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Jürgen Fliege

Umschlaggestaltung

mit Ina Kleinod: Beten

und Satz: Wilfried Klei, Bielefeld

© J. Kamphausen Mediengruppe GmbH,

E-Book Gesamtherstellung: Bookwire

Bielefeld 2017, info@j-kamphausen.de

GmbH, Frankfurt a. M.

www.weltinnenraum.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage 2017

ISBN Printausgabe: 978-3-95883-128-5
ISBN E-Book: 978-3-95883-129-2

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und
sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte
Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

BETEN

Jürgen Fliege

Ina Kleinod

ANLEITUNGEN FÜR DEIN GESPRÄCH MIT GOTT

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Vorwort von Ruediger Dahlke

Einführung

Das Gute liegt so nah

Selber beten, statt beten lassen

„Herr, lehre uns beten!“

Sich auskennen im eigenen Herzen

Noch mal ganz von vorn:

Das Vaterunser

Bloß nicht einschlafen!

Wach bleiben ohne Mantra & Co

Schaue! Lausche!

Ein Waldspaziergang tut es auch

Stille halten im Körper

Nicht draußen tun, sondern innen sein

Aufwachsen im Gebet

Radikal ehrlich werden

Im Schattenreich landen

Eine spirituelle Sprungtechnik

Gnade des Zusammenbruchs

Die Suche ist zu Ende

„Hier bin ich!“

Auf die Not antworten

An der Grenze wartet Trost

Zur Verfügung stehen

Beten als Trauerbegleitung

Ich bin der Grund, der trägt

Übung macht Meister

Aus der Mitte schöpfen

Was leistet das Gebet?

Nicht intervenieren

Die Würde behalten

Trost spenden

Beten als Biografiearbeit

Positionen des Betens

Frauen und Männer

Mystiker

Kirchenaussteiger

Wer betet wie und was?

Eltern

Soldaten

Ärzte

Priester

Lehrer

Sterbende

Nachwort

Über den Autor und die Co-Autorin

Vorwort von Ruediger Dahlke

Ist dies nun ein Lehrbuch fürs Beten? Ja und nein. Jürgen Fliege schreibt sicher kein Gebetbuch für evangelische Kirchgänger. Zwar wäre gerade das aus meiner Sicht eine große Chance dieser Kirche, denn er ist wohl der einzige Pfarrer, den noch alle in Deutschland kennen. Er kann Brücken schlagen von der Tradition zur Moderne und Traditionen verbinden und das sonst so schmerzlich fehlende spirituelle Element einbringen ‒ auch aus diesem Grund habe ich immer gern mit ihm geredet, auf Fernsehbühnen wie privat. Er kann reden, schreiben und Fernsehen machen, und das ist heute so wichtig.

Allerdings ist er nicht nur offen und weise, sondern auch kritisch, was einem Protestanten eigentlich gut anstünde. Aber die protestantische Kirche mag keine Protestanten, die auch einmal protestieren, wenn die Kirche fehlgeht oder es ihr an etwas fehlt. Sie erkennt darin jedenfalls nicht ihre Chance. So bleibt Jürgen Fliege wohl ihr verlorener Sohn. Schon mein Religionslehrer konnte nie befriedigend erklären, warum der Hausherr ausgerechnet diesem Ausbrecher und Aufrührer, diesem Hallodri, ein Fest ausrichtete und nicht dem, der brav bei ihm zu Hause sitzen gebliebenen war. Nun hat ja diese Kirche heute nicht mehr viel zu feiern, aber wenn, würde sie sicher lieber für die braven Sitzenbleiber als für die lebendigen verlorenen Söhne Feste ausrichten. Und sie hat ja inzwischen Millionen verlorene Söhne und Töchter. Eigentlich sind es sogar Vertriebene, und für diese scheint mir dieses Buch geschrieben, denn wer stieße da auf mehr Resonanz als Jürgen Fliege?

Das Gute an seinem Protest ist auch, dass sein Buch dadurch viel umfassender, viel weiter zielend geworden ist. Für die letzten braven und (un-)protestantischen Kirchenchristen ist es wohl eher nichts. Oder doch ‒ wenn sie zu ihren Wurzeln zurückwollen, weil ihnen heruntergeleierte Worthülsen als Gebete nicht mehr genügen.

