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Serge Kahili King

Healing Relationships

Serge Kahili King

Healing
Relationships

Aus dem Amerikanischen übertragen
von Wulfing von Rohr

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Dank

Allen, die mir geholfen haben, dieses Buch zu schreiben, möchte ich ausdrücklich
Dank aussprechen. Dazu gehören meine Eltern Harry und
Joyce; meine Großeltern und Urgroßeltern; meine Brüder Harry, Loring
und Darrel; meine Schwestern Dee und Marilyn; meine unglaublich wunderbare
Frau Gloria; unsere Kinder Pierre und Dion; meine Verwandten
mit Tanten und Onkeln, Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen,
Schwiegereltern und Enkeln; meine hawaiianische Familie und mein
Aloha International ’ohana; meine Studenten und Freunde überall auf der
Erde und sogar die wenigen, die sich entschlossen haben, mich nicht zu
mögen. Euch allen einen Dank dafür, dass Ihr meine Lehrer seid.

Serge Kahili King:
Healing Relationships
Deutsche Erstausgabe
© Lüchow in J. Kamphausen
Mediengruppe GmbH,
Bielefeld 2006
www.luechow-verlag.de
Original English language edition
© by Serge Kahili King.
All rights reserved.
Umschlaggestaltung: Klei-Design
Umschlagfoto: © Willyam Bradberry –
shutterstock.com
Satz: de·te·pe, Aalen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Print 978-3-89901-810-3
ISBN E-Book 978-3-89901-348-1

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und
sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe
sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Inhalt

Teil Eins:
Das Wesentliche

1. Grundlagen von Beziehungen

2. Kritik und Anerkennung

3. Die Kunst der Vergebung

Teil Zwei:
Ihre intimsten Beziehungen

4. Sie und Ihr Körper

5. Sie und Ihr Ich-Bewusstsein

6. Sie und Ihr Spirit

Teil Drei:
Warum können wir nicht miteinander auskommen?

7. Familienbeziehungen

8. Freunde und Freundschaften

9. Liebespartner und Ehepartner

10. Der Rest der Welt

Teil Eins:
Das Wesentliche

1. Grundlagen von Beziehungen

Im alten Hawaii gab es viele Erzählungen über den Ursprung aller Dinge. In der Kahili-Familie aus Kauai wird überliefert, es habe in einer Zeit vor der Zeit, an einem Ort, als es noch keine Orte gab, Kumulipo gegeben, die tiefe, dunkle, unergründliche und geheimnisvolle Leere. In dieser endlosen Leere wartete ein unendliches Potenzial darauf, erfüllt zu werden. Es konnte sich jedoch aufgrund der Spannung zwischen zwei Kräften nicht manifestieren: Wakea, der männlichen Kraft des Chaos, und Papa, der weiblichen Kraft der Ordnung. Zu einem unbestimmbaren Zeitpunkt löste sich die Spannung, die chaotische Bewegung wirkte mit der geordneten Stille zusammen, und sie schufen die Erste Welle. Aus dieser Ersten Welle manifestierte sich die Erste Beziehung. Und seither haben wir ein Problem.

Warum Menschen in Beziehung stehen

Wellen entstehen aufgrund einer Beziehung zwischen Bewegung und Stille. Und alles existiert in einer Vielzahl von Beziehungen zu anderen Dingen. Jedoch sind nicht alle Beziehungen gesund im Sinne von günstig für den oder für das, was sich miteinander in Beziehung befindet. Das trifft besonders auf zwischenmenschliche Beziehungen zu, die das Thema dieses Buches sind. Wenn man die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bedenkt, zwischen Männern und Männern, zwischen Frauen und Frauen, zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Umweltfaktoren und vielem anderen, stellt es ein Rätsel und ein Wunder dar, dass überhaupt jemand mit einer anderen Person auskommt.

Und doch geschieht genau das. Die meisten Menschen vertragen sich die meiste Zeit mit anderen gut; viele Menschen schaffen das manchmal nicht; und einige wenige kommen mit anderen nie klar. Dieses Buch richtet sich hauptsächlich an die zweite Gruppe.

Es ist wirklich erstaunlich, dass so viele Menschen ganz allein und ohne Hilfe herausfinden, wie sie mit anderen Menschen gut auskommen. Es ist jedoch traurig zu sehen, dass so viele andere Menschen, aus welchem Grund auch immer, das nicht schaffen. Wenn wir jetzt jene Menschen beiseite lassen, die mit anderen gar nicht auskommen wollen, so meine ich, dass jeder, der sich mit anderen Menschen vertragen möchte, das auch erreichen kann – denn ich glaube, dass grundsätzlich jeder mit allen anderen gut auskommen möchte. Ich glaube auch, dass es recht einfach ist, dafür das Richtige auf die rechte Weise zu tun. Um aber Beziehungen verstehen zu können, müssen wir erst einmal verstehen, warum Menschen überhaupt Beziehungen zu anderen unterhalten wollen.

Wir Menschen tun nichts ohne einen guten Grund, besonders nicht so etwas Schwieriges wie eine gute Beziehung zu jemand anderem aufbauen und pflegen. Welcher Grund könnte also für Menschen so überzeugend sein, dass sie die Herausforderung annehmen, eine Beziehung zu einem anderen menschlichen Wesen zu unterhalten?

Die Antwort ist in jener Motivation zu finden, die Menschen antreibt, überhaupt irgendetwas zu tun – vom Aufstehen am Morgen über die Pflege von Beziehungen und Arbeit und Freizeit während des Tages bis zum Zubettgehen am Abend. Das ganze menschliche Verhalten ist tief in etwas verwurzelt, was wir normalerweise übersehen. Es erinnert mich an einen alten Witz über jemanden, der an einer Straßenecke steht und sich selbst mit einem Hammer immer wieder auf den Kopf schlägt. Als ein anderer ihn fragt, warum er das mache, lautet die Antwort: »Weil es sich so gut anfühlt, wenn ich damit aufhöre.« Jeder Mensch will sich einfach wohl fühlen. Wir stehen morgens auf, weil sich das besser anfühlt als im Bett liegen zu bleiben. Wir gehen zur Arbeit, wenn wir uns aufgrund der Arbeit selbst oder eines Vorteils, den uns die Arbeit bietet (wie Nahrung, Unterkunft oder Kleidung), besser fühlen als ohne Arbeit. Die Leute spielen, wenn ihnen ein Spiel Spaß macht oder wenn sie dafür etwas erhalten, was ihnen gefällt, etwa Geld, Gesundheit oder Anerkennung. Menschen gehen abends ins Bett, wenn sie sich damit besser fühlen, als wenn sie nicht zu Bett gingen.

