums gelernt hatte. Wie ein Film zog ihr Leben an mir vorbei: die Sorglosigkeit der Kindheit, die Verheißung des jungen Mädchens und der erwachsenen Frau, die sie als Ehefrau, Mutter und ehrenamtlich Tätige mit ihrer fröhlichen, einfallsreichen Art eingelöst hatte. Alle, die ihr nahestanden, hatten sich in der Wärme, die sie um sich verbreitete, wohlgefühlt.

Doch der Film meiner Mutter hatte kein Happy End. Als sie vierundsiebzig war, erkrankte sie an Alzheimer, und eigentlich starb sie, während sie noch lebte. Sie verlor die Kontrolle über ihren Körper, ihre Sprache und ihren Geist; die Möglichkeit, sich zu äußern und für sich selbst zu sorgen, wurde ihr genommen. Keiner ihrer Lieben, mit denen sie lebte, konnte ihr Leiden mildern. Alle Zeit und Energie, die sie investiert hatte, um aus ihrem Leben und ihren Beziehungen einen Erfolg zu machen, konnten ihr jetzt nicht helfen. Es blieb ihr nichts von dem, was sie mit so viel Sorgfalt aufgebaut hatte – ihre Welt war einem Kahlschlag zum Opfer gefallen.

Durch diesen Rückblick vor allem auf ihre letzten zehn Lebensjahre erkannte ich, was die Alzheimererkrankung in ihrem Leben und in dem von uns, ihren Angehörigen, angerichtet hatte. Jahre nach ihrem Tod gelang es mir schließlich mithilfe der klassischen buddhistischen Forschungsmethode – beobachten, mir selbst Fragen stellen und aktiv bewusst werden –, mich sogar nach ihrem Tod mit manchen Ereignissen zu versöhnen. Ihr Leben und Sterben bekam eine viel weitere Bedeutung, und ich war in der Lage, loszulassen und Abschied zu nehmen.

Der tibetische Buddhismus

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wusste man im Westen nur wenig vom Buddhismus im Allgemeinen und auch vom tibetischen Buddhismus, auch wenn seit ca. 1890 einige der Unterweisungen des Buddha und spezifisch tibetische Texte wie Das Tibetische Totenbuch im Umlauf waren. Dies änderte sich abrupt in den Fünfzigerjahren, als die chinesische Rote Armee Tibet besetzte. Über hunderttausend Tibeter flohen vor dem Besatzer und fanden in den umliegenden Ländern, vor allem in Indien, Schutz. Kurz danach verbreiteten sich die tibetischen Lamas, die geistlichen Führer und Lehrer, im Westen. So erfüllte sich die Prophezeiung des legendären Guru Padmasambhava aus dem achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung:

Wenn der Eisenvogel fliegt und die Pferde auf Rädern laufen,

dann werden die Tibeter wie Ameisen verstreut werden

über die ganze Welt.

Dann wird der Dharma kommen

in das Land des rothäutigen Mannes.2

Der große Lehrer Padmasambhava, auch „der zweite Buddha“ genannt, brachte den Buddhismus aus Indien nach Tibet. Um die Lehre Buddhas in Worte zu fassen, wurde eine neue Sprache entworfen: das auf dem Sanskrit basierende Tibetisch. Um das Jahr 775 wurde das erste tibetische Kloster, Samye, erbaut. Das war der Anfang der Nyingmapa-Schule („der Alten Schule“). Eine zweite Welle der Verbreitung der buddhistischen Lehren erreichte Tibet im 10. und 11. Jahrhundert. Seit dieser Zeit ist der Buddhismus in allen Bereichen der tibetischen Kultur vollkommen assimiliert.

In allen Varianten des Buddhismus steht die Lebensgeschichte des indischen Prinzen Siddhartha Gautama im Mittelpunkt, der sich vor gut zweitausendfünfhundert Jahren auf die Suche nach einem Heilmittel gegen menschliches Leiden machte.

Um zu erforschen, ob der Mensch nur geboren wurde, um wieder zu sterben, verließ er seine Familie und sein künftiges Königreich. Nach vielen Jahren des Meditierens gewann er Einsicht in die Ursachen menschlichen Leidens: Er hatte Erleuchtung erlangt.

