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MICHAEL LAITMAN

VOM NEHMEN ZUM GEBEN

TRANSFORMATION DES EGOISMUS,
UM DIE KRISE ZU ÜBERWINDEN

MICHAEL LAITMAN

VOM NEHMEN
ZUM
GEBEN

TRANSFORMATION DES EGOISMUS,
UM DIE
KRISE ZU ÜBERWINDEN

Titel der englischen Originalausgabe:

Vollständige E-Book-Ausgabe der bei

Michael Laitman

Cover Design: Morian & Bayer-Eynck

©Edition Laitman in J. Kamphausen Verlag, Bielefeld 2012

Übersetzung aus dem Englischen:

Expertenbeirat: Prof. Valeria Khachaturian, Prof. Itzhak Orion,

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

ISBN Printausgabe 978-3-89901-592-8

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und
sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte
Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT DES HERAUSGEBERS

Die Zielsetzung, in diesem Buch Vom Nehmen zum Geben über die Entwicklung unserer Existenz zu schreiben, schien alles andere als realistisch. Die besondere Herausforderung lag darin, dieses Thema sowohl aus der wissenschaftlichen Perspektive als auch aus der Sicht der Kabbala zu beleuchten. Und doch ist die Aufgabe nicht zuletzt durch die Hilfe von vielen Freunden aus aller Welt gelungen.

Wir möchten allen, die zum Gelingen dieses Buches beigetragen haben, für ihre Bemühungen danken und entschuldigen uns bei jenen, deren Erwähnung wir versehentlich vergessen haben. Aus unserer Sicht ist dieses Buch ein Gemeinschaftsprojekt und darin liegt auch die große Kraft.

Unten finden Sie die Liste derer (in alphabetischer Reihenfolge), die gerne ihre Zeit, Mühen und auch Geld für die Entstehung von Vom Nehmen zum Geben zur Verfügung gestellt haben.

Recherche und Lektorat:

Anastasia Cherniavski, Annabelle Fogerty, Asaf Ohayon, Asta Rafaeli, Avraham Cohen, Beth Shillington, Christiane Reinstrom, Crystlle Medansky, Daniel Lange, Eli Gabay, Geoffrey Best, James Torrance, Jonathan Libesman, Julie Schroeder, Kimberlene Ludwig, Loredana Losito, Markos Zografos, Marlene Bricker, Michael R. Kellogg, Michal Karpolov, Pete Matassa, Peter LaTona, Sandra Armstrong, Shari L. Kellogg, Veronica Mengana, Yehudith Sabal und Zhanna Allen.

Redakteure:

Alicia Goldman, Brad Hall, Charles Bowman, Dan Berkovitch, Eric Belfer, Gilbert Marquez, James Torrance, Keren Applebaum, Noga Burnot, Rachel Branson, Riggan Shilstone und Tom Dorben.

Produktion: Leah Goldberg

Administration: Avihu Sofer, Alex Rain.

Herzlichen Dank auch an Prof. Valeria Khachaturian, Prof. Itzhak Orion, Dr. Yael Sanilevich, Dr. Eli Vinokur und Ronen Avigdor, die die wissenschaftlichen, historischen und finanzbezogenen Inhalte dieses Buches auf Richtigkeit geprüft haben.

Und last but not least danken wir Baruch Khovov, einem Designer, der alle Erwartungen erfüllt, Claire Gerus, einer Redakteurin, deren Arbeit für uns immer ein Gütesiegel trägt, und Uri Laitman, unserem Verleger, dessen Hingabe und Sorgfalt ein unerschöpflicher Quell der Inspiration für alle ist, die mit ihm arbeiten.

Herzlichst,

Chaim Ratz und Dr. Michael Laitman

VORWORT

Ich nehme an, dass alle Kinder jene Phase durchlaufen, in der sie sich die „großen“ Fragen stellen. Meine waren zum Beispiel „Was ist mein Ursprung?“ und „Welchen Zweck hat dieses Leben?“. Weil meine Eltern Ärzte waren, neigte ich eher dazu, die Antworten in der Naturwissenschaft zu suchen. Dementsprechend waren die Antworten, die ich fand, eher pauschal und allgemein.

Meine Interessen lagen hauptsächlich in der medizinischen Kybernetik. Sie war mein Forschungsobjekt. Damals war die Kybernetik eine relativ neue Wissenschaft, die sich mit der Erforschung komplexer Systeme und den auf sie wirkenden Mechanismen beschäftigte. Ich interessierte mich sehr für den menschlichen Körper und seine Kontrollsysteme. Durch die Kybernetik versuchte ich, dem Geheimnis der menschlichen Existenz auf die Spur zu kommen: dem Körper und der Seele, die ihn – so glaubte ich – bewohnte.

