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Das Herz erwecken

Zwölf Schritte zu einem mitfühlenden Leben

Irmentraud Schlaffer

Das Herz erwecken

Zwölf Schritte zu einem mitfühlenden Leben

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Vollständige E-Book-Ausgabe der bei J.Kamphausen Verlag & Distribution GmbH erschienenen Printausgabe

Irmentraud Schlaffer:
Das Herz erwecken
© Theseus in J.Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld 2012
info@j-kamphausen.de
www.weltinnenraum.de

Lektorat: Michael Stürzer
Umschlaggestalung: Morian & Bayer-Eynck,
Coesfeld, www.mbedesign.de unter Verwendung eines Fotos von © Hildegard Morian
Gestaltung und Satz: AS Typo & Grafik, Berlin
Druck: KN Digital Printforce GmbH, Stuttgart

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Wir sind feinfühlige und mitfühlende Wesen.
Das ist unsere Natur.
Mitgefühl braucht und kann nicht künstlich hervorgebracht werden.
Es strahlt und wärmt von sich aus wie eine Sonne
und ist niemandes Besitz.
Mitgefühl ist unser eigentliches Sein.
Wie wir dieses Sein zulassen können –
davon handelt dieses Buch
.

Inhalt

Vorwort

Teil 1 Einführung

Was ist Mitgefühl?

Was behindert den freien Fluss unseres Mitgefühls?

Wie wir den Weg des Herzens gehen können

Warum unsere guten Wünsche wirksam sind

Teil 2 Der freie Fluss des Mitgefühls

1. Schritt Das Freund-Feind-Denken durchschauen

2. Schritt Alle Menschen als gleichwertig erkennen

3. Schritt Gier schwächen

4. Schritt Abneigung überwinden

5. Schritt Selbst-Täuschung auflösen

6. Schritt Neid überwinden

7. Schritt Stolz hinter uns lassen

8. Schritt Hartherzigkeit aufweichen

9. Schritt Angst besiegen

10. Schritt Vertrauen fassen

11. Schritt Schadenfreude und Rachegelüste überwinden

12. Schritt Falsche Identifikation aufgeben

Teil 3 Wahres Mitgefühl kennt keine Grenzen

Die Vier Unermesslichen Qualitäten

Die Entfaltung der Vier Unermesslichen Qualitäten

Unermessliche Liebe

Unermessliches Mitgefühl

Unermessliche Mitfreude

Unermesslicher Gleichmut

Viele Methoden, ein Ziel

Anhang

Danksagung

Leseempfehlungen

Kontaktadressen

Über die Autorin

Vorwort

Sehnen wir uns nicht alle nach Liebe, nach menschlicher Wärme und Zuneigung, nach einem freudvollen und unterstützenden Austausch in der Gemeinschaft mit anderen? Diesen Wunsch sollten wir ernst nehmen und nicht als bloße Fantasie beiseite wischen. Denn es ist möglich, dass wir positive und wohltuende Eigenschaften wie Liebe und Mitgefühl zur Entfaltung bringen und somit glücklicher und erfüllter leben.

Im Alltag sind unsere Begegnungen mit der Umwelt jedoch oft unbefriedigend. Wir haben das Gefühl, da läuft etwas nicht ganz rund, so als würden zwei Oberflächen aneinander reiben, sich gelegentlich verhaken und mit einem Ruck wieder voneinander lösen. Das Ganze scheint zu quietschen und zu eiern. Und manchmal erleben wir das Zusammentreffen mit anderen sogar so, als pralle man frontal aufeinander und stoße sich gleich wieder ab.

Der Grund für diese schwierigen Interaktionen liegt in unserer tief verwurzelten Furcht, hinterfragt, bedroht, bloßgestellt oder verletzt zu werden. Um dies zu verhindern, errichten wir Grenzen und Mauern. Wir erstarren und zeigen nach außen hin eine harte, vielleicht sogar stachelige Schale, die unseren inneren weichen und verletzlichen Kern schützen und unser Überleben garantieren soll.

Das Dilemma liegt nur darin, dass unser weicher Kern den Austausch mit anderen braucht, um nicht so zu verhärten wie die Schale. Alle Menschen sehnen sich danach, ihr Herz zu öffnen, geliebt zu werden und selbst zu lieben, und haben doch gleichzeitig Angst davor.

