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Jodorf, Daniela: Lektorat: Dr. Juliane Molitor
Shambhala – Typografie/Satz: KleiDesign
Reise ins innerste Geheimnis Umschlag-Gestaltung:
© J. Kamphausen Mediengruppe Wilfried Klei
GmbH, Bielefeld 2004 E-Book-Herstellung:
info@j-kamphausen.de Bookwire GmbH, Frankfurt a. M.

Daniela Jodorf

Shambhala

Reise ins innerste Geheimnis

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SHAMBHALA

REISE INS INNERSTE GEHEIMNIS

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Utopie oder Wirklichkeit?

Caroline von Teubner wünscht sich nichts sehnlicher, als der Routine ihres journalistischen Alltags in Berlin durch eine neue Herausforderung zu entfliehen. Als ihr Wunsch unerwartet in Erfüllung geht und sie nach Neu Dehli, Indien, versetzt wird, folgt sie dem Ruf nach Veränderung, trotz großer Bedenken und Zweifel.

In der indischen Metropole angekommen, wird sie binnen weniger Tage in ein Spiel verstrickt, das andere für sie geschrieben zu haben scheinen. Bedeutungsvolle Zufälle, seltsame Begegnungen, archetypische Zeichen und Symbole sprechen zunächst ihren journalistischen Instinkt an. Bald wird aus reinem beruflichen Interesse eine höchstpersönliche Verwicklung, die sie auf die Spuren des sagenumwobenen Shambhala, des buddhistischen Paradieses, führt. Je weiter sie bereit ist, sich auf die Fragen, die sich ihr stellen, und die Antworten, die sie in den Ereignissen findet, einzulassen, desto tiefer offenbaren sich ihr das Wesen der buddhistischen Religion und das seit Jahrtausenden behütete Geheimnis um Shambhala. Das, was als bloße Herausforderung begann, wird zur Suche nach der Wahrheit, zu einem Weg der tantrischen Initiation, zu einer spirituellen Reise, die Caroline die tief versteckten Wahrheiten des diamantenen Fahrzeugs des Buddhismus und des Kalachakra-Tantra, des Rades der Zeit, am eigenen Leib erfahren lässt.

Dieser Weg führt sie zurück in die eigene schreckliche, schuldbeladene Vergangenheit, zu Illusionen, Verzweiflung, Angst und Kampf, aber auch hin zu der Liebe zu Daniel Nirula, einem indischen Tibetologen, mit dem gemeinsam sie die härtesten Prüfungen im annektierten Tibet besteht, einer Liebe, die ihr den Weg zur Wahrheit weist. Ihr Kollege, Rudolf Rondorf, entpuppt sich als ihr ärgster Feind, der ihr die größten Steine auf der Suche nach der Wahrheit in den Weg legt und sie zwingt, ihrem eigenen Schatten ins Gesicht zu sehen. Viele Lamas, Yoginis und buddhistische Heilige führen Caroline, schützen sie durch ihren festen Glauben an Carolines geistigen Kräfte und lehren sie die wahre Bedeutung der menschlichen Existenz – die Entwicklung des Bewusstseins bis hin zur letzten Erfahrung der Wirklichkeit, die Verwirklichung der buddhistischen Leere, shunyata, der Erfahrung des „Verlöschens“,nirvana, des Nichts, das doch alles bedeutet.

Nur so kann die Utopie Shambhala zu gelebter Wirklichkeit werden…

PROLOG

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Meine Wangen glühten vor Aufregung, als ich das orangerote Bettlaken mit geübter Leichtigkeit um meine schmale Hüfte drapierte, um es dann über die Schulter zu werfen und mit einem einfachen Knoten vor dem Bauch zu befestigen. Die Zimmertür hatte ich abgeschlossen. Ich wollte meine Ruhe haben, wollte abtauchen in die bunte Welt meiner Phantasie, die in diesem Moment viel wirklicher war als die Realität. Das warme Orange meines selbst kreierten Gewandes beflügelte meine Sinne. Der weiche Stoff fiel locker über meine Schulter und gab mir ein Gefühl von schwebender Anmut. Ich fühlte mich leicht, beschwingt und merkwürdig erhaben. Meine Robe gab mir Kraft, Kraft und Würde. Ich war aufgeregt, hellwach und dennoch ganz ruhig und entspannt.

Dann wandte ich mich dem Plattenspieler zu, den ich letztes Jahr zum Geburtstag bekommen hatte. Ich legte eine Platte auf, und als die Nadel die schwarze Scheibe berührte, erklangen sanfte, sehnsüchtige Flötentöne. Ich wusste weder, wer die Musik komponiert hatte, noch wer sie spielte. Die Schallplatte hatte ich in dem Regal gefunden, in dem meine Eltern ihre alten Platten aufbewahrten. Nun gehörte sie mir und war unverzichtbarer Bestandteil meines Lieblingsrituals. Im Takt der Musik bewegte ich mich langsam in die Mitte des Raumes und begann zu tanzen. Ich konzentrierte mich ganz auf den Rhythmus der zauberhaften, fremdartigen Melodie und die beflügelnde Wirkung meines orangeroten Gewandes. Spontan und ohne Zögern setzte ich jede Bewegung, die mir einfiel, in eine Form um. Bald nahm ich nur noch die Flötentöne wahr, die wie aus weiter Ferne an mein Ohr drangen und mich führten.

Es klopfte. „Caro, mach die Tür auf! Das Essen ist fertig!“

Ich erwachte wie aus tiefem Schlaf und brauchte einige Zeit, um mir bewusst zu werden, wo ich war. Meine Konzentration brach zusammen wie ein Kartenhaus und ich konnte mir gut vorstellen, wie Mama jetzt spöttisch grinsend vor der Tür stand, weil sie es lächerlich fand, dass ich mich verkleidete und zu dieser Musik tanzte, die sie längst nicht mehr hörte.

„Ich komme gleich“, rief ich.

„Beeil dich, das Essen wird kalt.“

Ich stellte die Musik ab, wickelte mich aus meiner Robe und stand in meinem giftgrünen kurzen Kleidchen da. Ein Blick in den Spiegel zeigte mir, was ich eigentlich schon wusste: der Zauber war verflogen. Ich war wieder ich, war wieder Caroline. Meine Augen blickten mir traurig und leer entgegen. Ich fühlte mich plötzlich nackt und schutzlos. Es fühlte sich an, als hätte ich etwas, das zu mir gehörte, das mich sogar erst zu mir selber machte, weggeben müssen, um ganz „normal“ und alltäglich sein zu können. Mürrisch schloss ich die Tür auf und lief hinunter ins Esszimmer. Das Essen stand schon auf dem Tisch.

Anna, unsere Haushaltshilfe, goss mir ein Glas Limonade ein und wechselte einen verschwörerisch unterstützenden Blick mit mir. Ich grinste frech zurück und wandte mich dann meiner Mutter zu, die mir gegenüber saß. Augenblicklich verwandelte sich meine Wut wieder in tiefe Zuneigung. Meine Mutter war wunderschön. Die kurzen blonden Haare standen ihr gut. Ich liebte ihre klaren blauen Augen und die geschwungenen Lippen, die nun, da sie mich anlächelte, zwei Reihen blütenweißer Zähne enthüllten. Ihr Hals war lang und stolz.