Doch meine Hoffnungen wurden durchkreuzt. Die Wissenschaft hatte mir zwar vieles über das Leben beigebracht, oder vielmehr, wie neues Leben entsteht und wie es aufrechterhalten wird. Dennoch lernte ich nichts über die fundamentalen Fragen nach dessen Bedeutung, die die eigentliche Grundlage meiner Forschung waren: Was ist das Leben und wozu dient es?

Das Geheimnis des Lebens zu entschlüsseln trieb mich weiter voran und ich notierte alle einschlägigen Daten, die ich finden konnte. Ich setzte meine Suche in anderen Wissenschaften, in der Philosophie und selbst in der Religion fort, bis ich eine Unmenge an Wissen und Kenntnissen angesammelt hatte. Doch genau wie zuvor in der Kybernetik vermochten diese Kenntnisse meine Fragen nicht zu beantworten.

Eines Tages schien sich dennoch ein Durchbruch abzuzeichnen, als ich nämlich völlig unerwartet mit einer Wissenschaft namens Kabbala konfrontiert wurde. Rückblickend habe ich dennoch keinen meiner Vorstöße in die Wissenschaft, Philosophie oder Religion bereut. Sie alle waren notwendige Meilensteine in meiner Entwicklung. Sie alle haben dazu beigetragen, mein Verständnis vom Sinn des Lebens und der menschlichen Existenz zu erweitern, und haben ihren angestammten Platz in meinem daraus resultierenden Weltbild. Ein Weltbild, für dessen Grundsteinlegung jedoch die Kabbala verantwortlich ist.

Darüber hinaus klärte sich für mich die Verbindung zwischen dem Sinn der menschlichen Existenz und den aktuellen globalen Krisen. Durch die Kabbala erkannte ich die Unvermeidbarkeit dieser Krisen und begriff, dass siezwangsläufig in Frieden und Wohlstand ihre Auflösung finden würden. Ich verstand, wie bitter notwendig es ist, zu kooperieren und sich der vordergründig gar nicht so offensichtlichen Vernetzung und wechselseitigen Abhängigkeiten der menschlichen Gesellschaft bewusst zu werden. Die alten kabbalistischen Konzepte zeigen, wie lebenswerte Gesellschaften durch altruistische Beziehungen möglich werden.

Ich bin nicht der Meinung, dass die derzeitigen Bedrohungen vorherbestimmt sind. Auch nicht, dass die Krise ein Sprungbrett in eine neue Wirklichkeit ist, die unsere kühnsten Träume übertrifft. Beide Annahmen existieren seit Jahrtausenden, treten allerdings erst jetzt, da zwei Voraussetzungen zusammentreffen – und somit die Notwendigkeit besteht – in Erscheinung: Die Menschen sind verzweifelt genug, um nach einer nachhaltigen Lösung zu suchen – und diese Lösung ist verfügbar. In diesem Sinne sehe ich mich als Moderator und Vermittler der Konzepte, Ideen und Lösungsvorschläge, die ich im Lauf der Jahre von meinen Lehrern übernommen habe.

Die moderne Wissenschaft mit ihren neuen Denkansätzen ermöglicht uns heute, zwei scheinbare Gegensätze zu verbinden und die uralten Prinzipien der Wissenschaft der Kabbala zu erklären. Dank der Quantenphysik, welche die Newtonschen Paradigmen der Wirklichkeit in Frage stellt, wurden Konzepte wie die „Einheit der Wirklichkeit“ einer wissenschaftlichen Beleuchtung würdig. Und dank der Philosophie, welche die Vorstellung des Freien Willens andächtig kultivierte, sind wir nun in der Lage, unsere Ideen auszutauschen und voneinander zu lernen.

Obwohl die in diesem Buch vorgestellten Konzepte ausschließlich kabbalistischen Ursprungs sind, werden wir – und ich danke hiermit all meinen Mitarbeitern für ihre tatkräftige Unterstützung – mit Freude versuchen, deren Parallelen zur modernen Wissenschaft darzulegen. Im Geist des Pluralismus hoffen wir, dass Sie uns mit offenem Verstand und Herzen und ohne Vorurteile begleiten. Und falls die Perspektiven, die wir in diesem Buch präsentieren, auch nur einen einzigen Leser zum Nachdenken anregen, so haben sich unsere Hoffnungen erfüllt.