Die Lehre des Buddha zeigt, dass es einen Ausweg aus diesem Dilemma gibt. Sie versichert uns, dass wir keine Angst haben müssen, bedroht oder verletzt zu werden, denn wir sind von Natur aus stark und klug. In uns sind alle positiven Qualitäten bereits angelegt: Freundlichkeit, Intelligenz, Gutsein, Mitgefühl, Großzügigkeit und vieles mehr. Niemand kann diese Qualitäten angreifen oder zerstören und auch wir können keiner anderen Person diese Qualitäten absprechen. Allerdings ist das Gute, das uns innewohnt, meist nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Es scheint nur teilweise sichtbar, so als sei es von etwas verdeckt oder umhüllt. Oder wir betrachten es gleichsam mit der falschen Brille, sodass es verschwommen oder verzerrt wirkt. Dennoch ist es immer vorhanden.

Der Weg, der es uns ermöglich, diese Qualitäten in ihrer ganzen Pracht zum Vorschein zu bringen, ist der Weg der Offenheit. Er besteht darin, offen zu sein für alles, was auf uns zukommt, uns unvoreingenommen auf jede neue Situation einzulassen und aus dem Herzen heraus darauf zu antworten.

Dieser Weg erfordert Vertrauen und Mut, denn auf ihm legen wir nach und nach unsere harte, stachelige Schale ab. Wir ziehen uns nicht mehr bei jedem Kontakt in unser Schneckenhaus zurück, sondern zeigen uns mehr und mehr so, wie wir sind: schön und empfindsam.

Es scheint ein schwieriger Weg zu sein, doch was wir auf ihm gewinnen, ist das einzig Sinnvolle und Wertvolle im Leben. Wir lösen das Starre in uns auf, all die Barrieren im Denken und Fühlen, die wir unnötigerweise errichtetet haben und die so viel Leid für uns und andere verursacht haben.

Unsere Lebenskraft glich zu Eis gefrorenem Wasser. Für die Dauer eines langen, strengen Winters war es zu einem bizarren, scharfkantigen Eisgebilde erstarrt. Nun endlich kann es zu schmelzen beginnen. Jetzt kann unsere Lebenskraft wieder fließen, wir geraten selbst in Fluss und können uns vom Fluss des Lebens tragen lassen. Wir lassen uns auf jede Situation ein mit dem Vertrauen, dass die Inspiration zu uns kommen wird, angemessen und richtig zu antworten. Ein freundlicher Austausch mit anderen wird möglich.

Die Freude, die damit einhergeht, im Fluss des Lebens zu sein, versetzt uns auch in die Lage, das Leid zu ertragen, das es in der Welt gibt. Wir wehren es nicht mehr ab. Da wir unsere harte Schale abgelegt haben, empfinden wir das Leiden unter Umständen sogar stärker als früher. Aber es wirft uns nicht mehr aus der Bahn. Auf dem Weg des Übens wächst das Vertrauen in unsere innere Fähigkeit, mit den anderen mitzufühlen, Freud und Leid mit ihnen zu teilen und Auswege aus dem Leid zu finden.

So wird spürbar, dass Mitgefühl, das Mit-Fühlen und Mit-Empfinden mit anderen, eine der wichtigsten und wertvollsten Qualitäten im Leben ist. Es ermöglicht uns, wirklich Kontakt mit anderen aufzunehmen, indem wir empfinden, was sie empfinden. Dadurch entsteht eine Art Gleichklang, eine Resonanz, die uns zu einem Handeln befähigt, das zum Wohle aller ist. Nur so kann wahre und wohltuende Gemeinschaft und Gemeinsamkeit, ein friedliches und kreatives Zusammensein mit anderen, entstehen.

Der Weg des Mitgefühls bedeutet, sich zu öffnen, statt sich abzugrenzen, zu empfinden und zu fühlen, statt sich abzuschotten und gefühllos zu werden.

Dass unser Mitgefühl noch nicht in seinem ganzen Umfang und seiner Kraft zum Vorschein kommen und frei fließen kann, liegt daran, dass es von bestimmten Hindernissen gehemmt wird. Es ist, als ob es von Dämmen und Wällen zurückgehalten würde und nur durch kleine Risse und Spalten hindurchtröpfeln könnte.

