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Marianne Elliott

Mit dem Herzen einer Kriegerin

Mut und Mitgefühl in Afghanistan

Aus dem Englischen
von Diana Krebs

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Marianne Elliott

Mit dem Herzen
einer Kriegerin

Mut und Mitgefühl
in Afghanistan

Aus dem Englischen
von Diana Krebs

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Copyright ©Marianne Elliott, 2012

Copyright der deutschen Ausgabe
©2013 Aurum in J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld

ISBN Printausgabe: 978-3-89901-712-0
ISBN E-Book: 978-3-89901-775-5

Übersetzung ins Deutsche:

Diana Krebs

Lektorat:

Susanne Klein

Layout:

Kerstin Fiebig [ad department, Bielefeld]

Coverfoto:

Erik Winquist

www.weltinnenraum.de

1. Auflage 2013

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Buch wurde auf 100 % Altpapier gedruckt und ist alterungsbeständig.
Weitere Informationen hierzu finden Sie unter www.weltinnenraum.de.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige
Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie
des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Für meine Eltern,
Ian und Margaret Elliott,
die mich lehrten,
dass das Leben gut sein kann,
und dass wir alle
eine Rolle dabei spielen,
damit es gut wird.
Sie haben schon lange vor mir
die Freude am Dienen
verstanden. Ich weiß,
dass sie verstehen werden,
warum ich dieses Buch
den Menschen in Afghanistan
widme, besonders jenen,
die meine seltsame Art
ertrugen und mich als ihre
Kollegin, Nachbarin und
Freundin akzeptierten.

Inhalt

Anmerkung der Autorin

Karte von Afghanistan

Karte von Ghor

Prolog

1.Der Weg nach Herat

2.Was soll schon schiefgehen?

3.Das Worst-Case-Szenario

4.Tun wir genug?

5.Joel

6.Keine Verstärkung

7.Leg dir ein dickeres Fell zu

8.Die Frauen von Shindand

9.Im Nebel

10.Heimkehren nach Afghanistan

11.Buffy und Badghis

12.Eine neue Mission

13.Eigensinnige Frauen

14.Rambo und der Cowboy

15.Zurück nach Bagdhis

16.Eine unerschütterliche Frau

17.Eine Frage des Vertrauens

18.Weitermachen

19.Stillsitzen

20.Die Christen

21.Eine willkommene Pause

22.Flug nach Ghor

23.Workshop in Ghor

24.Wut und die Kunst des Zuhörens

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25.Das große Heulen

26.Tim

27.Selbst gebastelter Sprengkörper

28.Neuanfang

29.Die Vergangenheit holt mich ein

30.Langsamer werden und loslassen

31.Frieden schließen

32.Konfliktgeschichten

33.Vier Männer und ein Geschenk

34.Nicht ohne einen Streit

35.Mission erfüllt

36.Der Ex, die Drogen und CSI Ghor

37.Ein unsanftes Erwachen

38.Vielleicht steht er einfach nicht auf dich

39.Frag bloß nicht nach dem Mohn

40.Von Lal lernen

41.Die BBC, ein Sixpack und mein Laptop

42.Zeit zu handeln

43.Zeit, nach Hause zu gehen

44.Warum sprichst du so komisch?

45.Abschied nehmen

Epilog

Glossar

Abkürzungen

Zur Schreibweise

Quellen

Dank

Anmerkung der Autorin

Während meiner Zeit in Afghanistan hatte ich nicht die Absicht, über meine Erlebnisse dort zu schreiben. Dieses Buch ist auf der Basis meiner Tagebücher entstanden, also den umfangreichen Aufzeichnungen, die ich während meiner Arbeitseinsätze aufschrieb. Und auf der Basis meiner Erinnerungen – einem Werkzeug, dass eher für seine Beharrlichkeit als für seine Genauigkeit bekannt ist. Es war mir sehr wichtig, die Daten, Orte und Namen korrekt wiederzugeben, aber unter den Bedingungen, unter denen ich die erste Notizen machte, sind manche Angaben ein wenig ungenau geraten. Trotzdem habe ich mein Bestes getan, das zu erzählen, was „wirklich passiert ist“. Wie es bereits Hemingway in „Tod am Nachmittag“ ausdrückte, war es sehr schwierig, ehrlich zu wissen, was ich wirklich fühlte, im Gegensatz zu dem, was ich fühlen sollte; und so war es auch am schwierigsten, das niederzuschreiben, was wirklich passiert ist.

Der erste Grundsatz eines Yogi und das Leitprinzip der humanitären Arbeit sind identisch: Füge niemandem Schaden zu. Jede Veröffentlichung, die sich eines so heiklen Themas wie den Menschenrechten in Afghanistan annimmt, läuft Gefahr, Schaden anzurichten. Aufgrund der Sicherheitssituation in Afghanistan, und weil auch Exfreunde Rechte haben, habe ich die Namen jener Personen geändert, die eventuell zu Schaden kommen könnten, würden sie mit ihrem echten Namen hier erwähnt werden. Ausgenommen davon sind Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Im Falle meiner afghanischen Kollegen und der ausländischen Kollegen, die noch in Afghanistan arbeiten, bin ich teilweise einen Schritt weitergegangen und habe ihre Identität verschleiert. Ich kannte Menschen, die umgebracht wurden, weil sie mit Ausländern zusammengearbeitet haben. Eine meiner Freundinnen musste das Land fluchtartig verlassen, weil Gerüchte über ihr Privatleben aufkamen und sie daraufhin Todesdrohungen erhielt. Solche Vorkommnisse machen vorsichtig. Um die Identität von zwei Personen zu verschleiern, habe ich die beiden zu einer Person gemacht. Eine weitere Person bekam eine neue ethnische Zugehörigkeit, eine andere eine neue Heimatstadt. Keine dieser Änderungen beeinflussen den Inhalt meiner Geschichte, aber sie ermöglichen es mir, dieses Buch in die Welt zu bringen ohne die Sorge, dass es das Leben von Unschuldigen aufs Spiel setzt (oder auch das Leben von nicht ganz Unschuldigen).

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Karte von Afghanistan (Quelle: wikipedia)

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Karte von Ghor

Ich schlief und träumte,
das Leben sei Freude.
Ich erwachte und sah,
das Leben ist Pflicht.
Ich tat meine Pflicht und siehe da,
die Pflicht ward Freude.

Rabindranath Tagore

Prolog

Sonntag, 23. Oktober 2006 · Herat, Afghanistan

Seit einem Monat arbeite ich nun als Menschenrechtsbeauftragte für die Hilfsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan, und ich habe noch nicht wirklich das Gefühl, Herrin der Lage zu sein. Es ist Eid, der Feiertag am Ende des Ramadan. Meine Kollegen sehnen sich nach einer Pause. Ich soll für meinen Vorgesetzten die Stellung im Büro halten. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bereit bin, diese Verantwortung zu übernehmen, also frage ich ihn noch einmal:

„Ich will keinen Rückzieher machen“, sage ich, „aber ich habe meine Zweifel, ob ich dieser Aufgabe gewachsen bin.“

„Alles wird gut gehen, Marianne“, versichert er mir. „Solange niemand Amanullah Khan umbringt, hast du nichts zu befürchten.“ Seine Beschwichtigung klingt wie ein Witz. Ich muss noch eine Menge über Afghanistan lernen.