Dann fiel mein Blick auf die Kette, die sie Tag und Nacht trug. Es war eine lange silberne Kette, an der ein Jadebuddha hing. Der kleine dickbauchige Kerl grinste mich fröhlich an und strahlte eine überirdische Ruhe aus. Ich betrachtete den Buddha am schlanken Hals meiner Mutter als meinen Freund. Er schien geradezu lebendig und er beschützte den Menschen, der ihn trug. Da war ich mir ganz sicher.

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Die Tür knallte hinter mir ins Schloss, und ich raste die Stufen hinunter. Als ich auf die windige Straße trat, flogen meine Haare in alle Himmelsrichtungen. Während ich mit der rechten Hand versuchte, meine Jacke zuzuknöpfen, durchwühlte ich mit der linken die Handtasche nach meinem Handy. In zehn Minuten war ich am anderen Ende der Stadt mit Julie auf einer Auktion verabredet. Ich hatte mich nach dem Mittagessen nur kurz hinlegen wollen, doch als ich endlich aufgewacht war, war es schon viertel vor drei gewesen, und die Auktion sollte um drei beginnen. Es klingelte nur ein Mal, und schon hatte ich Julie am Ohr.

„Julie, ich bin‘s“, schrie ich hektisch. „Ich bin gleich bei dir. Halte mir einen Platz frei. Ich habe verschlafen.“

„Caro?! Beeil dich. Wann wirst du endlich lernen, pünktlich zu sein?“

Dann hörte ich nur noch glucksendes Lachen. Ich warf das Handy zurück in die Tasche und sprang in mein Auto.

Zwanzig Minuten später hatte ich mich mit meinem Presseausweis auf einen reservierten Parkplatz direkt vor dem Auktionshaus gemogelt und betrat mit energischem Schritt den Versteigerungsraum, der bis auf den letzten Platz gefüllt war. Die Versteigerung war bereits in vollem Gange, und der Auktionator näselte in sein Mikrophon. Die Stimmung im Saal war anders als sonst. Es war ruhiger, und die Leute wirkten gespannter und konzentrierter. Verwundert blieb ich an der Tür stehen und suchte die Sitzreihen nach Julie ab. Im Grunde war ich ihretwegen hier. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich den Samstagnachmittag verschlafen, statt ihn mir im Angesicht unbezahlbarer Kunst um die Ohren zu schlagen. Und eigentlich langweilten mich diese Auktionen. Sie waren Julies liebster Zeitvertreib.

Endlich entdeckte ich Julie ganz vorn in der zweiten Reihe. Und war das nicht Michael neben ihr? Oh, nein! Mein erster Impuls war, auf dem Absatz kehrtzumachen. Aber da hatte Julie mich schon entdeckt und winkte mir fröhlich zu. Der ganze Saal schien sich missbilligend nach mir umzudrehen. Ich fühlte mich wie ein Störenfried. Verlegen winkend signalisierte ich Julie, dass ich sie gesehen hatte, und wartete auf eine Gelegenheit, mich unauffällig nach vorn zu schleichen. Wieder bemerkte ich die außergewöhnliche Stille im Raum. Niemand hustete, niemand flüsterte. Alle starrten gebannt auf den Auktionator, als erwarteten sie etwas sehr Besonderes.

Der Hammer fiel, und während die nächsten Versteigerungsobjekte auf die Bühne gebracht wurden, entstand eine kurze Pause, die ich nutzte, um zu Julie zu gelangen. „Na endlich!“ Julie schüttelte den Kopf. Sie hasste meine chronische Unpünktlichkeit. Ich hasste sie auch, konnte aber nichts daran ändern. Deshalb machte ich gar nicht erst den Versuch, mich zu entschuldigen. Auch Julie war sofort bereit, das Thema zu wechseln. Mit zuckersüßem Lächeln sagte sie: „Ich habe Michael mitgebracht.“ Ich schnitt eine Fratze, als Michael gerade wegschaute, und zischte: „Hab‘ ich gesehen, du Luder!“

Julie wusste genau, dass ich Michael nicht ausstehen konnte. Er war ein lieber Kerl, aber er langweilte mich. Seit mehr als zwei Jahren glaubte er, in mich verliebt zu sein. Er lud mich ein, er schickte mir Blumen, er war nett, zu nett… Ich war ein oder zwei Mal mit ihm ausgegangen, aber ich empfand nichts für ihn. Das hatte ich ihm auch zu verstehen gegeben, aber er wollte von Ablehnung nichts hören. Zwar war er nicht der Typ, der eine Frau belästigte, aber seine bloße Gegenwart hatte etwas Devotes, das mich abstieß und sogar körperliche Abneigung in mir auslöste. Julie wusste das, aber es schien ihr Spaß zu machen, mich immer wieder an meiner empfindlichen Stelle zu kitzeln, indem sie regen Kontakt mit Michael pflegte und ihn oft zu unseren Treffen mitbrachte. Ich war wütend auf Julie. Aber ich ließ mir nichts anmerken und grüßte freundlich, sobald er zu mir herübersah.

Dann schwoll die Stimme des Auktionators wieder an, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf die nächsten Versteigerungsobjekte zu lenken: „Und nun kommen wir zum Höhepunkt der heutigen Auktion. Wir sind sehr stolz, Ihnen aus einer ungewöhnlichen Privatsammlung eine Reihe von Temperabildern des russischen Malers Nicholas Roerich anbieten zu können. Er malte sie Anfang diesen Jahrhunderts von Eindrücken inspiriert, die er auf einer Himalaja-Expedition sammelte. Die Gemälde sprechen in ihrer Technik und Schönheit für sich.“

