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Point

Zero

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Meinem Sohn
Philippe
in Liebe gewidmet

Zu diesem Buch

Ich bin leidenschaftliche Malerin. Seit meinem zwanzigsten Lebensjahr hat das Malen mein Leben mit Freude erfüllt. Vor allem jedoch hat es mir ermöglicht, das Mysterium meiner Seele zu erforschen. Als ich zum ersten Mal entdeckte, welche Macht dem Malen innewohnt, fühlte ich mich sehr gesegnet – ich glaubte, den Zugang zur Kreativität beinahe verpasst zu haben. Sofort wollte ich meine Entdeckung mit anderen teilen, und meine Begeisterung ließ mich zur Lehrerin werden. Fast dreißig Jahre lang habe ich mit großer Freude beobachtet, wie Tausende von Menschen ihre Ängste überwanden, alte Muster durchbrachen und Zugang zu jenem wundervollen, mysteriösen Ort der Schöpfung und der Seelenerforschung fanden.

Von Beginn hatte ich bei meinem Unterricht das Gefühl, dass zu viel von mir abhing. Zu oft musste ich hören: „Ich kann nicht alleine malen! Ich verliere meine Freiheit und bin blockiert!“. Ich musste herausfinden, wie ich meinen Schülern beibringen konnte, sich ganz auf sich selbst zu verlassen.

In meinem ersten Buch, Life, Paint and Passion, hatte ich die Grundprinzipien kreativer Freiheit beschrieben. Ich hatte versucht, die Kreativität zu entmystifizieren und jedem verfügbar zu machen, unabhängig von Talent und Techniken. Ich hatte auch die kreativen Blockaden und ihre Auswirkungen detailliert beschrieben, aber noch keine praktische Möglichkeit zur Verfügung gestellt, mit ihnen umzugehen. In diesem Buch nun kann ich zu meiner Freude präsentieren, was ich in den letzten Jahren entdeckt habe: eine Methode, nach der jeder Mensch allein schöpferisch tätig sein und den Segen und die Freude erleben kann, die das intuitive Malen mit sich bringt.

Das vorliegende Buch stellt eine neue Methode vor, um das kreative Potenzial anzuregen und schöpferische Leidenschaft zu wecken. Es beschreibt praktische Verfahren zur Auflösung kreativer Blockaden, die auch die Inspiration beflügeln. Ich glaube, dass diese Nicht-Technik Ihre Einzigartigkeit, Ihre Originalität und Ihren persönlichen Stil fördert, ohne sie zu beeinflussen. Darüber hinaus weist dieses Buch nachdrücklich auf die Tiefe und spirituelle Schönheit der intuitiven Kraft hin – auf ihre heilenden und erweiternden Eigenschaften.

Point Zero gibt jedem, der schöpferisch tätig sein will, die praktischen Mittel in die Hand, um selbstständig alle Phasen des kreativen Prozesses zu meistern. Das Buch basiert auf einem tiefen Verständnis von Kreativität und zeigt dem Leser, wie er mit Hilfe einer Selbstbefragung Point Zero – die Quelle der Schöpfung – erreichen kann. Grundlage des Befragungsprozesses ist die Einsicht, dass Kreativität eines urteilsfreien, nicht zielorientierten Ansatzes bedarf, um zu blühen. Die vorgestellte Methode wird durch Fallbeispiele aus meinen Workshops und meiner eigenen Geschichte illustriert. Dieses Buch behandelt:

die kreative Suche als leidenschaftlichen Forschungsweg in das Leben und den Geist (Spirit) sowie die dazugehörigen Hindernisse und erstaunlichen Entdeckungen,

das Konzept von Point Zero, dem fruchtbaren Schoß der Schöpfung,

die neue, nicht-invasive Selbstbefragungsmethode zum Umgang mit Zweifeln, Konflikten oder mangelnder Inspiration,

die drei Drachen, die das Land der Kreativen Suche bevölkern – den Ergebnisdrachen, den Kontrolldrachen und den Bedeutungsdrachen –, und wie man ihnen am besten begegnet,

die enge Verbindung und Beziehung zwischen Kreativität und Geist, die Macht der Kreativität, Herz und Seele zu erreichen, wo Sie Heilung und Weisheit finden.

