image

Jetsunma Tenzin Palmo

Ins Herz des Lebens

Image

Jetsunma Tenzin Palmo

Ins Herz des Lebens

Image

Hilfreiche Unterweisungen für den Alltag

Aus dem Englischen von
Susanne Schaup

Image
Theseus Verlag

Vollständige E-Book-Ausgabe der bei
J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH erschienenen Printausgabe

Die amerikanische Originalausgabe Into the Heart of Life ist erschienen bei

Copyright © 2011 Tenzin Palmo

Übersetzung ins Deutsche: Susanne Schaup

Copyright der deutschen Ausgabe © 2012 Theseus in

Layout/Satz: Ingeburg Zoschke, Berlin

Druck & Verarbeitung: Westermann Druck Zwickau GmbH

ISBN E-Book: 978-3-89901-695-6

www.weltinnenraum.de

E-Book-Ausgabe 2012

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Inhalt

Geleitwort von Seiner Heiligkeit dem Gyalwang Drukpa

Vorwort

1 Unbeständigkeit

2 Karma oder Ursache und Wirkung

3 Das Erschaffen von Glück

4 Die Acht Weltlichen Belange

5 Entsagung

6 Die Sechs Vollkommenheiten

7 Lojong und Bodhicitta

8 Glaube und Hingabe

9 Die Praxis der Herzensgüte

Dank

Widmung

Für Khamtrul Dongyu Nyima und Kamthrul Shedrup Nyima, die das Herz meines Lebens sind, in Hingabe.

Image

DER GYALWANG DRUKPA

Jetsunma Tenzin Palmo ist eine spirituell Praktizierende von hohen Graden, die die Fähigkeit besitzt, das Herz vieler durch ihre Unterweisungen und ihre Präsenz zu berühren. Obgleich Ins Herz des Lebens nur eine kleine Auswahl aus den vielen von ihr über die Jahre gehaltenen Lehrvorträgen darstellt, enthalten diese die Grundprinzipien der praktischen Anwendung des Buddhadharma.

Die buddhistische Philosophie ist manchmal komplex und schwer zu begreifen und ohne ein klares Verständnis besonders schwer im Alltag umzusetzen. Jetsunma hat die buddhistische Philosophie leicht verständlich und praktisch anwendbar gemacht. So erklärt sie zum Beispiel, die Unbeständigkeit sei »nicht nur von philosophischem Interesse, sondern etwas sehr Persönliches. Erst wenn wir mit unserem ganzen Wesen annehmen und in der Tiefe begreifen, dass die Dinge sich von einem Augenblick zum andern unablässig ändern, können wir loslassen.« In einfacher Sprache ermöglicht die Autorin es allen, das Konzept von Vergänglichkeit wie auch von Entsagung zu verstehen.

In den verschiedenen Kapiteln zieht sie durchgängig praktische Beispiele und ihre eigenen Erfahrungen heran, um die Praxis des Buddhadharma und die Notwendigkeit zu veranschaulichen, den Dharma mit dem rechten Verständnis zu üben. Ihre Fähigkeit, komplizierte philosophische Theorien mit einfachen Worten auszudrücken, setzt mich wahrhaft in Erstaunen. Dies ist eine Gabe, in der viele andere, mich selbst eingeschlossen, nicht an sie heranreichen.

Die Struktur des Buches kommt Anfängern entgegen, die erfahren möchten, wie man glücklich sein kann, ebenso wie weiter fortgeschrittenen Praktizierenden, die es nötig haben, an den Pfad zur Glückseligkeit erinnert zu werden.

Ich möchte Jetsunma dazu beglückwünschen, dass es ihr gelingt, ihr Verständnis des Dharma im täglichen Leben mitzuteilen, und ich bin sicher, dass dieses Buch für viele eine Hilfe sein wird. Dies ist ein Buch für jeden Menschen, der den Weg zu wahrem Glück kennenlernen möchte.

Image

Der Gyalwang Drukpa

15. Januar 2011

Vorwort

In der Mitte der 1990er Jahre, als ich nach einem längeren Aufenthalt in Italien nach Indien zurückkehrte, wurde ich von den hohen Lamas meines Klosters in Tashi Jong aufgefordert, ein Kloster für Frauen zu gründen. Ich fragte Seine Heiligkeit den Dalai Lama, was er davon halte, und er meinte eher optimistisch, dass ich zwei Jahre darauf verwenden sollte, bevor ich mein Retreat wieder aufnähme. So beschloss ich, mich dieser Aufgabe zu widmen. Während ich diese Worte im Jahre 2010 niederschreibe, blüht und gedeiht das Kloster mit über siebzig Nonnen, obgleich noch nicht alle Gebäude fertig sind.

Anfangs wusste ich nicht, wie ich es anstellen sollte, Interesse an diesem Projekt zu wecken und die Mittel für ein Frauenkloster aufzubringen. Ich bin kein inkarnierter Rinpoche und stamme nicht aus Tibet. Außerdem stehe ich in einer patriarchalischen Tradition mit einem weiblichen Körper. Was konnte ich Nützliches bieten, da ich nicht befugt war, rituelle Ermächtigungen oder Segnungen zu erteilen? So begann ich, Dharma-Vorträge zu halten, indem ich die Erfahrung der spirituellen Praxis Hörerinnen und Hörern mitteilte, die mehrheitlich Laien waren und Familien, Jobs und ein geregeltes Sozialleben hatten. Das ist etwas ganz anderes als in den Zeiten, als der Dharma hauptsächlich bei Versammlungen in Mönchsklöstern weitergegeben wurde.

Wenn ich um die Welt reise, geht es mir immer um die Frage, wie der Dharma für Menschen im Alltag hilfreich sein kann. Wie können wir den Dharma anwenden, um uns das Leben zu erleichtern und unserem Dasein einen Sinn zu geben? Persönlich bin ich der Ansicht, dass die Welt die Lehren des Buddha noch nie so nötig hatte wie gerade heute, so geplagt wie wir sind von Gier, Aggression und der Überbetonung von Selbstverwirklichung – unseren alten Wegbegleitern, den »drei Giften«.

Dieses Buch enthält einige der Vorträge, die ich im Lauf der Jahre vor Hörern und Hörerinnen in Ost und West gehalten habe, die sich vereint wissen in der allgemeinen Herausforderung, in der Gesellschaft, in der sie leben, etwas Sinnvolles aus ihrem Leben zu machen. Dies ist kein Buch über esoterische Praktiken oder höhere Meditationsmethoden. Es richtet sich an gewöhnliche Praktizierende, denen es darum geht, die Lehren des Dharma in ihre tägliche Lebenserfahrung zu übersetzen.

