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KEIN PFAD

4. Auflage 2015

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Print 978-3-89901-038-1
ISBN E-Book 978-3-95883-048-6

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Richard Stiegler

KEIN PFAD

Aus der Stille leben

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„ZUR WAHRHEIT FÜHRT KEIN PFAD.
UND DARIN LIEGT IHRE SCHÖNHEIT.“

JIDDU KRISHNAMURTI

EINLEITUNG

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Dieses Buch handelt von Stille. Im Alltag verbinden wir mit Stille normalerweise das Fehlen von Lärm. Wenn ich in diesem Buch von Stille spreche, meine ich nicht die Abwesenheit von Geräuschen, sondern eine innere Dimension von Stille – die Stille des Seins. Wir könnten es auch die Stille des offenen Bewusstseins nennen. In manchen Traditionen wird es auch das Absolute oder die Leerheit genannt.

Es gibt viele Namen für Stille und auch wiederum keine, da Stille im eigentlichen Sinne kein Objekt ist und damit weder erfahren noch benannt werden kann. Wir können es nur sein. Aus diesem Grund beschreiben manche Lehrer Stille nur via negationis. Sie beschreiben, was sie nicht ist. Trotzdem erscheint es mir am nahe liegendsten, von Stille zu sprechen, da es am deutlichsten die subjektive Erfahrung wiedergibt, wenn wir unsere wahre Natur tiefer erfassen.

Tatsächlich beinhaltet auch innere Stille eine Abwesenheit von Lärm, nämlich von innerem Lärm, der aus Vorstellungen, Vorlieben, Reaktionen und Gedanken besteht. Dieser innere Lärm nimmt unsere Aufmerksamkeit meist so sehr gefangen, dass wir die Dimension von Stille nicht erkennen. Erst wenn wir heraustreten aus dem Beschäftigtsein mit Vorstellungen und Vorlieben, kann Stille immer mehr ins Bewusstsein treten und zu einer realen Dimension unseres Lebens werden.

Genau das hat sich in meinem Leben ereignet. Nach anfänglichem Aufblitzen von Momenten der Stille, in denen ich noch gar nicht einordnen konnte, was mit mir geschah, intensivierte sich das Erleben von Stille immer mehr. Ganz allmählich vertiefte sich mein subjektives Erleben, und Stille wurde immer mehr zu einer „greifbaren“ Lebensrealität.

Je deutlicher die Dimension der Stille hervortrat, desto mehr vertiefte sich auch mein Verständnis von verschiedenen Aspekten der Stille. Eine der Überraschungen in diesem Prozess war, dass ich immer öfter die Sprache und Bilder unterschiedlicher spiritueller Schulen verstand. Scheinbar widersprüchliche Aussagen konnte ich als verschiedene Blickwinkel auf ein und dieselbe Dimension begreifen.

Auch wurde mir zunehmend klarer, was uns üblicherweise daran hindert, die Dimension der Stille zu berühren, und wie wir das Erleben von Stille systematisch vertiefen können. Genau genommen bezieht sich diese Systematik nicht darauf, dass Stille selbst sich vertieft, sondern auf das schrittweise Zurücktreten von innerem Lärm. Jedes Zurücktreten enthüllt eine neue Dimension von Stille und macht sie dem Bewusstsein zugänglich.

In diesem Buch werde ich wesentliche Schritte des Zurücktretens und die dazugehörigen Dimensionen von Stille beschreiben. Ich hoffe, damit einen Beitrag zu leisten, die spirituelle Reise zu entmystifizieren und verständlicher zu machen, ohne ihr ihren Zauber zu nehmen. Naturgemäß kann der Verstand die Dimension der Stille nicht erfassen, und doch bin ich inzwischen, nach Jahren der spirituellen Begleitung von Menschen, überzeugt, dass ein klares Verständnis der Seinsebene sehr wichtig ist. Wir wissen dann, worauf wir unsere Aufmerksamkeit zu richten haben und wie wir geschickt den Prozess des Zurücktretens fördern können.

Wissen ohne Praxis entspricht dem Verdursten am
Ufer eines Sees. Praxis ohne korrekte Sichtweise ist wie
das Umherirren eines Blinden in der Wüste.

TRAD. BUDDHISMUS

Trotzdem schlage ich vor, dieses Buch nicht nur mit dem Verstand zu lesen, sondern immer wieder zwischen den Zeilen und Absätzen zu „lauschen“. Lauschen ist ein entspanntes und zugleich wachsames Aufmerksamsein. Ein Offensein ohne auf etwas Bestimmtes zu achten. Wir achten nicht auf Gedanken, Gefühle oder Körperempfindungen, die vorüberziehen, und auch nicht auf Stille. Wir sind nur aufmerksam.

