image

Christina Kessler

WILDER GEIST
WILDES HERZ

Kompass in stürmischen Zeiten

image

Hans-Peter Dürr

zum 80. Geburtstag

Mit einem Neigen seiner Stirn weist er weit von sich
was einschränkt und verpflichtet;
denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet
das ewig Kommende, das kreist
.

Rainer Maria Rilke, Der Engel

Christina Kessler: Wilder Geist – Wildes Herz

Kompass in stürmischen Zeiten

Lektorat: Stephanie Ehrenschwendner

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Wir leben in einer alles entscheidenden Zeit

1. TEIL: WILDES DENKEN – DAS UNDENKBARE DENKEN

Von der Abspaltung der inneren Räume

Über den Verstand hinaus

Den Geist auf das Eine richten

Leuchtende Unschärfe – Das Wilde und die Intuition

Wesensverwandtschaften

Die Seele spricht in Bildern

2. TEIL: MYTHO-LOGIK – DEN RHYTHMUS DES LEBENS TANZEN

Wie Phönix aus der Asche – Die Matrix der Erneuerung

Die Heldenreise – Drehbuch der Transformation

Rituale – Den Übergang proben

Bardo – Die Angst integrieren

Schamanen – Wanderer zwischen den Welten

Ekstase – Verrücktheit ist „Not-wendig“

Die mystische Erfahrung – Herz aller Religionen

Das Wahre, Gute und Schöne – Erkenntnis und Politik

Eros – Die Kraft der Evolution

Radikal einfach – Weisheit im Alltag

Die Komplementarität der Gegensätze – Herzensethik

Das Buch der Wandlungen – Vom Wesen des Prozesshaften

Innere Alchemie – Löse und verbinde!

Der symbolische Prozess – Selbstverwirklichung

Herzensqualitäten – Tore zum Innenraum

Der Stein der Weisen

3. TEIL: VISION EINER KULTUR DES HERZENS – DEN RISS IN UNSEREM DASEIN KITTEN

Borderline – An der Schwelle zur nächsten Epoche

Der Mensch und seine Kulturnatur

Der kategorische Imperativ: Liebe – und tu, was du willst!

Ein Erneuerungsprozess für die Liebe

Bewusst-Sein heißt Lieben

Auf der Welle des Lebens reiten

Im Flow der Einen Bewegung

Unaufhaltsam wächst der Wald – Die neuen Helden

How to Dance the Rhythm of Being – Die 10 Spielregeln des wilden Herzens

Literatur

Gracias

Wir leben in einer alles entscheidenden Zeit

Wir leben in einer alles entscheidenden Zeit.
Wissenschaftler sagen uns, wir hätten nur
10 Jahre, um unsere Lebensweise zu ändern …
Jeder Einzelne muss an dieser
gemeinsamen Anstrengung teilnehmen …

Yann Arthus-Bertrand, Regisseur des Films HOME

In nur wenigen Jahrzehnten hat sich die westliche Zivilisation über die ganze Erde ausgebreitet. Wissenschaft, Technik, Wirtschaftswachstum und Konsum haben das ehemalige Bild unseres Planeten vollständig verändert – ein Eroberungsfeldzug ohnegleichen. Die Auswirkungen sind nicht nur an der Oberfläche wahrnehmbar; längst rütteln sie an unsichtbaren Ebenen wie dem Gleichgewicht der Natur, längst ist das gesamte Bewusstsein der Menschheit in Mitleidenschaft gezogen. Betroffen sind nicht nur die Hochburgen des Fortschritts, sondern vor allem auch Gebiete, die von den dessen Wohltaten nicht einmal profitieren, entlegene Gegenden wie meine zweite Heimat Ladakh.

Ladakh liegt zwischen 3.000 und 7.000 Metern hoch im indischen Bundesstaat Jammu und Kashmir, an der Grenze zu China, Pakistan und Tibet. In diesen Höhenlagen gibt es keine Vegetation mehr. Die Landschaft besteht nur noch aus Stein, Sand und Lehm. Am Fuß der Berge, in den Oasen der Flussniederungen, besonders des Indus, liegen die Dörfer eng an die Hänge geschmiegt. Auf den Anhöhen darüber thronen die zahlreichen buddhistischen Felsenklöster.

In der Nacht zum 6. August 2010 – ich hatte gerade die letzten Sätze dieses Buches geschrieben – erlebte dieser geheimnisvolle Flecken Erde ein Natur-Desaster unvorstellbaren Ausmaßes – die bisher größte Katastrophe seiner Geschichte. Ich selbst war nicht unmittelbar dabei, kam erst später hinzu, als der Zugang in die Berge wieder frei war und sich der Flugverkehr normalisiert hatte. „Die Alten können sich nicht erinnern, jemals zuvor etwas Ähnliches erlebt zu haben“, erzählte mir Wangchuk, ein Geschäftsmann und Freund aus Ladakh. „Es war wie der Weltuntergang. Blitze zuckten kreuz und quer durch den Himmel, der Donner krachte so laut, wie ich es noch nie gehört hatte. Dazwischen war ein unheimliches Pfeifen zu vernehmen, so elektrisiert war die Luft. Was dann einsetzte, war kein Gewitter mehr. Es war, als würde sich der Himmel öffnen und seinen gesamten Wasservorrat ausschütten.“

Die Wolken erbrachen sich in Wasserfällen, die den losen Boden mit sich rissen. Schlammlawinen rollten mit ohrenbetäubendem Getöse die steilen Hänge hinab ins Tal. Dort walzten sie alles nieder, was sich in ihrer Bahn befand – Dörfer, Felder, Wald –, und begruben Menschen, Familien und ganze Dorfgemeinschaften unter sich.

