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Maria von Blumencron
Am Ende der Welt ist immer ein Anfang

Lektorat: Ursula Kollritsch
Projektleitung: Anne Petersen
© Aurum in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH
info@j-kamphausen.de
www.weltinnenraum.de
Umschlag: Kerstin Fiebig, ad department
Innensatz: Sabine Schiche, ad department

E-Book Gesamtherstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt a. M.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage 2017

ISBN print 978-3-95883-164-3

ISBN eBook 978-3-95883-165-0

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Alle Angaben in diesem Buch sind von Autor und Verlag
sorgfältig geprüft. Jegliche Haftung für Personen-, Sach- und
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am ende der welt
ist immer ein anfang

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roman

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Wenn du deine Biografie
auf eine Briefmarke schreiben kannst
und immer noch Platz ist,
möchte ich dich treffen.

Sri Mooji

Für
S. J. D.

Für
H. A. M.

Für
P. D. L.

Für
Papa und Mama

Für
Ihro Hochwohlgeboren
Wolken-Oma Freifrau von Blumencron

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INHALT

TEIL 1 DEUTSCHLAND

Wer bin ich, wenn alles wegbricht?

Der Wind in den Tannen

45 Jahre später …

Wie Wolken-Oma einen Dieb aus unserem Garten vertrieb

Der Alfa Romeo Spider

Gott ist es egal, ob es ihn gibt oder nicht

Gottes Paradiesgarten

Die rettenden Grafftis

Frizzi und Franzi

Die Prinzessin aus der Schublade

Frozen François

Die schöne Frau aus dem Norden

Ein Rollator für Indien

In Wahrheit bin ich ein Mann

Die erfrorenen Tränen

Dr. Sonnfrieds Ökotensor

Die Schwarze Madonna

Der wilde Kaiser ist in Wahrheit eine Kaiserin

Der sprechende Stammbaum

Das Weinen im Schloss

Fensterputzen gegen Staatsschulden

Das kleine Mädchen auf dem Grunde des Meeres

TEIL 2 INDIEN

In Indien laufen zum Glück ein paar mehr Erleuchtete rum

Die Botschaft der alten Kastanien

40 Jahre später …

Die Schwarze Madonna im indischen Luftraum

… „Deva Maria“

Das pinkfarbene Strandtuch

Hello to the Queen!

Warten auf Maria

Die Aussteuer ist eine Steuer zur Daseinsberechtigung einer Frau

Mario der Zigeuner

Wenn Lebensbäume zu sprechen beginnen

Freyas Seele vor meinen Augen

Wenn an der Höhlenwand die Bilder ausgehen …

In die Gegenwart eines Meisters musst du dich hineinfallen lassen

Mother Ganga

Der Balkon über dem Ganges

Das weiße Feuer

Merci, Chérie

Bipolarer Magnetismus

TEIL 3 FRANKREICH

Von der Baroness zur Nomadin

Bretonische Memoiren

30 Jahre später …

Was heißt eigentlich „Brezel“ auf Französisch?

Eine Hutschachtel an Bord

Ein blaues Feuerzeug zwischen gelben Narzissen

Im Kessel mit Mutter Erde

Abschied von Köln

Chansons d’Amour

Ich wurde auf Engelsflügeln zu dir getragen!

Im Land der Katharer

Eine Einladung vom Schloss

Von der Baroness zur Nomadin

Epilog

Danke Merci Danke

Über die Autorin

„Bonjour, ich bin eine Autorin aus Deutschland. Gestern habe ich den letzten Punkt unter mein neues Buch gesetzt und müsste noch schnell ein Vorwort dazu schreiben. Haben Sie vielleicht ein warmes Plätzchen für mich?“

„Bien sûr! Enchantée! Kommen Sie mit! Was wird das denn für ein Buch, wenn ich fragen darf?“

„Eine fiktionalisierte Lebensbiografie, meine Geschichte … und ein Roadmovie.“

Liebe Leser und Leserinnen!

Liebe Freunde und Freundinnen!

Liebe Bluts- und liebe Seelenverwandte!

Liebe Unbekannte!

Seit zweieinhalb Jahren befinde ich mich auf Durchreise. Diese Zeilen schreibe ich auch von unterwegs. Aus der hübschen Stadtbücherei von Mirepoix.

Mirepoix ist ein malerisches Städtchen in Südfrankreich mit alten Fachwerkhäusern auf hölzernen Arkaden. Im Mittelalter war Mirepoix eine Hochburg der Katharer, jener aufständischen Christen, die sich nicht nur gegen die pervertierte Kirche in Rom, sondern auch gegen das französische Königreich auflehnten. Dies war die Geburtsstunde der Inquisition …

Warum ich ausgerechnet im Land der mittelalterlichen Aussteiger gelandet bin, davon erzählt dieses Buch. Denn Sie halten das Lebensbekenntnis einer unverbesserlichen Weltverbesserin in den Händen, die ihr eigenes Leben vor einigen Jahren gegen die Wand fuhr. Totalcrash. Ohne Vollkaskoversicherung. Und dummerweise schleppt der ADAC nur liegen gebliebene Autos, nicht aber gestrandete Kulturschaffende von den Standstreifen des Lebens ab.

Was aber tun, wenn der Kühlschrank wochenlang leer bleibt und einem der Sprit ausgeht, um weiter ein funktionierendes Rädchen im Getriebe dieser Gesellschaft zu sein? Wenn man nur noch ein zerbröckeltes Leben in seinen Händen hält und einen Laptop dazu? Als Autorin war der Fall klar. Und da ich nichts mehr zu geben hatte, außer meinem Leben, habe ich mit meinem alten Apple die Trümmer aufgesammelt und neu sortiert. Was am Ende herauskam, war erstaunlicherweise kein Drama, sondern eine unterhaltsame Komödie.

Diese Erfahrung möchte ich mit Ihnen teilen:

Wenn es Ihnen so richtig mies geht; wenn gar nichts mehr läuft, außer der Nase; wenn der Geldautomat Ihre Karte verschluckt oder der Zwangsvollstrecker einen Kuckuck an Ihren Flachbildschirm kleben möchte. Wenn Sie Ihren Job, Ihr Erbe und Ihre Sehkraft leichtfertig verspielt haben; wenn Ihre Hormone verrücktspielen und der Vermieter mitten im Winter Eigenbedarf ankündigt; wenn Ihr Haus geflutet und ihre Liebe von einem Orkan weggefegt wird; wenn kein Hausmittel mehr gegen all die Versagensängste hilft … spätestens dann ist es Zeit, sich eine Auszeit aus den Dramen des Lebens zu nehmen, sein Engagement an den staatlichen Bühnen der Welt niederzulegen und im Zuschauerraum Platz zu nehmen. Um sich den ganzen Wahnsinn einmal von außen anzusehen.

Mit dem gewissen Abstand werden auch Sie einer Meisterkomödie zuschauen.

„Das Traurige ist nur dann traurig, wenn es auch schön ist“, heißt es in Russland.