Stell Dir vor, es ist kurz vor Beginn eines Konzertes, auf das du dich freust. Die Bühne ist dunkel. Nichts rührt sich. Kein Ton ist zu hören. Es herrscht eine freudige Spannung. Du bist vollständig aufmerksam, obwohl nichts geschieht. In diesem kurzem Moment verdichtet sich Stille. Du bist ganz Lauschen.

Lauschen ist vielleicht die Haltung, die am leichtesten Stille offenbart. Je tiefer wir eintauchen in ein offenes, entspanntes Lauschen, desto mehr offenbart sich uns Stille, da vollkommenes Lauschen nichts anderes ist als die Stille des offenen Bewusstseins.

Obwohl das Buch so aufgebaut ist, dass es eine logische Abfolge der Themen wiedergibt, kann doch auch jedes Kapitel für sich gelesen werden. Es empfiehlt sich jedoch, das erste Kapitel zu Beginn zu lesen, da es für das Verständnis des ganzen Buches grundlegend ist. Wem der rote Faden des Buches beim Lesen der einzelnen Kapitel verloren gehen sollte, kann am Schluss des Buches eine Zusammenfassung in Kurzform lesen (siehe: Das Zurücktreten im Überblick).

Auch habe ich jedem Kapitel Übungen beigefügt, die den jeweiligen Aspekt von Stille vertiefen helfen. Diese Übungen lenken unsere Aufmerksamkeit auf das Thema des Kapitels und unterstützen uns, es in der unmittelbaren Erfahrung zu untersuchen. Alle Übungen können sowohl alleine als auch zu zweit gemacht werden. Wenn du mit jemandem zusammen die Übungen machen möchtest, gibt es eine Begleiterin und einen Erfahrenden. Die Begleiterin stellt die Fragen, ist aufmerksam zuhörend da und verstärkt durch ihre Anwesenheit die Präsenz im Raum. Sie gibt keine eigenen Kommentare ab. Der Erfahrende nimmt sich für jede Frage ein paar Minuten Zeit und untersucht sie im gegenwärtigen Erleben. Dabei spricht er laut über seine augenblickliche Erfahrung, was den Sinn hat, nicht mit der Aufmerksamkeit abzuschweifen.

Natürlich können wir uns der Stille nicht nur mithilfe von Fragen annähern, sondern auch durch Meditation. Meditation ist der klassische Weg, unsere wahre Natur zu erkennen. Daher habe ich am Schluss des Buches ein Kapitel beigefügt, in dem ich mein persönliches Verständnis von Meditation beschreibe.

Und noch ein letzter Hinweis: Um eine bessere Lesbarkeit des Buches zu gewährleisten, verwende ich im Text nicht die umständliche Formulierung, beide Geschlechter zu erwähnen, sondern benütze meist abwechselnd einmal die weibliche und einmal die männliche Form.

1 KEIN PFAD

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Jeder Mensch kennt Momente des Ankommens. Wenn wir nach einem ausgedehnten Spaziergang oder nach einer Reise heimkommen, umgibt uns eine Atmosphäre von Vertrautheit und wir lassen los. Wir sitzen auf unserem Lieblingsplatz, trinken eine Tasse Tee und kommen zur Ruhe. Wir sind da.

In diesen Momenten fällt die Unruhe von uns ab, die sonst oft unser Leben begleitet. Eine Unruhe, die uns suchen und unterwegs sein lässt – von einer Beschäftigung zur nächsten, von einer Befriedigung zur anderen. Ankommen ist frei von Suchen. Im Ankommen finden wir.

Wir finden nicht das, was wir zuvor gesucht hatten, sondern lassen die Suche los und finden zu uns. Eine wohl tuende Stille breitet sich aus. Wenn wir nicht mehr suchen, kann es still in uns werden. Es ist eine Stille, die nichts braucht. Ein Frieden, der immer auf uns wartet – im Ankommen und im Loslassen.

Heimkommen

Manche Menschen ahnen in diesen kurzen Momenten des Ankommens, dass es ein Ankommen und einen Frieden gibt, der noch viel umfassender ist und auch vom Unterwegssein im Leben unberührt bleibt. Eine Erfahrung des Heimkommens, die unserem Leben Sinn gibt und uns Frieden schenkt. Dieses große Heimkommen wird Stille, Erleuchtung oder Gott genannt.

Also machen sie sich auf den Weg nach diesem großen Zuhause, sie beten und praktizieren Meditation. Die spirituelle Reise beginnt. Eine Suche nach Stille, Wahrheit und Erfüllung.