Ein wichtiger Aspekt des Dharma behandelt die Transformation unserer gewöhnlichen Denkgewohnheiten in einer positiven Weise, die nicht nur für uns selbst Gutes bewirkt, sondern auch für all diejenigen, die mit uns zu tun haben. Das grundlegende Problem, dem wir gegenüberstehen, ist die Frage, wie man ein Bewusstsein, das voll negativer Gedanken und Emotionen ist, wie Gier, Zorn, Angst, Neid und so fort, verändern kann hin zu einem friedlichen und freundlicheren Geist, mit dem das Zusammenleben für jeden Menschen (inklusive uns selbst) eine Freude ist. Dieses Buch beabsichtigt, einige schlichte Anhaltspunkte zu geben, um den gewöhnlichen Praktizierenden zu helfen, den Dharma anzuwenden, damit sie ein sinnvolleres Leben führen können.

Unser Bewusstsein mit seinem unaufhörlichen Strom von Gedanken, Erinnerungen, Meinungen, Hoffnungen und Ängsten ist unser ständiger Begleiter, dem wir selbst in unseren Träumen nicht entrinnen können. Daher ist es sinnvoll, uns einen geeigneten Gefährten für unsere Reise heranzubilden.

1
Unbeständigkeit

In den Sutras findet sich ein Bericht, wie der Buddha einmal mit seinen Jüngern durch den Dschungel ging. Er bückte sich, hob eine Handvoll Blätter auf und fragte die ihn Umringenden: »Welche Anzahl ist größer, die der Blätter im Dschungel oder die der Blätter in meiner Hand?«

Die Jünger antworteten: »Die Anzahl der Blätter im Dschungel ist unendlich groß, aber die Blätter, die du in der Hand hältst, sind nur wenige.«

Darauf erwiderte der Buddha: »Ebenso verhält es sich mit dem Ausmaß meiner Erkenntnis und dem Maß dessen, was ich euch sage. Dennoch ist das, was ich euch lehre, alles, was ihr zu wissen braucht, um eure Befreiung zu erlangen.«

Damit ist gemeint, dass der Buddha von dem ungeheuren Ausmaß des Wissens, das er erlangte, als sein Geist sich durch die Erfahrung seiner Erleuchtung gänzlich öffnete, die wichtigsten, die wesentlichsten Elemente auswählte, um uns begreiflich zu machen, wie wir aus diesem Bereich der Geburt und des Todes erlöst werden können.

Zu Beginn seiner Mission betonte der Buddha die sogenannten drei Kennzeichen des Daseins, die drei Merkmale des gesamten Inhalts unserer Erfahrung, die wir für gewöhnlich hartnäckig leugnen. Das erste Merkmal der Existenz ist das Ungenügen. Das Leben, das wir in unserer so verwirrten und gestörten Art normalerweise führen, befriedigt uns nicht. Es ist dukkha. Dukkha ist das Gegenteil von sukha, das Behagen, Vergnügen bedeutet, wenn alles glattläuft. Und dukkha ist das Gegenteil davon. Es ist Unbehagen.1 Das geschieht, wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir gerne möchten. Aber sie entwickeln sich, wie sie es eben tun, ob es uns gefällt oder nicht. Dieses unterschwellige Unbefriedigtsein ist eines der wichtigsten Merkmale unseres Daseins als unerleuchtete Wesen.

Das zweite Merkmal der Existenz ist die Unbeständigkeit. Das dritte Merkmal besteht darin, dass nichts aus sich selbst existiert. Mit anderen Worten, wir versuchen immer, alles zu verfestigen. Wir versuchen, äußeren Gegenständen eine feste Substanz zu geben, und insbesondere möchten wir uns selbst zu etwas Festgefügtem machen. Beinahe automatisch schaffen wir uns einen scheinbar festen inneren Kern, den wir unser »Ich« nennen, und lassen alles darum kreisen: »Ich denke dies; ich empfinde das; ich bin dies; das gehört mir; das ist, was ich bin.« Wir fragen uns üblicherweise nie: »Wer ist dieses Ich, diese Spinne, die in der Mitte ihres Netzes sitzt?«

Unbeständigkeit: Wir versuchen den Dingen Bestand zu geben; wir klammern uns an die Vorstellung von Beständigkeit. Wir sind normalerweise äußerst resistent gegen die Vorstellung von Veränderung, insbesondere dessen, worauf wir Wert legen. Natürlich wollen wir, dass sich die Dinge ändern, die uns nicht gefallen, aber wenn es etwas ist, das uns sehr wohl gefällt, halten wir daran fest.

Es gibt natürlich verschiedene Ebenen des Wandels. Es gibt die grobe Veränderung, so wie das Wetter sich ständig ändert. Die Meere sind in unablässigem Wandel begriffen, das Land ändert seine Gestalt, so dass im Lauf der Zeit alles völlig umgestaltet wird. Daneben gibt es die subtileren Veränderungen in unserem täglichen Leben, in dem unentwegt etwas geschieht. Beziehungen, ein Heim, Besitztümer werden uns zuteil, und dann verlieren wir sie wieder. Unser Körper verändert sich. Wir treten als hilflose, winzige, verletzliche Wesen ins Leben, wachsen heran, reifen, altern, und schließlich sterben wir.

Darüber hinaus gibt es noch einen feineren Wandel des Augenblicks. Tatsächlich hat nichts auch nur für zwei Momente Bestand. Das Leben ist ein ständig fließender Strom. Der griechische Philosoph Heraklit sagte, dass kein Mensch zweimal in denselben Fluss steigen kann. Doch in Wirklichkeit ist es so, dass ein und derselbe Mensch nicht zweimal in einen Fluss steigen kann. Alles ist im Wandel, und deshalb leiden wir.

Das Leben ist unbefriedigend, weil es sich ständig verändert. Es hat nicht den festen Kern, den wir immer fassen möchten. Wir wollen Sicherheit und glauben, dass unser Glück darin liege, sicher zu sein. Daher versuchen wir, den Dingen Dauer zu verleihen. Wir schaffen uns Häuser an, die uns durchaus dauerhaft vorkommen, und statten sie mit Möbeln aus. Wir knüpfen Beziehungen, von denen wir hoffen, dass sie ewig dauern werden. Wir kriegen Kinder und hoffen, dass auch dies unserer Vorstellung einer Identität Festigkeit verleihen werde, etwas, das Bestand hat. Wir haben Kinder, und wir lieben sie, damit unsere Kinder uns wiederlieben, und das geht eine lange Zeit unser Leben hindurch so weiter. Unsere Kinder sind unsere Sicherheit.

Doch das ist eine Täuschung, weil Sicherheit selbst etwas höchst Unsicheres ist. Wahre Sicherheit gibt es nur, wenn man sich in der Unsicherheit häuslich einrichtet. Wenn wir uns mit dem Fluss des Lebens vertraut machen, wenn wir uns damit anfreunden können, nicht sicher zu sein, dann liegt darin die größte Sicherheit, weil uns dann nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann. Solange wir danach trachten, etwas zu verfestigen, das Fließen des Wassers anzuhalten, es aufzustauen, damit alles beim Alten bleibt, weil wir uns dann sicher und beschützt fühlen, sind wir in Schwierigkeiten. Diese Haltung läuft dem Fluss des Lebens ganz und gar zuwider.