Um 9 Uhr am Sonntagmorgen, dem 23. Oktober 2006, macht sich mein Chef auf den Weg. Ich habe nun die Leitung eines Büros der Vereinten Nationen inne, das sich in einem Kriegsgebiet befindet.

Um die Mittagszeit ist Amanullah Khan tot.

1 | Der Weg nach Herat

2001 bis 2006 · Gaza, Osttimor, Neuseeland und Kabul

Seit fast zehn Monaten bin ich nun bereits in Afghanistan; seit Ende Dezember 2005, um genau zu sein. Nach der Beendigung eines Arbeitseinsatzes im Gazastreifen lebte ich von 2000 bis 2005 in meinem Heimatland Neuseeland. Nachdem ich den Kampf um Würde und Gerechtigkeit, den Millionen Menschen auf dieser Welt täglich kämpfen, gesehen hatte, fiel es mir schwer, mich in meinem bequemen Leben in Wellington zurechtzufinden, auch wenn ich meine Zeit in Neuseeland nicht vergeudet hatte. Als ich aus dem Gazastreifen zurückkam, hatte ich drei Ziele: Arbeit in einer Menschenrechtsorganisation finden, körperlich fit werden und einen Freund finden.

Was das erste Ziel anging, so war die Arbeit mit der neuseeländischen Menschenrechtskommission ein voller Erfolg gewesen. Ich hatte ein Projekt angenommen, dessen Umsetzung mir manche noch nicht zugetraut hatten. Ich hatte die Aufgabe, eine nationale Strategie für Menschenrechte in Neuseeland für die nächsten zehn Jahre zu entwerfen. Trotz der unvermeidlichen Stolperer auf dem Weg machte ich meine Arbeit gut. Der Justizminister dankte mir sogar öffentlich für meine „beherzte und dynamische“ Herangehensweise. Aufgrund dieser Leistung wurde ich damit beauftragt, für die Regierung von Osttimor – dem seinerzeit jüngsten Land dieser Erde – eine langfristig angelegte Menschenrechtsstrategie zu entwickeln.

Meine Ziele, fitter und gesünder zu werden, waren anfänglich eher bescheiden: Ich wollte das Rauchen aufgeben und dieses Pfeifen in der Lunge loswerden. Das Leben in Gaza war stressig gewesen, und ich hatte mir ein paar für den humanitären Bereich typische Methoden zur Stressbewältigung angewöhnt. Ich rauchte fast ein Päckchen Zigaretten am Tag und trank Kaffee und kalorienarme Cola, um die langen Arbeitstage zu überstehen. Billiger israelischer Wein oder Wodka jeden Donnerstagabend sollten den Griff der Angst in mir lockern. Ich war schlank, jedoch ständig ausgelaugt. Wenn meine Gedanken mich nachts nicht wach hielten, dann tat es mein asthmatischer Husten.

Nach meiner Rückkehr nach Neuseeland gab ich binnen einer Woche das Rauchen auf und meldete mich im Fitnessstudio an, mit der Hoffnung, die doppelte Wirkung in der Hälfte der Zeit zu erzielen. Doch was tatsächlich geschah, war, dass mein angeborener Ehrgeiz und Kontrollzwang mein Workoutprogramm steuerten. Innerhalb von achtzehn Monaten rannte ich jeden Tag vor der Arbeit zehn Kilometer, unterrichtete ein paar Mal die Woche Aerobics und kontrollierte fast zwanghaft meine Ernährung. Als ich nach Afghanistan aufbrach, hatten meine Laufpartnerin Wendie und ich unseren ersten Zehn-Kilometer-Lauf gewonnen.

In dieser Zeit entdeckte ich auch Yoga für mich, aber es war mir meist zu langsam und ich ärgerte mich darüber, dass ich scheinbar nicht „besser“ wurde, egal, wie sehr ich mich auch anstrengte. Ich vermied Yogakurse, in denen es ruhiger zuging oder man sich auf den Atem konzentrieren sollte. Das machte mich zappelig. Aber die Dehnübungen in den recht herausfordernderen Yogakursen mochte ich. Mein „Ich werde fitter“-Programm wurde damit zu einem vollen Erfolg.

Das „Ich finde einen Freund“-Projekt hingegen war nicht so reibungslos vonstattengegangen. Vor meiner Rückkehr nach Neuseeland hatte ich mit tollen Männern aus allen Teilen dieser Welt Beziehungen gehabt. Nun dachte ich, ich wäre so weit, mich zur Ruhe zu setzen. Mein erster Freund nach meiner Rückkehr war ein gut aussehender, liebenswürdiger Architekt, der bereit war, ein Haus zu bauen, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Er wäre perfekt gewesen. Aber ich war so beschäftigt mit meiner Arbeit, meinem Sportprogramm und einem ausgefüllten Sozialleben, dass ich ihn häufig nicht miteinbezog. Ich hatte Mühe, mir Zeit für ihn zu nehmen. Schließlich gab er mich auf. Da passte der brasilianische Freund, der in Osttimor lebte, schon besser. Wenn ich für einen Auftrag in Osttimor war, hatten wir einfach Spaß zusammen. Wir verbrachten Tauchurlaube auf Bali und in Neuseeland, doch die meiste Zeit war ich freigestellt für meinen unerbittlichen Zeitplan.

Ein Jahr bevor ich nach Afghanistan aufbrach, verliebte ich mich in einen attraktiven Rechtsanwalt aus dem Stamme der Maori. Obwohl erst 32 Jahre, war er von seinem Stamm zum Anführer ernannt worden und verhandelte für diesen mit der Regierung, um sich über schon lange bestehende Rechtsansprüche auf Land zu einigen. Seine Leidenschaft für Gerechtigkeit fand ich ebenso anziehend wie sein Äußeres.

Als wir uns das zweite Mal trafen, erzählte er mir, dass er verheiratet war und zwei junge Söhne hatte. Auch ich hatte jung geheiratet und mich kurz darauf scheiden lassen, sodass mich seine Offenbarung nicht wirklich schockierte. Die Jungs und ihre Mutter lebten bei ihrer Familie in einer anderen Stadt. Nachdem wir etwa fünf Monate zusammen waren, half ich ihm dabei, in den USA an einem Seminar über bürgernahe Demokratie und Beschlussfassung durch Konsens teilzunehmen. Ich fuhr ihn zum Flughafen, gab ihm einen Abschiedskuss und hörte nie wieder etwas von ihm.