Sechs Bilder wurden auf die Bühne getragen. Ihre Farben vibrierten mit einer Leuchtkraft, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte. Sie berührten das Auge, aber ich glaubte sie sogar mit den Ohren hören und mit den Händen fühlen zu können. Alle Sinne schienen von der Schönheit dieser Bilder gleichermaßen verzaubert. Mein Geist, der noch eben unruhig und getrieben gewesen war, wurde plötzlich ruhig und gelassen. Anspannung und Stress der vergangenen Tage waren ebenso vergessen wie sämtliche Verpflichtungen, die vor mir lagen. Die Zeit schien stehen zu bleiben oder sich auf eigenartige Weise auszudehnen. Ich konnte nicht genau benennen, was ich erlebte, so fremd und neu war es. Die Bilder erlaubten mir, nur die Gegenwart wahrzunehmen, wie einen winzigen Punkt, der sich ausdehnte, solange und soweit die Bilder meine voll konzentrierte Aufmerksamkeit gefangen nahmen. Instinktiv fühlte ich, dass es vielen der Anwesenden ebenso erging. Mein Blick glitt über die Bilder, die in vibrierendem Grün, Braun, Blau und Gelb gemalt waren, bis er auf dem zweiten Bild von links zur Ruhe kam. Ich tauchte in tiefe Blautöne ein, in die klare Luft einer gigantischen Gebirgslandschaft. So hatte ich mir den Himalaja immer vorgestellt: erhaben, kühl und irgendwie unberührt. Mir schien, als breite sich die angenehme Kühle des Bildes in meinem Körper aus, begleitet von einer unbeschreiblichen Klarheit der Gedanken, die ich noch nie zuvor so intensiv erlebt hatte. Das Bild wirkte auf mich und meinen Geist, und ich beobachtete mich selbst dabei, wie ich auf das Bild reagierte. Noch immer hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Da war nur ein einziger, ewiger Moment. Auch der Raum, der mich umgab, kam mir anders vor, völlig fremd ob seiner unendlichen Weite, in der es keine Begrenzungen gab. Tiefer Frieden erfüllte mich, und ich hatte das Gefühl, als sei alles an seinem Platz und als gäbe es nichts, worum ich mir Sorgen machen musste, weil alles gut war, so wie es war. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich gesagt: Ich habe mich verliebt! Ja, es war Liebe, die mich durchdrang, und ich wusste nicht, ob das Bild dieses Gefühl in mir auslöste oder ob das Gefühl in mir das Bild zum Leben erweckte. Da war nichts in mir als selbstvergessene Freude, wacher und aufmerksamer als alles, was ich bisher erlebt hatte. Ich war glücklich und konnte es selbst kaum fassen. Ich war absolut glücklich beim Anblick jener blauen Berge auf dem Gemälde von Nicholas Roerich. Glücklich und in Frieden mit mir selbst.

Doch dieser Zustand der friedvollen Selbstvergessenheit dauerte nur kurz. Die Stimme des Auktionators, der das erste Mindestgebot nannte, holte mich zurück in die Realität. War mir zuvor gewesen, als gäbe es kein Wünschen und kein Wollen in mir, so dachte ich jetzt nur eines: „Ich muss dieses Bild haben, koste es, was es wolle!“

Der Auktionator bezifferte das Mindestgebot für jedes Bild mit 5.000 Euro. Ein Raunen ging durch die Menge und mir stockte der Atem, als ich diesen Preis hörte. Meine Kehle verengte sich und Nervosität breitete sich erneut in mir aus. Aber ich hatte nur einen Gedanken: „Ich will das Bild mit den blauen Bergen!“

Für das erste Bild fiel der Hammer bei 12.000 Euro. „Es wird mir nicht leicht fallen, soviel Geld aufzutreiben“, dachte ich. Doch als gleich darauf „mein“ Bild zum Verkauf stand, schob ich jeden Gedanken an seine Finanzierung beiseite. Gedanklich gehörte das Bild bereits mir, emotional erst recht. Julie sah mich herausfordernd an. Sie wusste nur zu gut, was in mir vorging. Auf all den vielen Auktionen, die ich mit ihr besucht hatte, hatte ich nie etwas gekauft. Julie hingegen wollte den Nervenkitzel spüren, die Gier, das Verlangen, das immer stärker wurde, bis der Hammer fiel und sie das begehrte Objekt endlich ihr eigen nennen konnte. Wie oft hatte Julie etwas ersteigert, das sie weder brauchte noch wirklich wollte. Manchmal glaubte ich, dass sie mich vor allem aus einem Grund mit auf diese Auktionen nahm: um sich besser unter Kontrolle zu haben. Meine Gegenwart wirkte irgendwie ernüchternd auf sie.

Doch heute war das anders, heute hatte mich das Verlangen gepackt. Als der Auktionator anfing, den Preis in die Höhe zu treiben, stieg ich bei 7.000 Euro ein. Es war mir egal, ob ich mir das Bild leisten konnte oder nicht. Es gab kein Wenn und Aber. Schneller als ich denken konnte, stieg der Preis höher und höher. Ich handelte nicht mehr bewusst oder rational, sondern wie im Rausch, nur noch von dem Wunsch getrieben, dieses Bild und mit ihm die Klarheit und Freiheit des unbezahlbaren Glücks, das es in mir geweckt hatte, zu besitzen.

Nach einer Weile hatte ich nur noch einen einzigen Mitbieter, dessen Gesicht ich vergeblich in der Dunkelheit der hinteren Reihen auszumachen versuchte. Ich kämpfte gegen ein Phantom, gegen eine männliche Stimme mit fremdländischem Akzent, die mir irgendwie vertraut vorkam, obwohl ich sie gar nicht kennen konnte.

Ich ließ mich dadurch zwar nicht verunsichern und kämpfte entschlossen weiter, aber immerhin kam ich endlich soweit zur Besinnung, dass mein Verstand mir ein Preislimit von 15.000 Euro setzen konnte. Da merkte ich, dass auch mein Mitbieter zögerlicher wurde und sich nicht mehr so sicher zu sein schein. Das war die Gelegenheit, den Zweikampf für mich zu entscheiden, denn ich wusste ganz sicher, was ich wollte, und das brachte ich durch mein nächstes, klar und bestimmt vorgetragenes Gebot zum Ausdruck: „13.000 Euro!“

Der Auktionator rief erfreut: „Zum Ersten, zum Zweiten und…“ Da meldete sich die vertraute Stimme etwas verhaltener als zuvor: „13.250.“

Wütend sah ich mich um und fragte Julie: „Wer zum Teufel ist das?“

Sie zuckte nur mit den Schultern und ich ließ mich zu einem weiteren Gebot hinreißen: „13.500!“

„13.500 sind geboten. Bietet jemand 14.000?“

Mit unerschütterlicher Gewissheit wusste ich, dass das Bild mir gehörte. Ich hatte gewonnen!

„13.500 zum Ersten, 13.500 zum Zweiten. Bietet jemand 14.000? 13.750? Zum Ersten, zum Zweiten und…13.500…zum Dritten!“

Das Fallen das Hammers ging unter in Julies Jubelrufen und meiner eigenen Begeisterung. Das Bild gehörte mir! Jetzt, wo sie vorbei war, wirkte die begehrliche Anspannung, die ich eben noch empfunden hatte, seltsam irreal und unwirklich. Auf der Bühne wurde das dritte Bild zur Versteigerung angeboten. Es interessierte mich nicht mehr. Auch Michaels Gratulation und seine bewundernden Blicke nahm ich nur am Rande zur Kenntnis. Wieder und wieder drehte ich mich um, suchend, fragend. Steigerte mein Konkurrent auch bei dem dritten Bild mit? Aus den hinteren Reihen kam kein Gebot. Warum mein Bild? War es wirklich so besonders, wie ich glaubte? War es vielleicht wertvoller als die anderen Bilder? Oder hatte der Fremde es nur haben wollen, weil ich es so unbedingt wollte? Meine Phantasie ging mal wieder mit mir durch.

