image

DAS EINFACHE LEBEN

VOM GLÜCK DES WENIGEN

JOHN LANE

image

image

DAS EINFACHE LEBEN

VOM GLÜCK DES WENIGEN

JOHN LANE

image

Copyright der deutschen Ausgabe: Aurum
in J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld

Vollständige eBook-Ausgabe der bei Aurum
in J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH
erschienenen Printausgabe

ISBN Printausgabe 978-3-89901-600-0
ISBN eBook 978-3-89901-688-8

Übersetzung:

Ulrich Magin

Design:

Kerstin Fiebig | ad department

Illustrationen:

Clifford Harper

Lektorat:

Otmar Fischer

Druck & Verarbeitung:

Westermann Druck Zwickau GmbH

www.weltinnenraum.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

INHALT

Einleitung

Kapitel 1 Warum freiwillig einfacher leben?

Die Suche nach persönlicher Zufriedenheit. Das Gesamtbild. Die wachsende Weltbevölkerung. Die ungleiche Verteilung des Reichtums. Die Gleichschaltung der Kulturen. Unsere Wegwerfgesellschaft.

Kapitel 2 Eine kurze Geschichte der Einfachheit

Einfachheit in der Antike. Christliche Askese. Das 19. und 20. Jahrhundert. Inspiration aus dem Osten. Einige moderne Bücher zum Thema.

Kapitel 3 Hindernisse auf dem Weg zur Einfachheit

Der Irrtum, mit Geld könne man Zufriedenheit kaufen. Einige Aspekte der Massengesellschaft. Weitere Aspekte: Massenarbeit, Freizeit und Konsum. Leben in der Stadt. Fazit.

Kapitel 4 Die Grundlagen für einen einfacheren Lebensstil

Genügsamkeit und ihr Lohn. Das Glaubenssystem überdenken. Seinem Stern folgen. Für die Erfüllung arbeiten. Auf das Unnötige verzichten. Die Geldfalle: Ausgaben verringern. Grenzen setzen. Achtsamer Konsum. Eine positive Haltung einnehmen. Entschleunigen.

Kapitel 5 Die Gaben der Einfachheit

Die Gabe, sich selbst treu zu bleiben. Gegenwärtig leben. Geschmack am Alltäglichen. Die Gabe des Ortes. Trost der Kameradschaft. Der Genuss des Sehens und Hörens. Die Gabe der Natur. Die Früchte von Spiel und Kreativität. Die Gabe des Lachens. Sich um die Seele kümmern.

Kapitel 6 Die heilige Kunst des Lebens

Imagination zu Hause. Vom Essen und Trinken. Kochen. Hausarbeit. Der Garten

Kapitel 7 Fazit

Anmerkungen / Literaturverzeichnis

DANKSAGUNG

Viele Menschen haben mich beim Schreiben dieses Buches belehrt und beeinflusst. Darunter sind die Vordenker, die ich auf den folgenden Seiten anführe, angefangen mit John Ruskin, Eric Gill und Henry David Thoreau, den ich bereits als Schuljunge las. Viele Besuche der Benediktinerabteien Quarr und Solesmes, der Gärten von Kyoto, vieler Orte in Indien und der Einfluss einiger wunderbarer Freunde haben mein Verständnis der Sache befördert, ebenso meine eigenen Schritte beim Versuch, einfacher zu leben.

Vor allem möchte ich meiner Frau Truda meinen ganz besonderen Dank aussprechen, weil sie mich beim Schreiben unterstützte und mich ertrug (und dafür, dass ich lebe, was ich lehre), sowie Satish Kumar und John Elford für ihre Unterstützung und ihr konstruktives und einfühlsames Lektorat. Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die es angeht.

HINWEIS

Ein notwendiges Wort zum komplexen Gebrauch von „er“ und „sie“ und vergleichbaren Verweisen auf die Geschlechter: Ich erachte beide Geschlechter für gleichwertig, Männer wie Frauen, um aber unbeholfene Formulierungen zu vermeiden, habe ich Wörter wie „Mann“, „er“ und „seine“ benutzt, wenn ich keine Alternative dazu fand.