Es dauerte Wochen, bis ich akzeptierte, dass die Sache vorbei war. Lieber glaubte ich, er habe sein Mobiltelefon verloren. Schließlich fand ich durch einen gemeinsamen Freund heraus, dass er zu seiner Frau und den Kindern zurückgekehrt war. Obwohl ich seine Entscheidung respektierte, war ich tief verletzt, dass er mit mir noch nicht einmal darüber gesprochen hatte. Ich beschloss, eine Beziehungspause einzulegen und mich auf meine Karriere zu konzentrieren.

Ich war mittlerweile Mitte dreißig und beinahe ganz oben auf meiner Karriereleiter angekommen. Als ich fünf Jahre zuvor aus dem Gazastreifen zurückgekehrt war, gab es für mich nur einen einzigen Job, für den es sich lohnte, in Neuseeland zu bleiben. Und den hatte ich erledigt. Ich war bereit für eine neue Herausforderung. Außerdem wurde ich langsam ungeduldig und hatte das Gefühl, keine Perspektiven in meinem Heimatland zu haben.

Fünf Jahre lang hatte ich mir auf die Zunge gebissen, wenn Neuseeländer ihr Gesundheitssystem als „Drittwelt-Standard“ bezeichneten. Ich wollte wieder mit Menschen arbeiten, die wirklich humanitären Herausforderungen gegenüberstanden, und begann, nach Arbeit in Palästina und Afghanistan zu suchen.

Die Arbeit der Unabhängigen Menschenrechtskommission in Afghanistan (die Kommission) hatte ich bereits seit ihrer Gründung im Jahr 2002 verfolgt. Einige afghanische Menschenrechtsbeauftragte hatten Neuseeland besucht, und ich war von deren Arbeit beeindruckt, die sie unter unglaublich schweren Bedingungen leisteten. Als eine Stelle ausgeschrieben wurde, um für die Kommission und fünfzehn weitere Menschenrechts- und Entwicklungsorganisationen in Kabul zu arbeiten, bewarb ich mich.

Vor 2001 kam über Afghanistan kaum etwas in den Nachrichten. Doch als ich dort ankam, war das Land den meisten inzwischen als Kriegsgebiet bekannt. Zum Zeitpunkt meiner Ankunft im Dezember 2005 kämpfte die afghanische Regierung an der Seite von Hunderttausenden NATO-Soldaten aus so verschiedenen Ländern wie den USA, der Türkei und Litauen gegen die Taliban um die Kontrolle über das Land. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Kriegsführung verändert; und die Teile von Afghanistan, die ich zu sehen bekam, vorwiegend Kabul und Herat, hatten wenig gemein mit den Kriegsgebieten, die ich aus Filmen kannte.

Die Regierungsstreitkräfte und ihre internationalen Verbündeten waren sehr präsent, wie sie da in ihren gepanzerten Fahrzeugen voller junger Männer und mit großen, auf das Autodach montierten Waffen durch die Stadt rollten. Ihr „Feind“ – regierungsfeindliche Gruppen wie die Taliban – war schwerer auszumachen, und wenn er auftauchte, dann konnte der Kampf genauso leicht in einem Dorf in der Nähe wie auf einem „herkömmlichen“ Schlachtfeld stattfinden. Der Krieg in Afghanistan ist die Bekämpfung von bewaffneten Aufständen und schließt als solche nicht nur militärische, sondern auch politische, wirtschaftliche, paramilitärische und sogar psychologische Operationen mit ein.

Es ist ein dreckiger Krieg, insbesondere für die Zivilbevölkerung. 2004 starben fünf Mitarbeiter der medizinisch-humanitären Organisation Médecins Sans Frontières (MSF; bei uns bekannt als Ärzte ohne Grenzen e.V.), als sie im Nordwesten Afghanistans unterwegs waren. Als Konsequenz zog sich MSF komplett aus Afghanistan zurück. Viele weitere afghanische Zivilisten wurden im gleichen Jahr getötet, weshalb die Überwachung der Menschenrechte so wichtig ist – und wofür ich ins Land kam.

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Wenn man an Menschen denkt, die in Kriegsgebieten arbeiten, hat man dickfellige Typen vor Augen, die ihre kugelsicheren Westen bei Raketenbeschuss so benutzen wie Enten, wenn sie sich Wasser vom Rücken schütteln. So bin ich nicht. Schon als Vorschülerin regte ich mich darüber auf, wenn anderen Kindern wehgetan wurde. Ich verliere schon die Fassung beim Anblick eines störrischen älteren Herrn, der im Zug eine helfende Hand ablehnt. Trotz meiner Dünnhäutigkeit landete ich jedoch in einem der derzeit berüchtigtsten Konfliktgebiete.

Ich hatte zwei Jahre im Gazastreifen gelebt, wo ich für das Palästinensische Zentrum für Menschenrechte tätig war. Mein Chef in Gaza war Raji Sourani gewesen, ein für seine Unverwüstlichkeit bekannter palästinensischer Anwalt für Menschenrechte. Als ich das erste Mal in Tränen ausbrach, weil ein Kind von einem Gummigeschoss getötet worden war, sagte Raji: „Marianne, wenn du diese Arbeit machen willst, dann musst du härter werden.“ Während der zwei Jahre, in denen ich mit ihm arbeitete, gab Raji sein Bestes, um mich härter zu machen. Als ich ging, musste er jedoch eingestehen, dass er fürchterlich versagt hatte: Ich war noch genauso weichherzig wie am ersten Tag, als ich auf seiner Türschwelle gestanden hatte.

In Afghanistan hoffte ich darauf, einen zwar kleinen, aber doch bedeutsamen Beitrag für eine friedliche und gerechte Lösung in einem der schlimmsten Konflikte des 21. Jahrhunderts zu leisten. Nach einem Telefoninterview, das zweimal aufgrund von Ausgangssperren und Sicherheitseinschränkungen verschoben worden war, bekam ich die Stelle. Am 28. Dezember 2005 landete ich in Kabul.

Ich hatte gedacht, das Leben in Gaza sei hart. Ich war dort, als 2000 die Al-Aqsa-Intifada ausbrach und Gaza jede Nacht beschossen wurde. Ich gewöhnte mich an die Geräusche israelischer Militärhubschrauber über uns und an die ständige Angst, dass unser Wohnhaus als Nächstes getroffen würde. Ständig war ich gereizt und wütend. Aber ich hatte gedacht, ich hätte einen Weg gefunden, wie ich mich inmitten eines Kriegsgebiets zusammenreißen könnte. Gaza und Osttimor, so hatte ich geglaubt, hatten mich auf wirklich jede Situation vorbereitet. Nichts jedoch hatte mich auf Afghanistan vorbereitet.

In den ersten sechs Monaten nach meiner Ankunft arbeitete ich für eine Gruppe von Menschenrechts- und Entwicklungshilfeorganisationen in der Hauptstadt Kabul. Diese Organisationen bildeten ein Netzwerk, um gewöhnlichen Afghanen Recherchen und Rechtsbeistand bei Menschenrechtsverletzungen anzubieten. Ich war zuerst Beraterin, dann kommissarische Direktorin des Netzwerks.