Während die restlichen Bilder versteigert wurden, ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich die hinteren Reihen nach dem unbekannten Mitbieter absuchte. Er musste gegangen sein. Seine Stimme wurde kein zweites Mal laut. Seltsam! Noch seltsamer war meine Enttäuschung, jenes eigenartige Gefühl der Leere, das sich in mir breit machte, als hätte ich etwas Wichtiges verloren.

Erst als der letzte Hammer fiel, merkte ich, dass meine Wangen fiebrig glänzten. Ich fühlte mich müde, geschlaucht und ohne jede Energie. Jetzt, wo ich wieder nüchtern war, bereute ich das Geschehene fast. Je länger ich darüber nachdachte, desto verrückter fand ich mein Verhalten. Ich schämte mich, dass ich mich derart hatte mitreißen lassen. So unüberlegt zu handeln, war wirklich nicht meine Art.

Julie und Michael erhoben sich von ihren Plätzen, aber ich fühlte mich zu schwach zum Stehen. Mir war kalt, und ich zitterte am ganzen Körper.

„Caroline, was ist los mit dir? So habe ich dich ja noch nie erlebt“, hörte ich Julies Stimme wie aus weiter Ferne.

Verzweifelt suchte ich nach einer Erklärung: „Ich glaube, die letzten Tage waren einfach zu anstrengend für mich. Für die Reportage in Frankreich waren wir ständig unterwegs. Um noch letzte Bilder und Interviews zu machen, sind wir von einem Termin zum nächsten gehetzt. Eigentlich war die Zeit viel zu knapp, aber wir haben trotzdem alles geschafft. Seit ich wieder zu Hause bin, könnte ich immer und überall einschlafen. Ich glaube, ich habe Fieber. Ich muss sofort nach Hause und mich hinlegen.“

Julie hakte mich besorgt unter und führte mich durch die engen Stuhlreihen hinaus in den Flur. Während sie die notwendigen Formalitäten mit dem Auktionshaus für mich erledigte, organisierte Michael ein Glas Wasser. Langsam kam ich wieder zu Kräften. Als Julie vom Auktionspult zurückkehrte und mir einen Schein in die Hand drückte, der den Erwerb des Bildes und seine Lieferung bestätigte, konnte ich wenigstens wieder klar denken.

Später, nachdem Julie mich nach Hause gefahren hatte und ich endlich allein war, konnte ich meine Torheit nicht fassen. Wie hatte ich nur glauben können, dass dieser Roerich 13.500 Euro wert war? Ich musste übergeschnappt gewesen sein, verrückt. Die Reue überfiel mich mit ebensolcher Macht wie mich die Besitzgier während der Versteigerung übermannt hatte. Ich fühlte mich schäbig und ausgelaugt. Mir kam sogar der Gedanke, beim Auktionshaus anzurufen und das Bild zurückzugeben. Was war nur mit mir los? Wie hatte ich der Leidenschaft derart erliegen können?

Als ich am Montagmorgen in die Redaktion kam, fand ich eine Notiz auf meinem Schreibtisch:

„Bitte um 11.00 Uhr zum Chef kommen, Renner, Montag, 8.30 Uhr!“

Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Ich war erst am Freitagabend spät aus Frankreich zurückgekommen. Gab es eine dringende Änderung meines Artikels über separatistische Bestrebungen in Frankreich und im spanischen Baskenland, der für die nächste Ausgabe geplant war? Das hätte mir gerade noch gefehlt.

Energisch schob ich alle Bedenken beiseite und ging zu meiner Assistentin, die mir die Notiz auf den Tisch gelegt hatte.

„Haben Sie eine Ahnung, was der Chef von mir will, Frau Renner?“

„Nein, Frau von Teubner, leider nicht. Er hat nichts gesagt.“

Ich fühlte mich unbehaglich. Unterredungen, noch dazu mit dem Chef, auf die ich mich nicht vorbereiten konnte, weil nicht klar war, was ich zu erwarten hatte, waren mir zuwider. Musste ich womöglich eine Rüge einstecken? Nervös kehrte ich in mein Büro zurück und warf einen letzten Blick auf das in der letzten Woche zusammengestellte Foto- und Interviewmaterial. Es gab nichts auszusetzen. Ich war mit unserer Arbeit zufrieden. Auch der Artikel stand im Wesentlichen. In der morgigen Redaktionssitzung sollten nur noch kleine Änderungen besprochen werden. Armin hatte aussagekräftige Bilder geliefert: beschmierte korsische Gemäuer, durchschossene Straßenschilder, friedvolle alte Menschen auf der Straße, Regierungsgebäude, Gendarmerie mit Maschinengewehren im Anschlag, zerstörte Feriendörfer und Bungalows… Ich konnte zufrieden sein, und doch hatte ich quälende Selbstzweifel.

Bald ging ich wie ein Tiger im Käfig in meinem Büro auf und ab und schaute alle fünf Minuten auf die Uhr. Gegen zehn warf Frau Renner einen mitleidigen Blick herein, schloss die Tür aber gleich wieder, weil sie meine stumme Bitte richtig verstanden hatte: „Ich möchte allein sein.“

Zehn vor elf schnappte ich die Mappe mit meinem neusten Artikel, ging freundlich nickend an Frau Renner vorbei und dann den langen Korridor entlang zum Aufzug. Was war nur los mit mir? In der Regel brachte mich eine bevorstehende Unterredung mit dem Chef nicht derart aus dem Häuschen.

Ich wäre gerne allein gewesen, aber auf dem Weg zum Aufzug traf ich zahlreiche Kollegen, die mich freundlich und – so schien es mir – ein wenig mitleidig grüßten. Sie musterten mich und tauschten vielsagende Blicke aus. Blickten sie etwa hämisch? Schadenfroh? Wieder lief meine Phantasie Amok, und ich versuchte, die Ruhe zu bewahren oder eher wieder zu finden. Ein unmögliches Unterfangen. Als mir die Blicke zu eindringlich wurden, nahm ich kurz entschlossen die Feuertreppe nach oben.

Schwer atmend erreichte ich die sechste Etage, öffnete die Stahltür und trat auf den hell beleuchteten Flur. Die Bewegung hatte meine Gedanken nun doch noch so weit beruhigt, dass ich das Vorzimmer des Chefredakteurs äußerlich gefasst betreten und ein betont lockeres „Guten Morgen, Frau Wittich. Herr Aurich erwartet mich?“, rufen konnte.

„Guten Morgen, Frau von Teubner. Ja, gehen Sie nur durch. Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“

„Glauben Sie, ich werde ihn brauchen?“, hätte ich gerne gefragt, aber damit hätte ich Unsicherheit gezeigt. Also schluckte ich diese Bemerkung hinunter und flötete stattdessen: „Mit Milch, ohne Zucker, bitte.“

„Kommt sofort.“

Auch die Wittich grinste heute irgendwie mitleidig.

Ich musste mich voll konzentrieren, um einigermaßen souverän zu wirken. Als ich das Vorzimmer durchquert, an die Tür zum Chefzimmer geklopft und auf Antwort gewartet hatte, riss ich die Tür eine Spur zu schnell und zu kraftvoll auf. Auf dem Weg zum Schreibtisch meines Vorgesetzten versuchte ich, mich erneut zu sammeln. Dann setzte ich ein strahlendes Lächeln auf und blickte Herrn Aurich fest in die kleinen grünen Augen.