Stirnrunzelnd schaute der Geschäftsmann auf den Fischer, der neben seinem Boot lag und gemütlich an seiner Pfeife zog.

„Warum bist du nicht fischen?“, fragte er.

„Ich habe heute schon genug Fische gefangen.“

„Warum fängst du nicht noch mehr?“

„Aber wozu denn?“

„Dann verdientest du mehr. Du könntest dir einen Motor für dein Boot leisten und in die tieferen Gewässer kommen, wo es mehr Fische gibt. Damit kannst du genug Geld verdienen, um dir ein Nylon-Netz zu kaufen; damit fängst du noch mehr Fische und verdienst noch mehr Geld. Bald hast du genug, um ein zweites Boot zu kaufen, dann eine ganze Flotte. Dann könntest du so reich werden wie ich.“

„Und was mache ich dann?“

„Dann kannst du dich zurücklehnen und das Leben genießen.“

„Was glaubst du denn, was ich gerade mache?“

EINLEITUNG

image

In diesem Buch geht es um das Einfache – nicht um Entbehrung, nicht um Geiz oder Selbstverleugnung, sondern um die Wiederentdeckung des Reichtums mitten im Überfluss, in einem Überfluss, in dem wir geistig verhungern. Es ist ein Buch über die Vorzüge eines Lebens, das weniger vollgestopft und gestresst ist als das, welches wir zurzeit in den überfüllten und hektischen Industriestaaten führen. Es ist ein Buch gegen die Idee eines immerwährenden Mangels, gegen die Vorstellung, dass es ständig neuen Bedarf gebe. Dieses Buch hat nichts zu tun mit dem Leben der Selbstversorger auf der Insel Innisfree1); es dreht sich jedoch alles um einen Lebensstil von weniger besitzen und mehr genießen: die Zeit zu genießen, in der man die Arbeit tut, die man liebt, Zeit mit der Familie zu genießen, Zeit zu genießen, in der man kreativ tätig ist oder ein gutes Essen zu sich nimmt. Einfach Zeit, um nur zu sein.

Es geht um zwei miteinander verwandte Themen. Zum einen ist das Leben am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht so, wie es eigentlich sein sollte. Offenbar hat unser wirtschaftlicher und technischer Fortschritt keine Gesellschaft der positiven Werte erzeugt: Ein gehobener Lebensstandard ist zu einem Instrument der Unterdrückung geworden und hat gleichzeitig nicht zu einer besseren Lebensqualität geführt. Die moderne Gesellschaft stützt das Trugbild, dass Konsum ein Beruhigungsmittel für das Unbehagen darstelle, das viele von uns befällt. Eben genau das stimmt nicht. Materielle „Lösungen“ emotionaler Probleme erzeugen den bitteren Beigeschmack persönlicher Unzufriedenheit. Ein einfacherer Lebensstil gibt uns den Raum für eine spirituelle Erneuerung.

Das zweite durchgehende Thema dieses Buches betrifft die Zukunft unseres Planeten, der Erde. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestand die Erde aus einem Gefüge von Land- und Wassermassen, in denen es von jeder Art von Leben wimmelte; unsere Enkel aber werden von uns eine Welt erben, in der nur 20 % der ursprünglichen Wälder überlebt haben, deren noch vorhandenes Trinkwasser bereits verkauft und deren Sumpf- und Auenlandschaften und Riffsysteme entweder völlig zerstört oder kaum noch zu retten sein werden. Auch jetzt sterben gerade Tausende von Tier- und Pflanzenarten aus – ein Verlust, wie ihn die Erde seit dem Untergang der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren nicht mehr erlebt hat. Früher oder später wird uns ein genügsameres Leben nicht mehr nur wünschenswert erscheinen – wir haben dann keine andere Wahl mehr.