Wer dieses Buch erlebt, hat wahrscheinlich, so wie ich, seine eigene Bet-Geschichte. Vielleicht hat er sich, wie ich mich selbst auch, dabei ertappt, beim Vaterunser „Dein Wille geschehe“ zwar zu sprechen, aber dabei zu denken: „Lieber Gott, ich hätte da ein paar Vorschläge, bitte richte das so und so …“ Also nicht sein Wille, sondern mein Wille geschehe – und schon sind wir dem Schattenprinzip aufgesessen, wie es wohl vielen geht, die beten mit betteln verwechseln.

Tatsächlich rät Christus in dem einzigen förmlichen Gebet, das er uns in Lukas 11 auf die Frage eines Jüngers hin gegeben hat, wir sollten uns seinem übergeordneten Willen anvertrauen, und zwar wie oben, so unten, wie im Himmel, so auf Erden, also überall und in allem. Es geht darum, Ja zu sagen zu seiner Schöpfung und vielleicht noch Danke dafür, dass wir darin sein dürfen. Zustimmung ist also der Schlüssel zu Gott und Beten der Weg dorthin.

Das versteht Jürgen Fliege in diesem Buch unter „Beten“, und das müssen wir wirklich erst wieder lernen, wie das Meditieren. Dann kann es Trost spenden, und was wäre wichtiger, als Trost zu finden? Deshalb muss Beten unbedingt gelernt und muss – wie es hier so schön geschieht – gelehrt werden. Christus lag daran, uns beten so zu lehren: Wir sollen in den Augenblick eintreten oder, noch besser, im Augenblick versinken, uns völlig entspannt dem Hier und Jetzt ergeben, statt völlig verkrampft im Wenn und Aber zu verharren. Wie die Vögel des Himmels, die nicht säen und nicht ernten und doch genährt werden. Unter dieses Vertrauen gehören wir alle, das lehrt dieses wundervolle Buch. Wunder sind möglich – in jedem Augenblick.

Es geht also um ein Beten ohne Worte, ein Horchen und Gehorchen und ein Eintauchen in die Stille. In der Stille hören wir Gottes Stimme am klarsten, wie Meister Eckhart sehr treffend weiß: „Ich sitze auf einem Stein und horche, was Gott in mir spreche.“

Ruediger Dahlke,

Fürigen, im Februar 2017

Einführung

Als Junge verbrachte ich viel Zeit bei meinem Großvater – das war in den Fünfzigern. Der schlachtete und kochte mit seinem Vetter, dem Feuerwehrhauptmann und Metzger unserer kleinen Stadt, die Schweine, Kaninchen und Hühner und ich war oft dabei. Schlachten kann ich also. Das habe ich bei ihm gelernt. Und wenn dann auf dem Herd alles zusammengeköchelt war und mein Großvater seinen Teller gefüllt hatte mit dem, was er essen wollte – seine Frau Alma und ich saßen auch vor unseren Essensbergen: Teller voller Kartoffeln, Soße und Fleisch, sodass es überschwappte –, dann faltete er seine schweren, zerfurchten Hände und betete. Er betete: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne uns und alles, was du uns bescheret hast. Amen.“ Aber dann ging es immer noch nicht los, sondern er stand wieder auf. Er hatte etwas vergessen, drehte sich zur Wand, ging zum Neukirchner Abreißkalender, riss das neueste Blatt ab, setzte sich wieder hin, nahm seine Brille und las den frommen Tagesspruch vor, beide Seiten: Die vordere war dogmatisch geprägt, und die Rückseite war ein spannender Kommentar für alle. Es war immer eine Wolke von mutigen Zeugen, in die ich mich eingehüllt fühlte. Dieses Vorlesen vor dem Essen war so ein bisschen Ritual und strenge Magie. Das Mystische daran war aber, dass die Stimme meines Großvaters, während er dieses „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast“ betete, irgendwie versank, irgendwohin entschwand. Und ich, das Kind Jürgen, sein kleines Bürschchen, merkte: Hallo, da ist eine andere Dimension. Der redet jetzt nicht mit uns oder mit mir. Der hat auch die Augen geschlossen, der ist ganz woanders. Der ist irgendwo, wo es friedlich ist und gut. Wo es genug zu essen gibt und warm ist. Seine Stimme erzählte davon. Ich konnte in diesen Augenblicken selbst unbeobachtet über den ganzen Tisch gucken und ich wusste, ich war der Einzige, der diese andere Wirklichkeit wahrnahm, während mein Großvater sozusagen auf Reisen war. Und das lag nicht am Text. Ja, es lag an seiner Stimme, an seinem Versenkt-Sein. Wenn mich also jemand fragt, wie es angefangen habe, dann sage ich: „Diese immer wiederkehrenden wenigen Sekunden am Tisch meiner Großeltern, diese magischen Momente, haben mich zu einem Mystiker gemacht.“ Das heißt, wenn man so will, zu einem, der zunächst einmal dem Gebet seines Großvaters auf die Spur kommen wollte, um dann ein frommer Mann zu werden. Wie er.