„Alles vollzog sich in einer rasenden Geschwindigkeit. Denken konnte man nicht mehr, nur noch laufen, rennen, fliehen“, berichteten die Flutopfer. Die Sturzflut hatte eine solche Kraft entwickelt, dass ihr nichts mehr Einhalt gebieten konnte. Sie wirbelte riesige Felsbrocken, Bäume, Vieh, Gebäude, ganze Wohnungseinrichtungen, Autos und Busse durch die Luft, brachte Brücken zum Einsturz und rollte grollend auf die Hauptstadt Leh zu. Innerhalb von Minuten wurden ganze Stadtteile von den Schlammmassen verschüttet, als wäre vorher dort nichts gewesen. Nur einige der ehemals höchsten Dächer ragten noch hervor.

Von einem Augenblick auf den anderen war für tausende von Menschen das Leben ein anderes geworden. Am meisten betroffen war das tibetische Flüchtlingscamp Choglamsar. In den ersten Schockmomenten stellten sich die Überlebenden, jammernd und sich an die Brust klopfend, unaufhörlich die Frage, wieso das Schicksal gerade sie, die Tibeter, immer wieder so hart treffe, einfache Menschen auf dem Dach der Welt, die sich keiner Schuld bewusst waren. Warum ein solches kollektives Karma?

Nicht lange jedoch stand die Frage „Was haben wir bloß getan?“ im Raum. Sehr schnell hatte man kombiniert und die Antwort gefunden. Denn auch in Ladakh weiß man inzwischen über Klimawandel und Erderwärmung Bescheid. Auch hier besuchen viele der jungen Leute bereits die High School oder haben in den indischen Großstädten ein Studium absolviert. Auch hier gibt es Fernsehen und Internet.

Einige Male schon hatte sich in den letzten Jahren der Monsun, der sonst von den Bergketten des Himalaya und des Karakorum aufgehalten wird, über die Gipfel erhoben und sich in der ladakhischen Wüste abgeregnet. Mir selbst haben die unerwarteten Niederschläge einmal das Dach über dem Kopf und die Treppe vor der Tür weggespült. Viele Häuser sind dort oben aus Lehm erbaut. Bekommen sie zu viel Wasser ab, lösen sie sich einfach auf.

Der Monsun ist eine thermisch bedingte großräumige Luftzirkulation. Durch veränderte Winde und die starke Abkühlung der unteren Schichten an den Gebirgszügen kann der Auftrieb plötzlich in sich zusammenbrechen. Der Wolkeninhalt wird nicht mehr gehalten und entleert sich in kürzester Zeit. Es kommt zum Wolkenbruch.

Auch in Bezug auf die Dynamik der Klimaentwicklung besitzt der Monsun eine besondere Bedeutung. Er ist ein äußerst labiles klimatisches Element, mit einem sehr hohen Einfluss auf das Klima großer Teile der Erde. Schon kleine Änderungen und Entwicklungen können einen Monsun auslösen, abschwächen oder verändern, und das in vergleichsweise kurzen Zeiträumen. Die Folge kann, wie bei der Flut von Ladakh, ein Tsunami von oben – aus dem Himmel kommend – sein.

Es nimmt daher nicht wunder, dass in Kürze von „Zeichen“ gesprochen wurde. Buddhisten und Muslime machten da keinen Unterschied, auch nicht die Fremden, nicht einmal die eher rational Veranlagten oder wissenschaftlich Denkenden. Jetzt war es also so weit. „Jetzt ernten wir, was wir, die Menschen, aus Eigennutz gesät haben. Jetzt beginnt sich die Erde zu rächen“, hieß es. Der Beweis dafür schien zu sein, dass sämtliche Klöster unversehrt geblieben waren.

Die einheimischen Schamanen warnten schon seit langer Zeit vor solchen Ereignissen. Einer von ihnen hatte mir bereits vor 17 Jahren erklärt, dass das Klima von den Gedanken der Menschen beeinflusst werde: „Wir sind es, die das Wetter machen. Durch unsere Gedanken, unser Ego tragen wir zu dieser Veränderung bei. Wir sehen nicht, wie alles zusammenhängt und sich gegenseitig bedingt. Deshalb ist unser Wollen und Streben kurzsichtig und unser Handeln zerstörerisch – eine Kettenreaktion von Ursache und Wirkung. Wenn wir wüssten, wie die Dinge zusammenwirken, würden wir sofort damit aufhören. Freiwillig sogar, ohne dass man uns dazu auffordern oder verpflichten müsste. Denn dann würden wir sehen, dass wir uns mit unserer Einstellung selbst die Lebensader abschneiden.“

Den Busbahnhof gab es nicht mehr, das gesamte Kommunikationsnetz war zusammengebrochen, ebenso die Infrastruktur; das ohnehin am Ende der Welt gelegene Land völlig abgeschnitten. Während die Flut von Pakistan, die zeitgleich ausgelöst worden war, die ganze Welt bewegte, drang von dem Desaster in Ladakh nichts nach außen. Selbst in der eigenen Umgebung zeigte sich das ganze Ausmaß erst Tage später.

