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Linda Myoki Lehrhaupt

Stille in Bewegung

Tai Chi und Qi Gong –
Übungen für Körper und Geist

Aus dem amerikanischen Englisch
von Karin Petersen

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN Print 978-3-89620-346-5

Erweiterte Neuausgabe der 2001 erstmalig erschienenen deutschsprachigen Ausgabe

Copyright © 2001 by Linda Lehrhaupt

Lektorat: Andrea Krug / Ursula Richard

www.Theseus-Verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld, www.mbedesign.de unter Verwendung eines Fotos von © Hildegard Morian

Für Norbert und Taya

Inhalt

Vorwort zur Neuausgabe

Einleitung

Einladung

1Vorbereitung

Die Bewegung

Warten am Eingang

Uns vorbereiten, aufmerksam zu sein

Die Stille vor Sonnenaufgang

Auf eigenen Füßen stehen

Nicht hübsch, nur Qi

Wenn das Tao ruft

Übung: Meditation im Stehen (oder Sitzen)

Übung: Ein Baum im Sturm

Übung: Den Körper in Bewegung spüren

Das Herz der Praxis

2Beginn

Die Bewegung

»Wenn wir eine Knospe anschreien, öffnet sie sich nicht schneller«

Erwartungen

Einfach weitermachen

Auf sich gestellt – Allein praktizieren

Das Wunder der Achtsamkeit

Machen Sie sich selbst ein Geschenk

Übung: »Ich bin eine Kamera« – Sich aus der Mitte heraus bewegen

Übung: Die Fäden aufgreifen

Das Herz der Praxis

3Abwehr

Die Bewegung

Einen Riesenschritt tun

Nicht zu fest, nicht zu locker

»Danke, dass du es mir nicht leicht gemacht hast!«

»Tai Chi ist nicht kostbar«

»Lass dich vom Geist des Meisters bewegen!«

Übung: Das Tai-Chi-Symbol zeichnen

Übung: Der Kreis der Kraft

Das Herz der Praxis

4Stoßen

Die Bewegung

Unsere Mitte entdecken

Gebende Hände

Meister des Ting

Bloß nicht wissen

Übung: Rücken an Rücken

Übung: Vorderseite an Vorderseite

Übung: Ting – Die Qualität des Lauschens

Übung: Der leere Spiegel – Führen und Folgen

Das Herz der Praxis

5Die Nadel vom Meeresboden holen

Die Bewegung

Der Schatz

»Das Geheimnis liegt darin zu praktizieren«

Wasserbabys

Übung: Ausgreifen

Das Herz der Praxis

6Die Schöne am Webstuhl

Die Bewegung

Wahrer Mut

Stille in Bewegung

»Steh einfach auf!«

Die Schöne sät

Pang

Übung: Können Sie es sich leichter machen?

Das Herz der Praxis

7Abschluss

Die Bewegung

Noch einmal – Warten am Eingang

Das Ende des Regenbogens

Von vorn beginnen

Von ganzem Herzen

Lassen Sie Ihre Form singen

Übung: Ein frischer Wind in unserer Praxis

Übung: Die Form aufgeben

Übung: Qi-Gong-Massage zur Steigerung der Lebenskraft

Ausklang

Beginnen oder von vorn beginnen – Fragen und Anregungen

Wie oft soll ich praktizieren?

Wie soll ich praktizieren?

Wie nehme ich mir Zeit für die Praxis?

Wie schaffe ich Raum für die Praxis?

Wie atme ich bei den Übungen?

Wie finde ich eine Lehrerin oder einen Lehrer?

Wie integriere ich Tai Chi oder Qi Gong in mein Beziehungs- oder Familienleben?

Anhang

Lernen zu lernen

Epilog

Tai-Chi-Diagramme (Kopiervorlage)

Dank

Anmerkungen

Literatur

Kontaktadressen

Über die Autorin

Vorwort zur Neuausgabe

Das Schreiben des Vorwortes zur Neuausgabe dieses Buches gibt mir die Gelegenheit, noch einmal über die Entstehungsgeschichte des Buches nachzudenken. Nachdem Anfang der neunziger Jahre ein Artikel von mir im Journal of Asian Martial Art erschienen war1, schlug mir ein Verleger in den USA vor, ein Exposé für ein Buchprojekt einzureichen. Das tat ich, das Exposé wurde angenommen, und ich machte mich ans Schreiben. Ich schrieb in einem eher akademischen Tonfall und konzentrierte mich vor allem auf Techniken. Nachdem ich etwa drei Viertel des Buches fertiggestellt hatte, wurde mir auf einmal klar, dass ich in dieser Art und Weise nicht weiterschreiben wollte. Ich teilte dem Verleger mit: »Ich möchte ein Buch aus dem Herzen heraus schreiben. Dieses Buch trifft nicht den Punkt. In ein paar Jahren, wenn das Buch, das in mir heranwächst, geburtsreif ist, melde ich mich wieder bei Ihnen.«

Ich brauchte tatsächlich mehrere Jahre. Zu der Zeit hatte ich nicht viel Zeit zum Schreiben (heute habe ich sogar noch viel weniger Zeit dafür), aber immer wenn ich mich an den Text setzte, fühlte ich mich nicht nur mit meinen Schülerinnen und Schülern verbunden, sondern mit allen Menschen, die diesen Weg vor mir beschritten hatten und mir damit ermöglichten, ihn ebenfalls zu gehen. So viele Geschichten kamen mir beim Schreiben in den Sinn. Indem ich mich von ihnen berühren ließ, flossen sie in Worte und eine Form, wie es die erste Version des Buches nicht zugelassen hätte.

Hinter dem Schreiben des Buches hatte aber noch ein weiterer Impuls gestanden. Es sollte meine ganz persönliche Antwort auf die in Tai-Chi- und Qi-Gong-Kreisen verbreitete Tendenz sein, diese Künste auf medizinische, technische und wissenschaftliche Aspekt zu reduzieren. Das passiert heute auch in der sogenannten »Wissenschaft von der Meditation«. Man schließt Mönche und andere Meditierende an Maschinen an, um ihr Gehirn zu vermessen und zu fotografieren. Auch Tai-Chi- und Qi-Gong-Praktizierende wurden und werden in dieser Weise untersucht, getestet und evaluiert, um nachzuweisen, dass »es« funktioniert.

