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WACHE AUF UND
LACHE

Unterweisungen der
koreanischen Zen-Meisterin

DAEHAENG

Übersetzt von Haejin Sunim
und dem Hanmaum-Team

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Vollständige E-Book-Ausgabe der bei J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH erschienenen Printausgabe

Die englische Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel Wake up and Laugh beim Hanmaum International Culture Institute, 101-60, Seoksu-dong, Manan-gu, Anyang-si, Gyeonggi-do, 430-040, Republic of Korea, herausgegeben © 2005 Hanmaum Seonwon

© Theseus in J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH,
Bielefeld 2011

www.weltinnenraum.de

1. Auflage 2011

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN E-Book: 978-3-89901-588-1

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

INHALT

Vorwort

Über Daehaeng Kunsunim

Zuerst muss das »Ich« sterben

Der innere Schmelzofen

Guan: Loslassen und betrachten

Gehen, ohne eine Spur zu hinterlassen

Maum, der GEIST
unsichtbare Schatzkammer des Glücks

Anmerkungen

Kontaktadressen

Das Tor zur Befreiung
ist in unserem täglichen Leben zu finden,
nirgendwo sonst
.

VORWORT

Stellen Sie sich beim Lesen dieses Buches vor, Sie sitzen in einer Dharma-Halle und Zen-Meisterin Daehaeng spricht direkt zu Ihnen. Es gibt kein Vertun, Sie sind gemeint. Als Leser dieses Buches sind Sie wahrscheinlich kein Koreaner. Manches mag Ihnen deshalb beim ersten Lesen fremd erscheinen, manches Bild gewöhnungsbedürftig, manch koreanisches Wort zunächst unverständlich. Lassen Sie sich davon nicht irritieren! Die Unterweisungen der Zen-Meisterin Daehaeng zielen auf eine universelle Wahrheit hinter den Worten. Diese Wahrheit ist für jeden, unabhängig von Herkunft, Sprache, Hautfarbe, Nationalität und Religion, ein und dieselbe. In ihr, in dem »einen Herzen«, dem »einen Geist«, sind wir alle miteinander verbunden. Ist es nicht diese Einheit, die wir suchen, wenn wir nach Erkenntnis unserer selbst, nach Befreiung von Leid, ja sogar nach Erleuchtung streben?

Seit meiner frühesten Kindheit bin ich auf der Suche nach der Wahrheit. Diese Suche hat mich von Korea nach Deutschland, nach Indien und zum Yoga gebracht. Innere Ruhe und Einkehr habe ich erst gefunden, als ich durch Zufall einem Buch von Zen-Meisterin Daehaeng begegnet bin. Es lag auf dem Tisch in meiner Wohnung, als ich gerade von einer Indienreise nach Deutschland zurückgekehrt war. Ich schlug das Buch an einer beliebigen Stelle auf und las »Hanmaum Juingong«. Nicht die Worte waren es, die sofort mein Innerstes berührten, sondern ich spürte etwas dahinter: Die Wahrheit, nach der ich so lange gesucht hatte – hier trat sie mir entgegen! In diesem Augenblick erkannte ich das »leere weiße Papier«, vor dem sich alles Geschriebene so deutlich abhebt, den Hintergrund, der so häufig übersehen wird. Diese beiden Worte, »Hanmaum Juingong«, haben mich auf den Weg geführt, nach dem ich viele Jahre vergeblich gesucht habe, sie haben mir das torlose Tor geöffnet. Möge es Ihnen beim Lesen dieses Buches ebenso ergehen.

Ven. Haejin Sunim,
Leiterin des deutschen Hanmaum-Zen-Zentrums
und direkte Schülerin Daehaeng Kunsunims

Kaarst, den 9. Juni 2011

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ÜBER DAEHAENG KUNSUNIM

Daehaeng Kunsunim gehört zu den großen Persönlichkeiten des zeitgenössischen Buddhismus. Zur Zeit der Entstehung dieses Buches, im Sommer 2011, lebt sie im Muttertempel des von ihr gegründeten Hanmaum-Seon-Zentrums in Anyang, Südkorea. Seit mehr als dreißig Jahren lehrt sie dort den Dharma und hat in dieser Zeit tausende von Nonnen, Mönchen und Laien geleitet.