Wenn Sie sich auf den Weg des Mitgefühls begeben, folgen Sie Ihrer wahren Natur. Sie wehren sich dann nicht mehr gegen Ihr Innerstes, kämpfen nicht mehr gegen sich selbst. Die Energien, die Sie bisher für diese unnötigen und sinnlosen Kämpfe und die Abwehr von Gefühlen aufgebracht haben, können Sie nun für den kreativen Austausch mit Ihrer Umwelt einsetzen. Somit nützt dieser Weg sowohl Ihnen als auch den anderen. Er nützt Ihnen, weil er Sie in Einklang mit sich selbst bringt – was zutiefst befriedigend und befreiend ist – und er nützt anderen, weil Sie Ihr Herz für deren Belange und Bedürfnisse öffnen und sich daraus ganz neue Möglichkeiten des Zusammenlebens ergeben.

Teil 1

Einführung

Was ist Mitgefühl?

Für die meisten von uns fängt Mitgefühl zu Hause im Umgang mit vertrauten Menschen an. Wir trösten unser Kind, wenn es hingefallen ist, muntern unsere Partnerin oder unseren Partner auf, wenn sie frustriert sind oder ihnen etwas misslungen ist. Auch in Freundschaften ist Mitempfinden mit den anderen da, wir hören einander zu, unterstützen uns in schwierigen Situationen, teilen Freud und Leid miteinander.

Mitgefühl heißt, ich sehe, dass eine Person unzufrieden ist, ein Problem hat, nicht glücklich ist, also leidet, und fühle ihr Leid in mir. Es kann sein, dass mein Herz wehtut, sich mein Bauch verkrampft oder mir die Tränen kommen. Ich versuche dann zu helfen, zu trösten, zu heilen, zu beschützen – was immer nötig und möglich ist.

Im Buddhismus wird Mitgefühl definiert als der Wunsch, dass niemand leiden möge. So heißt es in den »Vier Unermesslichen Qualitäten«, die im dritten Teil dieses Buches ausführlich vorgestellt werden: »Mögen alle Wesen frei sein von Leiden und der Ursache des Leidens.« Mitgefühl drückt sich in Wünschen und Handlungen aus, die darauf abzielen, anderen aus ihrer schwierigen und leidvollen Situation herauszuhelfen. Deshalb ist Mitgefühl auch mehr als nur Mitleid. Wir versinken nicht im Leiden der anderen, sondern entwickeln Kraft und Mut, ihnen beizustehen und zu helfen.

Damit dürfen wir uns aber nicht über die anderen erheben. Es geht nicht darum, von oben herab und aus sicherer Entfernung jemandem mit einer lässigen Handbewegung ein Quentchen unseres Reichtums oder unserer Zuwendung zu geben. Mitgefühl heißt vielmehr, sich ganz für die anderen und ihre Nöte zu öffnen und diese letztendlich so zu fühlen, als wären es die eigenen. So beginnen wir spontan, alles zu tun, damit sich die anderen wohl fühlen und glücklich sind.

Dieses umfassende Mitgefühl darf aber nicht mit einem falsch verstandenem Märtyrertum oder Helfersyndrom verwechselt werden. Es geht nicht darum, sich für andere aufzuopfern und vielleicht im Gegenzug Dankbarkeit oder Anerkennung zu erwarten. Mitgefühl kommt von Herzen, nicht aus Pflichtgefühl oder Berechnung.

Außerdem muss unser Mitgefühl nicht immer sanft und honigsüß sein. Manchmal ist es notwendig, jemanden gleichsam an den Schultern zu schütteln, um ihn aufzuwecken. Besonders Eltern und Erzieher wissen, dass sich Mitgefühl zuweilen in einer gewissen Strenge, zumindest aber in einem konsequenten Handeln ausdrücken muss. Weder Liebe noch Mitgefühl bedeuten, dass man andere Menschen nicht mit unliebsamen Wahrheiten konfrontieren sollte.

Mitgefühl entsteht ganz von alleine für Menschen, die uns nahe stehen. Doch Mitgefühl für Fremde zu entwickeln, ist nicht immer leicht. Am ehesten gelingt uns dies noch bei Menschen, die durch äußere Umstände in Not geraten sind, etwa durch ein Erdbeben, einen Hurrikan oder einen Terrorakt. Schwieriger wird es, Mitgefühl für Menschen zu entwickeln, die sich anscheinend selbst in eine schlimme Lage gebracht haben. Fast unmöglich erscheint es, Mitgefühl zu empfinden für Personen, die anderen Gewalt zugefügt haben.

Bedeutet dies, dass unser Mitgefühl abhängig ist von Nähe und Zuneigung zu einer Person? Wird unser Mitgefühl von äußeren Einflüssen bestimmt? Ist also ein mitfühlendes Leben, das alle Wesen mit einschließt, ein Ding der Unmöglichkeit?

