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Lodro Rinzler

TRIFFST DU BUDDHA AN DER BAR,
GIB IHM EINEN AUS

Dharma, Karma und das pralle Leben

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Lodro Rinzler

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Dharma, Karma
und das pralle Leben

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Copyright der deutschen Ausgabe: Aurum
in J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld

Vollständige eBook-Ausgabe der bei Aurum
in J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH
erschienenen Printausgabe

ISBN Printausgabe 978-3-89901-638-3
ISBN eBook 978-3-89901-687-1

Übersetzung aus dem

amerikanischen Englisch:

Rainer Scholz

Gestaltung:

Kerstin Fiebig | ad department

Lektorat:

Hendrik Bönisch

Druck & Verarbeitung:

Westermann Druck Zwickau GmbH

www.weltinnenraum.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen
und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte
Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

INHALT

Danksagungen

Einleitung

TEIL EINS: NIMM DICH ERST MAL ZUSAMMEN

1. Dein Leben ist ein Spielplatz

2. Lache über die Show, die dein Geist aufführt

3. Wecke den Tiger in dir

4. Erkenne dein persönliches Mandala

5. Gehe sanft mit deinem Unglaublichen-Hulk-Syndrom um

6. Erkenne diesen Augenblick als Gelegenheit

7. Widme dich den Einzelheiten deines Lebens

TEIL ZWEI: WIE MAN DIE WELT RETTET

8. Eine Gesellschaft auf Grundlage eines offenen Herzens

9. Hilf dem Schneelöwen in dir auf die Sprünge

10. Liebe, Sex und Mitgefühl

11. Bleibe diszipliniert, selbst wenn sie dich köpfen

12. Reite die Wellen deines Lebens

13. Bringe Licht in eine dunkle Welt

TEIL DREI: LASS DICH IN DEN RAUM FALLEN

14. Zieh dir den Pfeil aus dem Auge und sieh die Welt klarer

15. Der furchtlose Flug des Garuda

16. Bereite dich auf deine buddhistische Bar-Mizwa vor

17. Erfreue dich an den Kokosnüssen der Wachsamkeit

18. Zerreiße dein Pappmaschee-Selbst

19. Gehe kleine Handlungen mit einem großen Geist an

TEIL VIER: ENTSPANNE DICH IN DIE MAGIE

20. Singe ein Vajra-Lied (unter der Dusche)

21. Die Aufrichtigkeit des Drachen

22. Tanz den Milarepa!

23. Bringe Herz und Geist wirklich zusammen

24. Lass Gewöhnliches magisch wirken

25. Entspanne dich in dein Leben

Anhang

• Für meinen Sakyong •

DANKSAGUNGEN

Ich danke dir. Das meine ich ernst: Es bedeutet mir echt viel, dass du dieses Buch liest. Meine Eltern, Beth und Carl Rinzler, sind wundervoll, und ich verdanke ihnen mehr, als ich ausdrücken kann, und definitiv mehr, als ich auf der Danksagungsseite eines Buches unterbringen könnte. Victoria Gerstman, die Dame meines Herzens, stand mir während dieses gesamten Prozesses zur Seite und hat an mich geglaubt, als ich mir sicher war, dass diese ganze Sache niemals klappen würde. Sie ist wirklich fantastisch. Ich liebe sie und bin wahnsinnig froh, dass sie mir das Jawort gegeben hat. Ich möchte außerdem meiner Schwester, Jane Buckingham, und meinem Bruder, Michael Rinzler, danken, die mir beide immer nur Unterstützung und Liebe entgegengebracht haben.

Ich bin mit zahlreichen Freunden gesegnet, die mir Inspiration und Rückhalt für dieses Buch geliefert haben (oder mir zumindest ein Bier ausgegeben und mir deswegen ein Ohr abgekaut haben): David Delcourt, Brett Eggleston, Oliver Tassinari, Ethan Nichtern, Will Conkling, Josh Silberstein, Laura Sinkman, Maron Greenleaf, Alex Okrent, David Perrin, Jeff Grow, Ericka Phillips, Marina Klimasiewfski und die UsGuys. Es gibt noch eine ganze Menge weiterer Freunde, die ich erwähnen sollte, und wenn du dich fragst, warum du nicht auf dieser Liste auftauchst, kann ich dir versichern, dass ich dich in meinem Herzen halte und dir danke.

Ich hatte zwei Gefährten, die mir buchstäblich ständig über die Schulter geschaut haben, während ich dieses Buch auf meiner Couch in Brooklyn schrieb. Es sind Tillie und Justin Bieber, und die beiden sind echt niedliche Tierchen. Sie können zwar nicht lesen, aber ich möchte ihnen trotzdem für ihre Wärme danken.

Mentoren sind wichtig, und mit Richard Reoch, Connie Brock und Mitchell Levy hatte ich die allerbesten. Ich danke euch für eure unerschütterliche Detailgenauigkeit und große Sorgfalt. Auf gleiche Weise möchte ich Stan Lee dafür danken, dass er mich während meines Heranwachsens mit großartigen Vorbildern versorgt hat: den X-Men und Spider-Man.

Unglaubliche Dankbarkeit schulde ich den Menschen bei Shambhala Productions. Ich möchte mich bei Sara Bercholz dafür bedanken, dass sie an dieses Projekt geglaubt und es verstanden hat – zuweilen besser als ich. Emily Bower gebührt mein Dank dafür, dem Ganzen einen Schubs in die richtige Richtung gegeben zu haben, und ich danke Katie Keach und Ben Gleason, die sich beide darauf verstehen, meine Worte in etwas Wohlklingendes zu verwandeln. Und natürlich ein fettes Dankeschön an Dave O’Neal dafür, dass er dieses Buch sorgfältig lektoriert und Schicht für Schicht für mehr Klarheit gesorgt hat. Es war eine Freude, mit euch allen zu arbeiten.

Acharya Adam Lobel hat in Handbüchern, die den Studienplan des Weges von Shambhala darlegen, ausführlich über die Vier Würden geschrieben. Neben dem traditionellen Quellenmaterial haben sich mir die von ihm verwendeten Bilder und Worte stark eingeprägt und mich tief inspiriert. Zu guter Letzt würde das Werk auf diesen Seiten gar nicht existieren, wenn ich nicht beständig durch das Vorbild von Sakyong Mipham Rinpoche inspiriert würde, der für mich das authentischste menschliche Wesen auf diesem Planeten ist. Ich danke euch allen dafür, dass ihr das hier möglich gemacht habt.

