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Caitrin Lynch:
geht’s noch?
© J. Kamphausen
Mediengruppe GmbH,
Bielefeld 2016
info@j-kamphausen.de
www.weltinnenraum.de
Übersetzung: Ulrich Magin
Lektorat: Ursula Kollritsch
Umschlag: Kerstin Fiebig, ad-department
Foto Umschlag: Christian Science Monitor
Typografie/Satz: KleiDesign

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Für meine Familie
(Nick, Cormac, Nicola) und
die Vita-Familie

Vorwort: Vom alten Eisen zum Edelstahl – Erwerbstätig bis ins hohe Alter

Die Hauptdarsteller

Einleitung: Nadeln machen, Leben gestalten

Exkurs in die deutsche Arbeitswelt: Arbeiten trotz Rente – Warum Menschen im Ruhestand erwerbstätig bleiben?

Exkurs in die deutsche Arbeitswelt: Immer mehr ältere Menschen sind erwerbstätig – Die Generation 65 plus

Exkurs in die deutsche Arbeitswelt: „Wer rastet, der rostet.“ – Entwicklung des Altersbilds in der Bundesrepublik

Teil I Die Treppe nach oben

1. Geld verdienen für Fred – Produktivität und Motivation

2. Antike Maschinen, antike Menschen – Die Vita Needle-Familie

3. Freiwillig weiterarbeiten – Freiheit und Flexibilität

Teil II In den Medien

4. Die Graue Welle reiten – Das weltweite Interesse an Vita Needle

Exkurs in die deutsche Arbeitswelt: Wer länger arbeiten will, darf! – Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Renten- und Arbeitsrecht

Exkurs in die deutsche Arbeitswelt: Arbeiten hält fit – Wissenschaftler belegen positive physische und psychische Effekte

5. Rosa, ein nationaler Schatz – Autonomie angesichts des Medienrummels

Schlussfolgerungen: Was uns Vita Needle lehrt

Nachwort

Anmerkungen/Quellen

Bibliografie

Danksagungen

Zu den Autoren

VORWORT

Vom alten Eisen zum Edelstahl – Erwerbstätig bis ins hohe Alter

„Es fehlt eine ausgewogene Vorstellung davon, dass ältere Menschen nicht nur Konsumenten, sondern auch Produzenten in unserer Gesellschaft sein können – und sein wollen! Es fehlt der Gedanke, dass es den meisten ein großes Bedürfnis ist, gebraucht zu werden, tätig zu sein, etwas beizutragen. Sind wir als Gesellschaft bereit, für die große Bandbreite an Möglichkeiten im Alter eine entsprechend große Bandbreite an Gestaltungsoptionen vorzuhalten?“1

Bundespräsident Joachim Gauck am 31.3.2015

in seiner Eröffnungsrede zum „Dialog mit der Zeit“

Zu einer Gemeinschaft dazuzugehören, gebraucht und geschätzt zu werden, ist eines der zentralen Bedürfnisse von uns Menschen, und dies ganz unabhängig vom Alter. Der Arbeitsplatz ist für viele ein Schlüsselort, an dem wir uns mit unserer Persönlichkeit, unseren individuellen Talenten, Fähigkeiten und Erfahrungen einbringen; er bietet dazu ideale Möglichkeiten. Die Alten sind heute fitter denn je, vielen macht ihre Arbeit Spaß, sie möchten ihre jahrzehntelangen Erfahrungen gerne weiter nutzen und weitergeben – mit dem Erreichen des Rentenalters stürzen viele Menschen jedoch in ein emotionales, soziales Vakuum, das sie nicht zu füllen wissen. Viele macht das Nicht-mehr-gebraucht-Werden regelrecht krank; andere brauchen das Geld und wissen nicht, wie es mit der geringeren Rente weitergehen soll. Gerade auch das ehrenamtliche Engagement in vielen verschiedenen Bereichen zeigt, wie tatkräftig, sinnvoll und zeitintensiv Frauen und Männer noch lange Jahre jenseits des in Deutschland definierten Rentenalters von 67 Jahren aktiv sind und sein möchten.

Warum muss die Option in seinem Beruf weiterzuarbeiten, wenn Menschen können und wollen, ab einem bestimmten Alter – und das abrupt – wegfallen und dadurch viele nützliche Ressourcen für beide Seiten von heute auf morgen gekappt werden?

Das ausführliche Porträt über das amerikanische Unternehmen Vita Needle der Anthropologin Caitrin Lynch ist ein mehrdimensionales Musterbeispiel für die von Bundespräsident Joachim Gauck angemahnte „Bandbreite an Möglichkeiten“. Die Autorin und Wissenschaftlerin nimmt uns mit in die Welt von Vita Needle, in die sie selbst über Jahre eingetaucht ist. Sie hat die erfolgreich produzierende Nadelfabrik eng begleitet und beobachtet und schildert in ihrer detaillierten Studie den Alltag der erfolgreichen „Rentner AG“. Vielfach lässt sie die Arbeiter selbst zu Wort kommen. Diese beispielhafte und weltweit einzigartige Geschichte lenkt den Fokus auf folgende Aspekte:

Erste Dimension:

Alte und hochbetagte Menschen können einen Teil ihrer Selbstverwirklichung in einer Erwerbstätigkeit nutzen und fühlen sich dabei in einer Gemeinschaft aufgehoben – denn Arbeiten ist eine der wichtigsten Formen gesellschaftlicher Teilhabe und kann vielfach auch zu einem gesunden Leben beitragen.

Zweite Dimension:

Das Businessmodell der sehr flexiblen Teilzeitbeschäftigung im Ruhestand befindlicher Personen kann selbst in einem Betrieb mit auftragsabhängiger Industrieproduktion hochwertiger Güter ein nachhaltiges und marktfähiges Modell sein. Wenn das in der Industrie möglich ist, warum sollte es nicht auch im Bereich der Dienstleistungen funktionieren?

Dritte Dimension:

Vita Needle geht seit Jahren als ein international beachtetes Vorbild für die Wieder- und Weiterbeschäftigung alter Mitarbeiter durch die Medien vieler Länder. Dieses eindrucksvolle Beispiel regt vielfach zum Nachdenken an, jedoch die Nachahmer fehlen. Davon ist bisher nur in kleinen Ansätzen etwas zu bemerken. Woran liegt das?