Auch die Touristen, meist Trekkinggruppen und Bergsteiger, saßen fest, da der Flughafen nicht angeflogen werden konnte. Also packten sie mit an, nahmen Pickel und Schaufeln in die Hand, gruben Lebende und Tote – Männer, Frauen und Kinder – aus. Die Körper der Toten legte man in einer Reihe am ehemaligen Krankenhaus auf, und der Blick auf Arme und Beine, die hier und da aus dem Schlamm ragten, mahnte, nicht aufzuhören, selbst wenn die Kräfte zu versagen drohten. „Wir wären sowieso geblieben, um zu helfen“, war die einstimmige Aussage. Keiner fühlte sich unbeteiligt. Alle legten Hand an, alle, ohne Ausnahme: Touristen, Muslime, Buddhisten, sonst durchaus „Verschiedenartige“, wie man in Ladakh sagt. Sämtliche Ressentiments waren schlagartig vergessen, als hätten sie niemals existiert. Sie spielten keine Rolle mehr. Zusammen helfen. Muslime spendeten Blut für verletzte Buddhisten. Die Türen der Häuser standen jedem offen, es wurde geteilt, was man noch übrig hatte an Essen, Kleidung und Medizin, an Kraft, Trost und Lebenswillen.

Wangchuk, der ein Reiseunternehmen betreibt, hatte seine gesamten Trekkingzelte aufgestellt und verpflegte täglich tausend Obdachlose. Er war selbst um Haaresbreite mit dem Leben davongekommen: „Emotional war ich wie tot, verspürte nicht einmal Trauer. Was ich gesehen und erlebt habe, war zu grauenhaft, um es noch beschreiben oder gar verstehen zu können. Das Seltsamste aber war, dass hinter dem Schock ein Glücksgefühl auftauchte, wie ich es vorher nie erlebt habe – darüber, dass ich helfen durfte; dass ich Leben rettete; dass ich meinem Land etwas zurückgeben konnte, für all das, was es mir ermöglicht hat; dass ich selbst noch am Leben bin. Mein Helfen war sinnvoll. Was ich tat, war notwendig. Ich verspürte nicht die geringsten Zweifel bei meinem Tun, während ich mir sonst ständig die Frage stelle, ob das, was ich mache, richtig oder falsch, wichtig oder unwichtig ist. Da war etwas, das von selbst handelte und mich antrieb – und ich gehorchte einfach. Das Nicht-anders-Können war es, was dieses Glücksgefühl verursachte.“ Während er das sagte, liefen Tränen über die Wangen. Seinem Gesicht war nicht zu entnehmen, ob er weinte oder ob sein Herz überlief. Wahrscheinlich beides.

Noch Tage später hängen dicke Wolken in der Luft und die Blicke der Leute schweifen jede Minute zum Himmel. Ein paar Mal schon setzte es zu regnen an. Wie von einer unsichtbaren Kraft bewegt, erhoben sich die Menschen und eilten den Berg hinauf zur Stupa – eine lange Schlange, viele mit Lichtern in der Hand, schweigsam, nur ihr Mantra murmelnd: „Om mani padme hum.“ Eine Leuchtspur im Niemandsland zwischen Leben und Tod, die sich in Serpentinen nach oben schlängelte. Nichts anderes beherrschte die Gedanken als das Bewusstsein um Werden und Vergehen; das konnte man an den Gesichtern ablesen. „Juwel im Lotus“ oder „Juwelen-Lotus“ lautet die ungefähre Übersetzung von „Om mani padme hum“. Es ist das Mantra des Mitgefühls, dessen Bedeutung nicht in den Worten liegt, sondern im Klang der Silben verborgen ist – als der Ton des Herzens, als sein unverwechselbarer Geschmack, der „Eine Geschmack“, wie man im Buddhismus sagt, der Geschmack jenseits alles Trennenden.

Durch die gemeinsame Anstrengung, dadurch, dass tausende von Menschen schweigend zusammenarbeiteten, konnte innerhalb weniger Tage das Hospital wieder in Betrieb genommen werden. Mit ebenso unermüdlichem Einsatz räumte die Armee die Wege frei, baute Straßen und Brücken auf. In kürzester Zeit waren die Hauptverkehrsverbindungen wiederhergestellt, sodass die betroffenen Gebiete mit dem Notwendigsten versorgt werden konnten. Zehn Tage nach der Katastrophe waren bereits alle Waisen adoptiert, sie hatten neue Eltern gefunden. Dennoch wird es dauern, bis die Häuser und die gesamte Infrastruktur wiederaufgebaut sind. Und der harte Winter hat bereits begonnen … Niemand hätte sich vorstellen können, wie schnell eine Katastrophe solchen Ausmaßes gemeistert werden kann, wenn nur alle in der gleichen Ausrichtung ihre Kräfte vereinen.

Woher kam diese unsichtbare Kraft, die die Menschen in Ladakh – unabhängig von ihrer Nationalität – in Bewegung setzte? Die, ohne dass man sich mit Schuldzuweisungen aufhielt, in die gemeinsame Verantwortung führte und dabei eine Quelle ungeahnter Möglichkeiten erschloss? Was war das für eine Kraft, die die Bevölkerung in einem Wir-Bewusstsein zusammenschweißte und dabei ungeheure Energien frei werden ließ?

In der Ära der Zivilisation wurde der Mensch zum rücksichtslosen Beherrscher der Natur. Tiefe Löcher hat seine Anmaßung gerissen, nicht nur in die Umwelt, in unser aller Leben. Löcher, die zum großen Teil nicht mehr gestopft werden können, weil es davon inzwischen zu viele gibt. Ist das eine geschlossen, tut sich bereits das nächste auf. Es ist nicht etwa fünf vor zwölf, es ist bereits fünf nach. Jetzt heißt es aufwachen. Es bleiben nur noch ein paar Jahre, um den Abwärts-Trend umzukehren. Wir werden damit Schluss machen müssen, uns nicht zuständig zu fühlen. Wir werden uns den ökologischen und existentiellen Fragen stellen und unseren Blick auf die Welt ändern müssen. Wir haben keine Wahl.