Das Leben in Kabul war eine Herausforderung. Ich habe Schwierigkeiten, Leuten zu erklären, wie es dort war. Ich kann die physische Verwüstung der Stadt beschreiben, die Häuser, die aussahen, als ob sie durch die Raketeneinschläge klaffende Wunden hätten oder die durch die Einschusslöcher pockennarbig geworden waren. Ich kann davon erzählen, dass in dem Winter, als ich ankam, die Straßen ein Sumpf aus kaltem, morastigem Matsch waren, durch den sich die leidgeprüften Bewohner Kabuls in ihren Gummi-Clogs ihren Weg bahnten. Ich kann die Frauen beschreiben, die Säume ihrer schmutzigen, zerlumpten Burkas im Matsch und wie sie mir ihre Babys ans Autofenster hielten, damit ich sie sehen konnte, während sie um Geld bettelten. Aber es ist schwierig, die heimtückische Anspannung zu beschreiben, die sich in Körper, Geist und Herz schleicht, wenn es einem verboten ist, die Straße entlangzugehen, weil die Entführungsgefahr zu groß ist. Es ist nicht das Gleiche wie die heftigen Angstausbrüche, die ich in Gaza hatte, wenn Raketen auf die Stadt fielen. Wenn die israelischen Militärhubschrauber verschwunden waren, wurde Gaza-Stadt wieder zu einem Ort, an dem ich mich sicher fühlte. Ich konnte auf den Straßen von Gaza-Stadt gehen, ohne das Gefühl einer Bedrohung oder Gefahr zu spüren. Die Gefahr kam von außen. Sie richtete Chaos und Zerstörung an. War sie erst einmal wieder verschwunden, fühlte ich mich zu Hause.

In Kabul war es beinahe unmöglich, sich zu Hause zu fühlen. Wegen der Sicherheitssituation war es für afghanische Familien gefährlich, Fremde oder Khareji zu sich nach Hause einzuladen. Ich konnte Freunde von der Arbeit besuchen, aber wir mussten einen großen Aufwand betreiben, um mein Kommen und Gehen zu verheimlichen, damit die Nachbarn nicht darüber tratschten, dass meine Freunde Khareji beherbergten.

Als mein Vertrag auslief und mir mein Traumjob als Menschenrechtsbeauftragte bei den Vereinten Nationen angeboten wurde, war ich deshalb erleichtert, dass der Einsatzort nicht Kabul, sondern Herat sein würde. Herat ist eine große Stadt und liegt im Westen Afghanistans. Es widerstrebte mir, meinen neuen Freund Joel zurückzulassen, den ich in Kabul kennengelernt hatte. Gegen alle Widrigkeiten hatte Joel mir dabei geholfen, zu lachen und mich sicher zu fühlen. Und das an einem Ort, wo sowohl Gelächter als auch Sicherheit schwer zu finden sind. Aber sein Vertrag lief aus, und auch er musste sich nach einer anderen Stelle umsehen. In der Hoffnung, dass Joel mir nach Herat folgen würde, nahm ich die Stelle an.

In Herat zu leben ist auch nicht gerade ein Zuckerschlecken. Das Sicherheitsrisiko in Herat war sogar so groß, dass es mir untersagt war, einen Spaziergang zu machen oder ganz einfach nur auf der Straße zu gehen. Aber immerhin gibt es einen Park dort, in dem die Bewohner spazieren gehen können; und ich konnte sie durch das Autofenster beobachten, im Versuch, dabei zumindest indirekt ein Gefühl von Freiheit zu erhaschen.

Der Einstellungsprozess der Vereinten Nationen ist berüchtigt für seine Langsamkeit. Es dauerte drei Monate, bis ich die bürokratischen Hürden genommen hatte. Als ich endlich in Herat ankam, war ich bereits neun Monate in Afghanistan. Ich war kein Neuling mehr in diesem Land. Aber der neue Job in einer neuen Stadt gab mir das gleiche Gefühl von Unerfahrenheit wie am Tag meiner Ankunft in Afghanistan.

2 | Was soll schon schiefgehen?

Oktober 2006 · Herat, Afghanistan

Seit einem Monat bin ich nun Herat und habe damit zu kämpfen, mich zurechtzufinden. Wegen meiner Arbeit bin schon häufig umgezogen, aber ich habe mich dabei nie daran gewöhnt, mich von Freunden zu verabschieden und wieder ganz von vorn anzufangen. Trotz all meiner Reisen bin ich im Herzen doch eine Stubenhockerin geblieben. Wenn ich an einem neuen Ort ankomme, so ist das Erste, was ich mache, mir mein Zimmer so gemütlich wie möglich einzurichten. Hier in Herat ist das eine Herausforderung. Ich teile mir mit meinen Kollegen von den Vereinten Nationen (UN) ein Gästehaus. Die Straßen in Afghanistan sind staubig, bunt und voller Leben, die Inneneinrichtung in meinem Gästehaus dagegen ist eher karg. Die Wände und der Boden sind weiß verputzt und gefliest, und der Putz ist schon ganz dünn gescheuert. In meinem Schlafzimmer springt einem dagegen eine Mischung aus grellen Farben entgegen. Entsprechend gleicht das Ganze einem sterilen Krankenhauszimmer, das mit Plastikblumen dekoriert ist. Es gibt keine traditionellen afghanischen Stoffe oder afghanisches Kunsthandwerk, das ich so liebe.

Statt eines traditionellen Wollteppichs liegt auf dem Boden meines Zimmers ein maschinell gewebter Teppich aus Kunstfaser. Statt einer der wunderbaren, bunt angemalten metallenen Schrankkoffer, wie ich sie auf dem Markt in Herat gesehen habe, habe ich ein paar Schubladen aus Plastik in Holzoptik und einen Spiegel mit aufwendig geschnitztem, goldverziertem Rahmen. Vielleicht wollte derjenige, der dieses Zimmer eingerichtet hat, es hübscher machen für seine ausländische Bewohnerin. Ich begrüße es, dass dieser Aufwand für mich betrieben wurde. Hätte ich aber nicht gerade so viel Arbeit, würde ich mir als Erstes einen afghanischen Wollteppich kaufen.

Wie es nun mal so ist, habe ich im Moment andere Probleme, denn ich bin noch immer damit beschäftigt, mich mit meiner neuen Arbeit vertraut zu machen. Als Anwältin für Menschenrechte habe mich auf die Rechte von Frauen und Kindern in Konfliktsituationen spezialisiert. Für eine Laufbahn im Justizwesen hatte ich mich entschieden, da ich Ungerechtigkeit bekämpfen wollte, aber in einer großen Kanzlei hatte ich mir dabei die Zähne ausgebissen. Die Arbeit an Fällen, in denen Geschäftspartner wild um finanzielle Verluste stritten, lehrte mich viel über die Risiken im Umgang mit dem begehrten Geld. Meine Arbeitszeit wurde im Sechs-Minuten-Takt abgerechnet, und so lernte ich, schnell, effizient und nachvollziehbar zu arbeiten. Diese Fähigkeiten waren dann wirklich hilfreich für meine Tätigkeit im Bereich Menschenrechte. Es gibt in diesem Sektor nie genügend Geld. Also musste ich in der Lage sein, viel mit wenig zu erreichen, das, was andere in einem Monat schaffen, in einer Woche umzusetzen, und immer über jeden Zweifel erhaben zu sein, wenn man sich wegen der ausgegebenen Gelder vor der Buchhaltung rechtfertigen musste.