Mittlerweile hat praktisch jeder begriffen, dass wir unsere Lebensweise ändern müssen. Viele haben das Gefühl, wir hätten das Ende einer Ära erreicht. Zu dieser Veränderung gehört, wie wir arbeiten, wie wir erfüllter leben können und uns aus der Herrschaft der globalen Unternehmen befreien, die unsere Weltwirtschaft heute steuern. Wie wir uns aus dem Mainstream der Gesellschaft zurückziehen können (zumindest bis zu einem bestimmten Grad), um ein einfacheres, erfüllteres Leben zu leben.

Diejenigen, die ihr Haus in Ordnung bringen, tun das in der Überzeugung, dass das Niveau ihrer Versorgung mit materiellen Gütern mit der Entwicklung inneren Friedens und Wachstums vereinbar bleibt. Und sie wissen, dass viele das in der Vergangenheit bereits geschafft haben. Reiner Überfluss war niemals zuvor so weit verbreitet wie heute, falls es sich nicht ohnehin um eine moderne Entwicklung handelt. Die Suche nach Einfachheit ist eine verständliche Reaktion.

Dieses Buch will die Motive dieser Menschen (und meine eigenen) beschreiben und einige praktische Tipps geben, wie wir mit weniger mehr genießen können.

KAPITEL 1

WARUM FREIWILLIG

EINFACHER LEBEN?

image

Vergiss nicht – man braucht nur wenig,
um ein glückliches Leben zu führen.

Marc Aurel1)

Wir sollten uns in Erinnerung rufen, dass Genügsamkeit nicht als harte Entbehrung oder Armut betrachtet werden sollte, sondern als elegante Schlichtheit, als ein „weniger ist mehr“.

Henryk Skolimowski2)

Die Freunde, die so häufig die Abende mit uns im Londoner Armenviertel verbracht hatten, fanden bald auch den Weg hierhin, und das Haus war am Wochenende oft voll. Gewöhnlich holte David sie am Bahnhof ab, ich blieb zu Hause und backte Kuchen. Philip und ich hörten den Zug, und einige Minuten später sahen wir David mit unseren Freunden die kleine Straße entlangkommen, die den Weg zum Bahnhof abkürzte. Ich nahm mir die Schürze ab und zog Philip den Strampelanzug aus, holte die Kuchen aus dem Ofen, setzte den Teekessel auf und legte eine Decke auf den Küchentisch, wo wir zu essen pflegten. So war ich rechtzeitig fertig, um den Besuch an der Tür zu treffen. Ich freute mich darauf, und die zusätzliche Arbeit wurde mehr als wettgemacht durch unsere Gespräche und Spaziergänge und die freundliche Art und Weise, wie jeder unsere einfache Lebensweise akzeptierte … Es waren herrliche Tage, und es gab noch mehr davon, wenn David – glücklich und begierig – Philip auf seine Schultern setzte, ich das Lunchpaket trug und wir nach Thurnam Castle oben auf den Downs wanderten oder an einen anderen wunderbaren Ort auf dem uralten Pilgerweg nach Canterbury. Wir verbrachten dort den ganzen Tag; Philip spielte im Gras und schlief ein, wenn er müde wurde, David las mir etwas vor oder ging allein eine Weile spazieren, während ich nähte, und kehrte dann mit einer kleinen Überraschung für Philip zurück – mit einer seltenen Orchidee, einem großen, gestreiften Schneckenhaus oder einem eigentümlich geformten Feuerstein. Am Abend kehrten wir dann nach Rose Acre zurück, das nach einem solch süßen Tag der Zufriedenheit noch gemütlicher wirkte.

Helen Thomas3)

Der Abfall des Menschen vom einfachen Leben und einfachen Denken vollzieht sich in dem Augenblick, in dem er seine tagtäglichen Bedürfnisse zu vermehren wünscht. Das Glück des Menschen liegt in der Zufriedenheit.

Mahatma Gandhi

Die Anziehungskraft der Einfachheit ist daher geheimnisvoll, weil sie uns wegzieht aus der Richtung, in der sich fast die gesamte übrige Welt entgegengesetzt zu bewegen scheint: weg vom Protz, vom Anhäufen, vom Egoismus und von öffentlicher Zurschaustellung – hin zu einem Leben, das stiller, bescheidener und transparenter ist als alles, was die extrovertierte Konsumgesellschaft kennt.