Dass wir gegenwärtig eine Phase der Umwälzung erleben, ist inzwischen hinreichend bekannt. Aber nur die wenigsten sind sich über deren wirkliche Tragweite im Klaren. Tatsächlich befinden wir uns inmitten eines epochalen Wandels. Unsere Welt erfährt eine vollständige Umgestaltung. Eine globale Kultur ist im Entstehen begriffen, in der die unterschiedlichsten gesellschaftlichen und weltanschaulichen Systeme aufeinanderprallen. Traditionen, Überzeugungen, Werte, Sitten und Bräuche relativieren sich. Altgewohnte Strukturen erweisen sich zunehmend als einschränkend und schreien nach Erneuerung. Erstmals in der Menschheitsgeschichte steht uns das geistige Erbe aus allen ethnographischen Räumen und Kulturepochen zur Verfügung – frei zugänglich für jedermann. Der ungehinderte Austausch von Informationen hat zu rasanten Entwicklungen in Wissenschaft und Technik geführt. Dabei kam es zu solch einer Beschleunigung des soziokulturellen und wirtschaftlichen Wachstumsprozesses, dass dieser schließlich ausuferte. Die Verhältnisse auf der Erde sind ungesund geworden, lebensfeindlich. Sie sind aus der Balance geraten.

Die meisten Menschen hoffen, der Wandel möge bald vorbei sein. „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“ Als hätten sie mit der Krise nichts zu tun, als wäre sie ein Film, der in der Welt da draußen abläuft. Doch diesmal wird der Wandel nicht mehr aufhören. In Zukunft wird er sogar unser Leben bestimmen. Wir werden uns an ihn gewöhnen, mit ihm fertigwerden müssen.

Sicher, Wandel gab es immer. Bisher verlief er nur weit langsamer, so langsam, dass er kaum wahrgenommen wurde. Ganz ähnlich, wie man nicht merkt, dass man älter wird. Bis eines Tages im Spiegel der Blick auf das erste graue Haar fällt und man feststellt: „Ich habe mich verändert. Verglichen mit zehn Jahren zuvor, befinde ich mich in einer ganz anderen Lebensphase.“

Tagtäglich bekommen wir zu spüren, dass wir mit all den Innovationen und den damit verbundenen Maßnahmen, die nicht nur Wirtschaft und Politik, sondern alle Lebensbereiche betreffen, eigentlich gar nicht mehr mitkommen. Längst sind wir von dem ständig wechselnden Angebot von Produkten, Erfindungen und Veränderungen hoffnungslos überfordert. Kaum hat man sich mit einer Neuerung angefreundet oder sich an sie gewöhnt, kündigen die Medien schon lautstark die nächste an – schneller, besser, effizienter, mehr. Schien vormals alles seinen festen Platz zu haben, steht heute kein Stein mehr auf dem anderen. Konnten sich soziale Gewohnheiten einst über Generationen hinweg halten, werden wir nun an jeder Ecke mit dem Aspekt der Vergänglichkeit konfrontiert. Was früher eine Anschaffung fürs Leben war, wandert heute nach einem Jahr auf den Müll, um seinem Folgemodell Platz zu machen. Unser Wissen vervielfältigt sich täglich und mit ihm die Möglichkeiten, es zu nutzen, was uns jeden Augenblick vor neue Entscheidungen stellt.

Doch unter welchen Kriterien sollen wir unterscheiden und entscheiden, wenn sich Traditionen und Werte im Schmelztiegel der unterschiedlichsten Ideologien auflösen und sich Wissen, Vorstellungen und Überzeugungen in immer kürzeren Abständen selbst überholen? Der Wandel, den wir heute erleben, ist potenzierter Wandel: hoch drei, hoch hundert, hoch tausend. Ein Ende ist nicht mehr absehbar.

Das vorliegende Buch ist eine Spielanleitung für den Wandel. Ein Wegweiser zu einem globalen Bewusstsein, einem neuen Denken und einem neuen Lebensstil. Ein Beitrag zum Erwachen einer neuen Kultur.

Neu meint: so noch nicht da gewesen. Denn erstmals in der Geschichte begegnen sich Wissenschaft und geistige Traditionen in einer universellen Grundaussage, in welcher sich der innere, unsichtbare Genius von Wandel und Transformation, die Matrix des Lebendigen, the rhythm of being offenbart – als Vorbild für jegliche Art von gesunden Prozessen. Damit erschließt sich eine neue Einfachheit, die uns den unentbehrlichen Kompass für eine immer komplizierter werdende Welt in die Hände legt.

Wie meine bisherigen Bücher ist auch Wilder GeistWildes Herz meiner Suche nach der Essenz der Weisheitstraditionen geschuldet. Wenn ich von Weisheitstraditionen spreche, so meine ich die Lehren und Praxiswege aller Kulturen und Epochen, die sich mit dem geistigen Innenraum von Selbst, Welt und Menschheit beschäftigen und aufzeigen, wie Individuum und Gesellschaft Lebensformen verwirklichen können, in denen Gerechtigkeit, Potenzialentfaltung und Glück gewährleistet sind. Dazu gehören vor allem die Philosophie als „die Liebe zur Weisheit“ und die spirituellen Lehren der verschiedenen Religionen. Das Wort religio meint ja nichts anderes als Rückverbindung mit der inneren Welt und der eigenen Wesensessenz. Jüngere Disziplinen wie Psychologie und Bewusstseinsforschung arbeiten in diese Richtung, aber auch Medizin, Pädagogik, Kunst, Sozial- und Naturwissenschaften liefern wichtige Berührungspunkte.