Und Menschen stehen in Beziehung zu anderen, scheuen keine Mühe, um Menschen zu finden, mit denen sie Kontakt pflegen können, und nehmen alle möglichen Unbequemlichkeiten, Schwierigkeiten und sogar Gefahren auf sich, wenn es sich für sie besser anfühlt, in statt ohne Beziehungen zu sein.

Das ist alles schön und recht, sagen Sie vielleicht (und ich habe es jetzt gerade für all diejenigen Leser gesagt, die nicht daran gedacht haben, es zu sagen), aber das alles klingt viel zu allgemein, um wirklich nützlich zu sein. Nun gut, das mag stimmen – also schauen wir uns einmal genauer an, was bewirkt, dass sich Menschen wohl fühlen.

Was bedeutet »sich wohl fühlen«?

Bevor wir besprechen, warum sich Menschen gut fühlen, sollten wir untersuchen, was »sich wohl fühlen« wirklich bedeutet. Im Grunde genommen handelt es sich dabei um eine physiologische Empfindung von Freude, Genuss bzw. Vergnügen oder Lust. Auch wenn Sie sich gut fühlen, weil Sie ein Rechenproblem gelöst haben, etwa in Algebra oder Geometrie, oder wenn Sie ein Kreuzworträtsel zu Ende gebracht haben, gibt es eine physiologische Empfindung, die wir als Genuss interpretieren.

Ob wir das nun mögen oder nicht: Unser Körper hat immer damit zu tun, wenn wir uns gut fühlen, ob wir diese Erfahrung nun mit unserem Körper, unserem Verstand oder unserem Geist assoziieren. Die tatsächliche Empfindung des Wohlfühlens beruht auf einer plötzlichen Lösung körperlicher Anspannung. Eine kleine Lösung von Spannung führt zu einer kleinen Genusserfahrung, eine größere Spannungslösung bewirkt eine größere Freude.

Manchmal führt eine plötzliche Spannungsentladung allerdings auch zu einer plötzlichen Erhöhung von Spannung – das nennen wir dann Angst oder Wutausbruch. Aber generell fühlt sich die Lösung von Spannung gut an. Es spielt dabei keine Rolle, was die Spannungsentladung bewirkt, sondern es kommt nur darauf an, dass sie plötzlich geschieht. Ich erinnere mich an den Bericht einer Marketingfirma in den USA, die feststellte, dass der Einzelhandel im Allgemeinen damit rechnen kann, dass unmittelbar nach einer Wetterwechsel die Zahl der Käufer und Käuferinnen signifikant zunimmt. Nach diesem Bericht kam es nicht darauf an, ob sich das Wetter von sonnig zu regnerisch oder umgekehrt änderte. In beiden Fällen nahm die Zahl der Käufer deutlich zu. Es lag allein am plötzlichen Wetterwechsel, der Spannungen in den Menschen löste, dass es zu vermehrter (Einkaufs-)Aktivität kam.

Um das nun auf Beziehungen zu übertragen: Eine der Quellen von Freude, die man in einer Beziehung zu einer anderen Person erlebt, ist die Menge und Häufigkeit an Spannungslösung, die diese Beziehung bietet. Viele Menschen werden jetzt sofort an sexuelle Aktivitäten denken, aber Sex ist nur eine von sehr vielen Möglichkeiten der Entladung von Spannung in Beziehungen und somit auch von Gelegenheiten, sich wohl zu fühlen.

Ein weiteres weit verbreitetes Element in vielen angenehmen Erfahrungen im Zusammenhang mit der plötzlichen Lösung von Spannungen hat mit vertrauten Mustern zu tun. Im Englischen gibt es das Sprichwort: »Vertrautheit führt zu Missachtung.« Damit ist gemeint, dass etwas oder jemand umso weniger Bedeutung und Respekt erhält, je vertrauter die Sache oder die Person ist. Das gilt jedoch nur, wenn die Sache oder die Person, die einem vertraut ist, Widerstand, also Spannung produziert. Viel häufiger führt Vertrautheit zu Wohlbefinden. Das trifft zum Beispiel zu für die Freude, die wir an Hobbys oder Freizeitbeschäftigungen haben, an Spielen, deren Regeln wir gut kennen und die wir gut beherrschen, an Musizieren, Tanzen und – wenn es keinen Grund für irgendeinen Widerstand gibt – an Begegnungen mit lieben Familienmitgliedern und alten Freunden. Wenn wir mit Menschen zusammen sind, die uns nahe stehen, wenn wir an bekannten Orten sind, bei vertrauten Dingen und Gewohnheiten, dann bietet uns das ein Gefühl von Sicherheit, das zu einer Lösung von Spannung führt und das sich gut anfühlt.

Unterschiede und Ähnlichkeiten

Jemand hat mir einen Aphorismus geschickt, den ich sehr mag: »Männer sind von der Erde. Frauen sind von der Erde. Kapier das endlich!« Es kann nützlich und amüsant sein, die unterschiedlichen Denk- und Handlungsweisen von Männern und Frauen zu betrachten. Manches ist dabei natürlich physiologisch begründet, aber das Meiste geht auf den Einfluss der jeweiligen Kultur, in der der die Menschen leben, zurück. Viele Unterschiede, die in einer Gesellschaft sinnvoll sind, gelten für eine andere überhaupt nicht.

In einem Buch, das solche Unterschiede behandelt, behaupten die Verfasser, dass es wegen der Hunderttausende von Jahren der Evolution wesentliche Unterschiede zwischen Männer und Frauen gebe. Es sei bereits in der Gehirnstruktur angelegt, dass Männer aufgrund ihrer Natur polygam und Frauen monogam seien, dass Männergruppen Anführer hätten und Frauengruppen kooperativ funktionierten, dass Männern gern arbeiteten und Frauen gern sprächen, dass Männer Jäger seien und Frauen Fürsorge böten und so fort. Solche Behauptungen übersehen, dass es Gesellschaften gibt, in denen Frauen polygam sind und Männer monogam, dass es weibliche Anführerinnen und männliche Mitarbeiter gibt oder sogar weibliche Jägerinnen und fürsorgliche Männer, die sich um Haus und Heim und Familie kümmern.

