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Katharina Middendorf

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360 GRAD

Über die Liebe, den Tod und
den Mut zum Weitermachen

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© Theseus in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld 2017

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Für Lea und Naya

INHALT

Vorwort

Prolog

180 Grad /1

Bestimmung

Silbertablett

Abschied nach vorne

Ja

Monsunbaby

Ein ganz normales Leben

180 Grad /2

Wendepunkt

Krebs

Der Weg

Leben und Tod

Abwärtsspirale

Station Ende

Ende

Verbrannte Erde

Heaven’s Touch

360 Grad

Leben danach

Epilog

Prinz der Schwerter

Nachwort

Anmerkungen

Dinge, die weiterhelfen können

Danksagung

Über die Autorin

VORWORT

Dieses Buch gibt einen Einblick in ein Leben, das durch große und dramatische Veränderungen geprägt ist. Es sind Veränderungen, die an die Randbereiche der in unserer westlichen Welt komfortablen Lebensweise gehen. Alles hier Erlebte schließt an vielen Stellen sichtbar den Tod mit ein. Der Tod ist ganz generell ein Grundmotiv des Lebens, und dies wurde mir in meinem persönlichen Leben schon recht früh deutlich. Dieser frühe Kontakt mit Vergänglichkeit und die für alle Menschen geltende Tatsache, dass der Tod im Leben unumgänglich ist, löst in der Regel zwei Dinge aus: die Vermeidung des Todes und auch die Konfrontation mit ihm, sei es im Kleinen, wenn wir etwas loslassen, oder im großen Sterben.

Der Tod zeigt sich in diesem Buch als eine der Hauptantriebsfedern für den Wunsch, im Leben frei zu werden. Mein Weg, diesem Wunsch, ob unbewusst oder bewusst, unaufhörlich zu folgen, hat mich aufgrund frühkindlicher Erlebnisse und den daraus resultierenden Verhaltensmustern immer begleitet, und das Leben hat dafür immer wieder extreme Ereignisse bereitgestellt.

Es sind die zwei Seiten einer Medaille: die Triebfeder der Dramatik im Innen und die Schicksalsereignisse im Außen.

Die extremen Ereignisse wiesen nicht nur oft den Weg hin zur Freiheit, sondern führten gleichzeitig auch dazu, dass ich vor der Freiheit weggelaufen bin. Ich versuchte dann die Leere immer wieder zu füllen, bis das Füllen an seine Grenzen stieß und sich immer öfter ein bodenloses Loch auftat, das nicht mehr geschlossen werden konnte. Und selbst dann hat die Angst wieder Mittel und Wege gefunden, um der einen unvermeidbaren Aufgabe auszuweichen: sich der Leere zu stellen, bis sich hinter der Leere und der Angst die Liebe und die Fülle – und damit die Freiheit – entfaltet.

Dieser duale Mechanismus, zum einen den positiven Antrieb zu spüren, alles zu riskieren, um Freiheit zu erleben, und zum anderen das Muster, durch das Drama extremer Vorfälle Leere zu füllen, führt zu dem primären Spannungsfeld auf dem hier beschriebenen Lebensweg.

Auf diesem Weg gab es kein einmaliges Transformationserlebnis, auf das ein „einmal gut, immer gut“ folgte. Es gab immer wieder Drehungen, Wendungen und neue Etappen, und dieser Weg bildet keine Linie, sondern eine Spirale, in der ich immer wieder an ähnliche Punkte kam, die sich dann aber an einer höheren Stelle befanden.

Und so war das Einzige, was ich tun konnte, um zu wachsen, einfach nicht stehen zu bleiben. Jedes Weitergehen ist zwangsläufig ein Schritt weiter in der Selbsterfahrung. Und warum sollten wir sonst hier sein, wenn nicht, um uns selbst zu erfahren?

Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Buch schreiben soll, ob ich mich auf den Drahtseilakt einlassen soll, über Vergangenes zu schreiben. Bei der Klärung dieser Frage beschäftigte mich auf der einen Seite das Problem, dass sich in der eigenen Erinnerung Ereignisse umso mehr verändern, je mehr Zeit vergeht, und dass sich auch die Haltung dazu ändert, je mehr Zeit vergeht. Ich hatte die Vorstellung, dass das Aufschreiben plötzlich etwas „in Stein meißeln“ würde, was nicht in Stein gemeißelt gehört, und dass es für diejenigen unter den Lesern, die meine Geschichte auch betrifft, schwierig sein könnte, diesen „gemeißelten Stein“ zu betrachten.