Jahre später saß ich regelmäßig donnerstags in der Gebetsstunde des Christlichen Vereins Junger Männer mit ungefähr zehn, zwanzig Männern jeden Alters – auf Holzstühlen, die in einem Kreis angeordnet waren. Es roch nach dem Bohnerwachs auf den alten Holzdielen. Großvater war gar nicht dabei. Wir falteten die Hände und beteten. Das war wieder so ein merkwürdiger Sound, so ein Ton, der nicht ins tägliche Leben passte. Was war das? Ich war mit Abstand der Jüngste, sogar mit gewaltigem Abstand. Die anderen blickten schon mehr oder minder in Richtung des Sarges, aber ich war vielleicht zwölf oder dreizehn. Da geht man auf Entdeckungsreise. Ich war neugierig. Ich fand es wieder faszinierend zu erleben, wie alle diese Männer versanken – in einer Sprache und in einer Stimmung, die ich nicht kannte. Irgendwann fiel mir auf, dass mich zwar diese Stimmung faszinierte, ich aber nicht wirklich ein anhaltendes Interesse aufbringen konnte für das, WAS diese Männer da beteten. Ich merkte ja schnell, dass sich die Inhalte der Gebete jede Woche wiederholten. Es wurde also gar nichts vom Jetzt erzählt und meinetwegen wiederkäu- end bearbeitet, von dem also, was gerade im Augenblick wichtig gewesen wäre, an diesem Tag, in dieser Woche, in der letzten Nacht. Nein, es ging vielmehr wieder einmal um Russland, um die Gefangenschaft, in der einige gewesen waren und wo ihre Seele und ihr Körper etwa durch ein Bibellesen gerettet worden waren. Der alte Lorenz im feinen grauen Anzug, weißes Hemd, Krawatte, der irgendwie gar nicht hierher passte, der holte dann immer seine kleine Ledertaschenbibel aus der linken Innentasche seines Jacketts und zeigte das Einschussloch einer Gewehrkugel. Wunder gibt es immer wieder. Er war dann Kaufmann geworden. Und wie ein Kaufmann erzählte er immer eine Heilsgeschichte – natürlich seine persönliche – und seine Sündergeschichte, immer dieselbe, wie bei den Anonymen Alkoholikern. Und die anderen taten es ihm nach, aber nicht ganz so gut. Ein Einsteckschussloch in einem ledernen Neuen Testament hatten sie nicht zu bieten. Sie hielten sich eher im Unkonkreten auf.

Als ich das immer mehr begriff, war mir bald klar: Es wird nie etwas Neues gesagt werden. Meine Mitbeter konnten nicht so weit kommen, unserem Herrn Jesus Christus zu berichten, was HEUTE passiert war, wer heute auf sie geschossen hatte, ihnen ein Bein gestellt, sie aus dem Bett geworfen oder verlassen hatte. Sie holten den Herrn nicht in ihr wirkliches Leben. Stattdessen wurde unser Herr Jesus Christus immer nach Russland verschleppt. Aber es wurde nie gebetet und beklagt, dass einer seine Frau geschlagen, die Kinder verdroschen oder seinen Job verloren hatte, dass einer eine todkranke Tochter oder ein Alkoholproblem hatte. All das, was mich eigentlich brennend interessierte: Hallo, wie bewältigst du das Leben? Und was ist daran der Anteil „unseres Herrn Jesus Christus“? Das alles fand da gar nicht statt.