Er erhob sich, kam um den Schreibtisch herum und sagte: „Frau von Teubner, schön, Sie zu sehen!“

Das klang echt.

„Ich habe Ihnen den aktuellen Separatisten-Artikel mitgebracht“, sprudelte es ungefragt aus mir heraus. Und noch bevor ich ihm meine heiße Hand zur Begrüßung entgegenstreckte, legte ich die blaue Mappe auf seinen Schreibtisch. Klein und ein wenig knubbelig stand Herr Aurich vor mir und lächelte mich gewinnend an. Sein Händedruck war fest und freundlich. Plötzlich erfüllte mich die beruhigende Gewissheit, dass ich nichts zu befürchten hatte.

Herr Aurich machte eine einladende Geste und wies auf einen der beiden schwarzen Lederstühle vor seinem Schreibtisch: „Bitte, nehmen Sie doch Platz, Frau von Teubner.“

Ich setzte mich, während er erneut seinen Platz auf der anderen Seite des Schreibtischs einnahm. Wir schwiegen. Ich blickte ihn zwar erwartungsvoll an, war aber nicht in der Lage, nach dem Grund meines heutigen Besuches zu fragen. Herr Aurich zündete sich langsam und bedächtig seine Pfeife an. Offensichtlich wollte er mich auf die Folter spannen. Alles Taktik. Als die Pfeife qualmte und er einen genüsslichen Zug getan hatte, warf er – noch immer schweigend – einen Blick in die blaue Mappe, die ich auf seinen Schreibtisch gelegt hatte, und nickte anerkennend. Endlich brach er das Schweigen.

„Ich bin sehr beeindruckt von Ihrer Arbeit, Frau von Teubner. Sie sind nun seit fünf Jahren bei uns und haben sich sehr verdient gemacht. Alle Kollegen, die bisher mit Ihnen gearbeitet haben, loben Ihre klare und einfache Arbeitsweise. Sie verstehen es, detaillierte Hintergrundinformationen so verständlich und prägnant zu formulieren, dass sich Ihre Artikel auch dann noch mit Leichtigkeit lesen lassen, wenn sie sehr komplexe Sachverhalte schildern.“

Mir schoss das Blut in die Wangen. Es war mir unangenehm, so gelobt zu werden. „Redet der von mir?“, fragte ich mich selbstkritisch. Ich errötete noch mehr, als mir klar wurde, dass ich meine Unsicherheit gerade mit einer verlegenen Geste zu überspielen versucht hatte, die Herr Aurich natürlich sofort bemerkt hatte. Er grinste kaum wahrnehmbar. Vielleicht machte es ihm sogar Spaß, mich zu verunsichern.

„Während Sie in Frankreich waren, hatten wir eine Redaktionssitzung, in der unter anderem Veränderungen in unserer Personalstruktur auf der Tagesordnung standen.“

Also doch! Meine Angst vor einer Kündigung war also berechtigt gewesen. Ich musste mich zwingen, Herrn Aurich weiter zuzuhören.

„Es ist notwendig, das Asienressort um einen fähigen Journalisten zu erweitern. Rudolf Rondorf wird in spätestens zwei Jahren aufhören für „Das Magazin“ zu schreiben und in den Ruhestand treten. Bis dahin sollte sein Nachfolger vor Ort eingearbeitet sein.“

Obwohl Herr Aurich scheinbar gelassen sprach, entging ihm keine meiner Regungen.

Also doch keine Kündigung. Was dann? Ich kombinierte fieberhaft: Rudolf Rondorf war unser Korrespondent in Indien. Wenn dort ein Posten frei wurde, war Philipp Stein die ideale Besetzung. Aber was hatte das alles mit mir zu tun? Sollte ich etwa das Ressort von Philipp übernehmen? Philipp war zwar für Osteuropa zuständig, aber er arbeitete von der Zentralredaktion Berlin aus. Ein wenig zu schnell fand ich die Sprache wieder und sagte: „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr Aurich. Ich werde Herrn Stein sofort bitten, mich einzuarbeiten…“

„Herrn Stein…?“

Aurich blickte mich erstaunt und ein wenig amüsiert an.

„Ich glaube, Sie haben mich missverstanden, Frau von Teubner. Sie denken zuviel und sind viel zu bescheiden. Ich habe nicht Herrn Stein, sondern Sie als Korrespondentin in Indien vorgeschlagen!“

Ich musste mich verhört haben.

„Sie haben mich als Korrespondentin in Indien vorgeschlagen?“

„Ja, und mein Vorschlag wurde einstimmig angenommen! Wir beobachten Ihre Arbeit seit mehr als zwei Jahren und waren uns die ganze Zeit einig, dass wir, sobald Sie ausreichend Handwerkszeug erworben hätten, eine neue Aufgabe für Sie finden müssten. Vor einer Woche habe ich mit Herrn Rondorf gesprochen. Er bestätigte zum ersten Mal persönlich, was sich längst als Gerücht verbreitet hat. Er möchte spätestens in zwei Jahren aussteigen. Genug Zeit für Sie, sich einzuarbeiten und einen neuen Kontinent so gut kennen zu lernen, dass Sie Herrn Rondorf ersetzen können.“

Ich fühlte mich überrumpelt. Überschätzt. Geschmeichelt. Aber wollte ich überhaupt weg aus Berlin? Aus Deutschland? Wollte ich nach Asien? Nach Indien?

„Bis wann habe ich Zeit, mich zu entscheiden?“

Die Frage klang in meinen eigenen Ohren zu defensiv, aber sie spiegelte meine erste ablehnende Reaktion. Und ich hatte nichts davon, wenn ich mir selbst etwas vormachte und vorgab, mich zu freuen. Herr Aurich hingegen schien das ganz anders zu sehen.

„Ist das überhaupt eine Frage für Sie, Frau von Teubner? Sie brauchen eine neue Herausforderung. Andernfalls wird Ihr Enthusiasmus bald verbraucht sein. Die Routine wird Sie ersticken. Gewöhnung lähmt Sie. Das sehe ich.“

Ungläubig blickte ich in das Gesicht dieses kleinen, schelmischen Mannes, der mich besser zu kennen schien als ich für möglich gehalten hätte. Herr Aurich und ich hatten nur selten ein persönliches Wort gewechselt. Alle redaktionellen Besprechungen mit ihm hatten sich auf das Nötigste beschränkt. Es erstaunte mich zu hören, dass die Entscheidungsträger der Redaktion meine Arbeit seit mehr als zwei Jahren intensiv verfolgten und ich unter seiner persönlichen wohlwollenden Beobachtung stand. Wie war es möglich, dass Herr Aurich mich so gut kannte, dass er die brennenden Zweifel, die mich das gesamte vergangene Jahr gequält hatten, in einem Satz zusammenfassen konnte? Seit fünf Jahren arbeitete ich in der Redaktion Südeuropa. Und seit über einem Jahr hatte ich das Gefühl, in einer beruflichen Sackgasse zu stecken. Die tägliche Arbeit war zu einer nüchternen Pflichtübung geworden, die ich gewissenhaft erledigte, wenngleich sie mich nicht mehr erfüllte. Ich musste mich immer stärker konzentrieren, um nicht aus bloßer Langeweile und Unterforderung Fehler zu machen. Seit einigen Monaten spielte ich mit dem Gedanken, mich bei US-amerikanischen Zeitungen zu bewerben. Dass ich diesen Gedanken noch nicht in die Tat umgesetzt hatte, machte meine Unzufriedenheit nur noch größer. Glücklicherweise war die Separatisten-Reportage eine Herausforderung gewesen, angesichts derer ich wieder zu meiner alten Hochform zurückgefunden hatte. Unwillkürlich musste ich lachen.