Warum forscht ein Mensch ein Leben lang nach der Essenz der Weisheitstraditionen? Und – kann man dabei überhaupt fündig werden? Nun, diese Suche ist Teil meiner persönlichen Biografie, die nicht zu trennen ist von den Erkenntnissen, die in Wilder Geist – Wildes Herz aufgerollt werden, denn jeder, der nach innen geht, tut dies auf seine ureigene Weise. Seit ich denken kann, will ich die Wahrheit wissen, die nackte Wahrheit. Seit ich mich erinnern kann, will ich frei sein, mich entfalten, die Schönheit der Welt erfahren und den Geschmack des Lebens in allen Nuancen auskosten. Zeit meines Lebens war ich wissbegierig und hielt nie etwas von faulen Kompromissen.

Ich hatte mein Leben lang das tiefe Empfinden, dass es in den verschiedenen geistigen Traditionen letztlich um dasselbe ging und sich darin ein einziger gemeinsamer Weg verbarg. Warum, konnte ich nicht erklären, ich empfand es einfach so. Wie dieser Weg aussehen sollte, davon hatte ich keine Ahnung. Ohne jeden Zweifel allerdings fühlte ich mich seit meiner Kindheit an eine transzendente Wahrheit angebunden, deren Auswirkung ich erlebte – in solchen Augenblicken nämlich, in denen es mir gelang, alle Vorstellungen und Meinungen fallen zu lassen. Dann plumpste ich einfach in das, was (ich) war, und das war pure Glückseligkeit. Ja, ich wollte den Weg jenseits aller Pfade beschreiten, nicht den einer speziellen Religion. Am liebsten wollte ich mit Religion überhaupt nichts zu tun haben. Bigotterie, Tugendwahn, Gesetzesmoral und erhobene Zeigefinger waren mir zuwider, hierin war ich einfach ein Kind meiner Zeit.

Aus diesem Grunde machte ich es mir zur Aufgabe, hinter all den Unterschieden die gemeinsame Essenz und hinter all den Pfaden der Selbstverwirklichung die gemeinsame Struktur zu finden. Mehr als 35 Jahre ist das nun her, es wurde ein Lebenswerk daraus.

Anfangs sollte mir mein Studium – Ethnologie, Soziologie, Vergleichende Religionswissenschaften und Philosophie – dabei helfen, diese Fragen zu beantworten. Hätte ich mich allerdings nicht schon frühzeitig auf Wanderschaft begeben, wäre mit Sicherheit etwas anderes, wahrscheinlich wesentlich Komplizierteres dabei herausgekommen.

Den größten Teil meiner Studienzeit verbrachte ich gar nicht an der Universität, die meiste Zeit war ich unterwegs. Mit 19 unternahm ich meine erste abenteuerliche Reise nach Afrika und Madagaskar. Dorthin hatten mich Freunde mitgenommen, die eine Reportage über den Ahnenkult machen wollten. In der Konzeption der Madegassen nehmen die Ahnen eine höhere soziale Stellung ein als die Lebenden selbst, weil sie gleichermaßen dem Diesseits und dem Jenseits angehören und sich somit in einem heiligen, nicht-dualen Zustand befinden. Als Merkmal ihres hohen Rangs „bewohnen“ die Verstorbenen kleine Steinvillen am Rande der Dorfsiedlungen und werden mit den feinsten Speisen verpflegt, während die Lebenden in primitiven Hütten hausen. Bei allen wichtigen Beschlüssen haben die Ahnen ein Wörtchen mitzureden und pflegen einen engen Kontakt mit ihren Nachkommen und Verwandten. Der Austausch findet auf der Ebene des Traumerlebens in der Bildsprache der Träume statt.

Einmal hatte ich die Chance, bei einem der großen Totenausgrabungsfeste, Leichenwende genannt, teilzunehmen, in deren Verlauf die Leichname aus ihren Häusern geholt und umgebettet werden. Als wären sie noch lebendig, tanzten die Angehörigen mit ihnen umher, fuhren sie in Booten spazieren, zeigten ihnen die alten Lieblingsplätze und brachten ihnen in äußerst emotionalen Szenen ihre Zuneigung entgegen. Solche Feste sind nicht still, wie man meinen könnte, es sind ekstatische Trance-Rituale, deren Eindrücklichkeit die Teilnehmer in einen Bewusstseinszustand jenseits der Dualität von Leben und Tod versetzt.

Nach dieser Reise – meiner ersten und einschneidenden Erfahrung mit dem wilden Denken – war mein Fahrplan klar: Ich wollte hinaus in die Welt und die Dinge mit eigenen Augen betrachten. Denn die Wirklichkeit offenbart sich ganz anders, wenn man sie erlebt, als wenn man nur darüber nachdenkt oder sie zu Tode diskutiert.