„Das Schöne leuchtet nur dann, wenn es auch lustig ist“, sagt Lucy, die Sie bald kennenlernen werden.

Je öfter Sie stolpern, je tiefer Sie fallen und je fürchterlicher Sie sich dabei blamieren, desto besser für die Geschichte. Lachen Sie über sich selbst, als wären Sie Bridget Jones, Mr. Bean und Meg Ryan in einem! Und wenn Sie dazwischen auch mal weinen müssen … gut so! Denn Tränen sind das Salz unserer Erde. Regenbögen werden aus Licht und Wasser gemacht. Sie sind die Triumphbögen unserer Seele, die immerzu nach neuen Erfahrungen strebt.

Mein Leben bis hierhin habe ich als Roman niedergeschrieben. Denn wer sich nackt auf die Bühne stellt, sollte dabei wenigstens gut gekleidet sein und auch die anderen Spieler nicht bloßstellen – besonders die „Schattenfiguren“, unsere vermeintlichen Feinde, die in Wahrheit unsere wichtigsten Lehrer sind.

Was also ist nun wahr und was ist erfunden?

Die Antwort ist einfach: Dort, wo es galt die Besetzung meines Roadmovies zu schützen, habe ich mich entschieden wahrhaftig, statt entblößend zu sein. Und was die „ultimative Wahrheit“ betrifft, so findet sich diese sowieso meistens zwischen den Zeilen. Was wir für die Realität halten, ist nur das Spiel auf der Bühne. Ein sich stets wandelnder Ausdruck. So flüchtig wie die Wolken am Himmel. Wahr sind … der unendliche Raum, aus dem all das geboren wird und die Liebe, die uns und unsere Geschichten erschafft.

Und wenn es am Ende ganz egal ist, dann ist es mir tatsächlich gelungen, eine gute Geschichte zu schreiben.

Draußen ist es dunkel geworden. In wenigen Minuten schließt die Bücherei von Mirepoix ihre Türen. Die netten Bibliothekarinnen haben inzwischen meinen Namen gegoogelt und sind nun ganz aufgeregt, dass eine „echte Autorin“ ausgerechnet in ihrem kleinen Lesesaal Zuflucht vor dem Winter gesucht hat.

„Würden Sie denn auch für eine Lesung zu uns kommen?“

„Gerne. Sobald mein Buch in die schönste Sprache der Welt übersetzt ist.“

Das Leben geht also weiter. Die erste Lesung ist schon gebucht. Zumindest in Frankreich.

Haben Sie eine schöne Reise!

Maria von Blumencron

Mirepoix, 21. Januar 2017

TEIL 1

DEUTSCHLAND

Wer bin ich, wenn alles wegbricht?

Der Wind in den Tannen

Wolken-Omas Garten war das Paradies meiner Kindheit. Von einem wackeligen Holzzaun umgeben, gab er meiner kleinen Welt einen sicheren Rahmen, war aber auch durchlässig für die Tiere des angrenzenden Waldes. In der Abenddämmerung kamen immer die Rehe, um Futter aus Großmutters Krippe zu holen. Regungslos standen sie zwischen den Tannen und blickten mich mit ihren großen, wachsamen Augen an. Nur das Zucken ihrer Flanken verriet, dass sie auf dem Sprung waren. Ein kostbarer Augenblick, dann würden sie wieder weg sein. Das Klappern eines Topfes in der Küche, ein leises Rascheln im Brombeerstrauch – und schon tauchten sie wieder ab in das dunkle Geheimnis des Waldes. Es war verboten, ihnen zu folgen. Noch war ich zu klein für die Welt jenseits des Zaunes.

Eines Tages kam ich auf die Idee, auf seine morschen Bretter zu klettern. Ich streckte meine Arme nach den untersten Ästen einer ausladenden Tanne und zog mich hinein in ihr duftendes Reich. Ast für Ast stieg ich weiter. Die Nadeln des Baumes zerstachen die Hände, das dünne Geäst zog Kratzspuren durch mein Gesicht. Dafür aber kam der Himmel immer näher und näher. Gleich würde ich nach den Wolken greifen, die so weiß waren wie Großmutters Haare.

Im Wipfel angekommen, setzte ich mich in den obersten Ast und schlang Arme und Beine um den sich verjüngenden Stamm. Dann legte ich meine Wange an seine Rinde, die warm war von der Größe des Sommers. Die Welt hier oben war endlos und weit. Der Wald dehnte sich bis zu den Bergen, deren Gipfel auch im Sommer vom Schnee weiß bedeckt waren. Ich sah das Kreuz am höchsten Punkt und unterhalb davon die kleine Kapelle. Schnaufend arbeitete sich die Zahnradbahn dem Tunnel entgegen. Bevor sie im schwarzen Loch des Berges verschwand, stieß sie noch kleine Dampfwolken aus. Wohin fuhr sie? Bestimmt lag auf der anderen Seite des Berges eine große Stadt, die sich in ein Meer aus pulsierenden Lichtern verwandelte, sobald der Mond aufgegangen war. Vielleicht lebte dort meine Mutter? Vielleicht war sie über den Schneeberg dorthin gegangen? Ich drückte meine Brust gegen den Stamm, um ihr Herz im Herzschlag des Baumes zu spüren. Ich atmete den Geruch seiner Rinde, der süß war vom Harz. Es duftete nach ihrem goldenen Haar. Wenn der Wind von den Bergen herabkam, wurde die Welt um mich herum flüssig und die Wälder begannen zu leuchten. Ich schloss meine Augen und ließ mich vom Atem meiner verschwundenen Mutter wiegen …

45 Jahre später …

„Maria! Bella! Wir haben so auf dich gewartet! Come stai!? Wieder zu Besuch in Hamburg?“

Guiseppe scheint sich wirklich zu freuen. Auch Pedro, Feline und der Chef des Hauses umarmen mich herzlich. Als wäre ein geliebtes Familienmitglied von einer ausgedehnten Weltreise wieder zurück ins La Mama gekommen. Das La Mama ist das Stammlokal von Rocco Brigatoni – meinem Medienanwalt und … meiner glamourösen Fernbeziehung in Hamburg. Laut Frederik ist Rocco auch mein „wirtschaftlicher Selbstmordfaktor auf Raten“.