Mein erster Job in Kabul beinhaltete die Recherche von nationalen Menschenrechtsproblemen und Lobbyarbeit für die internationale Gemeinschaft, damit diese vor Ort aktiv werden konnte. Ich bin es gewohnt, mich auf das große Ganze zu konzentrieren. In meiner neuen Rolle ist allerdings ein großer Teil meiner täglichen Arbeit, auf individuelle Fälle von Menschenrechtsverletzungen zu reagieren und diese zu dokumentieren. Ich erhalte beispielsweise eine Beschwerde von jemandem, der von der Polizei brutal behandelt oder unrechtmäßig inhaftiert wurde. Meine Aufgabe ist es, darüber zu entscheiden, ob es genügend Beweise gibt, die diese Behauptung stützen. Gibt es ausreichendes Beweismaterial, so trage ich den Fall den verantwortlichen afghanischen Beamten vor.

Einen Fall nach dem anderen in dieser Weise zu verfolgen erscheint als Sisyphus-Arbeit, insbesondere wenn man die systemische Ungerechtigkeit bedenkt, die das afghanische Volk in Angst und Armut gefangen hält. Als ich diese Stelle annahm, war mir bewusst, dass ich mit individuellen Fällen zu tun haben würde. Und ich glaube wirklich, dass sich dieser Aufwand für jede einzelne Beschwerde lohnt. In der Praxis erweist es sich dann aber als unerwartet schwierig, den Sinn dieser Arbeit zu erkennen und die Hoffnung dabei nicht zu verlieren. Man geht schnell in der endlosen Parade menschlichen Leidens verloren und hat niemals wirklich das Gefühl, etwas zu bewegen. Nach nur einem Monat in der neuen Position habe ich meine Zweifel, was die Effektivität meiner Arbeit in dieser neuen Rolle angeht.

Vor meiner Ankunft war das Büro unterbesetzt, und meine Kollegen mussten ihre so dringend benötigte Erholungspause verschieben, während sie auf Verstärkung warteten. Nun, da ich hier bin, wollten sie so schnell als möglich hier rauskommen. Ein paar Tage vor Eid al-Adha, dem Feiertag, der das Ende des heiligen Monats Ramadan markiert, ruft mich mein Chef zu sich ins Büro. „Ich habe eine Frage“, sagt er.

„Ja“, erwidere ich und bin schon nervös, „ was gibt’s?“

„Eigentlich habe ich Urlaub während der Eid-Feiertage. Ich habe bereits einen Flug nach Spanien gebucht, um meine Eltern zu besuchen.“ Er macht eine Pause. „Ich habe bereits zwei Reisen nach Hause absagen müssen, weil niemand die Stellung hier im Büro halten konnte ...“ Er zögert und schaut mich unverblümt an. Ich werde nervös, versuche aber, mir nichts anmerken zu lassen. Ich nicke, damit er fortfährt.

„Nun schaut es so aus, als müsste ich diese Reise wieder absagen. All die anderen leitenden Angestellten brauchen auch eine Auszeit. Und wenn ich niemanden finden kann, der als Verantwortlicher hier das Büro beaufsichtigt, dann kann ich nicht gehen ...“

„Mmmmh“, murmele ich unverbindlich.

„Daher möchte ich Sie fragen, ob Sie für mich einspringen können. Mir ist bewusst, dass Sie neu sind, aber Sie waren sechs Monate in Kabul. Es ist also nicht so, als wären Sie gerade frisch aus dem Flugzeug gestiegen. Ich werde nur eine Woche weg sein, und das während der Eid-Feiertage. Unser Büro bleibt daher fast die ganze Woche über geschlossen. Sie werden nicht viel zu tun haben.“

Mein erster Impuls bei jeder Anfrage ist es, Ja zu sagen. Dieser Wunsch, es allen recht zu machen, bringt mir immer wieder Ärger ein. Aber er bleibt bestehen. Dass ich jetzt zögere, zeigt daher, wie sehr ich daran zweifle, schon bereit dafür zu sein, die Verantwortung für das gesamte Büro zu übernehmen.

„Ich würde gerne helfen“, sage ich, „aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffen kann. Ich kenne noch keinen der Beamten. Ich weiß kaum, was in dieser Gegend vor sich geht, und ich wüsste nicht mal, wo ich anfangen muss, falls etwas schiefgehen sollte.“

„Sie sind nicht allein“, erinnert er mich. „Zwar sind die anderen ausländischen Mitarbeiter größtenteils nicht vor Ort, aber unsere erfahrenen afghanischen Leute sind hier. Sie werden Ihnen bei allem helfen, was Sie wissen müssen.“

Mein Widerstand schwindet. Er ist ganz offensichtlich erschöpft und braucht eine Pause. Vielleicht hat er ja recht. Er ist nur eine Woche weg, und in dieser Zeit wird das Büro wegen der Eid-Feiertage für vier Tage geschlossen sein. Ich muss also nur drei Tage lang die Stellung halten. Das kriege ich schon hin.

Ich gebe also nach. „Okay“, sage ich. „Ich mache es. Erzählen Sie mir alles, was ich wissen muss. Was ist zurzeit los, und was kann möglicherweise passieren?“

Mit einem erleichterten Lächeln setzt er mich über die wichtigsten politischen Spannungsfelder in der Region ins Bild. Es gibt viele Spannungen, aber der Mann, von dem in dieser Woche alle sprechen, ist Amanullah Khan.

Amanullah Khan ist der Führer eines Stammeszweigs des Noorzai-Clans, der im Zir-e-Koh-Tal südlich von Herat ansässig ist. Ich war bislang noch nicht in Zir-e Koh, aber ich weiß, dass es im Bezirk Shindand liegt. Von Herat aus ist es mit dem Auto innerhalb von ein paar Stunden zu erreichen. Wie fast die ganze Gegend südlich von Herat ist dieses Tal die meiste Zeit trocken und ausgedörrt. Das einzige fruchtbare Land liegt entlang des Flusses, an dem auch die meisten Dörfer liegen.

Der im Zir-e-Koh-Tal angesiedelte Stamm der Noorzai ist nur ein kleiner Ableger eines viel größeren Clans. Ein sehr bekanntes Mitglied dieses Stammes ist Arif Khan, stellvertretender Regierungssprecher des afghanischen Parlaments. Mitglieder von Amanullah Khans örtlichem Zweig des Noorzai-Stammes sollen einen Ältesten des Barakzai-Stammes, einem Nachbarstamm im Zir-e-Koh-Tal, umgebracht haben. Das geschah vor einer Woche.