So erfuhr meine Arbeit ihre eigentliche Prägung durch meine langen Feldforschungsaufenthalte in anderen Kulturen, vor allem solchen, die man vor noch nicht allzu ferner Zeit als primitive Kulturen bezeichnete. Vor Ort konnte ich hautnah erfahren, wie sich die verschiedenen Geisteshaltungen zu unterschiedlichen Wirklichkeiten gestalteten, und – was nicht zu unterschätzen ist – welches Lebensgefühl diese Wirklichkeiten vermittelten, welche Eigenschaften und Lebenskompetenzen sie zum Blühen brachten. Auf der anderen Seite wurde im Lauf der Zeit immer offensichtlicher, dass wir Menschen uns auf einer tieferen Ebene sehr, sehr ähnlich sind. Immer wieder verblüffte es mich, wie mühelos man sich aneinander angleichen und sich in andere hineinfühlen konnte, wie schnell man in der Fremde zu Hause war, wenn man sich nur öffnete. Am meisten beeindruckte mich die Beobachtung an mir selbst, dass nach einer gewissen Zeit des Aufenthaltes mein Bewusstsein sich veränderte und ich im Rahmen der anderen Weltanschauung zu denken begann.

Bald wurde mir die kultur- und gesellschaftspolitische Relevanz meiner Fragestellung bewusst. Denn wo sonst sollte das Potenzial für Verständigung, Einigung und Frieden liegen als in der Anerkennung des gemeinsamen geistigen Kerns der Weltkulturen? Worin sonst sollte das neue Bewusstsein wurzeln als in jenem Wissen, das schon immer Gültigkeit besaß und sich über Jahrtausende hinweg als lebensdienlich erwiesen hat? Befand sich nicht hier, genau hier, jenes Orientierungswissen, das unsere Zeit so dringend benötigt? Wissen, das die Zusammenhänge aufzeigt und dazu befähigt, dem Leben konstruktiv zu begegnen? Das durch den Wandel führt und aus Krisen Chancen werden lässt?

Durch den Vergleich der unterschiedlichen Traditionen – losgelöst von zeit- und kulturbedingten Einflüssen, entkleidet von Missverständnissen und Fehlinterpretationen – müssten sich die nackten Prinzipien, die zeitlosen Grundaussagen und unabänderlichen Gesetze finden lassen: ungezähmtes Weisheitswissen. Mein anfänglicher Wunsch, das Beste aus meinem Leben zu machen, paarte sich mit der Vision einer globalen, auf Weisheit und Selbstverwirklichung basierenden Kultur. „Selbstrealisation ist Weltrealisation“ wurde zum Motto meines Ansatzes.

In diesen 35 Jahren hat sich ungeheuer viel getan. Obwohl die etablierten Religionen auch heute noch keinen Deut von ihren Absolutheitsansprüchen abgewichen sind, hat sich im Untergrund heimlich, still und leise unser gesamtes Weltbild revolutioniert. Nicht nur ich bin fündig geworden, viele Geister aus allen Disziplinen waren daran beteiligt. Inzwischen ist es offensichtlich, dass es in den Religionen um dieselben Fragen und Antworten geht, die sich nur in ihren Ausdrucksformen und Schwerpunkten unterscheiden. Ebenso ist klar geworden: Jeder, der sich auf den Weg nach innen begibt, entdeckt „am Ende“ das Gleiche – sein eigenes Wesen, das eins ist mit dem Wesen des Ganzen.

Sämtliche Weisheitslehren stimmen in einer grundlegenden Aussage überein: Alles ist mit allem verbunden durch die Teilhabe an einem immateriellen, ungeteilten und unteilbaren Wesensgrund, der schöpferisch und daher essentiell lebendig ist. Alles fließt, panta rhei. Für den Einzelnen bedeutet das: Ich bin unlösbar eingebunden in ein Ganzes, von dem ich Teil bin und an dem ich kreativ mitwirke. Die Vorstellung, ein vom Rest der Welt getrenntes Subjekt zu sein, ist eine Illusion. Trennung ist eine Illusion. Alles ist mit allem verbunden. Alles ist eins.

Das eigentlich Revolutionäre kam jedoch aus den Reihen der Wissenschaft, namentlich der Physik, welche die Grundlage aller Naturwissenschaften darstellt. Ausgerechnet auf der Suche nach den kleinsten Bausteinen der Materie – der reinen Materie, die den Menschen zum Herrscher der Welt gemacht hätte – fand man nämlich heraus, dass Materie gar nicht aus Materie aufgebaut ist. Im Mikrophysikalischen wurden Teilchen zu Wellen, und selbst in den Wellen, also im Bereich des Energetischen, offenbarte sich noch Subtileres: Dort gab es nur noch Beziehung! Materiell und energetisch nicht mehr nachweisbar, aber genuin kreativ. Erkennbar nicht am materiellen Vorhandensein, sondern an der Wirkung. Der Urgrund des Universums, so zeigte sich völlig unverhofft, ist immateriell. Da wirkt und brodelt lebendiger, schöpferischer Geist. Materie ist nicht auf Materie aufgebaut. Im Bereich des Kleinsten ist das Ganze beziehungshaft. Sein Wesen ist Allverbundenheit.

Eigentlich müsste man von einer Offenbarung sprechen. An dieser Stelle wird nicht nur der gemeinsame Kern der Religionen transparent, hier liegt auch der Punkt der Übereinstimmung von Wissenschaft und Transzendenz. Hier befindet sich der Ort, an dem unanzweifelbar zu Tage tritt: Und es gibt sie doch – die universelle Wahrheit!

Das Universum ist ein unteilbares Ganzes, das sich kontinuierlich selbst reguliert und ständig über sich hinaus wächst. Es ist nicht determiniert, sondern geht in jedem Augenblick neu aus sich selbst hervor. Geist und Materie sind nur die beiden Aspekte ein und desselben Ganzen. Nicht nur das Universum, auch der Mensch ist ein ständiger Neuschöpfungsprozess. Der Mensch stirbt nicht mit demselben Herzen, mit dem er geboren wurde. Seine Zellen erneuern sich im Laufe der Zeit immer wieder. Und selbst zum Zeitpunkt des Todes hört der Transformationsprozess nicht auf; er setzt sich jenseits des Materiellen fort.

