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SAMPOORNA YOGA

Yogi Hari

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SAMPOORNA YOGA

Der natürliche Pfad zur Ganzheit

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Dieses Buch
widme ich meinen Gurus
Swami Vishnudevananda,
Swami Nadabrahmananda
und Leela Mata.

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Segnende Worte für
„Sampoorna Yoga“

In diesem hervorragenden Buch sind alle wesentlichen Bereiche des Yoga in ihren unterschiedlichen Aspekten zusammengefasst. Yogi Hari leistet damit der Menschheit einen großen Dienst. Ganz besonders seine Ausführungen über Nada Yoga (dem Yoga der Musik) verleihen diesem Buch – wie der Duft einer Blume – ein besonderes Fluidum. Zusätzlich enthält es ein vollständiges Set von Hatha Yoga Körper- und Atemübungen, tiefe Einsichten in die Chakras der Kundalini und viele ergänzende Anweisungen und Erkenntnisse.

Spirituelles Wachstum, das zur Gottesverwirklichung führen soll, muss jeden Teil der Persönlichkeit erheben und beachten – das Feld der Handlung durch Karma Yoga, den Bereich der Gefühle durch Bhakti Yoga, den Willen durch Raja Yoga (Ashtanga Yoga) und den Verstand durch Jnana Yoga. Unser gesamtes Leben sollte zu einer Symphonie dieser vier Yogas werden – Karma, Bhakti, Dhyana und Jnana.

Auf dass auch Sie als Leser dadurch Ihren Weg zu Gott finden und genießen mögen!

Unser Guru Shri Swami Sivanandaji Maharaj wurde nie müde, uns tiefste Weisheit in seinen einfachen Worten zu lehren: „Diene. Liebe. Gib. Reinige Dich. Meditiere. Erkenne. Sei gut. Sei freundlich. Sei mitfühlend.“ Dies fasst auch die Lehren des Sampoorna Yoga zusammen.

Als großer Musiker, der seine Inspiration aus einer tiefen Hingabe an Gott schöpft, hat Shri Yogi Hari nicht nur Sampoorna Yoga entwickelt, sondern uns immer wieder durch herrliche Bhajans, Kirtans und Vedische Gesänge beglückt. All denjenigen, die ihm begegnet sind, konnte Yogi Hari Liebe, Heiterkeit, Frieden und innere Freude schenken.

Möge der Herr Shri Yogi Hari und sein spirituelles Wirken segnen!

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Swami Jyotirmayananda

Mein Weg zum Yoga

Wie viele andere Menschen bin auch ich aus gesundheitlichen Gründen zum Yoga gekommen.

Ich wurde in eine traditionelle hinduistische Familie geboren. Wir begrüßten jeden Tag mit Opfergaben und Gebeten, doch über „Hatha Yoga“ wussten wir nichts. Unser Leben war sehr einfach – ohne Radio, ohne Fernsehen, ohne Telefon, ohne Spielzeuge ... kurzum: ohne störende geistige Ablenkungen.

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Das einfache Leben gab uns Gelegenheit, unsere Kreativität und inneren Talente zu entwickeln. Industriell verarbeitete Nahrungsmittel konnten wir uns nicht leisten. Stattdessen bestand unser Essen aus frisch zubereiteten Zutaten – und auch hier mussten wir Maß halten.

Als ich später begann, als Landvermesser auf den Bahamas zu arbeiten, löste ich mich schnell von meiner Heimat und den dort gelebten Traditionen. Wie jeder junge Mann aus einfachen Verhältnissen war ich fasziniert und angezogen vom westlichen Lebensstil mit all seinen Verführungen. Ich dachte, dass die Menschen, die so erfolgreich waren und viel Geld und Macht besaßen, sehr wohl wüssten, was sie taten. Was immer es auch war, es würde schon richtig sein!

So begann ich mich schnell dem westlichen Lebensstil anzupassen und auch entsprechend zu ernähren. Mein Körper reagierte auf diese Umstellung mit heftigen Grippeanfällen und Atemwegserkrankungen. Daraufhin gaben mir die Ärzte Antibiotika, die die Symptome jedoch nur vorübergehend unterdrückten. Schon bald danach brach die Krankheit umso heftiger aus. Den Ärzten fiel nichts Besseres ein, als einfach die Dosis zu erhöhen. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ein Arzt es leid war, mir noch mehr Penizillin zu verschreiben. Er drückte mir einfach eine ganze Schachtel Antibiotika in die Hand und sagte: „Nehmen Sie so viel davon, wie Sie wollen!“

Da ich fast ununterbrochen krank war, stand ich auch permanent unter dem Einfluss von Medikamenten. Die Krankheit und die Nebenwirkungen der Medizin zehrten enorm an meinen Kräften und ich hatte keinen größeren Wunsch, als dass der Tag nur irgendwie zu Ende gehen möge.

Meine Frau, die als Krankenschwester in einem naturheilkundlich-orientierten Krankenhaus arbeitete, versuchte mich mit all ihrer Liebe von der westlichen Medizin abzubringen. Doch ich wehrte mich hartnäckig. Wie sollte sie es besser wissen als all die Ärzte, die so lange studiert hatten? Mein Geist war vollständig vom westlichen Denken überschattet.