Jeder Suche aber liegt die Überzeugung zugrunde, dass das Gesuchte im gegenwärtigen Moment nicht existiert. Wir fühlen einen Mangel, der unsere Bemühungen in Gang hält. So wenden wir unseren Blick nach außen und hoffen, in der Zukunft das Ersehnte zu finden. Suchen aber führt uns weg von dem Ort, an dem wir gerade sind: die Gegenwart. Suchen lässt uns nicht ankommen.

In einem Königreich herrschte über viele Jahre Krieg.
Um den Sohn des Königs sicher vor den Feinden zu
schützen, wurde er heimlich schon als kleines Kind zu
Pferdezüchtern aufs Land gebracht und dort ohne
Wissen seiner Herkunft aufgezogen. So wuchs er
mitten unter Pferden auf und wurde schnell ein
großartiger Reiter.

Eines Tages starb der König und niemand außer ihm
wusste, wo der Königssohn war.
Also übernahm ein Bruder des Königs die Regierungsgeschäfte
und veranlasste, dass die besten Reiter und
Spurensucher des Landes nach dem verschollenen
Königssohn suchen sollten. Als der Königssohn, der
inzwischen ein junger Mann geworden war, davon
hörte, dachte er bei sich: „Ich bin ein guter Reiter und
will meine Dienste anbieten. Ich werde wie ein Wirbelwind
durch das ganze Land reiten und jeden Winkel
nach dem Sohn des Königs absuchen.“

So suchte er das ganze Reich ab. Immer auf der
Suche nach einem jungen Mann, der ungefähr
so alt sein musste wie er selbst und der, so hoffte er,
dem Bild des verstorbenen Königs glich. Er suchte
Wochen und Monate, fand viele junge Männer in
seinem Alter, aber keinen, der dem König in seinem
Aussehen glich.

Erschöpft gab er auf und beschloss, dem Bruder des
Königs seinen Misserfolg mitzuteilen. Als er aber in
den Königspalast kam und der Bruder ihn bemerkte,
rief dieser: „Wer ist dieser junge Mann? Er ist meinem
Bruder, dem verstorbenen König, wie aus dem Gesicht
geschnitten!“

RICHARD STIEGLER

Stille können wir weder in der Zukunft noch außerhalb von uns finden, denn sie ist da, wo wir sind. Wie in der Geschichte mit dem verschollenen Königssohn suchen wir das, was wir bereits sind, unsere wahre Natur. Doch das, was wir sind, können wir nicht erreichen oder werden.

Stille kann daher kein Ziel sein. Stille ist vielmehr die Grundlage unseres Seins. Sie ist die Grundlage der momentanen Erfahrung des Haltens dieses Buches, des Lesens, des Denkens, des Atmens.

Wenn Stille immer da ist, dann kann sie uns nicht fehlen. Auch dann nicht, wenn wir vielleicht gerade keine Stille empfinden. Sie ist genauso die Grundlage der Erfahrung von Ruhelosigkeit und Gedankenlärm. Stille ist nicht gestört von unserer Unruhe und unseren Gedanken. Sie ist die Grundlage unserer Unruhe und Gedanken. Wie kann etwas gestört werden, das die Grundlage ist von allem, was existiert?

Stört es das Gold, wenn der Goldschmied daraus Ringe formt? Gold ist die Grundlage, der Stoff, aus dem Ringe gemacht werden. Egal, welche Formen der Goldschmied schmiedet, der Grundstoff bleibt in sich vollkommen und ganz.

Wenn Stille die Grundlage unseres Seins ist, gibt es auch keinen Weg zur Stille. Oder muss ein Ring sich verändern, um Gold zu werden? Da ist kein Weg, kein Ziel und keine Anstrengung.

Die Suche nach Erfüllung

Trotzdem ist den meisten Menschen diese immer währende Stille nicht bewusst, im Gegenteil. Wir sind gedankenverloren, hin- und hergeworfen von Gefühlen und oft vereinnahmt von äußeren Geschehnissen und Problemen. So ist es nur natürlich, dass wir uns nach Frieden und Erfüllung sehnen. Die Suche beginnt.

Zuerst suchen wir im Außen nach Erfüllung. Wir suchen Erfüllung in der Partnerschaft, in Sexualität, materiellen Dingen, Vergnügungen oder in Erfolg. Wir sind der festen Überzeugung, dass uns zu unserem Glück etwas von anderen, etwas Äußeres, fehlt. Diese Überzeugung entspringt allerdings einem kindlichen Erleben, denn als kleine Kinder waren wir in unserer Entwicklung tatsächlich vollständig von unserer äußeren Umgebung abhängig.

Doch je mehr sich unsere Sehnsucht nach außen richtet, desto mehr vergessen wir, dass all unsere Potenziale in uns angelegt sind. Wie der vollständige Baum bereits im Samen angelegt ist und nicht durch den Gärtner hineingelegt wird, so sind uns auch unsere Potenziale an Liebe, Weisheit, Glück und Stille immanent – niemand kann uns all das geben.