EINLEITUNG

Das hier ist nicht das Meditationsbuch deiner Großmutter. Es ist deins. Wobei ich davon ausgehe, dass du ab und zu gerne mal ein Bier trinkst, Spaß am Sex hast, dass dir klar geworden ist, dass deine Eltern verrückt sind, oder dich deine Arbeit manchmal frustriert. Es ist kein Buch, das den Buddhismus auf ein Podest hebt, sodass du zu ihm aufschauen musst. Es geht einzig darum, in sämtliche Ecken und Winkel deines Lebens zu spähen und sie mithilfe buddhistischer Lehren genau zu untersuchen – ganz egal, wie vertrackt das auch sein mag.

Ob du Buddhist werden musst, um dieses Buch zu mögen? Nein, verdammt. Jegliche Weisheit, die sich vielleicht auf diesen Seiten finden lässt, ist das Ergebnis hervorragender Unterweisungen durch meine Lehrer sowie meines eigenen Voranschreitens durch praktisches Herumprobieren. Der buddhistische Dharma – die buddhistische Lehre – sollte nicht als irgendein obskures Kompendium betrachtet werden, das zerteilt und analysiert werden müsste. Er sollte gelebt werden. Also glaube nicht, du müsstest Buddhist werden, um mit diesem Kram etwas anfangen zu können. Es reicht aus, wenn du bereits ein wenig gelebt hast und bereit bist, dir dein Leben aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Nächste Frage: Musst du dein Leben ändern, um die Wahrheiten in diesem Buch zu leben? Verdammt noch mal, wieder nein. Dieses Buch ist für jeden, der jemals gesagt hat: „Ich bin spirituell!“ oder: „Wenn ich überhaupt irgendwas bin, dann Buddhist!“ Es geht darum, sich dieser traditionellen Lehren anzunehmen, die über Tausende von Jahren hinweg geprüft und erprobt wurden, und zu sagen: „Ich werde einfach mal versuchen, ein bisschen mehr Mitgefühl an den Tag zu legen“ oder: „Ich werde es mal etwas langsamer angehen lassen und mein Leben genießen.“ Dich musst du nicht ändern. Du bist großartig. Dieses Buch befasst sich einfach nur damit, wie du dein Leben voll auskosten kannst.

Wir erkunden zusammen die Vier Würden von Shambhala und die drei Yanas (Fahrzeuge) des traditionellen tibetischen Buddhismus. Ich werde dir zwar offenlegen, was ich weiß, aber alles Übrige liegt bei dir. Du selbst bist die Person, die sich aufmachen muss, ihr Leben mit Achtsamkeit und Mitgefühl zu leben. Und das weißt du bereits. Schließlich kommt wahre Weisheit aus dir selbst. Dieses Buch gibt dir nur eine Reihe von Werkzeugen dafür an die Hand, dir Zugang zu dieser Weisheit zu verschaffen. Wir werden uns mit einfachen Praktiken, Ratschlägen und Lehren befassen, die dir dabei helfen können, dich nach deinem persönlichen moralischen Kompass auszurichten, nach der Erhabenheit deines eigenen Herzens.

Wenn du also mehr im „Jetzt“ sein willst, lies dieses Buch. Wenn du die Welt ändern willst, lies dieses Buch. Wenn du meditieren willst, aber immer noch Lust auf einen ordentlichen Drink hast, lies dieses Buch. Ich habe es für dich geschrieben. Wenn du damit fertig bist, lass mir ruhig ein paar Zeilen zukommen. Ich möchte wirklich gerne wissen, was du davon hältst.

LODRO RINZLER

TEIL EINS: NIMM DICH ERST MAL ZUSAMMEN

1. Dein Leben ist ein Spielplatz

Solange du den Feind deines eigenen Ärgers
nicht gebändigt hast, werden sich äußere Feinde
lediglich vermehren, wenn du sie bekämpfst.
Daher besteht die Praxis eines Bodhisattva darin,
den eigenen Geist mit einer Armee aus liebender Güte
und Mitgefühl zu zähmen.

_ Ngulchu Thogme

Als ich klein war, hatte ich einen Wecker in Gestalt eines japanischen Samurai mit einem Schwert in der Hand und einer Uhr im Bauch. Im Laufe der zehn Jahre, die er funktionierte, wachte ich jeden Morgen durch den Lärm eines Kriegers auf, der auf Japanisch „Wach auf! Wach auf! Es ist Zeit für die Schlacht!“ schrie.

Für die meisten von uns fühlt sich das Leben wie eine Schlacht an. Unser erster Reflex am Morgen ist es, uns zu schützen und uns tiefer unter die Bettdecke verkriechen zu wollen, anstatt uns dem Tag zu stellen. Das liegt daran, dass wir unsere alltäglichen Abläufe oft lediglich als Maßnahmen ansehen, um irgendwie durchs Leben zu kommen – Rechnungen zu zahlen, eine Liebesbeziehung zu finden, unsere Freundschaften und unser Familienleben zu pflegen. Und am Ende des Tages sind wir dann erschöpft von unseren Bemühungen, all das auf die Reihe zu kriegen.

Wir verwenden ungeheuer viel Energie darauf, ständig Schritt zu halten mit den Nachrichten auf unseren Anrufbeantwortern und in unseren Mailboxen, mit unseren E-Mails, unseren Werbe- und Postwurfsendungen und unseren Rechnungen. Oft bringen uns auch unsere männlichen und weiblichen Kontakte ganz schön ins Schwitzen. Anstatt diesen unterschiedlichen Aspekten unseres Lebens mit einem offenen Geist zu begegnen, schleppen wir uns durch sie hindurch und klammern uns an unsere Fluchtwege: Wir kauen auf den Nägeln herum, trinken Bier, haben Sex, shoppen online oder gehen ins Fitnessstudio. Einige von uns beherrschen vielleicht sogar Multitasking und erledigen alles gleichzeitig. Wir wissen: Selbst wenn wir uns noch so viel Mühe geben, wird am Ende des Tages immer noch irgendwas übrig sein, das wir erledigen sollten. Andererseits haben wir uns kaum Zeit dafür genommen, für uns selbst zu sorgen.

