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Offene Weite – nichts von heilig

Aus der Praxis einer offenen Zen-Gemeinschaft

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Offene Weite –
nichts von heilig

Aus der Praxis einer offenen
Zen-Gemeinschaft

Ein Lesebuch

Herausgegeben von
Helmut Kinder, Else Macho und Susanne Schaup

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Vollständige E-Book-Ausgabe der bei Theseus in J.Kamphausen Verlag & Distribution GmbH erschienenen Printausgabe

© Theseus in J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld 2012

www.weltinnenraum.de

1. Auflage 2012

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

ISBN Printausgabe: 978-3-89901-596-6

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Kaiser Wu von Liang fragte Bodhidharma:
»Was ist das Wesen von Zen?«

Bodhidharma antwortete:
»Offene Weite – nichts von heilig.«

Inhalt

Vorwort von David Steindl-Rast

Zur Einstimmung

1. Faszination Buddhismus

Karl Obermayer: Faszination Buddhismus

Ursula Baatz: Zen-Buddhismus im Westen

Claude Durix: Nyoibo. Die Weitergabe des Stabes

Susanne Schaup: Wie »kalt« ist der Buddhismus?

Karl Obermayer: Wu Wei

Else Macho: Rückblicke. Einführungskurs in Marienkron

Susanne Schaup: Können Bücher helfen?

Isolde Macho: »Frei von Leben und Tod – wohin gehst du?«

Karl Obermayer: Wabi Sabi

Rudolf Distelberger: Zen und die »Heimkehr des verlorenen Sohnes« von Rembrandt

Susanne Schaup: Lob der Sangha

Karl Obermayer: Der Ruf nach dem Meister/der Meisterin

Nagaya Roshi: Das Herz des Zen

Daniela Hofmann: Dank

Karl Obermayer: »So gekommen«

Manfrid Baaske: Erste Erfahrungen mit Zen vor 40 Jahren

Susanne Schaup: »…dann nichts mehr sein, nur Licht«

Karl Baier: Hundstage-Mondo

Isolde Macho: Der Geist des Nicht-Verweilens

Inge Hartl: Begegnung mit einem Schmetterling

Ryôkan: Ein Zen-Gedicht

2. Zen – sein Sitz im Leben

Adergas im Herbst 2001

Ursula Baatz: Sitzen

Karl Obermayer: Zazen – alleine oder mit anderen?

Henry Vorpagel: Kein Trost

Susanne Schaup: Wenn Sitzen schwer ist

Inge Hartl: »Schlechtes Sitzen ist gutes Sitzen«

Else Macho: Das Zafu

Claude Durix: Da sein, wenn es notwendig ist

Dusica Grgic: Mit den Augen sehen, mit den Ohren hören

Klemen Koman: Stille ist das Land der Musik

Heidi König: Gedichte zum Neujahrs-Sesshin

Else Macho/Frère Reginald Stoffel: Ein Gespräch

Thomas Wagner: Kontemplatives Beten

Karl Obermayer: Mu saru mu kuru – Nicht gehen, nicht kommen

Claude Durix: Die Zeit zählt immer noch nicht

Michael Vollkron: Samurai – die Macht des Gewöhnlichen

Mimi Maréchal: Großmütterliches Mitgefühl

Bodo Feuerherdt: Das Universum in siebzehn Silben

Claude Durix: Wie man anderen helfen kann

Laura Fargas: Kuan Yin

3. Ins Herz der Wirklichkeit

Susanne Schaup: Miteinander

Andrea Grascher: Absichtskiller

Karl Obermayer: Glaubwürdigkeit

Henry Vorpagel: Verstellte Sicht

Ursula Baatz: Den Menschen helfen – weiter nichts

Der Geist der schwarzen Tinte. Die Shodo-Gruppe

Rudolf Distelberger: Bemerkungen zu Zen und Kunst

Irene Friedrich: Zen-Praxis und Benediktus-Regel

Erich Ahn: Wie ich zu Zen kam

Else Macho: Mein Weg

Karl Obermayer: Augen auf!

Susanne Schaup: Das beste Teisho

Eva Vorpagel-Redl: Liebe und Mitgefühl

Karl Obermayer: »…leiben, leben, lieben«

Susanne Schaup: Ein Lebensbild

Catherine Gizard: Geschichte einer Begegnung

Sabine Klar: Ein löchriger Suppenschöpfer

Susanne Schaup: Der Patriarch zerreißt das Sutra

Eva Vorpagel-Redl: Stille auf dem Marktplatz

François Viallet: Der große Tod

4. Erfahrung ist alles

Stefan Brunnsteiner: Die kleine Erleuchtung

Karl Obermayer: Leuchttürme

Atilla Bezirgan: Das Besondere im Alltäglichen

Herbert Synek: Nicht vergleichen

Else Macho: Jeder Tag ist neu

Susanne Schaup: Angewandtes Zen

Ria Markhoff: Innehalten

Atilla Pramhas: Loslassen

Sabine Klar: Es ist trotzdem schon alles da

Susanne Schaup: »Fußspuren im Schnee« von Sheng Yen

Karl Obermayer: Nicht der Wind, das Segel bestimmt die Richtung

Toni Neuhauser: Der Tag meiner Erleuchtung

Henry Vorpagel: Sonne und Wolken!

Florian Rauchensteiner: Von Mönchen und Meistern, Buddhas und Krähen

Christoph Kraus: Das meditierende Gehirn

Nachwort

Glossar

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Vorwort

Mit dem Brustton wissenschaftlicher Überzeugung erklärte einst Lord Kelvin: »Ein Flugzeug, schwerer als Luft, ist eine Unmöglichkeit.« Er war Präsident der Royal Society in London, und sein Wort hatte unter Wissenschaftlern etwa das Gewicht, das in der Kirche ein Wort des Papstes hat. Das war im Jahr 1895; meine Großmutter war damals schon ein sechzehnjähriges Mädchen. Kaum mehr als hundert Jahre später sitze ich heute beim Schreiben dieses Vorworts in einem Flugzeug, das mich mit Hunderten von Passagieren und Tonnen von Gepäck in wenigen Stunden von Zürich nach New York bringt.