Frederik, kurz Fredde genannt, ist mein Steuerberater. Er hat mir dringend aufgetragen, bei meiner Rückkehr nach Köln die Buchhaltung des letzten Jahres aus Hamburg mitzubringen. Mehrfach hatte er Roccos Sekretariat gebeten, ihm die Ordner mit meinen Rechnungen und Belegen zukommen zu lassen. Dort hieß es, das habe noch Zeit: „Kein Grund, da unten in Köln Panik zu schieben.“

Seit einem Jahr kümmert sich Rocco Brigatoni um meine finanziellen Angelegenheiten, damit ich mich voll und ganz auf meine künstlerische Arbeit konzentrieren kann: Drehbücher, Filme und Keynote-Vorträge. Da bleibt kaum Zeit für einen Künstler, regelmäßig einen prüfenden Blick in die Bankkonten zu werfen. Das erledigt jetzt Roccos Kanzlei. Viele meiner Kollegen beneiden mich darum. Sogar Hank, mein „Exmann“ meinte zuletzt melancholisch: „Du brauchst dir keine Sorgen mehr um deine Zukunft zu machen. Mit dem Typen bist du fein raus.“

Doch Fredde sieht das alles etwas anders. Nachdem er über seine Halbbrille hinweg einen kurzen, professionellen Blick in meine Kontoauszüge und Kreditkartenabrechnungen geworfen hatte, begann er unangenehme Fragen zu stellen. Vor allem zu den zahlreichen La Mama-Abbuchungen: „Dein Investment in Pizzen sprengt jeden Rahmen. Fütterst du dort oben eine zehnköpfige Flüchtlingsfamilie durch?“

„Nein“, antwortete ich mit hochrotem Kopf. „Wenn ich in Hamburg bin, wohne ich in einer von Roccos Steuersparimmobilien. Die Bewirtungen sind quasi ein Ausgleich für meine Unterbringungskosten.“

Die Wochenend-Einladungen in angesagte Nordsee-Spas und meine Ausgaben für Push-Ups und Strapse erwähnte ich lieber nicht. Obwohl ich sie ehrlich gestanden auch gerne steuerlich absetzen würde.

Fredde reckte seinen Hals wie ein Vogel aus den Schultern heraus und sein wachsamer Blick suchte über die Halbbrille hinweg scheinbar nach einem Zugang zu meinem gesunden Menschenverstand: „Verzeih, wenn ich indiskret nachfrage: Aber dieser Herr Brigatoni … ist doch dein Freund? Also dein aktueller Partner, kann man das so sagen?“

Mein Gott. Wie soll ich einem soliden Steuerberater kurz und übersichtlich meine chaotischen Lebens- und Liebesverhältnisse erklären? Als gut: Rocco lebt von seiner Frau getrennt, ist aber offiziell nicht geschieden, um seine katholische und leider herzkranke Mutter in Sizilien nicht unnötig früh unter die Erde zu bringen. Kommt zweimal im Monat Sohn Nino zu Besuch, muss ich in eine von Roccos Steuer-Immobilien ausweichen. Damit die „familiäre Ordnung“ gewahrt bleibt. So ist das halt bei den Italienern.

Ich hingegen lebe mit meinem „Exmann“ und unserem Sohn Johannes in einer Eltern-WG. Das erspart unserem Kind ein frühzeitiges Pendlerdasein und kostengünstiger ist es allemal auch. Ein geniales Modell! Einziger Haken: Rocco weiß nichts davon. Er sollte es auch besser niemals erfahren. „Je kleiner der Italiener“, so heißt es, „desto größer die Eifersuchtsanfälle.“ Deshalb reise ich jede Woche zu ihm nach Hamburg, ohne auf fällige Gegenbesuche zu drängen.

„Deine Fahrtkosten Köln–Hamburg–Köln belaufen sich auf mehr als 400 Euro pro Monat. Und hier … diese Abbuchung von Lufthansa über 383 Euro … Hatte das auch was mit Hamburg zu tun?“

Autsch. Fredde hat ein großes Talent seinen Finger immer genau in die Wunde zu legen.

„Ja … äh … nein … äh … das war … London.“

„London?“

„Verbuch es bitte unter … äh … privat“, stammelte ich.

Zum Glück beließ es Fredde dabei. Aber nicht ohne eine letzte Warnung vom Stapel zu lassen: „Als Freund der Familie fühle ich mich verpflichtet, dich auf dein sorgloses Ausgabeverhalten aufmerksam zu machen.“

„Betrachte es als Investment in meine Zukunft“, holte ich mit dem letzten Funken innerer Überzeugungskraft aus: „Rocco hat gute Kontakte in die Hamburger Filmszene!“

„Du weißt aber schon, dass du am Ende deines Dispokredits bist?“

Ich verstummte. Schon wieder am Ende des Dispos. Mein ganzes Leben scheint sich am Rande dieser magischen Grenze zu bewegen. Obwohl ich seit 25 Jahren hart arbeite und auch schon große Umsätze gemacht habe. Aber das Geld bleibt irgendwie nie bei mir hängen. Es rieselt lautlos durch meine Finger, ohne Spuren zu hinterlassen. Es fließt an mir vorbei, als wäre ich eine vergessene Insel mit einem Geldfluss, der irgendwo mündet – nur nicht auf meinem Konto.

„Maria! Que bella! Schön wie immer! Wir haben dich so vermisst!“ Schwungvoll verteilt Guiseppe die Speisekarten an unserem Tisch. Nur ich bekomme keine. Ich bestelle immer dasselbe und als ausgekochter Kellner-Profi weiß Giuseppe natürlich Bescheid: „Einmal eine kleine gemischte Vorspeisesalate und eine aqua minerale con gas?“

Schon als Kind beeindruckte ich die livrierten Kellner in den traditionellen Hofbäckereien Wiens mit meiner großen Bescheidenheit. Um den Geldbeutel meines Vater nicht zu belasten, orderte ich bei Familienausflügen heldenhaft ein Glas Soda Zitrone, um den anderen blutenden Herzens beim Verzehr ihrer Sachertorten, Donauwellen und Profiterole zuzuschauen.

Im La Mama haben sie auch Profiterole. Und ich könnte mir diese herrlichen Windbeutel mit heißer Schokoladesauce jetzt einfach bestellen! Doch ich setze mir gerne ein Limit von 50 Euro pro Abend. Und wenn Rocco einen Bobby Burns als Aperitif, einen halben Liter Cabernet Sauvignon zum Chateaubriand und als Absacker noch einen doppelten Espresso bestellt, dann reicht das Geld nicht mehr für meine Profiterole.

Schon gar nicht, wenn Roccos Sohn zu Besuch ist. Selbstverständlich lade ich Nino dann auch ein! Oder soll der arme Junge alleine zu Hause auf dem Sofa zurückbleiben?

Heute hat Nino seine neue Flamme mit ins La Mama gebracht. Claire. Ein Mädchen aus gehobenem hanseatischen Haushalt, wo noch Wert auf Qualität beim Essen gelegt wird. „Als Vorspeise bringen Sie mir bitte die Baby-Calamari auf Rucolasalat … Danach den Seeteufel auf Weißweinschaum … und zum Dessert die Crème brulée. Danke.“

Rocco lässt es mit seinem gewohnten Rundum-Wohlfühl-Programm krachen und Nino scheint mit seinen 16 Jahren und 1,95 Meter gerade an einem stark erhöhten Energieumsatz zu leiden: Zur Vorspeise wählt er die Spaghetti à la vongole und danach das von Guiseppe wärmstens empfohlene Risotto – als Beilage zum teuersten Gericht dieses Tages: die in Honig marinierten Hirsch-Filetspitzen! Als Dessert nimmt Nino die Profiterole ins Visier. Vielleicht ergibt sich für mich ja die Chance, einen Happen abzubekommen.