Wenn Sie sich danach sehnen, schöpferisch tätig zu sein und die Kreativität zu einem Teil Ihres Lebens zu machen, wenn Sie das suchen, was authentisch an Ihnen ist, dann lade ich Sie ein, mir in das große Abenteuer der Schöpfung zu folgen – in eine Schöpfungskraft ohne Grenzen. Keine vorherige Erfahrung ist nötig. Sie brauchen nicht besonders inspiriert oder begabt zu sein. Begleiten Sie mich auf eine Forschungsreise in die Kreativität anhand der magischen Lehren von Point Zero.

Point

Zero

– entfesselte

Kreativität

Frei und schöpferisch leben

Michele Cassou

Ins Deutsche übersetzt
von Christine Bolam

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Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel

„Point Zero – Creativity without Limits“

bei Jeremy P. Tarcher / Putnam, New York.
2001

Übersetzung: Christine Bolam

© Aurum in

J. Kamphausen Mediengruppe GmbH,

Bielefeld 2003

info@j-kamphausen.de

www.weltinnenraum.de

Lektorat: Hans-Jürgen Zander

Umschlag-Gestaltung,

Typografie/Satz: Wilfried Klei

Covermotiv: Michele Cassou

Deutsche Ausgabe:

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

8. Auflage 2015

ISBN Printausgabe: 978-3-89901-007-7

ISBN E-Book: 978-3-95883-014-1

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und
sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe
sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Ein beseelter Zufluchtsort

Als Kind liebte ich das Schwindelgefühl, das entstand, wenn ich mich fragte: „Was befindet sich am Rande des Universums? Was findet man vor, wo alles andere aufhört?“ Ich versuchte oft, dort hinzugehen und herauszufinden was passiert, wenn die Materie zu Ende geht. Mein Verstand suchte in alle möglichen Richtungen, begierig, diesen Bereich zu erforschen und das Unbekannte zu erspähen. Ich gab erst auf, wenn ein merkwürdiges Wirbeln in meinem Kopf zu spüren war. Dann wusste ich, dass ich für dieses Mal so weit wie möglich gegangen war. Ich genoss diese mysteriöse Wahrnehmung, auf die – ganz von selbst – ein bekanntes, sanftes Schwindelgefühl folgte. Ich hatte mein Bewusstsein bis an seine Grenzen ausgedehnt. Immer wenn ich diese unglaubliche Stelle erreichte, kam sie mir völlig vertraut vor. Mit Sinnen, die sich in neue Dimensionen ausdehnten, erkannte ich, dass dies der Ort war, von dem ich kam – jenseits aller Begrenzungen wie Alter, Körper und Name, jenseits des engen Raumes, der mir als Mensch zustand. Indem ich versuchte, meine Frage zu beantworten, gelangte ich in eine Weite, die ich als mein Zuhause erkannte. Ich war angekommen.

Als ich Jahre später an den Punkt kam, wo ich mir erlaubte, mich völlig frei auszudrücken, entdeckte ich, dass kreatives Malen dieselbe Wirkung auf mich hatte. Immer wenn ich zuließ, dass meine Hand von einem inneren Impuls geführt wurde, kamen Energien ins Spiel, die meinen Willen oder mein Verständnis weit überstiegen. Ich betrat jenen ursprünglichen Ort am Rande der Materie, jene andere Seite der Wirklichkeit. Das Malen verlangsamte meine Verstandesaktivitäten oder schloss sie einfach kurz. Ich wurde in die große Weite geführt, wo sich das Bewusstsein von seinen Gedanken und seinem Wissen befreit. Geleitet von einem wahrscheinlich uralten Impuls verlor ich mein Zeit- und Raumgefühl. Es war egal, was da gemalt wurde. Mein Sein ritt still und sanft auf der Welle, und war sich kaum des kleinen Ausschnittes bewusst, in dem die Malerin ihr Bild malte. Alle Lebenssorgen lösten sich auf wunderbare Weise in Nichts auf. Mein vertrautes Selbst schien gar nichts zu tun, während ich malte. Es geschah alles von selbst. Ich erinnerte mich daran, dass mir dieses Gefühl, einer größeren Realität anzugehören, zutiefst vertraut war. Ich hatte das alles nur vergessen.