Diese tiefen Gebete der Männer waren im Grunde ein Ritual, genauso wie ein Ave Maria, ein Vaterunser. Nur etwas länger. Sie waren sich dessen nicht im Geringsten bewusst, denn sie sprachen mit Gott als ein Ich zu einem Du. Sie kannten und konnten es nicht anders, denn niemand hatte ihnen beigebracht, aus ihren Regressionen und Traumata aufzuwachen oder darüber hinauszuwachsen und sie so in ihr Leben als eigentliches Evangelium und Geschenk zu integrieren. Sie versenkten sich in ihr Gebet. Aber dieses Beten machte sie nicht stark, die dunkle Wirklichkeit zu betrachten, die nach der Gebetsstunde draußen vor der Tür auf sie wartete. Oder doch? Aber warum saßen sie dann eine Woche später mit demselben Thema wieder auf dem „heißen Stuhl“, mit dem Geruch von Bohnerwachs in der Nase? Sie hatten diese Wirklichkeit wie ein paar Schuhe vor der Tür abgestellt, bevor sie anfingen, mit Gott zu reden. Das war für mich – als Teenager – nicht nur langweilig, es machte mich auch nachdenklich. Das konnte doch nicht alles gewesen sein! Ich wollte unbedingt herausfinden, ob und wie es möglich wäre, dem Herrn Jesus Christus vor allen Dingen meine unaufgeräumten Sachen, mein Zimmer zu zeigen, ihn an den Ort zu führen, an dem ich jeden Tag lebte – mit all den lästigen Hausaufgaben, dem ständigen Schulversagen, der schwachen Muskulatur, dem Chaos in den Schränken und den Postern an der Wand. Es war ein dringlicher Impuls, nach einer neuen Gegenwärtigkeit im Gebet zu suchen. Gebete müssten doch auch erwachsen werden können. Sehenden Auges durch die Täler zu ziehen, bekennend über die Berge ‒ darin könnte ich geschickt sein. Ich war schließlich erkennbar zu schwach, dem allen auszuweichen, „was ER uns bescheret hat, Amen“. Wer schickte mich da auf den Weg des Erwachsenwerdens der Gebete, die die Vernunft nicht leugneten? Die Faszination, dass das Beten das eigentlich Mystische war, hat mich indes nicht mehr verlassen.

Ungefähr zu dieser Zeit wurde ein leitender Bruder aus Taizé für ein paar Nächte von meiner Mutter in meinem Schlafzimmer einquartiert. Sie quartierte immer wieder einmal jemanden ein, meistens in meinem Zimmer. Ihr greiser Onkel Hugo mit dem dicken Bauch war dabei, Kinder aus der kleinen Stadt oder eben fromme Brüder aus dem Burgund. Taizé, das ist die kleine Gemeinde im Burgund, in der Roger Schutz 1949 den Versuch unternahm, in einer ökumenischen Bruderschaft Kontemplation und Kampf, Gebet und politische Reflexion zu vereinigen. Jahre später bin ich hingefahren. Der „Bruder“ in meinem Schlafzimmer, ein Mann um die vierzig, stammte aus einer alten holländischen Adelsfamilie und hatte in Meteorologie promoviert, war dann ausgestiegen und nun weltweit für seinen Orden unterwegs. Ein erster Missionar einer ökologischen Theologie. Ein Bewahrer der Schöpfung. Afrika, Europa ‒ er war wohl überall. Mehr weiß ich nicht mehr. Dass er nun zwei Meter entfernt von mir lag und die kleine Leselampe bis tief in die Nacht brannte, hatte ich meiner Großtante zu verdanken, die ihn einst als Gouvernante großgezogen hatte. Er war ein stiller Mann. Er redete nicht von „unserem Herrn Jesus Christus“, wie die frommen Männer um meinen Großvater und im Christlichen Verein Junger Männer. Er sprach sein Deutsch bis in die letzte Silbe hinein immer ausgesucht und korrekt. Sein Englisch, Holländisch und Französisch wird er wohl ebenso ausgesucht gesprochen haben. Er war still und sanft und extrem aufgeweckt und wach und bis spät nach Mitternacht in Bibellesen und Gebet vertieft. Ich lag in diesen Nächten wach im Bett neben ihm – lauschend, staunend, neugierig. Da war es wieder, dieses Gefühl einer anderen Wirklichkeit, die ganz nah war, zum Greifen und Aufspüren nah wie an Großvaters Mittagstisch, nur eben anders. Da betete ein kluger, akademisch gebildeter Mann nicht auf dem Markt, irgendwo in der Öffentlichkeit und laut mit vielen Worten, nicht einmal in Zimmerlautstärke. Er betete still. Er betete offenbar innen. Er las dann und wann abends in seiner kleinen Bibel und dann legte er sie wieder mit beiden Händen auf der Bettdecke ab und tat nichts. Er lauschte nur in die Nacht. Mehr nicht. Er ließ sich auch durch mich nicht stören. Er war ein Lauschender, der mit dem heiligen Benedikt sein Leben unter ein Wort stellte: Lausche!