In Hawaii gibt es eine berühmte Sage, die von Pele, der Vulkan-Göttin und ihrer jüngeren Schwester Hi’iaka handelt. In dieser Legende ist Pele die unangefochtene Führerin einer hauptsächlich aus Frauen bestehenden Gruppe. Sie hat kein männliches Pendant, keinen Mann, der irgendeine Autorität über sie ausübt, aber sie hat zahlreiche Liebhaber (was für weibliche Häuptlinge in der hawaiianischen Gesellschaft nicht unüblich ist. Wenn wir an Maria Theresia von Österreich oder Katharina die Große von Russland denken, gab es so etwas auch in Europa.). Einer von Peles Liebhabern ist Lohiau, ein Häuptling von Kauai. In der Geschichte befindet sich Pele auf Big Island Hawaii und sie möchte, dass ihre jüngere Schwester nach Kauai geht, um Lohiau für sie abzuholen. Als Teil der Abmachung verspricht Pele ihrer Schwester Hi’iaka, Lohiau werde »fünf Tage und fünf Nächte mir gehören; danach wird das Tabu aufgehoben und er wird dein sein«. Das passt nicht in westliche stereotype Vorstellungen von Rollenverhalten hinein, aber es spiegelt einige wichtige Aspekte der hawaiianischen Kultur wider und es ist ein Beleg dafür, wie wesentlich die kulturellen Unterschiede für das menschliche Verhalten sind.

Ich meine, dass die meisten Unterschiede, die wir zwischen männlichem und weiblichem Verhalten wahrnehmen, aus der jeweiligen Kultur stammen. In den vielen Kursen überall auf der Erde, in denen ich Männern und Frauen zeige, wie Beziehungen funktionieren und wie man sie verbessern kann, benutze ich immer dieselben Konzepte und Techniken. Die Männer und Frauen in all den verschiedenen Ländern haben die gleichen Ergebnisse, weil die Ähnlichkeiten zwischen ihnen stärker sind als alle Unterschiede.

Liebe, Macht und Harmonie

Nachdem ich das festgestellt habe, können wir uns nun um die drei Hauptfaktoren kümmern, die uns motivieren, uns wohl zu fühlen, und die allen Menschen gemeinsam sind. Wir brauchen uns für die drei Motivationen keine phantasievollen Namen auszudenken. Alle Menschen, ob Männer oder Frauen, werden entweder durch Liebe oder durch Macht oder durch Harmonie motiviert oder durch unterschiedliche Kombinationen davon. Wenn Sie einmal verstanden haben, wie diese Motivationen wirken, wird es Ihnen leicht fallen, jede Art von menschlichem Verhalten zu verstehen, sogar Ihr eigenes.

Das Bedürfnis, zu lieben und geliebt zu werden

Als Motivationskraft ist Liebe das Bedürfnis, sich mit jemandem oder mit etwas zu verbinden. Uns Menschen kommt es nicht sehr darauf an, womit wir uns verbinden. Deshalb können wir nicht nur Menschen lieben, sondern auch Orte, Tiere, Pflanzen, Dinge (dieser Begriff beinhaltet eine riesige Menge an Möglichkeiten) und Ideen sowie alle möglichen weiteren Kategorien, die ich hier vielleicht nicht aufgeführt habe.

In jeder Situation, in der es keine Angst und keinen Zorn gibt, oder in der diese zumindest schwächer sind als der Wunsch, sich miteinander zu verbinden, werden menschliche Wesen sich ineinander verlieben. Kulturelle und persönliche Neigungen werden bestimmen, ob sie zu einem Liebespaar werden oder einfach zu Freunden, aber sie werden sich unvermeidlich miteinander verbinden. Das ist der Grund für den Vorgang und Zustand, den man Bonding nennen kann, den es zwischen Individuen und in Gruppen jeder Art gibt. (Bonding ist eine Form der innigen Verbundenheit, die nicht als erzwungene Bindung, sondern als freiwillig, als ein Schwingen auf derselben Wellenlänge, empfunden wird.)

Liebe ist Teil unseres Wesens. Es ist der Zustand, wenn man sich glücklich miteinander verbunden fühlt, oder der Vorgang, wenn das gerade geschieht. Dabei öffnen wir unser Selbst, um einen anderen aufzunehmen. Wir brauchen nicht nach Liebe zu streben, es sei denn, dass wir spüren, dass wir sie nicht haben. Wenn sich Menschen unter Umständen begegnen, in denen keine Angst herrscht, ereignet sich Liebe einfach. Ich habe an zahlreichen Treffen in vielen verschiedenen Ländern teilgenommen, bei denen völlig Fremde zu liebevollen Freunden wurden, nachdem sie nur zwei oder drei Tage miteinander verbracht hatten. Was sie bei dem Treffen machten und warum sie dorthin kamen, schien keine Rolle zu spielen. Bereits die gemeinsame Nähe und der Mangel an Angst brachten ohne jede Anstrengung Liebe hervor. In Zeiten der Gefahr manifestiert sich Liebe auch auf ganz natürliche Weise. Wenn eine Katastrophe oder ein Unglück geschehen, dann beginnen jene Menschen, die nicht von Angst gefangen sind, automatisch, den Personen in Not zu helfen. Das muss man keinem beibringen; man kann nur unterrichten, wie man noch besser helfen könnte.

Der Wunsch zu helfen, der eine Form von Liebe darstellt, entsteht ganz spontan. Diese automatische Liebesreaktion ist so großartig, dass manche Menschen ihr eigenes Leben riskieren, um einem anderen zu helfen, selbst einer völlig fremden Person. Wir nennen solche Menschen Helden: Wenn jemand in einen reißenden Strom springt, um einen anderen vor dem Ertrinken zu retten, oder in ein brennendes Gebäude läuft, um ein Kind herauszutragen, oder irgendeine von hundertundein anderen mutigen Taten vollbringt, um einem anderen Menschen zu helfen. Und doch halten sich nur wenige dieser Menschen für Helden. Die meisten sagen, sie hätten nur getan, was getan werden musste, sie hätten ohne nachzudenken gehandelt. So etwas ist ein spontaner Akt der Liebe.

Zweifel ist der eine Faktor, welcher die Verbindung der Liebe schwächt. Wenn eine Person die Existenz der Liebe bezweifelt, dann wird Angst geboren und die Liebe beginnt abzusterben. Angst greift in die Liebe ein, weil sie das Gegenteil von Liebe ist. Angst entsteht, weil man sich unverbunden fühlt oder weil man unverbunden ist. Wenn Liebe abnimmt, wird die Angst größer; wenn Angst kleiner wird, wird Liebe zunehmen. Und es geht sogar noch weiter: Wenn die Liebe schwächer wird, dann nehmen auch das Bedürfnis und die Sehnsucht nach Liebe ab.