Kleine Kinder gehen regelmäßig zu jenem magischen Ort. Dort ruhen sie sich aus und tanken auf, um in der Welt des Wissens zurechtzukommen, in der täglich hunderte von Konzepten auf sie losgelassen werden, die ihnen allmählich die Fähigkeit rauben, diesen beseelten Zufluchtsort aufzusuchen. Ich merkte, wie verzweifelt es mich danach dürstete, mir selbst dort zu begegnen.

Unbändige Freude erfüllte mich, als ich die tiefe Bedeutung, die verborgene Schönheit und die Intelligenz erkannte, die dem schöpferischen Akt zugrunde liegen. Das geschah in einem Malatelier für Kinder: Plötzlich gab es keine Regeln und Erwartungen mehr, und ich entdeckte die unbegrenzte Macht meiner Intuition. Das, was ich vom Leben wollte, verlief nach keinem übergeordneten Schema mehr und erfüllte kein tieferes Ziel. Der Schöpfungsakt führte mich zwangsläufig über meine engen Grenzen, meine Gedanken und meine Selbstidentifikation hinaus. Er ließ nicht zu, dass ich an Bekanntem festhielt, sondern zerbrach meine Ketten und gab mir die Freiheit zu forschen.

Von da an war mein Vertrauen vollkommen. Was konnte ich mir sonst noch wünschen? Der schöpferische Strom floss von selbst den Berg hinab und bahnte sich seinen Weg durch Felsen, Erdschichten, Regen, Gewitterstürme und klares Wetter. Sein Flusslauf würde sich mit Sicherheit auf die harmonischste Weise – die einzig mögliche – entfalten. Ich hatte meine Führung gefunden, und diese Führung wurde von etwas für mich Unsichtbarem beseelt. Bislang hatte mein erwachsener Verstand nur einen kleinen Ausschnitt der Existenz wahrgenommen. Doch jetzt konnte mir der Schöpfungsakt dabei helfen, diese Begrenzungen zu überwinden. Im schöpferischen Tun konnte ich mich ausdrücken und an der Freiheit entzücken.

Als ich die Erwachsenen noch mit Kinderaugen betrachtete, hatte ich mich gewundert, warum sie das Wichtigste immer verpassten und nie die äußerste Grenze des Lebens berührten. Damals wurde ich zwischen zwei Welten hin- und hergezogen – der üblichen Welt der Dinge und Menschen, und jener anderen, weiten und mysteriösen Welt. Nun endlich begann die Kreativität der Schale meiner Überzeugungen Risse zuzufügen. Meine schöpferische Leidenschaft wurde zur Brücke zwischen dem Hintergrund aller Dinge und mir selbst. Ich erreichte den Ort, an dem es kein Zurück mehr gibt – den Punkt völligen Verschmelzens mit der Kreativität – und meine Leidenschaft richtete sich auf die Suche nach dem, was jenseits der Grenzen des Universums liegt. Und was mir dort begegnete, hatte ich schon als Kind fast berührt. Ich begegnete dem Geist (Spirit).

Die Rose – der erste Schritt in die Kreativität

Sonntags zog sich mein Vater gerne in sein Arbeitszimmer zurück, um schwarzweiße Familienfotos zu kolorieren. Das ist eine sehr präzise und feine Aufgabe, und er konnte Stunden damit zubringen, eine Farbschicht nach der anderen aufzutragen und den Bildern ein völlig neues Aussehen zu verleihen.

In jungen Jahren hatte mein Vater davon geträumt, Maler zu werden. Er liebte die Kunst, doch seine Eltern hatten ihm vor Augen geführt, wie wichtig es war, einen ordentlichen Beruf zu ergreifen, um seine zukünftige Familie zu ernähren. Er hatte klein beigegeben. „Sie hatten ja Recht“, sagte er oft am Mittagstisch und ließ seinen Blick gedankenvoll über uns – seine sieben Kinder – schweifen. Mein Vater war Ingenieur geworden, aber sein Traum war immer noch lebendig.