Genau an diesem Punkt setzt Meditation ein. Beim Üben von Meditation geht es vor allem darum zu lernen, gegenwärtig zu sein und die Welt um uns herum zu würdigen. Das hilft uns dabei, die Welt nicht als ein Schlachtfeld zu betrachten, sondern als fruchtbaren Boden zum Üben von Wachsamkeit und Offenherzigkeit. Buddhistische Lehren zeigen: Das Einzige, was uns davon abhält, in unserer Welt wirklich gegenwärtig zu sein, ist das strikte Festhalten an unserer gewohnten Sicht der Dinge.

Die meisten von uns geleitet ein fester Ablauf durch den Tag. Irgendwann einmal haben wir diese Routine zu einer Lebenseinstellung erstarren lassen. Nun stellt sich die Frage: „Funktioniert das denn überhaupt?“ Es kommt durchaus vor, dass wir Tag für Tag immer ruheloser werden, mit unseren ewig gleichen Abläufen, unserem Job, derselben Beziehung, den ewig gleichen Treffpunkten, Marotten und Komplexen, und dass wir uns nach einer radikalen Veränderung sehnen. Doch es ist nicht unbedingt unsere Welt, die problematisch ist; es ist unsere Sichtweise. Es heißt, Erleuchtung sei nichts anderes, als die Dinge so zu sehen, wie sie sind, bevor wir sie mit unseren Hoffnungen und Ängsten einfärben. Wenn wir unsere Vorstellung davon, wie die Dinge sein sollten, einfach ein wenig lockern und sie so anerkennen könnten, wie sie sind, dann würde sich die Welt auf magische Weise in ein fruchtbares Feld voller Möglichkeiten verwandeln.

Im Laufe der Jahre, in denen ich Buddhismus gelehrt habe, hat mich immer die unglaubliche Vielfalt von Menschen beeindruckt, die an die Türen von Meditationszentren klopfen. Lässt man ethnische Zugehörigkeit, Alter oder Gesellschaftsschicht mal beiseite, so scheint der alle einende Faktor zu sein, dass niemand von ihnen mit dem aktuellen Stand seines Lebens vollkommen zufrieden ist. In den meisten Fällen haben sie bereits alles andere ausprobiert, um ihr Leben erfüllter zu gestalten – die neue Droge, den neuen Job, das neue Auto, die neue Affäre –, und dennoch hat ihnen nichts davon ein Glücklich-bisans-Ende-aller-Tage-Szenario beschert.

Das buddhistische Wort für den Kreislauf des Leidens, in dem wir uns befinden, ist samsara. Samsara schließt alles ein – von Problemen mit einer eingerissenen Nagelhaut bis hin zum Verlust eines geliebten Freundes oder Familienmitglieds. Es ist die Tatsache, dass wir uns nach dem sehnen, was wir nicht haben. Und das macht uns unglücklich. Bekommen wir aber, wonach wir uns gesehnt haben, ist es Fakt, dass wir bereits an das Nächste denken, mit dem wir uns die Zeit vertreiben könnten.

Samsara wird von Hoffnung und Furcht angetrieben. Wir hoffen, unsere Arbeit gut zu machen, fürchten aber, unseren Chef zu verärgern. Wir hoffen, zum Strand gehen zu können, befürchten aber Regen. Extreme Hoffnung und Furcht können ein Erlebnis manchmal schon dadurch ruinieren, dass wir ungeheuer viel Zeit damit verbracht haben, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, was denn wohl alles passieren könnte. Wenn sie einmal erkannt haben, dass äußere Faktoren wohl kaum beständiges Glück bringen werden, fühlen sich die meisten Leute zwar angespornt, im Inneren nach einem Wandel zu suchen, doch die meisten von uns haben nicht die geringste Ahnung, wo sie damit anfangen sollen.

Über eben diese grundsätzliche Unzufriedenheit lehrte uns Buddha etwas, als er seinen Mund zu seinem allerersten Vortrag überhaupt aufmachte. Er sagte nicht: „Leute, hier ist der Plan. Befolgt X, Y, Z – und auch ihr werdet genauso strahlen wie ich.“ Stattdessen sagte er: „Hört mal, Leute. Ihr seid doch unglücklich, oder? Dann lasst uns das doch mal analysieren.“ Dann ging er dazu über aufzuzeigen, dass wir leiden, weil wir nicht viel darüber wissen, wer wir eigentlich sind. Die gute Nachricht ist: Man kann einen Schlussstrich unter dieses ganze Syndrom des ruhelosen Lebens ziehen. Buddha stellt uns eine Methode vor, nach der wir uns selbst erkunden und unseren eigenen Weg zur Erweckung unseres Herzens und Geistes finden können. Dieser Weg ist der Weg der Meditation und des Wohlverhaltens.

Meditation ist ein einfaches Werkzeug zur Selbstreflexion, das allerdings eine enorme Kraft besitzt. Meditation bietet dir zwar kein Allheilmittel, um dein Leben umzukrempeln, doch sie hat wirklich die Macht, deinen Geist und dein Herz zu wandeln und sie weiter auszudehnen, damit sie auch den Hindernissen einen Platz bieten können, denen du dich täglich gegenübersiehst. Je mehr dein Geist und dein Herz in der Lage sind, sich auszudehnen, desto größer wird deine Fähigkeit, dich mit deiner Welt zu befassen, ohne dein Leben als ein Schlachtfeld zu empfinden.

Wenn Leute mit Meditation beginnen, durchlaufen sie drei Phasen. Die erste Phase könnte man mit „Wo kommen bloß all diese Gedanken her?“ beschreiben. Wir sind derart an unsere hektische Lebensweise gewöhnt, dass uns die einfache Handlung, uns hinzusetzen, um zu meditieren und mit unserem Atem präsent zu sein, bereits zeigt, dass ein Wasserfall von Gedanken in Lichtgeschwindigkeit durch uns hindurchstürzt. Niemals zuvor haben wir uns die Zeit genommen, nach innen zu schauen, und es ist schockierend, sich der permanent verändernden Gefühlsschwankungen von Leidenschaft, Ärger, Verwirrung, Einsamkeit sowie zahlreicher Variationen davon in unserem Kopf bewusst zu werden.