Guiseppe notiert die Bestellung mit glühenden Wangen und ich bete innerlich um ein Wunder: Möge der liebe Gott alle Zahlen in der Speisekarte auf das Preisniveau einer Kölner Frittenbude herabpurzeln lassen! … Da schickt sich Claire an, Guiseppe noch einen Minz-Hollunder-Fizz als Aperitif nachzuwerfen und Rocco rundet die Bestellung großzügig auf „Apéro für alle“ auf.

„Maria ist Filmemacherin“, eröffnet Nino das Gespräch dieses Abends, um Claire zu beeindrucken. Vergeblich versuche ich zu erwähnen, dass ich nur ein unbedeutendes Sternchen am deutschen Medienhimmel bin. Zwar habe ich einige preisgekrönte Himalaya-Dokumentationen gedreht, jedoch mit meinem ersten Spielfilm vor ein paar Jahren eine Bruchlandung hingelegt, weil mir die Autorität fehlte, einem 120-köpfigen Team meine Vision zu vermitteln. Da ich mit 35 Jahren aufhörte innerlich zu reifen und äußerlich zu altern, werde ich in Studios und an Filmsets in der Regel für die Praktikantin gehalten. Das schillernde Meisterwerk in meinem Kopf fand sich auf der Leinwand als deutsches Kammerspiel wieder. Doch das wenige scheint zu reichen, um Eindruck zu schinden. Zumindest bei einer 16-jährigen hormonzerzausten Privatschülerin. Beim Zauberwörtchen „Film“ weiten sich Claires Augen dramatisch. „Oooooh!“, ruft sie begeistert. „Darf ich in deinem nächsten Film mitspielen? … Und besorgst du mir bitte ein Autogramm von Matthias Schweighöfer? Der ist doch gerade solo, oder? … Leidet Keira Knightley tatsächlich an Magersucht? Wie alt sollte man sein, um Germanys Next Topmodel zu werden und vor allem: Wie dünn muss der Oberschenkelumfang sein?!“

Ich habe gelernt, bei Small Talks dieser Art kompetent Auskunft zu geben. Seit meiner glamourösen Fernbeziehung mit Rocco kaufe ich mir am Bahnhofskiosk regelmäßig die Gala. Denn schon beim Schreiben eines Drehbuches sollte man eine präzise Vorstellung von der Besetzung des Filmes haben. Aktuell arbeite ich an einem Drehbuch über die letzte französische Königin Marie Antoinette.

„Soll das Volk doch Kuchen essen, wenn es kein Brot hat!“, sagt Rocco und erhebt theatralisch sein Glas.

„Nein!“, rufe ich empört. „Das hat Marie Antoinette nie gesagt! Das haben ihr männliche Geschichtsschreiber in den Mund gelegt! Natürlich war ihr Lebensstil exzentrisch und verschwenderisch. Aber letztlich wurde sie zum Opfer von Intrigen und Verleumdungen, weil die Französische Revolution eine Hassfigur brauchte! Als wäre Marie Antoinette alleine für den Hunger in ihrem Land verantwortlich gewesen! Sie wurde zur am meisten verachteten höfischen Person ihrer Zeit stilisiert! Und sie geistert bis heute als ‚Madame Déficit‘ durch unsere Geschichtsbücher. Die letzten Worte, die Marie Antoinette TATSÄCHLICH sprach, waren jene am Schafott. Zu ihrem Henker, dem sie versehentlich auf den Fuß getreten war: ‚Mein Herr, ich bitte Sie um Verzeihung, ich tat es nicht mit Absicht.‘“

„Tolle Geschichte!“ Rocco zeigt sich beeindruckt von meinen Recherchen. „Daraus schnüren wir eine fette europäische Coproduktion. Mit internationaler Besetzung.“

Mein Herz rast und meine Wangen beginnen zu glühen. „Ich finde, der König müsste mit einem französischen Newcomer besetzt werden wie Pierre Boulanger oder Louis Garrel!“

„Was hältst du von der Bellucci als Marie Antoinette?“, wirft Rocco routiniert weltläufig ein.

„Monica Bellucci?“, frage ich erstaunt. „Ist die nicht etwas zu … ähm … alt? Ich meine Marie Antoinette war 14, als sie mit dem 15-jährigen Dauphin von Frankreich verheiratet wurde!“

„Das kriegt die Bellucci schon hin. Sie schaut besser aus denn je. Ihr Agent ist übrigens ein alter Schulfreund von mir.“

Das sind die Momente, für die es sich lohnt, nach Hamburg zu kommen. In der Mönckebergstraße habe ich insgeheim schon Ausschau nach einem Kleid für die Verleihung des Deutschen Filmpreises gehalten. Aus kirschroter Seide sollte es sein. Dazu als Kontrast klobige Stiefel, an deren Sohlen die Erde eines westfälischen Ackers klebt. In meiner Dankesrede mache ich Rocco einen Heiratsantrag: „Du bist der GRÖSSTE! Sposami! Heirate mich!“

Darsteller, Team und die ausführenden Produzenten werden mit besonderem Dank bedacht sowie die Jury und last but not least … der liebe Gott: „I LOVE YOU!!!“

Ich finde, man sollte zu seinem Glauben stehen. Immerhin bedankte sich Sängerin Cher 1988 anlässlich der Oscar-Verleihung sogar bei ihrem Frisör.

Claire ist so hingerissen von meinen Celebrity-Stories, dass der Seeteufel auf ihrem Teller unangetastet bleibt. Als Guiseppe mit dem Dessert kommt, ist der Fisch kalt. Er will das gute Stück in der Küche noch mal auf den Grill legen lassen. Doch Claire verzichtet: Sie muss dringend abnehmen – jetzt, da Matthias Schweighöfer gerade mal solo ist! Der arme Seeteufel ist also umsonst gestorben und 24 Euro in den Ofen geschossen. Mein Magen knurrt, als Claire mit dramatischer Geste die „letzte Crème brulée ihres Lebens“ ansticht und Nino gefrustet seine Profiterole alleine verschlingt: Dieser Abend läuft für uns beide nicht rund. Es wird Zeit, die Rechnung in Auftrag zu geben: „Il conto, per favore!“

Auf Italienisch fällt es mir leichter. Denn in der Welt, in die ich hineingeboren wurde, wird der Dame die Menükarte ohne Preisangaben gereicht, damit ihre Stimmung nicht von schnöden Zahlen getrübt wird und sie sich ganz ihrer Aufgabe hingeben kann, den Herrn mit Schönheit, Charme und geistiger Anmut zu verzücken. Immerhin bringt Guiseppe noch eine Runde Gratis-Averna: „Auf Kosten des Hauses, naturalmente!“

Unser Tisch hat sich für das La Mama gelohnt und mit einem Schuss Alkohol im Blut ist der Kunde auch nicht mehr so kleinlich beim Trinkgeld: Die 188,50 Euro runde ich locker auf 200 Euro auf. Es fühlt sich großartig an, großzügig zu sein! Es schenkt mir für einen kurzen Moment das Gefühl, mithalten zu können mit den Schönen und Reichen der Hansestadt. In Köln gehe ich dann mit Hank und Johannes auf einen Döner zum Türken …

Hank und ich waren kein klassisches Paar. Weil wir uns nie wirklich zueinander bekannten. Zumindest nicht zeitgleich. Als ich an einer Hochzeit interessiert war, war Hank nicht so weit. Und als mir Hank einen Heiratsantrag machte, hatte sich mein Herz bereits in verworrenen Liebschaften verheddert.