Natürlich schreibe ich auf einem PC, und von einem solchen träumte auch noch niemand, als ich 1967 an ersten Gesprächen zwischen Zen-Lehrern und christlichen Mönchen teilnehmen durfte. Bei jenen zaghaften Anfängen hätten wir uns kaum ein Buch wie »Offene Weite« vorstellen können. Wien galt damals als verschlafen, und wenige Pfarrer hatten wohl je von Zen gehört. Heute aber schreibt da ein hellwacher Wiener Pfarrer und sein Kreis von Schülern und Freunden mit großer Selbstverständlichkeit darüber, was Zen für ihr spirituelles Leben bedeutet.

Die technische Entwicklung im 20. Jahrhundert übertraf alle Erwartungen (freilich auch alle Befürchtungen, wenn wir an Atomkraft denken); die Erweiterung unseres spirituellen Horizonts in diesem unvergleichlichen Jahrhundert übertrifft aber noch die des wissenschaftlichen und technischen. Für diese Horizonterweiterung legt »Offene Weite« Zeugnis ab. Was wir da lesen, ist zugleich erstaunlich, erfrischend und ermutigend. Erstaunlich ist, wie schon erwähnt, das Neue, das in so kurzer Zeit selbstverständlich wurde; erfrischend wirkt die Bandbreite und der Tiefgang dieser Texte; ermutigend erscheint mir der Bewusstseinswandel, der sich hier bezeugt.

Ja, um einen Wandel des Bewusstseins geht es in diesem Buch in erster Linie, und dieser hat eine allgemein menschliche und eine spezifisch christliche Dimension. Beide weisen in die gleiche Richtung: Beim Zen und bei der christlichen Mystik geht es gleicherweise um Verinnerlichung von Autorität.

Die Autoritätskrise, die heute jeden Bereich der Gesellschaft – Familie, Schule, Kirche, Staat – bis in die Grundmauern erbeben läßt, stellt eine psychologische Parallele dar zu einer biologischen Umwälzung, die, lange bevor es Menschen gab, stattfand. Die einzige Art von Skelett, die es in der Natur bis dahin gegeben hatte, war das äußere Skelett, das wir heute noch bei Käfern und Krebsen als ihren Panzer beobachten können. Dann aber entstand das innere Skelett, wie es etwa auf einem Röntgenbild unserer eigenen Wirbelsäule sichtbar wird oder auf einem Teller zurückbleibt, nachdem wir eine Forelle verspeist haben. Wenn wir uns bewusst machen, welchen Zuwachs an Bewegungsfreiheit diese Verlagerung des Skeletts nach innen bedeutete, dann mag uns dämmern, welche umwälzenden Veränderungen uns bevorstehen, da die äußeren gesellschaftlichen Normen, die bisher der Gesellschaft Halt gaben, zusammenbrechen und von persönlicher innerer Verantwortung ersetzt werden müssen.

Was uns dieser Prozess verschafft, ist Freiheit; der Preis dafür ist hoch; er heißt Verantwortung. Freiheit und Verantwortung sind untrennbar verbunden. Auch das, was im christlichen Vokabular »Erlösung« heißt, aber eigentlich (innere und äußere) Befreiung bedeutet, verlangt Verantwortung. Und da kann uns eine Rückbesinnung auf Jesus und seine Lehrmethode eine neue Perspektive auf Verinnerlichung schenken. Wie lehrte denn Jesus? Unter Berufung auf göttliche Autorität. Ja. Nicht aber – und das ist überraschend –, als ob er Gottes Autorität als Rückendeckung hätte wie die Propheten, die immer wieder betonen: »So spricht Gott, der Herr…« Jesus beginnt stattdessen seine Gleichnisse typisch mit der impliziten Frage: »Wer von euch weiß nicht schon …?« Er appelliert also an die göttliche Autorität im Herzen seiner Hörer. Er ersetzt ein äußeres durch ein inneres Skelett.

Hierin liegt auch die Verwandtschaft zwischen den Gleichnissen Jesu und dem Koan im Zen. Beide bieten uns Freiheit an, wenn wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Um dieses Thema scheint mir »Offene Weite« zu kreisen. Und nichts kann heute wichtiger sein, als dass wir uns gerade damit auseinandersetzen. Warum? Weil unser Überleben als Menschheitsfamilie davon abhängen könnte, dass wir in der Autoritätskrise der Gegenwart die höchste Autorität in unserem eigenen tiefsten Inneren entdecken und uns dieser Autorität verantwortlich stellen.

»Offene Weite« ist dazu angetan, vielen Lesern zu dieser Aufgabe Mut zu machen. Mögen viele aus ihm Kraft schöpfen.

David Steindl-Rast

Zur Einstimmung

Dies ist weniger ein Buch über Zen, sondern eines, das aus der Praxis einer lebendigen Zen-Gemeinschaft hervorgegangen ist. Die einzelnen Beiträge wurden ursprünglich in der vom Zendo Wien herausgegebenen Hauszeitschrift »Mu-gen« veröffentlicht und sind im Lauf der zehn Jahre ihres Bestehens darin erschienen. »Offene Weite«, wie ihr Titel in deutscher Übersetzung lautet, bot sich auch als Titel und Motto dieses Buches an. Offenheit und unbegrenzte Weite charakterisieren die Zen-Praxis, wie sie von allen Meistern gelehrt wird. Sie besteht, formal gesehen, aus dem Zazen, der schweigenden Meditation in einer von der Tradition vorgegebenen Sitzhaltung, und damit hört das Formale auch schon auf. Die Praxis des Nur-Sitzens, Shikantaza, wie es im Japanischen heißt, ist an keine Glaubenssätze und kein Dogma irgendwelcher Art gebunden und demnach keine »Religion« im engeren Sinn. Sie kann von Buddhisten wie von Christen oder Atheisten geübt werden mit derselben heilsamen Wirkung für Leib und Seele als ein Weg der Sammlung und des Zur-Ruhe-Kommens in einer Zeit der Zersplitterung und Zerstreuung, in der es vielen Menschen schwer fällt, sich zu orientieren.