Auch wenn ich sehe, wie wertvoll und notwendig Untersuchungen auf diesem Gebiet sind, frage ich mich etwas besorgt, welche Auswirkungen diese Forschungen auf das Unterrichten dieser Künste haben. Bestärken diese Forschungen die spirituelle Dimension (wie immer wir diese definieren mögen)? Wie viel Sorgfalt wird noch auf die persönliche Entwicklung des einzelnen Individuums gelegt? Die Entwicklung einer Pädagogik des Herzens/Geistes ist im Bildungsbereich ebenso notwendig und geboten wie auf anderen Gebieten. Die Krisen und Anforderungen in vielen Bereichen unseres sozialen, politischen und wirtschaftlichen Lebens fordern einen immer größeren Tribut. Viele Menschen, die Tai-Chi- und Qi-Gong-Kurse belegen, stehen unter enormem Stress und Druck und fühlen sich nicht selten sehr überfordert. Sie suchen in diesen traditionellen, meditativen Körperkünsten eine neue Orientierung.

Die Pädagogik, die ich meine, berührt unser Herz und unseren Geist und erschließt uns die innere Weisheit, die jeder und jedem von uns angeboren ist. In jenen stillen Augenblicken, in denen wir eine Form beginnen, sei es am Strand oder auf einem lauten, quirligen Spielplatz mitten in der Stadt, können wir mit der tiefsten Quelle des Lebens in uns in Berührung kommen. Diesen inneren Erfahrungsbereich können wir in Geschichten oder in Poesie zum Ausdruck bringen; ihn zu vermessen, zu kategorisieren oder begrifflich definieren zu wollen, aber bedeutet, dass er verkümmert wie Blüten, die wir von der Sonne abschirmen.

Aus den Reaktionen, die mich seit der Veröffentlichung dieses Buches erreicht haben, weiß ich, dass viele Menschen ähnlich empfinden wie ich. Ich habe diese Ausgabe um Übungen und Texte ergänzt, von denen ich hoffe, dass sie den kontinuierlichen Prozess Ihrer persönlichen Selbstentdeckung und Entwicklung unterstützen.

Ich hoffe, mein Buch wird viele Menschen inspirieren, die sich Tai Chi und Qi Gong zuwenden wollen oder dies bereits getan haben. Mögen diese Künste Ihnen und anderen Gesundheit, Mitgefühl und Verständnis schenken und Ihr Herz im Innersten berühren.

Bedburg im April 2007

Linda Myoki Lehrhaupt

Einleitung

In diesem Buch erforsche ich Tai Chi und Qi Gong als Meditationspraxis und Pfad der Weisheit und erzähle, was wir über uns, über andere und das Leben selbst lernen können, wenn wir diese taoistischen Künste studieren.

Fast jeder Mensch, der eine Zeitlang Tai Chi oder Qi Gong gemacht hat, wird Ihnen bestätigen, dass das, was als wöchentlicher Unterricht in Bewegungsübungen begann, zum Studium seines Lebens und seines persönlichen Wachsens wurde. Tai Chi und Qi Gong sind Weisheitsmeditationen, aber auch ein Pfad des Herzens. Wenn wir diesen Pfad beschreiten, öffnen wir unser Herz – zunächst für uns selbst und dann, wie die Wellen, die in einem stillen Teich aufgerührt werden und zum Ufer laufen, für alles und alle um uns herum. Tränen zeichnen manchmal die Augenblicke, in denen wir uns wie erlöst fühlen, unser Verstehen wächst und wir letzten Endes auf einer tiefen Ebene erwachen. Ich glaube, dass jeder Moment des Trainings eine Gelegenheit ist, sich zu öffnen, weiter zu werden, tiefer zu gehen und zu wachsen. Und eine leise innere Stimme fragt ständig: »Was ist das Herz der Praxis?«

Als ich 1978 mit Tai Chi anfing, befand ich mich in der schwierigsten Phase meines Lebens. Ein halbes Jahr zuvor hatte ich meine Tochter Taya durch einen Kaiserschnitt geboren, der Komplikationen nach sich zog, so dass ich mich noch lange erschöpft fühlte. Drei Monate später starb meine Mutter an Brustkrebs, mit dem sie acht Jahre gelebt hatte. Kurz danach gab ich eine sichere und gut bezahlte Arbeit auf, um mit meinem Ehemann Geoff und Taya in einem VW-Campingbus eine dreimonatige Reise durch Amerika zu unternehmen. Im Anschluss an diese Fahrt trennten Geoff und ich uns nach zwölf Jahren Ehe. Ich mietete mir ein winziges Apartment in New York, in dem meine Tochter in einem kleinen Verschlag mit Fenster schlief. Ich war 29 Jahre alt, alleinerziehende Mutter und betreute – mit meinem Bruder zusammen – einen demenzkranken alten Vater. Damals wusste ich es noch nicht, aber Tai Chi würde jeden Bereich meines Lebens berühren: Es trainierte meinen Körper, öffnete meinen Geist und mein Herz. Es rettete mir das Leben.

Kurz danach begann ich Qi Gong zu studieren. Nicht das Wort »Qi Gong« in der Ankündigung verlockte mich zu meinem ersten Unterricht, denn ich hatte keine Ahnung, was es bedeutete, sondern das Wort »Meditation«, das darunter geschrieben stand. Ich fühlte mich zu jenem Unterricht hingezogen wie von der stärksten Kraft der Welt. Von dem Punkt an waren mein Qi-Gong- und mein Tai-Chi-Training miteinander verwoben. Während viele Menschen entweder Tai Chi oder Qi Gong praktizieren, habe ich fast von Anfang an beides trainiert. Für mich unterscheiden sich diese beiden Disziplinen lediglich in Nuancen und Gewichtungen. Wie die buddhistische Metapher von Indras Netz besagt, sind Tai Chi und Qi Gong miteinander verwoben und trotzdem jeweils einzigartig.

Ein halbes Jahr, nachdem ich mit Qi Gong angefangen hatte, besuchte ich meine erste Einführung in die Zen-Meditation. Meine Praxis vertiefte sich im Laufe der Jahre, bis ich 1988 die Laienweihe (Jukai) erhielt und später dann, 1992, zur Zen-Priesterin geweiht wurde. Meine Sitzpraxis ist das Fundament meines Lebens und der Boden, auf dem viele der Einsichten und Sichtweisen in diesem Buch gewachsen sind.

Ich begann unter anderem deswegen Zen zu praktizieren, weil ich verstehen wollte, was Meditation im Tai Chi und Qi Gong heißt. Als meine Praxis im Lauf der Zeit allmählich reifte, gab ich es auf, Dinge herausfinden oder verstehen zu wollen, und fuhr einfach mit meinem Training fort. Anfangs war ich auf der Suche; später bereitete das Sitzen mich darauf vor, mich nicht mehr umzuschauen, sondern offen und empfänglich zu bleiben. Aus diesem Brunnen des Nichtwissens und Nichtplanens steigt das Leben auf. Es ist dieselbe Quelle, die unsere Tai-Chi- oder Qi-Gong-Praxis speist, wenn wir erst einmal lernen, keine Dämme mehr zu bauen und den Fluss einfach fließen zu lassen.