Von nun an wurde er „Buddha“ genannt, „der Erwachte“. Für einen Zeitraum von vierzig Jahren gab er seine Einsichten, Erfahrungen und Erkenntnisse über die Natur der Realität an seine Anhänger weiter, häufig als Antworten auf ihre Fragen.

Viele dieser Lehrreden, der Sutras, sind bis heute erhalten geblieben und bilden in allen buddhistischen Schulen die Grundlage des Studiums.

Die Lehren des Buddha beschreiben detailliert seinen Weg zur Erleuchtung, sowohl die Hindernisse, die er überwunden hat, als auch die Methoden zur Erlangung vollständiger Bewusstheit. Ein Schüler des Buddhismus wird ermutigt, die innere Erfahrung des Buddha zu analysieren, sie zu imitieren und schließlich zu verkörpern.

Durch Studium, Meditation und Übung lernen wir, uns selbst und die Welt um uns herum zu verstehen, die letzte Wahrheit, den Dharma, zu erforschen und die Realität zu erkennen, wie sie wirklich ist, ohne Illusion und Selbstbetrug.

Zur Blüte kommen

In den tibetischen buddhistischen Lehren gibt es eine Geschichte, die davon erzählt, wie der Geist dazu tendiert, die Realität in eine vertraute Form und Größe zu modellieren:

Es war einmal ein Frosch, der in einem kleinen Teich lebte. Weil er niemals irgendwo anders gewesen war, dachte er, sein Teich sei die ganze Welt. Eines Tages kam eine Schildkröte zu dem Teich und erzählte dem Frosch, sie komme aus dem Meer. Der Frosch hatte aber nie etwas vom Meer gehört und überlegte, ob dieses wohl wie sein Teich sei. „Nein“, sagte die Schildkröte, „es ist viel größer“. – „Dreimal so groß?“, fragte der Frosch. Die Schildkröte versuchte weiter dem Frosch die Größe des Meeres zu erklären, aber der Frosch wollte nicht hören. Schließlich fiel der Frosch in Ohnmacht; es war ihm zu viel, an einen solchen Ort auch nur zu denken.3

In der Nacht der Zeremonie fügten sich meine Vergangenheit und meine Gegenwart zusammen – Schule und Studium, die in den Niederlanden einen Juristen aus mir gemacht hatten, und die Einführung in den tibetischen Buddhismus, die mit meinem dreißigsten Lebensjahr in Kalifornien begonnen hatte. Dem Anschein nach zwei getrennte Welten. Ich wuchs als Nachkriegskind in den Fünfziger- und Sechzigerjahren auf mit der Philosophie Sartres und Camus’ und der Aussicht auf ein langweiliges und vorhersehbares Dasein, beherrscht von Melancholie und dem Bedauern über verpasste Chancen. In den Siebzigerjahren kam ich in Kontakt mit einer anderen Weltanschauung, als ich in Kalifornien an der Human Potential Movement teilnahm. Diese Erfahrung gab mir einen flüchtigen Blick auf die Möglichkeiten, als Mensch wachsen zu können. Es öffnete sich mir ein Zugang zu den tibetisch-buddhistischen Lehren, die mir eine Struktur boten, um meine inneren Ressourcen zu entwickeln.

Der Buddhismus brachte mich in Kontakt mit etwas unermesslich Großem, das alles übertraf, was ich bis dahin kannte. Im Alter von dreißig Jahren fand der Junge, der in einem Holzschuh in den holländischen Wassergräben geschippert war, seinen Weg in den Ozean.

Der erste buddhistische Vortrag, den ich besuchte, behandelte die Frage: Wie können wir als menschliche Wesen unsere Ganzheit wiedererlangen? Die Antwort auf diese Frage schien mir auch letztlich die Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten. Die Einsichten, die zur Sprache kamen, strahlten Wissen, Lebenslust und Hoffnung aus. Dank des Studiums der tibetischbuddhistischen Lehren in der Nyingma-Tradition konnte eine sanftmütige innere Revolution ihren Anfang nehmen.

Intelligenz und Energie

Das Studium des Buddhismus erstreckt sich über drei Bereiche. Der erste Bereich bezieht sich auf die Natur des Selbst. Auf die Frage „Wie können wir anderen helfen?“ antwortete der Buddha: „Lerne zuerst, für dich selbst zu sorgen.“ Der Buddha ermutigt uns, uns selbst kennenzulernen, die Ursachen des Leidens zu finden und dem Weg zu folgen, der zur Beendigung des Leidens führt. Wenn wir Körper und Geist schulen, kommen wir ins Gleichgewicht und wir erfahren auch die Welt um uns herum im Gleichgewicht.