Mark A. Birch4)

Warum entscheiden sich manche Menschen für ein weniger vollgestopftes, weniger hektisches und weniger kompliziertes Leben? Und was hat es mit dem Thema dieses Buches, der freiwilligen Einfachheit, auf sich? Im folgenden Kapitel sollen diese Fragen beantwortet werden, sowohl in Bezug auf die Suche nach größerer persönlicher Zufriedenheit als auch in Bezug auf die ununterbrochene Gewalt, die eine gefühllose Ausbeutung der Erde antut. Um beides klar zu beleuchten, habe ich das Kapitel in zwei Abschnitte aufgeteilt, die im Grunde natürlich untrennbar miteinander verknüpft sind: Was gut für die Welt ist, ist auch gut für uns.

DIE SUCHE NACH PERSÖNLICHER ZUFRIEDENHEIT

Wir können uns der Einfachheit am besten nähern, wenn wir uns den Standard vor Augen halten, nach dem in unserer Gesellschaft Leistung bewertet wird.

In einer kapitalistischen Gesellschaft gilt Geld generell als wichtigster Wertmaßstab, weil die Maximierung der Einkünfte aus Kapital eines ihrer Hauptziele ist. Wettbewerb, Individualität und materieller Konsum werden daher als gesellschaftlich erwünschte Normen gefördert. Dadurch sind das Durchschnittseinkommen, die Aktienkurse und das Bruttosozialprodukt (BSP) zu den Indikatoren für Fortschritt und Erfolg geworden. Dies wird eindrucksvoll belegt durch die Tatsache, dass jeden Tag weltweit rund zwei Billionen Dollar auf der Jagd nach schnellem Profit bewegt werden. Das höchste Gebäude Londons ist schon lange keine Kathedrale mehr, sondern der Sitz eines Unternehmens.

In unserer auf Geld basierenden Kultur braucht jeder Geld als primäres Tauschmittel und um das Lebensnotwendige zu erwerben: ein Dach über dem Kopf, etwas zum Anziehen und zu essen. Wenn aber das Unerlässliche erworben ist, was braucht es dann noch? Drei Urlaube im Jahr? Einen Pool im Garten? Einen Zweitwohnsitz in der Provence? Eine neue Küche und ein teureres Auto? Wo stehst du, lieber Leser, in diesem Spektrum zwischen Notwendigkeit und Wunsch? Wenn deine Antworten eher zu Genuss und Luxus tendieren, wird dir dieses Buch vermutlich wenig sagen. Wenn du ein hohes Einkommen, gutes Essen, Handlungsfreiraum und Urlaube im Ausland genießt – warum solltest du dann etwas an dem ändern, was dir diesen Genuss verschafft? Wenn du jedoch mit deinem derzeitigen Leben unzufrieden bist, wenn du das vage Gefühl nicht loswirst, dass dir irgendetwas fehlt, dann mag das, was ich das „einfache Leben“ nenne, sehr wohl etwas für dich sein.

Was ist nun dieses „einfache Leben“ oder „freiwillige Einfachheit“? Der Begriff wurde zwar durch Duane Elgin (dessen Klassiker Voluntary Simplicity 1981 erschien) populär, verwendet aber hat ihn zum ersten Mal Richard Gregg, ein Anhänger Mahatma Gandhis:

Freiwillige Einfachheit bezieht sich auf den inneren und den äußeren Zustand gleichermaßen. Sie beinhaltet sowohl Zielstrebigkeit, Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit, als auch den Verzicht auf äußeren Ballast, auf die vielen Besitztümer, die für den eigentlichen Lebenszweck ohne Belang sind. Unsere Kräfte und unsere Wünsche sollten wir so ordnen und lenken, dass wir uns in manchen Richtungen einschränken, um eine größere Lebensfülle in anderen zu erreichen; das heißt, dass wir das Leben vorsätzlich auf ein bestimmtes Ziel hin ausrichten. Da natürlich unterschiedliche Menschen jeweils andere Lebensziele haben, mag das, was für den einen wichtig ist, für den anderen ohne Belang sein.