In jenen Anfängen waren die Zeiten des Tages, in denen ich Tai Chi oder Qi Gong machte, die einzigen Inseln des Friedens in meinem Leben. In diesen Augenblicken, in denen ich still dastand, bevor ich mit der Form begann, kam etwas in mir zur Ruhe. Das Gefühl, das Leben sei ein Kampf, ein Gefühl, das von der Sorge für ein Kleinkind und einen alten Mann herrührte, wandelte sich in eine strahlende Wachheit. Tai Chi und Qi Gong brachten meine Probleme nicht zum Verschwinden, aber sie schufen einen Ort in meinem Leben, an den ich täglich einkehren konnte, um meinen Geist zu nähren und meinen erschöpften Körper zu hegen. Dank Tai Chi und Qi Gong war mein Leben keine Wüste, sondern ein Garten, den ich pflegen konnte. Ich gewann dadurch Kraft, Geduld und ein Gefühl für zeitliche Rhythmen.

1983 zog ich nach Deutschland, heiratete wieder und begann Tai Chi und Qi Gong zu unterrichten. Meine Schülerinnen und Schüler kommen aus allen möglichen Lebensrichtungen und sind zwischen 15 und 79 Jahre alt. Und auch wenn sie ihr Training aus unterschiedlichen Motiven beginnen, ist der Grund, aus dem sie bleiben, immer der gleiche: Sie lernen sich durch diese Künste tiefer kennen, was auch eine Herausforderung ist. Sie heißen das Leben als Möglichkeit willkommen, zu lernen, zu wachsen und zu gedeihen.

Unser Leben derart zu schätzen bedeutet, sowohl die Stürme als auch die sanften Brisen unseres Alltags als Teil eines Lebens zu leben, das sinnvoll ist. Es bedeutet, die Idee von Tai Chi und Qi Gong als lebenslange Praxis zu erforschen. Oft missverstehen Anfängerinnen und Anfänger, was das heißt. Sie glauben, es ginge darum, die verschiedenen Formen zu meistern oder die Technik der Tui Shou (Partnerübung) perfekt zu beherrschen. Aber Tai Chi und Qi Gong haben, wie die Geschichten in diesem Buch deutlich machen, nichts mit der Vervollkommnung von Techniken zu tun. Es geht hier auch nicht darum, sich selbst zu beherrschen, in dem Sinne, dass wir unsere Gefühle oder Gedanken kontrollieren. Worauf es ankommt, zeigt sich vielmehr im Verhalten der Schülerin, die, frustriert und ärgerlich, weil sie »es« nicht kapiert, schon auf die Tür zugeht, dann aber an ihren Übungsplatz zurückkehrt und es noch einmal versucht. Wenn wir imstande sind zu sagen, »ich versuche es noch einmal«, ist das ein Ausdruck von großem Selbstvertrauen.

Sobald wir anfangen, die Form zu lernen, taucht auch schon der Wunsch auf, dies möge schnell, mühelos und perfekt gelingen. Wie jede Schülerin und jeder Schüler jedoch bald herausfindet, erfordert es Zeit, Mühe und Geduld, Tai Chi und Qi Gong zu lernen. Es verlangt von uns, dass wir einen Teil unseres Tages uns selbst widmen, um auch dann zu üben, wenn wir Widerstände haben. Wir sind aufgefordert, auch dann weiterzumachen, wenn es scheint, als würden wir nirgendwo hingelangen. Die meisten, die nach kurzer Zeit mit Tai Chi oder Qi Gong wieder aufhören, tun das nicht, weil das Lernen schwierig wäre, sondern weil ihre Erwartungen nicht schnell genug erfüllt werden. Sie gehen, weil sie sich ihrer Enttäuschung nicht stellen wollen. Dieser Wunsch, den Schmerz der Enttäuschung nicht spüren zu wollen, hält uns oft davon ab, unser Bestes zu versuchen. Wir haben Angst, uns einer Sache von ganzem Herzen zu widmen, weil wir fürchten, dass uns das Herz bricht. Das gilt nicht nur für das Studium von Tai Chi und Qi Gong, sondern für alles im Leben.

Tatsächlich heißt Tai Chi oder Qi Gong lernen, dass wir lernen zu lernen. Diese Sichtweise beruht auf dem Verständnis, dass das, was wir über uns selbst erfahren, ebenso wichtig ist wie die richtige Durchführung einer Bewegung – wenn nicht wichtiger. Lernen zu lernen bedeutet, die Fähigkeit zu entwickeln, uns mit unserer Frustration und unseren Selbstzweifeln vertraut zu machen. Wir erleben, dass vermeintliche Hindernisse zu Möglichkeiten werden, die, wie geringfügig sie auch sein mögen, unser Leben völlig verändern können.

Menschen fragen oft: »Was habe ich davon, wenn ich Tai Chi oder Qi Gong lerne?« Es ist schwierig, Anfängerinnen und Anfängern auf diese Frage eine wirklich befriedigende Antwort zu geben. Tatsächlich wissen die meisten, die mit Tai Chi oder Qi Gong beginnen, sehr wohl, was sie wollen: Stressabbau, körperliche Bewegung, die Körperhaltung ändern, Haltungsschäden beheben, eine Form von Selbstverteidigung oder eine taoistische Kunst lernen – das sind die häufigsten Gründe. Die meisten suchen am Anfang nicht den verborgenen Schatz von Tai Chi oder Qi Gong. Diesen Schatz zu finden erfordert viel Engagement, Disziplin sowie die Bereitschaft, selbst dann weiterzumachen, wenn das Ziel weit entfernt und verschwommen scheint. Je länger die Schülerinnen und Schüler jedoch praktizieren, desto klarer wird ihnen, dass jede Unterrichtsstunde die Möglichkeit bietet, all die Bereiche der eigenen Person aufzuspüren, die blockiert sind, sowie sich ihre Vorurteile anzuschauen und sich mit ihren Reaktionsweisen neu zu konfrontieren. Das ist der Kern dessen, was es heißt, Tai Chi oder Qi Gong zu praktizieren.

Dieses Buch besteht aus sieben Kapiteln. Sie sind nach den klassischen Bewegungen benannt, die fast jeder Tai-Chi-Stil enthält. Vorbereitung und Abschluss sind auch klassische Qi-Gong-Bewegungen. Die einzelnen Abschnitte dieser sieben Kapitel sind durch Themen inspiriert, die mit der jeweiligen Bewegung oder der Praxis allgemein zusammenhängen. Sie können auch Geschichten über Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler oder einen bestimmten Aspekt der jeweiligen Bewegung selbst erzählen sowie Überlegungen und Assoziationen aus meinem eigenen Leben und meiner Arbeit als Tai-Chi- und Qi-Gong-Lehrerin enthalten. Um deren Privatsphäre zu schützen, habe ich die Namen der meisten Menschen geändert und hin und wieder zusammengesetzte Figuren erfunden.

