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Amir Ahmad Nasr
Mein Islam. Bloggen für die Freiheit

Übersetzung ins Deutsche: Mike Kauschke
Lektorat: Ulrich Magin
Layout: Kerstin Fiebig [ad department | Bielefeld]
Umschlagabbildung: auf Grundlage des Fotos ‘Brass decorated Moroccan door’ [© ingimage.com]

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

IN ERINNERUNG AN ALLE
DIGITALEN AKTIVISTEN
UND FREIHEITSKÄMPFER
DES ARABISCHEN FRÜHLINGS,
DIE FÜR DIE FREIHEIT
IHR LEBEN GELASSEN HABEN.

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Inhalt

Hinweis für den Leser

Prolog

Teil 1: Die arrangierte Ehe

1. Das Schachbrett

2. Flucht in den Glauben

3. Warnsignale

4. Blogs, Abschaum und Ketzer

Teil 2: In Ungnade gefallen

5. Gespräche mit Klein Satan

6. Untreue

Teil 3: Die schmerzvolle Trennung

7. Wie sie wirklich ihre Unschuld verlor

8. Eine Affäre mit dem Atheismus

9. Die Entdeckung der dunklen Seite

Teil 4: Die chaotische Scheidung

10. Keine Gnade mehr

11. Einsamkeit

Teil 5: Die Versöhnung

12. Meine dreiäugige Schönheit

13. Tradition, Moderne und meine große Liebe

14. (R)evolution

15. Bruch und Erneuerung

Epilog

Danksagungen

Hinweis für den Leser

Liebe deutsche Leserinnen und Leser. Ich freue mich, Ihnen heute mit meinen Worten begegnen zu können – über Herkunftsländer und den Lauf der Zeit hinweg und vermittelt durch das Geschenk der Übersetzung. Zunächst möchte ich meinem Übersetzer Mike Kauschke und meinem deutschen Verlag für die Möglichkeit danken, neue Leser zu erreichen – insbesondere deutschsprachige Leser. Das freut mich aus verschiedenen Gründen. Welche Gründe das im Lichte der Ereignisse der letzten Zeit und in Bezug auf die Zukunft Deutschlands sind, werde ich hier für mich behalten und stattdessen die Geschichte meiner Geschichten – Mein Isl@m – für sich selbst sprechen lassen.

Obwohl der Inhalt dieses Buches tief philosophisch ist, wollte ich Ihnen als Leser und auch mir selbst ersparen, uns durch eine philosophische Abhandlung zu arbeiten. Deshalb habe ich mich entschlossen, Mein Isl@m in einem persönlichen Ton, wie in einem Gespräch, direkt aus dem Herzen zu schreiben. Ich habe sowohl für Menschen geschrieben, die sich mit diesen Themen noch nie beschäftigt haben, als auch für solche, die schon ausführliche, vielleicht auch wissenschaftliche Lektüre hinter sich haben.

Alles, was Sie nun lesen werden, basiert auf wahren Erlebnissen – die ich mittels Blog- und E-Mail-Archiven, relevanter Dokumente und aus meiner besten Erinnerung rekonstruiert habe. Die Namen und Nationalitäten einiger Charaktere habe ich geändert, um ihre Privatsphäre zu wahren. Die zitierten Dialoge wurden entweder wörtlich aus Online-Archiven übernommen und leicht grammatikalisch bearbeitet oder aus der Erinnerung wiedergegeben. Die Schreibweise arabischer Wörter habe ich möglichst einfach belassen. Für die Koranzitate habe ich im englischen Text die Übersetzung von Yusuf Ali verwendet, im Deutschen wurde die Übersetzung von Adel Theodor Khoury herangezogen.

Prolog

Er gab ihr eine Ohrfeige. Es war ein harter, lauter Schlag. Selbst der Fernseher schien davon zu zittern. Der Film hatte seinen Höhepunkt erreicht und ich war unbemerkt ins Wohnzimmer geschlichen.

„Warum hat er sie geschlagen?“, fragte ich meine Mutter.

„Pst, jetzt nicht“, antwortete sie, ihre Augen hingen wie gebannt am Bildschirm.

Ich mochte es nicht, wenn ich ignoriert wurde. „Was ist passiert? Was hat sie getan?“ Ich bestand auf einer Antwort.

„Nein, jetzt nicht!“, antwortete Mama kurz und schien genervt von meiner Hartnäckigkeit.

Die Frau fiel zu Boden und brach in Tränen aus. Der Mann, der sie geschlagen hatte, war immer noch wütend, stand vor ihr und schrie sie an: „Du bist geschieden. Geschieden. Geschieden!“

Die Worte kamen mit Macht aus seinem Mund, deutlich und voller Wut. Ich wollte nicht riskieren, von meiner Mutter eine ähnliche Antwort zu bekommen, aber ich konnte nicht widerstehen. „Warum hat er es drei Mal gesagt? Was ist da los, Mama?“

„Wie oft muss ich dir noch sagen: Jetzt nicht!“, rief Mama, sie hatte meine Anwesenheit wohl noch nicht vollkommen registriert.

„Sagst du es mir später?“, fragte ich auf der verzweifelten Suche nach der Lösung dieses Rätsels.

„Kahlas, ja gut, mache ich“, beruhigte sie mich.

Meine Mutter sah sich weiter die ägyptische Fernsehserie an und ich musste meinen sechs Jahre alten Verstand ablenken. Ich versuchte, mir die Zeit zu vertreiben, aber weder meine Michael-Jackson-Kassette noch die Ninja-Turtle-Actionfiguren oder die Superheldenfantasien, denen ich gern nachhing, konnten mich auf andere Gedanken bringen. Nach einer gefühlten Ewigkeit bemerkte ich Bewegung außerhalb meines Zimmers. Die Fernsehserie war vorbei und meine Mutter aufgestanden. Ich rannte aus dem Zimmer, um die ersehnte Antwort zu bekommen. „Sagst du mir jetzt, was da passiert ist? Warum hat er sie geschlagen? Und welches Wort hat er drei Mal wiederholt?“

„Er war wütend auf seine Frau und hat sie verstoßen“, antwortete sie schließlich.

Aber das stellte mich noch nicht zufrieden. „Warum ist er wütend geworden? Was hat sie getan?“, fragte ich weiter.

„Später, Amir, später“, antwortete Mama.

Später – viele Jahre später – konnte ich besser verstehen, was in dieser unvergesslichen Szene geschehen war.

Allgemein gesprochen kann sich ein Mann in der islamischen Tradition bis zu drei Mal von seiner Frau scheiden lassen. Danach wird es sehr schwer, eigentlich unmöglich, sie wieder zu heiraten. Wenn in der Ehe etwas schiefläuft, es aber die Möglichkeit einer Versöhnung gibt, kann der Ehemann einmal zu seiner Ehefrau sagen: „Du bist geschieden.“ Dadurch bleibt der Weg für einen Sinneswandel offen. Selbst wenn er die Ankündigung wütend oder enttäuscht zwei Mal ausspricht, ist nicht alle Hoffnung verloren.