Ein Gärtner kann das Potenzial eines Baumes lediglich unterstützen und zwar dadurch, dass er dem Samen Wasser, Licht und einen guten Nährboden gibt. Genauso kann unser Potenzial gesehen und von anderen gefördert werden. Solange wir Kinder sind, brauchen wir diese Förderung. Unser Wesen will erkannt und bestätigt werden.

Unser Liebespotenzial beispielsweise benötigt die Resonanz der Eltern, um sich zu entfalten. Folglich sehnen wir uns als Kinder natürlicherweise nach ihrer Liebe. Unter guten Bedingungen wird unser Liebespotenzial durch sie bestätigt und entfaltet sich dadurch von innen her. Findet es jedoch keine Resonanz, entsteht ein Mangel – wir kommen mit unserer eigenen Liebe nicht in Berührung. In unserer Abhängigkeit aber denken wir, dass es ein äußerer Mangel ist und suchen zeitlebens nach der Liebe bei anderen Menschen. Unsere Überzeugung, dass uns etwas von anderen fehlt, bestimmt uns.

Wenn wir im Außen nach Erfüllung suchen, werden wir mit der Zeit entdecken, dass es dort keine dauerhafte Erfüllung gibt, selbst wenn sich manche Sehnsucht erfüllt. Äußere Erfüllung ist genauso kurzlebig wie das Sättigungsgefühl nach einer guten Mahlzeit.

Außerdem stoßen wir mit unseren Wünschen oft auf Grenzen und müssen anerkennen, keine Kontrolle über die Erfüllung unserer Wünsche zu haben. Oder haben wir es etwa im Griff, ob sich unser Wunsch nach einer glücklichen Partnerschaft erfüllt? Hinzu kommt, dass uns alles, was wir im Außen finden, jederzeit wieder genommen werden kann. Über kurz oder lang machen wir alle immer wieder die Erfahrung von Verlust.

Wenn uns allmählich klar wird, dass wir außen keine dauerhafte Erfüllung finden können, beginnen wir, Erfüllung, Glück und Frieden innen zu suchen. Wir werden zu spirituellen Suchern. Aber auch wenn wir jetzt innen suchen, zum Beispiel mit Hilfe von Meditation, sind wir noch immer in der Falle des Suchens gefangen.

Doch das, was wir suchen, sind wir bereits. Es ist die Grundlage dessen, was wir sind. Es ist der Urgrund von allem, was existiert, und damit auch die Grundlage unserer Suche. Wie kann es sein, dass wir uns sehnen und nach etwas suchen müssen, was wir zutiefst sind? Wie konnte der Ring vergessen, dass er Gold ist? Was muss geschehen, dass wir uns unserer wahren Natur wieder bewusst werden?

Loslassen

Stellen wir uns einen Bildhauer vor, der aus einem Steinblock eine Figur hauen will. Die Figur ist schon vollständig da, aber im Stein versteckt. Die Tätigkeit des Bildhauers besteht darin, so lange etwas von dem Block wegzunehmen, bis die Figur sich herausschält und sichtbar wird. Der Künstler formt keine Figur, sondern er nimmt etwas weg, was die Sicht auf die Figur versperrt.

Genau das passiert in der spirituellen Arbeit. Wir sind Stille. Also können wir es nicht werden. Aber wir können das wegnehmen, was uns die Sicht auf Stille versperrt. Nicht dass dann irgendetwas an uns anders wäre, wir sind immer das, was wir sind, aber wir können es jetzt erkennen.

Wie der Bildhauer die Figur für die Augen des Betrachters freilegt, so will spirituelle Arbeit unsere wahre Natur für unser Bewusstsein freilegen, und das bedeutet, das loszulassen, was uns den Blick verstellt. Daher ist spirituelle Arbeit ein Prozess des Loslassens.

Dies verhält sich diametral entgegengesetzt zu unseren üblichen Bemühungen im Leben, wenn wir Ziele erreichen wollen. Normalerweise erreichen wir Ziele dadurch, dass wir etwas anhäufen. Wir müssen zum Beispiel Wissen anhäufen, um Professor zu werden. Oder wir müssen Fertigkeiten gewinnen, um ein Musiker zu werden. Und natürlich müssen wir uns anstrengen, um das nötige Wissen, die nötigen Fertigkeiten oder die materiellen Voraussetzungen für unsere Ziele zu erwerben.

In der Spiritualität geht es jedoch nicht um ein Anhäufen. Wir trachten nicht danach, mehr zu werden, sondern weniger. Wir suchen nicht nach etwas, was uns eine neue Identität und damit Gewicht verleiht, sondern befreien uns immer mehr von der Schwere einer Identität. Wir werden immer leichter, bis wir Stille verwirklichen. Wenn wir alles loslassen, was unsere Wahrnehmung verstellt, bleibt Stille.