Menschen unterschiedlicher Herkunft und Prägung haben sich der Gemeinschaft der Zen-Praktizierenden unter der Leitung von Karl Obermayer angeschlossen, und von Jahr zu Jahr nimmt die Zahl derer, die diesen Weg gehen wollen, zu. Diese informelle Sangha steht allen Menschen offen, und jeder und jede hat die Möglichkeit und wird ermutigt, nicht nur in der Aussprache mit dem Lehrer und im Austausch untereinander im geschützten Raum des Zendo von der eigenen Erfahrung mit der Praxis Zeugnis zu geben, sondern es auch in schriftlicher Form zu tun als Beitrag für das »Mu-gen«. Denn es zählt allein die Erfahrung. Sich darauf einzulassen, ist der erste Schritt. Wie alle wissen, die Zen üben, kann die gegenstandslose, schweigende Meditation der reinen Wahrnehmung sich befruchtend auf alle Bereiche des Lebens auswirken. Sie kann ungeahnte Impulse der Kreativität freisetzen. Deshalb hat die Zen-Kultur Japans auch in diversen Künsten, wie der Kalligraphie (Shodo) und der Malerei, in der Kunst des Blumensteckens (Ikebana), des Bogenschießens, der traditionellen Teezeremonie usw. Ausdruck gefunden, die zum Teil auch im Wiener Zendo gepflegt werden. Darüber hinaus vermittelt Zen eine bestimmte Art der Weltbetrachtung und eine von Achtsamkeit und Gelassenheit geprägte Lebensführung. Zen ist nicht abgehoben oder lebensfern, keine aus Asien importierte Esoterik, sondern eine allgemeingültige Praxis, die sich im konkreten Lebensvollzug bewährt.

Zen-Praktizierende wissen auch, dass man auf diesem Weg nicht »ankommen« und sich nicht vornehmen kann, ein bestimmtes Ziel, wie die »Erleuchtung«, zu erreichen. Es geht vielmehr um das Loslassen von Illusionen in einem oft jahrelangen Prozess der Selbsterkenntnis und Selbsterziehung, um das allmähliche, manchmal auch sehr plötzliche Aufwachen zur Wirklichkeit. Man beschreitet diesen Weg mit Demut, mit Geduld und nicht ohne Humor, wie die alten Zen-Meister Chinas und Japans ihn vorgelebt haben. Auch die Verfasser und Verfasserinnen der kürzeren oder längeren Artikel in diesem Band sind Menschen auf dem Wege, die mit ihrem Zeugnis einen Standort beschreiben, die persönliche Einsichten und Erfahrungen mitteilen. Sie zeigen mitunter, dass »Erleuchtung« ganz nebenbei geschehen kann – in einem Augenblick, den man nicht festhalten kann.

Es gibt so viele Möglichkeiten, Erfahrungen mit Zen zu machen, wie es Praktizierende gibt. Die Praxis ist so vielgestaltig und vielschichtig wie das Leben selbst. So ist ein bunter Strauß entstanden aus dem Geist und der Feder vieler, ein originelles Mosaik der Erfahrungen mit Zen, ein Buch, das es in dieser Form noch nicht gibt. Erfahrungsberichte, Momentaufnahmen stehen neben Aufsätzen zur Geschichte des Zen-Buddhismus, seiner Bedeutung für den Westen und den Berührungspunkten mit der christlichen Religion. Kurze Betrachtungen zur Erläuterung wesentlicher Vorstellungen und Begriffe des Zen, mit denen Karl Obermayer die Hefte des »Mu-gen« einzuleiten pflegt, wechseln ab mit Gesprächen, Hinweisen, wegweisenden Zitaten aus der Überlieferung, Gedichten und Kalligraphien. Wie immer ein Beitrag sich in Form und Inhalt präsentieren mag, immer geht es um eine Stelle, wo Zen das Leben berührt – und verwandelt. Aus vielen Beiträgen spricht eine christliche Grundhaltung, nicht nur, weil der Begründer des Wiener Zendo katholischer Priester ist, sondern weil die Parallelen zwischen Zen-Praxis und der Botschaft des Evangeliums, insbesondere auch der Mystik eines Meister Eckhart, auf der Hand liegen und erfahrbar sind. Auch Kunstbetrachtung und Kunstübung haben einen legitimen Platz in dieser Anthologie, denn wie in der Kunst geht es in der Zen-Praxis um genaue Wahrnehmung und die unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit.

Wie das »Mu-gen« sich von einer ursprünglich sehr bescheidenen internen Zeitschrift zu einem Forum gelebter Zen-Praxis entwickelt hat, das über den inneren Kreis hinaus wirkt und von immer mehr Menschen gerne gelesen wird, hat sich auch die Sangha weiterentwickelt. Sie ist zu einem Netzwerk von Menschen geworden, die sich auf dem Weg der gemeinsamen Übung gegenseitig begleiten. Die Sangha, die Gemeinschaft der Praktizierenden, hat das Leben vieler von uns bereichert und vertieft. Unser Dank gilt Karl Obermayer, der sie ins Leben gerufen hat, und den alten und neuen Meistern, von deren undogmatischer, zeitloser Weisheit wir lernen.

Susanne Schaup

1.

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FASZINATION BUDDHISMUS

KARL OBERMAYER

Faszination Buddhismus

Bei einer Tagung des »Rates der europäischen Bischofskonferenzen« und des »Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog« in Straßburg ging es um die Frage, warum der Buddhismus auf Menschen im Westen eine so große Faszination ausübt. Die schwedische Dominikanerin Katrin Amell, die selbst Zen praktiziert und für den Dialog mit den Buddhisten in ihrem Land zuständig ist, meinte: »Weil er eher wie ein Lebensmodell erscheint denn eine Religion mit einem festen System von Wahrheiten und hierarchischer Institution.« Die Möglichkeit, sich die buddhistische Vision zu eigen zu machen, ohne der buddhistischen Religionsgemeinschaft anzugehören, übe in einer individualistischen Gesellschaft wie der europäischen eine große Faszination aus. Sie hält den Dialog mit dem seit 2500 Jahren bestehenden spirituellen Weg für notwendig, ebenso wie eine Zusammenarbeit für Frieden und Gerechtigkeit sowie das Engagement für eine Kultur der Einfachheit und Demut als Gegenmodell zum Konsumismus.