Wir konnten nicht miteinander, wir konnten aber auch nicht ohne einander. Und so hat das Schicksal entschieden. Ich wurde schwanger – in einem Moment, als wir wieder einmal beschlossen hatten, getrennte Wege zu gehen. Doch wir freuten uns beide und blieben zusammen, um unserem Kind ein gemeinsames Zuhause zu schaffen.

Am Stadtgarten von Köln bezogen wir eine Altbauwohnung mit großem Balkon und viel Platz für unsere zwei unterschiedlichen Leben. Als Elternpaar über jegliche Beziehungs- und Ehekrisen erhaben, hielten uns viele im Viertel für das ideale Traumpaar.

Mit einer Hilfsorganisation für Tibet und dem dazugehörigen Laden setzten wir sogar noch ein geistiges Kind in die Welt. Eigentlich waren Hank und ich als Team immer erfolgreich. Nicht im „großen Stil“, aber in einem „passenden Rahmen“. Und eigentlich waren Hank und ich zusammen auch irgendwie glücklich. Doch mir fehlte die Gabe, dieses Glück zu erkennen, es zu schützen und zu verankern.

Dann lernte ich Rocco kennen. Als ich ihn das erste Mal in seiner Villa in Hamburg besuchte, lag sein Bett voll mit Geschenken! Er sagte: „Wer in der Medienbranche groß rauskommen will, kann nicht in verwaschenen Jeans auf dem Filmset rumlaufen.“

Leider war die Hälfte der Edel-Klamotten, die ich aus den Geschenkpaketen herausholte, zwei Nummern zu groß. Ich war sicher, wir würden sie am nächsten Tag gemeinsam umtauschen … Dies war die Nacht, in der mein kontinuierlicher Abstieg begann. Ich verkaufte meine Seele und bekam nicht einmal die versprochenen Klamotten dafür: Rocco brachte die 38er-Sachen in den Laden zurück, ohne mit den passenden Größen wiederzukommen. Aus Frust darüber erstand ich in Köln meine erste amtliche Damenhandtasche. Bisher war ich nur mit Rucksäcken, Seesäcken und bunt bedruckten Kampagnen-Stofftüten durch das Leben gelaufen. Doch nun wollte ich in der glamourösen Welt der erfolgreichen Medienmacher mitspielen und dachte, das geht nur mit passender „It-Bag“ und dem entsprechenden Mann an meiner Seite. Diesen galt es bei Laune zu halten. Rückblickend gesehen müsste ich die Handtasche steuerlich absetzen können. Als Investition in „Lucy“. Das feuerrote Teil ist nämlich in ihren Besitz übergegangen.

Lucy ist die Frau, in die ich mich verwandle, wenn ich mit Rocco einen „privaten Termin“ habe. Rocco liebt es Termine zu machen – sei es bei Gericht, beim Italiener oder im Bett. Er fühlt sich nur dann als ganzer Kerl, wenn sein Zeitplaner voll ist. Termine sind die Essenz seines Lebens. Auch beim Sex. Weil Liebe aber frei ist und sich nicht verabreden lässt, muss ich mich für unsere „Romantik-Termine“ verwandeln. Vor allem, wenn diese in Roccos Steuersparimmobilie ausquartiert werden. Denn im Gegensatz zu mir funktioniert Lucy auch im sanierten Waschbeton der 70er-Jahre.

Nach dem Gratis-Averna muss Claire in das elterliche Anwesen nach Blankenese chauffiert und Nino in Roccos Villa nach Harvestehude gebracht werden.

„Punkt 11.00 Uhr in der Wohnung!“, ruft Rocco und wirft mir den Schlüssel zu, bevor er mit seinem gelben Maserati und der schicken Jugend auf den Nappaleder-Rücksitzen davonrauscht.

Ich trotte im Regen mit hochgeschlagenem Mantelkragen zur U2 in Richtung Billstedt. Pitschnass und in schwer unterzuckertem Zustand ist es nahezu unmöglich mit den neuen Hamburger Fahrscheinautomaten klarzukommen. Außerdem muss ich dringend aufs Klo. Ich steige also heute ausnahmsweise mal ohne Fahrkarte ein … und werde prompt zwischen „Rauhes Haus“ und „Horner Rennbahn“ als asoziale Schwarzfahrerin aus dem Wagen gezogen. Die 40 Euro Bußgeld kommen also auch noch on top. Ein toller Abend.

Um 22.43 Uhr komme ich völlig abgehetzt in Roccos Steuersparbude an. In siebzehn Minuten muss Lucy startklar sein. Das reicht weder, um die verletzende Anonymität des Mini-Apartments mit drei Packungen Räucherstäbchen zu kaschieren noch um sie in einem Meer von Vanille-Duftkerzen zu ertränken.

22.45 Uhr. Nur noch fünfzehn Minuten für meine Transformation. Ich springe aus meinen Klamotten und kippe aus Lucys It-Bag die nötigen Utensilien für diesen Abend aufs Bett. Rocco hat sich für heute, passend zu Marie Antoinette, die schwarzen Rokoko-Strapse gewünscht. Mit zitternden Fingern versuche ich die halterlosen Netzstrümpfe am Gürtel zu befestigen. Doch die Verschlüsse sind so klein und meine Augen so altersweitsichtig, dass bereits das Anlegen in einem unbeholfenen Gefummel ausartet.

Um 22.58 Uhr klingelt es. Zwei Minuten zu früh! Selber schuld. Genervt steige ich aus dem Rokoko-Zeitalter aus. Es gibt Situationen, da muss man als Frau auch mal in Minirock und High Heels genügen. Zwar leide ich seit meinem letzten Rumgestöckele auf der Berlinale an einer Arthrose im rechten Zeh, aber für einen effektvollen Lucy-Auftritt schaffe ich es gerade noch, auf meinen 15-Zentimeter-Stilettos unfallfrei durch den Flur zur Wohnungstür zu gelangen. Als ich sie öffne, steht Rocco bereits mit einer Flasche Champus davor. Für einen kurzen Moment fühle ich mich wie Julia Roberts, würde mich mein schmerzender Zeh nicht gnadenlos daran erinnern, dass ich dreißig Jahre zu alt für die Besetzung von „Pretty Woman“ bin.

Und genau aus diesem Grund sollte ich meine Ausgaben für Lucy auch steuerlich absetzen können! Anlass: Unter erschwerten Bedingungen Arbeitsmoral und Laune des Geschäftspartners erhalten.