Milarepa hatte überall nach Erleuchtung gesucht, aber
nirgends eine Antwort gefunden, bis er eines Tages einen
alten Mann langsam einen Bergpfad herabsteigen sah,
der einen schweren Sack auf der Schulter trug. Milarepa
wusste augenblicklich, dass dieser alte Mann das Geheimnis
kannte, nach dem er so viele Jahre verzweifelt gesucht
hatte.

„Alter, sage mir bitte, was du weißt. Was ist
Erleuchtung?“

Der alte Mann sah ihn lächelnd an, dann ließ er
seine schwere Last von der Schulter gleiten und
richtete sich auf.

„Ja, ich sehe!“ rief Milarepa. „Meinen ewigen Dank!
Aber bitte erlaube mir noch eine Frage:
Was kommt nach der Erleuchtung?“

Abermals lächelte der alte Mann, bückte sich und hob
seinen schweren Sack wieder auf. Er legte ihn sich auf
die Schulter, rückte die Last zurecht und ging seines
Weges.

TRAD. BUDDHISMUS

Leer werden

Was verstellt uns den Blick? Was gilt es loszulassen?

Es sind unsere Vorstellungen, Pläne und Vorlieben. All unsere Identifizierungen mit Rollen, mit Wissen und mit Werten behindern unsere Sicht. Letztlich all unsere Anstrengungen, das Leben kontrollieren zu wollen. Es ist das, was in der Psychologie die Persönlichkeit genannt wird und in spirituellen Kreisen das Ich. Sind wir bereit, all das loszulassen und ganz leer zu werden?

Im Bestreben, zu lernen, kommt täglich
etwas hinzu.
Im Bestreben, mich dem Tao zu nähern,
fällt täglich etwas weg.

LAO TSE

Ramana Maharshi vergleicht spirituelle Arbeit mit dem Graben eines Brunnens. Wenn wir einen Brunnen graben, heben wir eine tiefe Grube aus. Der leere Raum in dieser Grube, der das Wesen des Brunnens ist, wird nicht von uns geschaffen. Wir haben nur die Erde entfernt, die den Raum ausgefüllt hat. Der Raum war vorher dort und ist es auch jetzt.

Ebenso ist es mit Stille. Obwohl sie immer da ist, wird sie erst erfahrbar, wenn wir sie freilegen. Wie im Bild des Brunnens ist es notwendig, uns zu entleeren von dem, was den Raum der Stille anfüllt – von unserem Ich. Es ist ein umfassendes Loslassen all dessen, was uns eine Identität verleiht und was wir in unserem Leben angesammelt haben. Ein Loslassen unserer Identifikation mit Wissen, Fertigkeiten, Beziehungen, Erinnerungen, Vorlieben, ja mit allem, woran wir festhalten und was uns Sicherheit und Halt im Leben zu geben scheint.

Ist das nicht eine ungeheure Forderung, alles loszulassen, was wir sind und was uns Sicherheit und Halt gibt? Wer kümmert sich dann um unsere Arbeit, um unsere Familie?

Keine Sorge. Auch jemand, der aus der Stille heraus lebt, kann sich um Alltägliches kümmern. Sogar viel gelassener und besser als jemand, der in Gedanken und Problemen verstrickt ist.

Nimm zum Beispiel den augenblicklichen Vorgang, dieses Buch zu lesen. Es geschieht von selbst. Als du Lesen gelernt hast, war deine ganze Aufmerksamkeit vom Entziffern der Buchstaben vereinnahmt und es war mühsam, den Sinn zu erfassen.

Wenn du jetzt dieses Buch liest, ist deine gesamte Aufmerksamkeit frei für den Inhalt des Textes. Du überlässt das Lesen deinem Verstand und auf diese Weise funktioniert es am besten. Unser Körper und unser Verstand können hervorragend alles erledigen, auch wenn wir uns nicht ständig darum kümmern. Vertrauen wir darauf, bleibt unsere Aufmerksamkeit überwiegend frei und die Dinge geschehen ohne Anstrengung.

Schöpferisch wird unser Geist sogar erst dann, wenn wir loslassen. Eingebungen entstehen häufig aus einem Moment des Sichüberlassens, wenn wir unsere Versuche, etwas erdenken oder lösen zu wollen, aufgeben und still werden. Kreativität liegt jenseits unserer üblichen Gedankenschienen. Ein Raum von Stille, ohne Denken, ist daher der fruchtbarste Boden für Inspiration.

Alles loszulassen, bedeutet demnach nicht, all unser Wissen und unsere Fähigkeiten zu verlieren, sondern nur, dass wir vorübergehend unsere Aufmerksamkeit davon abziehen.