Wahrscheinlich schreiben Menschen auch deshalb oft erst Autobiografisches, wenn sie am Ende ihres Lebens angekommen sind. Nachdem ich das Buch mehrmals neu geschrieben habe, weil sich das Wesentliche darin einfach nicht einfangen ließ, habe ich mich schließlich dazu entschieden aufzuhören, es einfangen zu wollen. Und so sehe ich bereits jetzt nach Fertigstellung des Buches schon wieder viele Dinge mit anderen Augen und tatsächlich sogar auch mit einer anderen Erinnerung. Das bedeutet nicht, dass hier nicht die Wahrheit steht. Es gibt einfach nur so viele Wahrheiten.

Dass alles im Leben mehrere Seiten hat und viele Sichtweisen möglich sind, sollte für mich aber kein Grund sein, mich darum zu winden, eine Meinung zu haben. Stellung zu beziehen war ein wichtiger Aspekt im Entstehungsprozess dieses Buches und ist gleichsam auch ein wichtiger Grund dafür, wie ich mich entschieden habe zu leben: in der Weite der Möglichkeiten und in der Klarheit des Augenblicks.

Und so ist dieses Buch eine Ansammlung von Augenblicken – Augenblicken, die Weite zulassen sollen für Erschütterung, Kopfschütteln, Weinen, Freude, Irritation. Denn ich bin sicher, dass das, was die Leser alles fühlen und denken werden, an vielerlei Stellen auch in meinem Kopf und Herzen vorging und dass letztlich ohnehin immer die Gesamtheit von allem in etwas vorhanden ist. Nur habe ich damals im Moment des Erlebens eine bestimmte Sicht auf die Wirklichkeit gewählt und jetzt beim Schreiben möglicherweise eine etwas andere. Und dabei habe ich gelernt, dass es darauf ankommen kann, welche Wirklichkeit man wählt, um für sich Sinn zu erlangen. Eine gute Freundin sagte einmal zu mir auf die Frage, woran ich die richtige Entscheidung spüren könne: daran, dass sie für alle zuträglich ist.

Ich hatte da nicht sofort verstanden, was damit gemeint sein könnte, denn meine Freundin ist ein sehr weiser und differenziert denkender Mensch und würde mir sicherlich nicht vorschlagen, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Ich habe es für mich so interpretiert, dass ich bei meinen Entscheidungen alles mitdenken und jeden bedenken soll und mich erst dann entscheide, wenn ich um die Konsequenzen weiß. Dazu gehört auch, überhaupt darum zu wissen, dass ich als Mensch Entscheidungen treffen muss. Und ich kann diese nicht für andere treffen, aber kann andere dabei im Herzen haben, ob sie subjektiv darunter leiden werden oder nicht. Was ich auf diesem Weg erfahren habe, ist, dass ich, egal welche Entscheidung ich getroffen habe, immer damit leben und sogar wachsen konnte, wenn ich dabei alles in mein Herz mit eingeschlossen habe. Ob ich diese Entscheidung dann im Nachhinein noch einmal so getroffen hätte oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

Und vor diesem Hintergrund konnte ich mich entschließen, eine Geschichte aufzuschreiben, die eigentlich nicht in Worte zu fassen ist.