Was schickte mir mein Schicksal da für einen Betlehrer an mein Bett und auf meinen frühen Weg? Er war nur eine so kurze Zeit da und vertiefte doch meine Sehnsucht nach einer anderen, mystischen Kommunikation mit dem Göttlichen.

Das Gute liegt so nah

Auf dem Mond fühlte ich

die überwältigende Präsenz Gottes.

Ich spürte seinen Geist so nah,

wie ich es nie auf Erden spürte,

ganz nah, es war umwerfend.

Seitdem bete ich!

(James Benson Irvin, amerikanischer Astronaut, 1930-1991)

Selber beten, statt beten lassen

Warum treten jedes Jahr Hunderttausende aus unseren Kirchen aus und machen sich allein auf den Weg? Sie lassen sich von allem Tamtam und Luther und Co. nicht mehr blenden. Selbst ein neuer Papst ändert nichts daran. Warum reisen Tausende Menschen jährlich in den Fernen Osten, treiben sich auf Tausenden Metern Höhe im Himalaja herum, um dort Buddha oder Konfuzius zu treffen? Warum ziehen immer mehr junge Männer in den sogenannten Heiligen Krieg der Islamisten? Religion ist das Thema unserer Zeit. Und wir hier im Westen verstehen es nicht. Vor fünfzig Jahren zogen die Esoteriker nach Poona zu Bhagwan alias Osho oder nach Puttaparthi zu Sai Baba. Heute fliegen nicht selten dieselben Leute nach Amritapuri, für eine persönliche Umarmung von Amma. Irgendwo in Indien. Indien ist immer gut für die Hoffnung auf Erleuchtung. Auf jeden Fall in einem Ashram. Wieder andere studieren den Ahnenkult Afrikas, errechnen das voraussichtlich endgültige Weltende mit Formeln nach dem Maya-Kalender und versuchen, ihre seelischen Wunden von einem indianischen Schamanen heilen zu lassen. Noch einmal: Warum Khalil Gibran lesen? Warum die Kabbala, das Tao Te King des Laotse, das I Ging? Weshalb können inzwischen so viele Menschen Gedichte des muslimischen Mystikers Rumi auswendig, während sie von den Seligpreisungen Jesu keine Ahnung mehr haben?!