Doch was bringt uns dazu, so radikal loszulassen? Nur unsere Erkenntnis, dass alles, was uns innerlich und äußerlich beschäftigt hält, vergänglich und flüchtig ist. Daher gilt auch die Kontemplation über Vergänglichkeit in allen Religionen als die wichtigste.

Von allen Fußabdrücken ist der des Elefanten
der größte.
Von allen Meditationen ist die über den Tod
die höchste.

BUDDHA

Dabei geht es nicht nur um die Vergänglichkeit unseres Körpers, sondern um die Vergänglichkeit aller Erscheinungen in jedem Augenblick. Wenn wir die Flüchtigkeit dessen erkennen, worum wir im Leben kämpfen und was uns innerlich gefangen nimmt, dann verlieren wir das Interesse daran und fragen uns: Was bleibt? Wer sind wir wirklich?

Der Prozess des Loslassens ist ein Zurücktreten von allem, was unsere Aufmerksamkeit gewöhnlich vereinnahmt. Ein Zurücktreten von allen inneren und äußeren Objekten. Nicht dass dann innere oder äußere Objekte nicht mehr da wären. Immer noch gibt es Körperempfindungen, Gedanken und Geräusche. Aber wir ziehen unsere Aufmerksamkeit ab. Und was bleibt, wenn wir die Aufmerksamkeit immer mehr von allen Objekten zurücknehmen? Es bleibt ein Aufmerksamsein, ohne auf etwas Bestimmtes zu achten. Aufmerksamkeit pur. Das ist Lauschen. Diese offene Aufmerksamkeit ist Präsenz und Stille zugleich.

Sich bewusst sein

Genau genommen ist der Prozess des Zurücktretens nur eine subtile Verschiebung unserer Aufmerksamkeit. Wir schauen nicht mehr auf die Objekte, die in unserem Geist erscheinen, sondern wir richten unsere Aufmerksamkeit auf das Aufmerksamsein selbst. Wir sind ganz aufmerksam. Aufmerksamsein ist in jeder Erfahrung und in jeder Erscheinung, die in unserem Geist auftaucht, enthalten.

Wenn du zum Beispiel jetzt deinen Atem spürst, wie er kommt und geht, dann bist du dir deines Atems bewusst. Wenn du ein Geräusch hörst, bist du dir des Geräusches bewusst. Wenn du einen Gedanken hast, bist du dir des Gedankens bewusst. Was immer gerade in deinem Geist erscheint, immer gibt es ein gemeinsames Element, das gleich bleibt: sich dessen bewusst zu sein.

Meistens achten wir jedoch nicht auf dieses Sich-bewusst-Sein, sondern auf den Inhalt unseres Bewusstseins wie Empfindungen, Gedanken oder Geräusche. Und doch ist in jeder Erfahrung Bewusstsein da, sonst könnten wir es nicht erfahren. Erfahrung braucht das Sich-bewusst-Sein. Gleich, ob wir uns des Lesens, des Sitzens, des Atmens oder des Denkens bewusst sind, immer ist Bewusstsein da.

Wir können noch etwas achtsamer unsere Erfahrung betrachten und dieses Sich-bewusst-Sein noch genauer beobachten. Ändert es sich, wenn eine angenehme oder eine schmerzhafte Erfahrung gemacht wird? Ist Bewusstsein selbst davon berührt, ob ein wütender oder ein freudiger Gedanke auftaucht? Natürlich nicht. Wir sind uns der angenehmen genauso wie der unangenehmen Erfahrung, des wütenden genauso wie des freudigen Gedankens bewusst.

Es gibt also etwas in jeder Erfahrung, das immer gleich bleibt: Bewusstsein. Obwohl es selbst nicht greifbar ist wie ein Objekt und keine Merkmale hat, woran wir es festmachen können, ist es doch eine offensichtliche Dimension jeder Erfahrung.

Ohne Bewusstsein gibt es keine Erfahrung. Es ist daher die Grundlage von Erfahrung und kann sich mit jeglichem Erfahrungsobjekt verbinden: mit Gedanken, mit allen Arten von Gefühlen, mit Körperempfindungen, mit Geräuschen, Gerüchen und Farben. Alles erscheint im Raum des Bewusstseins, und doch bleibt das Bewusstsein selbst völlig unberührt davon.

Bewusstsein ist wie ein Spiegel. Der Spiegel kann jedes Objekt unterschiedslos in sich aufnehmen und widerspiegeln. Er selbst bleibt jedoch vollkommen leer und unberührt.

Sei einen Moment achtsam und betrachte, wie deine augenblickliche Erfahrung, dein Atem, deine Empfindungen und deine Gedanken im Raum des Bewusstseins erscheinen.