Die Hindernisse für eine Verbesserung der Erwerbsbeteiligung älterer Menschen auch in Deutschland sind vielfältig: verkürzte Vorstellungen von Freiheit, unterentwickelte Verantwortungsbereitschaft, vielfach überholte Vorstellungen von Erwerbsarbeit, die mit abzulehnendem Zwang oder mit Ausbeutung gleichgesetzt werden, aber auch eine große Uninformiertheit über die gesetzlichen Regelungen zum Eintritt in den Ruhestand und der Fortsetzung von Arbeitsverhältnissen über die Regelaltersgrenze hinaus.

Dazu liefert die erweiterte deutsche Ausgabe des Buchs neben dem amerikanischen Erfolgsbeispiel konkrete Informationen zu den bestehenden Möglichkeiten und Hintergründen hierzulande: Wie ist die Situation in Deutschland? Wie stellen sich die Deutschen ihren sogenannten Ruhestand vor? Ist es möglich jenseits des Rentenalters zu arbeiten, und welche rechtlichen Hürden gilt es dabei zu überwinden?

Das größte Hindernis für die weitere Entfaltung der vorhandenen Potenziale des Alters ist nach wie vor das gesellschaftlich vorherrschende defizitorientierte Altersbild und die damit zusammenhängende stereotype Unterschätzung der vielfältigen Möglichkeiten des Alters. Dieses Vorurteil nistet sich fast automatisch als „Selbstverzwergung“2 in die Köpfe der alten und alternden Menschen selbst tief ein. Dieses Buch schreibt mutig und vorwärts gewandt gegen diese gesellschaftliche Entwicklung an. Catrin Lynch zeigt am Leben einzelner Menschen eindrucksvoll, dass es auch anders geht und propagiert einen neuen, zeitgemäßen Umgang mit dem Alter und seinem vielfältigen Potenzial.

Warum ist eine längere Lebensarbeitszeit sinnvoll und notwendig?

Politisch propagierte und zugleich verharmlosende Aussagen wie „Wir werden älter, wir werden weniger, wir werden bunter“ verbergen demografische Entwicklungen mit einer enormen gesellschaftlichen Sprengkraft:

1. Es besteht keinerlei Zweifel, dass die Zahl der Erwerbsfähigen in Deutschland in den kommenden Jahren sinken wird. Strittig sind die Annahmen, die man den Voraussagen zugrunde legt. Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsfeldforschung (IAB) hat in einer Studie aus dem Jahr 2011 unter drei plausiblen Trend-Annahmen (steigende Erwerbsquoten von Frauen, Verlängerung der Lebensarbeitszeit und Nettozuwanderung von 100.000 erwerbsfähigen Personen pro Jahr) bis zum Jahr 2030 eine Verminderung des Erwerbspersonenpotenzials bis zum Jahr 2030 um 5,45 Millionen und bis zum Jahr 2050 eine Verminderung in Höhe von 12 Millionen Personen prognostiziert.3

Keine Industrienation der Welt kann einen solchen Rückgang der Erwerbsfähigen ohne Schaden bewältigen, selbst wenn man einen großzügigen Wegfall von Arbeitsplätzen durch Digitalisierung und Industrie 4.0 einrechnet. Dabei ist eine Zuwanderung von 100.000 Personen pro Jahr bereits eingerechnet. Allein im Jahr 2014 wurden circa 420.000, 2015 1,1 Millionen Personen in Deutschland aufgenommen. Wie viele dieser Personen tatsächlich erwerbsfähig sind oder durch entsprechende Qualifikationsmaßnahmen später in den Arbeitsmarkt integriert werden können, ist unklar. Der Chef der Arbeitsagentur und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Frank-Jürgen Weise, hat im November 2015 bei einer Versammlung der „Charta der Vielfalt“ in Berlin erklärt, dass nach Schätzungen 10 % der Flüchtlinge und Asylbewerber in 5 Jahren in den Arbeitsmarkt aufgenommen werden können. Insofern wäre die Prognose der IAB von 2011 auch unter Berücksichtigung der aktuellen Lage realistisch. Wie viele Migranten insgesamt dauerhaft bleiben dürfen und wollen, steht wiederum nicht fest. Bei der aktuellen Geschwindigkeit der Abnahme von Fachkräften ist nicht zu erwarten, dass dieser Mangel auch im Zuge von Rationalisierungen und Produktivitätssteigerungen aufgefangen werden kann. Schon heute verzeichnen wir nach einer Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft in 139 Berufsgattungen, von insgesamt 615 Berufsgattungen, Fachkräfteengpässe.4

2. Die Zahl der Rentenempfänger, also Personen über 65 Jahre, steigt bis 2030 um 10 Millionen Menschen5. Weiterhin steigt die Lebenserwartung jedes Jahr um drei Monate. So hat sich die Rentenbezugsdauer seit der Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung verdoppelt. Dem Kostendruck wurde politisch mit der Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre entgegengewirkt. Eine Milchmädchenrechnung, denn die Rente mit 67 wird erst 2029 vollständig eingeführt sein. Bis dahin haben diejenigen, die es betrifft, schon eine drei Jahre längere Lebenserwartung, also auch eine entsprechend erhöhte Rentenbezugsdauer.

Professor Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging (MEA) am Max-Planck-Institut, schätzt diese Maßnahme in ihren Effekten daher als sehr begrenzt ein.5 Die begleitende Absenkung des Rentenniveaus auf 43 % ist für die Leistungsfähigkeit der Rentenversicherung notwendig, in ihren sozialen Auswirkungen jedoch durchaus kritisch zu betrachten.

Wer wird künftig (ohne andere Einnahmequellen) schon von 43 % seines Einkommens leben können? Die Altersarmut wird folglich einen erheblich größeren Anteil der Bevölkerung treffen als heute. Dies gilt insbesondere für Frauen, die oft in Teilzeit und in schlechter bezahlten Beschäftigungsverhältnissen sowie mit Erwerbsunterbrechungen wegen Erziehung der Kinder und Pflege der Eltern arbeiten und damit verhältnismäßig niedrige persönliche Rentenansprüche erwerben. Die möglichen Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den sozialen Frieden sind so verheerend, dass das Thema weitgehend ausgeklammert wird.

3.Die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich bis 2050 verdoppeln.6 Gleichzeitig verringert sich das sogenannte informelle Pflegepotenzial in den Familien, in denen heute noch 70 % aller Pflegeleistungen erbracht werden7, und das wiederum vorwiegend von älteren Frauen. Bereits heute fehlen 85.000 hauptamtliche Fachkräfte zur Versorgung in der Pflege, bis 2030 wird ein Anstieg auf 200.000 erwartet und bis 2050 sollen insgesamt 500.000 Pflegekräfte fehlen.8 Wie soll das gut gehen?