Alles wandelt sich, von Augenblick zu Augenblick und immer fort. Die Physik belehrt uns heute sogar, dass die Gegenstände, die uns so fest und stabil erscheinen, in Wirklichkeit in ständiger Bewegung sind. Gegenstände sind nicht stabil, sie sind nicht festgelegt oder unveränderlich, obgleich unsere Sinne uns den irrtümlichen Eindruck vermitteln, dass sie es seien.

Wir sehen uns gegenseitig an. Ich sehe dich heute, und morgen siehst du für mich noch immer so aus. Aber du bist nicht mehr derselbe Mensch. So viel hat sich in der Zwischenzeit ereignet, bis zur Ebene der Körperzellen. Die Zellen wachsen und sterben ab; sie verändern sich fortwährend. Auch wir verändern uns laufend in unserem Bewusstsein von einem Augenblick zum andern und zum nächsten Augenblick. Auch wenn wir versuchen, den Dingen Festigkeit zu verleihen und alles beim Alten zu lassen, weil wir uns dann geborgen fühlen, vermögen wir es nicht. Es ist wie mit den alten Burgen. Wir bauen dicke, feste Mauern und denken, sie werden für immer halten, so dass kein Sturmangriff ihnen je etwas anhaben könne. Doch das ist eine Einbildung. Selbst wenn wir versuchen, den Fluss anzuhalten, der unser Leben ist, wird er trotzdem weiterfließen. Wir können den Fluss nicht festhalten, indem wir ihn zu packen versuchen. Man kann den Fluss nur »einfangen«, indem man ihn sachte hält.

Es ist nicht nötig zu leiden. Wenn wir leiden, dann deshalb, weil unser Bewusstsein verblendet ist und weil wir die Dinge nicht so sehen, wie sie wirklich sind. Wir haben Angst, Angst vor Verlust, und es verursacht uns Kummer, wenn wir einen Verlust erleiden. Doch es liegt in der Natur der Dinge, dass sie ins Dasein treten, eine Weile währen und vergehen.

Unsere Kultur tut sich außerordentlich schwer mit dieser Frage des Verlierens, versteht sich dagegen sehr gut auf das Aneignen. Unsere Konsumkultur, besonders in der heutigen Zeit, dreht sich nur ums Habenwollen. Wir werfen die Dinge weg, die gestern in Mode waren und es heute nicht mehr sind, um uns etwas Neues anzuschaffen. Zu unserem eigenen Körper oder dem Körper anderer haben wir jedoch nicht diese Einstellung. Wir glauben nicht daran, dass auch wir von Zeit zu Zeit »recycelt« werden müssen, aber so ist es. Es ist schon eigenartig, dass in unserer Gesellschaft jeder mit bemerkenswerter Offenheit über Sex redet, der in anderen Gesellschaften tabu ist. Dafür ist in unserer Gesellschaft der Tod das große Tabu.

Ich bin in einer spiritistischen Familie aufgewachsen. Meine Mutter war Spiritistin und hielt in unserem Haus jede Woche Séancen ab. Bei uns zu Hause war der Tod ein alltäglicher Gesprächsgegenstand, ein Thema, über das mit viel Enthusiasmus und Interesse geredet wurde. Das hatte nichts Morbides an sich. Als ich einige Male im Leben tatsächlich dachte: »Jetzt sterbe ich«, war meine nächste Reaktion immer: »Mal sehen, was passiert.« Ich denke, das war so, weil in meiner Kindheit der Tod ein Thema war, über das man offen reden konnte. Dafür bin ich zutiefst dankbar, weil in unserer Gesellschaft die Menschen im Allgemeinen beklommen sind, wenn über den Tod gesprochen wird. So viele haben Angst davor, um ihrer selbst oder um anderer Menschen willen. Wir akzeptieren nicht, dass alles, was ins Dasein tritt, eine Weile andauert und vergeht. Es ist ein Kreislauf. Alles ist unbeständig, und es ist unsere Abwehr dagegen, die uns leiden lässt. Wir leben in unseren Beziehungen, hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Angst, weil wir uns so fest daran klammern, weil wir solche Angst haben, sie zu verlieren.

Alles fließt, und dieses Fließen bezieht sich nicht nur auf äußere Dinge. Es schließt auch Beziehungen ein. Manche Beziehungen währen lange und manche nicht – das ist der Lauf der Dinge. Manche Menschen bleiben eine ganze Weile hier, und andere verlassen uns sehr bald. So sind die Dinge eben.

Jedes Jahr kommen Abermillionen von Menschen zur Welt und sterben. Dass wir im Westen das nicht akzeptieren können, ist wahrlich verblüffend. Wir leugnen, dass wir einen Menschen, den wir lieben, jemals verlieren könnten. Es geschieht so oft, dass wir nicht in der Lage sind, einem Sterbenden zu sagen: »Wir sind glücklich, dass du bei uns warst, aber jetzt wünschen wir dir eine glückliche und sichere Weiterreise.« Es ist dieses Leugnen, das uns Kummer schafft. Unbeständigkeit ist nicht nur von philosophischem Interesse, sondern etwas sehr Persönliches. Erst wenn wir mit unserem ganzen Wesen annehmen und in der Tiefe begreifen, dass die Dinge sich unablässig von einem Augenblick zum andern ändern, können wir loslassen. Wenn wir innerlich wirklich loslassen, tritt eine ungeheure Erleichterung ein. Interessanterweise erschließt dies eine ganz neue Dimension der Liebe. Die Leute meinen, dass ein Mensch, der ohne Bindungen lebt, kalt sei, aber das stimmt nicht. Wer einmal herausragende spirituelle Meister kennengelernt hat, die an nichts gebunden sind, wird augenblicklich berührt sein von der Wärme, die sie allen Lebewesen entgegenbringen, nicht nur denjenigen, die sie gernhaben oder mit denen sie verwandt sind. Nichtanhaftung löst etwas sehr Tiefes in unserem Inneren aus, weil sie die Ebene der Angst loslässt. Wir alle haben vor so vielem Angst: vor Verlust, vor Veränderung, und sind unfähig, die Dinge einfach anzunehmen.