Nur sehr zerrüttete und nicht mehr zu rettende Ehen enden in einer Scheidung, die drei Mal ausgesprochen wird – und in einer Explosion von Schmerz und Wut, wie sie in der ägyptischen Fernsehserie gezeigt wurde.

Im Laufe der Jahre habe ich mich oft an diese Szene erinnert und über meine unbeantworteten Fragen nachgedacht. Was hatte die Frau getan, dass sie es verdiente, durch drei so wütende Ausrufe geschieden zu werden? Hatte ihr Ehemann sie einmal geliebt, und wenn ja, was hatte sich verändert? Und warum um Gottes willen musste er sie schlagen?

Aber eines Tages konnte ich es zumindest teilweise nachvollziehen. Ich selbst spürte diese Wut, den brennenden Schmerz, wenn man von jemandem betrogen wird, den man bedingungslos liebt. Auch ich wollte die Beziehung mit einer derart absoluten Endgültigkeit beenden. Aber was ich liebte, war keine Frau. Es war mein Glaube.

Als ich aufwuchs, liebte ich meine Science-Fiction-Cartoons. Ich liebte meine Spielzeuge. Ich liebte meine Legosteine. Diese Liebe wurde besonders brennend, wenn sich meine kreative Vorstellungskraft frei und in ihrer ganzen Herrlichkeit entfalten konnte. Aber mehr als alles andere liebte ich den Islam.

Damals wusste ich noch nicht, dass er mir einmal das Herz brechen würde.

Als Kind liebte ich einige Zeit lang einen wunderschönen, spirituell befreienden, mystischen Islam. Später lernte ich einen anderen Islam kennen, der aber eng damit verknüpft war. Er befahl mir, an bestimmten Glaubenssätzen festzuhalten, weil ich sonst für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren würde. Und er stellte eine hohe, beengende Mauer zwischen mich und die magische Neugier und das freie imaginative Denken, das ich als Kind so liebte.

Diesen Islam mochte ich nicht. Er war gemein. Ich fühlte mich nicht gut damit, aber dieser Islam war so eng verwoben mit dem Islam, den ich verehrte und liebte, dass ich sie irgendwann nicht mehr auseinanderhalten konnte.

Deshalb begann ich, an diesen Islam zu glauben, ohne ihn zu hinterfragen. Wie ein junger Mann, der in eine arrangierte Ehe mit einer Fremden gezwungen wird, die er aus Angst, andernfalls seine Familie zu betrügen, akzeptiert, gab ich mich meinem Glauben hin. Ich betete, ging in die Moschee – und wenn Zweifel aufkamen, kehrte ich sie unter den Teppich.

Ich lernte lange Passagen aus dem Koran auswendig, nahm an nationalen Koran-Rezitationswettbewerben teil, gewann und kam in die Zeitung. Ich hörte meinen bärtigen Lehrern zu, vertraute ihnen und folgte ihren Anweisungen. Nichtmuslime erschienen mir verdächtig. Ich hasste Juden und den Säkularismus, die Demokratie schien mir zweifelhaft. Gegenüber dem Westen und seiner führenden Macht, dem „Großen Satan“, den Vereinigten Staaten von Amerika, empfand ich eine Hassliebe.

Auf dem Höhepunkt meiner dschihadistischen Euphorie wollte ich als Märtyrer für den Islam und das besetzte Palästina sterben.

Da war ich elf Jahre alt.

Was danach folgte, wird Sie hoffentlich nicht nur überraschen, sondern auch inspirieren, verschiedene Formen von Religion in einem neuen und differenzierten Licht zu sehen. Ich erzähle Geschichten über die verzaubernde Melodie der Gebetsrufe, ein französisches Mädchen namens Doubt, antimuslimische Eiferer, fünf Säulen und einen Teddybären, ein sexy Bauchnabelpiercing, eine beseelte dreiäugige Schönheit mit dem Spitznamen Trinity, amerikanische Bomben im freien Fall auf eine Medikamentenfabrik und einen Blog, der mein Leben auf den Kopf stellte.

Dieses Buch erzählt meine Geschichte. Es ist zum Teil eine Autobiografie, zum Teil aber auch ein Manifest für die Freiheit. Ich erzähle über meine Beziehung zum Islam und seinen Glaubenshütern. Und ich berichte über meinen Weg von der arrangierten Ehe zur Untreue ohne Aussicht auf Versöhnung … und zurück.

Dieses Buch erörtert auch die Macht, die in Blogs und im Internet liegt. Ich erzähle, wie sie die diktatorischen Systeme mit ihrer Politik der Unwissenheit herausforderten und wie eine neue Politik des Wissens entstand, die dazu beitrug, den sogenannten Arabischen Frühling auszulösen und zu tragen. In diesem Buch geht es um den Mut, der Stimme des eigenen Gewissens zu folgen, Gleichgesinnte zu finden und etwas zu tun, um die Welt zu verändern. Ich erzähle von der Suche nach Identität, Sinn und letztendlich auch Wahrheit.

Wenn Sie eine schwierige Beziehung zur Religion haben oder sich sehr dafür interessieren, dann habe ich dieses Buch für Sie geschrieben. Wenn Sie den brennenden Wunsch spüren, sich für Freiheit, Menschenwürde und Gerechtigkeit auf unserem immer kleiner werdenden Planeten einzusetzen, dann ist dieses Buch für Sie. Wenn Ihnen persönliche und kulturelle Transformation wichtig sind und Sie selbst daran mitwirken wollen, dann sind diese Zeilen für Sie.

Wenn Sie heftig reagieren, wenn man Ihre Glaubenssätze herausfordert, dann ist dieses Buch wahrscheinlich nichts für Sie.

Und schließlich ist dieses Buch für all jene, denen die unmittelbare Erfahrung wichtig ist und die leidenschaftlich davon überzeugt sind, dass sich Gott nicht auf Worte in einer Schrift reduzieren lässt, sondern stattdessen frei in Liebe und Ekstase und ohne Zwang erfahren, ausgedrückt und verehrt werden sollte.

TEIL 1

DIE ARRANGIERTE EHE

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1. Das Schachbrett

„Veröffentlichen.“

Auf diesen Button hatte ich schon mehr als tausend Mal geklickt, aber dieses Mal zögerte ich. Es war nicht nur ein weiterer Blogeintrag. Ich hielt einige Sekunden inne, aber ich wusste, dass ich es tun musste.

„Wollen Sie noch etwas?“, fragte die gutaussehende norwegische Kellnerin in perfektem amerikanischem Englisch. „Danke, nein“, antwortete ich, ohne vom Bildschirm meines MacBook Pro aufzusehen. Auf der Administratorenseite meines WordPress-Blogs stand ich vor einer aufregenden, aber etwas furchterregenden Klippe, über die ich gleich springen würde.