Den Grad der Einfachheit muss jeder Mensch mit sich selbst ausmachen. …5)

Auch wenn dieses Zitat aus dem Jahr 1936 stammt, ist die Idee viel älter – sie ist praktisch zeitlos. Der Verzicht auf übermäßigen Genuss gilt und galt Buddhisten, Christen, Taoisten, Muslimen, Stoikern und Essenern als heilige Tugend. (Der Islam hat nichts gegen profitorientiertes und unternehmerisches Handeln, legt aber Wert auf Mildtätigkeit.) Zu den Menschen, die diese Tugend lebten, gehörten Mohammed, Origenes, der heilige Franz von Assisi, Lanzo del Vasto, Gandhi, Wittgenstein und der japanische Zen-Meister Dogen genauso wie Prinz Siddartha oder Jesus Christus. Sie alle (und zahllose andere) waren genügsam, und doch gibt es keine Hinweise darauf, dass ihr Leben weniger reich gewesen wäre als beispielsweise das Rupert Murdochs oder Donald Trumps, des Aga Khan oder des Herzogs von Westminster. Das Leben dieser religiösen Menschen war weniger vollgestopft und kompliziert; sicherlich auch weniger luxuriös, aber ganz bestimmt nicht weniger zufriedenstellend – im Gegenteil, alles deutet darauf hin, dass es erfüllter war.

Die großen Religionsstifter und ihre Anhänger haben nie versucht, Erfüllung durch äußeren Besitz zu erlangen; sie strebten nach dem Reichtum des inneren Lebens. So schrieb Henry David Thoreau6) in Walden oder Leben in den Wäldern: „Niemals war jemand an weltlichen Gütern ärmer, an inneren Gütern reicher, als die alten Philosophen in China, Indien, Persien und Griechenland. Nur der vermag ein unparteiischer oder weiser Betrachter der Menschheit zu sein, der aus freiwilliger Einfachheit heraus urteilt.“

image

Freiwillige Einfachheit hat nichts gemein mit der Schwäche, der Entbehrung und der Verzweiflung, die man mit erzwungenem Mangel verbindet, auch nichts mit einer einfältigen „Zurück-zur-Natur“-Bewegung, die von einem selbstversorgenden Leben als Kleinbauer auf einer Insel träumt. Sie hat auch nichts mit einem allgemein akzeptierten Dogma zu tun. Sie ist Zeitgeist, keine Ideologie. Sie ist so unideologisch, wie es nur geht. Ihr Geist ist allumfassend: Ob Thoreaus selbstversorgender Primitivismus, Eric Gills Katholizismus oder das radikale Urchristentum Tolstois; ob einfaches Heimstättentum oder intellektuelleres (des Amerikaners Scott Nearing beispielsweise) – dies alles sind oder waren Beispiele freiwilliger Einfachheit, und das nicht in unterschiedlichen Abstufungen, sondern in gleichem Maße. Der Begriff umfasst Folgendes: einen Bewusstseinszustand; all jene Menschen, die sich aus der Industrialisierung zurückgezogen haben; jene, die ganz persönlich auf unsere Wegwerfgesellschaft reagieren; und jene, die nach tieferer persönlicher Erfüllung suchen, als ein stressiger Job und ein extravagantes Leben ihnen bieten.