Bei Unbeständigkeit geht es daher nicht bloß um eine akademische Frage. Wir müssen lernen, sie in unserem täglichen Leben zu begreifen. In der buddhistischen Übung der Achtsamkeit, das heißt, im gegenwärtigen Augenblick anwesend zu sein, sind wir vor allem davon berührt, dass die Dinge sich in einem ständigen Fluss befinden, dass sie ständig in Erscheinung treten und wieder verschwinden. Das ist wie ein Tanz. Wir müssen allen Wesen Raum geben, ihren Tanz zu tanzen. Alles tanzt, selbst die Moleküle im Inneren der Zellen tanzen. Aber wir machen es uns in unserem Leben so schwer. Wir schleppen unglaublich schwere Lasten mit uns herum wie Wackersteine in einem Rucksack. Wir denken, dass im Tragen dieses großen, schweren Rucksacks unsere Sicherheit liegt. Wir denken, dass er uns erdet. Wir erkennen nicht, wie frei und leicht wir werden, wenn wir ihn einfach abwerfen und loslassen. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Beziehungen aufgeben müssen. Es bedeutet auch nicht, dass wir unseren Beruf, unsere Familie oder unser Heim aufgeben sollen. Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Es geht nicht um eine äußere, sondern um eine innere Veränderung. Diese Veränderung bedeutet, dass wir etwas, das wir früher festgehalten haben, jetzt ganz leicht in den Händen halten.

Als ich mich unlängst in Adelaide, Australien, aufhielt, zeigte mir jemand eine Reihe von Karikaturen, die andeuteten, wie man die Dinge anfassen soll. In der ersten Zeichnung ging es darum, die Dinge so sachte zu halten wie ein neugeborenes Küken; in der zweiten um unterschiedliche Weisen, Dinge geschickt, ehrerbietig und achtungsvoll, aber nicht zu fest zu halten. Und auf der dritten Zeichnung stand: »Und dann müssen wir loslassen, doch das ist etwas ganz anderes – damit befassen wir uns später einmal!«

Ja, wir müssen verstehen, wie man die Dinge mit leichter Hand und mit Freude hält. Das ermöglicht uns, offen zu sein für den Strom des Lebens. Wenn wir etwas festschreiben, geht dabei viel verloren.

Eingebunden in eine Beziehung mit einem Partner, einer Partnerin, unseren Kindern und anderen Menschen in dieser Welt, legen wir sie vielleicht fest, indem wir ihnen bestimmte Rollen zuweisen, und so sehen wir sie dann. Nach einer Weile erleben wir sie nicht mehr als wirkliche Person im jetzigen Augenblick, sondern sehen nur unsere Projektion dieser Person. Auch wenn sie ganz einmalig sind und sogar im Begriff sind, sich zu wandeln und innerlich zu verändern, nehmen wir das nicht mehr wahr, weil wir nur noch unser Vorstellungsmuster sehen. Dann beginnen Menschen sich miteinander zu langweilen, oder sie bleiben zumindest in einer Beziehung stecken, die ihre frühere Vitalität verloren hat. Wie ich schon sagte, ist das so, weil wir den tatsächlichen Augenblick nicht erleben, sondern nur unsere Sicht der Ereignisse.

Wenn wir etwas betrachten, dann sehen wir es einen Augenblick, aber dann melden sich sofort unsere Vorurteile, Meinungen und Vergleiche. Sie werden zu einem Filter zwischen uns und der Person oder dem Gegenstand, den wir betrachten, und dieser Filter entfernt uns immer weiter von dem, was ist. Wir sind unseren subjektiven Eindrücken und Vorstellungen überlassen, doch die Sache selbst ist nicht mehr da. Das trifft ganz besonders zu, wenn es sich um Menschen handelt.

Wenn von einem Ereignis berichtet wird, ist es bekanntlich so, als würde jeder eine andere Geschichte erzählen. Wir haben alle schon die Erfahrung gemacht, dass jemand einen Vorfall erzählte, den auch wir erlebt haben, und wir uns dachten: »Aber das war doch ganz anders!«, »Das wurde nicht gesagt« oder »So war es nicht, du liegst ganz daneben!« Mit anderen Worten, alles wird unglaublich subjektiv. Wir nehmen die Sache selbst nicht mehr wahr und sehen nur unsere Version davon. Nirgends spiegelt sich dies deutlicher als in unserem Widerstand gegen die Tatsache, dass wir alle uns von einem Moment zum andern verändern. Es ist, als würde uns ständig der Teppich unter den Füßen weggezogen, und das ertragen wir nicht. »Dieser Teppich bleibt genau dort, wo ich ihn haben will, derselbe Teppich, unter denselben Füßen.« Und da das nie geschehen kann, weil die Dinge niemals gleich bleiben können, auch wenn wir es uns noch so sehr einbilden, empfinden wir Schmerz.

Es ist wichtig zu begreifen, dass Glück und Seelenruhe nicht dadurch zu erreichen sind, dass wir nach der vermeintlichen Sicherheit von Dauer und Stabilität streben. Unser Glück gründet vielmehr darin, Geborgenheit im immerwährenden Wandel der Dinge zu finden. Wenn wir uns glücklich fühlen und dadurch imstande sind, im Strom des Lebens obenauf zu bleiben, kann uns nichts aus der Fassung bringen. Wenn wir dagegen etwas so Rigides aufbauen, dass wir wünschen, es möge sich nie ändern – eine Beziehung, ein Arbeitsplatz, was immer –, und wenn wir es dann doch verlieren, bringt uns das völlig aus dem Gleichgewicht. Normalerweise denken wir, dass die ständige Veränderung der Dinge erschreckend ist. Aber wenn wir wirklich begriffen haben, dass es einfach in der Natur der Dinge liegt, zu fließen und sich zu wandeln, kommen wir in ein vollkommenes Gleichgewicht, werden offen und können die Dinge annehmen. Wenn wir dagegen versuchen, den Strom anzuhalten, stagniert das Wasser. Wir müssen die Dinge fließen lassen, dann ist das Wasser immer frisch und klar.

Als ich das erste Mal nach Indien kam, arbeitete ich als ehrenamtliche Mitarbeiterin an der Young Lamas Home School und unterrichtete die Tulkus oder inkarnierten Lamas. Dann ging ich zu meinem Lama Khamtrul Rinpoche und lebte bei ihm. Ich wurde ordiniert, und danach arbeitete ich sechs Jahre als Nonne und diente ihm als Sekretärin. Ich hatte nie Geld, aber er gab mir immer ein Zimmer und natürlich etwas zu essen. Es war also für mich gesorgt. Dann zog die Gemeinschaft an ihren jetzigen Standort, nach Tashi Jong um. Damals war dieses Terrain eine Teeplantage. Es gab noch keine Häuser, und die ganze Gemeinschaft wohnte in Zelten. Da sagte Khamtrul Rinpoche zu mir: »Im nächsten Jahr kommen Sie besser noch nicht nach Tashi Jong, da wir keinen Platz haben, wo Sie wohnen könnten. Gehen Sie daher fort und machen Sie ein Jahr lang Ihr eigenes Ding, und dann, wenn wir gebaut haben, können Sie zurückkommen.«