Ich erinnere mich an ein Wochenende, an dem ich mich so entsetzlich krank fühlte, dass mir schon vor dem Gedanken, montags wieder zur Arbeit gehen zu müssen, schauderte. Jetzt endlich entschied ich mich, den Ratschlägen meiner Frau zu folgen. Sie verabreichte mir Einläufe, verpasste mir heiße und kalte Umschläge und ließ mich mit Kräutertees fasten. Bereits bis zum Montag waren die Beschwerden soweit abgeklungen, dass ich wieder zur Arbeit gehen konnte. Und ein paar Wochen später teilte ich meinem Arzt mit, dass ich seine Hilfe ab sofort nicht mehr brauchen würde. Als ich ihm erzählte, wie die Naturheilmittel mir geholfen hatten, lachte er herzlich. Er war sich sicher, mich schon bald als Patienten wiederzusehen. Doch seit dem sind mehr als 37 Jahre vergangen und ich habe noch nicht einmal mehr eine Tablette Aspirin genommen!

Damals hatte mir meine Frau auch ein kleines Büchlein geschenkt. Es hieß „Yoga und Gesundheit“ und war von Yesudian. Dies war der Beginn meiner großen Entdeckungsreise auf dem Pfad des Yoga!

Schon bald nachdem ich Yoga regelmäßig praktizierte, regenerierte sich mein Körper zusehends und gewann seine alte Stärke zurück. Manchmal nahm ich spontan Yoga-Stellungen ein, die gar nicht in dem Buch aufgeführt waren. Zuerst verwirrte mich das und ich dachte, ich hätte sie erfunden; doch später stellte ich fest, dass sie ausgesprochen klassisch waren. Diese Erfahrung hielt mehrere Jahre an.

Nachdem ich nun gelernt hatte, dass auch die Welt des Geldes und der Macht ihre Schattenseiten hat, gab ich im Jahre 1975 – ich war damals gerade einmal 30 Jahre alt – meine gut bezahlte Arbeit auf. Ich hatte mich entschieden, dem weltlichen Leben den Rücken zu kehren und mit meiner Familie in den Sivananda-Ashram einzutreten. Meine Frau unterstützte mich ohne Vorbehalte, denn sie war es ja gewesen, die mich auf diesen Weg gebracht hatte.

Wir blieben sieben Jahre lang in der Sivananda-Organisation und lebten von meinen Ersparnissen. Ich widmete mich 24 Stunden täglich meinem Sadhana. Jeder Tag begann und endete mit Meditation und ich verbrachte täglich mehr als fünf Stunden mit Hatha Yoga. Außerdem praktizierte ich Nada-Yoga, studierte die Schriften und widmete einen Teil meines Tages Seva, dem selbstlosen Dienst für den Guru und die Gemeinschaft des Ashrams.

Nach sieben Jahren intensiven Studiums beschlossen wir, uns in Florida niederzulassen, um unseren Kindern eine schulische Ausbildung zu ermöglichen. Ich wollte beweisen, dass die Prinzipien des Yoga auch außerhalb des Schutzes eines Ashrams wirksam sind. Dies war die Geburtsstunde des Sampoorna Yoga.

Sampoorna Yoga ist die Essenz meines jahrelangen Weges, den ich als Suchender und Lehrer auf den Gebieten des Karma, Ashtanga, Jnana, Bhakti, Nada und Hatha Yoga1 hinter mir habe. Gemäß den Empfehlungen von Swami Sivananda2 habe ich mich bemüht, all die verschiedenen Werkzeuge und Techniken, die uns von den Rishis aus alten Zeiten überliefert wurden, in mein Leben und meine Lehrpraxis zu integrieren. Dabei musste ich feststellen, dass dies besonders für die Menschen aus dem Westen oftmals gar nicht so einfach war. Es fehlten die Grundlagen und der rechte Zugang zum zeitlosen Wissen des Yoga. So entstand die Idee für dieses Buch.

Mit meinem Lehrbuch möchte ich Ihnen helfen, das großartige Wissen des Yoga auch in Ihrem Leben lebendig werden zu lassen. Ich werde die Fachausdrücke aus dem Sanskrit erklären, Vorschläge zur persönlichen Reflexion unterbreiten und Antworten auf immer wieder gestellte Fragen geben.

Der aktuelle Trend in Richtung Spezialisierung verleitet dazu, sich ins Detail zu flüchten und den Überblick über das Ganze zu verlieren. Im Bezug auf Yoga bedeutet dies eine ungeheure Verschwendung kostbarer Lebenszeit. Sampoorna Yoga soll diesem Trend entgegenwirken und Ihnen helfen, aus der Fülle des Yoga-Wissens wieder zu Ihrer inneren Fülle und Ganzheit vorzudringen.

SAMPOORNA YOGA
Yoga der Fülle

OM Poornamadah Poornamidam
Poornat Poornamudachyate Poornasya
Poornamaadaya
Poornamevavashishyate.

Dieses ist vollständig. Jenes ist vollständig.
Obgleich diese Vollständigkeit aus jener Vollständigkeit kam,
ist das, was übrig bleibt,
immer noch die Vollständigkeit selbst.

Schon den Rishis wurde diese Wahrheit offenbar. Sie drückt die Weisheit des Universums aus, die allen Aspekten der Schöpfung vom kleinsten Atom bis zu den mächtigsten Galaxien zugrunde liegt: Was auch immer aus der Vollständigkeit entspringt, die Gott selbst ist, bleibt vollständig und beeinträchtigt in keiner Weise die Vollständigkeit des Ganzen.

Ein Baby, das zur Welt kommt, ist in sich vollkommen; doch die Vollständigkeit des Babys beeinträchtigt die Vollständigkeit der Mutter nicht.

Jeder Apfelbaum ist in sich vollständig. Auch die Äpfel, die von ihm stammen, enthalten diese Vollständigkeit bereits in ihren Kernen. Doch dies verringert in keiner Weise die Vollständigkeit, die der Baum darstellt.

Alles in der Schöpfung ist ein Ausdruck dieser Wahrheit.