Der zweite Studienbereich betrifft die Natur der Wirklichkeit. Wenn wir streng den Gesetzen der Logik und des Verstandes folgen, basieren unser Wissen und unsere Erfahrung auf Annahmen. Gedanken, die bis in die letzte Konsequenz durchdacht werden, widersprechen sich oder lösen sich auf. So entdecken wir, dass alles, was wir gedacht und angenommen haben, gegenstandslos ist. Die Natur der Realität erweist sich als grundlegend offen.

Der dritte Studienbereich ist nach innen gerichtet und betrifft das Potenzial, das wir als Menschen besitzen. Wenn wir uns selbst verstehen, erkennen wir, dass der menschliche Geist darauf programmiert ist, vollkommen zu sein. Der Mensch ist von Natur aus gut.

Dem Buddhismus zufolge bilden zwei fundamentale Komponenten die Grundlage aller menschlichen Fähigkeiten: Intelligenz und Energie oder auch Wissen und Fühlen. Das Studium des Buddhismus richtet sich auf beide Komponenten, um sie durch Theorie und Erfahrung zu entwickeln: Die Theorie lehrt uns Erkennen, die Erfahrung lässt uns fühlen. Je besser wir die Theorie begreifen, desto tiefer ist unser Erleben. Je intensiver wir erleben, desto leichter verstehen wir die Lehren.

Die Theorie besteht aus klassischen Texten, den Sutras, dem gesprochenen Wort des Buddha (ca. 600 v. Chr.) und den Kommentaren und Studien aus den darauffolgenden zweitausendfünfhundert Jahren, und zwar denen mit indischem Hintergrund (in den ersten Jahrhunderten) als auch mit tibetischem Hintergrund (ab 800 n. Chr.). Diese Texte richten sich gleichermaßen an Intelligenz und Energie, um beide zu stärken: Persönliches Wachstum erfordert die gleichzeitige Entwicklung von Fühlen und Wissen. Die alten Texte erscheinen manchmal trocken, doch jedes theoretische Thema bietet zugleich eine äußerst praktische Anwendung. Die Worte und der Ton sind persönlich und universell zugleich. Sie haben im Laufe der Zeit weder an Bedeutung noch an Aktualität verloren.

Die Texte ermutigen uns, Abstand zu nehmen von weltlichen Belangen, von unserem Zuhause, von der Familie und der Gesellschaft, faktisch von allem, woran wir gebunden sind.

Unser vorübergehender Rückzug vom täglichen aufgeregten Treiben kann ein Aufatmen bedeuten und ist von hohem Wert, doch brauchen wir uns nicht vor der Welt zu verschließen. Das Ziel ist ein Zustand der Gelassenheit im eigenen Bewusstsein, in der eigenen Energie. Um das zu erreichen, müssen wir erkennen, wie eine spezielle Form der Gebundenheit uns einschränkt: die Gebundenheit an unser Selbstbild.

Quelle der Weisheit

„Sei dir selbst ein Licht“, waren die letzten Worte des Buddha. Die Antwort auf die Fragen „Was kann aus mir werden? Was soll ich mit meinem Leben machen?“ lautet: „Das hängt von deinem Geist ab.“

Der Geist ist die Quelle von Kummer und Schmerzen. Unsere Lebenseinstellung bestimmt das Ausmaß an Glück, das wir erfahren. Die Hindernisse und Schwierigkeiten, die ein ums andere Mal unseren Weg kreuzen, entstehen nicht außerhalb von uns, sondern im eigenen Kopf und Herzen. Dort müssen sie auch beseitigt werden. Durch zunehmende Bewusstheit können wir nach und nach negative Neigungen und einschränkende Gedanken umwandeln.

Jedem Menschen wohnt Lebenslust inne. Sind wir in Verbindung mit der Vitalität, die unser Geburtsrecht ist, kann aus jeder Träne neuer Mut gewonnen werden.

Es ist nie zu spät, um noch in jeder Situation etwas Konstruktives zu unternehmen und das Leben leichter zu machen. Der spirituelle Weg beginnt, sobald wir beschließen, das Beste aus unserem Leben zu machen.