Mit vier Jahren erkannte ich die außergewöhnliche Gabe meines Vaters: Er besaß die Fähigkeit zu malen. Zum Beweis hing eins seiner Bilder in unserem Flur. Es zeigte drei pastellfarbene Rosen auf hellblauem Hintergrund in einem goldenen Rahmen. Das verwunderte mich zutiefst.

Eines Tages führte mein Vater mich in die Magie der Schöpfung ein. Auf den Lehnstuhl neben seinem alten Holztisch gestützt brachte er mir bei, wie man eine Rose malt. Ich beobachtete, wie aus dem Nichts etwas entstand – eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde. Das war, als hätte ich einem Wunder beigewohnt, und es entzündete ein Flamme in meinem Inneren. Ich hatte schon immer voll Erstaunen zugeschaut, wie ein Küken aus dem Ei schlüpfte oder ein Same zu einer Pflanze wurde, aber es war mir neu, dass auch ich diese mysteriöse Fähigkeit besaß und etwas erschaffen konnte. Mit der Geburt der Rose erweiterte sich meine Welt auf einen Schlag und war plötzlich voller Möglichkeiten, voller Stationen, an denen sich meine Träume orientieren konnten. Meine schöpferische Sehnsucht war geboren.

Die darauf folgenden Tage verbrachte ich in einer Art Ekstase. Ich zeichnete und malte eine Rose nach der anderen, bis meine Begeisterung abflachte. Dann ging ich zu meinem Vater und bat ihn, mir mehr seiner magischen Geheimnisse zu zeigen, aber er war zu beschäftigt, um mich ausgiebig zu unterrichten. In meiner Enttäuschung machte ich mich daran, auf eigene Faust zu lernen. Ich malte Bilder aus Büchern und Illustrierten ab. Ich füllte Malbücher aus und beobachtete verschiedene Formen. Ich arbeitete hart und viel, und die lange Wartezeit bis zum Erwachsensein begann. Ich wusste, dass ich eines Tages – irgendwo – eine Schule, eine Technik oder einen Lehrer finden würde, die mir zeigen würden, wie man Kunst macht.

Während ich wartete, musste ich eine Möglichkeit finden, mich auf das Schaffen vorzubereiten. Ich durchstöberte regelmäßig den Papierkorb am Arbeitstisch meiner Mutter nach Postkarten, Fädchen, Papier- und Pappstückchen und bunten Dingen, aus denen ich Collagen und Konstruktionen anfertigte – obwohl mir die meisten Grundmaterialien fehlten. Ich träumte davon, so reich zu sein, dass ich mir einen endlosen Vorrat an Klebstoff, Scheren, Farben und Pinseln leisten könnte. Ich ging hinaus in die Natur und sammelte Zweige, Steine und Muscheln, die ich zusammenklebte und verzierte. Ich formte, lackierte und färbte.

Trotzdem glaubte ich, Unterricht zu brauchen. Ich hatte keine Ahnung, dass alles, was ich je benötigen und anstreben würde, schon in mir vorhanden war. Und deshalb schrieb ich mich Jahre später, sobald ich es mir leisten konnte, an einer Kunstschule in Paris ein.

Ich saß an meinem Arbeitstisch in einer Klasse mit zwanzig anderen Studenten. Der Lehrer gab mir die weiße Gipsstatue eines jungen Männerkopfes und ein Dutzend verschiedener Instrumente, um seine Proportionen zu messen und zu errechnen. Wenige Minuten später hatte er alles ausradiert, was ich gemacht hatte, und begann, mir den richtigen Gebrauch der Messinstrumente zu erklären. War das die erste Lernphase? Ich erinnere mich, dass ich nach einem Leuchten in seinen Augen suchte. Wo war die Leidenschaft desjenigen, der sein Leben der Kunst gewidmet hat? Ich konnte nichts von ihr spüren.

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Schon nach wenigen Wochen konnte ich diesen Unterricht nicht mehr ertragen – ich war zu sehr an meine Freiheit gewöhnt. Ich kündigte und suchte nach anderen Pariser Kunstschulen. Überall erwartete mich dieselbe Enttäuschung.