Ich war nach Norwegen gereist, wo ich neben Nobelpreisträgern und ehemaligen Präsidenten beim Oslo Freedom Forum 2012 zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Der Aufgang einer neuen arabischen Welt“ eingeladen war. Fast vier Monate waren seit dem ägyptischen Aufstand mit seinem Markenzeichen „#Jan25“ vergangen, eine Woche zuvor war Osama bin Laden erschossen worden. Die Welt, in der ich lebte, hatte sich dramatisch verändert, und da saß ich und wollte nun auch meine Welt für immer verändern.

„Veröffentlichen.“

Ich atmete tief durch und klickte auf den Button. Damit hatte ich das Update meiner Blogseite bestätigt und lüftete den Schleier der Anonymität, unter dem ich so lange Schutz gefunden hatte. Da stand es, schwarz auf weiß, und jeder konnte es lesen: „Mein Name ist Ahmad. Amir Ahmad, den ihr seit fünf Jahren als Drima kennt. Ich bin der Blogger hinter ‚The Sudanese Thinker‘ …“

Ich war augenblicklich erleichtert. Die Anonymität, die mir einmal so viel Freiheit gegeben hatte – die Freiheit, die religiösen Dogmen meiner Kindheit zu hinterfragen, mich dem Atheismus zuzuwenden, mich mit Juden in Israel und einer amerikanischen Soldatin in Bagdad zu unterhalten und sogar Online-Foren von Dschihadisten zu infiltrieren –, war in den letzten Jahren zu einer Zwangsjacke geworden. Ich spürte eine neue Freiheit, trotz der Bedenken, die mich manchmal überkamen und die ich zu ignorieren versuchte: „Welche E-Mails werde ich von den Bloglesern bekommen, die mich hassen? Werde ich wieder Morddrohungen erhalten? Wird mir die sudanesische Regierung Schwierigkeiten machen?“ Ich stellte mir diese Fragen mit einem Lächeln, während ich durch Oslos windige Straßen zum 130 Jahre alten Grand Hotel zurückschlenderte. Die Bedenken konnten mir wenig anhaben. Die Angst, mit der ich wie Millionen anderer arabischer Jugendlicher aufgewachsen war, hatte ihre Wirkung verloren. Und angesichts der Aufstände, die die arabische Welt bewegten, wusste ich, dass sich etwas grundlegend verändert hatte. Wir hatten endlich unsere Stimme gefunden – und die Mittel, durch die wir sie leidenschaftlich, machtvoll und mit tiefer Überzeugung zum Ausdruck bringen konnten.

Diese Welle des Wandels hatte mich nach Norwegen gebracht. Die Podiumsdiskussion, an der ich als Redner teilnahm, sollte von Wael Ghonim eröffnet werden, dem Geschäftsführer von Google in Ägypten. Er hatte mit einem emotionalen Fernsehinterview dazu beigetragen, die Jugend seiner Nation zur Revolution zu bewegen. Auf der Bühne sollten neben mir noch drei weitere Aktivisten und Blogger sprechen: Ghaze Gheblawi aus Libyen, Lina Ben Mhenni aus Tunesien und Maryam al-Khawaja, ein Mädchen aus Bahrain, dem ich am Vorabend in der Hotellobby begegnet war.

„Salam, Maryam, richtig?“ Ich grüßte sie, als ich ihr Gesicht wiedererkannte, das ich in einem CNN-Interview gesehen hatte. Ich wusste nicht, ob sie meine ausgestreckte Hand nehmen würde, aber sie tat es. Im Wissen um ihre schreckliche Geschichte wollte ich ihr Trost spenden. „Es tut mir sehr leid, was deine Familie in Bahrain erleiden muss. Ich hoffe, dein Vater wird bald aus dem Gefängnis entlassen.“

Aber sie brauchte keinen Zuspruch. Maryam war von ihrer Sache überzeugt und sehr humorvoll. „Er wurde zusammengeschlagen und schrecklich gefoltert, aber sein Geist ist stark“, sagte sie mit einem leisen Lachen. „Meine Mutter konnte ihn endlich besuchen. Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt. Es ist nicht das erste Mal, dass sie ihn einsperren. Er war immer ein mutiger und dickköpfiger Menschenrechtsaktivist.“

Als ich hörte, wie Maryam das Leid ihres Vaters beschrieb, dachte ich wieder an meinen Blogeintrag, den ich gerade erst veröffentlicht hatte. Da waren meine Bedenken wieder. Was wäre, wenn ich verfolgt würde oder jemand meine Familie bedrohte? Könnte ich den Schlägen und der Folter standhalten? Würden sie mich brechen können? Ich wusste es nicht. Aber ich wusste, dass es nun kein Zurück mehr gab. Und ich war froh darüber. Es schien, dass mein ganzes Leben auf diesen Moment zugelaufen war, in dem ich zum ersten Mal ich selbst sein konnte.

Ich erblickte das Licht der Welt im August 1986 in der staubigen Stadt Khartum, der Hauptstadt des Sudan. Mein Heimatland ist eine nordafrikanische arabische Nation, die bis heute unter einer afroarabischen Identitätskrise leidet. Khartum liegt am Zusammenfluss des Weißen und Blauen Nil, die zusammen durch den Norden Sudans und Ägypten weiterfließen und schließlich im Mittelmeer münden.

Schon bald nach meiner Geburt verließ ich mein Heimatland und zog mit meiner Familie in den nahegelegenen kleinen Golfstaat Katar auf der arabischen Halbinsel, der durch seine Ölvorkommen reich geworden war. Im Jahre 1992 wurde ich dort eingeschult. Die Situation in der arabischen Welt war um einiges ruhiger als noch ein Jahr zuvor, als Saddam Hussein das nahegelegene Kuwait überfallen und es in den Irak eingegliedert hatte. Auch Katar war bedroht, aber glücklicherweise kamen die amerikanischen und alliierten Truppen noch gerade rechtzeitig und bombten Husseins Armee zum Rückzug, bevor sie uns erreichen konnte. Sonst hätten wir wahrscheinlich in den Sudan zurückgehen müssen und ich wäre dort in die Schule gegangen. Aber Katar blieb die Kulisse für die Jahre meiner Kindheit.

Diese Kindheit verlief durchschnittlich, gemessen am komfortablen Lebensstandard in Katar. Ich erinnere mich, dass mein Vater jeden Tag in einem seiner vielen Anzüge und Krawatten von der Arbeit heimkam, mit der aktuellen katarischen Zeitung unterm Arm und seiner schwarzen, metallenen Aktentasche in der Hand. Er hatte eine sichere, gut bezahlte Stelle als Forschungsberater, deshalb konnten wir zehn Jahre lang in einer großen Villa leben.

„Na, wie war es in der Schule? Was haben sie dir beigebracht?“, fragte mein Vater, nachdem er mich umarmt und geküsst hatte.

„Wir haben sehr viele Dinge gelernt! Wie man Zahlen zusammenrechnet, Zeichnen und Malen und wie man betet – viele Dinge, Baba!“, antwortete ich voller Enthusiasmus.