In der Praxis geht es – wie der Name schon sagt – um die Entscheidung, ein einfacheres Leben zu führen, und zwar aus freien Stücken. Mit anderen Worten: Man kehrt dem unnötigen Ballast und der Zerstreuung den Rücken, der Tretmühle, allem, was einem ermöglicht, einen „höheren Lebensstandard“ aufrechtzuerhalten, der längst ohne Bedeutung ist. Und man wendet sich einem Lebensstil zu, der nur scheinbar einfach ist – dem Vergnügen daran, im Garten zu arbeiten, Spazieren zu gehen, Rad zu fahren, zu lesen, Brot zu backen, Freundschaft zu pflegen, Musik zu hören –, der aber weder besonders kostspielig noch aufwändig ist. Man wendet sich Bedürfnissen zu, die von der Kultur untrennbar und zufriedenstellend sind, den Belangen und Werten des menschlichen Geistes. Ein Leben der freiwilligen Einfachheit zu führen drückt die menschliche Freiheit aus, sich zu entscheiden, statt dem Zwang der ständigen Verstärkung der Konsumhaltung zu unterliegen.

Es heißt auch, ein achtsameres Leben zu führen; unmittelbar und von ganzem Herzen am Leben teilzunehmen und die wirklichen Dinge zu schmecken und zu berühren; den Augenblick zu erleben, den Genuss der kreativen Tätigkeit. Ohne solche Erfahrungen kann sich schnell Langeweile einstellen, die subtil, aber hartnäckig das menschliche Herz erobert. Genau dann spüren wir die Notwendigkeit am deutlichsten, die Leere durch eine Ersatzbefriedigung zu betäuben: neue Kleider, ein weiteres Computerspiel, einen Urlaub. Nicht die Lust, sondern die Langweile zwingt uns dazu, immer wieder einzukaufen – eine Art „Shopping-Therapie“, um die Löcher in unserem unerfüllten Leben zu stopfen.

Aus Erfahrung weiß ich, dass wir, je mehr wir unsere Lebenskraft verlieren, umso stärker von dem kurzfristigen Vergnügen abhängig sind, das Aktivitäten wie das Einkaufen uns geben können. Viele von uns kennen Zeiten, in denen wir mehr haben wollten, weil wir glaubten, durch vermehrten Besitz werde unser Leben besser – tatsächlich aber trifft oft das Gegenteil zu. Shoppen kann – wie Drogen – zu Abhängigkeit und Sucht führen. Zum Schluss kaufen wir Sachen, die wir gar nicht brauchen, und das nur allzu oft mit Geld, das wir gar nicht haben.

Um diese Gewohnheit zu durchbrechen, müssen wir hart arbeiten: Wir müssen uns auf andere Tätigkeiten konzentrieren und unsere gewohnheitsmäßige Überzeugung von dem, was „Spaß haben“ bedeutet, umkehren. Ein erfüllter Mensch hat seine Möglichkeiten erforscht und betrachtet zufrieden sein Leben, das so reich an Entdeckungen ist. Ein unerfüllter Mensch ist häufig süchtig nach äußeren Reizen. Abhängigkeit von Äußerlichkeiten, Abhängigkeit von der Zustimmung anderer, Abhängigkeit von den Verführungen des modernen Lebens: Sie alle kennzeichnen die Geisteshaltung des Konsumenten.

Es muss betont werden, dass die freiwillige Einfachheit nicht gemessen werden kann. Sie lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken wie beispielsweise ein bestimmtes Einkommen oder eine gewisse Anzahl Besitztümer. Sie ist und war immer eine Geisteshaltung, keine standardisierte Vorschrift. Als wolle es diese Ansicht bestätigen, hängt in der National Gallery of Art in Washington Vermeers Gemälde Die Frau mit der Waage (um 1664). Das Bild zeigt eine Frau, die eine Waage in Händen hält, sie steht vor einem Tisch mit Schmuckschatullen, einer Goldkette und einigen Perlenketten. Die Schalen der Waage sind leer, denn die Juwelen und Schatullen gehören der vergänglichen Welt an und haben darin ihren Wert. Sie stellen die Verlockungen materiellen Glanzes dar. Trotzdem zeigt das Bild keine weltliche Szene, ein Geist der Heiterkeit, der moralischen Ernsthaftigkeit und der meditativen Stille durchdringt sie. Nach weltlichen Maßstäben ist die Frau auf dem Bild reich, aber wir spüren, dass ihr Vermögen ihre Seele noch nicht verdorben hat. Sie hat die unschuldige Einfachheit eines Kindes.