Die grundlegende Meditationstechnik besteht darin, eine aufrechte Haltung einzunehmen, uns mit unserem Körper zu verbinden und unseren Geist auf den Atem zu richten. Der Atem dient als Anker, der uns genau in diesem Augenblick hält, in der gegenwärtigen Erfahrung. Das klingt eigentlich recht einfach, doch nach ein paar Augenblicken bemerken wir schon, wie unser Geist allmählich zu einer Unterhaltung abschweift, die wir früher am Tag geführt haben, oder eine Liste von Dingen aufstellt, die wir zu erledigen haben, sobald wir mit dem Meditieren fertig sind. Wenn solche Gedanken aufkommen, sind wir angewiesen, sie wahrzunehmen und weder als gut noch als schlecht zu bewerten und unsere Aufmerksamkeit wieder dem körperlichen Gefühl des Atems zuzuwenden. Wenn es uns hilft, können wir im Geiste sogar „Denken“ zu uns selbst sagen, um wahrzunehmen, dass wir gerade nicht irgendetwas ganz Schlimmes tun und einfach wieder zum Atem zurückkehren können.

Im Laufe einer halbstündigen Meditationssitzung können wir eine ganze Menge verschiedenster Gedanken haben. In dem „Wo kommen bloß all diese Gedanken her?“-Stadium sind die Leute oft frustriert, weil sie glauben, dass sie einfach keine Fortschritte machen oder dass Meditation bei ihnen nicht funktioniert. Meditation hat in den letzten paar Tausend Jahren bei zahlreichen normalen Leuten, die schließlich Meditationsmeister wurden, funktioniert, aber höchstwahrscheinlich bist gerade du ein hoffnungsloser Fall, nicht wahr?

Eine der schönen Sachen am Buddhismus ist, dass er Buddha nicht als einen Gott oder als göttliches Wesen verehrt, sondern ihn stattdessen als Beispiel für einen gewöhnlichen Menschen ganz wie du und ich feiert, der sich mit einer gesunden Portion Disziplin und Sanftmut seiner Meditationspraxis widmete und als Ergebnis davon seinen Geist und sein Herz in ganz großem Stil öffnete.

Als Buddha noch ein Twen war, war er kein großer erleuchteter Meister. Sein Name war Siddhartha Gautama und er wohnte noch im Haus seines Vaters. Er hatte bereits in sehr jungen Jahren geheiratet, und bevor er und seine Frau sich versahen, kam auch schon ein Sohn. Zudem stellte er gerade fest, wie abgeschottet er aufgewachsen war, denn erst als er die zwanzig bereits überschritten hatte, begegnete er dem Leiden – in Form von Krankheit, Alter und Tod. So ähnlich wie den meisten von uns in diesem Alter gefiel ihm nicht, was er in der Welt so sah, und er bemühte sich darum, einen Weg zu finden, es zu ändern.

Siddhartha Gautama, der meiner Vorstellung nach von engen Freunden und der Familie „Sid“ genannt wurde, fühlte sich dazu angespornt, fernab von zu Hause einen spirituellen Weg einzuschlagen. Er trieb es damit bis zum Äußersten, indem er im Namen der Heiligkeit hungerte und unter härtesten Bedingungen sein Dasein fristete, als sehne er sich nach einer radikalen Abkehr von seinem Aufwachsen in Bequemlichkeit. Schließlich wurde ihm klar, dass er einen mittleren Weg beschreiten konnte, indem er sich weder zu sehr gehen ließ noch sich zu sehr kasteite; ein Weg, auf dem er gut zu sich selbst sein, gewissenhaft Meditation üben und ein erhabenes Leben führen konnte. Erst dann war er dazu in der Lage, Erleuchtung zu erlangen.

Jedes Mal, wenn Leute in ihrer „Wo kommen bloß all diese Gedanken her?“-Phase mich fragen, was sie mit ihrer Meditationspraxis anstellen sollen, erinnere ich mich daran, was meine Lehrer mir immer sagten: „Weitersitzen.“ Das ist nicht irgendein Trip, bei dem es darum geht, zuversichtlich zu sein, weil ein Typ namens Sid vor 2600 Jahren das getan hat – oder weil wir uns Leute innerhalb von Meditationsgemeinschaften anschauen und sehen können, dass andere aus dieser Praxis riesigen Nutzen gezogen haben. Wir können nämlich einfach die Auswirkungen des Meditierens bei uns selbst beobachten.

Als Buddha die Erleuchtung erlangte, nahm er zu ein paar engen Freunden Kontakt auf, mit denen er in der Vergangenheit meditiert hatte. Statt sich ihnen mit einer Mentalität von „Ich hab’s durchschaut, kommt, ihr könnt jetzt was von mir lernen“ zu nähern, sagte er einfach nur: „Kommt und seht selbst.“

Meditation ist ein Weg der Selbstfindung. Wenn wir Buddhas Rat und dem anderer großer Lehrer aus der Vergangenheit folgen und immer weiter Meditation üben, bewegen wir uns allmählich davon weg, uns so zu fühlen, als würden wir von einem Wasserfall aus Gedanken erschlagen. Stattdessen fühlt es sich vielleicht so an, als stünden wir inmitten eines reißenden Gedankenflusses. Das ist kein schlechter Anfang. Im Laufe der Zeit und Übung fühlt es sich dann so an, als strömten die Gedanken eher im Tempo eines plätschernden Baches oder sanften Stroms auf uns ein, was schließlich zum erwachten Geist führt – einem großen, weiten Teich, auf dem sich nicht die geringste Welle regt.

Der schrittweise Prozess der Gewöhnung daran, während der Meditationspraxis immer wieder zum Atem zurückzukehren, erzeugt allmählich einen gewissen geistigen Raum, der sich im Laufe der Zeit ganz selbstverständlich auch in unserem Alltag manifestiert, ohne dass wir irgendetwas dafür „tun“ müssten. In unserer Meditationspraxis lernen wir, unsere Gedanken wahrzunehmen, ohne uns nach ihnen zu richten. In einer Welt, wo eine einzige wütende E-Mail oder ein Druck auf die „Löschen“-Taste auf dem Handy eine ganze Beziehung beenden kann, ist das unglaublich nützlich.

Während einer Meditationssitzung stellen wir möglicherweise fest, dass wir wütend auf einen Arbeitskollegen oder Klassenkameraden sind. Wir hangeln uns durch eine Reihe imaginärer Unterhaltungen mit der entsprechenden Person und sagen ihr jedes Mal auf unterschiedliche Weise ordentlich die Meinung. Wir analysieren ganz genau, welches Unrecht sie uns in der Vergangenheit angetan hat, und überlegen uns, wie wir das wettmachen können. Jedes Mal, wenn wir uns während unserer Meditationspraxis dabei ertappen, nehmen wir das wahr, benennen es als „Denken“ und kehren zum Atem zurück. Das kann dann wie folgt aussehen:

„Brett ist echt ein Arschloch.“

„Denken.“ Zurück zum Atem.