4.Nur 1 bis 5 % der Wohnungen sind in Deutschland bisher altersgerecht umgebaut9 und das, obwohl rund zwei Drittel der Senioren (16 Millionen!) in ihrem bisherigen Wohnumfeld verbleiben möchten10. Der Handlungsbedarf ist also immens. Und das Problem hört nicht beim Umbau auf, sondern setzt sich – insbesondere in ländlichen Regionen – durch den Abbau von Daseinsvorsorgeleistungen beim öffentlichen Nahverkehr und in der Infrastruktur wie Post, Bank, Einzelhandel, Ärzte und Gesundheitsdienste fort, weil ganze Landstriche sich entleeren und nicht mehr angemessen versorgt werden können.

Weg vom defizitorientierten Altersbild, hin zur Wertschöpfung

Eine in Deutschland besonders fest verwurzelte Haltung muss endlich offensiv korrigiert werden, ein an den Defiziten und Problemen alter Menschen ausgerichtetes Bild, das mit der standardisierten Vorstellung einhergeht, alte Menschen wären von der Gemeinwohlproduktion ausgeschlossen oder ausgenommen. Sie seien krank, hilfsbedürftig und nicht mehr belastbar. Die Realität sieht anders aus.

Tatsache ist: Die heute 65- bis 85-Jährigen sind so gesund, so fit, so gut ausgebildet, so vermögend und so frei in ihrer Zeit wie keine Generation vor ihnen.

Sie sind schon lange kein sogenanntes altes Eisen mehr, sondern, ich bleibe gerne in diesem Bild – „Edelstahl“. Das erkennt auch die Wirtschaft mehr und mehr an. Die Firma Bosch umging beispielsweise das bis vor Kurzem geltende gesetzliche Verbot der befristeten Beschäftigung ehemaliger Mitarbeiter, indem eine Tochtergesellschaft gegründet wurde: die Bosch Management Service GmbH. Der Geschäftsführer ist 72 Jahre alt und hat im vergangenen Jahr rund 50.000 Tage Beratungseinsätze weltweit bei Bosch-Niederlassungen organisiert11. In einem Zufriedenheitsfragebogen, der nach den Einsätzen der Senioren bei ihren Auftraggebern erhoben wurde, erreichten diese 96 von 100 möglichen Punkten. Da die wenigsten Unternehmen das Engagement ehemaliger Mitarbeiter praktizieren, zeigt es sich, welches Potenzial heute vorwiegend gerade in der Arbeitswelt vergeudet wird – trotz des Fachkräftemangels.

Die Wahrnehmung der Mitverantwortung älterer Menschen, gerade auch im Erwerbsleben, verschafft – wie dieses Buch eindrücklich belegt – Senioren Selbstwirksamkeit und Gruppenzusammenhalt, Gemeinsamkeit in der Sache und gegenseitige Anerkennung – und damit ein unbeschreibliches Glücksgefühl, als Mensch im Ganzen geschätzt und gebraucht zu werden. Erwerbsarbeit ist nicht nur eines der wirksamsten Mittel gegen die mit den sinkenden Renten aufkommende Altersarmut, sie ist auch ein prophylaktisches Mittel gegen die Zunahme von vielen Altersgebrechen – die Menschen fühlen sich insgesamt wohler und bleiben gesünder. Ein gutes Beispiel dafür, wie sich Eigennutz und Gemeinwohl bestens miteinander vertragen.

Geht’s noch?! – Ja, natürlich! Wie die Erfolgsstory von Vita Needle auf verschiedenen Ebenen eindrucksvoll zeigt. Schauen Sie mit durch die „Linse“ des amerikanischen Rentner-Unternehmens auf dieses komplexe und in Zukunft so bedeutende Themenfeld.

Die demografischen Risiken eines längeren Lebens bieten uns auch gewaltige Chancen. Chancen auf ein bleibendes Selbstwertgefühl bis ins hohe Alter, Chancen auf eine bürgerschaftliche Wiederbelebung und Rückgewinnung von selbst organisierten Lebensräumen für alle Altersgruppen. Lebensräume, auf die Menschen mit Stolz schauen und in denen alle Generationen gerne zusammenleben.

Diese Chancen gilt es zu nutzen.

Loring Sittler

DIE HAUPTDARSTELLER

Im Folgenden sind in alphabetischer Reihenfolge (nach Vornamen) alle Namen, Alter (Stand 2008, wenn nicht anders vermerkt) und einige persönliche Angaben für die meisten Personen aufgeführt, die in diesem Buch mehr als einmal vorkommen. Bei Namen, die nicht durch einen Stern (*) gekennzeichnet sind, handelt es sich um Pseudonyme, deshalb habe ich auch manche dazugehörigen Details leicht verändert.

Abigail White, 83: Buchhalterin bei Vita; Mutter und Großmutter.

Allen Lewis, 84: arbeitete siebzig Jahre lang als Maschinist; schon lange bei Vita angestellt; verließ Vita im Alter von 84 Jahren aus gesundheitlichen Gründen; Witwer.

Arthur Johnson, 72: mit 65 von einer Stelle als Buchhalter pensioniert, fing zwei Monate später bei Vita an; wohnt zusammen mit seiner Frau und seinem erwachsenen Sohn.

Ben Freeman, 29: vergleicht die älteren Kollegen mit seinem Großvater.

Brad Hill, 36: Leiter, sein unmittelbarer Vorgesetzter ist Michael LaRosa.

Carl Wilson, 79: pensionierter Werkzeugmacher; Großvater von sechs Enkeln; trifft bei Vita jeden Morgen als Erster ein.

Charles Young, 72: pensionierter Hightech-Verkaufsmanager mit einem Master’s Degree in Wirtschaft; unverheiratet, sein Vater war Fabrikarbeiter; er nennt Vita einen „Arbeiterclub“ und „einen Zufluchtsort für alte Leute“.

Dan Jones, 44: Leiter, sein unmittelbarer Vorgesetzter ist Michael LaRosa.

David Rivers, 90: Veteran des Zweiten Weltkriegs (Marine) im Pazifik; kam schon in den 1960er-Jahren zu Vita.