YOGA bedeutet „Vereinigung“. Schon das Wort ist äußerst suggestiv: Es erinnert uns daran, dass es Ziel und Zweck des Lebens ist, zu erkennen, dass wir Sampoorna sind – Vollständigkeit oder Göttlichkeit selbst. Wir sind eins mit dem Höchsten Bewusstsein, Brahman. Seit Urzeiten war dies die Erfahrung aller erleuchteten Wesen. Alle religiösen Lehren versuchen, uns diese eine Wahrheit zu vermitteln.

Die Dokumentationen dieser Erfahrung wurden uns als „die Schriften“ übermittelt. Und die Philosophie und Praxis, die uns unmittelbar zu dieser Erfahrung führen soll, ist als „Yoga“ und „Vedanta“ bekannt. Sampoorna Yoga hat es sich zum Ziel gesetzt, uns diese zeitlose Erfahrung auch als moderne, westliche Menschen zu schenken.

In Wahrheit ist jeder Mensch ebenso vollständig wie die Fülle – das Reine Bewusstsein –, aus der er hervorgegangen ist. Trotzdem nehmen wir uns als endliche, begrenzte und unvollständige Wesen wahr. Dies führt zu vielen Missverständnissen. Die Ursache liegt in der Erfahrung, dass das Reine Bewusstsein sich durch die Begrenzungen von Körper, Geist, Intellekt und Sinnen wahrnimmt.

Um die dadurch entstehende innere Leere auszugleichen und Glück, Fülle und Freiheit zu finden, verbringen die Menschen ihr Leben damit, zu sammeln und zu horten. Je mehr sie anhäufen und für sich selbst ergattern können, desto sicherer fühlen sie sich. Doch die Geschichte lehrt uns in immer neuen Beispielen, dass äußerer Reichtum, Macht und Vergnügen niemals zu dauerhaftem Glück führen werden. Salomon, die Kaiser von China, die ägyptischen Pharaonen und viele andere machten diese schmerzhafte Erfahrung. Sogar in den heiligen Schriften Indiens werden Beispiele solcher Wesen wie etwa Ravana, der die drei Welten bezwungen hatte, beschrieben. Letztendlich blieben alle unerfüllt. Trotzdem kann sich die Menschheit nur schwer von dieser Vision lösen. Generation für Generation laufen wir in die falsche Richtung und versuchen, Erfüllung in materiellen Gütern, in Beziehungen, im Erfolg und in sinnlichen Vergnügungen zu finden.

Wann bemerken wir endlich, dass „die Ratte auch nach dem Rattenrennen noch immer eine Ratte ist ...“? Wie entkommt man dieser kollektiven Hypnose?

Die Schriften sagen, dass man dies „durch die Verfeinerung und Harmonisierung der drei Körper und fünf Hüllen erreicht, mit denen die Seele arbeitet, um die Welt der Objekte, Gefühle und Gedanken zu erfahren“.

Der menschliche Körper, die Sinne, der Geist, der Intellekt und unser Bewusstsein sind mächtige Werkzeuge, die uns geschenkt wurden, um unsere Entwicklung zu beschleunigen. Indem wir unsere gesamte Persönlichkeit von der gröbsten bis zur feinsten Ebene vervollkommnen, verfeinern wir auch unser Bewusstsein. Bei guter Anleitung und richtigem Verständnis kann sich jeder normale Mensch innerhalb seiner üblichen Lebensspanne zu einem göttlichen Wesen entwickeln. Fehlt die Anleitung, ist dies schwierig. Darum sagen die Weisen, „dass es ein besonderes Privileg, ein großer Segen sei, als menschliches Wesen geboren zu werden“.

Perfektion oder Vollständigkeit ist nichts, was man sich aneignen müsste. Auch Sie sind bereits vollkommen! Je durchlässiger Sie für Ihr wahres Selbst werden, desto stärker wird auch das Göttliche Licht durch Sie hindurch scheinen. Alles, was Sie tun müssen, ist, den Schleier zu entfernen, der Sie davon abhält, diese Erfahrung zu leben. Sampoorna Yoga soll dieser Entwicklung die notwendige Dynamik verleihen.

Viele Menschen in den Ländern des Westens sind sich nur wenig über den wahren Wert des Yoga im Klaren. Sie glauben, dass Yoga im wesentlichen darin besteht, bestimmte Körperhaltungen zu trainieren, Stärke und Flexibilität zu entwickeln, mehr Kraft zu erlangen und attraktiver zu werden.

Dieses Missverständnis führt sie genau in die entgegengesetzte Richtung dessen, worum es im Yoga eigentlich geht. Es verleitet dazu, das Ego aufzuplustern und die Identifikation mit dem Körper noch zu steigern, – was den Schleier der Missverständnisse nur noch dichter werden lässt. Leider kommt diese Missdeutung keinesfalls überraschend. Seit unserer Geburt werden wir darauf getrimmt, uns mit dem Körper, dem Geist, dem Intellekt, der Welt der Namen und Formen gleichzusetzen. Dabei bemerken wir nicht, dass die Früchte, die wir ernten, so trügerisch und vergänglich sind wie die Fata Morgana einer Oase in der Wüste.

Sich dieser falschen Programmierung bewusst zu werden, ist der erste Schritt. Sie willentlich hinter sich zu lassen, um sich zu etwas Höherem zu entwickeln, leitet die wesentliche Wende ein. So beginnt unser Bewusstsein zu wachsen und damit auch unsere Beziehung zur Welt. Dass wir zwischenzeitig unruhig werden und uns nach unserer „alten“ Welt zurücksehnen, ist in diesem Prozess völlig normal. Allerdings werden wir schnell bemerken, dass unser „neues“ Leben auf einer weit höheren Ebene abläuft als die Schwerfälligkeit, Blindheit und Illusion, die wir bisher gewohnt waren.