„Brett hat sich ja heute Morgen echt Mühe gegeben,

mir den Tag zu versauen. Ich wette, er hatte vor, …“

„Denken.“ Zurück zum Atem.

Indem wir diese simple Übung – Raum zuzulassen – auf dem Meditationskissen wiederholen, bereiten wir uns darauf vor, mit diesem Gefühl und dieser Person in unserem täglichen Leben umzugehen. Man nennt es „Meditationsübung“, weil wir während der Meditation üben, mit unserem Erleben präsent zu sein, und sich diese Übung auf die dreiundzwanzigeinhalb Stunden auswirkt, innerhalb deren wir nicht ausdrücklich meditieren. Das nächste Mal, wenn wir Brett begegnen, entdecken wir hoffentlich, anstatt auf unsere gewohnheitsmäßige Reaktion zu verfallen und uns mit ihm anzulegen, eine kleine Lücke freien Raums – eine Chance, nicht so zu reagieren, wie wir es in der Vergangenheit immer getan haben. Wir können einfach präsent sein, egal was für eine Situation sich auch ergeben mag.

Wenn wir eine solche Erfahrung machen, sind wir möglicherweise schon zur zweiten Stufe fortgeschritten, der „Dieses Zeug bringt mir ja tatsächlich was“-Phase. Wir freuen uns ein wenig darüber, dass Meditation uns allmählich Zugang zu größerer Weite und Ausdehnung in unserem Geist und unserem täglichen Leben verschafft. Das liegt daran, dass es bei der Meditationspraxis nicht darum geht, irgendeiner Idealversion davon nachzueifern, wer wir sein sollten, sondern einfach nur darum, bei uns selbst und unserem Erleben zu bleiben, wie immer das auch aussehen mag.

Die dritte Phase könnte man als die „Meditation ist wie Crack“-Stufe bezeichnen. Wir haben gesehen, dass wir mehr Spielraum um die Gedanken und starken Gefühle, die während unserer Meditationsübung auf uns wirken, erzeugen können und auf diese Weise zugänglicher dafür werden, uns in unserem täglichen Leben voll auf die jeweilige Situation einzulassen. Das fühlt sich gut an. So gut, dass wir diesen Weg weiter erkunden wollen – in der Hoffnung, schließlich uns selbst, unserem Alltag und der Welt um uns herum zu etwas gesundem Menschenverstand verhelfen zu können.

Doch genauso, wie Buddha – unser Paradebeispiel – viele Jahre dafür gebraucht hat, eine Technik zu finden, die bei ihm funktionierte, können wir nicht erwarten, dass Meditation unser Leben über Nacht verändert. Wenn du deinen Körper in Form bringen willst, erwartest du ja auch keine drastischen Veränderungen nach ein paar Tagen Laufen oder einem langen Wochenende im Fitnessstudio. Stattdessen gehst du es in kleinen Schritten an, gewöhnst dich erst einmal an die Gewichte und Geräte und baust deine Kraft Trainingseinheit für Trainingseinheit über einen längeren Zeitraum hinweg auf. Und jedes Mal, wenn du dazu in der Lage bist, dich noch ein klein wenig weiter anzutreiben, fühlst du dich beflügelt.

Die gleiche Regel kommt bei unserem Geist in der Meditation zur Anwendung. Wir können nicht erwarten, uns fünf Stunden hinzusetzen und erleuchtet zu werden. Ebenso wenig sollten wir eine Woche lang fünfzehn Minuten am Tag sitzen und es dann aufgeben, weil wir nicht das Gefühl haben, vernünftiger oder offenherziger zu sein als vorher. Sitzung für Sitzung bauen wir allmählich die geistige Flexibilität und Offenheit auf, die unseren Geist ertüchtigt und stark macht. Zunächst müssen wir damit anfangen, unseren Geist regelmäßig in kurzen Sitzungen zu üben, um dadurch den inneren Halt aufzubauen, der sich schließlich auch auf den Rest unseres Lebens auswirkt.

Ich glaube, letzten Endes will jeder Mensch, der sich von einem spirituellen Leben angezogen fühlt, für die Welt von Nutzen sein. Kein Mensch hat sich dieses Buch zugelegt, weil er ein besseres Auto oder einen attraktiveren Partner will. Wir wollen lernen, geistig gesund zu sein, in unserem Alltag unser Herz weiter zu öffnen und in einer immer chaotischeren Welt Vernunft und Mitgefühl zu kultivieren. Der erste Schritt ist es, uns unseren geistigen Dämonen zu stellen, indem wir uns selbst in der Meditation kennenlernen. Wir müssen erst einmal mit uns selbst Freundschaft schließen und uns selbst lieben – so abgedroschen das auch klingen mag – um überhaupt dafür zugänglich zu sein, die Welt zu lieben.

Der Samurai-Wecker zeigt einen der Wege auf, wie wir an unseren Tag herangehen können. Wir können jeden Morgen aufwachen und denken: „Es ist Zeit für die Schlacht. Ich gegen die Welt.“ Um zu gewinnen, können wir auf der Arbeit rücksichtslos sein, Gehaltserhöhungen und Beförderungen kassieren, uns die schärfsten neuen Technik-Spielzeuge zulegen und ein Supermodel heiraten. Diese Herangehensweise wird schnell fade und stressig, denn wir strampeln uns ständig ab, um die neue Sprosse auf unserer Karriereleiter zu erklimmen; unsere Spielzeuge sind innerhalb weniger Monate veraltet, und zu guter Letzt hält das blendende Aussehen unseres Partners auch nicht ewig. Unseren Tag als Schlacht zu betrachten schneidet uns von der Welt um uns herum ab und erzeugt den Anschein, als sei unser Alltag etwas, das wir erobern, unterwerfen oder einfach nur überleben müssten.

Du kannst dein Leben aber auch als ein fruchtbares Feld reichhaltiger Gelegenheiten ansehen. Wenn der Wecker angeht, kannst du dir eine Minute Zeit nehmen, um dir alles, was du in deinem Leben hast, durch den Kopf gehen zu lassen – deine Freunde, deine Familie, was auch immer dir etwas bedeutet – und es zu würdigen. Wenn du dich danach in deinen Tag begibst, könntest du dir ein wenig Zeit zum Meditieren nehmen und feststellen, wie das bisschen Zeit, das du dir für dich nimmst, dir ein Gefühl von mehr innerem Raum und größerer geistiger Weite verleiht.