Donald Stephens, 75: braucht zum Gehen einen Stock; sah keinen Sinn mehr im Leben, nachdem seine Frau gestorben war; lebt in einer Sozialwohnung; sucht einen zweiten Job, um seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können.

Ed Mitchell, 81: pensionierter Lehrer; kam mit 74 zu Vita, um Geld zu verdienen, weil er sich bei Immobilien verspekuliert hatte.

Esther Martin, 85: hält ihre Arbeit nach dem Tode ihres Mannes für eine „Therapie“; arbeitet als Verpackerin.

Flo Cronin, 82: Seitdem die Kinder die Schule abgeschlossen haben, hat sie immer in Teilzeit gearbeitet; sie ist die „Mutter“ in der Firma, die Gutes für bedürftige Kollegen tut.

* Fred Hartman, 56: In der vierten Generation Präsident von Vita Needle.

* Frederick Hartman II, 26: Sohn von Fred Hartman (fünfte Generation); Leiter Marketing und Ingenieurswesen.

Gertrude Baker, 90: ehemals bei Vita angestellt; über sie kursieren viele Geschichten, weil sie bei der Arbeit immer einschlief.

Grace King, 94: bei Vita, seitdem sie 77 ist, um „beschäftigt“ zu sein; sie drängt ihre Kollegen nach jeder Pause zurück zur Arbeit.

Grant Harvey, 68: ehemaliger Fließbandarbeiter in der Automobilindustrie; stellt das Ideal des trägen Ruhestands infrage.

Jeffrey Barfield, 74: pensionierter Ingenieur; er will immer effizienter arbeiten und alle Arbeitsabläufe optimieren.

Jerry Reilly, 73: pensionierter, früher gewerkschaftlich aktiver Arbeiter; er glaubt, der Besitzer von Vita leiste einen Dienst für die Allgemeinheit, weil er ältere Arbeitnehmer einstellt.

Jim Downey, 74: pensionierter Architekt; seit neun Jahren nach dreißigjähriger Laufbahn als Architekt bei Vita; Vater und Großvater; seit 45 Jahren verheiratet; hält die Arbeit bei Vita für „Urlaub“.

Larry Clifford, 77: entzog sich den Reportern von 60 Minutes mit der Geschichte, er sei ein ehemaliger Sträfling; scherzt gern mit den Kollegen.

* Mason Hartman, starb 2007 im Alter von 81 Jahren; Eigner von Vita in dritter Generation, bis sein Sohn Fred das Ruder übernahm.

* Michael (Mike) LaRosa, 50: Produktionsleiter.

Pete Russell, 80: will etwas leisten und „Geld für Fred verdienen“; er genießt die Freiheit der Arbeit in dieser Lebensphase und stempelt einfach aus, wenn ihm nicht mehr nach arbeiten ist.

Ron Crowley, 64: pensionierter Lehrer; erfuhr durch 60 Minutes von Vita; er hält den Ruhestand für eine Zeit der Neufindung; weiß noch nicht, was er künftig machen will.

* Rosa Finnegan, 99 (2011): pensionierte Kellnerin; verwitwet und lebte, (als das Buch entstand) in Needham; kam mit 85 zu Vita; älteste Arbeiterin dort, die oft im Mittelpunkt des Medieninteresses steht. Redaktioneller Hinweis: 2014 starb Rosa im Alter von 102 Jahren. Erst mit 101 hörte sie auf, bei Vita Needle zu arbeiten.

Ruth Kinney, 82: schon lange bei Vita (in ihren 60ern); erledigt verschiedene Aufgaben (Sandstrahlen, Rohrerweiterung, Verpacken); trifft sich jeden Freitagabend mit Kolleginnen zum Essen.

Sam Stewart, 74: macht Scherze über die Dynamik der Arbeit; in seiner Freizeit arbeitet er mit Holz; denkt über die Lage älterer Menschen in der Gesellschaft nach.

Sophia Lenti, 78: wurde vor Kurzem am Knie operiert; schmückt gern den Arbeitsplatz, um ihn gemütlich zu machen.

Steve Zanes, 19: sieht einen Gegensatz zwischen dem angenehmen Umgang mit seinen Kollegen und den schwierigen Interaktionen mit seinen Großeltern im Pflegeheim, weil er sich dort „auf deren Terrain“ befindet.

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Stapelweise Nadeln abwiegen.

EINLEITUNG

Nadeln machen, Leben gestalten

Morgens, 3.15 Uhr. Der 79-jährige Carl Wilson strampelt ruhelos mit den Beinen und ist hellwach. Eigentlich könne er gleich arbeiten gehen, denkt er sich. An fünf Tagen in der Woche verlässt Carl, der an Schlafapnoe und dem Restless-Legs-Syndrom leidet, sein Haus lange vor Sonnenaufgang, ohne seine Frau aufzuwecken, und fährt los zu Vita Needle. Dort trifft er nach etwa 10 Minuten ein. Er stellt seinen Wagen auf der Straße vor der Fabrik ab. Um 3.30 Uhr muss er noch keine Münzen in die Parkuhren werfen. Später, bevor es 8 Uhr ist, wird er seinen Wagen auf einen Parkplatz in der Nähe stellen.

Als pensionierter Werkzeugmacher, dessen Vater der Polizist des Ortes war, hat Carl sein ganzes Leben in dieser Stadt gelebt. Den frühen Morgen verbrachte er mit seinen Freunden im Dunkin’ Donuts. Sie waren zum Großteil Angestellte der Stadt – Postbeamte, Polizisten, Feuerwehrleute oder Lehrer. Carl ist sicher, bei der Polizei kennt jeder sein Auto und weiß, was er gerade macht – deshalb errege sein geparktes Auto in der sonst verlassenen Straße kein Aufsehen.1

Carls Schlüssel für Vita Needle hängt an dem Bund mit seinem Haus- und Autoschlüssel. Er schließt die Firma auf, stempelt an der Stechuhr und macht sich an die Nadelherstellung. Kurz nach ihm trifft die 83-jährige Buchhalterin Abigail White ein, um Ordnung in die Unterlagen vom Vortag zu bringen. Spätestens um 13 Uhr wird sie gehen, wie jeden Tag. Abigail arbeitet im Büro, Carl in der Fabrikhalle. Carl erzählt, wie sehr er diese zwei Stunden Arbeit alleine genießt, bevor die anderen in die Fabrik kommen. Er schafft dann viel, weil ihn nichts ablenkt. Aber er genießt auch die Gesellschaft bei Vita Needle – Leute, mit denen er „mal tratschen“ kann. Die ersten weiteren Arbeiter treffen um 5 Uhr ein, um 6 Uhr ist bereits eine Handvoll Leute da – lange vor den Vorarbeitern oder Abteilungsleitern.