Vielleicht hatten Sie das Glück, in ein günstiges Umfeld hineingeboren worden zu sein. Sie brennen vor Verlangen, Ihr höchstes Potenzial zu entwickeln und streben danach, die Mysterien des Lebens und deren Sinn zu verstehen. Das ist gut. Aber es wird in der Regel nicht ausreichen, um das Ziel der Vollendung zu erreichen. Erst wenn Sie Ihrem Guru begegnen, werden Sie die endgültige Fülle erfahren, die Ihre wahre Natur ist. Darum hatten selbst die größten menschlichen Wesen einen Guru: Der Weise Vasistha unterwies Rama, Arjuna wurde von Krishna unterrichtet und Jesus Christus erhielt von Johannes dem Täufer seine erste Initiation.

Im weltlichen Leben gilt es als völlig normal, sich einen guten Lehrer zu suchen. Jeder, der zum Beispiel Pianist, Tänzer oder Chirurg werden möchte, verhält sich so und ist stolz auf seinen Lehrer. Er dient als Bezugsgröße und Vorbild. Und als guter Schüler ist man willens, den Anweisungen seines Lehrers zu folgen.

Noch viel wichtiger ist es, auch im spirituellen Bereich einen Lehrer zu haben, der einen auf dem Weg unserer inneren Reise begleitet. So viele Jahre der falschen Beeinflussung müssen hier wettgemacht werden!

Schon die bloße Anwesenheit des Gurus verändert das Bewusstsein und hebt es an. Der Guru weiß, wie die Klippen auf dem Weg zur Vollkommenheit geschickt umschifft werden können. Daher betonen alle Schriften die Notwendigkeit von Satsanga, des Zusammenseins mit erleuchteten Weisen, die in ihrer Erfahrung der Vollständigkeit und Göttlichkeit gefestigt sind. Schon Shankara, der große Weise des sechsten Jahrhunderts, lehrte uns dies: Die drei größten Segnungen, die ein Mensch erfahren kann, sind erstens eine Geburt als Mensch, zweitens das Verlangen nach Befreiung und drittens ein Guru, der uns führt und anleitet.

Yoga ist eine Reise, ein riesiges Abenteuer.

Nehmen wir zum Beispiel die Teilnehmer des Segelwettbewerbs „America’s Cup“. Für sie ist es selbstverständlich, sich mit dem Schiff und den Gesetzen des Meeres vertraut zu machen, bevor sie ihre Reise antreten. Man segelt nicht auf unbekannten Gewässern, ohne sich entsprechend vorzubereiten und zu orientieren.

Beim Yoga verhält es sich genauso. Obwohl der Weg der Selbstverwirklichung eine innere Reise ist, ist er keineswegs unerforschtes Gebiet. Der Pfad ist bewährt. Viele Menschen sind ihn bereits gegangen, gut ausgerüstet mit dem Wissen, das von den Weisen der Gegenwart und Vergangenheit seit je her zur Verfügung gestellt wird. Alles Wissen über die universellen Gesetze, die das menschliche Leben und das Universum regieren, ist bereits vorhanden. Teil I diese Buches wird Ihnen dieses Wissen vorstellen. Es wird Sie darin unterstützen, Ihr Ziel auch zu erreichen.

Die Weisen statten Sie darüber hinaus mit Landkarten aus, die Ihnen die Grenzsteine auf dem richtigen Weg beschreiben werden. Diese Karten sind die „Shatdarshans“ oder philosophischen Systeme, die in Teil II dieses Buches erläutert werden. Die verschiedenen Systeme oder Zweige des Yoga repräsentieren das Schiff, mit dem wir reisen werden. Sie sind das Thema von Teil III meines Lehrbuches. In den Teilen IV, V und VI finden Sie praktische Informationen darüber, wie Sie die verschiedenen Disziplinen des Yoga in Ihren Alltag integrieren können. Teil VII schließlich wird Sie durch eine Übungsstunde im Sampoorna-Hatha Yoga der Stufe 1 begleiten.

„O Reisender erwache! Die Zeit des Schlafens ist vorbei!“

I

UNIVERSELLE GESETZE

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Die Veden

Jeder Aspekt der Schöpfung wird von Gesetzen regiert. Dies gilt sowohl auf der physischen, der geistigen, der astralen als auch auf der spirituellen Ebene. Es gilt vom Mikrokosmos bis zum Makrokosmos, vom kleinsten Proton bis zu den mächtigsten Galaxien. Diese universellen Gesetze werden im indischen Kulturraum Veden3 genannt. Sie sind allgemein gültig und ewig. Es sind Naturgesetze, die vor der Schöpfung existierten und auch nach der Auflösung des Universums weiter bestehen werden. Deshalb sagt man, dass Gott das Wissen, wie es die Veden ausdrücken, verwendet, um das Universum zu erschaffen.

Wenn der Geist absolut klar und rein ist, ist es möglich, diese Naturgesetze intuitiv und im eigenen Bewusstsein wahrzunehmen. Die großen Seher Indiens – Rishis genannt – besaßen diese außergewöhnliche Fähigkeit. Deshalb zählt man die Veden auch zu den so genannten Srutis, den „offenbarten Schriften“.

Von Generation zu Generation wurde dieses Wissen von den Rishis und Weisen an die Menschheit weitergegeben. Auf diese Weise entstand ein riesiges, kaum zu überschauendes Vermächtnis an Wissen und Weisheit.