Tust du das, wirst du wahrscheinlich entdecken, dass die Welt, die dir zuvor so einschüchternd vorkam, so bekämpfenswert, gar nicht so schwierig ist, solange du einfach mal nicht deine festgefahrenen Leidenschaften, Aggressionen und Verwirrungen in jedes Szenario hineinträgst und stattdessen jede neue Situation mit freiem Raum erfüllst. Je weniger wir an unsere festgelegte Version davon glauben, wie die Dinge sein sollten, desto mehr können wir uns auf die tatsächliche Beschaffenheit der Dinge einlassen. Sind wir dazu fähig, so ist unser Leben keine Schlacht, sondern ein Spielplatz, auf dem wir uns austoben können.

2. Lache über die Show, die dein Geist aufführt

Bevor wir uns auf den Weg machen, unsere Weisheit und unser Mitgefühl zu entwickeln, müssen wir erst einmal die Grundlagen erlernen. Wir müssen lernen, mit unserem eigenen Geist zu arbeiten. Die in diesem Kapitel vorgestellte Meditationstechnik wird üblicherweise als shamatha bezeichnet. Shamatha ist ein Wort aus dem Sanskrit, das man als „ruhig verweilend“ übersetzen kann. Das klingt doch recht ansprechend, oder? Vielleicht führt allein schon der Akt, dir etwas Zeit fernab deiner hektischen Alltagsroutine zu nehmen, eine beruhigende Wirkung herbei.

Doch ich sollte die Karten offen auf den Tisch legen: Meditation fühlt sich nicht immer ruhig an. Wenn du mit dem Meditieren anfängst, wirst du feststellen, dass Shamatha die schockierende Nebenwirkung hat, dir sämtliche Aspekte deines Geistes wie auf einer Filmleinwand vorzuführen. Deine Hoffnungen, Ängste und wildesten sexuellen Fantasien laufen in einer Endlosschleife deines Geistes vor dir ab. Nachdem du mit dieser Schleife eine Weile herumgesessen hast, wirst du wahrscheinlich bemerken, dass sie eigentlich ziemlich öde ist und sich ständig wiederholt. Sie war übrigens immer schon da. Du hast sie dir nur noch nie zuvor unmittelbar angesehen.

Den Geist mit Shamatha trainieren

Shamatha übt den Geist darin, immer zu dem zurückzukehren, was gerade jetzt passiert. Wenn du dir die Show deines Geistes anschaust und darin zu einer Szene umgeblendet wird, wie du in der Karibik an einem tropischen Strand einen Drink süffeln und mit den Zehen im Sand wühlen könntest, fällt dir vielleicht auf: „Hey! Das ist doch gar nicht meine Wirklichkeit. Meine Wirklichkeit ist diese viel zu beengte Wohnung, leichte Rückenschmerzen und ein umherschweifender Geist.“ Ob du’s glaubst oder nicht, das ist etwas Gutes. Zu bemerken, dass du in Gedanken versunken bist, ist der erste Schritt dazu, regelmäßig zur Gegenwart zurückzukehren.

Es ist ein wenig so wie der erste Schritt im Programm der Anonymen Alkoholiker, wo man sich eingesteht, dass man dem Alkohol gegenüber machtlos ist. Hier sagst du: „Ich bin dieser eigenartigen Vorführung von Gedanken und Gefühlen, die vor mir abläuft, machtlos ausgeliefert.“ Doch genau wie bei den Anonymen Alkoholikern gibt es eine Methode, an Macht zu gewinnen, und zwar durch beständige sanfte Rückkehr zu etwas anderem als der Macht deiner Gewohnheit.

Shamatha-Meditation zu lernen ist so, wie ein Schwert zu führen: Du kannst diese diskursiven Schleifen, die sich in deinem Geist abspielen, genauso leicht durchschneiden wie ein Stück Papier. Indem du ständig zu deinem Atem zurückkehrst, lernst du, dass du dem neuesten Drama des Tages nicht auf den Leim gehen musst. Stattdessen kannst du Verbindung mit dem friedlichen Element hinter dem ganzen Wahnsinn aufnehmen: deiner eigenen angeborenen Weisheit.

Meditation wird von Traditionen in der ganzen Welt praktiziert. Sie ist an und für sich keine buddhistische Praxis, oder auch nur eine religiöse Praxis, und sie existiert schon seit Jahrhunderten. Der einzige Grund, aus dem du und ich Meditation praktizieren sollten, ist, dass unser Freund Sid sie als ein Werkzeug zur Entdeckung seiner angeborenen Weisheit verwendete und daraufhin glücklich bis ans Ende seiner Tage lebte. Auch wir können Kontakt zu der Weisheit hinter unserer Verwirrung aufnehmen. Auch wir können uns die Show auf unserer Filmleinwand ansehen und sie als Illusion erkennen.

Sid ist im Allgemeinen vor allem für etwas bekannt, das als Erlangen der Erleuchtung bezeichnet wird. Was er entdeckte, ist von unzähligen Leute diskutiert und in zahlreichen Schriften dargelegt worden. Für unsere Zwecke reicht es aus, einfach zu sagen, dass er zur Wirklichkeit – so, wie sie ist – erwachte. Durch die Meditationspraxis war er dazu fähig, die ultimative Gelassenheit zu finden: die Gelassenheit, nicht ständig dem ganzen Kram Glauben zu schenken, der auf der Filmleinwand seines Geistes ablief. Er konnte stattdessen seine Aufmerksamkeit seiner inneren Weisheit zuwenden, die auch oft als Buddha-Natur oder grundlegende Güte bezeichnet wird.

Jeder und jede Einzelne von uns hat das Potenzial, ein Buddha zu sein. Auch wir besitzen die angeborene Güte, die der Buddha entdeckte. Sid entwickelte ein tiefes Vertrauen in seine grundlegende Güte, und davon ausgehend bot er diese Güte unaufhörlich an. Das ist kein schlechtes Beispiel dafür, wie Shamatha solchen Trotteln wie mir und dir helfen kann.

Vielleicht ist die höchste Erleuchtung momentan ja gar nicht dein Ziel. Das ist völlig in Ordnung. Ehrlich. Wenn du aber dein Herz weiter öffnen und lernen willst, mit heftigen, immer wieder hochkommenden Gefühlen zu arbeiten oder einfach nur Stress abzubauen, kannst du Shamatha als Werkzeug zur Schwächung deiner Sucht danach einsetzen, der endlosen Show deines Geistes Glauben zu schenken.