Michael Laitman

ANMERKUNGEN DER ÜBERSETZERIN

Dr. Michael Laitman erklärt in diesem Buch den Aufbau der Welt, die Entwicklung des Menschen in ihr und zeigt Lösungsansätze für die mit dieser Entwicklung einhergehenden Probleme der heutigen Globalisierung. Er tut dies anhand zahlreicher Zitate aus der Wissenschaft kombiniert mit jüdischen Quellen und den Erkenntnissen großer Kabbalisten, allen voran Rav Yehuda HaLevi Ashlag. Dies erzeugt ein Spannungsfeld zwischen der modernen, auf Zahlen und Fakten basierenden wissenschaftlichen Sprache und den gelegentlich etwas simpel anmutenden Ausdrücken, derer sich die Kabbala bedient.

So entspricht ein Verlangen laut Duden einem starken, inneren Bedürfnis des Menschen – in der Kabbala stellt Verlangen das dualistische Grundprinzip der Schöpfung dar: eine Kraft, die entweder gebend oder empfangend sein kann, Ausdehnung oder Kontraktion ausdrückt, zentrifugal oder zentripetal wirkt. Wir sprechen von dem Verlangen zu empfangen (oder auch dem Wunsch zu empfangen), wenn wir das hier Erscheinende meinen – unbelebte Materie, pflanzliche, tierische oder menschliche Wesen. Im Gegensatz dazu drückt das Verlangen zu geben die universelle Urkraft, die Natur oder den Schöpfer aus. Es ist das in dieser Welt verborgene, nicht fass- oder messbare und dennoch alles lenkende Prinzip. Wenn man daher in diesem Buch auf den Begriff Schöpfer stößt, erinnere man sich an diese schöpferische, erschaffende Kraft.

Das Ziel des Menschen liegt gemäß der Kabbala in der Angleichung des Verlangens zu empfangen an das Verlangen zu geben – oder anders ausgedrückt: Der Mensch durchläuft in seinem Leben einen Prozess, in dem er durch Selbstanalyse, Beobachtung von Zusammenhängen, angenehme und leidvolle Erfahrungen letztendlich zu einer tief empfundenen altruistischen Geisteshaltung gelangt, sich der Wichtigkeit des Einsseins der Menschheit bewusst und dadurch schöpfergleich wird.

Ein weiterer häufig verwendeter Begriff ist das Gesetz des Gebens, das, vereinfacht und etwas weniger technokratisch ausgedrückt, den Systemgesetzen im technischen Sinn entspricht. Systeme sind Zusammenschlüsse von Komponenten, die miteinander in Beziehung stehen, sich gegenseitig beeinflussen und gemeinsam ein größeres Ganzes bilden, wobei Attribute, Handlungen und Wechselbeziehungen der Komponenten die Eigenschaften des Gesamtsystems bewirken und seinen Bestand sichern.

Für Dr. Laitman, der sich als Kybernetiker wissenschaftlich mit der Erforschung komplexer Systeme befasste, ist die Kenntnis des Gesetzes des Gebens eine für den Menschen unabdingbare Voraussetzung seiner Entwicklung. Es besagt, dass alle Komponenten ihr Eigeninteresse zugunsten der Interessen des Gesamtsystems zurückstellen müssen, um im Gegenzug Schutz, Fürsorge und Sicherheit aus dieser Gesamtheit zu beziehen. Für den Menschen bedeutet dies darüber hinaus, die Empfindung des übergeordneten Systems zu erlangen, was der Wahrnehmung des Schöpfers entspricht. Denn das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Dr. Elisabeth Prelog-Igler

EINFÜHRUNG

Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches erholt sich die Welt noch immer von der längsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben ihre Arbeit verloren, ihre Ersparnisse, ihre Wohnungen – und letztendlich auch ihre Hoffnung auf die Zukunft.

Unsere Gesundheit, so scheint es, ist ebenso bedroht wie unser Wohlstand. Die moderne Medizin, der Stolz der westlichen Zivilisation, ringt mit Krankheiten, die längst als ausgestorben galten. Entsprechend einem Bericht des Global Health Council „tauchen Krankheiten, die bereits unter Kontrolle zu sein schienen, erneut als große globale Bedrohung auf. Resistente Stämme von Bakterien, Viren und Parasiten stellen die medizinische Forschung vor neue Herausforderungen. Superinfektionen mit unterschiedlichen resistenten Erregern erschweren bei bestimmten Erkrankungen zunehmend Prävention und Behandlung.“

Auch die Erde verhält sich weniger freundlich als früher. Bücher wie Gaias Rache von James Lovelock, The Chaos Point von Ervin Laszlo und Filme wie Al Gores Eine unbequeme Wahrheit sind nur drei Beispiele einer Vielzahl alarmierender Berichte über die Klimaveränderungen.