Wie der von ihr gerne zitierte sechste Patriarch des chinesischen Zen, Huineng (638–713), hat Daehaeng Kunsunim niemals eine Ausbildung in einem buddhistischen Orden erhalten. Ihr Erkenntnisweg führte, bildlich gesprochen, nicht durch die Meditationshallen buddhistischer Klöster, sondern mitten durch die Erfahrungen ihres eigenen Lebens. Buchstäblich alles, was Kunsunim lehrt, hat sie selbst erlebt, am eigenen Leib erfahren. Deshalb gibt es in ihrer Lehre keinerlei Unterschied zwischen Alltagswirklichkeit und geistigem Weg. Sie selbst drückte es einmal so aus: »Das Tor zur Befreiung ist in unserem täglichen Leben zu finden, nirgendwo sonst.«

Geboren wurde Daehaeng Kunsunim 1927 in Seoul. Ihre Familie gehörte der Militäraristokratie an und war sehr wohlhabend. Als sie sechs Jahre alt war, wurde die Familie jedoch von den japanischen Besatzungskräften enteignet und von ihrem Besitz vertrieben. Sie fand Unterschlupf in einer baufälligen Lehmhütte in den Bergen südlich von Seoul. Es folgten Jahre in bitterer Armut, geprägt vom täglichen Kampf gegen Hunger und Kälte. Der Vater, ein ehemaliger General der kaiserlich-koreanischen Armee, war angesichts der Situation seines Landes und seiner Familie völlig verzweifelt. Seine Hilflosigkeit verwandelte sich allmählich in ohnmächtige Wut, die sich aus nicht bekannten Gründen gegen seine Tochter richtete. Dadurch kam es innerhalb der Familie zu großen Spannungen.

Um eine Eskalation der Situation zu vermeiden, blieb Kunsunim immer öfter der elterlichen Hütte fern. Sie suchte Zuflucht in der Natur und verbrachte schließlich ganze Tage und Nächte draußen in den Wäldern der Umgebung. Statt sich aber von ihren Gefühlen der Angst und Einsamkeit überwältigen zu lassen, setzte nun eine sehr bemerkenswerte Reaktion ein. Wie sie später schilderte, begann sie, sich intensiv mit grundlegenden Themen zu beschäftigen:

Ich fragte mich: »Warum ist die Zahl der Armen, der Hungernden und Kranken größer als die der Reichen? Welchen Sinn hat das Leben, wenn wir doch Krankheiten erleiden und schließlich sterben müssen?« Obwohl diese Fragen mir den Lebensmut nahmen, forschte ich trotzdem weiter: »Wer hat mich in diese Lage gebracht? Wer ist derjenige, der mich so geschaffen hat und nun hungern und leiden lässt?« Diese Fragen raubten mir sogar den Schlaf. Schließlich ließ ich es auf eine Auseinandersetzung ankommen: »Wenn du, der du mich geschaffen hast, wirklich da bist, dann zeige dich, ich möchte dich sehen! Wenn du nicht da bist, dann will ich nicht mehr leben und lieber auf der Stelle sterben.«

Ohne der Heftigkeit des Leidens auch nur im Geringsten auszuweichen, stellte sie eine Frage auf Leben und Tod: Barg das leidvolle Leben, das sie selbst führen musste und das sie bei den Menschen um sich herum beobachtete, einen tieferen Sinn, oder wäre es besser, nicht zu leben?

In ihrem beharrlichen Suchen eröffnete sich ihr eines Tages urplötzlich ein innerer Ort, an dem sie Geborgenheit und Wärme fand. Bald trat sie mit diesem Ort, den sie »Vater« nannte, in einen intensiven Dialog:

Wenn ich leise »Vater« sagte, fühlte ich, dass der Baumstumpf, der Felsen, alle unbekannten Lebewesen meine Freunde wurden und mit mir den Atem teilten. Ich machte mir keine besonderen Gedanken, bat um nichts, auch nicht darum, dass er mir die Angst nähme. Niemals wünschte ich mir etwas, das sich auf Äußeres bezieht. Ich fühlte, dass er, der in mir war, alles von mir wusste.