Lass mich einmal veranschaulichen, wie das läuft:

Wenn du zu Hause bist, füll mal ein Glas mit Wasser. Wenn nicht, benutze halt eben kurz dein Vorstellungsvermögen. Dieses kristallklare Wasser ähnelt unserem natürlichen Zustand. Es funkelt und ist durch keine einzige Welle getrübt.

Wenn du jetzt ein wenig Dreck in dein Wasserglas gibst, wird die ganze Angelegenheit schon schmutziger. Vor allem, wenn du einen Löffel nimmst und den Dreck damit aufwirbelst. Probier’s mal aus!

Dieser Wirbelsturm aus Dreck ist ein Symbol dafür, wie wir täglich mit unserem Geist umgehen. Wenn ein starker Gedanke oder eine heftige Emotion aufkommt, spinnen wir ihn oder sie zu tausend verschiedenen Szenarien aus. Einer der Dreckklumpen könnte zum Beispiel „Was meinte Laura wohl mit dieser komischen E-Mail?“ sein, und der darum herumwirbelnde Schmutz stünde für die zwölf verschiedenen Szenarien in Bezug darauf, was sie wohl denkt, wie wir reagieren werden, wem wir davon erzählen sollen und so weiter. Wenn wir unsere geistige Energie darauf verwenden, diese „Waswäre-wenns“ aufzuwirbeln, verschlammt unser Geist.

Okay, jetzt hör mal auf zu rühren. Schau dir an, wie sich der Schmutz auf dem Boden absetzt. Während der Schmutz nach unten sinkt, kehrt das Wasser allmählich zu seinem natürlichen sauberen und klaren Zustand zurück. Auf die gleiche Weise ist unser Geist die Kulisse, vor der diese heftigen Emotionen und Gefühle ihre Show abziehen. Aber egal, was da abgeht, unser Geist bleibt von Natur aus brillant und lebendig. Er ist von Grund auf gut. Wenn wir nicht auf unsere regelmäßig wiederkehrende Show aus Gedanken, Gefühlen und Emotionen hereinfallen, entdecken wir, wie erfrischend es ist, mit unserer angeborenen Weisheit präsent zu sein.

Meditationstipps

Hier ein paar Ratschläge, wie wir allmählich lernen können, unseren geistigen Rührlöffel abzulegen und mit unserer eigenen grundlegenden Güte in Berührung zu kommen.

Platz

Um zu Hause zu meditieren, musst du dir einen Platz dafür einrichten. Es ist wichtig, dir einen festen, bequemen, ruhigen und sauberen Ort auszusuchen. Wenn du kein Plätzchen finden kannst, das alle vier Eigenschaften vereint, versuche halt, eines zu finden, das zumindest ein paar davon besitzt. Einige Leute kaufen sich Meditationskissen im örtlichen Meditationsbedarf, während andere lieber eine Decke auf den Fußboden legen und ein Couch- oder Kopfkissen daraufwerfen. Falls du Rückenprobleme hast, solltest du vielleicht besser einen Stuhl benutzen.

Richte dir einen Platz nach deinem Geschmack ein, den du als aufbauend und geräumig empfindest. Es ist nicht zwingend notwendig, diesen Ort völlig gegen Geräusche abzuschotten, doch die Idee ist, dass der Ort dich anziehen sollte und du dort eine Weile lang sitzen kannst, ohne abgelenkt zu werden. Setze dich nicht vor deinen Computer oder den Fernseher, selbst dann nicht, wenn sie ausgeschaltet sind. Du kannst dich aber ruhig vor eine Wand oder ein Fenster setzen.

Körper

Nimm auf deinem Kissen oder Stuhl Platz. Wenn du auf einem Kissen sitzt, lege deine Beine locker über Kreuz. Sitzt du auf einem Stuhl, stelle beide Füße fest auf den Boden. In der Haltung, die du zum Meditieren einnimmst, solltest du dich im Gleichgewicht und in gutem Kontakt mit dem Boden befinden.

Diese starke Basis erlaubt es dir, dich gerade und aufrecht hinzusetzen (genauso wie deine Mutter sich das immer von dir gewünscht hat). Wenn dieses gedankliche Bild dir hilft, stelle dir einen Bindfaden vor, der am höchsten Punkt deines Kopfes befestigt ist und dich gerade nach oben zieht, wodurch sich deine Wirbelsäule streckt. Zwinge deinen Körper zu nichts und berücksichtige seine natürliche Krümmung. Entspanne Arme und Schultern. Buddha lehrte einst einen Musiker, der seine Meditationspraxis extrem verkrampft anging. Unser Freund Sid sagte zu ihm: „Erkläre mir doch noch mal, wie du dein Instrument stimmst. Wie sollte man die Saiten spannen?“

Der Musiker antwortete: „Nicht zu fest und nicht zu locker.“

Sid sagte: „Genau. Meditiere auch so.“

Wenn du deine Meditationshaltung einnimmst, behalte diesen Rat im Kopf. Verkrampfe deine Muskeln nicht und lass dich nicht wie ein nasser Sack hängen. Finde deinen eigenen Mittelweg.

Lass die Arme locker neben dem Körper hängen. Nun beuge die Ellbogen, ohne die Oberarme dabei zu bewegen, und hebe die Hände. Lege deine Hände mit nach unten zeigenden Handflächen auf deinen Oberschenkeln ab. Das dürfte ein bequemer Ablageplatz für sie sein.

Lass deinen Kopf sanft auf deiner Wirbelsäule ruhen und ziehe ganz leicht das Kinn an. Entspanne deine Gesichtsmuskeln im Bereich von Augen, Nase und Kiefer. Wenn sich dadurch dein Mund öffnet, ist das prima. Wenn es dir hilft, kannst du die Zunge an den Gaumen legen.

Noch eine Sache zur Haltung: Lass deine Augen geöffnet. Einige Meditationsrichtungen befürworten, die Augen zu schließen, während andere sich dafür aussprechen, sie aufzulassen. Ich schließe mich letzterer Richtung an. Wenn deine Meditationspraxis das Ziel hat, in der Gegenwart zu bleiben, ist das ein gutes Stück einfacher zu bewältigen, wenn du nicht vorsätzlich einen deiner Sinne ausschaltest. Außerdem passiert es auch schnell mal, dass Leute beim Meditieren einschlafen. Versuche also, deine Augen geöffnet zu halten und deinen Blick, ohne ihn auf etwas zu konzentrieren, so etwa einen guten halben bis knappe anderthalb Meter vor dir auf dem Boden ruhen zu lassen.