Deshalb entschloss sich ein großer Weiser namens Vyasa einst dazu, alles Wissen, das zu seiner Zeit verfügbar war, zusammenzutragen und in eine systematische Form zu bringen. Da die Menge dieses Wissens so enorm groß war, teilte er es in vier Kategorien ein und nannte diese:

Rig Veda Sama Veda Yajur Veda Atharva Veda

Selbstverständlich wuchs das Wissen auch nach der Zusammenstellung durch Vyasa weiterhin an – denn bis zur heutigen Zeit tauchen immer wieder neue Rishis und andere große Weise auf. Sie erkennen zum Beispiel auf den Gebieten der Mathematik, Physik, Chemie usw. neue Naturgesetze und fügen sie dem Wissen der Menschheit hinzu. Galileo, Kopernikus, Newton und Einstein sind nur die bekanntesten von ihnen. Aber selbst Einstein, der das mathematische und physikalische Wissen seiner Zeit vollständig beherrschte und unter anderem das Gesetz der Relativität entdeckte, kam zu dem Schluss: „Was ich weiß ist gerade einmal so viel wert wie ein Sandkorn am Strand.“

Dies lässt uns vermuten, dass auch er eine intuitive Ahnung davon hatte, dass es eine Quelle absoluten und zeitlosen Wissens gibt. Wir nennen diese Quelle den „Kosmischen Geist“. Zusätzlich verdeutlicht Einsteins Erkenntnis, wie sinnlos der Versuch ist, die gesamte Schöpfung ausschließlich auf der mentalen und physischen Ebene verstehen zu wollen. Anstatt dessen sollte man besser mittels rechtem Urteilsvermögen und richtiger Anleitung danach streben, über die rein relative Ebene der Betrachtung hinauszugehen, um das Wissen in seiner Ganzheit zu erkennen und auf diese Weise auch vollständiges Wissen über Gott oder das Höhere Selbst zu erlangen.

Genau diesen Weg beschreiten auch die Veden. Sie vermitteln uns ein Wissen, das auf allen Ebenen gültig ist.

Die Kandas oder Abschnitte der Veden

Jeder Veda ist in zwei Hauptabschnitte oder Kandas unterteilt:

1) Der Karma Kanda ist der Aspekt der Handlung. Er beschreibt Rituale und Opferhandlungen und ist wiederum in drei Teile untergliedert:

a) Die Samhitas. Dies sind Hymnen, die verschiedene Gesetzmäßigkeiten oder Gottheiten ansprechen, um materiellen Reichtum in diesem Leben zu erlangen und Glück im Jenseits zu finden. Dieser Teil der Veden ist speziell für Brahmacharins von Bedeutung. Damit sind noch unverheiratete Menschen gemeint, deren Leben hauptsächlich von Lernen und Ausbildung geprägt ist.

b) Die Brahmanas sind an Grihastas, d.h. Menschen mit eigener Familie gerichtet. Sie beschreiben, wie verschiedene Rituale, Gebete und Opfergaben auszuführen sind und werden auch Samskaras 4 genannt. Traditionell führt man sie in bestimmten Lebensabschnitten durch. Dazu zählen z.B. die Empfängnis und Geburt eines Kindes, der Beginn der Pubertät oder die Sterberituale am Lebensende.

c) Die Aranyakas oder „Waldabhandlungen“ enthalten das Wissen über Meditation, Yoga und die philosophischen Aspekte von Ritualen. Sie werden von Grihastas verwendet, die ihre sozialen und familiären Verpflichtungen erfüllt haben und sich vom weltlichen Leben zurückziehen. In Indien treten diese Menschen oft in den Ashram ihres Gurus ein, um sich intensiv ihrem Sadhana und sprituellen Übungen zu widmen.

2) Der zweite Bereich, der in allen Veden zu finden ist, heißt Jnana Kanda. Es ist der Aspekt des Wissens. In seiner Essenz handelt er von dem höchsten und völlig abstrakten Aspekt des Wissens, den wir in Indien „Nirguna Brahman“ – d.h. „Brahman ohne Eigenschaften“ – nennen. Diese Gesetze werden besonders in den Upanishaden beschrieben.

Durch die Anwendung der Aranyakas vertieft, harmonisiert und verfeinert man seine Persönlichkeit. Man entwickelt ein Gefühl des Einsseins mit Gott und der gesamten Schöpfung. Erst ab diesem Zeitpunkt ist man bereit für das Studium der Upanishaden, denn sie beschreiben und erläutern die letzte Wirklichkeit – „das Eine ohne ein Zweites“.

Nur wer eine gewisse Reife des Bewusstseins erreicht hat und auf allen Ebenen „erwachsen geworden ist“, wird das Geheimnis und die feinsten Aspekte dieses Wissens wirklich wertschätzen können. Deshalb wird die Lehre des Vedanta traditionell mehr von Menschen praktiziert, die sich in der vierten Phase ihres Lebens befinden. Dieser letzte Lebensabschnitt wird auch als „Sanyasa“ (Entsagung) bezeichnet. Einzelne Menschen mit besonderer Qualifikation mögen eine Ausnahme zu dieser Regel bilden.

Alle Kandas, speziell die Aranyakas, sind in das System des Sampoorna Yoga integriert.

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Fragen und Antworten

F In den spirituellen Lehren und Schriften wird oft das Wort „Gott“ verwendet. Ist Yoga nun eine Philosophie oder eine Religion?

A Es gibt nur eine absolute Wahrheit, aber unendlich viele Wege, diese Wahrheit auszudrücken. Unendlich viele Menschen entwickeln unendlich viele Konzepte davon. Doch all diese verschiedenen Vorstellungen sind wie Flüsse, die in einen einzigen Ozean absoluter Wahrheit münden. Ganz gleich, um welche Religion oder um welche Sichtweise es sich handelt – es gibt einen Punkt, an dem alle Strömungen wieder zusammenkommen und zu einer einheitlichen Erfahrung führen. Dieser Punkt wird „transzendentales Bewusstsein“ genannt.