Im Büro hieß Baba nur „Doktor Ahmad“. Der Grund dafür war nicht, dass er Patienten behandelte. Er hatte einen Doktortitel in Ethnologie mit dem Spezialgebiet „Mündliche Überlieferung“, den er mehr als zehn Jahre zuvor von der University of Wisconsin–Madison erhalten hatte. Dort hatte er auch Arabisch gelehrt.

„Mein Sohn, als ich klein war, habe ich viel gelernt, deshalb konnte ich die Universität von Khartum als einer der Besten abschließen. So bekam ich mein Stipendium und konnte mein Studium in den USA beenden“, sagte er mir öfter, als ich zählen kann. „Deshalb musst auch du viel lernen und in der Schule gut sein. Wenn du im Leben etwas erreichen willst, musst du viele Bücher lesen und dich bilden. Der Islam fordert uns auf, nach Wissen zu suchen, zu denken und zu wachsen.“

„Hör auf deinen Vater“, half meine Mutter, die meine kindliche Ungeduld spürte, weil mir schon wieder eine Predigt gehalten wurde. Dann erzählten sie beide Geschichten darüber, wie wunderbar es in Wisconsin gewesen war und dass sie mit einigen ihrer amerikanischen Freunde, die sie dort kennengelernt hatten, noch Kontakt hielten. Es war eine Szene, die sich oft wiederholte.

Einige Augenblicke später versammelte sich die ganze Familie am Küchentisch zum meist späten Mittagessen, während meine kleine Schwester, die erst ein Jahr alt war, im Nebenraum schlief. Ich hatte Hunger und stürzte mich gleich auf meinen Teller. „Amir, hast du vorher bismillah gebetet?“, fragte Baba. Ich war still. „Denke beim nächsten Mal daran, damit deine Mahlzeit gesegnet ist. Du musst Gott dankbar sein für das, was du hast. Lerne, es wertzuschätzen“, belehrte er mich sanft. Dann meldete sich einer meiner älteren Brüder zu Wort und regte sich über meine Essmanieren auf. „Lehren sie euch in der Schule nicht die islamische Hygiene? Versuche immer, nur mit der rechten Hand zu essen. Die linke Hand ist für schmutzige Tätigkeiten, wenn du damit isst, wird der Satan mit dir essen“, warnte er mich. „Er kommt dann während des Essens zu dir.“

Ich versuchte mir vorzustellen, wie das wäre. Wie sah der Teufel aus? War er ein großes rotes Ungeheuer mit Hörnern, wie ich es aus Cartoons kannte? Nach allem, was ich gehört hatte, musste Satan ziemlich mächtig sein. Warum sollte er dann etwas essen? Immerhin ist er doch gar kein Mensch. Er besteht aus Feuer. Würde ihm Mamas Essen schmecken? Hat der Teufel überhaupt Geschmacksnerven?

Nach dem Mittagessen folgte ich meinem Vater ins Obergeschoss in das große Schlafzimmer und blätterte in der Zeitung, die neben ihm auf dem Bett lag. In den nächsten Jahren wurde das fast zum täglichen Ritual. Es half mir, die Langeweile zu vertreiben.

In der Zeitung waren Fotos abgedruckt, die die schrecklichen Dinge zeigten, die Menschen überall auf der Welt erleiden mussten. Ich las darin und versuchte, so viel wie möglich zu verstehen. Wenn ich etwas nicht verstand, fragte ich Baba. Manchmal ging ich ihm mit meinen vielen Fragen auf die Nerven, besonders wenn er sehr müde war und früher als sonst seinen gewohnten Mittagsschlaf machen wollte.

Eines Tages fragte ich, als er gähnte: „Baba, wer macht diese Zeitung?“

„Die? Du meinst, wer sie herausbringt? Sie ist zensiert, mein Sohn. Was darin steht, ist Unsinn, nur leere Worte!“

„Was meinst du mit ‚Unsinn‘, Baba? Du liest sie jeden Tag!“, bemerkte ich verwirrt und ratlos.

„Naja, was soll ich sonst lesen? Ich möchte zumindest eine Ahnung davon haben, was in der Welt geschieht“, antwortete er mit schwerer, frustrierter Stimme.

„Aber was meinst du mit ‚Unsinn‘?“, hakte ich nach.

„Khalas, genug, Amir. Später. Ich möchte jetzt schlafen. Ich bin müde. Geh und mach deine Hausaufgaben.“

Meine Hausaufgaben bestanden aus uninteressanten Lernaufgaben, die meine Langeweile nur noch verstärken. Entweder musste ich etwas auswendig lernen oder ganze Absätze aus meinem arabischen Schulbuch in mein Übungsbuch schreiben. Die arabischen Schulbücher, mit denen ich lernte, enthielten viele Geschichten, die das Goldene Zeitalter des Islam verherrlichten, das etwa im achten Jahrhundert begann und nach fünf Jahrhunderten sein bitter beklagtes Ende fand. Schuld an diesem Zusammenbruch waren, so sagte man uns, die moralische Dekadenz der Muslime und die Feinde des Islam und der Araber. Ich hasste die Hausaufgaben, aber als Schüler war es uns nicht erlaubt, die Weisheit und Anweisungen unserer Lehrer in Frage zu stellen. Das galt als sehr unhöflich und respektlos.

Am Abend wachte mein Vater vor dem Sonnenuntergang aus seinem Nickerchen auf und ging in die Moschee in der Nachbarschaft, um das Gebet zum Sonnenuntergang zu sprechen. Nach dem Gebet schlürfte Baba seinen Chai, den Mama ihm zubereitet hatte, und sah die Abendnachrichten im nationalen arabischen Fernsehkanal von Katar. Er mochte diesen Sender lieber als den katarischen Fernsehsender, der in Englisch sendete. Mehr Fernsehkanäle gab es bei uns zuhause nicht. Als einige Jahre später das Kabelfernsehen kam, blieb Baba bei diesen beiden Kanälen. Ich hörte einmal mit an, wie er das Thema mit Mama diskutierte. Ich konnte nur Teile des Gesprächs hören: „Nackte Frauen … Kussszenen … Er lässt seine Kinder Baywatch schauen. … Schmutzige Musik … Wenn sie so etwas sehen würden … Eine Schande.“

Bis zum Abend war ich von meinen Actionfiguren gelangweilt und hatte keine Majid-Kindercomics mehr, die ich lesen oder zum wiederholten Male lesen konnte. Um mir die Zeit zu vertreiben, sah ich mir oft mit meinen Eltern die Nachrichten an und versuchte zu begreifen, was ich sah. Viele Tagesnachrichten verschwanden wieder so schnell, wie sie aufgetaucht waren. Aber andere blieben wochen- oder monatelang im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Niemals vergesse ich die Bilder von Tod und Zerstörung, die während der ersten palästinensischen Intifada ununterbrochen ausgestrahlt wurden.