Warum das Gute nicht in der Nähe suchen, warum nicht in der eigenen christlichen Tradition? Es liegt eben nicht mehr so nah, das Gute, unsere eigene alte und ehrwürdige spirituelle Kultur. Was die Ferne der anderen Weisheitslehren und Philosophien ausmacht – ihre Exotik, das Wilde, das Spannende und das, was Hingabe fordert, wenn es wirken soll –, das liegt bei uns gar nicht so nah, wie es die Jesusprediger immer behaupten. Sie verschütten dabei immer mehr von den Perlen des Glaubens. Das Gute unserer traditionellen Spiritualität, das Geheimnis des Gebets und die Technik der Hingabe, ist mehr und mehr von Schutt bedeckt und wird mit jeder Behauptung der auf Moral, statt auf Spiritualität geeichten Kirchenfunktionäre tiefer und tiefer vergraben. Statt den Schatz zu heben, wie sie es immer vorgeben, häufen sie mehr und mehr Abraum auf die Seelen ihrer Mitmenschen. Und deshalb laufen wir weiterhin zum Dalai Lama, suchen unsere Gurus in Indien, reisen Hunderte von Kilometern selbst durch Europa, um uns sogar vor der eigenen kulturellen Haustür von einer Inderin in den mittleren Jahren einfach vor Tausenden anderen in den Arm nehmen zu lassen und zu weinen. Und während wir das tun, lassen wir den Rabbi aus Galiläa – was dasselbe ist wie ein Guru, ein Lehrer nämlich – links liegen. Er bedeutet uns nichts mehr. Und statt auf dem eigenen Acker, im eigenen Herzen und in heimatlicher Umgebung nach den verlorenen Perlen zu schürfen, den Schatz auszubuddeln, wie es ausgerechnet jeder fremde Weise und spirituelle Führer dieser Welt sowieso fordert, holen wir uns das Exotische nach Deutschland an den Familientisch, der kaum noch Kinder und Alte zusammenbringt. Warum eigentlich?

Leute gehen mittlerweile zur vom Arzt verordneten Yogastunde, meditieren in Rehakliniken vor sich hin und auf Teufel komm raus, ohne genau zu wissen, was das eigentlich sein könnte: Meditation. Gehen die da innerlich mit ihren Gedanken um etwas herum und besehen es von allen Seiten? Das wäre ja schon was. Und zwar etwas sehr Mutiges. Sie würden das, was sie erleben, nicht nur immer von einer Seite – aus ihrer Perspektive – betrachten, sondern auch genauso von der gegenüberliegenden Position. Der Schatten schenkt schließlich genauso viel Erkenntnis wie das Licht. Das sagen alle – hier und in der Ferne auch. Sie meditieren also Licht und Schatten und die Krankenkasse zahlt sogar! Aber wenn es ans Beten geht, wenn es heißt, die Hände zu falten und auf die Knie zu sinken – ohne Yogamatte – und Gott zu suchen, dann wird es kritisch: „Rede mir nicht von Beten, rede mir nicht von Gott, rede mir nicht von Jesus oder Maria! Ich kann es nicht mehr hören!“

Eine indische Heilige umarmt – in Europa! – Tausende von Menschen, die sich dann geliebt fühlen und weinend und beseelt wieder nach Hause gehen. Was haben sie da eigentlich bekommen, was kein Mensch sehen kann? Was ist das für ein Stoff? Warum die Investition? Gibt es etwas neben dem Materiellen, was das Materielle zumindest sekundär erscheinen lässt? Aber wenn der Pfarrer in der Kirche vorschlüge, in dieser Tradition am Ende des Gottesdienstes jeden Einzelnen – stellvertretend für Vater und Mutter und Gott und Jesus und die Gottesmutter Maria – zu umarmen, dann riefe jeder natürlich sofort nach der Polizei und dem Sittendezernat. Jede Menge Schuttberge der Vergangenheit und Gegenwart erlauben es keinem mehr, dass er nach dem Menschlichen – nach den Perlen – sucht, die in ihm selbst, in seiner Geschichte, versteckt sind, und die mindestens so tief und voller Weisheit sind wie die, die im ehrwürdigen Tao Te King, in der Bhagavad Gita, den indischen Veden, den Spruchweisheiten von Schamanen und Zauberformeln indigener Völker auf allen Kontinenten und in allen Kulturen zu lesen sind. Es sind theologische Konstruktionen, die über die Jahrhunderte per se den Zugang zur eigenen Tradition versperrt haben. Sie haben sich mit all ihren Regeln, Moralismen, Dogmen und elitären Machtspielchen zwischen Menschen und Gott gestellt. Sie haben jedoch nicht vermittelt zwischen Gott und Menschen, sondern eine echte Verbundenheit mit dem Schöpfer verhindert. Das Privateste, was es gibt – das intime Gebet –, ist beschlagnahmt worden. Die katholische Kirche sagt: „Ich mache das für dich, denn du selbst kannst gar nichts allein machen!“ Und die Wissenschaft hat es noch dreister gemacht: „Du brauchst das gar nicht! Gott ist sowieso tot!“ Aber das ist keine angemessene Antwort auf das tiefe Bedürfnis, auf eine moderne Weise mit Gott in Kontakt zu treten.