Ich fürchte nur, Fredde sieht das etwas anders. Nach unserem letzten Meeting in Köln, hat er mir noch eine SMS hinterhergeschickt. In Großbuchstaben: DIE BUCHHALTUNG AUS HAMBURG MITBRINGEN! DEIN SOHN BRAUCHT EINE SOLVENTE MUTTER!

Es sind seine Worte, die mich in dieser Nacht nicht einschlafen lassen. Sie geistern durch meinen Kopf, sie blasen meine verstopften Gehirnwindungen frei und münden in einer erschreckenden Einsicht: Ich habe meine kleine WG-Familie in Köln an einen sizilianischen Kleinmafiosi verraten. Was tue ich hier eigentlich?

Ich wollte ein wahrhaft leuchtender Stern an Deutschlands Medienhimmel werden und wurde zum Sternchen an Roccos Seite, das im Windschatten eines untersetzten Mannes Sicherheit suchte. Es war nicht Liebe, die mich in seine Steuersparbude führte, sondern meine uralte, tief sitzende Angst, irgendwann in der Gosse zu landen. Intuitiv hat Rocco ein Netz aus Verträgen geschaffen, um mich lebenslänglich an sich zu binden: Er hält meine geistige Festplatte in seinen Händen. Gleichzeitig bin ich in einem Spinnennetz aus immer weiter wachsenden Schulden gefangen. Denn Roccos Lebensstil ist viel zu teuer für mich und eines ist klar: Seine tollen Schulfreunde kennen Monica Bellucci auch bloß vom Bildschirm. Selbst der heiße Draht in die Hamburger Filmszene ist nichts weiter als heiße sizilianische Luft.

Ich habe Sehnsucht nach Johannes. Meinem 11-jährigen Sohn. Jenem Wesen auf dieser Erde, das ich am innigsten liebe. Ich könnte jetzt einfach aufstehen, mich anziehen und um 4.37 Uhr die erste U-Bahn in Richtung Hauptbahnhof nehmen. Ich mach es nicht. Zu groß ist die Angst vor den Konsequenzen. Der Bruch mit Rocco bedeutet Chaos, Verwüstung und unüberschaubare Schulden. Wie gelähmt bleibe ich in einem Bett liegen, das ich mit Profiterole, Filetspitzen und überteuerten Pizzen bezahle. Ich glaube, ich sollte mich kurz mal bei Ihnen vorstellen: Ich bin Maria. Die dümmste Frau dieser Welt. Ich verkaufe mich und bezahle auch noch dafür.

Da spüre ich, wie sich ein Teil meiner Seele aus mir herauslöst. Ein kleines, weißes Licht taucht aus meinem Brustkorb auf und fliegt wie ein Vogel davon. Kurz schwebt es noch über der Vorhangstange, als überlegte es doch wieder zu mir zurückzukommen … und schlüpft dann leicht wie ein Luftzug durch den Spalt des geöffneten Fensters ins Freie.

Vor meinem geistigen Auge bricht die Erde entzwei. Aus tiefschwarzen Abgründen greifen schlangenartige Monster nach mir, um mich in ein Meer aus Schuldgefühlen und bitterer Reue zu ziehen. In meinen Ohren tobt ein Orkan. Unendliche Angst lähmt meine Glieder.

Da steht plötzlich eine riesige Gestalt aus weißem Licht vor mir und bannt die inneren Bilder des Schreckens. Ein Wesen ohne Kopf und ohne Beine. Ein mächtiger Kubus. Er reicht vom Boden bis in den Himmel. Es gibt keine Decke mehr in diesem Zimmer. Es gibt kein Dach mehr in diesem Haus.

Ich sitze aufrecht im Bett. Zu Tode erschrocken und gleichzeitig ergriffen. Mein Mund öffnet sich wie von alleine, um den Odem des riesigen Lichtkörpers zu empfangen. Er atmet im Gleichklang mit dem Universum. Er spricht zu mir. Aber nicht in Worten. Die machtvolle Erscheinung offenbart sich in einer Sprache, die mir vor langer Zeit einmal vertraut war. Eine Sprache jenseits unseres Verstandes. Vergeblich versuche ich mich zu erinnern. Ich beginne zu weinen. Verzweifelt über meine Begrenztheit. Verzweifelt darüber, die Botschaft der jenseitigen Welt nicht verstehen zu können.

Da wachsen aus der Mitte des Wesens zwei Arme. Sie vollführen eine Bewegung, eine sich wiederholende Form. Ich erkenne darin eine liegende Acht. Das Symbol der Unendlichkeit. Die Lichtsäule gibt mir ein Zeichen! Ich lasse die Botschaft in mich hineinfallen. Das Unaussprechliche jenseits meines Verstandes … ich atme sie ein. Mit jedem Atemzug wird sie klarer … und lässt sich doch nicht in menschliche Worte fassen. Die erhabene Lichtgestalt verblasst vor meinen Augen … und ist schließlich wieder verschwunden. Das Zimmer hat wieder eine Decke. Das Haus hat wieder ein Dach. Von der anderen Betthälfte ist ein leises Schnarchen zu hören. Rocco hat nichts von den Vorgängen in seinem „Liebesnest“ mitbekommen.

Wie Wolken-Oma einen Dieb aus unserem Garten vertrieb

Einmal stieg nachts ein Dieb bei uns ein. Da griff Wolken-Oma nach der großen Heugabel über dem Kamin und jagte den Dieb aus unserem Haus. Er rannte blindlings durch den Garten direkt in Großmutters Wäscheseil, das zwischen zwei Bäumen aufgespannt war. Wie bei Räuber Hotzenplotz schleuderte es den Dieb zurück und er fiel rücklings zu Boden.

Mit weit aufgerissenen Augen blickte er zu Wolken-Oma hoch, die mit wehendem Nachthemd und gezückter Heugabel über ihm stand und mit machtvoller Stimme rief: „Wage es bloß nicht, dich noch mal hier blicken zu lassen!“

Da rappelte sich der feige Dieb hoch, griff nach seinem Hut, rannte davon und setzte nie wieder einen Fuß in Großmutters Paradiesgarten.

Der Alfa Romeo Spider

Es ist mitten in der Nacht, ich rase mit einem roten Alfa Romeo über die A1 und im NDR Nightclub laufen die Beatles: „Baby you can drive my car …“ Herrlich! Es gibt mir für einen kurzen Moment das Gefühl, wieder Herrin meines Lebens zu sein … Wäre da nicht im Kofferraum dieser Wäschekorb … Und wäre der doch bloß mit Schmutzwäsche gefüllt … und nicht mit Rechnungen, Kontoauszügen und Ausgabebelegen.

Als Rocco heute Morgen um 6.30 Uhr mit seinem Maserati nach Harvestehude davonbrauste, um Nino ins Lycée zu chauffieren, beschloss ich, mich auch um die Zukunft meines Sohnes zu kümmern. Also fuhr ich nach meiner ersten von Rocco verordneten Schreibeinheit gegen Mittag mit der U2 in seine Kanzlei, um endlich meine Buchhaltung zu holen.