Atem

Das Objekt unserer Meditationspraxis ist der Atem. Zunächst einmal müssen wir unseren Atem nicht erzwingen; er kommt ganz natürlich, daher ist es einfach, sich auf ihn einzustellen. Der stetige Rhythmus des Atems beruhigt den Geist. Außerdem findet der Atem im Jetzt statt. Der Atem ist immer jetzt. Und da der Atem zudem auch noch immer frisch ist, kann er uns hervorragend im gegenwärtigen Augenblick verankern.

Richte deine Aufmerksamkeit auf die körperliche Wahrnehmung deines Einatems sowie deines Ausatems. Versuche nicht, deinen Atem irgendwie zu beeinflussen. Lass ihn einfach so geschehen wie immer.

Geist

Du wirst zwangsläufig von deinem Atem abgelenkt werden. In deinem Geist wird plötzlich irgendeine ganz dringende Angelegenheit auftauchen, und entweder wirst du vom Meditationskissen aufspringen wollen, um dich um sie zu kümmern, oder im Sitzen versuchen, sie zu klären. Vielleicht fällt dir auch auf, dass du ein Telefongespräch, das du vor zwanzig Minuten geführt hast, noch einmal im Geist durchgehst oder hin und her überlegst, was du deiner morgigen Verabredung von dir erzählen willst.

Keine Sorge, jeder Meditierende in der Geschichte der Meditation hat sich mit genau diesem Problem rumgeschlagen. Ich bin mir ganz sicher, dass auch Sid sich im „Wo kommen bloß all diese Gedanken her?“-Stadium gefragt hat, was es wohl zum Abendessen geben würde.

Wenn du feststellst, dass du dich in Gedanken, Gefühlen oder Fantasien verlierst, solltest du einfach zum Atem zurückkehren. Wenn es dir hilft, kannst du „Denken“ zu dir sagen, um dich daran zu erinnern, dass du tatsächlich gerade denkst. Du bewertest deine Gedanken nicht als gut oder schlecht, sondern erinnerst dich bloß daran, dass du eigentlich deine Aufmerksamkeit wieder deinem Atem zuwenden solltest.

Falls ein Gedanke tatsächlich mal von besonderem Wert sein sollte, sei zuversichtlich – er wird in irgendeiner Form auch noch nach deiner Meditationssitzung vorhanden sein. Der Dichter Allen Ginsberg hatte immer ein Notizbuch neben seinem Meditationskissen liegen. In seinem Kopf tauchten halt ständig brillante Gedanken auf, doch sein Lehrer Chögyam Trungpa Rinpoche (der Meditationsmeister, der den Shambhala-Buddhismus in den Westen gebracht hat) stellte ihn deswegen zur Rede. Doch anstatt zu sagen: „Na klar. Schreib das nächste Geheul einfach hier und jetzt nieder“, wies Trungpa Rinpoche ihn an: „Nein. Leg es weg. Kehre zum Atem zurück.“1

Jedes Mal, wenn während der Meditation etwas scheinbar Wichtiges in meinem Geist hochkommt, denke ich kurz über diese Geschichte nach und richte anschließend meine Aufmerksamkeit wieder ganz konkret auf meinen Atem. Ganz egal, was los sein mag: Kehre zurück. Vom Kissen springen ist nicht erlaubt.

Timing

Am wichtigsten ist es, deine Meditationssitzungen kurz und regelmäßig abzuhalten. Lege fest, wie lange du sitzen willst, bevor du dich an die Arbeit begibst. Auch wenn du jeden Tag bloß zehn Minuten schaffst, tu das und bleib dabei. Mit der Meditationspraxis verhält es sich ein wenig so wie mit dem Erlernen eines neuen Musikinstruments. Wenn du dir einmal im Monat deine Gitarre schnappst und ein bis zwei Stunden spielst, lernst du zwar langsam das eine oder andere, wirst aber wahrscheinlich nach einem Jahr frustriert sein, weil du immer noch keinen kompletten Song spielen kannst. Nähmest du dir jedoch täglich zehn Minuten lang die Gitarre vor, lerntest du ein paar Akkorde vernünftig, und dann ein paar einfache Songs – wärst du in null Komma nichts Mitglied irgendeiner Garagen-Band.

Das Gleiche gilt für Meditation. Wenn du ein bis zwei Stunden pro Monat sitzt, wird das wohl kaum eine spürbare Wirkung auf dich haben. Sitzt du hingegen zehn Minuten pro Tag, wirst du dich mit der Zeit ans Meditieren gewöhnen und bemerken, wie seine Auswirkungen allmählich auch dein übriges Leben durchdringen.

Meditation bringt Achtsamkeit hervor. Das bedeutet ganz einfach, dem Aufmerksamkeit zu schenken, was gerade abläuft. Wir beginnen damit, dass wir uns zunächst ansehen, was in der wilden Show auf der Filmleinwand, die unser Geist ist, abgeht. Wir nehmen es wahr und benutzen Shamatha, um unsere Neigung dazu, uns ständig in irgendwelche Szenarien hineinziehen zu lassen, zu durchtrennen.

Wenn sich unser Geist allmählich stabilisiert, bemerken wir, dass unsere Meditationspraxis nach und nach angenehmer wird. Wir können die Show auf der Leinwand mit einem gewissen Sinn für Humor betrachten. Was sich einst als ein komplettes Drama darstellte, ist nun eine Komödie. Es ist nicht so, dass die Handlung sonderlich anders wäre; noch immer spüren wir unseren Impuls, uns über jemanden aufzuregen oder den Ablauf unserer nächsten Verabredung vorab in Gedanken durchzuspielen. Der einzige Unterschied liegt darin, dass wir ihm nicht mehr machtlos ausgeliefert sind und unsere Aufmerksamkeit woandershin richten können. Wir können unsere Aufmerksamkeit nun darauf lenken, mit unserer grundlegenden Güte in Berührung zu kommen. Wir können über die Show lachen, die unser Geist aufführt, und müssen sie nicht mehr so ernst nehmen.

Wenn wir an diesem Punkt anlangen, beginnen wir damit, auf unsere Meditationspraxis zu vertrauen, weil wir bereits von ihr profitieren. Dann stehen wir bereits in Verbindung mit unserer grundlegenden Güte, und wir können allmählich auch die Güte in der Welt erkennen, die uns umgibt.

1) Der deutsche Titel des berühmten Gedichts Howl von Allen Ginsberg lautet Das Geheul.