Die Kapitel – von denen einige nachdenklich gehalten sind, während andere heftigere Töne anschlagen – sind als Kommentare gedacht, die man immer wieder nachschlagen kann. Ich beschließe jedes Kapitel mit Übungen, so dass die Leserinnen und Leser ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema machen können, das ich zuvor erörtert habe. Diese Übungen können sowohl Schülerinnen und Schüler unterstützen als auch für Lehrerinnen und Lehrer geeignet sein, die nach Möglichkeiten suchen, ihren Unterricht zu erweitern und zu ergänzen. Diese Übungen sind jedoch nicht nur für Menschen, die Tai Chi oder Qi Gong praktizieren, sondern eignen sich auch für Lehrerinnen und Schülerinnen anderer Bewegungsoder Kampfkünste.

Zu Beginn der sieben Kapitel beschreibe ich jeweils eine Bewegung des Tai Chi aus der Form, die ich seit 1978 praktiziere. Diese Form wurde mir von meinem Lehrer, Großmeister William C. C. Chen, einem der erfahrensten und engagiertesten Lehrer in den USA, beigebracht. Falls Sie gern Fotografien der Form sehen möchten, bitte ich Sie, diese in Meister Chens Buch Body Mechanics of Tai Chi Chuan (Körpermechanik des Tai Chi Chuan) nachzuschlagen.

Die Zeichnungen zu Beginn jeden Kapitels wollen den Geist und Charakter der Tai-Chi und Qi-Gong-Bewegungen zum Ausdruck bringen. Sie sind nicht in jedem Fall identisch mit der vorgestellten Bewegung.

Das Schlusskapitel dieses Buches enthält Antworten auf einige der am häufigsten gestellten Fragen nach der Übungspraxis. Hier wie auch in den »Das Herz der Praxis« benannten Abschnitten finden Sie Vorschläge für die Entwicklung Ihres eigenen Übungsrhythmus’ und Anregungen für den Umgang mit jenen Ereignissen oder Situationen, die uns von unserer Praxis am häufigsten ablenken oder manchmal auch ganz abbringen können.

Auch wenn ich in diesem Buch Tai Chi und Qi Gong als Bezugsrahmen benutze, kann das, was ich darüber sage, auf fast alles übertragen werden, was wir mit Achtsamkeit lernen oder praktizieren – Aikido, Karate, Yoga, Tanz, ein Musikinstrument spielen, stricken, kochen, Rasen mähen oder das Haus anstreichen. Nicht durch die Tätigkeit selbst wird etwas zur Meditation, sondern durch die innere Haltung, mit der wir sie durchführen. Deswegen kann diese Liste endlos ergänzt werden. Und ebenso endlos sind auch die Möglichkeiten, zu lernen und zu wachsen.

Ein zentraler Aspekt von Tai Chi und Qi Gong als Pfad der Weisheit besteht darin, dass wir einen Weg finden, uns so zu akzeptieren, wie wir sind. Wenn wir anfangen zu lernen, nehmen wir oft eine selbstkritische Haltung ein, die uns daran hindert, geduldig zu sein oder uns mit uns selbst wohl zu fühlen. Wir üben im Geist des Konkurrenzdenkens, das in unserer Welt so geschätzt wird, und folglich verurteilen wir uns permanent, setzen Maßstäbe für unsere Disziplin, denen wir nur schwer gerecht werden können, oder stellen uns mit harten kritischen Kommentaren selbst Hindernisse in den Weg. Aber, wie Pema Chödrön, eine tibetische buddhistische Lehrerin so schön sagt: »Meditieren heißt nicht, uns selbst zu verwerfen und etwas Besseres werden zu wollen. Vielmehr geht es darum, uns mit dem Menschen anzufreunden, der wir bereits sind.«2

Wenn wir Tai Chi oder Qi Gong als Weg der Weisheit praktizieren, sind wir ständig aufgefordert, uns zu öffnen und die destruktiven Vorstellungen und Verhaltensweisen aufzugeben, die unseren Geist schwächen und unsere Absichten ins Wanken bringen. Tai Chi und Qi Gong ermöglichen und verlangen eine tiefe Form von Selbstheilung, die darin besteht, dass wir uns mit uns selbst anfreunden. Sie führen uns durch den behutsamen Prozess, unsere Stärken ohne Stolz und unsere Schwächen ohne Verachtung zu erkennen. Wenn wir so mit uns arbeiten, ist das, als würden wir einem kleinen Mädchen helfen aufzustehen, wenn sie hingefallen ist. Wir nehmen sie bei der Hand und warten geduldig, bis sie wieder auf eigenen Füßen steht. Dann geben wir ihr einen dicken Kuss, lassen ihre Hand los und sagen: »Lauf, mein Schatz! Versuch es noch einmal!« Das ist der Kern der Praxis.

Einladung

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Freundin zum Essen eingeladen. Sie ist seit langer Zeit Ihre Vertraute, ein Mensch, der fast alle Höhen und Tiefen in Ihrem Leben miterlebt hat. Als sie eintrifft, ist sie offensichtlich sehr müde. In der Nacht wach gehalten von ihrem Baby, hat sie fast den ganzen Tag für eine Prüfung gebüffelt. Ihr Rücken schmerzt, und ihre Gedanken kreisen ständig um ein bevorstehendes Bewerbungsgespräch. Sie könne nicht allzu lange bleiben, sagt sie entschuldigend, weil sie am nächsten Morgen früh aufstehen müsse.

Nach dem Abendessen machen Sie zusammen einen Spaziergang am Rhein entlang. Es ist eine sternklare Sommernacht. Das Rheinufer ist voller Menschen, die die kühle Brise vom Fluss genießen. Das Summen der Stadt erfüllt die Luft. Während die Lichter vom gegenüberliegenden Ufer winken, genießen Sie beide diese höchst wundervollen Augenblicke des Lebens.

Ohne ein Wort zu reden, nehmen Sie Ihre Positionen ein und beginnen mit der Form. Schließlich sind Sie Qi-Gong-Schwestern und haben viele Jahre lang bei demselben Meister gelernt. Sie stehen eine Weile da und nehmen Ihre Umgebung in sich auf: die Sterne, die Schleppkähne, die Autos auf der Brücke, Babys, Leuchtreklamen, Verkehr. Während Sie die Form machen, tanzt das Universum diesen Augenblick mit Ihnen. Als Sie zum Ende kommen, geht gerade der Mond am Horizont auf. Ohne zu wissen warum, verbeugen Sie sich. Sie wissen, dass Sie die Form von diesem Augenblick an immer mit einer Verbeugung beenden werden.