Die zweifache Natur des Bewusstseins

Wenn wir auf diese Weise unsere Erfahrung beleuchten, können wir zwischen dem Inhalt unseres Bewusstseins und dem Bewusstsein selbst unterscheiden. Diese beiden grundlegenden Aspekte des Bewusstseins können klar unterschieden werden und sind doch ineinander verflochten.

Der Inhalt unseres Bewusstseins besteht aus den verschiedensten Erfahrungsobjekten. Daher nenne ich es Objektbewusstsein. Das Objektbewusstsein nimmt immer Objekte, also etwas, wahr. Zum Beispiel die Empfindung des Sitzens, einen Gedanken oder das Geräusch des Umblätterns. Alles, was wahrgenommen, benannt und beschrieben werden kann, sind Objekte im Raum des Bewusstseins. Dazu gehören alle inneren und äußeren Erscheinungen. Sie alle erscheinen und vergehen im Bewusstsein. Das Objektbewusstsein wird auch der Bereich der Form genannt, da das Objektbewusstsein alle Manifestationen des Lebens widerspiegelt.

Wir sind üblicherweise völlig von den Erscheinungen des Lebens eingenommen, regelrecht hypnotisiert. Daher sprechen manche Lehrer auch vom Objektbewusstsein als Konsensustrance oder Alltagsbewusstsein.

Manche dieser Phänomene erscheinen relativ dauerhaft, andere wiederum sehr flüchtig. Mit einigen dieser Objekte identifizieren wir uns, beispielsweise mit unserem Körper, mit anderen identifizieren wir uns nicht, wie mit diesem Buch. Aber all diese Objekte erscheinen im Bewusstsein und verschwinden wieder, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wie ein Spiegel kann das Bewusstsein alle Objekte in sich aufnehmen, ohne selbst davon berührt zu werden. Nichts bleibt auf dem Spiegel zurück. Kein Objekt, das sich darin spiegelt, kann ihn trüben, verletzen oder ihm seine Leerheit nehmen.

Man könnte nun einwenden, dass Erfahrungen doch Spuren in uns hinterlassen, als Erinnerungen. Aber auch Erinnerungen sind nur Gedanken und damit Objekte, die wir wahrnehmen können. Erinnerungen erscheinen auf dem Spiegel des Bewusstseins, aber sie trüben ihn nicht.

Die Natur des Bewusstseins ist Formlosigkeit. So wie das Gold formlos ist und sich daher in jede Form gießen lässt, ist Bewusstsein selbst formlos und kann sich in jeglicher Form manifestieren. Daher wird es auch das Formlose genannt.

In diesem Sinne ist das Bewusstsein der Urgrund, auf dem das Objektbewusstsein und damit jegliche Erfahrung erst möglich wird. So wie das Gold der Grundstoff ist, aus dem Ringe geformt werden, ist Bewusstsein die Grundlage jeglicher Erfahrung.

Dabei ist wichtig zu sehen, dass das Bewusstsein selbst keine Erfahrung ist, sonst wäre es wiederum ein Objekt und damit benennbar, greifbar und vergänglich. Bewusstsein ist der Ursprung jeglicher Erfahrung und daher die Grundlage für das Objektbewusstsein. Es selbst ist nicht so erfahrbar, wie wir Objekte erfahren können.

Aus diesem Grund wird es auch als Nicht-Erfahrung bezeichnet. Eine Formulierung, die es für unseren Verstand ins Diffuse und Mystische abgleiten lässt, denn unser Verstand kann Nicht-Erfahrung nicht begreifen. Er kennt nur die Welt der Form und bezieht sein Wissen aus Erfahrenem. Nur was benannt und beschrieben werden kann, kann unser Verstand erfassen. Aus diesem Grund bleibt die Erkenntnis des spiegelgleichen Bewusstseins unserem Verstand verschlossen. Selbst wenn er beginnt, das Prinzip des Bewusstseins zu begreifen, kann er es niemals verwirklichen.

Nicht was das Auge sieht, sondern was dem Auge
ermöglicht zu sehen, wisse, nur das ist Brahman –
das Ewige – und nicht, was die Menschen hier anbeten.
Nicht was das Ohr hört, sondern was das Hören
ermöglicht, wisse, nur das ist Brahman – das Ewige –
und nicht, was die Menschen hier anbeten.
Nicht was der Verstand denkt, sondern was das Denken
ermöglicht, wisse, nur das ist Brahman – das Ewige –
und nicht, was die Menschen hier anbeten.

UPANISHADEN

Gewahrsein

Was ermöglicht es dem Auge zu sehen? Oder anders ausgedrückt: Wer sieht?