Dynamische Allverbundenheit ist das innerste Wesen von allem, folglich auch das innere Wesen des Menschen – die Grundstruktur des Universums, das Urgesetz, aus dem alle anderen Gesetze hervorgehen, sowohl die Gesetze der Natur als auch des menschlichen Miteinanders. Diese Allverbundenheit ist kein statischer Zustand. Sie ist ein kreativer Prozess, der die innere Ordnung der Dinge ausmacht. Jeder Mensch trägt die schöpferische und ordnende Quelle in sich. Jeder kann sich mit der inneren Ordnung verbinden, um Inspiration, Ganzheit und Heilung zu finden und sich immer wieder zu erneuern – zu regenerieren. Der Richtigkeit halber müsste man sagen: Er war niemals von der Quelle getrennt. Er war und ist immer mit ihr verbunden. Er hat diese Tatsache nur vergessen. Er hat vergessen, dass seine eigene innere Quelle und die Quelle des Ganzen die Liebe ist. Denn Liebe ist das Prinzip der Verbundenheit. Liebe – das soll in diesem Buch gezeigt werden – ist die Weltformel, nach der wir alle suchen, die Essenz von Sein und Werden.

Die Weisheit der Liebe zu erkennen und vor allen Dingen sie zu leben, davon sind wir im Augenblick leider noch weit entfernt. Sie in unser aller Leben einzubinden ist die große Herausforderung unserer Zeit. „Der Fehler der Menschen liegt darin, den Weg in der Ferne zu suchen, während er nah ist“, meinte schon der chinesische Philosoph Menzius. Es ist falsch, auf der Ebene des Schwierigen zu suchen, was in Wirklichkeit leicht ist – und deshalb scheitern sie. Wenn sie dagegen vom Einfachsten ausgingen, den natürlichen Beziehungs- und Wandlungsprozessen, die Grundlage der Wirklichkeit sind, und wenn sie die Wirkung der Prozesse sich ausbreiten und fortpflanzen ließen, könnten sie die Welt sich „auf ihrer Handfläche drehen lassen“. Es würde genügen, dass die Menschen sich an die Ordnung der Dinge anpassen, so, wie es am naheliegendsten ist. Dass sie „diejenigen, die ihnen nah sind, als ihre Nächsten behandeln und diejenigen, die ihre Ältesten sind, als ihre Ältesten behandeln“. Was nicht bedeutet, den Regeln zu gehorchen, sondern weil sich dies von selbst versteht und weil man will, dass die ganze Welt in Frieden ist. Und je härter die Zeiten sind, desto empfänglicher sind die Menschen für die kleinsten Zeichen von Menschlichkeit.

Weder in politischen Reformen noch in organisierten Bewegungen liegt die Chance auf dauerhafte Veränderung. Das Geheimnis liegt in der stillen, anonymen Kraft des Einzelnen, die auf der Einsicht in das Wesen der Wirklichkeit und der Bereitschaft, sich aktiv nach ihr zu richten, basiert – in empathischer Kommunikation und integrativer Kooperation. Wir alle sind bereits vernetzt. Wir alle sind da drinnen unlösbar miteinander verbunden. Jeder, der diese Wahrheit entdeckt, gehört der neuen Weltgemeinschaft, dem eigentlichen Sangha (sanskr.), der Kirche der Liebe an, obwohl ich wenig Sympathie für das Wort „Kirche“ habe. Das Innere braucht keine Form, mehr noch: Es darf gar keine haben, denn es handelt sich dabei ja gerade um das von der Form Befreite – das Ungezähmte, Lebendige, Dynamische, das ausschließlich seinen eigenen Gesetzen folgt.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Im ersten gehe ich der Frage nach, warum die Entwicklung der inneren Welt dem äußeren Fortschritt so stark hinterherhinkt, warum es uns so schwerfällt, weise zu sein und wirklich zu lieben, warum unsere Spiritualität eher abstruse Formen annimmt, anstatt etwas Selbstverständliches zu sein.

Die Antwort möchte ich schon vorwegnehmen: weil wir in der Innenwelt ein völlig anderes Denken brauchen als in der Welt da draußen – ein wildes Denken, fähig, das Undenkbare zu denken. Damit ist nicht der Austausch von Denkinhalten gemeint. Es geht um den intuitiven Denkprozess, der den Dingen auf den Grund geht, die subtile Wahrnehmung schult und in der Hochzeit von Intuition und Intellekt gipfelt. Wie kommen wir dorthin? Wie wirkt das wilde Denken? Wie üben wir es?

Das wilde Denken ermöglicht ein grundlegendes Verständnis der Weisheitslehren und ihrer typischen Themenlandschaften, um die es im zweiten Teil geht. Während wir diese Landschaften durchwandern, öffnet sich der Blick auf die eigentliche Innenansicht von Selbst, Welt und Menschheit. Wie ein Mosaik setzen sich die Beiträge der verschiedenen Kulturen zusammen und lassen die universelle Wandlungsdynamik aufblitzen, die in jedem Augenblick das Universum neu gestaltet.

Der dritte Teil dreht sich um die praktische Umsetzung dieser Erkenntnisse in der Gegenwart und ihre Bedeutung für die Zukunft, die darin liegt, dass wir das Weisheitspotenzial des Menschen nun kollektiv zur Blüte bringen können – und mit ihm die Kunst des Lebens und Liebens. Dies ist heute schon möglich, wir müssen das neue Wissen nur zu leben beginnen.