„Woher kennen Sie mich so gut, Herr Aurich?“

„Ich sehe es an Ihrer Arbeit, an der Art, wie Sie einen Raum betreten, an der Art, wie Sie mit mir reden. Sie haben einen scharfen, kritischen Verstand. Mir scheint, dass er die Herausforderung des Neuen braucht.“

„Ich bin nicht sicher, ob ich zu diesem Zeitpunkt die Herausforderung des Neuen will. Ich brauche zumindest einige Tage Bedenkzeit.“

„Selbstverständlich. Wir würden niemals auf die Idee kommen, Sie zwangsweise an einen 6.000 Kilometer entfernten Ort zu versetzen. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen, und denken Sie in aller Ruhe über meine Worte nach.“

Ich würde nichts anderes tun, als über seine Worte nachzudenken. Er hatte mich besser beschrieben, als ich mich selbst zu beschreiben wagte. Jetzt hing alles von mir ab.

Frau Renner empfing mich freudestrahlend.

„Herzlichen Glückwunsch, Frau von Teubner!“

„Sie wussten es?“

„Ja“, sagte sie verlegen und schüttelte mir mit tief empfundener Zuneigung die Hand.

„Sie werden mir fehlen. Ich habe gerne mit Ihnen gearbeitet.“

„Wer sagt, dass ich gehe?“

„Natürlich gehen Sie, das wissen Sie so gut wie ich!“

Heute schienen mich alle besser zu kennen als ich mich selbst. Ich fühlte mich machtlos. Offensichtlich hatten andere bereits für mich entschieden, was mir erhebliche Kopfschmerzen bereitete. Warum sah meine Entscheidung für Außenstehende so einfach und klar aus?

Als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, traf mich fast der Schlag. Es war viertel vor vier, und um vier sollte das Bild geliefert werden, das ich Samstag ersteigert hatte. Ich griff nach Tasche und Mantel und verließ das Büro wie gewohnt im Laufschritt. Im Fahrstuhl nach unten traf ich Michael, der die neuesten Nachrichten offenbar auch schon gehört hatte.

„Man munkelt, dass du nach Indien auswanderst!“

„So, munkelt man das?“

Das bekannte Gefühl der Abneigung regte sich in mir. Was Michael auch sagte oder tat, es war einfach immer falsch. Sollte er sich doch fragen, ob ihm das Objekt seiner Begierde weiterhin räumlich so nah sein würde, dass er es ungehindert anschmachten konnte, oder ob es sich verflüchtigen würde. Von mir bekam er jedenfalls keine Antwort. Der Fahrstuhl hielt in der Tiefgarage.

„Ich bin in Eile. Mein Bild wird gleich geliefert.“

„Brauchst du Hilfe?“

„Nein!“

Im nächsten Moment bereute ich den schroffen, beinahe aggressiven Ton, mit dem ich Michael abgewiesen hatte. Manchmal verstand ich mein Verhalten ihm gegenüber selbst nicht.

Unterwegs blieb ich im Stau stecken, und als ich endlich in die Dunkerstraße einbog, stand der Lieferwagen des Auktionshauses schon vor meiner Haustür. Ich parkte im absoluten Halteverbot, erwischte die Bilderpacker gerade noch, bevor sie samt Gemälde wieder davonfuhren, klemmte mir das Bild kommentarlos unter den Arm und brachte es eigenhändig hinauf in meine Wohnung. Dort stellte ich es erst mal im Flur ab, nahm eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, wankte damit ins Wohnzimmer und legte mich aufs Sofa. Ich war erledigt, müde, ausgelaugt.

Das Klingeln des Telefons drang wie aus weiter Ferne an mein Ohr. Wo war ich? Zunächst wähnte ich mich noch in meinem französischen Hotelzimmer, doch dann fiel mir schlagartig ein, was heute geschehen war, und ich griff mechanisch neben mich, um den Hörer abzunehmen. „Jaa!?“

„Caro! Da bist du ja.“

„Julie? Ich bin noch gar nicht richtig wach!“

Schweigen.

„Julie, bist du noch da?“

„Warum hast du mir nichts von deiner Versetzung nach Indien erzählt?“

„Woher hast du diesen Blödsinn?“

„Woher wohl? Von Michael natürlich!“

„Wo bist du, Julie?“

„Zu Hause. Wo sollte ich um diese Uhrzeit schon sein?“

„Wie spät ist es denn?“

„Es ist schon halb neun.“

Ich hatte also fast vier Stunden geschlafen.

„Willst du vorbeikommen? Ich möchte mit jemandem reden.“

Julie war besänftigt, ihr Ärger verflogen. Sie fühlte sich wieder als meine Vertraute.

„Bin schon unterwegs.“

Fünf Minuten später stand Julie breit grinsend in der Tür. Sie umarmte mich eine Spur herzlicher als sonst und eine Sekunde länger. Auch sie schien bereits für mich entschieden zu haben.

„Hast du den Roerich schon aufgehängt?“

„Nein, da steht er.“

„Dann machen wir das jetzt gemeinsam!“

Julie schleppte das Bild ins Wohnzimmer und brachte gleich eine Schere aus der Küche mit. Mit wenigen Schnitten lockerte sie das Papier, so dass wir es mit den Händen freilegen konnten. Wie in einem Traum ging ich ein paar Schritte zurück, während Julie die letzten Reste der Umhüllung entfernte. Da war es wieder, dieses unbeschreibliche Gefühl, das mich bei der Auktion überwältigt hatte. Das leuchtende Blau des Bildes hüllte mich ein, alle Anspannung fiel von mir ab. Ich war nicht mehr ich, sondern nur noch vibrierende Freude, Ruhe, Klarheit, angenehme Kälte und aufmerksame Wachheit. All das stand in krassem Gegensatz zu der Müdigkeit und Nervosität, die mich seit Tagen gequält hatte. Selbstzweifel und Entscheidungsschwierigkeiten waren vergessen. Meine müden, schweren Glieder waren plötzlich leicht und kraftvoll. Ich hätte stundenlang so selbstvergessen mit der Schönheit der blauen Berge Zwiesprache halten können. Auch die Reue, die ich unmittelbar nach dem Kauf des Bildes empfunden hatte, war vergessen. Natürlich war dieses magische Bild jeden Cent wert, den ich dafür bezahlt hatte. Ich liebte es.