Stellen Sie sich jetzt vor, dass Sie selbst die Freundin sind, die Sie zum Üben eingeladen haben. Die Vorstellung, dass unsere Praxis eine Einladung an einen Menschen ist, der uns am Herzen liegt, hilft uns, uns liebevoll um uns selbst zu kümmern. Sind unsere Freundinnen oder Freunde müde oder hungrig, helfen wir ihnen oder decken für sie den Tisch. Fühlen sie sich niedergeschlagen, versuchen wir, für sie da zu sein. Sind ihre Muskeln verspannt, holen wir das Körperöl und räumen den Esstisch ab, damit er als Massagebank dienen kann. All das entfaltet sich auf natürlichem Wege, weil wir unsere Freundin oder unseren Freund unterstützen möchten.

Wenn Sie sich aufstellen, um zu üben, sind Sie für sich da wie für eine Freundin, die Sie braucht. Diese Bilder sind sehr hilfreich, denn sie ermutigen uns, freundlich mit uns selbst umzugehen. So wirken wir der Tendenz entgegen, vor dem Üben davonzulaufen, weil wir Angst haben zu versagen oder uns einsam fühlen, wenn wir allein praktizieren. Wenn wir unsere Praxis als Möglichkeit begreifen, sämtliche Aspekte unseres Lebens zu tanzen, dann heißen wir sie alle mit ebenso offenen Armen willkommen wie den Zauber der Nacht am Rhein.

1Vorbereitung

Die Bewegung

Vorbereitung scheint eine relativ einfache Bewegung zu sein, aber in Wirklichkeit ist sie äußerst schwierig durchzuführen. Sie ist nicht deswegen schwierig, weil die Bewegung kompliziert wäre, sondern weil sie von uns verlangt, völlig präsent zu sein, eingestimmt auf uns selbst und unsere Umgebung. Sie lädt uns ein, uns im Augenblick zu verwurzeln. Sie ermutigt uns, ohne jene Hetze zu beginnen, mit der wir schnell zum Ende kommen wollen. Sie ist ein Körpermantra, das uns darin unterstützt, ganz im Hier und Jetzt zu sein.

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Wenn Sie die erste Bewegung einer Tai-Chi- oder Qi-Gong-Form lernen, die meistens damit beginnt, dass Sie still dastehen, bevor Sie anfangen, sich zu bewegen, bekommen Sie meistens Kommentare über die Haltung zu hören. Manche empfinden es als eine Art Drill, wenn die Lehrerin Dinge sagt wie »Steh da, als hingest du an einem goldenen Faden, der an deinem Scheitel befestigt ist. Die Schultern sind entspannt, der Kopf ist erhoben, die Nase befindet sich über dem Nabel, das Kinn ist leicht eingezogen. Das Brustbein ist leicht aufgerichtet, und der untere Rücken wird lang. Deine Füße stehen fest auf dem Boden, und die Zehen sind entspannt. Deine Augen schauen mit weichem Blick geradeaus.«

Wenn wir die Anfangshaltung einnehmen, ist es ratsam, sich in Erinnerung zu rufen, dass wir keine Maschinen, Kleiderpuppen oder Statuen sind. Wir können die Haltung oder Form nicht ein für alle Mal konservieren, aber wir können sie ständig neu erforschen. Die Haltung wird uns während unserer Praxis ständig lehren; sie wird uns gefallen, befriedigen, frustrieren, bezaubern und besiegen, alles zugleich oder eines nach dem anderen mit sämtlichen Variationen dazwischen. Sie können sie an keinem Punkt fixieren oder davon ausgehen, dass sie sich nicht mehr verändert. Vielleicht wünschen wir uns diese Sicherheit, aber zu wissen, dass sie nicht existiert, ist auch eine Art von Freiheit. Wenn wir das wirklich akzeptieren, nehmen wir eines der größten Geschenke an, welche die Haltung uns zu machen hat.

Lassen Sie sich also Zeit beim Einnehmen der Ausgangshaltung. Vor Ihnen liegt noch ein ganzes Leben mit der Praxis.

Sie beginnen mit dieser ersten Bewegung der Form, indem Ihre Fersen sich im Stehen berühren und die Füße ein V bilden. Ihre Arme hängen an den Seiten herab; die Handflächen zeigen zum Körper. Ihre Mittelfinger bilden eine Linie mit der Mitte Ihrer Oberschenkel. Die Hände sind leicht gewölbt. Diese Handhaltung lässt Raum zwischen den Fingern und bewirkt eine sanfte Dehnung der Handflächen. Meister William C. C. Chen beschreibt die Hände gern als »tanzende Handteller«, was ein Gefühl von der Leichtigkeit der Energie vermittelt, die durch die Form zum Leben erweckt und aktiviert wird.

Jetzt geben Sie Ihr Gewicht an das rechte Bein ab. Statt das Gewicht zu verlagern, wobei wir oft die Hüften zu stark bewegen, lassen Sie es eher nach unten sinken. Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem nassen Strand, und ohne sich zu bewegen, wollen Sie mit Ihrem rechten Fuß einen tiefen Abdruck im Sand schaffen.

Machen Sie einen Schritt mit dem linken Fuß und stellen Sie ihn so, dass er geradeaus zeigt und in schulterbreitem Abstand zum rechten Fuß steht. Das Gewicht ist noch immer auf dem rechten Fuß. Jetzt verlagern Sie es fast ganz auf den linken Fuß. Dann drehen Sie sich auf der Ferse des rechten Fußes so, dass die Zehen nach vorn zeigen und Ihr rechter Fuß parallel zu Ihrem linken Fuß steht. Gleichzeitig drehen Sie beide Hände, so dass die Handflächen nach hinten zeigen. Die Finger sind weiter leicht gewölbt. Unter den Achseln bleibt so viel Raum, dass Ihre Fäuste dort Platz fänden. Das Gewicht ist nun in der Mitte.

Die letzte Position von Vorbereitung, bei der die Füße parallel stehen, heißt Wu Chi. Diese Haltung ist sowohl im Tai Chi als auch im Qi Gong die grundlegende; mit ihr beginnen und enden viele Formen. Wu Chi verweist auf die taoistische Vorstellung vom Ursprung des Universums, die Augenblicke endloser Zeit, bevor sämtliche Elemente Gestalt annahmen. Wu Chi kann auch übersetzt werden mit »Mutter aller Möglichkeiten«. Es ist ein Augenblick mit einem enormen Potential, das in allen Zeiten und Räumen wartet und diese durchdringt.