„Der zionistische Feind hat siebzehn unschuldige Zivilisten getötet und dreiundzwanzig verwundet.“

„Diese verfluchten, dreckigen Mörder! Schau dir das an! Schau dir an, wie sie Unschuldige ermorden. Schau dir an, wie sie die Häuser zerstören!“

Nichts in den Nachrichten schien meine Eltern wütender zu machen als das, was Israel den Palästinensern antat. Es war schrecklich. Kleine Kinder in meinem Alter starben durch Bomben und Kugeln von Israelis. Das Schlimmste dabei war, dass sich die Geschichten nicht veränderten. Es schien, als ob Israel wild entschlossen wäre, so viele Palästinenser wie möglich zu töten.

„Baba, was ist passiert? Warum weint sie?“, fragte ich, um die Szene zu verstehen, die ich im Fernseher sah.

„Moment! Ich will das sehen, Amir“, antwortete mein Vater. Enttäuscht wandte ich mich an meine Mutter und zog an ihrem Arm, in der Hoffnung, dass sie mir antworten werde.

„Sie haben ihren Sohn getötet. Verstehst du? Lass uns nun weiter die Nachrichten schauen. Amir, bitte warte noch einen Moment.“

Es gab Tage, da hasste ich die Nachrichten, weil sie Mama und Baba so launisch und unglücklich machten. „Die Zeiten ändern sich, mein Sohn, es gibt keine Barmherzigkeit mehr auf dieser Welt!“, rief meine Mutter oft nach einer starken Dosis schrecklicher Meldungen. Dann ging sie zum Telefon und unterhielt sich mit einer Freundin oder bereitete das Abendessen vor. Mein Vater verließ Haus, um das letzte der fünf Gebete des Tages zu sprechen.

Eines späten Abends setzte sich mein Vater mit mir und meinem großen Bruder zusammen. Es war klar, dass er uns etwas Wichtiges sagen wollte. Ich war acht Jahre alt.

„Hört zu, Jungs, ihr seid jetzt beide erwachsen, und schon bald werdet ihr Männer sein und einen Bart tragen. Ihr seid keine Kinder mehr. Stimmt’s?“, fragte er uns. Wir nickten etwas zögernd. Wir spürten, dass es da irgendwo einen Haken gab.

„Gut, dann will ich mit euch wie mit Erwachsenen reden. Hört gut zu, was ich euch jetzt sagen werde, meine Söhne. Als Gott uns schuf …“

„Wunderbar“, dachte ich, „eine Predigt.“

„ … bat er uns, bestimmte Dinge zu tun. Eines davon ist, dass wir die fünf Gebete des Tages sprechen. Das ist der eigentliche Grund, warum Er uns geschaffen hat. Er hat uns geschaffen, damit wir Ihn verehren können. Das ist zwar keine Pflicht für Kinder, wohl aber für Erwachsene.“

„Aber warum müssen wir Ihn verehren, Baba? Was ist, wenn wir es nicht tun?“, fragte ich. Obwohl ich in der Schule gelernt hatte, welche Abfolge bei einem Gebet zu beachten ist, fragte ich mich immer, was die Gründe dafür waren.

„Du verehrst und preist Gott, weil du so deine Dankbarkeit für alles zeigst, was er dir gegeben hat. Wenn du nicht betest, wird dich Gott beim Jüngsten Gericht fragen, warum du es nicht getan hast. Was wirst du sagen? Dass du zu faul warst? Das ist keine gute Entschuldigung. Willst du sagen, dass du es vergessen hast? Das ist aber auch keine gute Entschuldigung.

Gott mag keine Lügner und er wird dich auch zu deinen Handlungen und Taten befragen. All deine guten Taten werden von einem Engel an deiner rechten Seite gesammelt und die schlechten Taten von einem Engel auf deiner linken Seite. Sie sehen alles, was du tust. Alles. Und wenn du beim Jüngsten Gericht an der Reihe bist, dann werden die Engel deine Taten auf einer Waage wiegen.“

Papa hielt einen Atemzug inne und schaute in unsere stillen Gesichter.

„Die guten Taten werden auf der rechten Seite gewogen und die schlechten Taten auf der linken. Wenn die rechte Seite schwerer wiegt, kommst du in den Himmel und wirst für all deine guten Taten belohnt. Wenn die linke Waagschale schwerer ist als die rechte, dann sieht es nicht gut aus für dich. Gott wirft die Sünder in die Hölle, wo sie für ihre bösen Taten büßen müssen. Meine Söhne, von heute an müsst ihr genau beachten, was ihr tut.

Lügt nicht. Stehlt nicht. Behandelt andere nicht herablassend. Seid nicht faul. Seid nicht neidisch. Hört auf eure Eltern. Verpasst nicht die fünf Gebete des Tages.“ Baba schaute ernst. „Ihr seid nun keine Kinder mehr und seid für alle eure Taten verantwortlich. Verstanden?“

Mein Bruder sprach als Erster. „Was passiert, wenn jemand beim Jüngsten Gericht vor den Richter kommt und beide Seiten genau gleich viel wiegen.“

„Allah vergibt ihm und er kommt in den Himmel“, beruhigte ihn mein Vater.

Mein Bruder suchte nach Schlupflöchern und ich machte mir langsam ernsthafte Sorgen. „Baba, wie kann ich sichergehen, dass beim Jüngsten Gericht bei mir die rechte Seite schwerer ist?“

„Folge einfach dem, was Gott dir sagt, und sei ein guter Mensch.“

„Aber was mache ich, wenn meine linke Seite trotzdem schwerer ist? Was ist, wenn meine guten Taten nicht ausreichen? Wie kann ich sicher sein? Was passiert dann mit mir? Werde ich mit all den bösen Menschen in die Hölle kommen?“

Baba spürte meine Angst und erklärte, dass ich mir wegen der Hölle keine Sorgen machen solle. Aber wie könnte ich nicht? Wäre das nicht riskant?

Mein Vater legte mir die Hand auf die Schulter. „Ich versuche, diese Dinge, die ich euch erkläre, so einfach wie möglich zu machen“, sagte er, „aber in Bezug auf das Beten gibt es etwas, das ich noch nicht erwähnt habe. Es ist al-nafs al-mutma’innah, das zufriedene oder beruhigte Selbst. Ihr solltet im Leben danach streben, euer Herz zu reinigen und durch die Praxis des hingebungsvollen Gebets diesen Geisteszustand zu erreichen. Das tut ihr, indem ihr nicht auf die Stimme von al-nafs al-ammaarah bissu‘, dem niederen, fleischlichen Selbst, hört. Das ist die Stimme, die euch dazu bringen will, Böses zu tun. Es ist das Flüstern des Satans. Dieser Stimme müsst ihr widerstehen. Wenn ihr euch auf sie einlässt, dann ermahnt euch al-nafs al-lawwama, das tadelnde Selbst. Das zufriedene und das fleischliche Selbst stehen immer in allen von uns miteinander im Streit. Das ist der Dschihad des Selbst, die höchste Form des Dschihad. Das Gebet hilft euch bei diesem Dschihad. Es bringt euch inneren Frieden. Wenn ihr ihn in eurem Leben sorgsam die Gebete befolgt, dann werdet ihr das zufriedene Selbst erreichen. Wenn ihr es erreicht habt, vereint sich nach dem Tod euer Geist im Himmel für alle Ewigkeit friedlich mit Gott.“

Das hörte sich schon besser an. Nach ein paar Minuten lief ich schnell zum Gebet.