Aus der innigen Beziehung zu dem »Vater« entwickelte sich ein grenzenloses Vertrauen. Und eben dieses Vertrauen ermöglichte es Kunsunim, all ihre Probleme, ja ihre ganze Person, bedingungslos dem Vater in ihr zu überantworten. Sie fragte, und sie erhielt Antworten, die sie oft genug nicht verstand, woraufhin neue Fragen in ihr aufstiegen. So kam ein anhaltender Prozess der Innenschau und Selbsterkenntnis in Gang. Auch wenn sich nicht all ihre Lebensfragen mit einem Schlag auflösten, hegte sie in ihrem Vertrauen doch keinen Zweifel daran, dass sich die Antworten früher oder später einstellen würden. Gleichzeitig wuchs in ihr das Bedürfnis, jenen inneren Ort, den Vater in ihr, unmittelbar selbst zu erkennen. Allmählich wurde dieser Wunsch zum alles beherrschenden Gedanken.

Als Kunsunim neunzehn Jahre alt war, wurde Korea von der japanischen Besetzung befreit. Ihr Wunsch, den inneren Vater zu sehen, war ungebrochen. Ihrer Intuition folgend, zog sie sich als Einsiedlerin in die Berge zurück, wo sie sich völlig der inneren Einkehr widmete. Ganz auf sich allein gestellt, erlebte sie die Schrecken des Koreakrieges, lief mehrfach Gefahr, ihr Leben zu verlieren, und gewann immer tiefere Einsicht in ihr eigenes Wesen. Eines Tages löste sich ihre drängendste Frage. Hoch auf einer Klippe stehend, blickte sie auf einen Fluss hinab, der ruhig unter ihr dahinfloss und auf dessen Oberfläche sich ihre Gestalt widerspiegelte. In diesem Moment erkannte sie mit ihrem ganzen Sein, dass der »Vater«, der Fluss und sie selbst eins waren. Später sagte sie über diese Zeit:

Es war nie mein Ziel, etwas Bestimmtes zu erreichen. Ich wusste nicht, ob mein Weg der wahre Weg war. Mein tiefster Wunsch war der, herauszufinden, wer ich bin. Niemand hatte mich bis dahin jemals in den Lehren des Buddha unterwiesen. Hingebungsvoll bemühte ich mich einzig und allein darum, zu ergründen, wodurch meine Handlungen und Gedanken hervorgebracht werden. Und im Verlauf dieser Suche lernte ich es kennen: das wahre Selbst.

Das »verborgene Tor«,
das durch unsere fünf Sinnesorgane
sendet und empfängt, ist in uns.
Suchen wir das Tor nicht irgendwo im Außen,
sondern entdecken wir die Wahrheit
durch das Tor in uns!

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ZUERST MUSS DAS »ICH« STERBEN

Heute haben wir uns wieder zusammengefunden, und dafür bin ich sehr dankbar. Obwohl wir stets in Einheit, als eins, zusammenleben und -wirken, gibt es inmitten dieser Einheit ganz klar »du« und »ich«. Gemeinsam gehen und erforschen wir den Weg der Wahrheit. Wenn wir, so wie jetzt, an einem Ort zusammensitzen, dann sind wir alle – Sie, ich, jedes einzelne Wesen – Weggefährten.

Wir wollen heute die tiefere Bedeutung dessen betrachten, was der Buddha1 sagte und tat, als er auf diese Welt kam:

»Über dem Himmel und unter dem Himmel gibt es nichts, das ich nicht bin.« Dann blickte er in die vier Himmelsrichtungen und tat sieben Schritte.

In diesem Augenblick erschien die Buddha-Lehre und mit ihr die Möglichkeit zu jener Herzensschulung, die uns auf den Weg führt, auf dem wir das wahre Selbst entdecken können.

Ich bin zwar nicht sonderlich gelehrt, aber ich möchte Ihnen gerne darlegen, was ich über die Worte und Handlungen des Buddha denke, die ich eben zitiert habe.

Über dem Himmel und unter dem Himmel gibt es nichts, das ich nicht bin.