Ein weiterer Grund, der mich immer wieder zögern ließ, dieses Buch zu schreiben, war die Frage nach dem Warum. Und es kann viele Gründe geben, warum man ein Buch schreiben will: Anerkennung, eigene Verarbeitung, Hilfestellung geben, Freude am Schreiben, Egozentrik, Talent und noch vieles mehr. Ich habe viele autobiografische Bücher gelesen, die alle diese Beweggründe mehr oder weniger berührten. Und so musste ich mich mit dieser Frage beschäftigen, denn ich wollte kein Buch schreiben, von dem ich nicht genau wusste, warum ich es schreibe. Zunächst schrieb ich es für die eigene Verarbeitung. Diese Entwürfe sind mittlerweile gelöscht bzw. stark überarbeitet. Die folgenden Versionen galten dem Versuch, Hilfestellung zu geben. Dabei verlor die Geschichte ihre Kraft und die Bilder verblassten hinter der gut gemeinten Anstrengung der Erklärung. Auch diese Entwürfe sind mittlerweile nicht mehr da. Zu guter Letzt bin ich wieder dahin zurückgekehrt, wo ich am Anfang gestartet war: zu meiner Geschichte. Doch mit den gescheiterten Versuchen im Hintergrund und dem zeitlichen Abstand bin ich an den Punkt gelangt, diese meine Geschichte zu einer Geschichte zu machen. Es ist eine Geschichte von vielen, und sie dient dazu zu zeigen, dass, auch wenn jedem Menschen im Laufe des Lebens die eigenartigsten Dinge passieren, es darum geht weiterzugehen, mutig nach vorne zu gehen, dem eigenen Stern nach. Es geht darum, sich nicht entmutigen zu lassen von den Turbulenzen des Lebens, sondern das zu tun, was wir tief im Inneren vielleicht manchmal als unsere Pflicht spüren können: die Dinge zu nehmen, wie sie sind, das Beste daraus zu machen und zu wissen, dass, selbst wenn wir am Boden sind, auch das nur ein kleiner Ausschnitt einer viel größeren Geschichte ist.

Und diese Geschichte heißt „Leben“.

PROLOG

Mallorca, Sommerurlaub 1984

Das Badezimmer ist voller Blut. Mein Vater übergibt sich und Teile seiner Organe abwechselnd der Toilettenschüssel und dem Waschbecken. Ich bin sechs Jahre alt und allein mit meinem sterbenden Vater auf Mallorca im Hotelzimmer. Draußen sind es 35 Grad Celsius und Sonnenschein.

Ich muss um Hilfe gerufen haben, denn ein paar Stunden später sitze ich neben einer netten Stewardess der TUI im Flieger und werde mit Merchandising überhäuft. Mein Vater ist in der Zeit vermutlich schon im OP, wo er gerade stirbt.

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180 GRAD /1

There are three things I do when my life falls apart
Number one I cry my eyes out and I dry up my heart
Not until I do this will my new life start
So that’s the first thing that I do when my life falls apart.1

Jason Mraz2

BESTIMMUNG

Darüber, dass das Neue erst dann spürbar werden kann, wenn man die Schutzmauern der Gewohnheit verlässt.

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„Glaubst du, dass wir füreinander bestimmt sind?“

So beginnt meine Geschichte – mit einer Frage, die jeder Beziehung zwangsläufig das Genick brechen muss. Und diese Frage passt eigentlich auch ganz gut zu meinem Charakter und meinem Streben nach Wahrhaftigkeit. Bis dahin waren die Folgen meiner Authentizitätssuche eigentlich immer gut abgefedert geblieben, doch zum Zeitpunkt dieser Frage war ich nicht mehr drei, 15 oder 24 Jahre alt, sondern ich ging auf die 30 zu, lebte seit Jahren in einer festen Beziehung und hatte mir in einer schwer umkämpften Branche eine wirklich gute Stellung als Kreativdirektorin aufgebaut. Alles war eigentlich gut, geradezu perfekt, wie auf Schienen. Auch die Beziehung verlief harmonisch und zugewandt, meistens, und erregte zumindest bei niemandem, nicht einmal bei uns selbst, den Verdacht auf Trennungspotenzial.

Nach außen wirke ich wie ein recht geerdeter Mensch, der sein Leben sehr geradlinig lebt, trotz erschwerter Startbedingungen wie etwa den Alkoholismus meines Vaters und sein früher Tod. Ich hatte eigentlich immer ein gutes Leben, auch wenn wir zwei oder drei Mal umgezogen sind und das schwierig für mich war. Selbst meine Magersucht mit 15 würde ich noch unter „durchaus gängig“ verbuchen, denn schließlich ging ich nie unter die Verhungerungslinie. Ich begab mich in Therapie und kriegte mein Leben mit Studium, Freunden und Beziehungen gut auf die Reihe. Es fiel auch gar nicht weiter auf – weder mir noch den anderen –, denn es waren die 90er-Jahre des Modelzeitalters und da war es angesagt, sehr dünn zu sein.