Wenn wir unser Leben akzeptieren, wie es ist, werden wir selbst im Angesicht des Todes weder Angst noch Bedauern oder Sorge verspüren.

Die wichtige Lehre eines tibetischen Lehrers kann lauten: „Entspanne dich!“ Und wenn der Schüler fragt: „Aber wie macht man das?“, ist die Antwort: „Nur nicht so ernst. Entspanne dich einfach.“

Uns zu entspannen bedeutet nicht, uns mit unserer Lebenssituation abzufinden; es bedeutet vielmehr, wacher zu werden und uns zu erlauben, vollkommen präsent in jeder unserer Erfahrungen zu sein. Wenn wir uns so öffnen, entspannen wir uns auf natürliche Weise und die Entspannung wiederum erlaubt uns, alles, was geschieht, vollständiger zu umarmen. Mit Entspannung wird alles lebendig.

Sobald wir bereit sind, zu entspannen und Verantwortung zu übernehmen, kann uns das tägliche Leben – in der buddhistischen Tradition Samsara genannt – mit all seinen Freuden und seinem Kummer, seinen Möglichkeiten und Beschränkungen den Weg zur Erleuchtung weisen.

Wir entdecken, dass die Antwort zu jeder Frage, die wir stellen, bereits vorhanden ist; wir brauchen nur zu fragen und zu beobachten.

Diese Erkenntnis ist eine Quelle der Weisheit, die zu uns gehört wie die Nässe zum Wasser. Wenn wir diese innere Ressource erschließen, wird das Bewusstsein klar und kräftig. Wir erkennen, dass die Zeit, die uns als menschliche Wesen hier auf Erden gegeben wurde, uns mit allen Möglichkeiten versorgt, das Beste aus unserem Leben zu machen.

Es ist nie zu spät

Leben ohne Bedauern wurde inspiriert durch die Geschichte meiner Mutter, einer gesunden, glücklichen Frau, die im Alter an Alzheimer erkrankte und ihre letzten Lebensjahre in einem Heim für demente Patienten verbrachte. Dieses alltägliche Drama hatte einen tief gehenden Einfluss auf ihr eigenes Leben und auf das aller Menschen, die mit ihr verbunden waren. Jeder in ihrer Umgebung wurde mit Situationen und Emotionen konfrontiert, auf die es keine angemessenen Antworten gab. Die Hilflosigkeit, die Machtlosigkeit, das Unvermögen, das Verdrängen, die Schuldgefühle, der Groll, das Unverständnis, das Schweigen und vor allem die würgende Angst machten es unmöglich, die Situation richtig zu ergründen und wirklich hilfreich zu sein.

Hätten wir, die Betroffenen, mehr Bewusstsein von unseren Möglichkeiten gehabt, hätte es vielleicht anders verlaufen können. Demenz unterminiert nicht nur das Bewusstsein des Patienten, sondern zerfasert zugleich das Gewebe der ganzen Familie. Die Situation verschlechtert sich zunehmend, der geliebte Mensch verschwindet immer mehr und die Zurückbleibenden kennen sich selbst nicht mehr. Es ist ein dauerndes Abschiednehmen vom Bekannten, Vertrauten, und es erscheint unmöglich, unter diesen Umständen noch irgendwo Sinn und Sicherheit zu finden.

Dennoch gibt es dem tibetischen Buddhismus zufolge keine Notwendigkeit, sich vor Leiden zu fürchten, egal ob es unser eigenes ist oder das der anderen. Der Buddha lehrt uns, die Möglichkeiten, die uns das Leben bietet, zu nutzen und ein vollständigerer Mensch zu werden, indem wir allem, was geschieht, ohne Schuld oder Vorwurf begegnen. Wären diejenigen, die meine Mutter begleitet haben, sich dieser anderen Möglichkeiten bewusster gewesen, hätte sich die Situation möglicherweise in eine andere Richtung entwickelt.

Leben ohne Bedauern handelt von Vergänglichkeit und den sie begleitenden größeren und kleineren Schmerz. Alter und Krankheit verursachen ganz bestimmte Formen des Leidens. Wenn man diesen Prozess konsequent unter dem buddhistischen Gesichtspunkt betrachtet, entsteht Klarheit über die Bedeutung von Leben und Leiden. Die angeschnittenen Themen scheinen insbesondere vor dem Hintergrund einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft nicht nur für mich, sondern auch für alle Menschen in der westlichen Welt von besonderer Aktualität.