Wenn ich über das Höllenfeuer nachdachte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich beneidete meinen älteren Bruder, weil er trotz Babas Warnungen entspannt blieb. Für mich jedoch war die Angst vor der Strafe einer der Gründe, warum ich so oft wie möglich betete. Aber letztendlich gab es noch einen Grund, aus dem ich die Gewohnheit des Betens beibehielt: Ich mochte es einfach. Das Beten wurde für mich eine beruhigende und tröstende Form der Meditation. Ich entdeckte, dass es nicht nur eine Abfolge von Hinknien und Aufstehen und eigentlich auch gar nicht anstrengend war.

Wenn ich das Gebet mit Ernsthaftigkeit, Liebe und Hingabe sprach, dann war es eine zutiefst ekstatische Erfahrung.

Nach einer Weile nahm ich Papas Einladung an, ihn manchmal in die Moschee in der Nachbarschaft zu begleiten.

Die Moschee war mit einem großen, widerhallenden Innenraum und einem jungen, charismatischen indischen Imam mit einer zauberhaften Stimme gesegnet. Sein melodischer Gebetsruf, der fünf Mal am Tag aus den Lautsprecher des Minaretts erklang, verzauberte mich und konnte meinen Geist so erheben, wie Aladins magischer Teppich die Prinzessin Jasmin bis in den Himmel hob. Der Imam konnte den Koran so schön rezitieren und „singen“, dass mein Geist in eine friedliche Welt hinübergetragen wurde, wo ich von all meinen Sorgen befreit war. Es war mein Traum, die Menschen so wie er berühren zu können.

Im Laufe der nächsten Monate fragte mich mein Vater immer wieder einmal: „Na, hast du heute schon gebetet?“

„Ja.“

„Alle Gebete des Tages?“

„Nein.“

Er reagierte immer ermutigend. „Gut. Mach dir keine Sorgen wegen der Gebete, die du verpasst hast. Du wirst dich nach und nach daran gewöhnen. Schon bald, insha’allah, wirst du alle fünf Gebete sprechen. Also, ich gehe jetzt in die Moschee. Möchtest du mitkommen?“

„Nein, heute nicht, Baba, ich möchte jetzt mit meinen Legos spielen“, antwortete ich und war immer noch sehr auf meine Spielzeuge fixiert.

„Okay, in Ordnung. Wie du willst.“

Wenn ich heute zurückblicke, bin ich froh und werde es immer sehr wertschätzen, dass mich Eltern erzogen, die mir die Religion nicht mit Gewalt aufzwangen. Sie erwähnten sie immer wieder. Sie legten sie mir nahe. Manchmal nutzten sie Schuldgefühle, um mich zum Handeln zu bringen, aber sie zwangen mich nie. Andere waren nicht so sanft und hatten für ihren Glauben und ihre Methoden offensichtlich die Unterstützung der heiligen Texte.

In der Schule erzählte uns zum Beispiel eine Lehrerin, dass es ein Wort des Propheten Mohammed gebe, das es angeblich gestatte Jungen zu schlagen, wenn sie nach ihrem achten Lebensalter nicht beten wollten. Nicht nur das, sie und andere Lehrer prügelten und schlugen uns immer wieder und manchmal sehr heftig, wenn wir rauften oder unaufmerksam waren.

Meine Eltern waren anderer Meinung, sie wollten mich nicht schlagen, wenn ich nicht betete. Aber noch wichtiger war, dass sie nach ihren Prinzipien lebten. Hier begann meine subtile Verwirrung.

Wer hatte recht? Wer lag falsch? Meine Lehrer oder meine Eltern? Ich wusste es nicht, deshalb blieb diese quälende Verwirrung bestehen, neben der unvermeidlichen Langeweile der Kindheit. Zumindest die Langeweile wurde durch eine neue, aufregende Quelle der Unterhaltung vertrieben.

Baba wollte zuhause kein Kabel- oder Satellitenfernsehen installieren lassen. Aber einer meiner Brüder fand eine innovative Lösung, mit der wir die Videos unserer Lieblingssänger auf MTV schauen konnten. Seine Freunde, Fans von MTV, die zu ihrem Glück einen Kabelanschluss hatten, nahmen die Videos auf VHS-Kassetten auf und wir betrachteten sie heimlich zuhause. Kein Wunder, dass Mama und Baba Kabelfernsehen für keine gute Idee hielten. Kaum bekleidete Frauen tanzten, schwangen ihre Hüften zu Sir Mix-A-Lots „I Like Big Butts And I Cannot Lie“. Körper bewegten sich aufreizend zur Musik. Es war der Hammer. Aber für mich gab es nichts, was an Videospiele herankam.

Damals war Atari bereits Geschichte. Und auch Nintendo Family. SEGA war der neue große Hit. Jedes Kind in der Stadt wollte es und ich hatte eines. Vor dem Tag, an dem Baba es mit uns kaufen ging, blieb ich die ganze Nacht wach und stellte mir vor, wie ich es in meinen Händen hielt. Nachdem wir es gekauft hatten, spielte ich stundenlang, bis Baba entscheid, dass wir nur freitags SEGA spielen durften. Aber manchmal machte er eine Ausnahme.

In Katar war der Freitag ein arbeits- und schulfreier Tag. Es war auch der Tag der Freitagsgebete und der nachfolgenden langen Predigten, die meist mit den gewohnten, manchmal aber auch sehr aufgebrachten Ausrufen und Bitten an Gott endeten. „Allahumma, vergib den Gläubigen, den Lebendigen wie den Toten. … Allahumma vergib den Gläubigen und zerstöre deine Feinde, die Feinde des Glaubens. … Allahumma, zerstöre die Juden und mache ihre Kinder zu Waisen. … Allahumma, zerstöre sie! Zerstöre sie! Zerstöre sie und bringe den Muslimen in Palästina den Sieg!“

„Amen!“, murmelten wir zusammen und standen zum Gebet auf.

Die Donnerstage waren ganz anders. Als wir in Katar lebten, besuchten wir am Donnerstag, dem letzten Arbeitstag der Woche, oft andere Sudanesen in Doha, oder sie kamen zu uns. Ganz gleich, wo wir uns trafen, es gab immer politische Diskussionen und viel Tee in der Ecke, wo die Männer saßen, und Klatsch und viel Tee in der Ecke, wo die Frauen saßen.

Waren gleichaltrige Kinder da, spielte ich mit ihnen. Wenn nicht, dann saß ich bei den Erwachsenen und lauschte ihren Gesprächen.

Ich kann noch immer ihre Stimmen hören und mich vage an ihre Gesichter erinnern.