Während mich mein Vorgesetzter über diese Stämme informiert, schreibe ich wie eine Wilde mit und hoffe, dass ich mir alle Namen merken kann. Ich frage mich, wie schon oft, ob ich mir hier nicht mehr auflade, als ich wirklich bewerkstelligen kann.

Die Ursachen für den Konflikt zwischen dem Noorzaiund dem Barakzai-Stamm sind mir nicht ganz klar. Wie bei vielen Stammeskonflikten in Afghanistan, gibt es auch diesen bereits so lange, dass sich scheinbar niemand im Büro mehr an den Auslöser dafür erinnern kann. Klar ist jedoch, dass die jüngsten Morde die Spannungen wieder aufflammen lassen, und es besteht ein hohes Risiko, dass es zu einer Eskalation der Gewalt kommt.

Seit Jahren versucht das Büro, eine friedliche Lösung dieses fortwährenden Streits voranzubringen, und nun sind die Mitarbeiter mit beiden Stämmen im Gespräch, um sie dazu zu bringen, eine gewaltlose Lösung für den Mordfall an dem Ältesten des Barakzai-Stammes zu finden. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Rat der Ältesten gewillt ist, sich an das formale Justizsystem zu wenden. In den Augen vieler Afghanen ist es zu langsam, zu teuer und höchst korrupt. Stattdessen hat unser Büro die beiden Stämme dazu ermutigt, traditionelle Konfliktlösungen wie die Jirga, den Stammesrat, in Anspruch zu nehmen. Diese Räte werden von angesehenen Stammesältesten gestellt. Ihnen traut die Gemeinschaft zu, über solche Vorfälle zu entscheiden, wie, wer ein Verbrechen verübt hat und welche Entschädigung die Opfer erhalten sollten. Ich wurde bisher noch nicht einbezogen. Diese Art von Diplomatie liegt in der Verantwortung meiner Kollegen im politischen Team, und ist nicht Teil meiner Tätigkeit als Menschenrechtsbeauftragte. Ich höre jetzt zum ersten Mal davon, damit ich angemessen über den weiteren Verlauf berichten kann, während mein Vorgesetzter unterwegs ist.

Am Tag, als mein Chef abreist, verlässt mich mein Selbstvertrauen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich bereit bin, diese Verantwortung zu übernehmen, also sage ich ihm noch einmal: „Ich will keinen Rückzieher machen, aber ich habe meine Zweifel, ob ich dieser Aufgabe gewachsen bin.“

„Alles wird gut gehen, Marianne“, versichert er mir. „Solange niemand Amanullah Khan umbringt, hast du nichts zu befürchten.“ Um 9 Uhr am Sonntagmorgen, dem 23. Oktober 2006, überträgt mir mein Vorgesetzter die Verantwortung für die UN-Mission in Westafghanistan.

3 | Das Worst-Case-Szenario

Sonntag, 23. Oktober 2006 · Herat, Afghanistan

Es ist fast Mittagszeit an dem ersten Tag, an dem ich die alleinige Verantwortung trage. Mein Chef ist am Morgen abgereist, und bislang laufen die Dinge nach Plan. Ich bin in meinem Büro und arbeite am wöchentlichen Bericht, was eine mühsame, erschütternde Arbeit ist angesichts der düsteren Bilanz der Toten und Verstümmelten. Während der Abwesenheit meines Chefs muss ich den Bericht für das gesamte Büro erstellen, zusätzlich zu dem Report für mein eigenes Team. Um die Mittagszeit möchte Asif, einer unserer erfahrenen afghanischen Mitarbeiter, mit mir sprechen.

„Amanullah Khan wurde umgebracht“, sagt er.

Für einen Augenblick glaube ich, er macht einen Witz. Aber sein Gesichtsausdruck und der Ton seiner Stimme lassen keinen Zweifel.

„Was ist passiert?“, frage ich.

„Er war mit einigen seiner Unterstützer in einem Konvoi unterwegs, als eine Rakete sein Fahrzeug traf. Er war sofort tot. Sein Sohn war vermutlich ebenfalls mit im Wagen und ist vermutlich auch tot. Das wissen wir allerdings noch nicht genau.“ Er hält einen Augenblick inne und blickt mich an, als müsste er meine Reaktion abschätzen.

„Sie werden sich dafür rächen wollen“, fährt Asif fort, „und die Situation könnte sehr schnell eskalieren. Wir müssen alles unternehmen, damit die Situation nicht aus dem Ruder läuft und viele Menschen sterben.“

Auf Fassungslosigkeit folgt die Angst. Ich fühle sie zuerst im Bauch. Mein Magen zieht sich zusammen, als könnte ich die Katastrophe mit meinen Bauchmuskeln abhalten.

„Ja“, sage ich überflüssigerweise, „wir müssen alles tun, was möglich ist.“

Allerdings bin ich mir nicht sicher, was dieses „alles“ eigentlich sein soll. Aber ich weiß, dass in erster Linie meine Verantwortung darin liegt, das Büro zu verwalten, in dem die Nachricht über den Anschlag bereits in einer Welle kaum unterdrückter Panik die Runde macht. Die Mitarbeiter drängen sich an ihren Tischen zusammen und hören mit weit aufgerissenen Augen zu.

Während der ersten Stunden nach dem Anschlag habe ich Schwierigkeiten, aus der Flut an verwirrenden und manchmal widersprüchlichen Berichten schlau zu werden. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, verschlechtern sich die Nachrichten. Asifs Kontaktleute in Zir-e Koh berichten, dass Amanullah Khans Männer bereits die Dörfer des Barakzai-Stammes, den sie hinter dem Anschlag vermuten, durchsuchen. Sie gehen von Haus zu Haus und töten erwachsene Männer und Jungen, die ihrer Vermutung nach imstande sind zu kämpfen. Den Berichten zufolge werden Männer vor den Augen ihrer Kinder getötet, Buben vor den Augen ihrer Mütter.

Während Asif und ich versuchen, diesen Bericht von weiteren Quellen bestätigt zu bekommen, klingelt erneut das Telefon. Es ist ein Journalist der Nachrichtenagentur Reuters. Die Nachricht vom Mord an Amanullah Khan und die Vergeltungsanschläge machen bereits die Runde. „Wie viele Tote?“, fragt er. „Wir haben Angaben zwischen 40 und 140.“ Keiner scheint es genau zu wissen, ich am allerwenigsten.

Über eine Sache sind sich jedoch fast alle einig: Der Anschlag auf Amanullah Khan war ein Vergeltungsakt für den Mord an einem älteren Mitglied des Barakzai-Stammes. Unsere Bemühungen, eine friedliche Lösung zu finden, sind gescheitert. Nun stellt sich die Frage, ob es uns gelingt, Schlimmeres zu verhindern.