Der Genfer Buddhist Jerome Ducor ist der Ansicht, der spirituelle Reichtum der christlichen Botschaft sei zu wenig bekannt, und warnt gleichzeitig davor, Zahlenangaben zu überschätzen. Zumeist handele es sich in Europa nicht um praktizierende Buddhisten: »Wenn sich Schauspielerinnen wie Isabelle Adjani oder Sophie Marceau als Buddhistinnen bezeichnen, dann wüssten sie nicht, was sie wirklich meinen.«

Zen hat innerhalb der buddhistischen Richtungen immer schon eine Sonderstellung innegehabt, weil hier auf die eigene Erfahrung in der Meditation und nicht auf ein »Lehrgebäude« Wert gelegt wird. »Zen ist eine Sache der direkten Erfahrung, nicht des begrifflichen Denkens. Daher vermeidet es Zen, ein bestimmtes Denksystem zu übernehmen oder es zu seiner Lebensgrundlage zu machen.« (Sohaku Ogata)

Unter meinen Lehrern haben es vor allem P. Lassalle, Nagaya und Claude Durix verstanden, die Parallelen bei den christlichen Mystikern sehen zu können, und so finde ich zwischen Meister Eckhart und Meister Dogen, die übrigens Zeitgenossen waren, natürlich ohne sich zu kennen, keine wesentlichen Unterschiede in ihrer spirituellen Erfahrung, auch wenn sie diese in der Sprache ihres Weltbilds auszudrücken versuchen.

Bei aller Bereicherung, die durch die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen ermöglicht wird, sollte man seine eigenen Wurzeln nicht abschneiden – dies betont Durix immer wieder in seinen Büchern und Vorträgen.

In die klare Methode der Zen-Praxis, die eine so lange Tradition hat, sollte man keine anderen Elemente hineinmischen, das ist meine feste Überzeugung geworden. So sagt Uchiyama Roshi: »Zen ist wie klares Wasser – ohne Farbe und ohne Geschmack. Manche machen allerdings Limonade daraus.« – Allerdings müssen Bräuche, die zeitlich oder kulturell bedingt sind, nicht übernommen werden. Durix zitiert immer wieder seinen Meister, der ihm mit der Beauftragung Folgendes auf den Weg mitgegeben hat: »Übernehmen Sie nicht unsere Bräuche und Spaltungen, Sie müssen ein europäisches Zen kreieren!«

Ein alter Spruch des Tee-Weges lautet: »Tee und Zen haben den gleichen Geschmack«. Von Yamada Roshi, bei dem viele Christen Zen geübt haben, wird ein Ausspruch überliefert: »Tee schmeckt wie Tee, egal ob ihn Christen oder Buddhisten trinken.«

URSULA BAATZ

Zen-Buddhismus im Westen

Bereits im 19. Jahrhundert gab es eine Welle der Japan-Begeisterung, doch der Zen-Buddhismus ist erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Westen heimisch geworden. Anfang der 1950er-Jahre entdeckten in den USA die Beatniks – angeödet von der einsetzenden Konsumgesellschaft und abgestoßen von den christlichen Kirchen – den japanischen Zen-Buddhismus, vermittelt durch Person und Bücher des Schriftstellers, Übersetzers und Philosophen D. T. Suzuki. Er stellte den Zen-Buddhismus als eine undogmatische, erfahrungsorientierte, institutionsfeindliche Religion dar. Wie man heute weiß, zeichnet Suzuki damit ein Bild, das vor allem den Wünschen von Europäern nach einer aufgeklärten, vernünftigen Religion entspricht. Bei diesem Bild eines »Samurai-Zen« stand unter anderem der japanische Nationalismus Pate. Der Bestseller unter den deutschsprachigen Zen-Büchern stammt von dem neukantianischen Philosophen Eugen Herrigel. In »Zen in der Kunst des Bogenschießens« berichtet er über seine Erfahrungen in Japan Ende der 1930er-Jahre, und vor allem der Bericht über den Bogenmeister, der sogar im Dunkeln das Ziel trifft, verfehlt bis heute nicht seine Wirkung.

Als einer der Wegbereiter des Zen in Deutschland ist auch Karlfried Graf Dürckheim zu nennen. Der Professor für Psychologie arbeitet nach 1933 für das Reichsaußenamt und ist zu der Zeit unter anderem in London der Verbindungsmann für die deutsche Spionage. Einer weiteren Karriere steht jedoch das Faktum im Wege, dass Dürckheims Großmutter Jüdin ist. Dürckheim wird 1940 ins weit entfernte Japan versetzt, um dort im Auftrag des nationalsozialistischen Deutschen Reiches als Kulturattaché Vorträge zu halten. So lernt er die Zen-Kultur kennen. Nach der Kapitulation Japans wird er von den US-Truppen als Kriegsverbrecher inhaftiert, aber durch Intervention nach einem Jahr Haft freigelassen. In dieser Zeit der Krise findet Dürckheim zum Zen, das in dieser Zeit für ihn zum Heilmittel wird. 1947 kommt er zurück nach Deutschland und gründet 1951 zusammen mit seiner späteren Frau Maria Hippius das Zentrum Todtmoos-Rütte. Dort entwickelt er die Initiatische Therapie, in der Leibarbeit und Zen-Übung eine wichtige Rolle spielen.

Bis Anfang der sechziger Jahre blieb es aber im Wesentlichen bei der Lektüre von Büchern über Zen-Buddhismus. Dass aus dem »Lese-Buddhismus« ein »Meditations-Buddhismus« wurde, hat seine Wurzeln in den politischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Die Niederlage Japans, die Flüchtlingsströme aus Vietnam, aber auch aus Tibet haben dazu beigetragen. Der Österreicher Fritz Hungerleider, der 1964 im »Haus der Stille« in Roseburg das erste Zen-Meditationsseminar abhielt, war als Flüchtling vor den Nazis in China und Japan mit dem Zen-Buddhismus bekannt geworden. Im Mai 1967 fand auf Schloss Elmau in Bayern die Jahrestagung »Arzt und Seelsorger« statt. I. H. Schultz, der Erfinder des Autogenen Trainings, Karlfried Graf Dürckheim und Hugo M. Enomiya-Lassalle hielten hier Meditationskurse. Nach dieser Tagung wurde der »Frankfurter Ring« gegründet, eine bis heute bestehende Vereinigung von Meditationsgruppen; und P. Lassalle wurde in die Benediktinerabtei Niederalteich eingeladen und hielt 1968 das erste einer Unzahl weiterer Zen-Seminare. Damit wurde aus dem Jesuiten, der Zen als Missionar in Japan kennen und schätzen gelernt hatte, einer der wichtigen Brückenbauer zwischen Ost und West.