Die Notwendigkeit und der Wunsch nach Liebe beeinflussen alle unsere Aktionen und Reaktionen. In dem Maße, wie wir einen Mangel an Liebe in irgendeiner Form spüren, wird irgendeine Form von Angst dieses Bedürfnis und diese Sehnsucht nach Liebe begleiten. Neben der mächtigen Kraft der sexuellen Liebe werden wir auch von einer Liebe für Zustimmung und Anerkennung angetrieben. Viele unserer Verhaltensweisen sind von der Hoffnung nach Zustimmung geleitet oder von der Reaktion auf Ablehnung, viele weitere werden von der Suche nach Anerkennung geführt, sei sie noch so geringfügig und zeitlich begrenzt – besonders dann, wenn wir Zuneigung und Zustimmung nicht unmittelbar erwarten dürfen. Sowohl große Taten, die der gesamten Gesellschaft dienen, wie solche, die ihr schaden, können aus dem Bedürfnis und dem Streben nach Anerkennung entspringen. Wenn es an Anerkennung mangelt, versuchen manche Leute, Respekt mit Macht einzufordern, indem sie entweder etwas vollbringen, was sehr wertvoll ist, oder indem sie durch die Verbreitung von Furcht und Angst falschen Respekt erheischen.

Wenn die Notwendigkeit und die Sehnsucht, Liebe in irgendeiner Form zu spüren, lange und nachhaltig genug vereitelt worden sind, dann führt das zu einem mentalen, emotionalen oder physischen Verhalten, das Beziehungen stört oder sogar zerstört. Das passiert, wenn die Angst, die sich aus dem Mangel an Liebe ergibt, kein Ventil findet. Wenn aus der Sicht der betroffnen Person nichts mehr gemacht werden kann, dann führt die Angst zu einem inneren Rückzug; sie produziert eine große Spannung im Körper, was wiederum zu immer größerer Lösung von Verbundenheit, zur Trennung von anderen führt.

Das Bedürfnis, andere zu ermächtigen und selbst ermächtigt zu sein

Auch Macht ist Teil unserer Natur.* Wie bei der Liebe brauchen wir nicht nach Macht zu streben, es sei denn, wir meinen, wir hätten keine. Macht ist an sich der Akt, effektiv zu sein, Dinge bewegen zu können, etwas zu vollbringen. Vom Augenblick der Empfängnis an befinden wir alle uns in dem Prozess, unsere Macht zum Ausdruck zu bringen – indem wir das tun oder versuchen, was für unser Überleben und unsere Lebensfreude wirksam ist.

Physisch sind unsere Körper ständig damit beschäftigt, sich selbst zu erhalten, sich zu reparieren, zu wachsen, zu lernen und zu genießen. Mental sind wir laufend daran, Probleme zu lösen, kreativ zu sein und unseren Einfluss in unserer Umwelt auszudehnen. Wir sind immer machtvoll, aber aus vielerlei Gründen erkennen wir das vielleicht nicht immer. Wenn der Ausdruck unserer Kraft nicht sehr effektiv ist oder wir meinen, dass er das nicht sei, ist die natürliche Reaktion, eine andere Lösung für ein Problem oder eine andere Art und Weise zu finden, effektiv zu sein.

Erfinder experimentieren vielleicht mit Tausenden von unterschiedlichen Ansätzen, bevor ihre Erfindung funktioniert. Sportteams probieren Dutzende verschiedener Strategien aus, um ihre Gegner zu besiegen. Politiker entwerfen zahlreiche unterschiedliche wirtschaftliche und soziale Pläne, um ihre Ziele zu erreichen. Einzelne Menschen probieren verschiedene Heilmethoden und Verfahren aus, versuchen sich in unterschiedlichen Berufen, Beziehungen und Religionen – alles mit dem Ziel, in ihrem Leben wirksamer zu sein.

Und es ist wieder der Zweifel, der als stärkster Faktor wirkt, um den natürlichen Ausdruck von Macht zu schwächen. Wenn eine Person ihre persönliche Macht bezweifelt oder die Quelle ihrer eigenen Kraft, dann entsteht Ärger und die Kraft beginnt zu schwinden. Wenn Macht abnimmt, nimmt Wut zu; wenn der Zorn sich verringert, wächst die Kraft. Und wie bei der Liebe vermindern sich auch das Bedürfnis und die Sehnsucht nach Macht, wenn Macht abnimmt.

Die populärste Technik, um erneut Macht zu erlangen, während Zweifel und Zorn noch wirken, ist der Versuch, Kontrolle auszuüben. Viele Menschen verwechseln Macht mit Kontrolle. Kontrolle ist jedoch das, was Menschen benutzen, wenn sie sich machtlos oder ohnmächtig fühlen. Wir üben aktive Kontrolle aus, um Menschen zu zwingen, das zu tun, was wir wollen. Das nimmt üblicherweise die Form von Einschüchterung oder physischer Gewalt an. Passive Kontrolle, die auch passive Aggression genannt wird, besteht darin, Menschen zu veranlassen, das zu tun, was wir wollen, indem wir uns weigern, etwas zu tun oder die anderen sich schuldig genug fühlen lassen, weil sie nicht das tun, was wir wollen. Neben der Tatsache, dass der Versuch, andere Menschen zu kontrollieren, schlecht für Beziehungen und Effektivität ist, verursacht er eine Menge an Spannungen in der Person, die kontrollieren will.

Wenn Kontrolle nicht möglich ist, wird manchmal eine andere Methode angewandt: Vandalismus. Ein Kind, das sich verletzt und ohnmächtig fühlt, zerbricht vielleicht irgendetwas, um seinen Ärger zu zeigen. Das geschieht selten in der Absicht, die Eltern zu kontrollieren, aber es ruft eine Reaktion hervor, und dieser Ersatz für Wirksamkeit bringt zumindest eine kleine Befriedigung mit sich.

Das Kind denkt sich: »Ich bekomme nicht, was ich will, aber mindestens kann ich jemanden unglücklich machen.« Das ist zwar ein sehr armseliger Ersatz für Effektivität, aber ein solches Verhalten kann sich von kindlichem Jähzorn über jugendlichen Vandalismus bis hin zu Terrorakten von Erwachsenen fortsetzen.

Wenn es kein Ventil für die Wut gibt und keine Rückkehr zur wirklichen Ermächtigung, wird der Zorn nach innen gerichtet. Das führt zu mentalem, emotionalem und physischem Widerstand gegen alle anderen Formen menschlichen Verhaltens.

Das Bedürfnis, Harmonie zu schaffen

Schließlich gibt es die natürliche Neigung, nach Harmonie zu streben. Mit Harmonie meine ich die gegenseitig angenehme und nützliche Integration und Kooperation zwischen Menschen und ihrer gesellschaftlichen und natürlichen Umwelt. Am einfachsten sehen wir das bei isoliert lebenden Stammesgruppen, aber das gibt es auch in vielen kleinen Gemeinschaften, Nachbarschaften, Gruppen und Vereinen.