Wenn Sie die Lehren der Heiligen oder erleuchteten Meister genauer studieren, werden Sie entdecken, dass sie im Grunde alle dieselbe Wahrheit lehren. Jesus, Buddha, Moses, Rama und Krishna (und in unserer Zeit Ramakrishna, Ramana Maharishi und Swami Sivananda) – sie alle haben dieselbe Erfahrung gemacht, weil sie die Beschränkungen des Körpers, des Geistes und des Intellekts im transzendentalen Bewusstsein überschritten haben. Die großen Meister kennen diesen vierten Bewusstseinszustand sehr gut, der auch „Samadhi“, „Nirvana“, „Turiya“, „Christusbewusstsein“ und „Gottesbewusstsein“ genannt wird. Es sind nur verschiedene Namen für dieselbe Erfahrung.

Transzendentales Bewusstsein unterscheidet sich grundsätzlich vom Wachbewusstsein, vom Träumen und vom traumlosen Schlaf. Letztere drei Bewusstseinszustände erfahren wir normalerweise in unseren Begrenzungen von Körper, Geist und Intellekt. In ihnen hat jeder ein anderes Erleben, weil wir uns alle auf verschiedenen Stufen der Entwicklung befinden und unterschiedlich vorgeprägt sind. Unser Geist schwingt vielleicht auf einer anderen Wellenlänge als der eines anderen Menschen und ist unterschiedlich klar oder dumpf.

Wenn der Geist jedoch einen Ruhezustand jenseits aller Beeinflussung, Anregung oder zurückliegenden Eindrücken erreicht, geht er in den vierten Bewusstseinszustand, Turiya, über. Auf dieser Ebene erfährt man die höchste Wirklichkeit, Brahman, in seiner ganzen Reinheit. Dort gibt es keine Hindernisse mehr, keine Grenzen und keine Beeinflussung. Aus diesem Grund ist die Erfahrung im transzendentalen Bewusstsein für alle gleich.

Jesus sagte: „Ich und mein Vater sind Eins, Er ist in mir, ich bin in Ihm.“ Die Seher der Upanishaden beschrieben die gleiche Erfahrung mit den Worten: „Aham Brahmasmi – Ich bin Brahman.“

Alle großen Meister lehren diese höchste Wahrheit. Doch mit der Zeit passen die Menschen diese Lehre an ihr Verständnis und ihre eigenen Zwecke an. Erst dann werden sie zu einer Religion. So ist es mit dem Christentum, dem Buddhismus und den meisten anderen Religionen geschehen. Auch der Hatha Yoga ist „verwässert“ worden, um den veränderten Bedürfnissen der Menschen zu entsprechen.

Jesus hat niemals eine Religion formuliert. Er hat einfach nur die Wahrheit gelehrt. Religion ist das, was Menschen aus den Lehren eines Meisters machen. Sie verzerren und missinterpretieren sie, weil sie selbst diesen höchsten Bewusstseinszustand noch nicht erreicht haben.

Es gibt ein altes Sprichwort, das wie folgt lautet: „Brächte man Buddha, Jesus und Mohammed zusammen in einen Raum, so würden sie sich blendend verstehen. Draußen jedoch, unter ihren Anhängern, würde ,Mord und Totschlag‘ herrschen, bis das Blut unter den Türen hindurchläuft.“

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Gesetze und Richtlinien für das persönliche und gesellschaftliche Leben

Wir sind nicht durch bloßen Zufall in ein irdisches Leben geworfen worden. Nein, wir sind exakt mit dem ausgerüstet, was wir benötigen, um unsere Vollkommenheit und Einheit mit Gott zu erkennen – mit einem Körper, den Sinnen, einem Geist, dem Intellekt und einem Bewusstsein unseres Selbst.

Glaubt man den Weisen, so gibt es keinen Zweifel daran, dass Vollkommenheit das Ziel des menschlichen Lebens ist. Und so haben die alten Rishis einige Regeln und Richtlinien formuliert, um den Menschen zu helfen, dieses Ziel auch wirklich zu erreichen.

Gleichgewicht im persönlichen Leben und in der Gesellschaft ist zum Beispiel ein wichtiger Aspekte auf der Reise in Richtung Befreiung. Dazu haben die Rishis vier Lebensphasen definiert, die sich durch unterschiedliche Übungen und Disziplinen auszeichnen und den spirituellen Aspiranten auf seiner Reise unterstützen. Zusätzlich geben sie drei wesentliche Verhaltensempfehlungen und beschreiben vier Referenzpunkte für ein ausgewogenes und stressfreies Leben. Sie nennen diese Purushartha oder „die vier Schätze“. Wer dieser idealtypischen Struktur folgt, wird das Ziel der Vollkommenheit leichter erreichen.

Die vier Phasen des Lebens

In Indien wird die erste Lebensstufe Brahmacharya genannt. Dies bedeutet wörtlich, „ein Student von Brahman“ zu sein. Dies ist die Zeit, in der ein junger Mensch Selbstdisziplin und Enthaltsamkeit übt. Das heißt, dass alle Lebensenergie des Studenten (oder der Studentin) auf das Lernen und die Übung im beruflichen und spirituellen Bereich ausgerichtet ist.