Das wirft Fragen auf zu unserer persönlichen Verantwortung und zu den Möglichkeiten und Begrenzungen, die wir als Menschen erfahren.

Krankheit und Alter überfallen uns oft unverhofft und Vergänglichkeit ist in unser aller Leben anwesend. In der Blüte unseres Lebens können wir uns darauf einstellen, unserer letzten Lebensphase, vor der wir alle einen gewissen Schauder empfinden, mit mehr Erkenntnis und Vertrauen entgegenzugehen.

Ich schreibe dieses Buch in der Hoffnung, dass es mir gelingt zu beschreiben, wie wir die spirituelle Dimension unseres Daseins stärker entwickeln können. Wenn wir die Gewissheit des Todes akzeptieren, Vergänglichkeit als unabwendbares Charakteristikum der Existenz annehmen und es wagen, entsprechend dieser Wahrheit zu leben, beginnen wir als menschliche Wesen zu erblühen. Dann hat unsere Zeit hier auf der Erde einen Sinn, jetzt und im Nachhinein. Es ist meine Hoffnung, dass dieses Buch die Leser dazu inspirieren möge, eine Antwort auf die Frage „Wie will ich eigentlich leben?“ zu finden – und dann auch danach zu handeln.

Das in diesem Buch entworfene Bild meiner Mutter wird nicht ihrem Leben als Ganzes gerecht. Es ging mir nicht darum, eine biografische Skizze zu entwerfen. Auch die wenigen aus dem Leben ausgewählten Anekdoten lassen viele Aspekte außer Acht. Vor allem die Familiendynamik, die einen erheblichen Einfluss hat, wird nicht genauer beschrieben.

Ebenso wenig ging es darum, eine vollständige Übersicht über die neuesten Erkenntnisse zur Alzheimererkrankung zu geben.

Ich wollte vor allem die unterschiedlichen Wege der tibetischen buddhistischen Lehren aufzeigen, die uns helfen, unser Leben unter allen denkbaren Umständen selbst in die Hand zu nehmen, ob wir glücklich oder verzweifelt sind, krank oder gesund, gefangen oder frei, jung oder alt. Die Möglichkeiten, die wir ignorieren, die Gelegenheiten, die wir verpassen, die Entscheidungen, vor denen wir uns fürchten, die Fehler, die wir machen, müssen nicht unumkehrbar sein.

Sehen wir unseren Fehlern mutig ins Auge und geben Selbstmitleid und Schamgefühle auf, so werden wir stärker. Diese Kraft macht es möglich, unsere Fehler wiedergutzumachen. Die Zeit gibt uns immer wieder neue Chancen.

Als Vierundzwanzigjähriger verließ ich die Niederlande. Gut dreißig Jahre später kehre ich zurück, um in meiner Sprache vor dem Hintergrund meiner tibetisch-buddhistischen Ausbildung die Geschichte meiner Mutter zu erzählen. Unter der inspirierenden Führung meines tibetischen Lehrers Tarthang Tulku habe ich das gelernt, was ich jetzt weiß. Dank ihm vermochte ich über die Vergangenheit zu reflektieren, das Schicksal meiner Mutter aus einer neuen Perspektive zu betrachten und allem, was ihr und auch den Menschen, die sie liebten, widerfuhr, mit tieferem Verständnis zu begegnen. Denn dafür ist es nie zu spät: Wir können die Vergangenheit auch jetzt noch heilen.

Hier gibt es nichts, das nicht schon früher gesagt worden ist;

auch bin ich nicht fähig, wortgewandt zu schreiben.

Daher, und da mir der Sinn für das Wohl der anderen fehlt,

schreibe ich dies nur, um meinen eigenen Geist

zu durchtränken.

Shantideva4

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Wertvolles menschliches Leben

Anfang Mai zeigte sich Holland von seiner schönsten Seite. Der Frühling war allgegenwärtig, ein Teppich von Duft und Farbe legte sich über unser Viertel. Die Tulpensaison war fast vorbei und die Baumblüte hatte beinahe ihren Höhepunkt erreicht. Der wilde Apfelbaum im Vorgarten war wie ein Kalenderbild. Ungeduldig wartete die Natur auf der Schwelle des Sommers.