Wir beobachten vielleicht Versuche von nationalen Regierungen oder den Vereinten Nationen, Harmonie zu schaffen, aber das scheint umso schwieriger zu sein, je größer die Gruppe ist. Das ist teilweise deshalb so, weil es leichter ist, unpersönlicher zu werden, je größer eine Gruppe ist. Das Gefühl, mit etwas verbunden zu sein und einen persönlichen Einfluss ausüben zu können, geht mit zunehmender Größe der Gruppe häufig verloren.

Zur Harmonie gehört aber noch mehr. Sie hat mit dem Gespür dafür zu tun, welchen Platz man in der Welt einnimmt und welchen Sinn man in der Welt hat. Harmonie betrifft auch die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit (im Sinne von Verbundenheit) vom Rest der Welt. Wenn ein Mensch diese gegenseitige Abhängigkeit bezweifelt, und wenn jemand seinen eigenen Platz und Sinn in der Welt in Zweifel zieht, dann entsteht Entfremdung. Dann wird anstatt »Du und ich zusammen« oder »Wir und sie gemeinsam« nun ein »Ich gegen dich« oder »Ich und wir gegen die da«. Im Zustand von Entfremdung besteht oft eine extreme Verwirrung, Ruhelosigkeit, Apathie, Verzweiflung, die eine enorme innere Anspannung und selbstverständlich auch mentale, emotionale und physische Disharmonie erzeugt.

Die Lösung für Beziehungsprobleme, die von Angst verursacht werden, besteht darin, mehr Barmherzigkeit zu geben, mehr Anerkennung, Wertschätzung, Bewunderung, Toleranz, Fürsorge und Hilfe – den anderen und sich selbst. Die Lösung für Beziehungsprobleme, die aufgrund von Ärger und Wut entstanden sind, besteht darin, das eigene Wissen, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten und das Selbstvertrauen zu stärken. Die Lösung für Beziehungsprobleme, die durch Entfremdung hervorgerufen wurden, besteht darin, zunächst einmal spirituelle Harmonie mit einem höheren oder tieferen Wesen anzustreben und dann in allen Dingen nach diesem Wesen Ausschau zu halten.

Sollten Sie die ganz schnelle Patentlösung suchen, weil das moderne Leben so ultraschnell abläuft, dann hören Sie einfach auf zu zweifeln. Bewahren Sie sich eine gesunde Skepsis, soweit das nötig ist, aber weigern Sie sich, Ihren Selbstwert in Zweifel zu ziehen, den Wert anderer und den Wert der Welt. Wenn Ihnen das jedoch als zu einfach erscheint, dann lesen Sie weiter.

Nach welchen Regeln wir leben

Viele Menschen verbringen ihr gesamtes Leben damit, nach den Gesetzen oder Regeln des Universums zu suchen. Deshalb habe ich mich entschlossen, ihnen viel Zeit zu ersparen, indem ich diese jetzt veröffentliche, kostenlos. Seien Sie gewarnt, dass das auf der schamanischen Sicht der Welt aufbaut, in der alles lebendig, bewusst und empfänglich bzw. reaktionsfähig ist.

Das Universum und alles, was darinnen ist, hat drei Aspekte: Spirit, Körper und Ego (das Ich-Bewusstsein).*

Jeder dieser drei Aspekte hat seine eigenen Regeln. Je besser wir diese Regeln verstehen, desto leichter wird es uns fallen, zu wachsen, zu heilen und Spaß am Leben zu haben.

Spirit kennt nur eine Regel: »Erfahre das Sein.« Das ist alles. Keine Bedingungen, kein Sollen, keine Grenzen. Und kein dem Sein aus dem Weg gehen.

Der Körper hat nur zwei Regeln: »Strebe nach Genuss« und »Vermeide Schmerzen«. Da es nicht immer unter allen Umständen klar ist, wie man das bewerkstelligen soll, wird der Körper sich manchmal auf Schmerz hinbewegen, um einen damit verbundenen sinnlichen oder emotionalen Genuss zu erfahren. Beispiele dafür wären, sich den Strapazen eines Bergaufstiegs zu unterziehen, um die schöne Ausblick zu genießen, Fitnessübungen zu betreiben, um mehr Energie zu haben, oder sich zu einer Operation anzumelden, um danach wieder gesünder zu sein. Manchmal scheint Genuss keine Alternative zu sein, und dann wird der Körper versuchen, sich in die Richtung des geringst möglichen Leidens zu bewegen. Das beobachten wir bei Menschen, die sich krank trinken, um emotionale Schmerzen zu unterdrücken; bei Menschen, die in schlimmen Beziehungen bleiben aus Angst, sonst gar keine Beziehung zu haben, und bei Menschen, die einen gewalttätigen Selbstmord verüben.

Dann gibt es Menschen, die von Genuss wegstreben, weil sie sich vor den damit verbundenen Schmerzen fürchten. Das sind zum Beispiel Leute, die Erfolg vermeiden aus Angst vor Kritik, oder solche, die glauben, dass Lebensfreude eine Sünde sei, die von Gott bestraft werde, oder Menschen, die meinen, dass Genuss schwäche. In den meisten Fällen gilt jedoch, dass alles spontane, intuitive und unterbewusst gesteuerte Verhalten den beiden Grundregeln folgt, Genuss anzustreben und Schmerz zu vermeiden.

Und was ist nun mit dem Ego? O je! Das Ego ist ein Fanatiker, der alles geregelt haben will. Es stellt Regeln auf – viele und noch mehr Regeln, und zwar über alles Mögliche. Es erstellt Regeln über die Sprache, Regeln über die Religion, Regeln über das Benehmen, sogar Regeln über das Universum. Und wenn es etwas nur gar zu sehr will – na, dann ändert es einfach die Regeln. Also haben wir Hunderte von Sprachen auf der Erde, Hunderte von Kulturen, die auf ihren eigenen Vorstellungen darüber beruhen, was richtig und was falsch ist, Hunderte von Arten, sich auf Gott zu beziehen, Hunderte von wissenschaftlichen Theorien über Hunderte von Themen, Hunderte von Ländern mit ihren eigenen politischen Systemen, Hunderttausende von Gesetzen, die das Verhalten in den verschiedenen Gesellschaften regeln … Sie merken schon, worum es geht.