Aufgrund der globalen Erwärmung und des Schmelzens der Polkappen steigt der Meeresspiegel. Dies führte bereits zu tragischen Veränderungen in der Geologie. Ein Bericht von Stephan Fahris in Scientific American listet Gebiete auf, welche durch den Klimawandel ernsthaft bedroht sind. In Darfur kam es aufgrund der jahrzehntelangen Dürre zu Zusammenstößen zwischen nomadischen und sesshaften Stämmen, welche schließlich in einer Rebellion gegen die Sudanesische Regierung endeten. Die Krise griff in weiterer Folge auf den Tschad und die Zentralafrikanische Republik über.

In diesem Bericht erklärten auch die Einwohner des pazifischen Inselstaats Kiribati ihr Land für unbewohnbar und ersuchten um die Evakuierung der Bevölkerung. Im März 2009 zeigte Peter Popham, Journalist der Zeitung The Independent, ein neues Problem der klimatischen Veränderungen auf: „Die globale Erwärmung bewirkt ein rapides Schmelzen der alpinen Gletscher, was Italien und die Schweiz zu der Entscheidung veranlasst hat, den Verlauf ihrer gemeinsamen Grenze den veränderten Gegebenheiten anzupassen.“

Weitere tragische Effekte des Klimawandels sind Hungersnöte, welche einerseits durch anhaltende Dürren und andererseits durch Überschwemmungen in bestimmten Gebieten hervorgerufen werden. Nahezu eine Milliarde Menschen weltweit leiden einem Bericht des World Food Programme zufolge an Hunger. Neun Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Unterernährung und deren Folgen; über die Hälfte davon sind Kinder. Das bedeutet, dass heute, in Zeiten des technologischen Fortschritts jede sechste Sekunde ein Kind aufgrund von Nahrungs- oder Wassermangel stirbt.

Auch in unseren Familien gibt es viele Probleme. Entsprechend einem Bericht der New York Times gibt es aufgrund der hohen Scheidungsraten in Amerika mittlerweile mehr Singles als Ehepaare. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass Alleinerziehende zur Norm werden und Elternpaare die Ausnahme bilden.

Viele Wissenschaftler, Politiker und UN assoziierte Organisationen warnen davor, dass die Menschheit einem hohen Risiko beispielloser Katastrophen gegenübersteht. Von der Vogelgrippe über den Atomkrieg bis hin zu verheerenden Erdbeben – Millionen könnten ausgelöscht werden und Milliarden an den Folgen leiden.

Doch Krisen gab es immer in unserer Geschichte. Nicht erst jetzt steht die Menschheit vielfältigen Bedrohungen gegenüber. Die Pestepidemien des 14. Jahrhunderts und die zwei Weltkriege rafften Millionen dahin. Doch der wesentliche Unterschied zwischen der derzeitigen Krise und den vorangegangenen besteht in der Wirkung zweier Extreme, die charakteristisch für den aktuellen Zustand der Menschheit sind: Globalisierung und wechselseitige Abhängigkeit auf der einen Seite – überlegen Sie, woher Ihre Kleidung stammt – und wachsende Entfremdung sowie persönlicher, sozialer und politischer Narzissmus auf der anderen Seite. Das sind die Zutaten für eine Katastrophe ohnegleichen, ob sie nun den Finanzsektor betrifft oder darüber hinausgeht.

Heute betrifft die Globalisierung nicht nur die Finanzwelt, sondern nahezu jeden Lebensbereich: Computer und Fernseher für unsere Unterhaltung kommen hauptsächlich aus China, Taiwan und Korea. Unsere Autos werden zu einem Großteil in Japan, Europa und den USA erzeugt, ihre Einzelkomponenten stammen unterdessen aus einer Vielzahl anderer Länder. Unsere Kleider beziehen wir überwiegend aus Indien und China und unsere Nahrungsmittel kommen mittlerweile aus der ganzen Welt.

Auch die englische Sprache verbreitet sich – dank Hollywood – auf der ganzen Welt. Tatsächlich sprechen weltweit bereits ca. 1,4 Milliarden Menschen Englisch; nur für 450 Millionen davon ist es die Muttersprache. Die Asia Times berichtete im September 2006 in einem Artikel mit dem Titel „‘Native English’ is losing its power“, dass in China jährlich an die 20 Millionen Menschen Englisch lernen.