Julie riss die letzten Reste des Packpapiers ab und stellte sich neben mich. Ob sie den Zauber des Bildes auch spürte? Ich hatte Angst, sie danach zu fragen, tat es aber doch.

„Spürst du das auch, Julie?“

„Was?“

Ein Blick in ihre Augen zeigte mir, dass sie das Bild anders betrachtete als ich. Sie sah es als Kunstgegenstand und Geldanlage, als etwas von rein materiellem Wert.

„In ein paar Jahren wird es das Doppelte wert sein!“

Weshalb spürte ich diesen eigenartigen Zauber? Warum schien das Bild mich zu verwandeln? Warum trug es mich in eine intensivere, lebendigere, freudvollere Erfahrungswelt? Und warum geschah das nicht auch mit meiner besten Freundin, mit der ich in den letzten Jahren fast alles geteilt hatte – Freude und Leid? Zum ersten Mal fühlte ich mich in Julies Gegenwart einsam. Etwas, von dem ich spürte, dass es mir bald sehr wichtig werden würde, konnte sie weder verstehen noch nachempfinden, ja nicht einmal sehen. Diese noch vage Erkenntnis verstärkte das Gefühl, das ich seit der Unterredung mit Herrn Aurich nicht mehr losgeworden war: Ich war machtlos – und noch schlimmer: Ich war allein!

Vielleicht spürte Julie es auch, denn plötzlich wechselte sie das Thema. „

Jetzt will ich endlich wissen, warum Michael in der ganzen Welt herumerzählt, dass du nach Indien versetzt worden bist.“

Was sollte ich sagen?

„Das wüsste ich auch gerne, warum ich nach Indien versetzt worden bin…“

Ich sah, wie Julie entrüstet nach Luft schnappte.

„Dann ist es also wahr.“

„Ja, es stimmt. Herr Aurich hat mich heute in sein Büro zitiert und mir das Asienressort in Delhi angeboten.“

„Warum hast du mir das nicht gleich erzählt? Wahnsinn! Bist du stolz?“

„Ich weiß nicht, ob stolz das richtige Wort ist. Ich fühle mich überfahren, überfordert. Ich will nicht aus Berlin fort. Ich liebe meinen Job. Ich fürchte, Delhi ist eine Nummer zu groß für mich.“

„Und wir reden seit einem Jahr davon, dass dein Job dich zu Tode langweilt und du dich nach einer neuen Herausforderung sehnst. Caro, das ist die Chance, die du dir gewünscht hast. Wie kannst du nur daran zweifeln?“

„Vielleicht ist das ja das Erschreckende. Als Herr Aurich mir heute das Angebot machte, wurde mir schlagartig bewusst, dass über Unzufriedenheit und mangelnde Herausforderung zu reden, eine Sache ist, und eine andere, die Chance zu ergreifen und etwas zu ändern, und zwar grundlegend.“

„Ich verstehe deine Bedenken, aber diese Aufstiegsmöglichkeit kannst du dir unmöglich entgehen lassen. Wenn du das Angebot ausschlägst, bleibst du für den Rest deines Lebens eine x-beliebige Redakteurin. Endstation! Caro, wach auf. So eine Chance bekommst du kein zweites Mal.“

Julie hatte recht.

„Siehst du, was grübelst du also noch? Pack deine Sachen und nimm den nächsten Flug nach Delhi.“

Lange nach Mitternacht, als die Tür hinter Julie ins Schloss gefallen war, fing ich an zu weinen. Es schien mir unmöglich, ohne meine Freunde zu leben, alles Vertraute hinter mir zu lassen und mich so kraftlos, wie ich mich fühlte, dem Unbekannten zu stellen.

Unter meinen nackten Füßen knisterte das achtlos im Wohnzimmer verstreute Packpapier. Lustlos sammelte ich die Fetzen ein und warf dabei immer wieder einen Blick auf das Bild. Sofort kehrte die mir mittlerweile vertraute Empfindung von Klarheit und Wachheit zurück. Ich war wieder eins mit mir selbst, wo ich zuvor zerrissen und voller Zweifel gewesen war. Wann war ich jemals so glücklich gewesen wie beim Anblick dieses Bildes?

Als ich die letzten Reste des Packpapiers unter dem Bild hervorzog, entdeckte ich einen weißen Briefumschlag. Neugierig griff ich danach. Die Klebelasche war lose eingesteckt. Meine Finger begannen zu zittern, als ich sie herauszog, und mein Herz schlug schneller. In dem Umschlag steckte eine Karte, und auf dieser standen in feinen geschwungenen Buchstaben zwei Sätze: „Die Antwort liegt in Indien. Seien Sie achtsam, damit Sie mich als Ihren Freund erkennen, wenn wir uns begegnen.“

Meine Hände zitterten noch heftiger als zuvor. Ich drehte die Karte um und suchte nach einer Unterschrift. Es gab keine. Wieder und wieder las ich die geheimnisvolle Botschaft. Indien. Das musste ein Trick von Julie sein, um mich neugierig auf dieses Land zu machen und meine Zweifel zu zerstreuen. Nur war das nicht Julies Schrift. Doch außer Julie, den Lieferanten und mir war niemand dem Paket mit dem Bild so nah gekommen, dass er diese Nachricht darin hätte verstecken können.

2

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Eine Woche vor meiner Abreise setzte ich mich persönlich mit Herrn Rondorf, meinem neuen Kollegen in Delhi, in Verbindung. Ich kannte ihn bisher nur aus den Geschichten, die man sich über ihn erzählte, und denen zufolge war Rudolf Rondorf ein außergewöhnlicher Journalist, so etwas wie eine lebende Legende. Er wurde vielfach als derber Haudegen beschrieben, der gerne vulgäre Sprüche machte und entsprechende Witze erzählte, und doch wurde er von den meisten in der Berliner Redaktion hoch geachtet, wenn nicht sogar gefürchtet. Die Mimik zahlreicher Gesichter erzählte mir eine Geschichte, die ich nicht glauben wollte: Mit Rondorf kann man nicht zusammenarbeiten.

Am Telefon gab er mir eine Kostprobe seines außergewöhnlichen Charakters.

„Sie sind also das junge Ding, das bald mit mir zusammenarbeiten wird?“

Seine Stimme war tief und rau, und er schrie so laut ins Telefon, dass mir die Ohren dröhnten. Die Kommunikation wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass die Verbindung sehr schlecht war und mir alles, was ich selbst sagte, mit zeitlicher Verzögerung als Echo entgegenkam.

„Ich bin Caroline von Teubner“, hörte ich meine beleidigte Stimme und fühlte mich wie ein Idiot.