Zen ist heute im deutschen Sprachraum durch ein breites Spektrum unterschiedlichster Gruppierungen repräsentiert, das von »Samurai-Zen« bis »Graswurzel-Zen« reicht, also von hochelaborierten Übernahmen japanischer klösterlicher Traditionen bis hin zu Gruppen, die – lose zusammengewürfelt und durch das gemeinsame Interesse an der Übung des Zen geeint – versuchen, in Anlehnung an alte chinesische Vorbilder neue Wege für Zen in Europa zu erschließen.

Vielfach orientiert sich die Zen-Praxis an klösterlichen Formen, wobei sehr viele die Ordination als Mönche oder Nonnen mit dem Leben als »Privatperson« mit Beruf und Familie verbinden. Die allermeisten dieser Rinzai- und Soto-Gruppen stehen in irgendeinem institutionellen Zusammenhang mit den japanischen Zen-Institutionen. Zweitens geht man hier von der charakteristischen These aus, dass Zen über allen Religion steht. Zugleich verstehen sie sich aber explizit als Buddhisten und unterstützen den formalen Beitritt von Mitgliedern zum Buddhismus. Drittens halten sie an den japanischen hierarchischen Klostertraditionen fest, und viertens spielt bei diesen Gruppierungen die ethische Ausrichtung kaum eine Rolle.

Anders ist dies bei jenen Gruppen, die sich dem engagierten Buddhismus zurechnen. Das sind vor allem die Gruppen um Thich Nhat Hanh und den Tiep Hien (»Orden des Interseins«) und seit Kurzem auch der Zen-Peacemaker-Orden von Bernard Tetsugen Glassman, der aus der japanischen Soto-Tradition stammt. Thich Nhat Hanh dagegen kommt aus einer chinesischen Linie des Lin Chi (Rinzai-)Zen, und seine Erfahrungen während des Vietnamkriegs haben ihn zur Gründung des Tiep-Hien-Ordens veranlasst, aber auch zu einer Reform der Übungspraxis, die dazu führt, dass ihn manche seiner Landsleute nicht als Lehrer anerkennen, da er von vielen Praktiken des Volksbuddhismus Abstand nimmt.

Der Zen-Peacemaker-Orden interpretiert Zen als Erfahrung, die allen Religionen zugrunde liegt. Daher sind unter anderem ein Jesuit und ein Rabbi von Glassman Roshi zu Lehrern ernannt worden, obwohl der »White Plum Sangha« mit der Soto-shu, das heißt, einer buddhistischen »Kirche«, affiliert war. Auch im Peacemaker-Orden, der nun institutionell von Japan unabhängig ist, geben die Rituale der Soto-Tradition der Zen-Praxis bislang den Rahmen. Großen Wert legt Glassman aber nicht nur auf das Zazen, sondern noch mehr auf die Arbeit in Sozialprojekten. Der Zen-Peacemaker-Orden kann als ein weiterer Schritt im Bemühen gesehen werden, eine westliche Form der Zen-Praxis zu kreieren.

Einen eigenen Status hat der Sambokyodan, eine japanische Laien-Zen-Gruppe, die im deutschen Sprachraum sehr gut vertreten ist. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Hugo M. Enomiya-Lassalle lange Jahre in Kamakura unter Yamada Koun Roshi, dem Oberhaupt des Sambokyodan, übte und durch ihn viele Westler kamen. Die Laien-Zen-Gruppe Sambokyodan ist aus einer Verbindung der Rinzai- und Soto-Tradition entstanden. Die These, dass Zen das Herz aller Religionen sei, wird vom Sambokyodan am deutlichsten vertreten. Religiöse Rituale spielen hier eine unwesentliche Rolle, und wer im Sambokyodan zum Zen-Lehrer ernannt wird, muss nicht Jukai nehmen (die Übernahme der zehn Gebote für »Laienmönche«) und muss auch nicht die Funktionen eines buddhistischen Priesters ausüben, die in Japan mit dem Auftrag, Zen zu lehren, verbunden sind. Hauptvertreter des Sambokyodan in Europa sind die evangelische Pastorin Gundula Meyer und der Benediktinerpater Willigis Jäger. Letzterer praktiziert nach eigener Aussage ein »transreligiöses Zen«, das japanische Formen beibehält, aber die buddhistische Tradition nur soweit aufnimmt, als das für die Arbeit mit Koan unvermeidbar ist. Im Übrigen beruft er sich auf einen zeitgenössisch modifizierten Neuplatonismus. Zugleich lehrt Jäger christliche »Kontemplation«, die er vom »transreligiösen Zen« trennt. Der Unterschied besteht auf den ersten Blick im Wesentlichen in der Auswahl der Texte, die rezitiert werden.

Eine der Grundthesen des Sambokyodan-Zen ist, dass es um Erfahrung geht, dass aber die Verwirklichung im Alltag, und das heißt auch eine Ethik des Zen, von den Schülern selbst gefunden werden muss. Dies ist im Kontext von Sambokyodan vor allem deswegen bemerkenswert, weil die beiden japanischen Oberhäupter des Sambokyodan Manager waren bzw. sind. Der eine von ihnen ist einer der Präsidenten der Mitsubishi Bank, einer der größten Banken der Welt. Die Frage nach der Vereinbarkeit könnte sich hier also dringend stellen, wird aber durch den Rahmen des »Corporate Zen« in der Nachfolge des »Samurai-Zen« verhindert.