„Herr, lehre uns beten!“

Wunderbarer als alles ist jenes Fenster,

das im Innern des Herzens nach der übersinnlichen Welt

des Himmels geöffnet ist,

gleich wie außerhalb des Herzens fünf Türen

nach der sinnlichen Welt führen.

(al-Ghazali, persisch-islamischer Gelehrter, 1058-1111)

Sich auskennen im eigenen Herzen

Die einzige, wirklich wichtige Lehrstunde im Neuen Testament bezieht sich auf diese Bitte: „Herr, lehre uns beten!“ So einfach formulierten Jesu-Jünger ihren Wunsch, nachdem sie ihren Lehrer beobachtet hatten, wie er selbst betete, in die Stille ging, lauschte, sich versenkte, auf seine Weise also seinem Vater nahe blieb. Das war wie ein vorsichtiges Anklopfen und dann wieder Lauschen. Das musste attraktiv auf sie gewirkt haben, weil er es immer wieder so machte. Es gehörte zu ihm und war anders als das Beten, das sie aus den Synagogen kannten. Und weil es wahrscheinlich ihre Sehnsucht geweckt hat, selbst eine solche Intimität zu erleben, irgendwie gottesfühlig zu werden. Also waren sie bereit, auf der Stelle zu vergessen, was sie bisher selbst als Gebet praktiziert hatten, und noch mal ganz von vorn anzufangen: „Herr, lehre uns beten!“

Wie jetzt? Beten neu lernen? Warum denn nicht? Wer heutzutage das Wort „Beten“ hört, dem klingt das Ave Maria oder das Vaterunser in den Ohren. Das heißt Sprechen, Sprechen, Sprechen. Man sieht die Lippen sich bewegen, leise sprechen oder laut. Ein Murmeln, ein Geräusch, selbst wenn man an stummen Leuten, die vor einer Marienskulptur stehen, vorbeigeht. Man hört sie immer noch auf Droge: Labern! Nein, eben nicht! Still! Seid still! Seid endlich still! Das Setting, das Arrangement der universalen Gottesoffenbarung ist die Stille. „Lausche!“, muss es heißen. Große und kleine Betlehrer haben genau das selbst getan und gesagt: „Geh weg vom Marktplatz, vom Bienenstock, vom Clan, von deinem Stamm, deiner Gruppe. Zieh dich zurück, geh in dein Kämmerlein.“ Fasten, die Hände falten, Füße stillhalten. Der Körper ist uninteressant. Augen und Ohren sollen einem keine Botschaften geben, der Finger soll nicht in der Nase bohren, denn da gibt es auch Botschaften. Das übt auch der Zen-Buddhist im Fernen Osten auf seinem Sitzkissen am Boden: keine Physis, keine Sinne, nur INNEN zählt. Es ist alles schon da. Der Zenmeister entzieht sich den neuen Botschaften – da habe ich Schmerzen im Rücken oder im rechten Knie, ich habe Hunger und der Magen knurrt –, davon lässt er ab und wendet sich nach innen.

Im Herzensinnenraum – Ihrer Herzkammer – wartet die erste Möglichkeit des Lauschens: eine Selbstbetrachtung, eine Selbstanalyse. Das ist der längere und tiefere, der lohnendere Weg. Den eigenen Acker muss man in Angriff nehmen und darin graben oder graben lassen, um an die versprochenen Perlen zu kommen. Jeder von uns ist längst eine eigene Welt mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es kommt nicht darauf an, sie protestantisch hemdsärmelig zu verändern. Es kommt darauf an, sie zu betrachten. Wir sind nicht Gottes fehlende Hände. Ich bin eben ein Betlehrer und frage Menschen, ob sie Zeit und Lust haben zu beten. Von allen Seiten müssten sie betrachten, was gerade erscheint, was sie eben gerade in sich selbst finden.