Hier kommt uns die Lehre des Buddha zu Hilfe, denn sie besagt, dass Mitgefühl als Potenzial schon in uns angelegt ist. Wir müssen Mitgefühl also nicht mit großer Anstrengung künstlich hervorbringen. Es ist schon da. Es wartet nur darauf, sich endlich voll entfalten zu dürfen.

Nun werden Sie fragen: Wenn Mitgefühl ganz natürlich in uns vorhanden ist, warum zeigt es sich dann nur so selten und ist nicht schon in voller Blüte? Warum fällt es uns oft so schwer, mit anderen zu empfinden, warum gibt es so viel zwischenmenschliche Kälte, so viel Grausamkeit, Hass und Aggression auf der Welt?

Die Antwort des Buddha, in einfachen Worten zusammengefasst, lautet: Wir blockieren unser Mitgefühl, indem wir uns einbilden, wir müssten uns selbst gegen eine vermeintlich feindliche, von uns völlig verschiedene Welt verteidigen. Wir übersehen, wie verwoben wir mit der Umwelt und den anderen Lebewesen sind. Der Irrglaube, uns als Einzelkämpfer gegen das Universum behaupten zu müssen, lässt uns zu Egoisten werden, die so lange blind für die Bedürfnisse der anderen Lebewesen sind, bis wir erkennen, dass deren Wohlergehen auch für uns von Nutzen ist. Und es sind eben die uns nahe stehenden Personen, von denen wir – wenn auch noch so versteckt – einen Nutzen erwarten. Sobald wir diesen Nutzen nicht mehr erhalten, empfinden wir die andere Person meist als gar nicht mehr so nahe stehend, und auch unser Mitgefühl verringert sich rapide.

Diese Einsicht ist wenig schmeichelhaft, aber sie zeigt, dass wir selbst verantwortlich für unser Mitgefühl sind, also auch selbst aus unserem Dilemma herauskommen können. Und dieses Dilemma ist ja nicht nur ein persönliches, sondern betrifft unser Zusammenleben auf diesem Planeten. So kann jeder Einzelne von uns einen Beitrag zu einem friedlichen, harmonischen und liebevollem Zusammenleben leisten, indem wir unsere irrigen Vorstellungen ablegen und die uns innewohnenden positiven Qualitäten zum Vorschein kommen lassen.

Was behindert den freien Fluss unseres Mitgefühls?

Wie eben beschrieben, ist die grundlegende Ursache für den gehemmten Fluss unseres Mitgefühls das Festhalten an der irrigen Vorstellung, ein von der Umwelt getrenntes »Ich« zu sein. Was das aber wirklich bedeutet und welche Konsequenzen es hat, wenn wir diese falsche Vorstellung aufheben, können wir auf Anhieb nicht erfassen. Wir müssen schrittweise vorgehen, um das Dickicht unserer Verstrickungen und Verwirrungen, unserer Widerstände und Ängste aufzulösen. Schritt um Schritt müssen wir unsere Panzerungen und Schutzwälle abbauen, den Eisklotz in uns zum schmelzen bringen.

Eine ganze Reihe von Anleitungen, wie wir dabei vorgehen können, finden wir in den Lehren des Buddha. Aus dieser Schatzkammer speisen sich auch die Anregungen und Übungen in diesem Buch. Im Zentrum stehen dabei zwölf Tendenzen unseres Geistes, die den Austausch mit unserer Umwelt blockieren.

Die am tiefsten verwurzelte Tendenz ist nach buddhistischer Auffassung unsere Gewohnheit, zwischen angenehm, unangenehm und neutral zu unterscheiden. Kaum, dass unsere Sinne etwas wahrgenommen haben, urteilen wir darüber und teilen es in eine der drei Kategorien ein. Im Bezug auf Menschen heißt das, wir machen sie zu Freund, Feind oder jemandem, der uns nicht interessiert. Damit ist die Grundlage für die Begrenzung unseres Mitgefühls gelegt und deshalb werden wir uns in den ersten beiden Kapiteln des Übungsteils mit dieser Tendenz befassen.

In den fünf darauf folgenden Kapiteln untersuchen wir die fünf »Geistesgifte« Gier, Hass, Verblendung, Eifersucht und Stolz. Diese Empfindungen werden in der buddhistischen Tradition als Geistesgifte bezeichnet, weil sie keine oberflächlichen, schnell vorüberziehenden Emotionen sind, sondern tief sitzende negative Haltungen und Verhaltensweisen, die sich vergiftend auf unseren Geist auswirken. In ihren extremen Ausformungen sind die Geistesgifte mit Süchten vergleichbar. Wenn wir in ihrem Griff sind, erscheinen sie uns als absolut lebensnotwendig. Sie bilden dann die Rechtfertigung für unsere Existenz und wir klammern uns an sie, als seien sie unser Rettungsanker.