Auch die amerikanische Abspaltung des Sambokyodan, der Diamond Sangha von Robert Aitken (Hawaii), ist im deutschen Sprachraum vertreten. Die westlichen Lehrer sowohl des Sambokyodan als auch des Diamond Sangha sind in der älteren Generation fast ausnahmslos katholische Ordensleute oder protestantische Geistliche, doch es werden weder interreligiöser Dialog noch eine angemessene Reflexion auf die eigene Position gepflegt. Der Palottinerpater und Zen-Lehrer Johannes Kopp hat dies mit seinem Buch »Schneeflocken fallen in die Sonne. Christuserfahrungen auf dem Zen-Weg« (1984) versucht, er ist aber in der Zwischenzeit auf Distanz zu Sambokyodan gegangen. Dasselbe gilt für den indischen Jesuiten und Zen-Lehrer Arul M. Arokiasamy (AMA Samy), der mit seinem Buch »Warum Bodhidharma in den Westen kam oder Kann es ein europäisches Zen geben?« (1985) einige Untiefen der Zen-Rezeption im Westen ausleuchtet. Zwei weitere der deutschsprachigen Lehrer des Sambokyodan, der Jesuit Niklaus Brantschen und die Ordensfrau Pia Gyger, haben sich Glassman Roshi angeschlossen und eine eigene Gruppe des Zen-Peacemaker-Ordens in der Schweiz gegründet. Von Glassman wurde ihnen der Titel »Roshi« verliehen.

Ein katholischer Priester in Wien, Karl Obermayer, ist Roshi in einer aus Japan über den Franzosen Claude Durix tradierten Soto-Linie. Seine entscheidenden Einflüsse hat er freilich von Nagaya Roshi erhalten, der aus einer Laien-Rinzai-Tradition kam. Die Gruppe in Wien unterscheidet sich von anderen Zen-Gruppen dadurch, dass es eine flache Hierarchie, keine monastischen Formen oder Vereinsmitgliedschaft und keine Affilierung an japanische Institutionen gibt. Die Pflege japanischer Kunstformen wie Ikebana, Bogenschießen oder Shodo geschieht ohne Nachdruck, eher als Liebhaberei. Das macht die Gruppe eher untypisch für fest institutionalisierte Zen-Gruppen.

Eine eigene Kategorie ist das »Graswurzel-Zen«, ein Wort, das aus dem Chinesischen stammt (ts ao-pen ch’an) und dort ein Zen bezeichnet, das sich ohne offizielle Institutionen oder Übertragungen von Meister zu Meister weiterverbreitet, so wie Graswurzeln im Untergrund. Dies ist eine sehr neue Entwicklung im deutschen Sprachraum. Das Vorbild des »Graswurzel-Zen« sind chinesische Gestalten wie der Laie P‘ang und seine Familie. In den von ihnen erhaltenen Dialogen weisen sich Mutter, Vater und Tochter als tief erleuchtete Wesen aus, aber auch als Menschen, die an institutionellen Ehren und Bindungen kein Interesse haben. »Graswurzel-Zen« sind informelle Sitzgruppen, die sich im Laufe der Jahre entwickelt haben, meist nur lose an Lehrerpersönlichkeiten orientiert sind und im Allgemeinen von Personen getragen werden, die schon sehr lange Zen üben, aber keine institutionellen Ränge oder Ambitionen haben. Die FAS-Sesshin im holländischen De Tiltenberg scheinen eine Art Brennpunkt dieser Tendenzen darzustellen. Der Impuls zu diesen Sesshin kam von der japanischen FAS-Vereinigung, deren Proponent Jeff Shore ist, ein Amerikaner, der seit Jahrzehten in Japan lebt und dort auch im Tofukuji, einem der angesehensten Rinzai-Klöster, eine Zen-Schulung durchlaufen hat.

Die FAS (F steht für »Formless Self«, A für »All Humankind« und S für »Suprahistorical History«) wurde 1944 von dem japanischen Philosophen und Zen-Meister Shin‘ichi Hisamatsu gegründet. Die kritische Haltung der FAS gegenüber Hierarchien und einer formalen Schulung hat dazu geführt, dass bei den bisherigen Retreats der FAS-Gruppe, die seit 1995 in De Tiltenberg in Holland stattfinden, die sonst übliche Konzentration der Übenden auf einen einzigen Lehrer entfällt und die Teilnehmer sich andere, durch lange Jahre der Zen-Praxis erfahrene, vertrauenswürdige Teilnehmer zum Gespräch suchen.

Welchen Weg Zen in Europa bzw. im deutschen Sprachraum gehen wird, ist ungewiss. Eines steht jedenfalls fest: Sowohl das Verständnis als auch die Form der Zen-Übung haben sich bereits stark geändert, und das ist erst der Anfang. Jede kulturelle Erscheinung ändert ihre Form und ihre Bedeutung, wenn sie aus einer Kultur und Gesellschaft in eine andere wandert.

CLAUDE DURIX

Nyoibo. Die Weitergabe des Stabes

1959 hielt ich mich in Japan, in Obaku-san in der Nähe von Kyoto auf, im Kloster Manpuku-ji, dem »Tempel der Zehntausend Glückseligkeiten«.

Es war am Abend nach dem Zazen, und wie jeden Abend seit dem Beginn meines Aufenthalts befand ich mich im Zimmer von Sengoku Roshi, meinem Zen-Meister. Ich saß oder kniete vielmehr ihm gegenüber an einem niedrigen Tisch, und wir sprachen miteinander. Scheinbar ging es um ganz alltägliche und gewöhnliche Dinge des Lebens, während wir aus sehr alten, dunkelbraunen Keramikschalen den Tee tranken, den er vorbereitet hatte. Diese informellen Unterredungen unterschieden sich sehr von einem Lehrgespräch zwischen Meister und Schüler, wie man es gewöhnlich kennt. Es ging einfach darum, gemeinsam eine Schale Tee zu trinken. Dennoch war jedes seiner Worte, auch wenn es unscheinbar war, wichtig. Dieser Abend war der letzte, denn am nächsten Morgen sollte ich früh aufbrechen, und ich nahm also Abschied von meinem Meister. Ich begann mit einigen Abschiedsphrasen, aber er unterbrach mich mit einer Handbewegung. Er stand auf, zündete die Lampe an, nahm aus der Tokonoma, einer Nische, hinter sich eine rechteckige Holzschachtel und stellte sie zwischen uns auf den Tisch.