Doch was niemand merken konnte, war mein ungeheurer innerer Drang nach Selbsterkenntnis, Selbsterforschung oder wie man es auch immer nennen mag, wenn man sich die ganze Zeit selbst beobachtet und sich ständig fragt, ob das, was man fühlt, denkt und macht, richtig ist, weil man überzeugt ist, dass es das eine Richtige gibt für jeden Menschen, einen Plan, den man im Leben zu erfüllen hat. Und weil man diesen Weg gehen und sich nicht in Bequemlichkeit verstecken möchte vor dieser einen Bestimmung. Das sind große Worte, und ob diese Sichtweise tatsächlich so ehrenwert ist, wie ich zu vielen Zeiten meines Lebens annahm, soll hier mal dahingestellt bleiben.

„Glaubst du, dass wir füreinander bestimmt sind?“

„Was meinst du?“

„Na, glaubst du, dass wir füreinander bestimmt sind?“

„ … “

„ … “

Zum Zeitpunkt der Frage hatte jedenfalls dieser Mechanismus die Führung übernommen, denn der Impuls, die Frage zu unterdrücken, hatte gegen die Wucht des Ausbruchs keine Chance. Während die Worte aus mir strömten, wurde alles um mich und uns herum ganz ruhig und still wie in einem Film, in dem eine Kugel langsam auf das Gegenüber zufliegt und der Zuschauer alles in Zeitlupe sieht. Ich hatte abgefeuert und beobachtete mein Gegenüber. Im Moment des Einschlags herrschte für einen kurzen Moment Überraschung und dann kam eine recht desinteressierte Nachfrage, was denn damit gemeint sei. Ich war froh über das vermeintliche Übergehen des Elefanten im Raum und wir verbrachten noch einen schönen Urlaub zusammen.

Kommt so eine Frage wirklich aus dem Nichts? In den nächsten Wochen hatte ich Zeit, darüber nachzudenken und dabei zu merken, dass ich die Beziehung schon lange nicht mehr wirklich als meinen Weg sah. Das Ungerechte war nur, dass ich das so gar nicht formulieren konnte, weder für mich noch für meinen Partner. Denn das, was da in mir vorging, hatte eigentlich gar nichts mit meinem Partner oder unserer Beziehung zu tun, sondern ganz allein mit mir und meinem Leben. Ich würde es fast eine verfrühte Midlife-Crisis nennen, in der man alles Erstrebte erst einmal erreicht hat und sich fragt: Und nun?

„Glaubst du, dass wir füreinander bestimmt sind?“

Weil ich selbst auf diese Frage überhaupt keine Antwort hatte, wollte ich von ihm eine Antwort und zerstörte damit alles, was im Weg war, um für das Neue, was immer das auch sein sollte, Platz zu schaffen.

Und so saß ich zwei Monate nach der Frage, auf deren Beantwortung sich eigentlich keiner von uns je richtig eingelassen hatte, in einer eigenen Wohnung und schaute auf die Scherben meines Lebens, die jetzt ganz klar vor mir zu liegen schienen. Ich war 29, Single und hatte keine Ahnung, was ich mit meinem Leben machen sollte. Das veranlasste mich zunächst dazu, die Scherben zusammenkleben zu wollen und alles wieder rückgängig zu machen. Plötzlich kam mir die Idee, zu heiraten und Kinder zu kriegen und die Zweifel darauf zu schieben, dass wir diesen Schritt nicht gegangen waren. Doch dieses Mal blieben die Scherben liegen, und meine Handlungen, die bislang immer liebend aufgenommen worden waren, blieben, was sie waren: Zerstörung.

Ich geriet in Panik und spürte nichts mehr von meinem anfänglichen Selbstbewusstsein und Schaffensdrang, der die Trennung maßgeblich initiiert und vorangetrieben hatte. Jeder Schritt der Auflösung hatte sich sehr kraftvoll und gut angefühlt, weil endlich etwas passierte. Ich war hungrig nach dem Leben, nach Veränderung, nach Vollgas. Doch kaum war die Waschmaschine angeschlossen und das Bett in der neuen Wohnung aufgebaut, kamen die große Leere und die Vermutung, dass ich mich da in eine ganz schöne Sackgasse manövriert hatte. Die Leere füllte ich mit Versuchen, alles wieder zurückzuerobern, und ich verlor mich in Träumen über eine romantische Neuzusammenführung und die Fortsetzung unserer Beziehung. Die zweifelnden und nagenden Gefühle der letzten Monate oder Jahre waren wie weggeblasen. Dieses Mal war ich allerdings gründlich gewesen und hatte durch die Wohnungsauflösung Bedingungen geschaffen, die erst einmal nicht so einfach auf Anfang zu stellen waren. Darüber hinaus hatte ich viel zu viele Zweifel tatsächlich ausgesprochen, sodass diese begannen, Realität zu werden.