Nachdem ich einige Jahre mit der Suche nach der richtigen Schule zugebracht hatte, gab ich auf Anraten meines letzten Lehrers das Malen auf. Er hatte gesagt: „Michele, Malen ist nichts für Sie. Wenn Sie sich künstlerisch ausdrücken wollen, sollten Sie besser schreiben oder so.“ Ich glaubte ihm und verschenkte meine Ölfarben und kostbaren Pinsel. Ich war erst Anfang zwanzig, aber es kam mir vor, als hätte ich meinen ganzen Lebenstraum aufgegeben. Traurig und niedergeschlagen ahnte ich nicht, dass mir in Wirklichkeit der Weg freigeräumt worden war. Die Vorstellung, irgendein Talent zu besitzen, war mir genommen worden. Ich war nicht einmal fähig, Kunst zu lernen – geschweige denn zu verstehen, was Kunst überhaupt war. Jegliche Hoffnung auf ein Künstlerleben war zerstört. Ich hatte nichts mehr zum Festhalten und keinen fertigen Weg, dem ich folgen konnte. Mir blieb nur eins: Ich musste meinen eigenen Weg finden, ich musste bei Null beginnen.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich mich entschloss, eine Möglichkeit zu suchen, mit Kindern zu arbeiten. Ich war nicht begabt genug, selbst zu malen oder Erwachsenen das Malen beizubringen – aber vielleicht konnte ich dabeisein, wenn Kinder malten. Ich konnte sie anleiten, unterstützen und ihnen beim Schaffen zusehen. Als ich dann schließlich das Atelier für Ausdrucksmalen betrat, um Kindern beim Malen zuzusehen, waren meine Augen nicht von Erwartungen getrübt. Zum ersten Mal konnte ich sehen, dass Kreativität in der Luft schwebte. Ich konnte sie fühlen, berühren, atmen. Mein Hunger nach ihr war so groß gewesen, dass sie mich sofort gänzlich anfüllte. Mein Herz hatte seine Leidenschaft gefunden, meine Seele ihren Ruhepol. Ich brauchte nichts Äußeres mehr. Alles war in mir (und ist in jedem Menschen): das Vermögen, die Fähigkeit und die Macht, schöpferisch tätig zu sein. Es fehlte mir an nichts.

Geschichte einer Lehrerin

Nachdem ich durch die Arbeit mit den Kindern meine Malleidenschaft wieder entdeckt hatte, verwandelte ich meine Pariser Zweizimmerwohnung in ein Atelier und lud meine Freunde zum Malen ein. Selbst wenn sie nicht besonders begeistert von ihren Werken waren, mischte ich mich nie in ihre Arbeit ein. Mein Respekt vor dem kreativen Prozess war zu groß. Ich konnte nicht vergessen, dass mich meine Berufung, zu malen, unter Kindern und an einem Ort ereilt hatte, an dem weder Kritik noch Urteil zugelassen waren. Ich hatte meine Leidenschaft in einem Umfeld von Freiheit und Spiel gefunden, an einem Platz ohne Regeln und Ziele. Außer meinen eigenen Ressourcen war mir nichts geblieben, auf das ich mich beim Malen verlassen konnte, und das hatte sich wie ein Wunder ausgewirkt.

Während ich mit den Kindern malte, begann ich bald, in meiner Wohnung Unterricht und Workshops abzuhalten. Ich war entschlossen, zukünftigen Malern zu meiner Entdeckung zu verhelfen, dass man schon alles in sich trägt, was man zum Malen braucht. Es reicht, der eigenen Intuition zu vertrauen. Ich wusste, dass ich nicht das Recht hatte, mich in ihre Bilder einzumischen, wenn ich sie nicht daran hindern wollte, ihre wahre Einzigartigkeit zu entdecken. Damit begann mein Dilemma. Wie sollte ich Menschen beim Malen helfen, sich selbst zu helfen, ohne sie zu beeinflussen?