Was bedeutet das? Der Ursprung des gesamten Universums und der Ursprung unseres Maum2, unseres GEISTES, sind unmittelbar miteinander verbunden, ebenso wie die Welt, in der wir täglich leben, direkt mit dem Ursprung unseres GEISTES verbunden ist. Bereits bevor der Buddha auf diese Welt kam, bestand die Verbindung aller Wesen durch den Ursprung. Wenn wir also zum einen Ursprung in uns erwachen, erwecken wir folglich dadurch zugleich alle Lebewesen in unserem Körper und alle mit unserem Ursprung verbundenen nicht erleuchteten Wesen außerhalb von uns.

Dann blickt er in die vier Himmelsrichtungen

Der Ursprung von allem ist weder Leerheit3 noch Form, daher wirkt alles zusammen und ist untrennbar miteinander verwoben – »kreist« gemeinsam. Um diese Bedeutung zu veranschaulichen, blickte der Buddha in alle vier Richtungen.

und tat sieben Schritte.

Unser Leben, das ständig im Wandel begriffen ist, in dem »du« und »ich« voneinander unterschieden sind, ist an sich der Weg der Wahrheit. Wortlos verdeutlichte der Buddha dies mit den sieben Schritten. Zu dieser Erkenntnis können wir jedoch nicht durch Worte gelangen. Die Wahrheit kann nicht durch Gelehrsamkeit und Kenntnisse, nicht durch Macht und nicht durch Theorie erfahren werden. Den geistigen Weg zu gehen heißt, klug die grundlegenden Fragen zu erforschen: Woher bin ich gekommen, wohin gehe ich und wie kann ich jetzt in Gelassenheit leben?

Wir bestehen aus den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft.4 Wir leben mit ihnen und von ihnen und in ihnen. Lassen Sie uns darüber nicht einfach hinweggehen, sondern dankbar dafür sein. Denn alles Leben ist aus Erde, Wasser, Feuer, Luft hervorgegangen und hat sich davon ausgehend weiterentwickelt. Alles entspringt den Elementen, alles kehrt dorthin zurück, löst sich in die vier Elemente auf und entsteht erneut aus ihnen. Das ist die Wahrheit. Wenn der Herbstwind weht, fallen die Blätter. Ein vor dem Wind geschütztes Blatt mag sich vielleicht etwas länger halten, aber schließlich wird auch dieses Blatt fallen.

Alles ist wie ziehende Wolken. Wir sind hier zusammengekommen, um über diese illusionäre Welt hinauszugehen. Unser GEIST umfasst alles, ohne auch nur einen einzigen Grashalm auszuschließen. In unserer inneren Welt, Hanmaum5, dem ALLGEIST, sind alle Tiere, alle Insekten, alle Pflanzen und sogar alle nicht fühlenden Wesen enthalten. Ohne Unterlass wirken sie zusammen und bleiben nicht eine Sekunde lang ruhig und unveränderlich. Obgleich alles auf diese Weise zusammenwirkt, existieren klar erkennbar »du« und »ich«, die wiederum, obwohl sie existieren, ihrem Wesen nach leer sind. In dieser Leerheit gibt es das besondere, unveränderliche »Eine«. Um es zu entdecken, gehen wir zusammen diesen Weg.

Sie mögen sich fragen, warum ich das immer wieder erkläre. Manche von Ihnen sind das erste Mal hier, und für Sie möchte ich wenigstens erläutern, weshalb es im Buddhismus heißt: »Zuerst muss das Ich sterben!« Es bedeutet: »Lass alles los!« Aber wohin loslassen? In den ursprünglichen GEIST. Weil ich existiere, gibt es die anderen, weil ich existiere, gibt es alles andere. Der Ursprung unseres GEISTES ist mit dem Ursprung von Himmel und Erde unmittelbar verbunden. Deshalb gibt es in unserem GEIST so etwas wie ein selbsttätiges Kraftwerk – ein helles, selbsttätiges Kraftwerk. Wie viel Energie man ihm auch entzieht, die Energie des selbsttätigen Kraftwerks nimmt weder zu noch ab. Ganz von selbst liefert das Kraftwerk so viel Energie, wie wir benötigen. Aber diese Energie fließt unsichtbar.