Um 7 Uhr ist es in der Fabrik geschäftig. In ein paar Stunden wird die Halle erfüllt sein von all den Geräuschen, die für den Alltag in einer Nadelfabrik typisch sind. Das laute Brummen der Druckluftkompressoren wird unterbrochen vom Knallen der Nadeln, die gestapelt oder gestanzt werden, dazwischen schrillt der ohrenbetäubende Lärm der Sägen oder Sandstrahlgeräte oder die tieferen, grollenden Explosionen der Schleif- und Bohrmaschinen und der Stahldrahtbürsten. Trifft jemand Neues ein, dann sticht er oder sie, legt hin und wieder einen Snack auf den Empfang und plauscht etwas mit den Kollegen, die schon arbeiten: „Wie lief das Geigenkonzert von deinem Enkel? Also, die Erbsensuppe war köstlich! Hast du gesehen, wie Ortiz den Ball aus dem Stadion geschlagen hat? Was macht deine Arthritis? Heute gehe ich früher, damit sich der Arzt das Muttermal mal genauer ansieht.“

Den ganzen Tag über bricht der Lärm der Druckluftkompressoren, Sägen, Sandstrahler und Stapler nicht ab – höchstens um 10 Uhr zur Kaffeepause und in der Mittagspause. Das durchgehende Geräusch aber, das so zum Teil der Umgebung wird, bis man es gar nicht mehr wahrnimmt, ist das stampfende Lärmen der „Kanülen“ (der Nadelschäfte), die „gestapelt“, also an den Naben befestigt werden. Pschtschuh. Psch-tschuh. Dann ein lauter Knall, wenn die Luft aus dem Stapler entweicht. Wieder und immer wieder. Dieser wiederholte und hartnäckige Rhythmus wird gelegentlich unterbrochen von dem lauten, mahlenden Geräusch einer Kappsäge, die sich durch Röhrchen aus rostfreiem Stahl fräst. Das Geräusch erinnert an Fingernägel, die über eine Tafel kratzen, noch länger und lauter. Eine Maschine, die man hier den „Popcorn-Popper“ nennt, erzeugt die andauernden Explosionsgeräusche, nach denen sie benannt wurde. Aber unter dem alles durchdringenden Krach herrscht auf eine merkwürdige Weise Stille hier.

Man plaudert, nicht immer über die Arbeit, und hin und wieder lacht jemand. Mancher summt vor sich hin, und wenn Ed Mitchell da ist, dann singt er. Ed glaubt, dass er das ganz leise tut, aber die Maschine, an der er steht, ist zu laut, und er will sich schließlich selbst hören. Natürlich hören die anderen in der Fabrikhalle jedes Wort, nur er merkt es nicht. Er arbeitet in einer Ecke an einer Maschine, die die oberen Enden kurzer Röhren trichterförmig erweitert. Unter den Arbeitern hat die Maschine den Ruf, sie lasse den Arbeiter spüren, dass ihn die Maschine führt – und nicht umgekehrt, wie bei Charlie Chaplin in dem Film Moderne Zeiten.

Ich erinnere mich an einen drückend heißen Freitagnachmittag, als nur noch fünf von uns in der Werkhalle waren. Ed stand in seiner Ecke vor seiner Maschine und sang Old Man River: „You and me, we sweat and strain, Body all achin’ and racked with pain, Tote that barge! And lift that bale!“ [„Du und ich, wir schwitzen vor Anstrengung/Der ganze Körper schmerzt und krümmt sich/Schleppe den Kahn und stemme den Heuballen.“] Der 76-Jährige Maurice Kempton und ich befestigten Schäfte an den Naben der Nadeln und überlegten, ob das Lied aus Porgy and Bess oder Show Boat stammt (Letzteres stimmt). Nach einer Weile stand Ed für seine Pause auf, kam zu mir rüber und sang: „Schleppe den Kahn und stemme den Heuballen.“ Auf meine Frage, warum er gerade dieses Lied sänge, antwortete er: „Weil meine Arbeit sich anfühlt wie Heu stemmen!“ Das sagte ein 81-jähriger Mann, der im Alter von 74 Jahren bei Vita Needle angefangen hat, zu arbeiten. Das letzte Mal, dass er davor in einer Fabrik gearbeitet und eine Stechuhr bedient hatte, war in seiner Highschool-Zeit gewesen, die er 1944 beendet hatte.2

Nach seiner langen Laufbahn als Englischlehrer verbringt Ed seinen Ruhestand nicht als typischer Rentner. Ist er gerade nicht bei Vita Needle, trifft man ihn hinter der Kasse der Walgreens-Apotheke im Nachbarort an. Er genießt die Zeit mit seiner Frau, (wenn sie nicht gerade im Lebensmittelladen arbeitet), mit der er seit 48 Jahren verheiratet ist und mit seinen Kindern und Enkelkindern, wenn diese zu Besuch kommen. Ed arbeitet noch mit über 80 Jahren, weil er sich, wie er offen erzählt, „in den 1980er-Jahren bei Immobilien verspekuliert hat“.3 Er gibt unumwunden zu, dass es ihm ums Geld geht, aber ihm gefällt auch die Gesellschaft seiner Kollegen. Dass er sich fühlt wie beim „Heuschleppen“ gefällt ihm weniger. Sein Master-Abschluss in Pädagogik hat ihn nicht darauf vorbereitet, noch im hohen Alter als ungelernter Hilfsarbeiter Geld zu verdienen.