In meinen Workshops, die jeweils ein paar Tage dauerten, sprach ich über die Macht von Spiel, Spontaneität, Intuition und über die Prinzipien der Kreativität, die ich durch meinen eigenen Malprozess entdeckt hatte. Ich entwickelte Möglichkeiten, Kreativität zu erwecken und anzuregen. Weil ich jeden Tag malte, probierte ich alles an mir selbst aus.

Mir kamen die witzigsten Ideen – zum Beispiel die Aufgabe, eine Verrückte oder einen Verrückten oder einen vorgestellten Zwilling zu malen. (Wenn man tut, als sei man jemand, der sehr frei ist, lösen sich Unsicherheit und Angst auf). Ich stellte meinen Schülern das Konzept der kreativen Zerstörung vor, um es ihnen zu ermöglichen, intensiven Gefühlen nachzugehen und die Energie von Frustration in starke und direkte Bilder fließen zu lassen. Ich betonte, wie wichtig es ist, das Bild immer zu Ende zu malen. Ich sprach über Urteile und Erwartungen, und wie sehr diese die schöpferischen Fähigkeiten behindern. Ich lehrte sie, auf ihre Intuition zu hören. Ich sprach über die Notwendigkeit, ihr Werk zu respektieren und es niemals zu zerstören. Ich wies sie immer wieder nachdrücklich darauf hin, das Endprodukt gehen zu lassen und sich dem Prozess hinzugeben.

In meinen Workshops malten die Schüler jeden Tag viele Stunden lang und bauten damit ein Potenzial an schöpferischer Energie auf, das sie in das kreative Unbekannte tragen konnte. Wenn sie sich blockiert oder uninspiriert fühlten, war ich für sie da und konnte ihnen direkt helfen. Sie schienen unter meiner Anleitung aufzublühen, und das Malen machte ihnen große Freude. Langsam nahm ich immer mehr an ihrem Prozess teil und entdeckte unzählige Möglichkeiten, kreativ zu sein. Ich schärfte meine Intuition als Lehrerin und fühlte mich immer stärker mit der Arbeit meiner Schüler verbunden. Ich sah mich als Hebamme, die ihnen half, ihre Kunst in die Welt zu bringen – oder manchmal als eine Art Radarstation, die Informationen empfing und sie an die Schüler weiterleitete. Es beglückte mich, Tausende von Veränderungen, Entdeckungen, Durchbrüchen und Heilungen mitzuerleben. Ich wurde ein Experte im Durchbrechen kreativer Blockaden.

Unglücklicherweise malten die wenigsten meiner Schüler auch außerhalb der Workshops. Die meisten beklagten sich, sie könnten nicht in Kontakt mit ihrer Inspiration kommen, wenn sie allein wären. Sie sagten, dass sie nicht so tief in sich selbst eintauchen konnten wie im Unterricht. Das Resultat ihrer Arbeit schien an Wichtigkeit zu gewinnen, wenn niemand da war, der sie daran erinnerte, es loszulassen. Sie erzählten, dass sie von jeder Kleinigkeit gestört wurden. Oft war ihre Begeisterung für das Malen nur von kurzer Dauer. Mein Dilemma hatte sich vergrößert. Irgend etwas stimmte nicht: Trotz bester Absichten und trotz einer Methode, die auf Freiheit gründete, hatte der Unterricht meine Schüler irgendwie abhängig von meinen Interventionen gemacht.

Wenn jeder schöpferisch sein konnte, warum konnten meine Schüler sich dann nicht selbst befreien? Schließlich hatten sie erlebt, wie sich die Blockaden mit meiner Hilfe lösten. Die Frage war: Wie konnten Lehrerin und Lehre ihnen das geben, was sie brauchten, um sich ganz auf sich selbst zu verlassen zu können? Irgendetwas musste sich verschieben. An dieser Stelle entdeckte ich, dass Point Zero, der Nullpunkt, der bei meiner eigenen Kreativität eine solch große Rolle gespielt hatte, als Lehrmethode genutzt werden konnte. Ich sah ihn in neuem Licht und erkannte die unglaubliche Macht, die er als Schlüsselpunkt der Schöpfung innehat. Diese neue Sichtweise verlieh dem intuitiven Malen einen Rahmen. Die Malenden konnten sich an Point Zero orientieren, jenem Punkt, an dem ihnen jederzeit der Zugang zu ihrer Intuition offenstand. Endlich gab es etwas Greifbares, das sie auch außerhalb meiner Workshops nutzen konnten.