Fragen Sie einfach irgendjemanden nach seiner Meinung über irgendetwas, und Sie werden hören, nach welchen Regeln derjenige lebt. Wir nennen unsere Regeln vielleicht Meinungen, Glaubenssätze oder Tatsachen, aber es sind trotzdem nur Regeln. Manche sind ererbt, andere ausgeliehen und manche handgestrickt. Regeln zu brechen ist eine knifflige Sache. Versuchen Sie einfach mal, die Regel von Spirit zu brechen. Nicht-Sein scheint keine Option oder Alternative zu bieten. Und wenn Sie die Regeln des Körpers brechen, erleben Sie gewöhnlich ernste und unmittelbare körperliche oder emotionale Folgen. Der Körper will seinen Genuss und fürchtet alle Schmerzen: Wehe dem Ego, das versucht, ohne guten Grund die Neigungen des Körpers zu verändern.

Es gibt Konsequenzen, wenn man die Regeln des Ego bricht, aber sie hängen von den Regeln ab, um die es dabei geht, und wer sonst noch damit zu tun hat. Sie können eine Gesetzesregel straflos brechen, wenn es keiner merkt; es sei denn, dass Sie Legalität mit Legitimität verwechseln, also Gesetzestreue mit Moral (gelegentlich sind beide dasselbe). Falls Sie ein moralisches Gesetz brechen, eines, das Sie selbst akzeptiert haben, und es merkt sonst keiner, werden Sie sich wahrscheinlich selbst bestrafen. Sie können die Regeln der Sprache brechen, riskieren damit jedoch, dass Sie missverstanden werden. Sie können die Regeln der Wissenschaft laufend brechen, so lange Sie keine Förderung für ein wissenschaftliches Projekt beantragen; allerdings kann es sein, dass manche Dinge einfach nicht so funktionieren, wie Sie erwarten. Sie können die sozialen Regeln Ihrer Gruppe brechen, wenn es Ihnen nichts ausmacht, aus ihr ausgeschlossen zu werden.

Ich empfehle nicht, Regeln zu brechen. Ich empfehle, die Regeln des Spirits und des Körpers anzuwenden, und auf kreative Weise mit den Regeln des Ego zu spielen und mit seinem Talent, neue Regeln aufzustellen. Beim Ego ist es viel einfacher, neue Regeln zu finden als zu versuchen, die alten zu brechen. Regeln, die nicht weiter nützlich sind, lösen sich einfach auf. Sie können Regeln aufstellen über alles, was Sie mögen (ich gebe Ihnen hiermit nicht etwa die Erlaubnis dazu, es ist schlicht etwas, was jeder sowieso tut). Sie können unterschiedliche Regeln dafür aufstellen, wie Sie denken und wie Sie fühlen, was möglich ist, was Sie tun können oder dürfen, was die Vergangenheit bedeutet und was die Zukunft bringen wird. Die Regeln, die Sie benutzen, werden Ihr Verhalten und Ihre Lebenserfahrungen beeinflussen. Wenn Sie Ihre Regeln ändern, wird sich auch Ihr Leben ändern. Dieses Buch wird Ihnen helfen, die Regeln anzusehen, die Sie für Beziehungen verwenden, und neue Regeln zu erschaffen, wenn Sie das möchten.

Worum es in diesem Buch geht

Dies Buch heißt »Healing Relationships« – »Beziehungen heilen« oder »heilende Beziehungen«. Es handelt also von Beziehungen und Heilung. Und gleichzeitig geht es in diesem Buch überhaupt nicht darum, Beziehungen zu heilen. Nein, ich versuche nicht, Sie zu verwirren. Ich versuche Ihnen zu helfen, klarer zu verstehen, was Beziehungen eigentlich sind. Viele Menschen lesen heute über Beziehungen, schreiben darüber, geben Kurse über Beziehungen und beschweren sich über Beziehungen. Und trotz alledem scheinen viele Beziehungen einfach überhaupt nicht besser zu werden. In meiner Beratungsarbeit höre ich von Klienten eine Menge an Kommentaren wie diese: »Meine Beziehung funktioniert einfach nicht.« – »Mein Partner will über unsere Beziehung nicht sprechen.« – »Ich habe schon alles versucht, damit diese Beziehung klappt.« – »Ich habe mich entschieden, keine neue Beziehung mehr einzugehen.« Ich könnte mit solchen Beispielen noch lange fortfahren. Aber Sie brauchen gar nicht mehr davon lesen, weil das Problem ja offensichtlich ist.

Oder etwa nicht?

Dann will ich es deutlich machen. Das Problem ist, dass zu viele Menschen mehr Zeit damit verbringen, ihre Beziehung zu verbessern, als sie darauf zu verwenden, wie sie sich auf andere Menschen beziehen, wie sie miteinander umgehen. Betrachten Sie einmal die folgenden Bilder:

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Auf dem ersten Bild arbeitet das Paar an seiner Beziehung. Anstatt ein Paar zu sein, sind sie nun eine Gruppe, wobei die Beziehung als ein getrenntes Wesen praktisch ein eigenes Leben annimmt. Obwohl ich davon ausgehe, dass alles lebendig ist, bewusst und reaktionsfähig, weiß ich auch, dass es nichts anderes als nur eine Ablenkung von echten Problemen darstellt, wenn man »an der Beziehung arbeitet«, anstatt an sich selbst. Denn obwohl eine »Beziehung« in gewisser esoterischer Hinsicht lebendig sein könnte, ist sie doch nur ein abstraktes, intellektuelles Konzept – eine gedankliche Vorstellungsform, wenn man so will –, die keine Ähnlichkeit mit einem lebendigen, atmenden menschlichen Wesen besitzt. Beziehungen denken nicht wie Menschen; sie handeln nicht; sie verändern nichts; sie existieren einfach so wie die Vorstellung von »sich auf etwas beziehen« oder das Konzept »in Beziehung mit jemandem stehen« existieren, ohne eigene Wirkung. Tatsächlich gibt es so etwas wie »eine Beziehung« nicht in dem Sinne, dass sie getrennt von den Menschen existiert, die in Beziehung miteinander stehen. Meine »Beziehung« mit meiner Frau ist keine Sache. Das ist nur ein Wort für die Art und Weise, wie wir uns aufeinander beziehen und wie wir miteinander umgehen. Wir können unsere Beziehung als solche völlig vergessen und sehr gut auskommen. Wir können allerdings nicht die Art und Weise des Umgangs miteinander ignorieren und trotzdem gut klar kommen.

Das Problem zwischen zwei Menschen ist niemals eine »Beziehung«, die nicht funktioniert. Das Problem ist immer, dass einer oder beide nicht wissen, wie sie besser miteinander umgehen können. Daraus entsteht ein Verhaltensproblem, kein Beziehungsproblem – und es ist viel einfacher, Verhaltensmuster zu verändern als das abstrakte Konzept, das »eine Beziehung« genannt wird.