Wir befinden uns in einer kritischen Zeit, einer alles entscheidenden Zeit und dürfen nicht mehr lange warten. Jeder Einzelne ist aufgerufen, sich an der Wende zum Wesentlichen zu beteiligen. Ich bin überzeugt davon, dass wir es schaffen werden. Denn wir sind dabei, die vereinende Ordnung des Ganzen zu entdecken, die unsichtbar und ungreifbar in der Vielfalt der Erscheinungen waltet. Wir sind dabei zu entdecken, wie jeder Mensch sich bewusst in diese Ordnung einschwingen und an ihr teilhaben kann.

1. TEIL

WILDES DENKEN – DAS UNDENKBARE DENKEN

Man muss das Undenkbare denken.
Alles andere ist nicht der Mühe wert.
Man muss dort denken,
wo es nicht geht,
wo man nicht denken kann
.

Paul Virilio

Von der Abspaltung der inneren Räume

Während ich dies schreibe, befinde ich mich in Indien, der „Wiege der Spiritualität“, einem Land, das sich in den letzten Jahren zu einer aufstrebenden Industrienation entwickelt hat. Zudem in Rishikesh, der Stadt der Sadhus, Heiligen und Yogis, die sich selbst als spirituelles Zentrum der Erde bezeichnet. Bunt, laut, exzentrisch, voller Gegensätze. Schönheit und Hässlichkeit, Reichtum und Elend, kindliche Offenheit und offene Korruption liegen hier dicht nebeneinander; Verehrung der Natur auf der einen, Missbrauch der Natur auf der anderen Seite. Seit einem Monat wohne ich in einem Hotel direkt am Ganges mit Blick auf den heiligen Fluss, den die Inder liebevoll „Gangaji“ nennen; dort schreibe ich und gehe meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Beobachten, nach. Dabei ringe ich ständig mit der Frage, wo, um Gottes willen, sich in diesem esoterischen Totalangebot die wirkliche Weisheit versteckt.

Am gegenüberliegenden Ufer des Ganges geht gerade ein internationales Yoga-Festival zu Ende. Sieben Tage lang zelebrierten indische und amerikanische Gurus mit ihren Schülern aus der ganzen Welt den Yoga. Der Ober-Guru und Veranstalter hat den Hindu-Wallfahrtsort in wenigen Jahren in seine Residenz verwandelt. Hier ist er König. Nicht nur, dass er den größten Ashram besitzt und im wahrsten Sinn des Wortes den Ton angibt, er nimmt sich auch gewisse Privilegien heraus. Seinen Nachbarn drehe er den Strom ab, beklagen sich die Einheimischen, außerdem leite er die Abwässer des Ashram in den Ganges. Nach außen hin wird der Unmut der Bevölkerung geschickt überspielt, sitzen doch in allen Veranstaltungen bezahlte Anhänger, deren Lebensunterhalt darin besteht, wo immer der Meister auftaucht, „Swamiji is divine – Swamiji ist göttlich“ zu johlen.

Swamiji selbst scheint von seiner Göttlichkeit durchaus überzeugt zu sein. Auch manche seiner Anhänger aus dem Westen bekommen in seiner Gegenwart einen göttlichen Blitzschlag, lauschen verklärt seinen Worten, als hätten sie zum ersten Mal etwas über Yoga gehört. Andere wiederum sind kritisch. Tatsache ist: Er predigt den Yoga, versucht ihn sogar auf moderne Weise zu vermitteln. Doch wäre es nicht genauso wichtig, gemeinsam ein wenig mehr auf die Umwelt zu achten, als ein pompöses Fest nach dem anderen aufzuführen und ganz Rishikesh zwei Stunden täglich aus übersteuerten Lautsprechern mit Mantras zu beschallen? Ist das Spiritualität? Oder wird da Opium fürs Volk serviert? Opium, meint die Mehrheit der gebildeten Inder. Den anderen ist es egal. Genauso egal wie die Abfallhalde hinter den Wellblech-Hütten. Ayurveda an jeder Ecke, aber die mangelnde Hygiene stinkt zum Himmel.

Dann die Verabredung mit einem Sadhu, der sich am Tag zuvor zu einem Interview bereit erklärt hatte. Eine imposante Erscheinung, gutes Englisch. Mit 17 war er von zu Hause fortgelaufen, um der Welt und ihren Versuchungen zu entsagen, als Bettelmönch umherzuwandern und sein Leben der Meditation zu widmen. Ernährt werden die Sadhus von der Bevölkerung. Sie wohnen unter Brücken oder unter freiem Himmel – wo auch immer die Müdigkeit sie abends niederstreckt. Viele von ihnen halten das „reine So-Sein“ nur mit einer regelmäßigen Dosis Haschisch aus. Kein Interesse an gesellschaftlichen Problemen, kein Commitment. Aber, mit glänzenden Rausch-Augen: „We are all brothers and sisters.“ So auch mein Sadhu. Vor dem Gesprächstermin rief er mich an und erzählte mir, dass er erst später könne, weil er gerade zwei Schüler unterrichte. Als ich dennoch hinfuhr, saß er ohne Schüler da. „Ja, das ist typisch“, meinte der Mann aus dem Musikladen nebenan, „die sind total unzuverlässig, diese Sadhus. Unfähig, ein Versprechen einzuhalten. Einfach asozial. Penner eben. Kiffer.“ Ich musste lachen. Ganz nebenbei: Ich habe auch echte kennengelernt.

big business