Ich verbringe den Nachmittag im Büro meines Vorgesetzten, während Beamte mit immer neuen Informationen und Ratschlägen ein- und ausgehen. Das Telefon steht nicht still, da die Kollegen aus unserem Hauptbüro in Kabul weitere Informationen brauchen und mir Hilfestellungen geben, wie wir intervenieren sollen. Meine Aufgabe ist es, eine friedliche Lösung für diesen Konflikt zu finden. Ich weiß nicht, was sie zu der Annahme verleitet, dass ich dabei jetzt mehr Glück haben werde, wenn schon mein Vorgesetzter und wiederum seine Vorgesetzten an dieser Aufgabe gescheitert sind. Allerdings bin ich kaum in einer Position, um zu widersprechen.

Wäre ich nach dem schlimmsten für mich vorstellbaren Szenario für meinen ersten Tag als Stellvertreterin meines Chefs gefragt worden – das hier wäre es gewesen.

In Wahrheit gibt es nur sehr wenig, was zivile Organisationen bei einem Einsatz der UN-Menschenrechtskommission tun können, wenn Kämpfe erst mal ausgebrochen sind. Meine Aufgabe ist es, zumindest zu Beginn, mir einen genauen Überblick über die Situation zu verschaffen. Und das stellt sich als komplizierter heraus, als es sich anhört.

Wie ich bald feststelle, erschwert der außergewöhnliche Einfluss der afghanischen Gerüchteküche dieses Vorhaben erheblich. Die Entfernung und Sicherheitsbedenken halten uns davon ab, zum Krisenherd aufzubrechen. Und aufgrund der eingeschränkten Telefonnetzabdeckung sind wir auf die Informationen von einer kleinen Zahl an Informanten angewiesen. Also müssen wir letztendlich auf der Basis von Berichten aus zweiter Hand arbeiten. Ich weiß nicht recht, was ich glauben soll. Das Risiko, die Fakten nicht korrekt zusammengesetzt zu bekommen, ist so hoch, dass ich mir erst gar nicht einbilde, diese Situation alleine lösen zu können. Ich bestelle Asif wieder zu mir ins Büro und teile ihm mit, dass ich ihn über die Eid-Feiertage brauche. Ohne zu zögern sichert er mir seine Unterstützung zu. Er selbst ist Paschtune und kennt die Menschen im Zentrum dieses Konflikts gut.

Er verbringt die nächste halbe Stunde damit, mir alles über die Männer zu erzählen, die nach Amanullah Khans Tod in dessen Fußstapfen treten werden; über diejenigen, die vermutlich den Kriegern, die zu den Dörfern der Barakzai aufgebrochen sind, Anweisungen erteilen; und schließlich über jene, die die Entscheidungen treffen, wie man auf diesen Konflikt reagiert.

Während ich ihm zuhöre und mir dabei hektisch Notizen zu den wichtigen Akteuren mache, fühle ich mich etwas weniger panisch. Seine Ruhe strahlt auf mich ab, und meine juristische Ausbildung zeigt ihre Wirkung. Je mehr Informationen Asif mir gibt, desto sicherer fühle ich mich. Ich mag zwar ein totaler Neuling in diesem Konflikt sein, aber ich bin es gewohnt, viele Informationen in kurzer Zeit zu verarbeiten. Solange ich mir ein Bild über den Konflikt machen und verständliche Berichte darüber schreiben muss, ist alles in Ordnung. Das Problem ist nur, dass Menschen sterben, während ich in meinem Büro sitze und mir „ein Bild mache“. Ich muss also handeln, und zwar jetzt. Asif empfiehlt, dass ich als Erstes ein Treffen mit den relevanten Beamten vor Ort einberufe. Jede Provinz in Afghanistan hat einen Gouverneur und einen Gemeinderat. Der Präsident beruft den Gouverneur, und die Ratsmitglieder werden in Kommunalwahlen gewählt. Der Gouverneur verfügt über mehr Handlungsbefugnisse bei der Verwaltung einer Provinz, der Gemeinderat hat im Allgemeinen einen größeren Einfluss auf die Bevölkerung. Deshalb muss ich mit beiden Instanzen sprechen. Auch die Befehlshaber der Polizei und der Armee müssen konsultiert werden, zusammen mit den Stammesführern und religiösen Oberhäuptern.

Asif nimmt telefonisch Kontakt mit den verschiedenen Akteuren auf. Als Erstes ruft er den Gouverneur an und erfährt, dass dieser bereits eine Schura für Notfälle, also einen Rat, um die Sicherheitssituation zu besprechen, einberufen hat. Zu dieser Schura bin ich eingeladen, denn unser Büro hat die Rolle inne, der afghanischen Regierung beratend und unterstützend zur Seite zu stehen, um eine friedliche Lösung in einem solchen Konflikt zu finden.

Das Treffen ist für 16 Uhr angesetzt. Ich habe noch Zeit, nach Hause zu gehen und mich umzuziehen. Heute früh kam ich in einem bestickten, orangenen Shalwar Kamiz zur Arbeit. Das ist eine Art Baumwollanzug, bestehend aus einer langen Tunika und weiten Hosen, der – wie es sich gehört – Arme und Beine bedeckt. Außerdem gehört ein Kopftuch dazu. Dieser Anlass verlangt nach einer formelleren Kleidung. Zu Hause ziehe ich mich um und greife zu einem weit geschnittenen schwarzen Kostüm mit langem Rock und einem einfachen schwarzen Kopftuch. Ich betrachte mich im Spiegel: Mit meinen schwarzen Haaren, haselnuss-braunen Augen und olivfarbener Haut passe ich gut hierher. Auch wenn ich mir heute nicht über vieles sicher bin, so bin ich doch überzeugt, dass ich danach aussehe, als wäre ich mir sicher. Ich setze mich an meinen Küchentisch, trinke Tee und denke nach. Das ist meine Art, auf Situationen zu reagieren, die ich nicht kontrollieren kann.

Ich werde den Gouverneur treffen, den Vorsitzenden des Kommunalrats, den Leiter der Afghanischen Nationalarmee und den Polizeichef. Ich spüre die Verantwortung, die ich trage. Wenn ich es vermassele, weil ich über diese Leute nicht Bescheid weiß oder über die politischen Spielchen, die sie möglicherweise auf Kosten der Leute im Zir-e-Koh-Tal treiben, dann werden diese Leben auf meine Rechnung gehen.

Eine Sache, die ich während meiner Laufbahn bisher gelernt habe, ist, immer, immer die Meinung der örtlichen Experten mit einzubeziehen, wenn man nicht weiter weiß. Also rufe ich Asif an, bereits das dritte Mal an diesem Tag, und frage ihn, ob er zu meiner Unterkunft kommen kann, um mich zu jedem der Männer, die am Treffen teilnehmen, mit Hintergrundinformationen zu versorgen. Ich muss über ihren ethnischen Hintergrund, ihre Stammesanhänger und politischen Verbindungen Bescheid wissen.

Er willigt ein, in zwanzig Minuten bei mir vorbeizukommen. Ich nutze die Zeit, um einen Kollegen anzurufen. Talatbek kommt ursprünglich aus Tadschikistan, aber er lebt bereits seit zwanzig Jahren in Afghanistan. Er ist der Leiter des Büros der Friedensmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) in der gebeutelten südlichen Provinz Kandahar. Obwohl Herat recht weit entfernt im Westen von Kandahar liegt, sind die Stämme, die an diesem speziellen Konflikt beteiligt sind, Untergruppen der größeren Stämme, die in Kandahar leben. Ich hoffe, dass Talatbek mir etwas über sie sagen kann.