Beide Fragen lenken unsere Aufmerksamkeit auf das Subjekt einer Erfahrung. Bewusstsein ist das Subjekt, zeitlos und immer während. Es ist das, was wahrnimmt. Es ist der Ursprung jeglicher Erfahrung. Das Subjekt können wir nicht erfahren, wir können es nur sein.

Trotzdem ist es möglich, uns des Bewusstseins bewusst zu werden, und zwar dadurch, dass wir von den Objekten zurücktreten. Der Fokus unserer Aufmerksamkeit verschiebt sich unmerklich von den Wahrnehmungsobjekten weg zu dem, was wahrnimmt. Wir schauen nicht mehr auf die Wahrnehmungsinhalte, sondern sind ganz Wahrnehmung, ungerichtet und offen. Man nennt daher das Erkennen des formlosen Bewusstseins auch Gewahrsein, also „ganz Wahrnehmung sein“. Im Gewahrsein sind wir eins mit offenem, unberührtem Bewusstsein.

Obwohl Bewusstsein das Subjekt jeglicher Erfahrung ist, kennt es kein Ich. Denn der Ich-Gedanke oder das Ich-Gefühl ist nur ein Objekt des Verstandes, das im Bewusstsein erscheint, ohne es zu berühren. Wie ein Spiegel im Bad nicht davon berührt wird, wenn wir morgens verschlafen hineinschauen, so bleibt Bewusstsein selbst vollkommen unberührt von unserem Gefühl, eine unabhängige, getrennte Person zu sein.

Bewusstsein ist unberührt, transparent, unendlich. Daher wird es mit Stille in Verbindung gebracht. Etwas, das vollkommen unberührt bleibt, ist in sich unendlich still. Es ist die Stille selbst. Es reagiert nicht, wertet nicht, denkt nicht. Die Natur der Stille ist nichts anderes, als vollständige Offenheit.

Erfahrung bedeutet Veränderung, sie kommt und geht.
Die Realität jedoch ist keine Erfahrung, sie kann nicht
erfahren werden. Sie ist nicht wahrnehmbar, so wie man
ein Ereignis wahrnimmt. Die Realität kommt nicht und
geht nicht. Der Wunsch selbst und die Suche nach der
Realität sind die Bewegung, der Vorgang und die
Handlung der Realität. Sie können lediglich den entscheidenden
Punkt begreifen, dass alles, was geschieht, was
kommt und geht, nicht die Realität ist.

Erkennen Sie Vergänglichkeit als vergänglich, Erfahrungen
lediglich als Erfahrungen, und Sie haben bereits
alles getan, was Sie tun können. Dann sind Sie offen für
die Realität, nicht mehr dagegen gepanzert, so wie Sie es
sind, solange Sie Ereignisse und Erfahrungen Realität
beimessen.

SRI NISARGADATTA MAHARAJ

Jede Erfahrung ist gut genug

Wenn wir auf diese Weise die Natur unseres Bewusstseins betrachten, wird klar, dass wir Menschen in zwei Wirklichkeiten leben. In der relativen Wirklichkeit der sich wandelnden Erscheinungen und in der absoluten Wirklichkeit der Stille des Bewusstseins. Auch wenn uns meist die relative Wirklichkeit völlig vereinnahmt, ist Stille im Kern jeder Erfahrung präsent.

Mein Vipassana-Lehrer betonte immer wieder, dass jede Erfahrung gut genug ist, um gegenwärtig zu sein und aufzuwachen. Jede Erfahrung, gleich, ob angenehm oder unangenehm, beinhaltet den Samen der Erleuchtung, da sie sich im Bewusstsein spiegelt.

Kannst du lesen ohne Bewusstsein? Gibt es die Erfahrung des Denkens ohne Bewusstsein? Gibt es die Erfahrung des Spürens deiner rechten Hand ohne Bewusstsein? Lausche!

Die Stille entdecken

Wie können wir diese unberührte Stille entdecken, wenn sie weder Erfahrung noch Objekt ist und unser Verstand sie auch nicht erfassen kann. Wie können wir ihrer gewahr werden?

Zunächst ist es mir wichtig zu wiederholen, dass die Stille des Bewusstseins nichts ist, was wir irgendwie erreichen könnten. Man kann das gar nicht oft genug betonen, denn der Verstand wird immer versuchen, still zu werden oder Stille zu erreichen. Er strengt sich an und sucht nach Stille. Da er nur Objekte kennt, versucht er vergeblich, Stille als Objekt zu erfassen. Stille sein verwirrt unseren Verstand.

Wenn es keine Buddhanatur gäbe (mit anderen
Worten: Wenn wir nicht schon diese absolute Stille
wären), wozu würden wir dann praktizieren?

Haben wir ein schmutziges Kleidungsstück, dann
waschen wir es. Aber in Wirklichkeit waschen wir ja