Die Gründe, warum Menschen nach ihrer Pensionierung weiterarbeiten, sind vielfältig und individuell, bis hin zu widersprüchlich. In meinen Studien geht es um die Bedeutung von Arbeitsstellen für Rentner in den Vereinigten Staaten. Um Fragen wie Alter, Arbeit, Lebenssinn und Lebensaufgabe nachzuspüren, beschäftigte ich mich mit der Vita Needle Company, einer Firma in Familienbesitz, die im Bostoner Vorort Needham Nadeln aus rostfreiem Stahl produziert. Im Mai 2011 beträgt der Altersdurchschnitt der etwa 40 Beschäftigten in der Werkhalle 74 Jahre; die Älteste ist zu diesem Zeitpunkt Rosa Finnegan, eine 99-jährige ehemalige Kellnerin, die mit 85 Jahren in der Fabrik zu arbeiten begann.4

Als Kulturanthropologin tauchte ich fünf Jahre lang tief in den Alltag bei Vita Needle ein, in manchen Jahren intensiver als in anderen, um zu erfahren, was Vita Needle seinen Angestellten – neben dem Gehaltsscheck – bietet. Meine Darstellungen gründen auf den Gesprächen, die ich dort führen durfte, aber auch auf meinen eigenen Erfahrungen in der Werkhalle als „teilnehmende Beobachterin“.5 Durch diese wissenschaftliche Methode war ich ganz nah dran über einen langen Zeitraum und wurde ein Teil der Firma. Ich hoffe, der Leser findet durch das Ergebnis meiner Studie genauso viel über seine eigenen Einstellungen zum Alter und zum Rentnerdasein heraus wie über die Menschen von Vita Needle.6

Das Unternehmen Vita Needle

Vita Needle ist ein Familienunternehmen, das 1932 gegründet wurde. In vierter Generation stellen die Hartmans derzeit den Präsidenten, Mitglieder der fünften Generation arbeiten als Manager, Marketing- und Vertriebsleiter sowie Ingenieure. Zuerst hatte die Firma im dritten Stock eines Wohnhauses im Speicher seinen Sitz, einige Jahre später in einem Gebäude mitten in Needham, 1939 zog sie dann hierher, allerdings ein paar Häuser entfernt. Die Werkhalle war früher ein Tanzsaal, noch heute weist die Tür ein Guckloch auf, durch das man die Leute in der Zeit der Prohibition vor dem Einlass in Augenschein nahm. Über der Tür zur Werkhalle klebt noch die Ausschankgenehmigung (sie erlosch am 1. Juli 1929), die die Nutzung als Gaststätte erlaubt und vom Massachusetts Commissioner of Public Safety, vom Sicherheitsbeauftragten des Staates, unterzeichnet ist.

Die rund 40 Angestellten in der Werkhalle von Vita Needle haben früher die unterschiedlichsten Berufe ausgeübt – es sind pensionierte Ingenieure, Lehrer, Immobilienmakler, Kellnerinnen, auch einige Fabrikarbeiter sind dabei. Bei Vita Needle entwerfen, produzieren, inspizieren, verpacken und versenden diese so unterschiedlichen Arbeiter Hohlnadeln mit unterschiedlichen Durchmessern, Längen und Schärfegraden; die Nadeln kommen in vielfältigen Aufgaben zum Einsatz, u. a. beim Industriekleben, Aufblasen von Basketbällen sowie bei Gehirnoperationen.

Am Eingang zu Vita Needle hängt ein Schild, das eine Position als „Bediener einer leichten Maschine in der Fertigung“ ausschreibt. Es prahlt, es gebe „kein Rentenalter“ und habe auch „nie eine einzige Entlassung“ gegeben, der Text betont, man bevorzuge „Senioren“ und biete „flexible Arbeitszeiten“. Mit wenigen Ausnahmen sind alle Angestellten Weiße und keine Einwanderer, die meisten stammen aus Needham. Unter den Angestellten sind mehr Männer als Frauen, das war zu Beginn der Produktion genau umgekehrt – im Zweiten Weltkrieg saßen Reihen von jungen Frauen dort und fertigten Spritzen für das Rote Kreuz. Heute sitzen an ebendiesen Werkbänken hauptsächlich ältere Arbeiter, dazu kommen noch einige Schüler aus Highschool und College (besonders im Sommer), und natürlich gibt es auch 30-, 40- und 50-jährige Mitarbeiter. Bei Vita Needle sind Menschen aus allen Lebensjahrzehnten beschäftigt – vom Teenager bis zum Neunzigjährigen – eine echte Zusammenarbeit der Generationen!

Dieses Buch untersucht hauptsächlich die Erfahrungen von Rentnern bei Vita Needle und wie diese Erfahrungen mit ihren Idealen und Vorstellungen und denen der Gesellschaft übereinstimmen, wenn es um den Ruhestand geht. Die Arbeiter sind typisch für ein ganzes Spektrum an Persönlichkeit und Lebenserfahrung; sie arbeiten aus den unterschiedlichsten Gründen noch. Selbst jene, die ihr Geld verdienen müssen, suchen gesellschaftliche Kontakte und Sinn im Leben in der Arbeit. In der Produktion arbeiten alle Teilzeit, bis zu 34 Wochenstunden. Keiner ist renten- oder krankenversichert (der Arbeitgeber geht davon aus, dass sie alle Anspruch auf kostenlose medizinische Versorgung und Sozialversicherung haben).7 Der Stundenlohn beginnt bei 9 Dollar und übertrifft somit den staatlichen Mindestlohn von 8 Dollar (2011). Die Beschäftigten bestimmen ihre eigene Arbeitszeit – einige fangen wie Carl seine 7-Stunden-Schicht sehr früh an, andere kommen wie üblich um 9 Uhr und stechen um 14 Uhr aus; wieder andere beginnen die 4-Stunden-Schicht um 15 Uhr. Ein Stockwerk über der Werkhalle liegt der Vertrieb. Die etwa 8 Beschäftigten sind Vollzeit-Angestellte im Alter zwischen 20 und 60 Jahren, entsprechen also dem Durchschnitt von Büroangestellten in den USA.