Wachovia-Ökonom Mark Vitner zeichnete im März 2009 im Nachrichtensender MSNBC ein klares Bild der globalisierten Situation und der gegenseitigen Abhängigkeit der Kreditmärkte: „Es ist, als würde man versuchen, aus Rührei wieder einzelne Eier zu machen. Das ist nahezu unmöglich. Ich bin nicht sicher, ob wir das schaffen können.

Doch anstatt diese globalen Verbindungen zu nutzen, um gemeinsam stark und erfolgreich zu sein, befinden wir uns in einem ständigen Tauziehen. Was geschieht mit den Erdöl-Ländern, wenn die ganze Welt sich entschließt, Wind- und Sonnenenergie zu nutzen? Was geschieht mit Amerika, wenn China keine Dollars mehr kauft? Was geschieht mit China, Japan, Indien und Korea, wenn es in Amerika kein Geld mehr gibt, um Güter aus Asien zu kaufen? Und was geschieht mit den hunderten Millionen von Menschen, deren Lebensunterhalt von der Reiselust der reichen, westlichen Welt abhängt, wenn die Touristenströme ausbleiben?

Der Journalist Fareed Zakaria schreibt darüber wortgewandt in einem Newsweek-Artikel mit dem Titel Get Out the Wallets: The world needs Americans to spend: „Wenn mir der Wirtschaftsgott einen Wunsch gewährte [...], würde ich fragen, wann der amerikanische Konsument endlich wieder anfangen wird, sein Geld auszugeben.“ Tatsächlich ist die Welt heute ein globales Dorf, in dem jeder Einwohner in puncto Lebensunterhalt vollkommen von allen anderen Einwohnern abhängt.

Die Abhängigkeit ist jedoch nur ein Teil des komplexen Bildes. Während wir einerseits zunehmend global wurden, verlagerten sich unsere Interessen andererseits immer mehr auf uns selbst – oder, wie es die Psychologen Jean M. Twenge und Keith Campbell so trefflich ausdrücken, wir wurden „zunehmend narzisstisch“. In ihrem aufschlussreichen Buch The Narcissism Epidemic: Living in the Age of Entitlement beschreiben sie den unglaublichen Aufstieg des Narzissmus in unserer Kultur und die Probleme, die sich daraus ergeben: „Die USA leiden derzeit an einer Narzissmus-Epidemie [...] Narzisstische Persönlichkeitsmerkmale nehmen im gleichen Maß zu wie Übergewicht.“ Und noch schlimmer: „Der Anstieg des Narzissmus beschleunigte sich im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts mehr als in allen vorangegangenen Dekaden. Im Jahr 2006 wiesen 25 Prozent der Collegestudenten in einem Persönlichkeitstest überwiegend narzisstische Züge auf. Das Popduo Little Jackie fasst das Thema gekonnt in die Worte ’Yes siree, the whole world should revolve around me’ (‚Yes Sir, die ganze Welt sollte sich um mich drehen’).“ In Websters Dictionary wird Narzissmus als Egoismus definiert und das bedeutet offen gesprochen, dass wir unerträglich selbstsüchtig geworden sind.

Daher ist unser Problem ein doppeltes: Einerseits sind wir voneinander abhängig – andererseits werden wir zunehmend narzisstisch und entfremdet. Wir versuchen, zwei Lebensstile zu verbinden, die sich nicht verbinden lassen. Vielleicht verbringen wir deswegen endlose Stunden damit, mit virtuellen Freunden auf sozialen Netzwerken zu chatten, sind aber oft kalt und herzlos gegenüber unseren Mitmenschen in der direkten Umgebung. Wären wir nur voneinander abhängig, würden wir uns verbinden, uns unterstützen und glücklich sein. Wären wir einfach nur selbstsüchtig, würden wir uns abtrennen und allein leben. Aber wir sind beides und stehen daher vor einem Dilemma!

Hier liegen die Wurzeln unserer Krise. Unsere Abhängigkeit zwingt uns zur Kooperation, doch unsere Selbstbezogenheit scheut davor zurück und bringt uns höchstens dazu, ausbeuterische Beziehungen zu anderen zu pflegen. Darum zerfallen unsere so hart erarbeiteten Kooperationssysteme zusehends und führen uns in Zustände anhaltender Hilflosigkeit angesichts der globalen Probleme.

Dieses Buch verfolgt daher zwei Ziele: erstens, die Ursache sowohl unserer gegenseitigen Abhängigkeit als auch unserer Ichbezogenheit zu beleuchten, und zweitens, einen Modus Operandi aufzuzeigen, wie wir diese scheinbar entgegengesetzten Dinge verbinden und zu unserem Vorteil nutzen können. Im Hinblick auf das erste Ziel wollen wir erklären, was die Kabbala über die Struktur der Natur – und besonders über die des Menschen – aussagt. Im Hinblick auf das zweite Ziel werden wir die Ideen des großen Kabbalisten des 20. Jahrhunderts, Yehuda Ashlag (Baal HaSulam), mit Meinungen anderer Kabbalisten und zeitgenössischer Wissenschaftler sowie Gelehrter aus anderen Disziplinen kombinieren.