Ich ging oft zum Yogaunterricht, mit dem ich während meines Marathon-trainings begonnen hatte. Mit dem Laufen hörte ich allmählich auf, weil ich nicht mehr davonrennen musste, weil ich ausgebrochen war. Mir wurde immer klarer, dass ich nicht länger vor mir selbst davonlaufen konnte. Ich hatte Bedingungen für einen Neuanfang geschaffen, der jetzt nur noch kommen musste. Ganz naiv vertraute ich darauf, dass er auch bald kommen würde, und kam gar nicht auf die Idee, selbst aktiv zu werden. Ich fand, dass das Abbrechen von Altem genug Aktion gewesen war, und wollte nun einfach gefunden werden vom Neuen, von meiner Bestimmung. Also ging ich weiter zur Arbeit und zum Yoga und versuchte mich in meiner neuen Wohnung gemütlich einzurichten.

Was mir zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal richtig bewusst wurde, war, dass meine Handlungen tatsächlich Konsequenzen haben. Ich merkte, dass ich mitten in der Handlung selbst zwar um die Konsequenzen wissen kann, aber dabei von einem derart starken Impuls getrieben werde, dass dieser unglaublich viel Kraft freisetzt und sich verselbstständigt. Damals konnte ich noch nicht erahnen, dass das Schaffen von Raum nicht direkt in die Freiheit führt, sondern erst einmal den Verlust jeglichen Halts im Außen bedeutet. Zu dieser grenzenlosen Weite kann man sich zwar auf einer bestimmten Ebene in gewissen Momenten bereit fühlen, aber die Tragweite dessen zu verstehen erfordert oft mehr Reife, als man zu dem Zeitpunkt besitzt. Das wurde mir unter der Oberfläche der Einsamkeit klar und ich merkte, dass ich nun nachträglich in den Reifeprozess eintreten musste und dass dieser Prozess wenig mit Erwachsenwerden im üblichen Sinne zu tun haben würde, sondern damit zu lernen, das innere Kind in mir zu führen und mich weder von seinen Impulshandlungen leiten zu lassen noch mich von seiner inneren Einsamkeit hinreißen zu lassen.

Doch all das waren zu diesem Zeitpunkt noch keine klaren Gedanken, sondern eher unter der Haut pulsierende Gefühle, die sich langsam ihren Weg ins Bewusstsein bahnten. Es geschah langsam, denn ich verfügte noch über keinerlei Möglichkeiten, mit diesen Einsichten umzugehen. Sie kamen also in kleinen Portionen. So erlebe ich es oft in meinem Leben: Zum einen ist da eine wohlwollende, ordnende Kraft, die nur so viel Erkenntnis weitergibt, wie ich im Moment annehmen kann und zum anderen macht sich das gesamte, unter der Oberfläche schon präsente Wissen bemerkbar und drängt danach, erfahren zu werden. Dieses Kräftespiel sorgt in meinem Leben immer wieder für Unruhe – eine Unruhe, die durch Handlungen, egal welcher Art, nachlässt, sodass ich wieder ruhiger werde. Deshalb fallen mir große Veränderungen nicht schwer, denn ich spüre dann für einen kurzen Moment einen Anflug tiefer Stille. Das ist für mich ein Hinweis darauf, warum mein Leben bisher ein so unglaubliches Tempo hatte und ich mit dramatischen existenziellen Fragen konfrontiert war. Ich bin damit gefordert, mich dem Thema der Stille auf besondere Weise zu stellen: nachhaltig, entspannt und mitfühlend mit mir selbst und anderen. Es geht darum, Wege in die Stille zu finden, die jenseits der Handlungseuphorie, des Schocks, des Traumas oder der gesamten Zerstörung liegen, also die Stille in der Harmonie zu erfahren, in der Liebe, im Jetzt.