Wer sich entscheidet, einfacher zu leben, versucht häufig, den Mittelweg zwischen Armut und Reichtum zu beschreiten. Er achtet besonders auf die Mäßigung: Qualität statt Quantität. Er versucht, ein ausgeglichenes und maßvolleres Leben zu leben, das nicht nur den Verstand schützt, die Kreativität fördert und dem Allgemeinwohl dient, sondern gleichzeitig auch als Korrektiv gegen die materialistischen Exzesse einer Gesellschaft wirkt, die stärker mit dem Luxus beschäftigt ist als mit den Folgen ihrer Verschwendungssucht. Freiwillige Einfachheit ist ein Weg zu einem Leben, das gemütlich ist, ohne luxuriös zu sein, sparsam, aber nicht geizig, bescheiden, aber nicht langweilig, ein Leben, das die Trennung zwischen Arbeit und Leben, Kunst und Alltag aufhebt.

Es bleibt dabei stets die Frage, wie eine bestimmte Anschaffung zu bewerten ist: Wo – wenn es denn geht – zieht man die Trennlinie zwischen überzogenem Luxus und Notwendigkeit? Um nur ein Beispiel zu nennen: Ist es gerechtfertigt, Geld für einen Tonträger mit Händels Oratorium Theodora8) auszugeben oder Freunde zu einem Essen in einem relativ teuren Restaurant einzuladen? Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten: Bei der Einfachheit geht es darum, Einschränkungen anzuerkennen, aber die können kaum die Bereicherung durch Musik oder die Freude der Freundschaft betreffen. Beide haben viele Auswirkungen. Beide leisten einen feinen, wertvollen Beitrag. Die Antwort hängt also von unseren Gründen und von der Häufigkeit, von unseren Prioritäten wie von unserem Budget ab; auch davon, ob wir das Gleichgewicht zwischen der Belebung des Geistes und der Pflege der Tugenden des einfachen Lebens zu halten verstehen.

Das Leben ist eine Entdeckungsreise. Dazu kann das Anhören von Händels Musik gehören wie ein Essen mit Freunden, das Marmeladekochen oder die Meditation.

Die Praxis der Einfachheit sollte auf keinerlei Fundamentalismus beruhen. Es gibt kein Dogma, an das man glauben muss. Ich kenne einen Zimmermann, Howard HouseKnecht, der in seinem selbstgebauten Haus an der Pazifikküste der Vereinigten Staaten lebt, eine Masseurin, Erica Ward, die in einem weiß gestrichenen Holzhaus bei Christchurch in Neuseeland wohnt, einen Gärtner (und Autor), Jeremy Naydler, der in einem einfach möblierten ehemaligen Sozialbau in der Grafschaft Oxford zu Hause ist, eine Dichterin, Joan Poulson, die ein Reihenhaus bei Manchester ihr Eigen nennt, und einen Übersetzer, Stephen Piggott, der sich mit seiner Familie in einem traditionellen Fachwerkhaus in einem japanischen Bergdorf wohlfühlt. Sie könnten kaum unterschiedlicher leben, und doch haben sie Vieles gemein: den Wunsch, mit möglichst wenigen Geräten auszukommen: ohne Kühlschrank, ohne Mixer, ohne Fernseher, ohne Mikrowelle. Sie alle wollen vor allem eines: ihr Leben so einfach wie möglich führen, damit sie die größtmögliche Aufmerksamkeit auf das richten können, was ihnen wirklich wichtig ist. „Ich denke gerne, dass die Dinge, die ich für am wichtigsten halte, keine weitere Kraft außer meiner eigenen brauchen“, schreibt Joan Poulson. „Ich habe mich für diese Art des Seins und Lebens entschieden, weil sie mich herausfordert, weil ich sie genieße und sie für erfüllender halte und für ökologisch nachhaltiger – und zwar im Unterschied zur modernen Gesellschaft“, fügt Howard HouseKnecht hinzu. Ein anderer Freund von mir meinte: „Ich bin alles losgeworden, was nicht wirklich notwendig ist.“