Für einige der älteren Arbeiter bei Vita Needle ist ihr Lohn ein Zusatzverdienst – sie können ihren Enkeln damit Geschenke machen oder sich selbst etwas gönnen. Ein Mann gibt sein gesamtes Gehalt seinen Enkeln. Wir lernen Menschen wie den 74-jährigen Jim Downey kennen, der seine Arbeitszeit durchschuftet, ohne auch nur ein Schwätzchen zu halten, damit er sich sein privates Schwimmbad leisten kann, in dem er schwimmen geht. Er bezieht eine Pension, wohnt mit seiner Frau immer noch im selben Haus, das er vor 45 Jahren gekauft hat und das schon lange abbezahlt ist, hat erwachsene Kinder, die längst schon ausgezogen sind und mit den Enkeln zu Besuch kommen. Manche sind im Rentenalter, aber juristisch gesehen nicht in Rente, weil sie ihre Stelle verloren haben. Einige davon brauchen ihren Gehaltsscheck für die Lebenshaltungskosten, für Miete und Heizung – vielleicht unterstützen sie auch einen erwachsenen Sohn, der seinen Arbeitsplatz verloren hat und wieder bei ihnen eingezogen ist und der jetzt eine warme Mahlzeit erwartet. Sie hangeln sich von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck. Der Witwer Robert Benedict versorgt alleine seine drei erwachsenen Enkel. Andere haben einfach nie aufgehört zu arbeiten. Allen Lewis hatte 70 Jahre lang als Maschinist gearbeitet, bevor er mit 84 Jahren bei Vita Needle aufhörte, weil er die Nadeln, die er schärfen sollte, selbst nicht mehr scharf sah – und auch eine Lupe nichts mehr nutzte. Rosa Finnegan machte eine kurze Pause nach einer langen Anstellung als Kellnerin, bevor sie Arbeit bei Vita fand. Der Großteil der Frauen bei Vita Needle sind Witwen oder geschieden, sie leben jetzt allein, manchmal noch in dem Haus, in dem sie ihre Kinder großgezogen haben.

Personalentwicklung bei Vita Needle

Wie kam es dazu, dass bei Vita so viele alte Menschen arbeiten? Was macht die Firma, um diese an sich zu binden?

Aufgrund seiner Politik, ältere Menschen zu beschäftigen, ist Vita Needle auf der ganzen Welt bekannt geworden. Fred Hartman, in vierter Generation Inhaber und Präsident, hat den Medien in zahllosen Interviews gesagt, er habe Mitte der 1990er-Jahre immer wieder bemerkt, dass seine langjährigen Mitarbeiter, die alt geworden, aber im Betrieb geblieben waren, die besseren Angestellten waren, mit höherem Arbeitsethos, zuverlässig, diszipliniert und erfahren. Er konnte sich auf sie verlassen und stellte fest, dass vor allem ältere Erwachsene bereit waren, in Teilzeit zu arbeiten. Also begann er damit, gezielt ältere Menschen einzustellen. 1997 gab Fred – wie den Chef jeder in der Fabrik nennt, auch seine Kinder – eine Presseerklärung heraus, die das 65-jährige Bestehen der Firma und besonders seine Einstellungspolitik bezüglich älterer Mitarbeiter unterstrich. Diese fand in den regionalen sowie internationalen Medien Widerhall. Die Berichterstattung über das Unternehmen hält bis heute an. Im Sommer 2008 – als ich dort arbeitete – gab es ein großes Medieninteresse, hauptsächlich aus Europa. Im Zeitraum von drei Monaten kamen Journalisten aus Frankreich, Deutschland und Italien zu Vita Needle, um eine Dokumentation zu drehen, Aufnahmen für Nachrichten zu machen sowie Artikel für zwei führende deutsche Publikumsmagazine (brand eins und Brigitte) zu schreiben.8

Fred ist auf die mit dem Alter zusammenhängenden gesellschaftlichen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Bedürfnisse seiner Arbeitskräfte eingestellt, die Firma nimmt sich dieser Bedürfnisse an. Die Manager z. B. arbeiten eng mit den Produktionsarbeitern zusammen, um flexible Arbeitszeiten festzulegen, die es ermöglichen, dass sie sich um ihre Enkel kümmern, einen Arzt aufsuchen, sich sozial engagieren und schon früh mit der Arbeit beginnen können.

Die Produktion bei Vita Needle ist erstaunlich flexibel, zum Teil deshalb, weil die Leute an mehreren Maschinen ausgebildet werden (es findet sich immer jemand, der für einen anderen einspringen kann, der krank ist oder früher aufhört), aber auch aufgrund der Art und des Umfangs der Aufträge und der Lagerbestände. Die Manager reden mit den Angehörigen, wenn ihnen gesundheitliche Probleme auffallen wie Gedächtnislücken oder Narkolepsie (umgangssprachlich „Schlafkrankheit“). Sie schränken auch die Arbeitszeit eines Angestellten zum Jahresende ein, wenn dieser die staatlich vorgeschriebenen „Verdienstgrenzen“ erreicht hat – die Obergrenze des Geldes, das jemand unterhalb des Rentenalters verdienen darf, ohne dass seine staatlichen Fürsorgezahlungen beschnitten werden.9

In den Interviews betont Fred, er beschäftige ältere Menschen, um etwas Gutes zu tun – um schlechter Gesundheit durch Isolation im Alter entgegenzuwirken. Allerdings stellten er wie auch Beobachter fest, wie erfolgreich das Geschäftsmodell ist, bei dem Fred seine Einstellungspolitik gern als ethisches Geschäftsmodell anpreist (die Internetpräsenz von Vita Needle schreibt zum Beispiel, die Firma habe sich „hochwertiger und sozial verantwortlicher Produktion“ verpflichtet).10 Fred weiß, dass seine Einstellungspolitik auch ein Verkaufsargument darstellt und Kunden anlockt. Sein Unternehmen stehe in der Außenwirkung auf einem „moralisch hohen Posten“.

Fred meint, Vita Needle sei immer profitabler geworden, seit es zum ersten Mal gezielt ältere Menschen einstellte. Auch den Medien fällt das als Erstes auf. Beispielsweise schrieb das deutsche Magazin brand eins (11/08): „Der Umsatz des 1932 gegründeten Familienunternehmens stieg zuletzt Jahr für Jahr um 20 % auf rund zehn Millionen Dollar – nicht trotz, sondern wegen des fortgeschrittenen Alters der Mitarbeiter.“11 Die Medien weisen nicht oft darauf hin, dass Freds Geschäftsmodell der älteren Mitarbeiter einen strukturellen Dialog führt mit den Regierungsleistungen für ältere Menschen in Form der Sozialversicherung und medizinischen Versorgung Medicare. Derselbe Magazinartikel stellt heraus, dass diese Angestellten für ihren Arbeitgeber ein unerwarteter Glücksfall waren:

„ Notgedrungen und skeptisch stellten die Hartmans etliche von ihnen ein – und erlebten eine Überraschung: Die Alten lieferten nicht nur qualitativ hochwertige Arbeit, hatten Spaß am Job und waren motiviert. Sie zeigten auch eine Loyalität, wie es die Unternehmer von Jüngeren nicht gewohnt waren. Zwar waren einige Senioren offenkundig auf den kargen Lohn angewiesen, um die Rente aufzubessern. Doch ihr Hauptmotiv, eine Arbeit aufzunehmen, war in den meisten Fällen der Wunsch, endlich wieder gebraucht zu werden und der Eintönigkeit und Einsamkeit des Rentneralltags zu entkommen. Sie empfanden die Arbeit nicht als Last, sondern als günstige Gelegenheit. Gleichzeitig mussten die Hartmans nur den Mindestlohn zahlen und sparten sogar den Arbeitgeberanteil an Sozialabgaben für Rente oder die Krankenversicherung: Die Älteren hatten ihre Ansprüche darauf bereits im früheren Erwerbsleben erworben.“12

Mit den geringen Löhnen und dem Wegfall der Kranken- und Rentenversicherung für die Teilzeitarbeitnehmer führte Vita Needle ein lohnendes Geschäftsmodell ein. Im Falle von Vita Needle übernimmt die Regierung die Kosten durch die fortgesetzte Zahlung von Sozialhilfe und Medicare an ältere Menschen. In der derzeitigen wirtschaftlichen Lage, in der andere Arbeitgeber die Produktion ins Ausland verlagern, um die mit der Kranken- und Rentenversicherung verbundenen Lohnnebenkosten zu senken (oft in Staaten, in denen die Regierungen diese Kosten übernehmen), sind andere Arbeitgeber im Land geblieben, stellen aber nur noch Teilzeitarbeitnehmer ein, weil sie diese Kosten dann nicht tragen müssen.13 Ich schreibe das im Mai 2011, wo die Fortsetzung dieser Politik nicht mehr garantiert ist, weil sie gerade radikal überarbeitet wird.

Das Fallbeispiel Vita Needle erlaubt uns einen Blick auf im Konflikt stehende moralische Werte in der amerikanischen Gesellschaft und unsere häufig unausgesprochenen kulturellen Vorannahmen. Wirtschaftliche Entscheidungen, politische Maßnahmen und Zustände sind das Resultat von kulturellen Werten und formen diese (man denke an die Politik, Betreuungsgeld für Frauen zu zahlen, die zuhause bleiben, und die damit verbundenen impliziten Annahmen, wie gute Eltern zu sein haben). Der Fall Vita Needle stellt uns vor ethische und kulturelle Zwickmühlen:

Ist es zum Besten der Gesellschaft, wenn ältere Menschen eingestellt werden oder Ausbeutung? Sollten Menschen den Herbst des Lebens in einer Fabrik, im Schaukelstuhl, auf dem Golfplatz oder woanders verbringen? Was ist für die älteren Menschen selbst oder für die Gesellschaft das Beste? Was ist für ältere Menschen angemessen, was möglich, was wertvoll? In welcher Hinsicht ist es gesellschaftlich verantwortungsvoll, ältere Menschen zu beschäftigen? Das Beispiel Vita Needle lässt uns auch im Größeren hinterfragen, wohin wir unterwegs sind: Warum gibt es nicht mehr Unternehmen, in denen ältere Menschen nützliche Arbeit verrichten können? Warum handelt es sich bei diesem international gepriesenen Beispiel (das es sogar in Wirtschaftskunde-Schulbücher geschafft hat)14 um eine Fabrik – also um Niedriglohnarbeit ungelernter Arbeiter, die in der amerikanischen Gesellschaft nicht besonders hoch angesehen ist? Ist das wirklich alles, was wir für ältere Arbeitnehmer tun können und was ältere Menschen tun können?

Vita Needle löst bei all jenen, die davon hören, komplexe Reaktionen aus, die meisten reagieren äußerst stark oder sind einfach nur verwirrt. Im Oktober 2010 strahlte der Radiosender National Public Radio (NPR) in seiner Sendung Morning Edition eine Dokumentation aus, die zwei über 90-jährige Arbeiter begleitete. Die Internetseite des NPR zeigt, wie verschieden die Hörer reagierten. Manche Kommentare fanden es gut: „Ich bewundere diese sanften Seelen und das Unternehmen, das ihren Wert erkannt hat.“ Es wurden aber auch Ängste geäußert bezüglich der „gierigen Alten“, die den Jungen die Arbeitsplätze wegnehmen, wie in diesem sarkastischen Kommentar: „Klar, lasst die Rentner schuften, damit die Jungen arbeitslos bleiben. Das ist der neue amerikanische Traum.“15 Wenn ich Freunden und Kollegen gegenüber Vita Needle erwähne, dann stellt man mir Fragen, die zeigen, wie sehr sie versuchen, kulturelle Erwartungen und Annahmen über das Alter mit der Vorstellung unter einen Hut zu bringen. Ist es gut, richtig, sinnvoll, fortschrittlich, dass 70-, 80- und 90-Jährige in einer staubigen, lauten und übervollen Fabrik manuelle Arbeit verrichten? Werden diese Menschen ausgebeutet? Haben alte Menschen noch Augenmaß und Geschick für Fabrikarbeit? Arbeiten sie nur, weil sie das Geld brauchen? Gefällt ihnen die Arbeit überhaupt?

In den folgenden Kapiteln versuche ich, diese Fragen zu beantworten – und die vielen anderen, die sich stellen, weil uns demografische, ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen dazu zwingen, die Rolle neu zu bewerten, die Rentnerdasein, Arbeit und Altern spielen. Unsere erste Reaktion wird sein, nichts Positives daran zu finden, dass jemand mit 99 Jahren immer noch in einer Fabrik arbeitet, doch Rosa und ihre Kollegen zwingen uns, unsere Annahmen genauer zu überdenken. Natürlich gibt es Beispiele für Zwistigkeiten, Beschwerden, Ängste, Probleme und Missverständnisse im Arbeitsleben bei Vita Needle – wir werden von all dem in diesem Buch hören. Der Fall Vita Needle lässt uns Annahmen der Altersforschung und Alterspolitik kritisch hinterfragen, was denn nun ein schönes oder erfolgreiches Alter bedeutet. Seit den 1990er-Jahren betont man in den Vereinigten Staaten soziale und sportliche Aktivität als positive Kennzeichen des Alters – was die Umbenennung von Seniorenheimen in Heime für ein „aktives Altern“ oder „aktives Leben“ ganz offensichtlich verdeutlicht.16

Wie altert man erfolgreich? Wie definiert man hier Erfolg? Kann diese neue Definition eine Arbeit in der Fabrik beinhalten? Welchen Beitrag leistet Vita für ein positives Altern seiner Mitarbeiter?17