Ich fühlte, dass ich auf dem Weg war, aber ich hatte keine Ahnung, wie der verlaufen sollte. Also wartete ich innerlich, während ich äußerlich offen auf alles zuging, was sich an Möglichkeiten bot. Bei genauerem Hinsehen brachten all diese Möglichkeiten keine wirkliche Veränderung im Sinne meines Weges, so wie ich ihn erahnte, sondern einfach nur jeweils eine andere Version meines bisherigen Lebens. Ein anderer Partner, ein anderer Job, eine andere Stadt – nein, darum ging es mir nicht. Ich wartete auf etwas Allumfassenderes, auf einen Ausstieg, auf eine neue Perspektive.

Im Nachhinein bin ich unheimlich froh, dass ich gar nicht wusste, dass ich wartete. Denn wie wahrscheinlich wäre es gewesen, dass so etwas eintritt? Und wie wahrscheinlich wäre es daher gewesen, dass ich mit dem Warten aufgehört hätte? Ich war einfach ganz sicher, dass sich aus der Leere etwas ergeben muss, was es rechtfertigte, in die Leere gegangen zu sein. Und mit dieser kindlichen Gewissheit traf ich dann, nur einen Wimpernschlag von zwei Monaten später, auf Julian.

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SILBERTABLETT

Über die Geschenke, die kommen, wenn man seinem Wunschzettel des Lebens wieder Aufmerksamkeit schenkt.

Als er mich fragte, ob ich mit ihm kommen wolle, gab es nur eine Antwort. Ich war selten in meinem Leben so klar. Jenseits aller Vernunft sagte ich immer und immer wieder Ja, als gäbe es gar kein Nein. Seine Frage war wie ein Silbertablett, das man mir vorhielt, nachdem ich vor Kurzem erst aus meinem goldenen Käfig geflohen war. Zwischen dem goldenen Käfig und dem Silbertablett lagen nur ein paar Yogastunden, ein paar Kinobesuche und mein 30. Geburtstag.

Ein paar Wochen nach der Trennung von meinem langjährigen Partner, meinem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung und dem Anschließen der Waschmaschine fuhr ich zu einem Yogawochenende ins Umland. Ich saß in meinem Auto und hielt mich mit beiden Händen am Lenkrad fest, denn es war so stürmisch draußen, dass ich kaum die Kontrolle über den Wagen hatte. Ähnlich sah es in meinem Inneren aus. Ich hielt an der Hoffnung fest, wieder in mein altes Leben zurückkehren zu können, während draußen der Sturm des sich anbahnenden Neubeginns bereits tobte. Doch mit jedem Kilometer, den ich aus der Stadt hinausfuhr, wurde die Traurigkeit über das Vergangene weniger, die Angst vor dem Ungewissen kleiner und das Gefühl, das Richtige zu tun, größer.

Als ich das Seminarhaus betrat, begrüßte mich Julian, der Yogalehrer, fröhlich, überrascht und sehr herzlich. Ich war ein wenig verunsichert über so viel Freude über mein Dasein. Später sagte er mir, dass er sich schon in den Yogastunden sehr zu mir hingezogen gefühlt habe und dass er, als ich bei dem Wochenende auftauchte, froh gewesen sei, mich besser kennenlernen zu können.

Ich hingegen verbrachte das Wochenende damit, mein Alleinsein genießen zu lernen, denn es fühlte sich gar nicht so schlimm an, wie ich es befürchtet hatte, sondern vielmehr wie eine Wohltat. Es ist schon verwunderlich, wie die Angst sich manchmal genau vor die Dinge stellt, die einem eigentlich sehr liegen und guttun. Die große Angst vor dem Alleinsein, ohne Partner, Freunde, meine Wohnung und all dem, was mir Halt gab, war also nur ein großes Schreckgespenst gewesen, das mir einredete, die Reise zu mir selbst besser nicht anzutreten. Zum ersten Mal in den hektischen letzten Monaten der Trennung, des Aufbruchs, der vielen Arbeit hatte ich Zeit, intensiv Yoga zu praktizieren – nicht zwischen Tür und Angel, sondern ganz ausschließlich.