Er schwieg lange Zeit, dann sagte er mit einer kräftigen und zugleich sanften Stimme voll Autorität zu mir: »Von nun an sollen Sie Zen in Ihrem Lande lehren.« – »Wie könnte ich das?«, fragte ich, »ich bin nur ein Anfänger in der Zen-Praxis.« – »Haben Sie keine Angst, man muss den Mut haben, in die gefährlichen Wellen, die den Menschen erschrecken, einzutauchen, so wie mein Vorgänger, Ingen Zenji, der dieses Kloster vor 300 Jahren gründete, gesagt hat. Sie werden Fehler begehen, Sie werden Schwierigkeiten haben, man wird versuchen, Sie vom richtigen Weg abzubringen, Sie werden unechten Meistern begegnen, die versuchen werden, Ihnen zu schaden, aber Sie müssen weitermachen. Ich werde immer bei Ihnen sein, und selbst durch Ihre Fehler werden Sie vorankommen.«

Er öffnete die Holzschachtel, indem er den Deckel in den Falz gleiten ließ. Auf diesem Deckel waren vier Zeichen in archaischchinesischem Stil eingraviert. Im Inneren befand sich ein länglicher Gegenstand, eingewickelt in ein abgetragenes Stück blauen Stoff, den Rest eines seiner Arbeitskimonos. Er entfernt diese Hülle, und zum Vorschein kam ein etwa 40 cm langer Bambusstock, der an einem Ende zu einem Krummstab gerundet war und im Lauf der Zeit eine glänzende rötlich-ockerfarbene Patina angenommen hatte. Es war dies sein Nyoibo, jener Stab des Meisters, der eine so bedeutende Rolle in der Geschichte des Zen spielt. Sengoku Roshi übergab ihn mir und sagte: »Tragen Sie diesen Stab immer. So werde ich, wo immer Sie sein mögen, bei Ihnen sein.«

Die vier auf dem Deckel eingravierten Zeichen im archaischchinesischen Stil bedeuten: »Weisheit, Intuition, alter Wald.« Wir wissen, dass der Ausdruck »alter Wald« im Alt-Chinesischen »Kloster« bedeutet, in dem man sich dem Studium widmen, das heißt: durch sich selbst den Weg zur Erkenntnis finden kann, dank der Intuition und der Weisheit der Meister. So sei es!

Nach einiger Zeit fügte er hinzu: »Sie dürfen das, was wir hier machen, nicht nachahmen. Der Buddhismus, die heiligen Texte, die Bezugnahme auf Ereignisse unserer Vergangenheit, das alles betrifft Sie nicht, das hat für Sie keine Bedeutung. Sie dürfen auch nicht den Fehler machen, unsere Unterteilungen weiter fortzusetzen: Obaku, Rinzai, Soto – was soll das bedeuten? Zen muss in Europa europäisch sein. Es liegt an Ihnen, es immer wieder neu zu erschaffen, einfach, ohne Komplikationen, ohne Zeremonien. Sie können und müssen es tun … Ich bin immer da, an Ihrer Seite, ganz nah, auch wenn riesige Ozeane und Berge uns trennen, ja, selbst wenn ich gestorben sein werde!«

Darauf konnte ich nichts antworten! Ich war meiner selbst nicht sicher, fühlte aber dennoch, dass ich ihm gehorchen sollte. Ich erhielt diese direkte Übertragung von seinem Herzen zu meinem Herzen – I shin den shin –, die über Worte hinausgeht. Ich musste versuchen, etwas daraus zu machen, aber es war ein Abenteuer, für das ich mich noch sehr wenig vorbereitet fühlte. Ich würde dafür Hilfe brauchen. Wo war diese Hilfe zu finden? Als ich so dachte, sagte er: »Niemand kann Ihnen helfen. Nur in Ihnen selbst werden Sie die nötige Energie für diese Aufgabe finden. Lassen Sie sich Zeit. Auch in fünfundzwanzig, auch in dreißig Jahren werden wir uns immer wieder finden. Ich werde nicht mehr am Leben sein, aber ich werde immer an Ihrer Seite sein, und Sie werden immer an diesen Moment, den wir heute, hier und jetzt erleben, denken. Ich weiß, dass Sie dann über den zurückgelegten Weg staunen werden.«

An diesem Abend sagte er nichts mehr. Wir gingen auseinander. Ich sollte ihn lebend nicht mehr wiedersehen. Ich nahm seinen Nyoibo, den Stab meines Meisters. Er hat mich seitdem keinen Augenblick verlassen.

Das war vor siebenunddreißig Jahren. Ich bin jetzt fünfundsiebzig, ein dreiviertel Jahrhundert, und es ist wahr, dass ich über den zurückgelegten Weg staune. Das Zen, die Erinnerung an meinen Meister und der Nyoibo, den er mir übertragen hat, haben mich auf dieser ganzen Reise meines Lebens begleitet. Es war ein langer Weg im alten Wald der Zeit, geleitet von einer Intuition und einer Weisheit, die sich immer als von der Vorsehung bestimmt erwiesen hat.

Für mich ist der Augenblick gekommen, diesen Stab und all das, was damit verbunden ist, all den Kräften und all den vergessenen Erinnerungen von jenen, die ihn einmal in den Händen hielten, auch meinerseits weiterzugeben.

Bei den Staffelläufen im Rahmen der Olympischen Spiele wird im Lauf des Wettkampfs ebenfalls ein Stab weitergereicht, immer demjenigen, der im gegebenen Augenblick der Würdigste ist. Manchmal kommt es jedoch vor, dass die Übergabe schlecht abläuft, dass der Stab zu Boden fällt, und dann ist alles verloren. Ich weiß, dass dieser Stab nicht fallen wird. Als ich vor einigen Jahren Karl Obermayer kennenlernte, verstand ich sofort, dass niemand besser als er diesem Zen-Geist, den mir mein Zen-Meister weitergegeben hatte, entsprach. Erinnern wir uns: »Sie dürfen uns nicht nachahmen, Zen muss in Europa europäisch sein. Sie müssen es immer wieder neu erschaffen, ohne Kompliziertheit, ohne unnütze Zeremonien …«

Es geschieht also ohne eine Zeremonie, dass ich Ihnen, lieber Karl, heute diesen Nyoibo übertrage. Ich weiß, dass er in guten Händen ist, und ich weiß, dass ich auf diese Weise immer an Ihrer Seite sein werde. Und Ihnen allen danke ich für die Freundschaft, die Sie mir in so großzügiger Weise geschenkt haben.