Die ganze Gemeinschaft ging nach Tashi Jong, und ich wurde in einem Ort in den Bergen namens Dalhousie zurückgelassen. Ich erinnere mich, wie ich auf einem Hügel stand, von dem aus man auf einer Seite über die Ebene und auf der anderen zu den Bergen blicken konnte, und wie ich mir einen Moment lang unerhört verlassen vorkam. Mein Lama war fortgegangen. Die Gemeinschaft war fort. Ich hatte keine Familie mehr, keine Freunde. Ich hatte kein Geld und kein Obdach. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich dachte: »Ach, du liebe Zeit …« Aber dann dachte ich: »Ich habe mein ganzes Leben dem Buddha, dem Dharma und der Sangha geweiht. Gampopa sagt, dass ein Mensch, der den Dharma praktiziert, der sich auf einem echten spirituellen Pfad befindet, niemals verhungert. Also gut, ich habe mein ganzes Leben dem Buddha, dem Dharma und der Sangha hingegeben, sollen sie für mich sorgen.« Sogleich empfand ich eine ungeheure Zuversicht, dass es völlig in Ordnung war, ohne Sicherheit zu sein. In diesem Augenblick ging mir auf, dass die wahre Sicherheit nicht darin liegt, sich an irgendwelche Sicherheiten zu klammern, sondern sie liegt in dem Gefühl, in dieser Unsicherheit geborgen zu sein.

In diesem Augenblick war ich durchdrungen von dem Gefühl, dass es okay ist, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ich dachte: »Mach dir keine Sorgen.« Das war etwas sehr Persönliches, und ich will damit nicht sagen, dass Sie alle es genauso machen sollen. Viele von Ihnen haben Familie und Freunde, so dass es für Sie anders sein mag. Aber ich empfand sehr stark: Wenn ich meinerseits mir keine Sorgen machte, wenn es mich nicht bekümmerte, dass ich kein Quartier und kein Geld hatte – solange ich fortfuhr, mein Leben dem Buddha, dem Dharma und der Sangha zu weihen, würde sich alles finden. So war es dann auch, und so geschah es weiterhin in all den vergangenen 30 Jahren.

Wir haben zu wenig Vertrauen zum Universum. Vertrauen bedeutet hier nicht, dass wir alle viere von uns strecken und nichts tun sollen, sondern dass wir die Größenordnung dessen begreifen, was vor sich geht. Wir müssen nicht immer alles selbst tun. Wenn wir uns – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll –, wenn wir uns in diese Art universeller Energie einklinken können, dann regelt sich alles von selbst. Doch wenn wir versuchen, alles in die Hand zu nehmen, dann hält die universelle Energie sich heraus und sagt: »Gut, dann mach selbst weiter.« Verstehen Sie?

Wenn wir uns aufrichtigen Herzens einer wahrhaft guten Sache zuwenden und wirklich an sie glauben, dann fällt uns alles Nötige zu. Es ist nicht so, dass wir damit ein Bill Gates werden. Wir werden wahrscheinlich immer arm bleiben, aber das macht nichts. Wie Sie alle wissen, geht es im Leben nicht darum, ein großes Vermögen und Besitztümer zu erwerben, aber wir müssen die Zuversicht haben, dass uns die Dinge zufallen werden, die wir benötigen, wenn wir unsererseits tun, was wir in dieser Welt zu tun haben. Dies hängt mit der Frage der Unbeständigkeit zusammen, denn wie alle Dinge im Leben sich verändern, sind auch wir in der Lage, uns mit ihnen zu verändern.

Wir wissen, wie es ist, wenn man flexibel und offen sein und die Dinge loslassen kann, um notfalls eine andere Richtung einzuschlagen. Was Probleme schafft, ist unsere Unbeweglichkeit. Dies bringt uns zu der nächsten wichtigen Frage unseres kostbaren menschlichen Daseins. In zunehmendem Maße versucht unsere auf Konsum fixierte Gesellschaft uns zu überzeugen, dass wir hier sind, um uns zu amüsieren und immer mehr von dem zu ergattern, was die großen Unternehmen produzieren, ganz egal, was für ein Schund es ist. Was dieses Jahr in Mode ist, müssen wir haben wollen. Aber wir müssen es nicht nur haben wollen, wir müssen hart arbeiten, um es auch zu kaufen. Wir denken, dass uns dies Glück verschafft. Wir bilden uns ein, dass es das ist, was Glück bedeutet.

Viele von uns, die das Wesen der Unbeständigkeit ergründet haben, lehnen das ab, aber der Großteil der Welt hat dies nicht getan. Offenbar ist ein großer Teil der sogenannten Dritten Welt gerade in diesem Irrglauben angekommen, dass man umso glücklicher wird, je mehr materielle Güter man besitzt. Viele Menschen, wo immer sie auch leben, meinen, der Sinn des Lebens bestehe darin, es sich gutgehen zu lassen und wohlhabend zu sein. Das bedeutet, mehr oder weniger alle Dinge zu besitzen, die wir uns wünschen: Gesundheit, Glück und genügend Geld für alles, was wir haben wollen. Und wenn es uns gelänge, all diese Dinge zu erlangen, dann wäre es ein gutes und glückliches Leben. Doch wir Menschen besitzen aufgrund unserer Intelligenz und unserer Fähigkeiten das Potenzial, grenzenloses Mitgefühl mit anderen zu empfinden. Wenn wir unser menschliches Potenzial zur Entfaltung bringen, können wir unser Leben für etwas wirklich Sinnvolles, Tieferes und Innerliches einsetzen. Wenn wir unsere ganze Energie und all unser Tun nur darauf verwenden, glücklich zu sein, angenehm und bequem zu leben, unterscheiden wir uns nicht von den Tieren.

Im Leben von Milarepa, der Geschichte eines großen tibetischen Yogi aus dem elften Jahrhundert, steht, dass er einmal in seiner Höhle saß, als ein erschrecktes Reh hereingelaufen kam. Milarepa fing an zu singen, um das Reh zu beruhigen, und das Reh ließ sich neben ihm nieder. Eine Weile danach kam ein Jagdhund in wilder Verfolgung des Rehs in die Höhle gerannt. Auch dem Hund sang Milarepa vor, und der Hund beruhigte sich und setzte sich auf der anderen Seite neben ihn hin. Dann stürzte ein Jäger mit Namen Gonpo Dorje herein. Mein Lama Khamtrul Rinpoche soll übrigens eine Inkarnation Gonpo Dorjes sein. Der Jäger kommt also herein und brüllt vor Zorn, als er das Reh und den Hund so friedlich nebeneinandersitzen sieht. Er versucht, auf Milarepa zu schießen und ihn zu töten, aber die Pfeile prallen an ihm ab. Nach einer Weile beruhigt der Jäger sich ein wenig, und Milarepa singt auch ihm etwas vor. Milarepa erklärt: »Das menschliche Leben wird für kostbar gehalten, aber an dir kann ich nichts Kostbares erkennen!« Später sollte Gonpo Dorje einer seiner bedeutendsten Schüler werden.