„Ah, diese Amerikaner, sie sagen immer, sie wollen Frieden. Was für verfluchte Lügner. Wenn sie wirklich Frieden wollten, dann würden sie diese dreckigen Juden daran hindern, die Palästinenser zu töten, statt die Juden auch noch zu unterstützen“, sagte jemand in der Ecke der Männer.

„Das Problem sind nicht die Amerikaner. Das sind keine schlechten Menschen. Das wahre Übel ist ihre verdammte, korrupte Regierung!“, antwortete ein anderer wütend.

„Da wir bei Amerika sind, wir geht es deinem Ältesten, Omar? Willst du ihn immer noch nach Amerika zum Studieren schicken? Insha’allah, so Gott will, wird es gut für dich ausgehen. Wir wünschen dir alles Gute“, fügte eine dritte Stimme hinzu und wechselte das Thema der erhitzten Diskussion zu etwas Entspannterem.

Währenddessen drehten sich die Gespräche in der Ecke, wo die Frauen saßen, um andere Frauen. Manchmal besprachen sie die Hochzeitsvorbereitungen, die gerade getroffen wurden, wenn jemand für die Ferien im Sudan eine Heirat plante.

„Awadiyyas Tochter heiratet bald, insha’allah. Der Junge, mit dem sie verheiratet wird, ist der Schwager von Fatmas Neffen. Er ist, glaube ich, durch Abdalla mit dir verwandt, oder? Wie dem auch sei, wir werden im nächsten Monat bei unserem Urlaub im Sudan an ihrer Hochzeitsfeier teilnehmen! Wir sind schon ganz aufgeregt! Kommt auch!“

Moskitos. Fliegen. Sengende Hitze. Regelmäßige Stromausfälle. Unzählige Tanten und Onkel, die am Nachmittag miteinander diskutieren. Der Besuch im Sudan in den Ferien war der Zeitvertreib, der mir in meiner Kindheit am wenigsten gefiel. Aber aus Gründen, die ich damals nicht verstehen konnte, hielten meine Eltern jedes Jahr dieses Ritual ab, so als wäre es die sechste Säule des Islam.

„Pass auf, mein Junge: Der Sudan ist deine Heimat und eines Tages werden wir vielleicht für immer dahin zurückkehren!“, erklärte mir meine Mutter, als ich wieder einmal gefleht hatte, schon früher zurückzufliegen.

„Niemals“, rief ich, „ich gehe nie dahin zurück!“

Der Start des Flugzeugs war der Höhepunkt dieser Reisen.

Wenn wir die Wolken durchstießen und ich sah, wie sich die Häuser in ein blaues Nichts verwandelten, spürte ich die Gegenwart und Größe Gottes. Denn immerhin hob Gott den Himmel an, und das ganz ohne Säulen, damit wir bis in den Himmel schauen konnten.

Ich spürte immer ein Gefühl von Ehrfurcht, wenn ich so hoch oben im Himmel war, aber ich wollte noch mehr. „Mama, wenn das Flugzeug noch ein bisschen höher fliegt, kommen wir dann in den Weltraum?“, fragte ich.

„Nein, Amir, das Flugzeug kann nicht höher fliegen“, antwortete sie. Enttäuscht drückte ich mein Gesicht an das kleine Fenster und schaute nach oben, in der Hoffnung, andere Galaxien zu sehen, wie jene, die ich aus meinen japanischen Science-Fiction-Cartoons, die es auch in arabischer Übersetzung gab, kannte. Aber da war nichts.

Am Flughafen in Khartum wurden wir von Onkeln und Cousins aus der Familie meiner Mutter begrüßt. Als ich kleiner war, kam auch Großvater mit, aber als er älter wurde, wartete er auf uns in unserem Heim in al-Amaraat mit meinen Taten und meiner Großmutter.

„Amir! Sieh dich an. Du hast dich verändert! Du bist größer und dicker geworden, masha’allah, wie es Gott wollte“, riefen meine Tanten, sobald sie mich sahen. Ich antwortete meist so: „Jedes Jahr sagt ihr dasselbe. Wie langweilig seid ihr eigentlich, dass ihr nichts anderes zu erzählen habt?“

Solche patzigen Antworten waren mein Versuch, mir die erdrückenden Umarmungen und schleimigen Küsse vom Leib zu halten. Aber ohne Erfolg. „Ha! Deine Zunge scheint noch immer lang und scharf zu sein, so viel ist sicher“, antwortete eine Tate. Dann stürzten sie sich mit ihren großen Brüsten und dicken Armen auf mich und drückten mir die ganze Luft aus dem Körper.

Weil es kaum regnete und es immer wieder Stromausfälle gab, schliefen die meisten von uns nachts draußen in Betten, die auf dem langen Balkon nebeneinander standen. Wenn ich in meinem Bett lag, starrte ich hoch zu Allahs sternübersätem Dach und versuchte, die hell leuchtenden Sterne zu zählen. War Gott da draußen, hinter den Sternen? Wusste er, wie gern ich ein guter Muslim werden wollte? War er zufrieden mit mir und meinem Betragen? Ich wollte meinen Gott nicht verärgern.

In der Morgendämmerung wachte ich manchmal kurz auf, dank des lauten Gebetsrufes, der durch die Lautsprecher am Minarett der nahegelegenen Moschee im Stadtteil Souq 41 tönte. Das war total nervig. Der Imam hätte Stimmtraining bei seinem Kollegen in unserer Moschee in Katar nehmen sollen.

Ein oder zwei meiner Onkel standen auf und machten sich auf den Weg in die Moschee und kamen etwa vierzig Minuten später wieder zurück. Ein paar Tanten gingen nach unten zum Beten. Aber die meisten von uns hielten nichts von der Botschaft des Imams, dass Beten besser sei als Schlafen. Wir schnarchten wie Lastwagen, aber wenn die Sonne aufging und die summenden Fliegen kamen, hatten wir alle keine Wahl mehr und mussten aufstehen. Ich versuchte, als Erster oder als Letzter nach unten zu gehen. Zum Zähneputzen und Duschen mussten sich alle anstellen oder sich ein Waschbecken reservieren. Früh aufstehen bedeutete, dem Gedränge zuvorzukommen; stand man spät auf, war es vorbei. So ging es zu in unserem Haus in al-Amaraat, wenn es mit Cousins, Tanten und Onkeln bevölkert war, die sich alle für das jährliche Familientreffen freigenommen hatten. Meine Mutter hatte neun Geschwister.

Glücklicherweise konnte ich mir in diesen langen Familienferien mit meinem Hobby meine Zeit vertreiben: Schach. Viele Nachmittage verbrachte ich damit, von meinem Großvater mütterlicherseits, Jiddo, Schach zu lernen und mit ihm zu spielen. In seinen jüngeren Jahren war er ein eifriger Spieler und Schachmeister gewesen. Mein Großvater väterlicherseits war damals schon gestorben, ich kannte ihn also nicht. Aber Jiddo, der noch rüstig war, brachte mir das Spiel bei, als ich eines Tages mit einem Schachbrett zu ihm kam, das ich entdeckt hatte, als ich mich aus Langeweile in seinem Zimmer umsah.