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Auf dem zweiten Bild bezieht sich das Paar sich aufeinander. Beide kommunizieren, gehen auf das Verhalten des anderen ein und schaffen dadurch eine gute Beziehung zwischen sich, weil sie sich darum kümmern, wie sie mit sich selbst und mit dem anderen umgehen, wie sie sich aufeinander beziehen.

Geht es in diesem Buch also wieder einmal um die Änderung von Verhaltensmustern? Nun, Ja und Nein. Es ist ein Buch darüber, wie Sie Ihr Verhalten verändern können, um gesündere und bessere Beziehungen mit anderen Menschen und Ihrer Umwelt zu schaffen. Allerdings sind meine Ideen darüber, was die besten Methoden dafür sind, aufgrund meiner Erfahrungen mit alternativen und komplementären Heilmethoden ein bisschen ungewöhnlich.

Ich werde Ihnen zum Beispiel zeigen, wie Sie Ihr physisches, emotionales, mentales und energetisches Verhalten in Ihren verschiedenen Beziehungen erforschen können, und ich zeige Ihnen, wie Sie Beziehungen verbessern können, indem Sie objektive, subjektive, symbolische und holistische Techniken einsetzen.

Verhaltensmuster erforschen

Zum physischen Verhalten gehört, wie Sie mit Ihrem eigenen Körper umgehen, denn das beeinflusst, wie andere Menschen mit Ihnen umgehen. Es schließt auch ein, wie Sie sich bewegen und Ihren Körper benutzen, um auf andere Menschen einzugehen.

Emotionales Verhalten hat mit Ihren Gefühlen zu sich selbst und anderen zu tun, also auch damit, wie Sie Emotionen ausdrücken oder wie Sie sie unterdrücken. Ob Sie es wissen oder nicht, und auch gleich, ob Sie es glauben oder nicht: Andere Menschen können auf subtile oder dramatische Weise davon beeinflusst werden, wie Sie sich fühlen.

Mentales Verhalten dreht sich um alle Worte, die Sie aussprechen, und alle, die Sie denken, und auch um Erinnerungen, Phantasien und Erwartungen, denen Sie nachhängen. Auch diese beeinflussen Menschen sehr viel stärker, als es Ihnen vielleicht bewusst ist. Ich werde später noch erklären, warum.

Energetisches Verhalten beruht auf der Vorstellung, dass der Mensch mehr ist als nur ein Sack von Knochen, Fleisch und Blut, und dass die Energie, die Sie ausstrahlen oder projizieren, sei es bewusst oder unbewusst, auch auf andere Menschen einwirkt.

Methoden

Objektive Techniken beinhalten solche Veränderungen, wie Sie sie in Ihrer Körperhaltung, Ihrer Atmung, Ihren Bewegungen, Ihren physischen Aktionen und Reaktionen und Ihrer Sprechweise vornehmen können.

Subjektive Techniken beruhen auf der Annahme, dass Telepathie eine unserer naturgegebenen Kommunikationsformen darstellt; bei solchen Techniken geht es immer auch darum, die Gedanken und Gefühle zu verändern.

Symbolische Techniken basieren auf bestimmten schamanischen Heilansätzen, bei denen auch selbst angeleitete bildhafte Vorstellungsprozesse eine Rolle spielen, um Beziehungen zu verbessern.

Zu holistischen Techniken zählt auch die Arbeit mit Rollenspielen, um Verhaltensmuster zu entwickeln, die nützlicher sind als jene, die Sie bisher benutzt haben.

Wie das Buch aufgebaut ist

Um der größtmöglichen Zahl an Menschen helfen zu können, habe ich das Buch in drei Teile gegliedert.

Teil Eins, wozu auch dieses Kapitel gehört, behandelt grundlegende Konzepte und Übungen, die für alle Beziehungen gelten. Neben diesem Kapitel über das Wesen von Beziehungen gibt es jeweils ein Kapitel über Kritik und Anerkennung und über Vergebung.

Teil Zwei hat damit zu tun, wie Sie sich besser in Beziehung zu sich selbst stellen, weil das Ihre primäre Beziehung ist, und weil der Zustand dieser Beziehung alle Ihre anderen Beziehungen beeinflussen wird. In Teil Zwei kommt zuerst ein Kapitel über Ihre Beziehung zu Ihrem eigenen Körper, dann eines über Ihre Beziehung zum Ego und schließlich eines über Ihre Beziehung zu Ihrem Selbst oder Geist, zu Ihrem eigenen Spirit.

Teil Drei beschäftigt sich direkt mit Ihren Beziehungen zu anderen Menschen. Das erste Kapitel dieses Teils befasst sich mit Ihrer Beziehung zur Familie, als Elternteil oder als Kind bzw. Schwester oder Bruder. Das nächste Kapitel behandelt Freunde und Freundschaften; es folgt eines über Liebespartner und Ehepartner; im Schlusskapitel geht es dann um Ihre Beziehungen zu allen anderen Menschen.

Jedes Kapitel enthält Ideen und Techniken, die mit einer kleinen Anpassung für jede Beziehung genutzt werden können. Viele meiner Leserinnen und Leser wissen bereits, dass meine Lehren auf einer Lebensphilosophie aus Hawaii aufbauen, die man Huna nennt. In der Tradition meiner Familie drückt sich diese Lebensphilosophie in sieben Schlüsselgedanken oder Prinzipien aus, die in jedem Bereich des Lebens und für jedes Vorhaben angewandt werden können. Diese sieben Prinzipien möchte ich an dieser Stelle kurz anführen und sie dabei auf Beziehungen beziehen.

1. Die Welt ist, was Sie denken, das sie ist, und so wird der Zustand, die Qualität oder die Natur einer Beziehung von Ihnen selbst bestimmt.

2. Es gibt keine Grenzen, und es steht Ihnen frei, Ihre Meinung über jede Beziehung zu ändern oder sie neu zu definieren, damit Sie auf diese Weise auch verändern können, wie Sie sie erleben.

3. Energie fließt dorthin, wo die Aufmerksamkeit hingeht; der Teil der Beziehung, dem Sie die meiste Aufmerksamkeit schenken, wird auch am meisten Energie erhalten – im Guten wie im Schlechten.

4. Jetzt ist der Moment der Macht, und jetzt in diesem Augenblick werden Beziehungen geheilt – oder nicht.

5. Zu lieben heißt, mit jemandem glücklich zu sein, und je mehr Dinge Sie an dem Menschen mögen, mit dem Sie eine Beziehung haben, desto gesünder und glücklicher wird die Beziehung sein.