Die zweite Phase des Lebens heißt Grihastha oder Familienleben. Diese Zeit ist der Unterstützung von Familie und Gesellschaft gewidmet. Während dieser Lebensphase gehört es zu den Pflichten des Einzelnen, in der äußeren Welt erfolgreich zu sein. Nicht nur die eigene Familie ist jetzt auf ihn angewiesen, sondern auch die Gesellschaft und die spirituellen Einrichtungen wie Ashrams, Kirchen und Tempel. Gleichzeitig sollten auch Menschen, die den Weg der Entsagung gewählt haben, unterstützt werden. Grihasta macht den Einzelnen zu einem verantwortungsvollen und nützlichen Mitglied der Gemeinschaft.

Im Alter von etwa 54 Jahren folgt dann die Zeit des Zurückziehens, Vanaprastha. Die Geburt von Enkelkindern weist auf ihren Beginn hin. Diese Lebensphase ist eine Periode des Übergangs, in der der Einzelne von der äußeren Welt in den inneren Bereich der spirituellen Tradition oder Gemeinschaft übersiedelt, den er während seines aktiven Lebens unterstützt hat.

Seine Kinder sind jetzt erwachsen, ausgebildet, verheiratet und im Leben gefestigt. Jetzt ist es leichter möglich, die volle Aufmerksamkeit der spirituellen Entwicklung zu widmen. Schritt für Schritt geschieht eine Loslösung von den äußeren Verpflichtungen, während man die spirituelle Gemeinschaft den eigenen Fähigkeiten gemäß fördert. Die Gegenwart eines Meisters ist in diesem Prozess sehr hilfreich.

Die vierte und letzte Phase des Lebens wird traditionell als Sanyas oder die Stufe der Entsagung beschrieben. Jetzt wendet sich der Geist vollständig von der äußeren Welt ab, um in jedem Aspekt der Schöpfung seine letzte Wahrheit, die Gegenwart Gottes, erkennen zu können. Die Upanishaden, die sich größtenteils mit dem Absoluten bzw. Brahma beschäftigen, werden deshalb besonders im vierten Lebensabschnitt zum Studium empfohlen.

Allerdings hängt diese Art der Entsagung mehr von der spirituellen Entwicklung eines Menschen als von seinem Alter ab. Manche wählen den Weg des Sanyas bereits früh, indem sie nach dem Abschluss der Studienzeit ein Gelübde der Entsagung ablegen. Dies sind wahrscheinlich Menschen, die in früheren Inkarnationen das weltliche Leben so ausgiebig „gekostet“ haben, dass die weltlichen Erfahrungen jetzt keinen Anreiz mehr für sie darstellen. Sie haben einen Punkt der Leidenschaftslosigkeit („Vairagya“) erreicht und verspüren nicht mehr das Bedürfnis, eine Familie zu gründen und weltliche Erfahrungen zu sammeln. In solchen Fällen kann der Weg der Entsagung eine sehr starke Anziehungskraft ausüben.

Ein spiritueller Lehrer in Indien, der diese Neigung in einem Schüler erkennt, würde ihn dann in den Orden von Sanyas einweihen, was mit einem Gelübde der Armut und Keuschheit verbunden ist.

Gleichgewicht im Menschen und in der Gesellschaft: Yajna, Dana und Tapas

Ichbezogenheit kann zu einer Falle werden, die das Gleichgewicht in der Natur, in der Gesellschaft und im Einzelnen empfindlich stört. Deshalb ist es für jeden spirituellen Aspiranten wichtig, die folgenden Handlungsempfehlungen zu beachten:

Yajna oder „zu opfern“ bedeutet, die Gegenwart Gottes in allem anzuerkennen und gleichzeitig zu verstehen, dass es Gott ist, der das menschliche Leben aufrechterhält. Eine solche Einstellung führt zu Ehrfurcht und Dankbarkeit, die sich ganz natürlich im Respekt vor der Natur und in der Sorge für unsere Umwelt ausdrückt. Verehrung, Hingabe, Rituale und Gebete sind zusätzliche Wege, um dieser Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen und das Göttliche in allem zu erkennen.

Unsere Vorfahren haben erkannt, dass sich hinter jedem Aspekt der Natur eine „Devata“, eine Gottheit, verbirgt, die beachtet und verehrt werden möchte. Nur zu nehmen, ohne zu geben, kommt einem Diebstahl gleich. Aus diesem Grund wird in vielen Kulturen ein Teil der Ernte für wohltätige Zwecke verwendet und ein weiterer Teil rituell geopfert.

Yajna hilft, das Gleichgewicht in der Natur wiederherzustellen.

Dana oder die Tradition, „Geschenke zu geben“, ist tief in der indischen Kultur verwurzelt. Durch das Geben erkennen wir unsere soziale Verantwortung gegenüber unserer Familie, unserer Gesellschaft, unserem Land und der Welt als Ganzes an. Dies geschieht nicht nur, indem wir unsere Steuern zahlen, sondern auch durch gemeinnützige Arbeit und die Unterstützung von spirituellen Gemeinschaften. Aus diesem Grund gibt es in Indien keinen festgelegten Preis für den Aufenthalt in einem Ashram. Der Meister weiß, dass seine Gäste oder Studenten natürlich bemüht sein werden, das zu geben, was ihnen möglich ist.

Im Westen ist es vielfach genau umgekehrt. Um überhaupt überleben zu können, müssen Ashrams einen Mindestbetrag für Unterricht und Unterkunft festsetzen. Und selbst dann fragen Studenten oft noch nach einer Ermäßigung, anstatt mit Freude etwas zu geben!

Würden wir dem Prinzip von Dana mehr Anerkennung zollen, fiele es uns leichter, die Balance in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten.

Tapas, „Selbstdisziplin“, hilft dem Individuum, im Gleichgewicht zu bleiben. Das bedeutet, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, indem man Körper, Geist und Sinne daran gewöhnt, Maß zu halten. Dadurch wird die Lebensenergie richtig kanalisiert und sinnvoll eingesetzt.