(Dankesrede von Karl Obermayer)

Lieber Claude!

Ich bin tief berührt, dass Sie mich ausgewählt haben, diesen Nyoibo weiterzutragen. Es stimmt, dass schon im ersten Briefwechsel zwischen uns eine starke Seelenverwandtschaft für mich spürbar war, die sich in der Begegnung und im Laufe der Jahre immer mehr bestätigt hat. Auch im Verständnis des Zen, das die Freiheit des Geistes unter Bewahrung der eigenen Tradition möglich macht – was viele nicht einsehen wollen –, fanden wir große Übereinstimmung. Nicht umsonst hat ein kurzer Text aus Ihrem Buch, der mir in einer Zeitschrift zugekommen ist, damals ganz spontan den Wunsch ausgelöst, diesen Mann kennenzulernen. Was mich besonders freut, ist die »Formlosigkeit in der Form«, wenn ich das so ausdrücken darf. Ich habe es in den mehr als zwanzig Jahren immer abgelehnt, mich auf eine bestimmte Schulrichtung festlegen zu lassen, obwohl ich manches verlockende Angebot erhalten hätte. Nagaya Roshi, der mich durch eine sehr lange Zeit begleitet hat, dürfte in seinen Ansichten sehr viel mit Ihrem Meister Sengoku Roshi gemeinsam gehabt haben. Auch er stand weit über den Schulen mit ihren armseligen Zwistigkeiten. Er hat von sich bis zuletzt behauptet, im streng formalen Sinn kein »Meister« zu sein. Dennoch hat er kraft seiner persönlichen Autorität authentisches Zen gelehrt. Als er seine Reisen nach Europa mit zweinundneunzig Jahren einstellte, schrieb er ein kurzes Wort an unsere Gruppe in Wien: »Sitzen Sie immer weiter unter Leitung von Herrn Obermayer. – Shikantaza, nur Sitzen« – Das war alles, und mir war es Bestätigung und Auftrag zugleich.

Wenn Sie mir, lieber Claude, heute diesen Nyoibo überreicht haben, so ist dies wohl ein äußeres Zeichen, das ich hoch in Ehren halten werde, aber dennoch frei von irgendeinem Rang oder einer Verpflichtung auf die Obaku-Schule, die ich nicht einmal kenne.

Mehr noch als all dies ist es ein Zeichen Ihrer persönlichen Zuneigung und Freundschaft, wenn Sie sich von diesem Stück trennen, das Sie so sehr an Ihren Meister erinnert und Sie jetzt siebenunddreißig Jahre begleitet hat. Sie waren damals um etwa zwanzig Jahre jünger, als ich es jetzt bin, und mich bedrängt ein wenig die Frage, wie viel Zeit mir gegeben ist, meinerseits einen Nachfolger zu finden, dem ich den Stab weitergeben kann, damit er nicht »zu Boden fällt« und all die Kräfte und vergessenen Erinnerungen von denen, die ihn einmal in Händen hielten, weitergetragen werden. Ich fühle im Moment vor allem die große Verantwortung, die mir hiermit von Ihnen übertragen wird. Dass Sie mir als bisher letzter in dieser Kette ganz besonders nahe sein werden, ist für mich selbstverständlich. Untrennbar mit Ihnen ist mir stets auch Ihre liebe Ehefrau Suzanne nahe, die neben Sengoku Roshi Ihr Leben und auch Ihr Zen-Verständnis mitgeformt hat.

Wie Sie, lieber Claude, zuletzt einen Dank an die Gruppe ausgesprochen haben, will ich es jetzt auch tun. Keiner kann seinen Weg alleine gehen. Ich bin immer wieder berührt von der Treue, mit der so viele schon durch Jahre bzw. Jahrzehnte sich dieser Sangha zugehörig fühlen, obwohl auch hier die »Formlosigkeit« oberstes Prinzip ist: kein Verein, kein Mitgliedsbeitrag, keine besonderen Rechte und Pflichten. Einfach kommen und mit-sitzen, manchmal, öfter oder regelmäßig – egal. Jeder gehört voll dazu. Ihnen allen danke ich heute, auch denen, die gerade nicht dabei sein können.

Gehen wir gemeinsam ans andere Ufer, wie wir im »Hannya Shingyo« rezitieren: »Gyatei, gyatei, hara gyatei, hara so gyatei, bo dhisowa ka …«

SUSANNE SCHAUP

Wie »kalt« ist der Buddhismus?

Neulich erzählte in einer Radiosendung ein Mann, der hervorragende Arbeit für Straßenkinder leistet, dass er sich für den Buddhismus interessiert habe, sich wegen seiner »Kälte« aber schließlich von ihm abgewandt habe. Die einsame Meditation, das Für-sich-Sein, auch wenn ein Meister vorhanden ist, die Distanz zu anderen …

Ist da nicht etwas dran? In der Tat sitzt jeder für sich, im Zendo in der Anwesenheit anderer, und erst recht zu Hause. Wenn man in einer Pause miteinander plaudert, ist das wirkliche Nähe? Wer weiß wirklich etwas vom anderen? Ist die Sangha, zu der wir in einer Gebetsformel Zuflucht nehmen, mehr als eine ideelle Gemeinschaft, ähnlich wie wir im Christentum die »Gemeinschaft der Heiligen« anrufen? Ist das nicht nur eine fromme Redensart statt einer tief empfundenen Nähe von Gleichgesinnten, die nach demselben Ziel streben?

Ich weiß nicht. Man kann ausgleiten beim Meditieren, man kann abstürzen, ohne dass einer da ist, der einem heraushilft. Die Zeiten, in denen man mit dem Meister sprechen kann, sind streng geregelt. Wenn man ihn brauchen würde, ist er nicht da. Wer sich einer Meditationsgruppe anschließt, um Nähe und menschliche Wärme zu finden, kommt der auf seine Kosten?