6. Alle Macht kommt von innen, und Sie sind derjenige bzw. diejenige, der bzw. die sich entscheidet, wie er bzw. sie die Beziehung gestalten möchte.

7. Effektivität, wie wirksam Sie Ihre Macht und Kraft einsetzen, ist das Maß für Wahrheit und Stimmigkeit; wenn ein Plan, eine Beziehung zu heilen, nicht funktioniert, können Sie jederzeit einen neuen Plan machen, wenn Sie wollen.

Obwohl Sie in diesem Buch zahlreiche Ideen und Techniken finden, wie Sie Ihre Beziehungen verbessern können, versucht es nicht einmal im Ansatz, alle Arten von Beziehungen zu erfassen. Dazu bräuchte es ein viel umfangreicheres Werk. Ich habe nur einen Wunsch: dass dieses Buch Ihnen nutzen möge.

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Die Musik setzt ein, der Vorhang öffnet sich, und das großartige Schauspiel, das »Heilen von Beziehungen«, wird nun beginnen.

Eia ke känaenae a ka mea hele: he leo, he leo wale no
(Dies ist das Angebot eines Reisenden: Rat, einzig Rat.)

2. Kritik und Anerkennung

Sie können das Verhalten eines anderen Menschen nur beeinflussen, wenn Sie selbst etwas tun, das die Person motiviert, sich so zu verhalten, wie Sie es möchten. Die Motivationskraft von Liebe, Harmonie und Macht habe ich schon erwähnt. Diese drei Kräfte sind sehr effektiv, wenn man sie richtig gebraucht, aber leider haben zu wenige Leute Erfahrung damit. Viel mehr Menschen haben Erfahrungen damit, die negative Motivation von Angst einzusetzen.

Eine grundlegende Art von Angst, die Leute einsetzen, um Menschen zu motivieren, ist die Furcht vor körperlicher Gewalt. Viele Eltern setzen diese Furcht ein, indem sie ihre Kinder schlagen, anders körperlich bestrafen oder damit auch nur drohen, um auf diese Weise das Verhalten ihrer Kinder zu kontrollieren. Mein eigener Vater hatte einen großen Lederriemen, wie man ihn in alten Friseurläden zum Schärfen der Rasiermesser fand. Er musste mich damit kein einziges Mal wirklich züchtigen, weil es ausreichte, dass er die Schublade öffnete, in der er diesen Lederriemen verwahrte. Das veranlasste mich bereits dazu, mein Verhalten sofort zu ändern. Wenn mein Benehmen meine Mutter zum Wahnsinn trieb, versohlte sie mir mit einem hölzernen Kleiderbügel den Hintern, und das motivierte mich eine Zeit lang. Es ist jedoch sehr ineffizient, die Angst vor körperlicher Bestrafung als Motivation zu gebrauchen. Zum einen erfordert die Bestrafung selbst eine Menge Energie und Aufmerksamkeit von Seiten der strafenden oder darüber Aufsicht führenden Person. Zum anderen entwickeln Menschen gute Strategien, um der Bestrafung zu entgehen, oder bauen sogar die Fähigkeit auf, bestimmte Strafen auszuhalten. Schließlich führt körperliche Züchtigung auch dazu, eine große Menge unterdrückter Wut und diffusen Groll aufzubauen, was zu vielen unterschiedlichen Konsequenzen für denjenigen führen kann, der die Bestrafung ausführt.

Aber noch verbreiteter und viel wirksamer, und zugleich niederschmetternder, ist die Kontrolle des Verhaltens von anderen Menschen durch Kritik. Die Angst vor Kritik ist wahrscheinlich die größte Furcht, die menschliche Wesen haben. Direkt oder indirekt hat Kritik das Leben jedes einzelnen Menschen auf diesem Planeten beeinflusst. Es mag einige Leute geben, die als Erwachsene frei von dieser Angst sind, aber selbst sie wurden als Kinder von Kritik beeinflusst. Die machtvolle Wirkung, wenn diese Angst als Kontrollmaßnahme eingesetzt wird, beruht darauf, dass jedes Kind im Innersten geliebt werden möchte – und dass man jeden dazu bringen kann, dass er glaubt, er werde vielleicht nicht mehr geliebt. Diese Bedrohung erzeugt Furcht und Angst.

Was aber ist so bedrohlich? Es ist die Furcht vor der Auslöschung, die Angst, man könne zu existieren aufhören, werde nicht mehr länger genährt, werde verlassen. Genau das geht in kleinen Kindern vor, wenn sie kritisiert werden. Und Kritik führt zu Angst. Aus der Perspektive des Kindes sind diese Leute, bei denen es lebt, diese Riesen, die einzige Stütze, die Quelle des Lebens, der einzige Schutz, ohne den es sein Leben nicht meistern kann. Wenn die Eltern also drohen, dass sie ihr Kind verlassen, dass sie sich abwenden, dann geht es wortwörtlich um Leben oder Tod. Leider kommen die meisten Menschen, selbst als Erwachsene, nicht über diese frühen Erfahrungen hinweg. Ich habe einmal mit einer über sechzig Jahre alten Frau gearbeitet, der es sehr schwer fiel, Bitten anderer Menschen abzuweisen, selbst wenn ihre Gesundheit oder ihre finanzielle Lage darunter litten. Während einer Sitzung ergab sich folgendes Gespräch mit ihrem Unterbewusstsein:

Ich: »Was kann denn schon passieren, wenn Sie einmal Nein sagen?«

Sie: »Die können mich dann nicht mehr leiden.«

Ich: »Und was wäre, wenn die Sie nicht mehr leiden können?«

Sie: »Sie wollen mich nicht mehr in ihrer Nähe haben.«

Ich: »Und was wäre denn, wenn die Sie nicht mehr in ihrer Nähe haben wollen?«

Sie: »Sie werden mich auf die Straße werfen, wo ich verhungere und sterbe.«

Als sie über dieses Zwiegespräch bewusst nachdachte, erkannte sie, dass sie auf ihre Kindheit zurückgegriffen hatte; in ihrer momentanen Situation war ihre Furcht völlig absurd. Allerdings wurde nun deutlich, warum sie nicht Nein sagen konnte; das bestätigte sie, ihr Verhalten zu ändern. Jetzt half ihr diese Erkenntnis – sie erinnerte sich jedes Mal, wenn jemand von ihr etwas verlangte, was sie nicht tun wollte oder von dem sie dachte, es tue ihr nicht gut, dass niemand sie auf die Straße werfen konnte. Selbst wenn sie Nein sagte – sie konnte nicht verhungern.

Eine subtile Form der Kritik