Was Roccos Sekretärin mir überreichte, raubte mir für mehrere Sekunden den Atem: ein Korb voll mit ungeordnetem Papier. Rechnungen, Quittungen, handgeschriebene Belege, alles durcheinander.

„Ich muss sofort mit Herrn Brigatoni sprechen!“, rief ich ganz außer mir.

Doch Rocco hatte sich hinter wichtigen Terminen verbarrikadiert und war erst abends für mein „Kindergarten-Problem“ gesprächsbereit. Ich war richtig sauer …

„Ich dachte, ihr kümmert euch um meine Buchhaltung!“

„Tun wir auch! Aber alles zu seiner Zeit, Bella bionda!“

„Ich zahle dafür wie jeder andere Mandant! Und ich bin NICHT blond!“

„Blond ist man im Herzen. Und nicht auf dem Kopf.“

„Rocco, das Finanzamt sitzt mir seit Wochen im Nacken!“

„Das tun sie doch immer! Bei jedem. Ist doch gar kein Problem! Dein Steuerberater beantragt eine Fristverlängerung, du zahlst 150 Euro Verspätungszuschlag und schon ist die Sache wieder paletti.“

„Ich habe aber keine Lust mehr ständig für irgendwas Strafe zu zahlen, was ICH NICHT verursacht habe!“

„Was soll das heißen???“ Nun wurde Roccos Stimme unangenehm scharf. „Dass wir hier in Hamburg unsere Arbeit nicht machen?!“

Damit hatte er mich. Und schon ruderte ich wieder zurück:

„Nein, das will ich nicht sagen. Natürlich nicht! … Es wäre mir nur lieber … Rocco, es tut mir so leid! Aber ich glaube, ich sollte meine Buchhaltung lieber selber sortieren. Ihr seid hier soooo im Stress mit euren Terminen und eurer Arbeit. Und für mich … für mich steht zurzeit ohnehin kein wirklicher Auftrag an. Oder?“

Meine Stimme hatte zu zittern begonnen. Doch etwas Hoffnung schwang immer noch mit. Ein schwacher Funke, nach dem Rocco griff, um wieder die Flamme der vollkommenen Hingabe in mir zu entzünden: „Ich habe heute mit Bellucis Agentur gesprochen. Sie sind ganz heiß auf den Stoff. Du musst jetzt schnell ein Exposé schreiben, das lassen wir übersetzen und nächste Woche hat es die Monica schon auf dem Tisch … Na, was sagst du nun zu mir?“

„Fantastisch! Einzigartig! Rocco, du bist der Größte!“

Schluchzend fiel ich meinem Retter vor einem „zu kleinen Lebensentwurf“ um den Hals. Vor Dankbarkeit, Erleichterung und auch vor Reue, an seinen großartigen Kontakten gezweifelt zu haben. Es braucht einfach Zeit, Projektmeilensteine zu setzen. Kein Star ist einfach vom Himmel gefallen. Hoch professionelle Macher wie Rocco müssen erst mal mühsam den Acker für Erfolge bereiten. Bis dahin hat der Künstler halt eine gewisse Durststrecke.

Das werde ich Fredde auch noch klarmachen.

„Trotzdem solltest du jetzt schleunigst deine Buchhaltung nach Köln schaffen.“

„Rocco könnte aber denken, dass ich ihm misstraue.“

„Was er denkt, spielt keine Rolle. Denk du an dein Kind!“

So weit steht es mittlerweile um mich: Ich führe innere Dialoge mit Fredde. Um die Stimme meines Steuerberaters zum Schweigen zu bringen, schleppte ich erst mal den Wäschekorb aus der Kanzlei. Wie aber sollte ich diese Großbaustelle mit dem ICE nach Köln bringen?

Da kam mir Rocco großzügig entgegen. Wahrscheinlich war er froh, den Wäschekorb los zu sein, er passte auch so gar nicht in sein repräsentatives, getäfeltes Hamburger Advokatenambiente.

„Nimm meinen alten Alfa Romeo. Der steht sowieso nur in der Garage herum. Kann sein, dass die Elektrik etwas zickt und die Heizung nicht angeht, aber wer im Himalaya klarkommt, wird auch das überleben.“

Die Nadel des Tachos klettert zitternd der 200-Stunden-kilometer-Marke entgegen und eine Flut von Gedanken flitzt mit den weißen Fahrbahnmarkierungen an meinem Gesichtsfeld vorbei: Ich brauche dringend einen bezahlten Auftrag, um in Köln die nächste Miete zahlen zu können. Doch wie es aussieht, muss ich erst einmal meine Buchhaltung in Ordnung bringen. Und am Ende der ödesten aller Tätigkeiten wird mich kein fetter Scheck erwarten, sondern eine satte Steuernachzahlung an das Finanzamt. Genau genommen fahre ich also eine tickende Zeitbombe nach Hause.

Wie könnte ich meinen Kostenapparat senken? … Die erste Maßnahme, die mir einfällt: aus der katholischen Kirche austreten. Warum Steuern für einen Verein bezahlen, der uns Frauen von den wirklich interessanten Jobs im Klub fernhält? Wie Priesterin, Kardinälin oder Päpstin.

Bis heute beruft sich die Kirche bei ihrer männerzentrierten Besetzungspolitik darauf, dass Jesus ja auch bloß zwölf männliche Jünger um sich geschart hat.

Die Wahrheit jedoch ist: Dem schönen Wanderprediger sind weitaus mehr Menschen durch die Wüste gefolgt als zwölf bärtige Männer! Seine Bewegung war eine Revolution! Auch Frauen haben ihre Familien verlassen, um Jüngerinnen zu werden. Weil Jesus mit dem „Himmelreich Gottes“ die Gleichheit ALLER Menschen verkündete.

Doch unter der Feder der frühen Kirchenväter sind alle diese Frauen aus der Bibel verschwunden. Apostelinnen wurden auf Papier in Männer verwandelt und die berühmteste Jüngerin der Jesusbewegung, Maria Magdalena, geistert bis heute als Prostituierte durch unser kulturelles Bewusstsein: Eine leidende Jungfrau und eine „sündige Lucy“ sind die großen weiblichen Vorbilder, die uns die katholische Kirche anbietet. Gefolgt von einer Armee heldenhafter Märtyrerinnen, deren schauderhafte Geschichten mich schon als Kind schwer beeindruckten.

Oh Mann, ich sollte mich besser beeilen. Um 8.00 Uhr muss ich in Köln sein! Ich habe Hank versprochen, unseren Laden zu putzen. Heute Abend findet dort ein Klangschalen-Konzert zugunsten tibetischer Flüchtlinge statt.

Fast zwei Millionen Euro Spenden haben wir in den letzten zehn Jahren gesammelt. Ehrenamtlich versteht sich! Doch eine Vereinsputzfrau lässt unsere Satzung nicht zu. Und so müssen die Böden auch ehrenamtlich geputzt werden. Von den Gründungsmitgliedern, versteht sich. Da diese über ganz Deutschland verteilt leben, bleibt das Putzen am harten Kern in Köln hängen: an Hank und mir … Und das ist im Grunde wundervoll! Denn Putzen erdet. Es bringt mich im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, wenn ich von meinen glamourösen Abenteuern in Hamburg ins beschauliche Köln zurückkehre.