Wu Chi verkörpert eine Haltung, welche die Grundlage unserer Praxis bildet: Wir sind aufmerksam für diesen Augenblick, lauschen zugleich nach innen und außen. Wir ruhen in der Stille und Bewegungslosigkeit und sind doch bereit, in der nächsten Bewegung ganz da zu sein.

Warten am Eingang

Eingänge oder Tore sind Orte, die oft Schwierigkeiten bergen. Sie haben vielerlei Gestalt: der Geburtskanal, die Dekompressionskammer eines Raumschiffes, das Loch im Eis, das die Inuit schlagen, damit die Geister der Tiere zu ihren Vorfahren zurückkehren können. Eingänge können zu Initiationshütten, Spielhallen, Kreißsälen oder Gemächern des Glücks führen. Während wir uns im Eingangsbereich aufhalten oder eine Tür durchschreiten, befinden wir uns zwischen den Welten. Victor Turner, ein großer Anthropologe unserer Zeit, hätte gesagt, wir sind »weder dies noch das«. Weder haben wir den einen Zustand ganz hinter uns gelassen, noch sind wir in dem neuen bereits zu Hause.

Das Warten am Eingang ist eine Zeit der Erwartung. Wir warten darauf, ein Kind zu gebären, zu einer mündlichen Prüfung vorgelassen zu werden, eine Eintrittskarte für ein heiß begehrtes Rockkonzert zu bekommen, die Zusage für einen Job zu erhalten, den letzten langen Atemzug eines sterbenden Menschen zu hören. Wenn wir durch ein Tor treten, wissen wir nie genau, was uns drinnen erwartet. Deswegen gelten Eingänge in allen Kulturen als gefährliche Orte. In sämtlichen Zeitaltern haben die Menschen Riten entwickelt, um den Durchgang sicher zu gestalten.

Aber so unterschiedlich diese Riten auch sind, sie alle haben das gleiche Ziel: einen Menschen darin zu unterstützen, das Tor zu durchschreiten. Sie sollen uns weder abhalten noch die Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Die Erfinder dieser Riten wissen, dass sie der eintretenden Person die Macht nehmen würden, die ihr die Initiation verleiht, wenn sie ihr die Dinge erleichterten. Diese Macht liegt in der Zuversicht und dem Gefühl des Gelingens, das jemand empfindet, wenn er »angekommen« ist. Dieses Gefühl kennt jeder, der Neuland betreten hat, ob er nun einen Marathon gelaufen ist, einen Motor repariert, die Präsidentschaftswahlen gewonnen oder als Kleinkind seine ersten Schritte getan hat. Es ist lediglich eine Frage der Intensität.

Wenn Sie anfangen, Tai Chi oder Qi Gong zu praktizieren, sind Sie durch ein Tor getreten. Während die Wochen und Monate verstreichen, können die Dinge mit Leichtigkeit vorangehen. Wir haben das Gefühl, Fortschritte zu machen, vor allem, wenn wir uns dem Ende der Form nähern. Und dann plötzlich tut sich vor uns ein weiterer Eingang oder ein weiteres Tor auf. Das passiert oft an dem Punkt, wenn Sie eine Bewegung vielleicht zum zwanzigsten Mal geübt haben und sich immer noch unbeholfen fühlen oder vergessen haben, wie sie genau geht.

Plötzlich empfinden Sie das, was ein großartiges Unternehmen schien, als einen einzigen Schlamassel. Am liebsten würden Sie alles hinschmeißen! Jetzt ist das Tor ein Ausgang zu einem leichteren Leben, in dem Sie sich nicht damit quälen, eine idiotische chinesische Bewegungskunst zu lernen. Die einzige Bewegungsmeditation, die Sie jetzt gern machen würden, bestünde darin, ein Glas Wein an die Lippen zu heben, während Sie in einem französischen Café sitzen und beobachten, wie an einem strahlenden Sommernachmittag die Marktstände abgebaut werden.

In diesem Augenblick stehen wir vor einer Tür mit der Aufschrift »Ungeduld, Illusion und Frustration«. Können wir weiter am Eingang warten, ohne durch die Tür zu hetzen oder auf dem Absatz kehrtzumachen? Können wir die Einladung, die das Warten uns bietet, nämlich etwas über uns selbst zu erfahren, annehmen und alles, was geschieht, als Teil der Situation willkommen heißen, statt einiges zu akzeptieren und anderes abzulehnen? Halten wir es aus, nicht voranzustürmen, damit das Warten ein Ende hat, sondern es von Augenblick zu Augenblick anzunehmen?

John Tarrant schreibt in seinem Buch The Light Inside the Dark (Licht im Herzen der Dunkelheit) über die Macht des Wartens die eindrucksvollen Worte:

Wenn wir blockiert sind, wenn die Umstände nicht reif sind, müssen wir einen Weg finden zu akzeptieren, dass wir warten, dass wir voller Verheißung sind und nicht bloß schlafen. Ein Innehalten wie dieses ist der Kern der Praxis der Meditation. Wenn wir uns unserem Leben aufmerksam widmen, beginnt in den unterirdischen Strömungen, auch wenn nichts zu geschehen scheint, der Ausgleich, unsichtbar bis zu dem Augenblick, in dem er eintritt. Dieses Warten ist kein Bemühen darum, ein Problem zu bewältigen, noch geht es darum, ihm auszuweichen – vielmehr treten wir nur ein klein wenig beiseite, gerade so viel, dass es dem Universum möglich ist, das Problem zu erledigen.«3

Wir können die Macht des Wartens schwächen, wenn wir versuchen, es zu verkürzen, zu verlängern oder auf einen anderen Tag zu verlegen. Wenn wir wirklich bereit sind, einfach nur am Eingang zu warten, lernen wir, dass das Warten selbst der Eingang ist. Und wenn sich die Tür dann öffnet, gehen wir hinein und setzen uns. Wenn das Treffen vorbei ist, stehen wir auf und gehen. Es gibt keinen Unterschied zwischen Anfang und Ende der Form. Es sieht nur so aus.

Uns vorbereiten, aufmerksam zu sein

Es liegt nahe zu denken, dass wir uns mit Vorbereitung, der ersten Bewegung, bereitmachen, mit der Form anzufangen. Aber mir liegt die Vorstellung näher, dass wir uns mit dieser Bewegung vorbereiten, aufmerksam zu sein.