Kaum schreibe ich diese Worte nieder, meldet sich die kritische Stimme in meinem Kopf und beginnt zu flüstern: „Dann war Yoga dein Ersatz für die Dinge, die dich sonst vom Alleinsein abhielten. Du warst also gar nicht richtig allein, sondern beschäftigt mit Yoga.“ Diese Stimme kenne ich gut. Sie kommt meistens unmittelbar nach einer positiven Erkenntnis über mich selbst. Wie ein Haar in der Suppe legt sie sich auf die gerade erst gewonnene Freude über mich selbst. Ich habe viele Möglichkeiten ausprobiert, dieser Stimme zu begegnen. Lange habe ich ihr geglaubt und nach ihr gehandelt. Ich habe mich abgewertet und weiter versucht ihre Zustimmung zu erhalten, indem ich noch mehr geleistet und noch mehr gegeben habe, um diese hohen Ansprüche zu erfüllen. Doch liefen diese Bemühungen stets ins Leere, da sich hinter der Stimme gar kein Ansporn verbarg, sondern einfach nur die grausame Lust an der Macht über mein Wohlbefinden. Als ich das allmählich merkte, begann ich die Stimme zu ignorieren. Doch das fühlte sich zunächst an wie weglaufen, weil ich sie weit hinten immer noch hören konnte. Dann nahm ich meinen Mut zusammen, wurde trotzig und stellte mich ihr entgegen: „Wenn ich mit dem Rauchen aufhöre und stattdessen Süßigkeiten esse, ist das immer noch besser als Rauchen. Und so ist Yoga, wenn auch vielleicht eine Ersatzdroge gegen meine Einsamkeit, immer noch besser, als einer Beziehung nachzurennen, die keinen je richtig glücklich machen wird.“ Trotz und Wut machten mich so für kurze Zeit stark und halfen mir, mich der Angst entgegenzustellen. Dabei war ich aber immer noch gefangen, gefangen im Gegenargument, in der Diskussion, und das gab der Angst Kraft, gerade weil ich versuchte, ihr diese zu nehmen. Also ging ich dazu über, mich mehr mit mir selbst zu beschäftigen als mit der Stimme. Ich ließ sie sozusagen unangetastet und setzte meinen Fokus einfach um. Das war etwas anderes als das anfängliche Ignorieren, denn es ging gegen niemanden, sondern war für etwas. Ich begann mich für mich selbst einzusetzen.

An diesem Wochenende bedeutete das, dass ich die Zeiten genoss, in denen ich spürte, dass ich Kraft habe, dass ich flexibel bin, dass ich still sein kann. Ich entdeckte neue Seiten an mir oder nahm vielmehr Seiten an mir wahr, für die sonst kein Raum gewesen war und die ich mir nicht zugetraut hätte. Und das machte mich offen und weich, so offen, dass ich nicht nur anfing, mich selbst anzusehen, sondern auch die anderen um mich herum. Gespräche wurden möglich, die zu Hause nie möglich gewesen wären. Verbundenheit entstand, die zu Hause einer Erklärung bedurft hätte. Diese Offenheit verwunderte mich. Besonders wunderte ich mich über Julian, der so gar nicht einzuordnen war und sich mir mit einer Verbindlichkeit widmete, die mich irritierte, denn in ihr lag nichts Sexuelles, nichts Wollendes, nichts Darstellerisches. Und diese Antennen funktionieren bei mir seit jeher sehr gut: Wenn jemand etwas von mir will und das als etwas anderes tarnt, setzen Abwehrinstinkte ein, die ich schon als Kind früh aktivieren musste, wenn mein Vater Nähe bei mir suchte, die ich nicht geben wollte, weil ich spürte, dass es nur darum ging, seine Leere zu füllen, und nicht darum, mir nah zu sein. Nichts von dem war hier spürbar. Ich war verbunden und frei und Julian ein Mensch, der das anscheinend ebenso konnte und lebte wie ich. Das ließ mich weiter offenbleiben für diesen Menschen, der weinen konnte wie ein Kind und lachen wie ein Irrer.

Während einer abendlichen Unterrichtsstunde las der Yogalehrer eine Textstelle aus einer alten indischen Schrift vor, in der es darum ging, dass die Hauptperson in einen Kampf ziehen muss, bei dem auf beiden Seiten Verwandte und geliebte Menschen stehen. Der Held verzweifelt über den inneren Konflikt, handeln zu müssen und doch zu wissen, dass er, egal für welche Seite er sich entscheidet, jemanden aus seiner Familie wird töten müssen.3