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Carla Steenberg
Hu Hsiang-fan

Orchidee und
Pflaumenblüte

Chinesische Miniaturen

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Steenberg, Carla:
Orchidee und Pflaumenblüte: chinesische Miniaturen / Carla Steenberg;
Hu Hsiang-fan. [Ins Dt. übertr. von Carla Steenberg und Hu Hsiang-fan].

© 2001 by Theseus in J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld

Ins Deutsche übertragen von Carla Steenberg und Hu Hsiang-fan
Lektorat: Karlheinz Bernhard Grunwald
Umschlaggestaltung: Klei Design
Kalligraphie: Fröhlicher Betrachter – Chinesische Tusche von Cai Tien Tao
Gestaltung und Satz: AS Satz & Grafik, Berlin

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Orchidee

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Die Orchidee als Sinnbild

Die Orchidee ist Symbol für den Frühling; Sinnbild auch für Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit. Sie offenbart uns in zarter Reinheit ihren erlesenen Duft und ihre Anmut. Schon Konfuzius rühmte ihre vornehme Natur. So ist sie seit zweieinhalbtausend Jahren in Poesie und Philosophie Sinnbild des Edlen.

Je erlesener ihr Wohlgeruch ist, umso mehr Adel birgt ihre Blüte. Die einen enthüllen ihren duftenden Liebreiz, andere Genügsamkeit im Schatten des Dschungels, als wollten sie ihr kurzes Leben in stiller Einsamkeit verträumen.

Jede der »Vier Edlen« erinnert an ihre Jahreszeit: die edle Pflaumenblüte an Schnee in der Winterzeit, an Neujahrsfreuden, und sie ist als Symbol für Bescheidenheit Vorbild für jedermann – im Blütenreigen der Jahreszeiten nennen wir sie die »Erste Dame«.

Die Orchidee ist der Inbegriff verzaubernder Einsamkeit in schattenreichen und tiefen Tälern. Von ihr sagt man, sie habe die Tugend, in der Einsamkeit ihre eigene Schönheit zu genießen, sie sei beschaulich und genügsam und verzichte auf »die Welt«, die sie bewundert und rühmt.

Darum sagt man von einem schönen und zurückhaltenden jungen Mädchen und auch von einem Gelehrten, der Macht, Ruhm und öffentliche Ehrung verachtet und sich als Einsiedler ins tiefe Gebirge zurückzieht, sie lebten »wie eine einsame Orchidee im stillen Tal«. So wurde die Orchidee Symbol des Vornehmen, des Edlen, der sich nicht herablässt, der Öffentlichkeit schön zu tun. Ihr adliges Wesen bedingt, dass man ihre Züchtung nie den Händen plumper Diener überlässt, und zu allen Zeiten gab es Menschen, die für ihre Orchideen nicht weniger pietätvoll sorgten als für ihre Eltern.

Gold-Orchidee

Der Edle wandelt auf gewundenen Pfaden.

Freie Rede und bedachtes Schweigen,

in stetigem Wechsel und Wandel.

Hegen zwei Menschen gleiche Gedanken,

erklingen ihre Herzen in Harmonie,

schmieden sie Kräfte stärker als Eisen.

Einig in ihrem Herzen,

wird ihre Rede vollkommen,

erlesen und süß

wie der Duft von Orchideen.

Konfuzius (551 – 479 v. u. Z.)

zu den Texten des XIII. Hexagramms im Buche »I Ging«

Kleines Gedicht