„Mein Sohn, das Leben ist wie ein Schachspiel“, erklärte er eines Nachmittags während unseres Spiels. Er schien sich Sorgen zu machen. „Im Leben ist es so wie beim Schach, du musst immer verstehen, was um dich herum passiert. Bevor du deine Züge machst, musst du deinen Gegner und die Position all seiner Figuren beobachten. Lass dich nicht von einem Zug ablenken. Achte auf seine Züge und schaue immer auf das Muster. Übersieh niemals das Muster oder wie es sich bildet.“

„Ich verstehe nicht, was du meinst, Jiddo. Was meinst du mit ‚Muster‘?“

„Später, wenn du einmal erwachsen bist, dann musst du wissen, wohin du in deinem Leben willst. Um das zu wissen, musst du sehen, wo du stehst, denn wenn du nicht weißt, wo du stehst und in welchen Umständen du bist und wie du dorthin gekommen bist, wenn du all diese beteiligten Faktoren nicht verstehst, dann weißt du nicht, wie du weitergehen sollst. Das Muster ist in den Beziehungen. Es liegt darin, wie wir die Punkte miteinander verbinden. Verstehst du mich?“

Ich verstand nicht ganz, was Jiddo meinte, aber weil ich in jedem Urlaub weiter mit ihm spielte, wurde ich immer besser im Schach – viel besser. Und doch ahnte ich nicht, dass in der Zeit, in der Großvater und ich unsere Züge planten und gegeneinander spielten, die Regierung Sudans über unseren Köpfen größere Schachzüge spielte.

2. Flucht in den Glauben

Im Sudan regierte die Nationale Islamische Front, das waren totalitäre Islamisten, die 1989 durch einen Staatsstreich die demokratisch gewählte Regierung entmachtet hatten. Ihre brutale Unterdrückung des sudanesischen Volkes beutete das Land aus, es drohte zu zerreißen. Zur Zeit der Ferien meiner Kindheit in den Neunzigern wurde die NIF (mit dem Spitznamen „die Erlösung“) vom Militärkommandeur Omar Hassan al-Bashir und dem „spirituellen“ Führer Dr. Hassan al-Turabi geleitet. Al-Turabi war der charismatische Mann, der dafür verantwortlich war, dass Osama bin Laden im Sudan leben konnte, bevor er wegen des internationalen Drucks ausgewiesen wurde.

Al-Turabi war ein kluger Stratege, der den Menschen die Versprechungen gab, die sie hören wollten. Klug vermischte er den Islam mit einer Rhetorik, die seinen eigenen Interessen diente, die dadurch glaubhafter und überzeugender wirkten. Manchmal diskutierte meine Mutter mit sudanesischen Freunden, die in al-Turabi einen wahren islamischen Revolutionär sahen und ihn unterstützten. Meine Mutter tat das nicht. Sie verabscheute ihn.

„Al-Turabi? Kämpft für den Islam? Was für einen Islam? Das sind alles nur korrupte verfluchte Männer, die den Islam nur als Vorwand nehmen. Seht, wie sie ohne Reue das Geld der Leute stehlen; sie nehmen sich alles und füllen ihre Taschen. Von wegen Islam. So ein Quatsch!“

Diese Krise im Sudan war nicht leicht zu verstehen. Weil sich die Gespräche der Erwachsenen mehr und mehr um Politik drehten, musste auch ich oft darüber nachdenken. Ich entschied mich nicht dafür, mich damit zu beschäftigen. Es geschah einfach.

Al-Bashir war die Triebkraft des Regimes und al-Turabi der Chef-Propagandist, der vielen sudanesischen Muslimen Sand in die Augen streute, die leidenschaftlich – und blind – den neuen repressiven Polizeistaat in Sudan unterstützten. Es war keine einfache Situation, meine Cousine Suad wusste das nur allzu gut. Während des Krieges wurde ihr Sohn in den Süden gebracht, um dort zu kämpfen. Er starb einen brutalen Tod und wurde zum Märtyrer erklärt. Sie weinte und schrie, aber ihr Weinen verlor sich in den staubigen Winden des immer schlimmer werdenden Elends in Khartum. Es hatte bessere Zeiten und glücklichere Tage gegeben, nicht nur für Suad, sondern für viele Mütter wie sie. Einigen von ihnen wurde durch den Staatsschutz verboten, öffentlich um ihre Söhne zu trauern.

In diesen Tagen gab es unter dem sandigen Himmel Khartums mehr Frustration als Luft zum Atmen. Diese Frustration hatte aber keine Richtung, sie war passiv, reaktionär und auf tragische Weise ziellos.

Aufgrund der ständigen Kämpfe ging es dem Land wirtschaftlich schlecht. Jiddos Wohlstand, den er in seinen Jahren als Geschäftsmann in Saudi-Arabien nach einer Anstellung bei Shell im Sudan verdient hatte, schwand dahin. Neue Steuern, die die Regierung erhob, verschlimmerten die Lage. Politisch war das Land unterdrückt. Ein neues Gesetzbuch, das sich stärker am traditionellen Islam orientierte, wurde eingeführt. Auch die Gesellschaft veränderte sich: Manchmal wurden junge Paare, die ihre Hochzeit feierten, verhaftet, weil sie eine Party mit lauter Musik und traditionellen sudanesischen Tänzen veranstalteten. Und an den Universitäten mussten die Frauen ihr Haar bedecken.

In den frühen Neunzigern sagte man uns, dass unsere afrikanisch-christlichen und animistischen Landsleute im Süden mit den ungläubigen Amerikanern und den teuflischen Zionisten kollaborierten, um unseren Glauben und unsere islamische Lebensweise zu zerstören. Unsere wirtschaftlichen Schwierigkeiten wurden angeblich von dunklen äußeren Kräften verursacht, die auch die Sudanesen im Süden finanzierten und mit Waffen ausrüsteten. Das islamische Recht der NIF sollte überall im Land angewandt werden. Angeblich musste ein Dschihad ausgerufen werden und so wurde der Krieg erklärt.

Die Veränderung war radikal.

Zeitungen, die die Regierung kritisierten, wurden geschlossen. Selbst die leiseste Kritik wurde nicht toleriert. Viele andersdenkende Autoren und Journalisten verschwanden in Kerkern, einige wurden in beiyut al-ashbaah, sogenannten Geisterhäusern, erbarmungslos gefoltert. Die Regierung kontrollierte Fernsehen und Radio. Die Medien rührten die Kriegstrommel und sendeten Nachrichten über glorreiche Siege im Südsudan. Ich kann mich immer noch an die Bilder im sudanesischen Fernsehen erinnern, die die zerfetzten Leichen von Rebellen aus dem Süden zeigten, gefolgt von marschierenden Truppen aus dem Norden. Nationalistische Lieder begleiteten die schrecklichen Szenen.