Die Nadel auf dem Tacho klettert weiter und weiter. Als ich die 220-Stundenkilometer-Marke überschreite, brummt auf dem Beifahrersitz mein Mobiltelefon …

„Hola, Maria!“, ruft Naupany am anderen Ende der krachenden Leitung, die sich um den halben Erdball spannt. Naupany Puma ist Inka-Priester und ein sehr guter Freund.

„Hola Naupany!“, antworte ich erfreut, ohne den Fuß vom Gas zu heben. „Wo bist du?“

„Am … krrr … Misa … krrr …“

„Wo?“

„Am … Rio … krrr …. hualli.“

„Peru?“

„Nein, in Ecuador! … krrr … Priester getroffen und Stammesälteste von … krrr …“

„Wie spannend! Da wäre ich gerne dabei gewesen!"

„Maria! Paja Mama, unsere Erde brauchen … krrr … Heilung. Heilung von die Wunde, die geschlagt ist von … krrr … Conquista.“

Ich rieche etwas Verbranntes im Auto. Doch ich wage es nicht, Naupany jetzt zu unterbrechen: Immerhin hat der kulturelle Völkermord im Zuge der Eroberung Süd- und Mittelamerikas 70 Millionen Menschen der indianischen Urbevölkerung das Leben gekostet.

„Machen im Sommer große Heilungszeremonie in … krrrr …“

„Wo?“

„Krrr … Spania … krrr … Laden ein aus jedem Land von die Europa eine Vertreter von die katholische Kirche.“

„Oh!“

„Habe vorgeschlagen dich für die Vertretung von Deutschlande und Österreich!“

„Wooooow!“

„Wirst du komme, Maria?!“

„Na klar! Natürlich komme ich.“

Was für eine Ehre, im Namen der katholischen Kirche bei den indigenen Stämmen Amerikas um Vergebung zu bitten! Die Eroberung des amerikanischen Doppelkontinents offenbarte das gesamte Gewaltpotenzial der christlichen Missionsgeschichte. Bis heute hat sich die Kirche nicht bei den Nachfahren der Indianer entschuldigt. Schon sehe ich mich in nächtlicher Zeremonie zu den Trommeln der Priester und federgekrönten Schamanen ekstatisch den Kopf zur Erde neigen, wenn im Rauch der Feueropfer ihre Ahnen erscheinen: „Montezuma, König der Azteken! Atahualpa, König der Inka! Ich bitte euch: Vergebt unseren machthungrigen Ahnen!“

Tränen rinnen mir übers Gesicht … ich beginne zu husten. Ich sehe nichts mehr. In Roccos Alfa Romeo hat es zu qualmen begonnen.

Es mag kleinlich erscheinen, sich an so einem entscheidenden historischen Wendepunkt den schnöden Problemen des Alltags zu widmen. Aber ich kann die bedrohlichen Vorgänge in diesem Auto keine Sekunde länger mehr ignorieren. Ich sehe vor lauter Rauch die Fahrbahn nicht mehr. Keine Ahnung, was hier gerade geschieht. Ich weiß nur: Ich rase mit 240 Sachen blind über die A1.

„Das Auto brennt!“, rufe ich in den Amazonas und navigiere den schlingernden Wagen mit gehaltener Bremse in die erahnte Richtung des Standstreifens.

„Ich … krrr … für dich!“, höre ich Naupany noch rufen, bevor das Auto zum Stehen kommt und ich um Atem ringend ins Freie stürze. Ich springe über die Leitplanke auf die gefrorenen Furchen eines niedersächsischen Rübenackers und gehe in Deckung. Gleich wird der rote Alpha Romeo explodieren! So ein Mist! Mein Laptop! Ich muss vorher noch meinen Laptop aus dem Auto herausholen. Seit mindestens 365 Tagen habe ich kein Back-up mehr von meinen Drehbuchentwürfen gemacht. Ganz zu schweigen von den Spendenbriefen für unseren Verein und den Warenbestellungen für den Laden. Soll die Arbeit eines ganzen Jahres hier vor meinen Augen verbrennen? Todesmutig nähere ich mich dem Wagen, öffne die Beifahrertür, schnappe meinen Laptop und springe hinter den magischen Schutz der Leitplanke zurück. Da fällt mir der Wäschekorb auf dem Rücksitz ein. Wenn ich die Buchhaltung jetzt nicht nach Köln bringe, wird das Finanzamt mein Einkommen schätzen. Und das wird wohl kaum zum Vorteil der Steuerzahlerin sein. Heldenhaft rette ich auch den Wäschekorb vor dem Feuertod.

Wo bin ich hier überhaupt? Schon an Münster vorbei? Als Erstes rufe ich Hank an: „Ich stehe auf der A1! Mit einem brennenden Alpha Romeo! Kannst du mein Handy orten und dem ADAC die Koordinaten durchgeben? Biiittteee!“

Zu meinem Glück ist Hank immer erreichbar und erinnert mich regelmäßig an die vier Eckpfeiler des Lebens: ADAC-Mitgliedschaft, Riester-Rente, Lebensversicherung und einmal im Monat den Termin bei meiner Psychotherapeutin. Oh Mist! Hätte ich nicht gestern Termin gehabt? Na zum Glück hört wenigstens der Alfa auf zu qualmen.

Ich setze mich auf den Wäschekorb, damit der Wind meine Steuerbelege nicht über die holländische Grenze trägt und vergrabe meinen Kopf in den Händen: Nicht auszumalen, was die Reparatur des Wagens kosten wird! Was ich auch tue, um Roccos Spinnennetz zu entkommen … ich gerate immer tiefer in seine Schuld. Ich zahle und zahle und zahle. Wofür eigentlich?

Als Rocco vor zwei Monaten völlig unverhofft und erschreckend kurzfristig seinen ersten Wochenendbesuch in Köln ankündigte, geriet ich in Panik. Bislang war er ja über meine besonderen „Lebensumstände“ noch nicht aufgeklärt worden. Nun konnte ich aber Hank und Johannes schlecht in ein Hotel ausquartieren! Erstens hat auch Hanks Hilfsbereitschaft Grenzen und zweitens hätte ich fünf Möbelpacker gebraucht, um alle Spuren unseres Familienlebens verschwinden zu lassen.

„Buch’ doch auf Airbnb eine Wohnung und wir machen in drei Stunden eine richtig coole Maria-Bude daraus!“, riet meine beste Freundin Walter.

Da ich aktuell keine beste Freundin in Köln habe, hat mein guter Freund Walter diese besondere Vertrauensrolle in meinem Leben übernommen. Ich teile alle Geheimnisse und vor allem meinen ganzen persönlichen Wahnsinn mit ihm.

„Super Idee, du bist genial!“