Immer wieder sage ich Ihnen, alles in unserem Leben ist wahre Meditation, ist Seon6 (Zen). Mit verschränkten Beinen ruhig dazusitzen ist noch lange kein Sitzen in Stille.7 Wenn unser GEIST hingegen alles loszulassen vermag und in Frieden und Gelassenheit verweilt, dann ist das wahre Meditation und Zen-Praxis. Um Missverständnissen vorzubeugen: Alles loszulassen bedeutet keineswegs, die eigene Mitte aufzugeben und in ein Nichts hineinzufallen. Denn nur wegen dieser Mitte können wir überhaupt Seon – Zen – praktizieren, und nur aus ihr entstehen Frieden oder Unfrieden in uns. Ohne solche Empfindungen könnten wir weder Weisheit noch Buddhaschaft erlangen.

Wir sollten unser Leben frei leben, indem wir alles, was auf uns zukommt – Einsamkeit, Armut, Krisen, Krankheit – unserer Mitte, unserem Ursprung überantworten. Genau darin besteht das Loslassen der Anhaftungen und der Weg, das Ich sterben zu lassen. Der Ausspruch »Zuerst musst du sterben!« bedeutet, alles bedingungslos und ohne Ausflüchte loszulassen – das, was wir verstehen, und ebenso das, was wir nicht verstehen. Freuen wir uns, weil etwas gelungen ist, dann sollten wir in Dankbarkeit loslassen. Misslingt etwas, dann sollten wir in dem Vertrauen loslassen, dass auch dies nicht so bleiben wird und nur von unserem Ursprung gelöst werden kann. Nur von dort werden wir auf den richtigen Weg geführt. Durch dieses bedingungslose Sterben können wir unser wahres Selbst erkennen.

Nach dem Sterben muss man ein zweites Mal sterben. Viele von Ihnen, die hier praktizieren, haben bereits das wahre Selbst erfahren. Und dennoch können sie oft ihr Ich nicht ablegen und bleiben in Gewohnheiten gefangen. Immer noch freuen sie sich, wenn sie im Traum den Buddha erblicken, oder ängstigen sich, wenn sie von einem bösen Geist träumen. Und wenn sie beim Praktizieren etwas Außergewöhnliches gesehen oder gehört zu haben meinen, möchten sie es gerne der ganzen Welt mitteilen. Was wir sehen und hören, sind nichts weiter als Trugbilder, und dennoch halten wir an ihnen fest. Aus diesem Grund heißt es: »Nach dem Sterben musst du nochmals sterben.«

Sowohl das erste Sterben als auch das zweite Sterben soll man für sich behalten. Verstehen Sie, warum? Nach der Entdeckung des wahren Selbst könnte es sein, dass man ungewöhnliche Erfahrungen macht. Diese Erfahrungen sind aber nicht der Dharma-Weg! Selbst die Beherrschung der fünf göttlichen Durchdringungen8 ist nicht der Dharma-Weg. Nur wer die fünf Kräfte hinter sich lässt, kann frei mit ihnen umgehen. Dadurch, dass man laut darüber spricht, was man Ungewöhnliches sieht, hört oder weiß, bringt man Schande über den Dharma9, über seine Lehrer und über sich selbst.

Nach der Entdeckung des wahren Selbst beginnt die Phase des Experimentierens. Nun gilt es, sich darin zu üben, das, was man im Traum erlebt, und das, was man im Wachen erfährt, nicht als getrennt anzusehen. Wichtig ist dabei, die eigenen Erfahrungen stets für sich zu behalten. Sehen, hören und erkennen Sie ohne die geringste Spur von »Ich«, und behalten Sie Ihre Erfahrungen für sich. Diese Experimente führen dazu, dass Sie Erfahrungen machen, die Sie dann wiederum in die Tat umsetzen. Was für eine kraftvolle Praxis ist das! Um aber auch über diese Stufe hinauszugelangen, muss man zum zweiten Mal sterben und wieder alles für sich behalten. Denn erst, wenn man von den fünf göttlichen Durchdringungen vollkommen frei geworden ist, hält man wirklich das Steuer in der Hand und kann sie kontrollieren.