Wir bereiten uns vor, indem wir uns zentrieren, zur Ruhe kommen und zulassen, dass der Aufruhr unserer üblichen Gedanken und Körperrhythmen sich legt, so dass wir auf einer tieferen Ebene still werden. Wir können die Standhaltung als Übung der Achtsamkeit benutzen, um mit unserer Aufmerksamkeit sorgfältig durch unseren Körper zu wandern und uns die Empfindungen in jedem Körperteil bewusst zu machen. Mit den Füßen beginnend, arbeiten wir uns schrittweise bis zum Scheitel hoch und trainieren damit die Fähigkeit zur sorgfältigen Aufmerksamkeit, die wir später beim Praktizieren der Form anwenden können. Wenn wir aufmerksam wahrnehmen, wie sich unsere Gefühle, unsere Konzentration, unsere Muskelspannung und unsere äußere Gestalt von Augenblick zu Augenblick verändern, werden wir uns nicht nur der eigenen Person, sondern auch der wundersamen Komplexität jedes Lebensfunkens bewusst.

Die Stehmeditation hilft uns, unsere Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Ich beschreibe diesen Prozess oft mit dem Bild von Sand, der auf den Boden eines mit Wasser gefüllten Glasgefäßes rieselt. Der Sand setzt sich Körnchen für Körnchen ab, von denen einige schwerer sind als andere. Schließlich befindet sich der ganze Sand am Boden des Gefäßes und bleibt dort auch liegen, es sei denn, wir wühlen ihn auf. Und das Gleiche passiert mit unseren eifrigen Gedanken. Auch sie legen sich, während wir dastehen.

In den klassischen Schriften aus der Tradition des Tai Chi und Qi Gong, die von den Lehrenden über die Jahrhunderte verfasst wurden, heißt es, dass wir uns in der Standhaltung vorstellen sollen, wir hingen an einer goldenen Schnur, die an unserem Scheitel befestigt ist. Dieses Bild soll uns helfen zu spüren, dass unser Körper leicht und natürlich ausgerichtet ist. Wenn wir uns die Wirbelsäule als Perlenkette vorstellen, die von oben gehalten wird, dann befinden sich sämtliche Wirbel wie die Perlen in natürlicher Ausrichtung übereinander, ohne nach unten auf den nachfolgenden Wirbel zu drücken.

Es braucht jedoch Zeit, diese Ausrichtung im Stand auf natürliche und entspannte Weise zu spüren. Manche Schülerinnen und Schüler fühlen sich anfangs unwohl in dieser Haltung. Die Beine können zittern, Schultern, Füße oder Waden sich verkrampfen. Die meisten dieser Probleme legen sich mit zunehmender Praxis, auch wenn sie wieder auftauchen oder andere Schwierigkeiten in den Vordergrund treten können.

Die frühen Phasen der Stehmeditation vermitteln uns eine wichtige Lektion. Sie bieten uns Gelegenheit, uns unangenehmen Empfindungen wie Langeweile oder sogar Schmerz zu stellen und zu lernen, damit zu arbeiten. Normalerweise wollen wir unangenehme Empfindungen loswerden oder sie in angenehme umwandeln. Allein diese Vorstellung erzeugt jedoch Aufruhr; sie verhindert, dass wir in dieser Haltung zur Ruhe kommen. Nehmen wir unsere Empfindungen hingegen aufmerksam wahr, erforschen wir sie und begegnen wir ihnen gar mit Neugier, dann sehen wir, dass sie gar nicht die feste Mauer von Schmerz oder Unwohlsein sind, die sie in unserer Vorstellung zu sein scheinen. Sie nehmen zu oder klingen ab, verstärken sich oder lassen nach, erzeugen Anspannung oder verlagern sich. Wir sind in Berührung mit dem Prozess der Veränderung, wie er sich von Augenblick zu Augenblick entfaltet. Das wiederum hilft uns, die Angst loszulassen, für immer im Schmerz gefangen zu sein. Wir sehen, dass eine Situation zwar schwierig, gleichwohl im Fließen begriffen sein kann.

Eine Erfahrung aus meinem eigenen Leben kann das, was ich meine, vielleicht verdeutlichen.

1988 durchlebte ich eine der anstrengendsten Phasen meines Lebens. Ich rang um meinen beruflichen Weg, zog ein Kind groß, versuchte, eine Dissertation abzuschließen und unsere Familie zu ernähren, da mein Mann voll studierte. Ich war heftig im Konflikt mit mir, ob ich die Dissertation vollenden sollte oder nicht. Meine Unschlüssigkeit beruhte darauf, dass ich bereits beschlossen hatte, nicht im Bereich meiner akademischen Ausbildung zu arbeiten, sondern stattdessen Tai Chi und Qi Gong zu unterrichten.

Damals hielt ich mich eine Zeitlang im Gästehaus eines Franziskanerklosters in Süddeutschland auf. Ich brauchte ein paar Tage, um zur Ruhe zu finden, aber schließlich war ich so weit angekommen, dass ich mit dem Schreiben anfangen konnte. Aber ich kam nicht gut voran. Ich war mir immer noch im Unklaren darüber, warum um alles in der Welt ich diese Dissertation zu Ende bringen wollte.

In dem einen Monat, den ich dort lebte, wuchs der Druck ständig. Eines Nachts gegen ein Uhr hörte ich ein merkwürdiges Geräusch, einen hohen Pfeifton. Ich suchte das Zimmer ab, um herauszufinden, woher es kam, konnte aber nichts finden. Nach einer Weile hörte das Geräusch auf.

Doch plötzlich, gegen drei Uhr morgens, vernahm ich es wieder. Ich begriff, dass der Ton nicht aus dem Zimmer kam, sondern in meinem Kopf erklang. Ich verbrachte die restliche Nacht damit, jede mentale Technik und Entspannungsübung auszuprobieren, die mir einfiel, aber das Pfeifen verschwand nicht. Im Gegenteil – es wurde noch lauter.

Im Verlauf der nächsten Monate wurde das Geräusch in meinen Ohren immer schlimmer. Die Ärztin stellte die Diagnose Tinnitus, allgemein bekannt als Ohrensausen. »Sie werden lernen müssen, damit zu leben«, sagte sie. Aber ich weigerte mich. Monatelang versuchte ich in meinem Alltagsleben ständig, die Geräusche auszublenden. Diese Töne und mein angestrengtes Bemühen, sie abzustellen, beherrschten mein ganzes Leben.