In der Weisheit der Kabbala fanden wir eine lebbare Lösung für die derzeitigen globalen Probleme, und wir sind dankbar für die Chance, sie hier vorstellen zu können. Es ist unsere Hoffnung und Überzeugung, dass wir durch die kabbalistischen Konzepte uns selbst und die große blaue Kugel, auf der wir leben, retten können.

KAPITEL 1
DIE SEHNSUCHT DES MENSCHEN NACH EINHEIT

Seit der Finanzkrise betonen viele Politiker und Finanzexperten in Schlüsselpositionen die Notwendigkeit von Einheit und Kooperation. Sie verlangen eine Beschränkung des egozentrischen Scheuklappendenkens, welches die Wallstreet dominiert und drücken ihre Besorgnis bezüglich Separatismus und protektionistischen Tendenzen aus. Schlagzeilen wie „World Leaders Seek Unity to Fight Financial Crisis“ aus The Economic Times erschienen in vielen Zeitungen auf der ganzen Welt. Dies signalisiert eine allgemeine Bereitschaft, sich angesichts der ökonomischen Unsicherheiten zu verbinden und auf Kooperation zu setzen.

Auf den ersten Blick ist dies verständlich und erwünscht. Allen Finanzexperten ist klar, dass ihre Institutionen bereits so eng miteinander verknüpft sind, dass die Probleme einer einzelnen Einrichtung den Sturz aller anderen nach sich ziehen würden. Politiker wurden gewarnt: Ihre Wirtschaft würde kollabieren, wenn die „Bankfürsten selbst die Bedingungen diktierten, zu denen ihre Geldkonzerne mit Steuergeldern gerettet werden. Und immer sichtbarer wird, dass die Fehlentwicklung der globalisierten Finanzwelt einer kleinen Clique aus den Führungsetagen von etwa 15 globalen Finanzkonzernen eine Macht in die Hände gespielt hat, die sich jeder demokratischen Kontrolle entzieht.“ In der Folge gäbe es einen Dominoeffekt, welcher die globale Wirtschaft in den Ruin treiben würde.

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass man in einer Krise alles andere lieber tut als sich zu verbinden; man schottet sich ab und schützt das eigene Hab und Gut. Dies scheint ein vernünftigerer Weg zu sein als sich mit Fremden anzufreunden – speziell wenn diese Fremden als Verursacher oder zumindest als Mittäter der Pleite angesehen werden.

Allerdings leidet Amerika – das Land, das generell als primärer Ausgangspunkt der Eskalation der Finanzkrise gilt – selbst nicht unter Isolation, denn die Vernetzung der globalen Wirtschaft treibt Wirtschaften wie jene Chinas dazu an, Dollars zu kaufen und so den Erhalt der amerikanischen Wirtschaft zu unterstützen.

Für Politiker ist es natürlich, die Interessen ihrer eigenen Länder an die erste Stelle zu setzen, wie zum Beispiel die Britischen Korngesetze des 19. Jahrhunderts oder Präsident Hoovers Buy American Act aus dem Jahr 1933 zeigen. Und während das empfindliche Gleichgewicht zwischen Kooperation und Eigeninteressen hin und her taumelt, erkennen wir einerseits die durch die Finanzkrise bedingten verheerenden Folgen und andererseits eine Mehrheit, die sich eindeutig für Kooperation und gegen Protektionismus ausspricht. Warum ist das so?

Wenn wir diese Frage aus einem rein ökonomischen oder psychologischen Aspekt betrachten, werden wir zu keiner Antwort gelangen. Aus der Perspektive der Weisheit der Kabbala sehen wir allerdings, dass die Kräfte, welche innerhalb der internationalen Verbindungen – oder überhaupt in jeglicher Verbindung – am Werk sind, Kräfte der Integration und nicht Kräfte der Isolation sind. Sie sind weitaus mächtiger als jegliche rationale oder irrationale Entscheidungs-prozesse und ziehen die Fäden im Hintergrund.