Wenn Sie sich nicht vom beherrschenden Einfluss Ihres Körpers befreien können, dann sind Sie nicht imstande, ihn zu führen. Denn wie könnten wir uns zur Gesundheit führen, wenn wir nicht in der Lage sind, über unseren Körper hinauszugelangen? Dementsprechend müssen wir auch die fünf göttlichen Durchdringungen hinter uns lassen. So wiederhole ich immer und immer wieder: Lassen Sie los, was auch immer Sie sehen oder hören. Lassen Sie los, wenn Sie glauben, die Gedanken anderer lesen zu können. Lassen Sie los, wenn Sie jemandes Vergangenheit zu kennen meinen. Lassen Sie selbst dann los, wenn Sie sich frei durch Zeit und Raum bewegen können. Das bedeutet »für sich behalten«. Das ist der Weg, Weisheit zu erlangen, indem wir erkennen, wie der GEIST funktioniert. Auf diesem verborgenen Weg können wir die Funktionsweise des GEISTES selbst erleben, mit ihr experimentieren und sie uns immer mehr zu eigen machen. Das »verborgene Tor«, das durch unsere fünf Sinnesorgane sendet und empfängt, ist in uns. Suchen wir das Tor nicht irgendwo im Außen, sondern entdecken wir die Wahrheit durch das Tor in uns!

Schließlich gilt es, noch ein drittes Mal zu sterben. Wer also seine Erfahrungen geheim hält und sich von den fünf übernatürlichen Kräften befreit, erreicht die Stufe, in der »du« und »ich« nicht mehr existieren, obwohl es »du« und »ich« eindeutig gibt. Dann ist es möglich, sich frei zu manifestieren, sodass »du« zu »ich« wird und »ich« zu »du«. Die Fähigkeit, sich als Verwandlungskörper10 zu manifestieren, ist dann sehr stark ausgeprägt. Was bedeutet Verwandlung? Der GEIST ist ohne Form und kann sich deswegen in tausenden und abertausenden unterschiedlichen Erscheinungen manifestieren. Diese Erscheinungen werden auch »abertausende Verwandlungskörper« genannt. Das bedeutet, dass sich der Buddha stets so manifestiert, wie man nach ihm verlangt: Rufen wir nach einem Berggott, so erscheint uns der Buddha als Berggott. Rufen wir nach Avalokiteshvara11, dann erscheint der Buddha nicht nur in der Gestalt dieses Bodhisattva12, sondern handelt auch mit seinem ganzen bedingungslosen Mitgefühl.

Buddha erscheint und antwortet allen und allem. Mit jeder Manifestation schreitet Buddha herab, um Wesen, die noch nicht erwacht sind, zu helfen. Das bezeichnet man auch als barmherzige Bodhisattva-Tat oder Mitgefühl des Lotusblüten-Buddha, des Samantabhadra13 oder des Tathagata14. Der Buddha antwortet jedem Wesen. Ob Baumgott oder Erdgott, reich oder arm, mächtig oder schwach, ob Mann oder Frau, Erwachsener oder Kind, ob gebildet oder ungebildet: Ohne Unterschiede zu machen, gibt er jedem eine Antwort. Deswegen nennen wir ihn Buddha.

Sehen wir die drei Phasen, von denen ich gesprochen habe, als den Prozess der Vervollkommnung eines Menschen an, so ist damit nicht die Vervollkommnung eines Einzelnen gemeint, sondern vielmehr die Vervollkommnung des aus allem zusammengesetzten Ganzen, wobei alles zusammenwirkt und miteinander verwoben ist, miteinander »kreist«. »Du« fließt als »du«, und »ich« fließe als »ich«, aber inmitten dieses Fließens oder Zusammenwirkens, inmitten dieses Kreisens antwortet der Buddha uns allen. Alle Wesen können ich werden, und ich kann den Platz aller Wesen einnehmen. Die Hände eines jeden können meine Hände werden, und das Leiden eines jeden kann mein Leiden werden. Das ist die Barmherzigkeit des Buddha, der in abertausenden Verwandlungskörpern antwortet.