„Nun, wie auch immer, Frau Von und Zu. Kommen Sie erst mal her, dann klären wir die Lage. So aus der Ferne hat es gar keinen Sinn, irgend etwas besprechen zu wollen. Wann kommen Sie an?“

„Am Elften um 0.30 Uhr aus Zürich“, antwortete ich einsilbig.

Immerhin versprach Rondorf, mich abholen zu lassen.

„Ich werde einen Fahrer zum Flughafen schicken, der Sie zum Hotel bringt. Alles Weitere klären wir dann, wenn Sie ausgeschlafen haben.“

Ich traute meinen Ohren nicht, als es in der Leitung klickte, weil Rondorf ohne ein Abschiedswort eingehängt hatte. Ich musste verrückt sein, freiwillig die Harmonie meiner ruhigen Berliner Redaktion gegen die Zusammenarbeit mit diesem rüpelhaften Einzelgänger einzutauschen.

Im Flugzeug von Zürich nach Delhi schlief ich die meiste Zeit und erwachte erst wieder, als wir bereits im Dunkeln in einer neuen Zeitzone über Pakistan flogen. Bis Delhi hatten wir noch mehr als eine Stunde Flugzeit. Ich blickte angestrengt aus dem Fenster zu meiner Rechten und ließ mich von den Lichtern einzelner Städte und unzähligen Feuern, die die öde Wüstenlandschaft unter uns erhellten, in die Welt meiner Phantasie entführen. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich im Orient. Ich fühlte mich wie ein neugieriges Kind auf Entdeckungsreise – aufgeregt und voller Begeisterung. Alles, was auf mich zukam, war neu und spannend. Ein angenehmer Schauer lief durch meinen Körper, und ich drückte meine Nase an die Scheibe des vereisten Fensters, um besser sehen zu können. Mit einem Mal verstand ich kaum noch, warum ich auch nur einen Moment lang gezögert hatte, mich für Indien zu entscheiden.

Dann ging alles sehr schnell. Nach einer halben Stunde flogen wir bereits über die Vororte der indischen Hauptstadt. Gelbliche Straßenlaternen verbreiteten ein gespenstisches Licht, das in Schleiern bis in unsere sich stetig verringernde Flughöhe drang. Auch hier waren überall brennende Feuer zu sehen. Unter mir pulsierte das Leben. Das also war Indien!

Kurz nach der Landung wurde die Klimaanlage im Flugzeug abgestellt, und als die Türen aufschwangen, schlug mir ein Schwall feuchtwarmer Luft und ein starker, fast beißender Geruch nach verbranntem Holz entgegen. Ich saß in einer der vordersten Reihen und wurde von den hinausdrängenden Passagieren mitgerissen, sobald ich den Mittelgang betreten hatte. Das Flughafengebäude war moderner und sauberer als ich erwartet hatte. Ein neuer Geruch nahm mir kurze Zeit den Atem: Mottenpulver oder Desinfektionsmittel? Ich versuchte, langsam und tief durchzuatmen, bis es mir ohne Husten gelang, die fast pulverige Luft in mich aufzunehmen.

Inzwischen befand ich mich, dem Strom folgend, auf dem Weg zur Passkontrolle im Erdgeschoss. Vor den Schaltern, hinter denen Beamte der Einreisebehörde in abgewetzten Uniformen saßen, hatten sich bereits endlos lange Schlangen gebildet. Ich machte mich auf stundenlanges Warten gefasst und betrachtete die Menschen um mich herum. Hier entdeckte ich eine junge Frau in einem blauen Sari, die ihr höchstens drei Monate altes Baby auf dem Arm wiegte und dabei vor sich hin summte. Vor mir wartete ein Sikh mit weißem Turban und dichtem schwarzem Vollbart. Links neben mir entdeckte ich einen indischen Geschäftsmann im maßgeschneiderten Anzug, direkt neben einer bunt gemischten Gruppe junger deutscher Rucksacktouristen. Meine ersten Eindrücke hätten nicht widersprüchlicher sein können. Hier aufgeregte Touristen auf der Suche nach mystischen Erlebnissen im spirituellen Indien, dort Inder, die gelassen warteten und mich mit ihrer unbekümmerten Ruhe ansteckten. Durch das neutrale Beobachten meiner Umgebung gewann ich Distanz zu meinen eigenen Gedanken und Gefühlen und erkannte plötzlich ganz deutlich, dass ich aus reiner Trägheit und Feigheit fast bereit gewesen wäre, die Bequemlichkeit und Sicherheit meines eingespielten Berliner Lebens dem Neuen und Ungewissen vorzuziehen, das mich hier erwartete.

Das Leben hatte es mir immer leicht gemacht. Es war ein sehr angenehmes Leben gewesen, aber leider auch ein geradliniges, vorprogrammiertes, stets berechenbares. Ich war als behütetes einziges Kind wohlhabender Eltern aufgewachsen. Mein Großvater hatte eine Reederei in Bremen besessen und war vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in die USA ausgewandert, um der Nazi-Herrschaft zu entgehen. Politik war ihm von jeher ein Dorn im Auge gewesen. Als „reine Zeitverschwendung“ hatte er sie bezeichnet, bis ihm die Umstände eine politische Stellungnahme abverlangten. Er wählte die Emigration ins feindliche Ausland. Einzig die Tatsache, dass Friedrich von Teubner loyale Freunde in hohen Positionen hatte, ermöglichte es ihm, sein Vermögen und die Reederei über die Kriegsjahre hinwegzuretten, wenn auch mit Rüstungsaufträgen.

Zwischen 1940 und 1945 gründete mein Großvater eine zweite Reederei in Boston, die bald noch mehr Gewinn abwarf als die deutsche Muttergesellschaft. Nach dem Krieg beschloss er, in Boston zu bleiben, schickte aber seine beiden im Exil geborenen Söhne – meinen Vater Karl und seinen Bruder Frank – auf ein deutsches Internat. Zu diesem Zeitpunkt war das Leben der beiden Söhne bereits verplant. Jeder sollte später eine der Reedereien übernehmen – eine Entscheidung, die mit dem Einverständnis der Jungen getroffen worden war. Frank würde die Reederei in Boston bekommen, Karl die Werft in Bremen. Und so geschah es, als Großvater 1960 starb.

1964 heiratete mein Vater, und fünf Jahre später wurde ich geboren. Meine Eltern hielten eine fundierte Schulbildung für die beste Mitgift, die sie ihrer Tochter geben konnten. Daher schickten sie mich, sobald ich alt genug war, auf ein Schweizer Internat. Von da an war ich nur noch selten zu Hause in Bremen. Früh hatte ich – sehr zur Freude meines konservativen Vaters – meinen Traumberuf gewählt: Journalistin. Natürlich ließ er es sich nicht nehmen, mir die besten Ausbildungsplätze zu vermitteln: zuerst ein Volontariat bei einer bekannten Hamburger Tageszeitung und anschließend zwei Jahre auf einer Journalistenschule in West-Berlin. Später arbeitete ich kurze Zeit als freie Journalistin und verbrachte anschließend drei Jahre an einer Bostoner Eliteuniversität, wo ich mit Auszeichnung abschloss.