Es war in den Fünfzigerjahren und der 4. Mai war wie immer der Tag, an dem die Niederländer der Helden gedachten, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben für die Befreiung des Landes gelassen hatten. Abends war der Höhepunkt des Gedenkens, das den ganzen Tag über zu spüren war. Die Flaggen an den Giebeln hingen auf Halbmast; die Menschen trugen gedeckte Farben und man vermied unnötigen Lärm.

Gegen sieben Uhr, als die Strahlen der tief stehenden Sonne durch die Zweige der Bäume fielen, zogen meine Mutter und ich unsere Mäntel an und machten uns auf den Weg. Durch die stillen Straßen gingen wir zum kleinen Friedhof am Schouwweg, ein Weg von etwa zwanzig Minuten. Wir sprachen wenig. Sie war in Gedanken versunken; dies war ihr persönlicher Gang in die Vergangenheit.

Eine ganze Weile vor acht Uhr stellten wir uns zu den Wartenden rund um das Denkmal für den unbekannten Soldaten. Von allen Seiten strömten Menschen hinzu. Meistens war schönes Wetter, manchmal aber fiel leichter Nieselregen, der die dezente Kleidung mit Perltröpfchen bedeckte. Um acht Uhr stand die Zeit still – zwei Minuten lang. Im ganzen Land stoppten Busse und Straßenbahnen abrupt mitten auf der Straße, Autos hielten an, sogar auf der großen Verkehrsstraße, Gespräche stockten und auch das Radio schwieg. Zwei Minuten nach acht begannen die Glocken zu läuten und das normale Leben fing wieder an.

Auf dem Rückweg war meine Mutter wie verwandelt. Munter und beschwingt ging sie dahin. Sie fühlte sich befreit. „Dies ist immer so ein ganz besonderer Augenblick für mich“, sagte sie fröhlich und begann zu erzählen, wie nach dem Hungerwinter 1944 die Alliierten ins Land gekommen waren. Auch ihr einziger Bruder, ein Pilot der Royal Air Force, war kurze Zeit später aus England zurückgekehrt, beladen mit leckeren Köstlichkeiten. Ich genoss diese Augenblicke der Geschichte meines Landes. Würde auch ich so tapfer sein, mein Leben zu opfern? Würde auch ich, wenn ich in Kanada oder Amerika lebte, mich berufen fühlen, Haus und Herd zu verlassen und in einem fernen Land den Feind zu vertreiben?

Ihre Stimmung war zugleich leicht und feierlich. Während des Gedenkens fühlte sie sich zurückversetzt in die fünf Kriegsjahre. Von einem Ort in der Nähe von Den Haag aus hatten die Deutschen V2-Raketen nach England geschossen. Zuerst hatte man lautes Zischen gehört, dann hatte jeder angefangen zu zählen. War nach zwanzig Sekunden keine Explosion erfolgt, war das Stadtviertel außer Gefahr gewesen. Die fliegende Bombe war auf dem Weg zu ihrem Ziel auf der anderen Seite der Nordsee gewesen. Meine Lieblingsgeschichte war die mit dem deutschen Soldaten, der die Treppe zur Wohnung heraufgekommen war, in der meine Eltern gewohnt hatten. In seinem langen Mantel hatte er eher einem Jungen geglichen, wie er sich da neugierig im Zimmer umgeschaut hatte, in dem drei Kinder auf dem Boden gespielt hatten. Mein Vater hatte sich sofort auf dem Dachboden versteckt. Als der Deutsche das Foto auf ihrem Sekretär gesehen hatte, hatte er nur bemerkt: „Ein netter Mann“, hatte kehrtgemacht und war die Treppe hinab und wieder auf die Straße gegangen.

Jedes Jahr machte sie genau wie unzählige andere Niederländer diese Reise durch die Zeit. Sie dachte an die Schrecken der Besatzung und den Mut Einzelner, die das größte Opfer gebracht hatten. In den wenigen Minuten am Grab des unbekannten Soldaten machten sie im Geiste eine Pilgerreise, sehr zielbewusst, mitten durch die Zerstörung und die Verzweiflung. Am Ende kam die Freiheit als Läuterung. Indem sie die Angst und den Kummer der Kriegsjahre noch einmal durchmachte, löste sie die traumatischen Knoten, um dann das Leben wieder in vollen Zügen zu genießen. So gab sie dem Leben trotz allem einen Sinn.