Der Buddha ist nicht nur in dem Moment Buddha, in dem er sich als Insekt manifestiert, uns als Avalokiteshvara antwortet oder in den Körper eines Hundes eingeht. Das sich ständig verändernde, ununterbrochen Zusammenwirkende ist Buddha, ist der Weg und die Wahrheit. Das Einzige, was erlangt werden kann, ist die Wahrheit, die Anuttara Samyak Sambodhi15 – höchste Erleuchtung oder vollkommenes Erwachen – genannt wird, die der Weg jenseits aller Namen ist. Das ist die Bedeutung des Wortes »Buddha«.

Wenn wir der Lehre des Buddha folgen, können wir mit dem Vertrauen auf das wahre Selbst den Weg richtig gehen. Den Weg richtig gehen heißt, alles in den Ursprung loszulassen und sich nicht hin- und herzerren zu lassen. Zen-Meister Baizhang16 erläuterte dies einmal folgendermaßen: »Du darfst den Boden nicht umgraben, ihn aber auch nicht nicht umgraben.« Und weiter sagte er: »Verstündest du diesen Weg, dann könntest du Reis anbauen und mit einer einzigen Schale alle Lebewesen ernähren, ohne dass sie leer würde.« Nicht nur Baizhang, auch der Buddha und viele andere Meister gaben uns diese Lehre. Sie kamen auf die Welt und wiesen uns durch ihr »Tun, ohne zu tun« den Weg zur Wahrheit.

Als der Buddha vor einer großen Versammlung schweigend eine Blume hochhielt, antwortete einzig der ehrwürdige Mahakashyapa17 mit einem Lächeln. Das geschah so, weil der GEIST der beiden in Einheit war. Wenn man es überhaupt in Worten ausdrücken möchte, was Buddha seinem Schüler Mahakashyapa mitteilte, so war es etwa: »Diese Erleuchtung, die keine Erleuchtung ist, diesen Dharma übertrage ich dir.« Auf diese Weise lehrte der Buddha, dass Erkenntnis nicht notwendigerweise durch Worte übermittelt wird. Ein koreanisches Sprichwort sagt: Wird an die Wand geschlagen, dann erzittert das Dach. – Am Erzittern des Dachs die Schläge gegen die Hauswand spüren: Genauso sollen Sie beim Hören eines einzigen Wortes dessen ganze unausgesprochene Bedeutung erkennen. Wenn ich aber von der Kraft des elektrischen Stroms spreche, dann schauen Sie nur auf die Glühbirne. Sie sehen zwar, dass durch Drücken des Lichtschalters das Licht angeht, aber wie der Strom hin- und herfließt, das bemerken Sie nicht. Ebensowenig ist Ihnen bewusst, woher Sie kommen und wohin Sie gehen. Wären Sie aber in der Lage, den elektrischen Strom zu sehen, dann würden Sie die Helligkeit erzeugende Glühbirne und die ganze Lampe umso klarer erkennen. Weil Elektrizität für Ihre Augen nicht sichtbar ist, glauben Sie nicht daran, dass die Kräfte des Stroms, des Lichts und des Magnetismus komplett in Ihnen vorhanden sind.

Das Entscheidende ist: Zuerst müssen wir sterben, indem wir alles loslassen und alles, was wir dabei erfahren, für uns behalten. Dann müssen wir erneut alles loslassen, also nochmals sterben und wieder alles geheim halten. Schließlich müssen wir ein drittes Mal sterben und alles für uns behalten. Ohne dreimal zu sterben kann man den Dharma nicht erlangen und sich nicht als Verwandlungskörper manifestieren, kann man weder Weisheit noch das alle Wesen durchdringende Prinzip erfahren.

Denken Sie daran, wie viele Schwierigkeiten Sie überwinden mussten, um erwachsen zu werden, sich daran zu gewöhnen, in der Gesellschaft zu leben und die entsprechenden Kenntnisse und Fertigkeiten zu erlernen. Wie mühsam ist es, sich Theorien und Methoden, die von anderen entwickelt wurden, anzueignen! Und doch ist dies nur ein Teil: Denn erst nachdem wir unseren GEIST erkannt haben, können wir all dieses Wissen frei nutzen – so, wie es gerade benötigt wird. Denn die Gesetzmäßigkeiten des GEISTES und das in der Welt erworbene Wissen sind nicht zweierlei, sind nicht voneinander getrennt.