Ich begann, in meinen Intensivgruppen mit Point Zero zu experimentieren. Ich leitete die Schüler an, ihre Blockaden selbst zu lösen, nachdem ich ihnen das jahrelang abgenommen hatte. Das war zunächst gar nicht so einfach – sie brauchten ein umfassendes Verständnis von Kreativität, bevor es funktionieren konnte. Aber bald war ich soweit, dass ich sie anleiten und ihnen dabei helfen konnte, ihre eigenen, sie befreienden Fragen zu stellen. Das gab ihnen augenblicklich ihre eigene Macht zurück. Sie lernten, sich selbst aus schwierigen Situationen zu befreien und damit den kreativen Fluss in Bewegung zu halten, ohne von einem Lehrer oder der flüchtigen Inspiration abhängig zu sein.

Dieses Konzept verwandelte meine Workshops. Plötzlich bestand meine Arbeit als Lehrerin nur noch darin, den Schülern zu vermitteln, wie Kreativität funktioniert, und sie dann üben zu lassen, damit sie die Methode überallhin mitnehmen konnten. Jetzt konnten sie die weiten unbekannten Bereiche ihres Lebens allein erforschen. Sie waren nicht mehr auf meine Anleitung angewiesen, wenn Schwierigkeiten auftauchten.

Seitdem führe ich all meine Schüler an jenen wunderbaren Ort. Ich habe beobachtet, dass sie sich selbst häufig Fragen stellten, die ihr tiefstes Inneres nicht erreichten. Die Fragen machten sie kopflastig, anstatt ihnen das Tor zum mysteriösen Unbekannten zu öffnen. Wie ein zerbrochener Kompass zeigten diese Fragen nie den Heimweg an, den Weg zu Point Zero, dem Ursprungsort der Schöpfung. Eindringlich wies ich sie immer wieder darauf hin, dass ihre Fragen jedes Mal darauf zielen mussten, die Quelle der Schöpfung zu erreichen; es gab keinen anderen Weg. Wenn sie Point Zero verstehen und lernen konnten, eine bestimmte Frage auf der Basis ihrer Blockaden zu formulieren, dann wäre es ein Leichtes, sich selbst diese Frage zu stellen und den kreativen Fluss wieder zurückzubringen. Dieselbe Blockade, die das Tor zum kreativen Fluss verschlossen hatte, würde es nun wieder öffnen. Die Frage musste einen einzigen Zweck verfolgen: sie immer wieder zu Point Zero zurückzubringen.

Ich denke zurück an eine Unterrichtswoche, die ich vor ein paar Jahren am Open Center for Learning in New York abhielt. Meine neue Lehrmethode hatte plötzlich gegriffen, und die Schüler waren von ihrer eigenen Kreativität begeistert. Schon nach wenigen Tagen waren sie zuversichtlich, sich auch allein durch die Höhen und Tiefen des kreativen Prozesses manövrieren zu können.

Nach all den Jahren des Erforschens hatte sich mein Dilemma endlich gelöst. Mein Unterricht erreichte die Schüler in ihrem Zentrum und übte dort seine Wirkung aus. Im Innersten eines jeden Malers enthüllte sich Point Zero als Quelle von Kraft und Inspiration.

Zwei Wege zum Malen

Sag mir, was du mit deinem einzigen
wilden und kostbaren Leben anfangen willst.

Mary Oliver

Wenn man malen will, kann man auf zwei verschiedene Arten beginnen: Man kann zum einen die künstlerischen Techniken wie Komposition, Farbgebung, Kontrast und Perspektive studieren. Dann lernt man solange, bis man die Fähigkeiten erworben hat, darzustellen, was einem gefällt. Doch das ist nicht alles. Sie wollen künstlerisch arbeiten, um lebendig und originell zu sein, und Sie wollen Leidenschaft in Ihrem Blut spüren. So etwas kann nicht unterrichtet werden – und damit beginnt die wahre Herausforderung.