Gilt das nicht auch für viele Menschen, die wir kennen? Wir besitzen dieses kostbare menschliche Leben, und was machen wir damit? Inwiefern ist es denn kostbar? Unser menschliches Leben ist nur dann kostbar, wenn wir es sinnvoll anwenden, sonst ist es kein kostbares Leben. Es ist nicht bloß deshalb kostbar, weil wir Menschen sind. Es ist nur kostbar und rar, wenn wir es auf sinnvolle Weise nutzen.

Wir sind nun einmal hier. Ehrlich gestanden, kann ich nicht behaupten, dass ich wüsste, warum wir hier sind. Wer weiß das schon? Aber zumindest können wir, solange wir hier sind, das, was uns eigen ist, als Lernprozess nutzen, denn als Menschenwesen zeichnen wir uns dadurch aus, dass wir wählen können.

Gemäß der buddhistischen Kosmologie gibt es 26 himmlische Bereiche und achtzehn verschiedene Arten der Hölle. Die Wesen in den Höllenbereichen sind so gemartert von ihren Leiden, dass sie nur an sich selbst denken können. Die Wesen in den himmlischen Bereichen werden durch ihre Freuden so verführt, dass sie keinen Ansporn haben, an sich zu arbeiten. Und die Tiere besitzen nicht die Intelligenz, sich auf dieselbe Weise ihrer selbst bewusst zu werden wie menschliche Wesen. Uns Menschen jedoch ist diese Mischung von Schmerz und Lust eigen, und das ist der Grund, warum wir lernfähig sind. Wir können eine Wahl treffen. Bei allem, was uns zustößt, haben wir die Wahl, wie wir uns dazu verhalten. Es liegt an uns, ob wir geschickt oder ungeschickt reagieren. Von Augenblick zu Augenblick schaffen wir uns unser Leben selbst. Manchmal sind Menschen so festgefahren in ihrer alten Spur, dass sie meinen, ihr nicht entkommen, sich davon nicht befreien zu können. In Wirklichkeit stimmt das natürlich nicht – wir können durchaus.

Ich tausche mit einer Reihe von Strafgefangenen in den Vereinigten Staaten Briefe aus. Sie sitzen so tief in der Klemme wie nur irgendein Mensch. Ihre Situation ist oft so, dass sie von widerwärtigen Mitgefangenen und Wärtern umgeben sind. Dennoch hat ein Häftling in Texas eine kleine Dharma-Gruppe mit gleichgesinnten Mithäftlingen gegründet. Sie wollten sitzen und meditieren und in bescheidenem Rahmen Dharma-Gespräche abhalten. Sie mussten sechs Monate darum bitten, bis die Wärter ihnen gestatteten, auf dem Boden zu sitzen. Stellen Sie sich das vor: Nur mit großer Mühe konnten sie die Erlaubnis erwirken, sich zu treffen und auf dem Boden zu sitzen! Es hieß: »Nein, das dürfen Sie nicht. Warum wollen Sie auf dem Boden sitzen? Das ist abwegig.« Doch selbst in dieser scheinbar unflexiblen Situation, der die Häftlinge physisch nicht entkommen können, wurden sie innerlich transformiert. Sie nutzten diese extrem ungünstigen Verhältnisse dazu, um zu wachsen, ihr Verständnis zu vertiefen, ihr Mitgefühl zu erweitern und ihre Vergangenheit unter die Lupe zu nehmen, um herauszufinden, was schiefgelaufen ist. Sie lernen, dieselben Fehler in der Zukunft nicht noch einmal zu machen. Darum geht es, wenn man ein Mensch ist. Deshalb ist unser menschliches Leben so kostbar. Das können wir tun, und darum sollten wir diese Gelegenheit nicht einfach gedankenlos vergeuden. Dies ist eine Zeit, in der wir uns rasant entwickeln können, sogar unter den widrigsten Umständen – manchmal ganz besonders dann, wenn die Verhältnisse ungünstig sind.

Wenn alles glattgeht, können wir uns mit dem Gedanken betäuben, dass wir viel nettere und weiter fortgeschrittene Menschen sind, als es wirklich der Fall ist. Wenn alle nett zu uns sind, wenn alles gut geht, wenn unsere Beziehungen uns entsprechen, kann man leicht denken: »Im Grunde bin ich ein netter Kerl, alles ist in Ordnung, und ich bin voll Güte und Mitgefühl.« Doch wenn die Dinge nicht glattgehen, wenn die Leute nicht tun, was wir wollen, wenn die Dinge nicht nach Plan laufen – in solchen Zeiten lernen wir. Dann sehen wir wirklich, wo wir stehen, wie weit unser Mitgefühl reicht und ob es weit her ist mit unserer Geduld oder nicht. Wenn Menschen gemein oder grob zu uns sind, wenn sie uns betrügen oder uns verlassen, dann haben wir die Gelegenheit, das zu erkennen.

Wir brauchen das. Nicht, dass wir es darauf anlegen sollen, schmerzliche Erfahrungen zu machen oder mit widerlichen Menschen zu tun zu haben – sie kommen ohnehin von selbst! Wenn das geschieht, sollten wir ein Bewusstsein haben, welches so etwas aufnehmen, verstehen, akzeptieren und damit umgehen kann, nicht eines, das Reißaus nimmt, sich davor zu drücken sucht oder noch mehr Negativität erzeugt. Das ist eine gute Gelegenheit.

Shantideva, ein buddhistischer Philosoph des siebten Jahrhunderts aus Indien, sagte in Bodhicharyavatara (»Der Weg des Bodhisattva«), dass diese Erde voller Steine und Dornen ist und dass es sehr schmerzhaft ist, darauf zu treten. Was sollen wir tun? Etwa die ganze Welt mit Teppichen auslegen? Das wäre ein schwieriges Unterfangen, denn die Erdoberfläche ist ziemlich groß. Nein, wir brauchen nicht die ganze Welt mit Teppichen zu belegen, wir müssen uns nur ein Stück Leder unter unsere Füße binden – also Schuhe tragen –, dann können wir überallhin gehen. In gleicher Weise können wir nicht die ganze Welt von allen widrigen Verhältnissen und Schwierigkeiten befreien. Es gibt Milliarden anderer Menschen auf der Welt, während wir nur eine Person sind. Wir brauchen nicht jeden zu verändern, sondern müssen nur unser eigenes Bewusstsein transformieren. Wenn wir unser Bewusstsein verändern, verändert sich alles.

Ein Weg, unser Bewusstsein umzubilden, außer durch die Entwicklung von Eigenschaften wie Geduld, Verständnis und Toleranz, besteht darin, das Leben, das uns auf Erden gegeben ist, als etwas sehr Kostbares zu erkennen. Es ist deshalb so kostbar, weil es unsere Werkstatt ist: Hier kommen wir voran, wenn wir es wollen, in welcher Lebenslage wir uns auch befinden.