So wie ein Wald grün ist, wenn jeder Baum grün ist, ist eine Gesellschaft dann gesund, wenn jedes Wesen in ihr körperlich und geistig gesund ist. Dieses Ziel wird erreicht durch die verschiedenen Komponenten von Sadhana, der persönlichen spirituellen Praxis. Dazu zählen Yogastellungen, Atemübungen, Meditation, richtige Ernährung, positives Denken, gute Gesellschaft und das Studium der heiligen Schriften.

Es ist wichtig, dass auch die drei Handlungsweisen Yajna, Dana und Tapas untereinander im Gleichgewicht gehalten werden. Ausschließlich Tapas zu üben, würde z.B. ein zu egoistisches, ichbezogenes Leben fördern. Nur wer alle drei Prinzipien in sein Leben gleichberechtigt integriert, wird dem eigentlichen Ziel näher kommen.

Purushartha, die vier Schätze

Das weltliche Leben ist übersät mit Prüfungen. Wie können wir erfolgreich sein, ohne mit der Zeit selbstsüchtig, gierig, eifersüchtig und egoistisch zu werden? Wie können wir ein Leben führen, das weder Stress noch Spannungen in uns und unserer Umgebung erzeugt? Wie können wir unseren natürlichen Hunger nach den vergnüglichen Seiten des Lebens stillen, ohne uns in ihnen zu verlieren? Wie können wir in dieser Welt leben, ohne die wahre Bestimmung unserer Seele zu versäumen?

Um alle diese Fragen zu beantworten und so innere Fülle und das Einssein mit Gott auch im Alltag erfahrbar zu machen, haben die Weisen vier Prinzipien aufgestellt, die „Purushartha“ oder die „vier Schätze des Lebens“ genannt werden.

Der erste ist Dharma, das „Wissen um das, was richtig und was falsch ist“. Dies ist nicht in einem relativen, sondern im idealen und absoluten Sinne gemeint. Die Heiligen Schriften und die großen Weisen bieten den Menschen Anleitung und helfen ihnen dadurch, ein „dharmisches“ Leben zu führen. Dazu gehört richtiges Denken, die Pflege guten Umgangs, rechtschaffenes Handeln und eine gesunde Lebensweise. Würde jeder nach seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen leben, dann würde ziemliches Chaos herrschen. Nach ethischen Grundsätzen zu leben, ermöglicht es uns, erfolgreich zu leben und zu arbeiten, ohne dabei uns selbst und unsere Mitmenschen in Schwierigkeiten zu bringen.

Artha, der zweite Schatz, besteht darin, „erfolgreich zu handeln“ und gleichzeitig zum Wohlergehen und Fortschritt der Gesellschaft beizutragen. Das funktioniert nur, wenn wir zusätzlich auch im Bereich unseres Dharma bleiben. Nur so können wir unseren Erfolg wirklich genießen.

Unter diesem Blickwinkel wird Erfolg nicht an der erworbenen Menge an Geld oder Macht gemessen, sondern an der Fähigkeit, seine Pflichten selbstlos im Sinne von Karma Yoga, dem Yoga des Handelns, zu erfüllen. Selbst ein Milliardär wird niemals glücklich werden, wenn sein Herz an Selbstsucht, Gier und unsauberen Handlungen festhält.

Zum wirklichem Erfolg gehört auch Eigenverantwortung. Wer die nicht aufbringt, seinen Aufgaben nicht nachkommt und die Pflichten gegenüber seiner Familie verletzt, stellt eine Belastung für die Gesellschaft dar.

Kommen wir zum dritten Schatz: Kama oder Vergnügen. Kama bedeutet, ein freudvolles, angenehmes Leben zu führen, ohne dabei den Bereich von Dharma und Artha zu verletzen. Es ist die Kunst, seinem Vergnügen nachzugehen und gleichzeitig dabei seine Grenzen zu respektieren, indem man sich z.B. nicht ungesunden, sinnlichen Überreizungen hingibt.

Jemand, der seine natürlichen Pflichten selbstlos erfüllt, wird niemals gestresst sein oder unter zu großer Anspannung leben. Sein Geist ist ruhig und erfüllt damit die erste Voraussetzung für echtes Glück.

Der letzte der vier Schätze wird Moksha oder „Befreiung“ genannt. Befreiung lässt sich niemals durch eigene Anstrengung erreichen. Sie hängt davon ab, inwieweit Dharma, Artha und Kama verwirklicht sind.

Moksha ist die Erfüllung eines Lebens, das ethisch, erfolgreich und von Freude und Glück geprägt ist. Unter diesen Bedingungen werden Geist und Intellekt zunehmend reiner. Und dies öffnet uns das Tor zur Befreiung.

Können Sie jetzt erkennen, wie die verschiedenen Richtlinien der Weisen aus Vedischen Zeiten uns Menschen eine solide Grundlage für unserer Reise in Richtung Vollkommenheit bieten?

image Übung:

Nehmen Sie sich etwas Zeit, um Ihr Leben zu betrachten. Sind Sie wirklich glücklich damit? Wenn nicht, stellen Sie offen die Frage, wie weit es von den oben beschriebenen Grundsätzen entfernt ist. Welche Veränderungen könnten Sie vornehmen, um Ihr Leben wieder mehr nach diesen Gesetzen auszurichten?

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Fragen und Antworten

F Sie haben darüber gesprochen, die Prioritäten im Leben zu ändern. Meine Kinder sind jetzt erwachsen, doch ich fühle mich immer noch für sie verantwortlich. Es berührt mich immer noch sehr, was in ihrem Leben passiert. Bringe ich so Prioritäten durcheinander und verlasse ich damit den für mich richtigen Weg?

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