Später in demselben Jahr trug ich die ganze Geschichte meinem Zen-Lehrer vor. Als ich geendet hatte, leitete er mich durch eine Meditation, bei der ich meine Aufmerksamkeit Schritt für Schritt auf mein Hören lenkte. »Hör einfach hin«, sagte er. »Blende die Geräusche nicht aus. Lass sie einfach zu.«

Es war mir möglich, seinen Anweisungen zu folgen und mich dem auszusetzen, was ich am meisten fürchtete. Die Geräusche wurden lauter, bis sie mir im ganzen Kopf dröhnten. Aber jetzt konnte ich ihnen ohne die Angst lauschen, die mich bislang dabei gepackt hatte. Als ich aufhörte, gegen die Töne anzukämpfen, waren sie nicht mehr der bedrohliche, massive Lärm, für den ich sie gehalten hatte. Am Ende der Meditation waren sie immer noch da, aber nicht mehr so störend wie zuvor.

Ich lernte an jenem Tag eine Lektion, die mich seitdem begleitet hat. Heute, mehr als zehn Jahre später, ist mein Tinnitus nicht verschwunden, hat aber einen Platz in meinem Leben gefunden. Wenn ich erschöpft bin oder mich zu sehr abhetze, werden die Geräusche lauter und bahnen sich ihren Weg zu meiner Aufmerksamkeit. Ich weiß dann, dass ich auf mich Acht geben muss. Statt also gegen die Geräusche anzukämpfen, höre ich auf sie. Und ich höre auf mich selbst.

In ähnlicher Weise sind die Schwierigkeiten, die bei der Stehmeditation auftreten können, eine Gelegenheit zu beobachten, sich zu öffnen und präsent zu sein für das, was hochkommt, was immer es sein mag. Wenn wir lernen, es nicht wegzuschieben, bemerken wir, dass es sich ständig verändert, verschiebt, ausdehnt. Wir begreifen, dass alles unablässig in Veränderung begriffen ist und Wohlsein oder Unwohlsein keine festen Zustände sind, sondern Polaritäten, zwischen denen wir uns fortwährend bewegen.

Dabei lernen wir nicht nur, im Stehen zu meditieren, sondern auch mit schwierigen Emotionen wie Angst positiv umzugehen. Wenn wir wirklich Angst haben und diese präsent sein lassen, lockert sie ihren Zugriff, der auf der Anspannung beruht, die wiederum zurückgeht auf unsere besessene Beschäftigung mit der Angst, unsere Sorge oder unseren Versuch, sie zu kontrollieren. Dann fühlt sich die Angst nicht mehr wie eine riesige, bedrückende Last an. Sie wird offener, weiter und fließender, was als solches bereits entspannend ist.

Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass es leicht sei, sich für Angst, Krankheit oder Schmerz zu öffnen, besonders wenn wir mit schwerwiegenden chronischen Schmerzen, einer lebensbedrohlichen Krankheit oder einem psychischen Trauma konfrontiert sind. Manchmal brauchen wir therapeutische Begleitung, und es ist wichtig, sich diese Unterstützung zu holen, sollte das notwendig werden. Aber auch wenn es nicht leicht ist, sich für Angst oder Schmerz zu öffnen, heißt das nicht, dass wir nicht damit anfangen können. Ich möchte Sie einfach ermutigen, alle Dimensionen der Praxis von Tai Chi und Qi Gong als Möglichkeit zu erkunden, aufmerksam zu sein sowie sich selbst und das Leben in ganzer Fülle zu erfahren.

Die Stille vor Sonnenaufgang

Die Augenblicke unmittelbar vor Sonnenaufgang sind voller Magie. Ein schwacher Lichtschein erhellt den östlichen Himmel. Langsam aber stetig nimmt das Licht zu, während die Welt zwischen Nacht und Tag schwankt. Stille herrscht, erstreckt sich ins Unendliche. Makellos sind diese Augenblicke vor Tagesanbruch.

In vielen religiösen Traditionen gilt die Betrachtung des Sonnenaufgangs als heiliger Akt. Pilgerreisen zu geweihten Orten werden oft so geplant, dass die Gemeinschaft der Pilgerinnen und Pilger rechtzeitig einen hoch gelegenen Ort erreicht, um gemeinsam den Sonnenaufgang anschauen zu können. Die Besteigung des Fudschijama in Japan ist ein bekanntes Beispiel dafür. Die Pilgerinnen und Pilger beginnen ihren Aufstieg bei Nacht, um in der Morgendämmerung auf dem Gipfel einzutreffen. Ich sah einmal ein Foto von einem Pilger auf dem Fudschijama, der sich in dem Augenblick, in dem die Sonne am Horizont auftauchte, vor ihr verbeugte. Seine Verbeugung war eine Huldigung und eine Begrüßung; er brachte damit zum Ausdruck, dass er und die Sonne eins waren. Sich vor der Sonne verneigend, verneigte er sich auch vor sich selbst.

Meine Forschungen für meine Doktorarbeit über Pilgerreisen führten mich unter anderem dreimal auf den Gipfel von Croagh Patrick an der Westküste Irlands. Auch wenn dieser Gipfel das ganze Jahr über von katholischen Pilgerreisenden bestiegen wird, ist der Haupttag immer der letzte Sonntag im Juli, an dem zwischen 40 000 und 80 000 Menschen zum Gipfel wandern. Zum Zeitpunkt meiner Forschungen Mitte der achtziger Jahre begann die Pilgerreise nicht mehr wie seit Hunderten von Jahren um Mitternacht. Die Kirchenobersten hatten sich eingeschaltet, um den nächtlichen Pilgergang zu unterbinden, hauptsächlich aus Sicherheitsgründen. Bei meinen Interviews mit älteren Pilgerinnen und Pilgern bekam ich von fast allen zu hören, dass sie diesen Teil der Reise am meisten vermissten. Sie trauerten besonders dem Geist der Gemeinschaft nach, der entstand, wenn sie den Berg in der Dämmerung gemeinsam bestiegen, nur mit Kerzen oder Kerosinlampen ausgerüstet, die ihnen den Weg wiesen.

Es war ein überwältigendes Erlebnis, den Sonnenaufgang vom Gipfel des Croagh Patrick zu betrachten. Eine Pilgerin erzählte mir:

Nicht der Sonnenaufgang bewegte mich so sehr, auch wenn er wunderschön war. Es waren jene Augenblicke zuvor, als die Welt so still war. Vom Gipfel herabschauend, sah ich die ganze Westport Bay daliegen, sie war voller Leben: Die Vögel breiteten majestätisch ihre Schwingen aus, doch weil wir uns hoch oben auf dem Berg befanden, hörten wir sie nicht. Eine natürliche Stille lag über allem, als ob das Leben auf der Erde dem kommenden Tag einen schweigenden Tribut zollte. Jene stillen Augenblicke vor Sonnenaufgang waren voller Verheißung auf die bald einsetzende Aktivität. Ich habe nie zuvor einen solch magischen Augenblick erlebt.

YangYinTan Tien