Wir werden sehen, dass jedes Geistesgift ein ganzes Spektrum von Haltungen und psychologischen Mustern umfasst, also eher ein Feld oder Gebiet beschreibt denn einen konkreten Punkt. Deshalb wird auch das, was wir den Geistesgiften entgegensetzen können, recht vielfältig und vielschichtig sein. Es wird zahlreiche Anregungen geben, mit diesen negativen Gewohnheiten umzugehen und sie zu schwächen, damit Positives zum Vorschein kommen kann.

In den verbleibenden fünf Kapiteln des Übungsteils untersuchen wir Gewohnheitstendenzen, die man im Grunde den fünf Geistesgiften zuordnen könnte, die aber als Einzelaspekte von so großer Tragweite sind, dass ihnen eigene Abschnitte gewidmet werden.

Manche der zwölf Hindernisse werden Ihnen sehr bekannt vorkommen, andere werden Ihnen fremd erscheinen. Nehmen Sie sich bitte dennoch für alle etwas Zeit, denn in irgendeiner mehr oder weniger ausgeprägten Form sind alle in uns vorhanden.

Bitte achten Sie bei der Beschäftigung mit Ihren vermeintlich negativen Seiten immer darauf, freundlich zu sich selbst zu sein. Es geht auf dem Weg des Herzens niemals darum, sich selbst zu verurteilen oder zu irgendetwas zu zwingen. Das würde auf Dauer nicht funktionieren. Auch mit uns selbst dürfen wir Mitgefühl praktizieren. Veränderung beginnt immer, indem wir zunächst einfach aufmerksam sind und die Dinge erkennen, wie sie sind. Dann können wir uns daran erinnern, dass es noch andere Handlungsmöglichkeiten und Haltungen gibt, und uns sanft korrigieren.

Selbst die Geistesgifte sind gemäß der Lehre des Buddha im Grunde nichts anderes, als der verzerrte Ausdruck von positiven Qualitäten unseres Geistes. Man spricht von den »fünf Weisheiten«, in die die fünf Geistesgifte transformiert werden können. Es geht also nicht darum, unsere negativen Tendenzen zu verdammen, sie auszulöschen oder uns ihrer gar zu schämen. Es geht vielmehr darum, unsere Emotionen besser kennen zu lernen und sie dadurch zu verwandeln.

Schlechtes Gewissen, Selbstvorwürfe, Selbstzweifel und mangelndes Selbstwertgefühl sind völlig unnötig und bringen uns nicht weiter. Auch sind wir in unserer vermeintlichen Schlechtigkeit nicht so einzigartig, wie wir denken. Jeder, der sich bemüht, sein menschliches Potenzial zu entfalten, muss sich mit den gleichen inneren Schwierigkeiten und Widerständen auseinandersetzen. Das ist schon seit Menschengedenken so.

Wenn wir also von schlechten Gewohnheiten und Geistesgiften sprechen, ist es wichtig zu erkennen, dass ein erhobener Zeigefinger fehl am Platz ist. Wir sollten versuchen, die Haltung eines sachlichen, dennoch aufmerksam interessierten Forschers einzunehmen. Und wir dürfen es uns auch erlauben, gelegentlich über uns selbst zu lachen oder zumindest den Kopf zu schütteln: »Wie erstaunlich, was ich da alles fabriziere und anstelle!«

Wie wir den Weg des Herzens gehen können

Der Aufbau der einzelnen Kapitel des Übungsteils orientiert sich am Ablauf der traditionellen buddhistischen Schulung: Erst geht es darum, neue Informationen zu hören, dann müssen wir über das Gehörte nachdenken und es verinnerlichen, um es schließlich in unseren Alltag schrittweise zu integrieren. Am Ende steht der Wunsch, das positive Resultat der Übung mit den anderen Wesen zu teilen.

Jedes Kapitel des Übungsteils beginnt mit der Beschreibung einer der zwölf oben erwähnten Tendenzen. Wir werden sehen, dass diese weit vielschichtiger und vielgestaltiger sind, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, und dass sie sowohl im Gewand scheinbar unbedeutender Gewohnheiten als auch extremer Verhaltensweisen auftreten.