Wir können jeden Augenblick dieses Lebens nutzen. Manche stellen sich vor, dies bedeute, dass man Dharma-Zentren aufsuchen, in Meditation sitzen oder Rituale vollziehen müsse oder Ähnliches. Sie denken, all dies sei Praxis, während der Rest des Tages nur Zeitverschwendung sei. Die Leute meinen, es gebe diese große Kluft, und verzweifeln häufig, weil sie denken, dass ihre Familien und Kinder Hindernisse sind, die sie von einem spirituellen Leben abhalten. Aber Tatsache ist, insbesondere heutzutage, dass wir die Situation, in der wir uns befinden, annehmen und diese als spirituellen Weg nutzen müssen. Natürlich ist Meditation wichtig, aber sie ist nicht das einzige Mittel dafür, ein erleuchtetes Wesen zu werden. Wir müssen auch noch andere Qualitäten entwickeln. Wir müssen ein wirklich offenes Herz entwickeln, ein großmütiges Herz, eines, das etwas hinnehmen kann und geduldig ist. Unser ethisches Verhalten muss makellos sein, indem wir auf eine Weise in dieser Welt leben, dass wir anderen Wesen niemals Schaden zufügen. Wir sollen auch uns selbst keinen Schaden zufügen. Wir müssen ein verträgliches Leben führen. Wir dürfen nicht nur an uns selbst denken, sondern sollen uns um andere kümmern, so dass wir jedem Wesen, das uns begegnet, wünschen können: »Mögest du gesund und glücklich sein.« Es spielt keine Rolle, ob es sich um eine Person handelt, die wir kennen oder nicht, oder um jemanden, den wir nicht leiden können. »Mögest du gesund und glücklich sein!« Dieses Wohlwollen können wir alle aufbringen. Wenn wir das tun, verwandelt sich langsam, langsam alles, was wir tun, in Praxis.

Wir haben diese Lebenszeit – das ist es, was wir besitzen. Wie wollen wir sie nutzen? Werden wir sie geschickt nutzen, oder werden wir sie einfach vergeuden? Wir können das nicht auf unsere Familie, unsere Freunde, unsere Eltern, unsere Erziehung, unseren sozialen Status oder die Regierung abwälzen. Es liegt an uns. Glück und Unglück hängen vom Einzelnen ab. Was wir aus den Lebensumständen machen, in denen wir uns befinden, ist unsere Sache. So haben wir zum Beispiel, selbst wenn uns eine lebensbedrohende Krankheit befallen sollte, die Wahl: entweder in völliger Verzweiflung, Frustration oder Zorn unterzugehen, oder zu sagen: »Nun, was für eine wunderbare Gelegenheit mir dies gibt zu erkennen, dass wir alle endlich sind, dass wir alle sterben müssen. Was ist daher wichtig im Leben, und was ist unwichtig? Diese Krankheit gibt mir die Gelegenheit, meine Beziehungen zu klären, Unerledigtes zu bereinigen und mich auf das zu konzentrieren, was mir wirklich wichtig ist.« Statt über eine Krankheit in Zorn zu geraten, kann man sogar so etwas wie Dankbarkeit empfinden, denn man kann sie nutzen. Man kann aus allem Nutzen ziehen.

Wir sind verantwortlich für unser Leben und dafür, dass wir anderen helfen und den uns Nahestehenden Liebe und Verständnis entgegenbringen. Unsere Familie, unsere Kinder, unsere Partner, unsere Eltern – sie sind unsere Praxis. Sie sind es, die unsere Herzensgüte, unser Mitgefühl, unsere Geduld, unser freudiges Bemühen, unsere Weisheit brauchen. Es ist keine Kunst, sich hinzusetzen und über Herzensgüte und Mitgefühl mit allen Lebewesen, die irgendwo am Horizont auftauchen, zu meditieren. Doch die fühlenden Wesen, für die wir wirklich Güte und Mitgefühl aufbringen sollen, stehen unmittelbar vor uns, besonders diejenigen, für die wir am meisten karmische Verantwortung tragen. Sie sind der Gegenstand unserer Praxis.

Unser tägliches Leben ist zugleich unser spirituelles Leben. Wenn wir die Bewusstheit besitzen, unser tägliches Leben als Praxis zu nutzen, hat unser Leben einen Sinn. Wenn nicht, dann gehen die Tage dahin – Unbeständigkeit, wir wissen schon, von Augenblick zu Augenblick, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr. Und wenn es uns dann erwischt, wenn wir dem Tod gegenüberstehen, was haben wir dann vorzuweisen? Wir wissen nicht, wann wir sterben werden. Jeder Atemzug kann unser letzter sein. Wir wissen es nicht. Wenn wir morgens erwachen, sollten wir sagen: »Wie erstaunlich, dass ich die ganze Nacht überdauert habe und noch nicht gestorben bin.« Wer weiß, wann wir sterben werden? Ehrlich gesagt, können wir es nicht wissen. All die Menschen, die durch Unfälle auf der Straße ums Leben kommen – dachten die denn, dass sie sterben würden? Der Tod kommt, ohne auf Alter, Erfolg und Schönheit oder Gesundheit Rücksicht zu nehmen. Wenn wir gehen müssen, dann gehen wir eben. Daher sollten wir jeden Tag so leben, als wäre es unser letzter. Wenn wir wirklich dächten: »Morgen muss ich sterben«, was würden wir mit dem heutigen Tag anfangen? Gewiss würden wir ernstlich beginnen, unsere gesamte Lage neu zu bewerten.

Einmal, als ich noch in meiner Höhle lebte, wütete ein Schneesturm, und ich wurde eingeschneit. Der Schneesturm tobte sieben Tage und sieben Nächte unaufhörlich, und die Höhle war vollkommen zugeschneit. Als ich das Fenster öffnete, sah ich nur eine Eisfläche. Als ich die Türe öffnete, sah ich wieder nur Eis und dachte: »Das ist das Ende«, weil die Höhle so klein war und mir sicher der Sauerstoff ausgehen und ich ersticken würde. Daher tat ich alles, um in Bereitschaft zu sein. Ich holte die kleinen Pillen hervor, die man nehmen soll, wenn der Tod eintritt (obgleich ich sagen muss, dass diese kleinen Pillen steinhart sind!), und ließ mein Leben Revue passieren. Ich bereute die Dinge, die ich schlecht gemacht, und freute mich über die Dinge, die ich gut gemacht hatte. Das war sehr heilsam, da ich tatsächlich meinte, dass ich nur noch einen oder höchstens zwei Tage zu leben hätte. Das hat die Dinge für mich ordentlich zurechtgerückt – das Wichtige und das Unwichtige; das Wesentliche, an das ich denken sollte, und das völlig Irrelevante. Normalerweise ist unser Bewusstsein voll von unaufhörlichem Geschwätz, vom laufenden Kommentar eines völlig nutzlosen Dialogs aus einer Seifenoper, den wir uns auftischen. Wenn wir jedoch meinen, dass uns nur noch eine beschränkte Zeit zum Denken zur Verfügung steht, dann sind wir viel kritischer in der Wahl unserer Gedanken und bewusster, wie wir unsere Zeit nutzen und was wir mit unserem Bewusstsein anfangen sollen.