Auf internationalem Niveau bestimmen diese Kräfte den weltweiten Handel, Politik, und Wirtschaft. Auf nationaler Ebene bestimmen sie die Trends im Bezug auf Bildung, Wohlfahrt, Medien und lokale Wirtschaft. Auf persönlicher Ebene legen sie unsere Beziehungen innerhalb der Familie fest; und auf der tiefsten Stufe der Existenz bestimmen sie unsere Evolution und die aller anderen Elemente der Natur.

Wenn wir diese Kräfte verstehen, ist es erklärlich, warum sich beispielsweise Napoleon maßlos überschätzte, als er versuchte, Russland zu erobern, warum Hitler das Gleiche tat und warum Bernard Madoff, ehemaliger Vorsitzender der Technologiebörse NASDAQ, auch nicht aufhören konnte, bis man ihn stoppte. Das „Größenwahn-Syndrom“ ist ein typisch menschlicher Stolperstein, über den die größten Führer und Möchtegernführer der Vergangenheit und Gegenwart immer wieder gefallen sind. Und da diese Kräfte ein integraler Bestandteil unserer selbst und der Welt sind, dürfen wir sie nicht verkennen, sondern sollten im Gegenteil versuchen, ihnen auf die Spur zu kommen.

Um diese Kräfte im Innersten zu verstehen, müssen wir uns zuerst ihrem Ursprung und ihrem Ziel widmen. Ansonsten gleicht der Versuch, die Wirklichkeit in vollem Umfang erfassen zu wollen, der Bemühung, das Innere eines Autos zu verstehen – wie der Motor mit dem Getriebe verbunden ist, wie das Getriebe die Kraft auf die Räder überträgt usw. – ohne zu erklären, dass ein Auto dazu dient, den Menschen sicher, bequem und schnell von A nach B zu bringen. Welchen Sinn macht es, über den Aufbau des Fahrzeugs zu diskutieren, wenn der Zweck des Fahrzeugs nicht klar ist?

Die Kabbala erforscht die Zusammenhänge der Wirklichkeit und den Aufbau der Welt. Doch anders als die Wissenschaft, welche Phänomene beobachtet und Theorien über deren eigentlichen Sinn und Zweck anstellt, betrachtet die Kabbala zuerst das Ziel und erklärt davon ausgehend die Struktur. Das Ziel besteht entsprechend der Kabbala darin, dass allen Menschen die Existenz der einzigartigen, schöpferischen, fundamentalen Urkraft bewusst wird. Mit anderen Worten: Der Sinn liegt darin, dass jeder Mensch die erschaffende Kraft des Lebens wahrnimmt und all die Vorteile nutzt, die diese Entdeckung nach sich zieht.

Der große Kabbalist des 20. Jahrhunderts, Yehuda Ashlag, wegen seines Sulam-Kommentars zum Buch Sohar auch bekannt als Baal HaSulam, beschrieb die Kabbala und den Sinn des Lebens auf folgende Art: „Diese Weisheit stellt nicht mehr und nicht weniger als die Reihenfolge von Wurzeln dar, die (von oben nach unten) gemäß Ursache und Wirkung (kausal) herabhängen und ständigen und absoluten Gesetzen unterworfen sind, welche sich verbinden und auf ein sehr erhabenes Ziel ausgerichtet sind, welches ‚die Offenbarung der Göttlichkeit des Schöpfers an Seine Geschöpfe in dieser Welt’ genannt wird.“ Unser Leben ist das Fahrzeug, mit dem wir diesen Zweck erfüllen können. Folglich betrachten die Kabbalisten die physischen, historischen und sozialen Phänomene unserer Welt als Zustände auf dem Weg zum endgültigen Ziel. Und aus dieser Perspektive wird dieses Buch die Geschichte der Menschheit und ihren derzeitigen Zustand erörtern.

DIE VERBORGENE, ALLGEMEIN GÜLTIGE EINHEIT

Die Kabbala ist nicht die einzige Wissenschaft, die das Gesetz des Lebens erforscht, das im Hintergrund unsere Entwicklung antreibt. Der Encyclopædia Britannica zufolge stellte „Newtons Theorie der Mechanik, bekannt als klassische Mechanik, [...] die Wirkung dieser Kräfte genau dar – unter all den Bedingungen, die zu dieser Zeit bekannt waren. [...] die Theorie wurde seither modifiziert und durch die Theorien der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie erweitert.“ Mit anderen Worten: Newtons Theorie reichte im 20. Jahrhundert nicht mehr aus, um alle beobachtbaren Phänomene zu erklären.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erwiesen sich jedoch auch die darauf folgenden Theorien als unzureichend, was die Suche nach einer großen vereinheitlichten Theorie (engl.: Grand Unified Theory – GUT) auslöste. „Der Traum der Theoretiker (in der Physik)“ so die Encyclopædia Britannica, „besteht darin, eine vollkommen vereinheitlichende Theorie zu finden – eine Art Weltformel (TOE – Theory Of Everything).“

Dem gleicht das Postulat vieler berühmter Physiker, demzufolge wir und alle Teile der Wirklichkeit auf der fundamentalsten Ebene tatsächlich eins sind. Für Werner Heisenberg beinhaltete die Trennung der Teile vom Ganzen einen fundamentalen Irrtum; der Fehler liege darin, etwas zu zerteilen, das nicht zerteilt werden könne. Einheit und Ergänzung bilden die Wirklichkeit.