Wenn Sie Leidenschaft erfahren wollen, müssen Herz und Seele mitspielen. Das Herz braucht Freiheit, um empfänglich und erfinderisch zu sein und sich ausdrücken zu können. Dafür muss man über alle gelernten Techniken hinausgehen. Viele große Meister beschreiben diese Stelle in ihrem Schöpfungsprozess als Wendepunkt. Nach Jahren des Lernens und der Arbeit verspürten sie den Drang, die Techniken hinter sich zu lassen – und entdeckten die unglaubliche Freude, die Freiheit und Authentizität mit sich bringen.

Allerdings bringt der Versuch, diesen Punkt zu erreichen, seine eigenen Hindernisse mit sich. Es kann oft ziemlich schwierig sein, nach Jahren des Lernens seine Freiheit wieder zu erlangen und die Gewohnheiten und Konditionierungen, die man sich zugelegt hat, loszulassen. Wenn ein Maler diesen spontanen Bereich nicht finden kann, führt er das oft auf einen Mangel an Talent zurück.

Die zweite Möglichkeit ist, gar nicht erst zu studieren und sich von Anfang an voller Unschuld und Freiheit auf die Schöpfung einzulassen. Man entdeckt, wie man spontan ist. Man entwickelt seine Intuition. Man folgt der Inspiration des eigenen Herzens. Man nähert sich dem Malen von der anderen Seite. Man kümmert sich nicht um Fähigkeiten und Techniken – sie werden sich letztendlich von selbst entwickeln. Dieser Ansatz fordert von einem, sich nicht auf das Ergebnis zu konzentrieren, sondern mit Point Zero, dem Nullpunkt, der Quelle der Schöpfung vertraut zu werden. Er befreit Sie von jeglichem Erfolgs- und Versagensdruck und zielt direkt auf Echtheit, persönlichen Stil und Lebendigkeit. Er verlangt ein tiefes Verständnis von Kreativität und Ihre Bereitschaft, zu forschen. Darüber hinaus beeinflusst und bereichert dieser intuitive Weg Ihr gesamtes Leben, denn er fordert, dass Sie sich mit Ihrem ganzen Sein auf ihn einlassen.

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Ob Sie das Malen eingehend studiert oder nie einen Pinsel angerührt haben – der intuitive Weg ist immer der gleiche. Einem professionellen Künstler mag es frische Inspirationen und Anregungen bescheren, wenn sich die intuitive Welt plötzlich auf völlig überraschende und unerwartete Weise öffnet. Andererseits erfreut sich der Anfänger an seiner Fähigkeit zu spielen, zu experimentieren und sich in einem urteilsfreien Feld malerisch auszudrücken. Vielleicht ist er von der Möglichkeit entzückt, mit den Farben zu spielen und ohne äußeren Druck mit seinen Gefühle in Kontakt zu kommen. Er lernt es, dem zu vertrauen, was spontan entsteht, und ist fasziniert von den unerwartet auftauchenden Bildern und den endlosen Kombinationen aus Formen und Farben. Er wird schnell bemerken, wie heilsam Kreativität ist und welches Potenzial sie birgt, sein Leben zu verändern.

Sie können an jedem Punkt des Prozesses beginnen, aus der Intuition zu schöpfen – unabhängig von Ihrer Geschichte und Ihren Zielen. Ganz gleich, ob Sie blutiger Anfänger oder ein professioneller Künstler sind: Sie müssen alles ablegen, was Sie gelernt haben und sich über das Bekannte hinaus bewegen. Sie müssen Ihre Pläne loslassen, damit das Mysterium Sie entdecken kann. Wenn sich die Wissensmuster auflösen, kommt das Herz zum Zuge. Wenn Sie sich Point Zero zunutze machen, wird Ihre Kreativität angeregt, erneuert und schöpferische Leidenschaft steht Ihnen zur Verfügung.

Die wundersame Reise

Wer bin ich –
im Zentrum all dieser rastlosen Gedanken?

Rumi

Der kreative Weg (quest, dt.: Weg, Suche