Wenn wir mit dem Gedanken leben, dass jeder Tag unser letzter sein könnte, ist es hilfreich, jeden Augenblick zu würdigen. Das hat nichts Fatalistisches oder Trübseliges. Wenn dies unser letzter Tag auf Erden wäre, würden wir sorgsam mit unserer Zeit umgehen. Wir würden nicht mehr Probleme schaffen, sondern würden versuchen, die Probleme, die wir haben, zu lösen. Wir würden freundlich zu den Menschen sein, da wir sie nicht wiedersehen werden. Würden wir zu unserer Familie, unseren Kindern, unseren Partnern und Partnerinnen und den Menschen, die wir verlassen müssen, nicht freundlich sein, wenn wir wüssten, dass wir sie nie wiedersehen werden? Denn wer weiß, vielleicht ist es wirklich so. Eines Tages wird es so weit sein.

Warum also nicht in Bereitschaft sein?

Image Fragen

F: Sie erwähnten vorhin die Fähigkeit, verschiedene Gedanken auszuschalten, die im Verlauf der Meditation auftauchen. Was hat sich in Ihrem Bewusstsein abgespielt, dass Sie diese Fähigkeit entwickelt haben?

JTP: Nun, wir alle haben diese Fähigkeit. Es ist so, dass Gedanken, Gefühle und Emotionen hochkommen, sobald man sich hinsetzt und das Bewusstsein selbst betrachtet. Zuerst geschieht das an der Oberfläche, aber später, wenn das Bewusstsein tief in verschüttete Emotionen und Gedanken eintaucht, wird deutlich, dass jeder Gedanke und jede Emotion eine Färbung hat, die angenehm oder unangenehm ist, und dann erkennen wir ganz klar, welche Gedanken zuträglich und welche unzuträglich sind.

Der Buddha sprach von vier Arten des rechten Bemühens: 1. das Bemühen, sich von negativen Gedanken zu befreien, wenn diese auftreten; 2. das Bemühen, künftige negative Gedanken am Auftreten zu hindern; 3. das Bemühen, die guten Gedanken, die wir bereits haben, zu pflegen; und 4. das Bemühen, ihr Auftreten zu vermehren. Das können wir nur dann, wenn wir eine klare Vorstellung vom Inhalt unseres Bewusstseins haben. Wir müssen dessen gewahr werden. Wir können erkennen, wenn Gedanken und Emotionen aufsteigen, dass einige von ihnen destruktiv sind – sie sind negativ, nutzlos und in keiner Weise hilfreich. Wenn wir in diesem Augenblick sehen, dass ein Gefühl von Zorn oder starker Anhaftung hochkommt – wenn wir das wirklich sehen können –, wenn wir es mit Bestimmtheit wissen und erkennen, wird es sich in diesem Augenblick, bevor wir einen Kommentar dazu abgeben, von selbst verwandeln.

F: Das ist interessant. Haben Sie in Ihrer Höhle lange dazu gebraucht?

JTP: Nein, eigentlich nicht. Das erste Mal geschah es, bevor ich in die Höhle ging. Aber das war zu einer Zeit, als ich noch sehr unter Bindungen litt. Plötzlich wurde mir alles klar. Es war ein Augenblick der Klarheit und Erkenntnis. In diesem Moment zerfiel das alles und trat nie wieder auf.

F: Hat die ganze Meditation in Ihrer Höhle sich dann darum gedreht, diese eine Erkenntnis weiterzuentwickeln?

JTP: In gewisser Weise hat sie mir gezeigt, dass dies möglich war. Danach hat man natürlich auch andere Augenblicke der Erkenntnis, aber es ging nie wieder so tief und war so endgültig wie diese eine. In diesem Augenblick war das sehr klar. Das ist wie ein Seil, das aus vielen Strängen besteht. Wenn mehrere Stränge reißen, empfinden wir, dass das Seil nachgibt – es hält noch immer, aber wir spüren, wie es nachgibt. Genauso war es. Etwas in meinem Inneren fiel ab und trat nie wieder auf. Es war ein Moment absoluter Klarheit. In gewissem Sinne versuchen wir das zu erreichen, wenn wir wirklich etwas erkennen, denn der Augenblick des Erkennens ist auch der Augenblick der Befreiung. Aber normalerweise gelingt das nicht, weil unser Bewusstsein so verstopft ist. Wir haben zu viele Kommentare, Neigungen, Gedanken, Gefühle, Ideen und Vorstellungen, die das tatsächliche Erleben überlagern.

Meditation schafft im Bewusstsein Raum. Sie gibt uns den Raum, in dem wir Erfahrungen machen können. Normalerweise ist unser Leben so vollgestopft, dass wir nicht einmal Raum haben zu atmen. Doch Meditation gibt uns diesen Raum, so dass die Dinge hochkommen können, dass Einsicht und Erfahrungen stattfinden können. Normalerweise sind wir so beschäftigt, dass sie nicht an die Oberfläche kommen können, weil kein Platz für sie da ist. Meditation besteht daher größtenteils darin, einfach zu sitzen, nur zu sitzen. Es geschieht nichts, aber wir bleiben bei diesem Nichtgeschehen einfach sitzen und geben ihm Raum. Ob etwas geschieht oder nicht, spielt keine Rolle. Wenigstens sind wir im Augenblick anwesend, was immer geschieht, auch wenn es nicht viel ist.

Besonders in der heutigen Zeit haben wir in unserem täglichen Leben eines nicht, nämlich Raum und Stille. Wir hören uns selbst nicht mehr, weil wir völlig überschwemmt sind von äußerem und innerem Getöse. In der Meditation geht es darum, in unsere inneren Räume zurückzufinden.

* * *

F: Ich möchte eine Frage zu ethischem Fehlverhalten stellen. Ich möchte wissen, ob es Übungen gibt, die man ausführen kann, wenn man in dieser Hinsicht noch nicht vollkommen entwickelt ist.

JTP: Ja natürlich, sonst würden wir nie dazu kommen, mit dem Üben zu beginnen! Denn wenn wir ein relativ unethisches Leben führen – uns jeden Tag betrinken, wilde Affären haben oder uns in schmerzhaften, vertrackten Beziehungen verheddern oder oft Wutausbrüche haben –, wenn wir also in irgendeiner Weise ziemlich unmoralisch sind, würde es uns schwerfallen, zu sitzen und unseren Geist zur Ruhe zu bringen. Es ist daher sinnvoll, unser ethisches Leben so gut wie möglich in Ordnung zu bringen. Der springende Punkt ist: Wenn wir einmal begonnen haben, unser Bewusstsein zu erziehen, hilft uns dies, ein sittlicheres Leben zu führen. Beides geht Hand in Hand.