Heisenbergs Zeitgenosse und Mitbegründer der Quantenphysik, Erwin Schrödinger, behauptete in seinem Essay Die mystische Vision: „Die Vielfalt, die wir wahrnehmen, ist nur eine Erscheinung; sie ist nicht wirklich.“ Selbst der große Albert Einstein erklärte in einem Brief von 1950, „dass der Mensch ein Teil des großen Ganzen sei, das wir als Universum bezeichnen. [...] Wir erfahren uns selbst, unsere Gedanken und unsere Gefühle als etwas, das vom Rest getrennt ist, eine Art optische Täuschung des Bewusstseins.“

Der Beweis, dass alle Teile der Wirklichkeit Manifestationen eines einzigen Ganzen sind oder die Entwicklung einer auf alle Teile der Wirklichkeit anwendbaren Weltformel würde einen Paradigmenwechsel erfordern, der sich sowohl auf die physische, geistige als auch intellektuelle Ebene des Lebens auswirkt. Und hier sind die Physiker am Ende. Selbst die schlausten Köpfe unter ihnen können die Naturphänomene nur teilweise erklären.

Besonders schwer fällt Wissenschaftlern aller Gebiete eine vollständige Erklärung des Phänomens Bewusstsein, das unverblümt die Ergebnisse wissenschaftlicher Experimente beeinflusst. Diesbezüglich veröffentlichte Dr. Johnston Laurance das folgende Statement in einem Online-Essay mit dem Titel Objective Science: An Inherent Oxymoron: „Alle wissenschaftlichen Beobachtungen, selbst auf den fundamentalsten Ebenen, werden durch das Bewusstsein des Beobachters beeinflusst. Im Hinblick darauf ist das Statement ‚Ich werde es sehen, wenn ich es glaube’ kein Widerspruch. Zahlreiche Studien zeigen, dass das Bewusstsein signifikanten Einfluss auf viele verschiedene Endpunkte hat. Vom Wachstum der Bakterien bis zu der Genesung von Herzpatienten.“

In diesem Essay zitierte Laurance auch weitere, ähnlich denkende Wissenschaftler wie den berühmten Neurologen Jean Martin Charcot, Begründer der modernen Neurologie im 19. Jahrhundert: „In der letzten Analyse sehen wir nur, was wir bereit sind zu sehen – was wir gelehrt wurden zu sehen. Wir eliminieren und ignorieren alles, was nicht Teil unserer Vorurteile ist.“

Wenn daher wissenschaftliche Beobachtungen die beobachteten Phänomene beeinflussen, verzerren oder sie sogar auslöschen – kann Wissenschaft dann jemals objektiv sein? Und kann ein Phänomen überhaupt vollkommen verstanden werden, wenn mindestens ein Schlüsselfaktor – nämlich das Bewusstsein – nicht Teil der Studie und der Beobachtung ist?

Hier tritt die Philosophie auf den Plan, um die Wissenschaft zu vervollständigen und die Lücken der Unsicherheit zu schließen. Viele große Denker taten dies, indem sie das Konzept der Einheit der Wirklichkeit postulierten. Zeno von Citium, der große griechische Philosoph des 4. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, behauptete, „alle Dinge sind Teil eines einzigen Systems, welches Natur genannt wird.“

Ähnliches drückt der deutsche Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibnitz in seinen Philosophischen Schriften aus: „Die Wirklichkeit kann ausschließlich in einer einzigen Quelle gefunden werden, aufgrund der gegenseitigen Abhängigkeit aller Dinge zueinander.”

Es wäre gewiss schön, an dieses perfekte Bild der Einheit, Verbindung und Vernetzung aller Dinge zu glauben. Doch so eloquent die Philosophen auch sind – ein Wahrheitssucher würde wohl kaum eine Idee für gut befinden, nur weil sie „schön“ oder wahr klingt. Letztendlich werden Theorien oder Konzepte nur dann bestehen, wenn sie sich in der persönlichen Erfahrung bewahrheiten.