Obwohl ich ihn noch nie getroffen habe, bin ich mir sicher, dass Talatbek schon mit vielen solcher Situationen umgehen musste, wie ich sie gerade erlebe. Wenn irgendjemand mir im Augenblick helfen kann, dann er. Ich rufe ihn in seinem Büro an und erkläre ihm hastig, was ich über den Konflikt weiß, und frage, welche Schritte ich als Nächstes unternehmen soll. Seine Antwort fällt ruhig und freundlich aus.

„Möchtest du, dass ich meine Kontaktleute in den Zir-e-KohGruppen der Noorzai- und Barakzai-Stämme anrufe?“, fragt er mich. „Ich denke, ich kann sie vermutlich davon überzeugen, sich zurückzuhalten, während du und der Gouverneur eine Friedensdelegation aus Kabul zusammenstellt.“

„Ja, bitte tu das, Talatbek.“ Mir gefällt dieser Vorschlag sehr und am Ende unseres Gesprächs fällt mir das Atmen ein wenig leichter. Ich mag allein und der Situation nicht gewachsen sein, aber ich muss nur zum Telefonhörer greifen, wenn ich Hilfe brauche. Ich danke Talatbek und versichere ihm, dass ich ihn wieder anrufe, sollte ich weitere Ratschläge benötigen.

Als ich auflege, erscheint Asif. Bei einer weiteren Tasse grünem Tee werde ich von ihm über die politischen Verbindungen eines jeden Mannes informiert, der an diesem Nachmittag anwesend sein wird. Wir haben nicht viel Zeit, aber es reicht aus, um mich auf die Pläne aufmerksam zu machen, die eventuell in unserer Diskussion zum Thema werden könnten. Was Asif ganz besonders beunruhigt, ist, dass dieser Konflikt über die Grenzen des Zir-e-Koh-Tals hinaus wirksam werden könnte. „Das eigentliche Problem“, erklärt er mir, „ist, dass hinter den Spannungen zwischen dem Stamm der Noorzai und dem der Barakzai ein viel größerer Streit liegt, und zwar der Machtkampf zwischen Amanullah Kahn und Ismail Khan.“ Asif spricht von Ismail Khan als IK. Das verwirrt mich anfangs, weil meine Schwester und ich unseren Vater, Ian Kennedy, so nennen. Es bringt mich immer ein wenig durcheinander, wenn Details aus meinem Leben in Neuseeland ohne Vorwarnung hier in Afghanistan auftauchen. Es ist für mich unfassbar, dass das Leben in Neuseeland einfach so weitergeht, gänzlich unberührt von der Verwüstung, von der ich hier in Afghanistan umgeben bin. Daher stelle ich mir vor, dass diese zwei Orte in verschiedenen, parallelen Universen existieren.

Ich weiß bereits ein wenig über Ismail Khans Hintergrund. Zum ersten Mal betrat er die internationale Bühne, als er die örtliche Garnison in Herat bei einem Aufstand gegen die sowjetische Regierung 1979 anführte. Dieser Aufstand wurde niedergeschlagen, aber Khan machte weiter und wurde während des sowjetischen Kriegs in Afghanistan ein mächtiger Befehlshaber. Er war auch eine Schlüsselfigur unter den Mitgliedern der Nordallianz, einer Gruppe von Kommandanten aus dem Norden Afghanistans, die 2001 ein Bündnis mit den USA schlossen, um die Taliban zu stürzen.

Als die Sowjets zurückgedrängt waren, wurde Ismail Khan Gouverneur der Provinz Herat und verteidigte sie 1995 erfolgreich gegen die Taliban. Dabei war er selber kein Liberaler. Noch bevor ich nach Herat gezogen war, hörte ich Geschichten darüber, dass er sich gegen die Hochschulbildung und Erwerbstätigkeit von Frauen stellte. Er war bekannt dafür, dass er Journalisten und die Presse unterdrückte.

Asif erklärt mir, dass Ismail Khan trotz seines Rufs, Leute zu unterdrücken und brutal polizeiliche Gewalt einzusetzen, noch viele Unterstützer in Herat hat. „Nach dem Fall der Taliban und trotz der Bemühungen, wieder eine nationale Regierung in Afghanistan zu errichten, führte IK Herat weiter, als sei die Provinz sein persönliches Emirat“, führte Asif aus. „Er trieb selber Steuern und Zölle ein und weigerte sich, diese an die zentrale Stelle nach Kabul abzugeben. Stattdessen nahm er sie, oder zumindest einen Teil davon, um die Stadt Herat wieder aufzubauen.“

Ich kann mir vorstellen, wie diese Umleitung öffentlichen Geldes IK in Herat beliebt gemacht hat. Während die Hauptstadt Kabul auf die langsam eintröpfelnden internationalen Hilfsgelder wartete, wurden Herats Straßen, Brücken und Schulen wieder aufgebaut. Ich erinnere mich noch daran, wie erstaunt ich war, als ich nach meiner Zeit in Kabul in Herat ankam und feststellte, dass das Abwassersystem hier größtenteils intakt zu sein und zu funktionieren schien. In dieser Hinsicht war Herat der Hauptstadt weit voraus.

Während ich Asif zuhöre, denke ich, dass Präsident Karzai vielleicht Ismail Khans Unabhängigkeitsbemühungen unterstützt hätte, gäbe es da nicht noch zwei weitere Faktoren. Erstens gab es ein Problem, an Hilfsmittel heranzukommen. Die Provinz Herat liegt an der iranischen Grenze, daher bilden Zolleinkünfte einen großen Teil der Staatseinnahmen. Die Regierung kann Ismail Khan nicht erlauben, diese Mittel in der Provinz Herat zu behalten. Zweitens arbeitet Khan eng mit dem Iran zusammen. Gleichzeitig sehen sich die USA gefangen in einem zunehmend angespannten Patt mit dem Iran. In den letzten Jahren der Amtszeit von George W. Bush wurden die US-Streitkräfte in den Westen von Afghanistan verlegt und dort in Stellung gebracht, wo sie theoretisch einen Luftangriff auf den Iran starten könnten. Es ist also eher unwahrscheinlich, dass Präsident Karzais Hauptunterstützer, nämlich die Amerikaner, glücklich über Khans Kuschelkurs mit dem Iran waren. Auf Druck der USA stimmte Präsident Karzei 2004 zu, Einheiten der Afghanischen Nationalarmee nach Herat zu entsenden, um Ismail Khan die Macht zu entziehen.

Asif erzählt mir von den Zusammenstößen, die folgten, als Khans Sohn getötet wurde. Als eine versöhnliche Geste bot ihm der Präsident einen besonders lukrativen Ministerposten an, nämlich den des Energieministers. Khan akzeptierte.