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MENSCH SEIN

»Nehmt nichts von dem an, was der Redner sagt.
Prüft es selbst.«

»Ihr müsst euch befreien, nicht um meinetwillen,
sondern trotz meiner Person.«

»Wenn ihr der Welt wirklich gegenübertretet und es mit ihr
aufnehmt, so findet ihr etwas in ihr, das unendlich viel größer ist
als irgendeine Philosophie, größer als
irgendein Buch dieser Welt, größer als irgendeine Lehre, größer
als irgendein Lehrer.«

JIDDU KRISHNAMURTI

MENSCH SEIN

HERAUSGEGEBEN VON DAVID SKITT

THESEUS VERLAG

Inhalt

EINFÜHRUNG VON DAVID SKITT

Philosophie ohne Grenzen

TEIL I

DER KERN DER LEHRE

Zuhören

Der Kern der Lehre

Die Wahrheit ist ein pfadloses Land

Gibt es eine Wahrheit jenseits von persönlicher Meinung?

Es gibt nur grenzenloses Beobachten

Wer süchtig ist nach Wissen, kann die Wahrheit nicht finden

Es gibt keine Technik

Die Wahrheit im Spiegel einer Beziehung finden

Menschen haben in ihrem Inneren Bilder als Schutzwall errichtet

Die Last dieser Bilder beherrscht das Denken, die Beziehungen und das tägliche Leben

Freiheit von der Sklaverei der Vergangenheit

Das Denken ist immer begrenzt

Der Inhalt unsres Bewusstseins ist unsere gesamte Existenz

Die Wahrnehmung des Lebens wird aus vorgefassten Begriffen gebildet

Die Einzigartigkeit eines menschlichen Wesens liegt in der vollkommenen Freiheit von seinem Bewusstseinsinhalt

Gewahrsein ohne Wahl

Freiheit ist im Gewahrsein ohne Wahl des täglichen Seins und Handelns zu finden

Denken ist Zeit

Zeit ist der psychische Feind

In der Beobachtung beginnt man, den Mangel an Freiheit zu entdecken

Eine radikale Mutation des Geistes

Totale Negation ist das Wesen des Positiven

Die Spaltung zwischen dem Denkenden und dem Gedachten, dem Beobachter und dem Beobachteten

Diese Spaltung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten ist eine Illusion

Den Spiegel zerbrechen

TEIL II

WORTE UND BEDEUTUNGEN

Worte

Bedeutungen

TEIL III

HANDELN DURCH NICHTHANDELN

Beobachten

Bei dem bleiben, »was ist«

Grundlegende Fragen stellen, aber nicht beantworten

Die Schönheit des Nichtwissens

Häufig diskutierte Fragen

Anhang

Quellenangaben

EINFÜHRUNG VON DAVID SKITT

Philosophie ohne Grenzen

Was könnte die Rede von einer »Wiedergeburt der Philosophie« bedeuten? Sie könnte meinen, dass wir der Philosophie ihre Bedeutung für unser tägliches Leben wieder zurückgeben. Dies setzte aber voraus, dass die Philosophie in einigermaßen verständlichen Worten zum Ausdruck gebracht wird, was wiederum ein leidenschaftliches Bemühen des Philosophen, der Philosophin erfordert, seine oder ihre Erkenntnisse so klar und so breit wie möglich zu vermitteln. Wer diese Qualifikationen nicht besitzt, bräuchte gar nicht erst anzutreten.

Eine Wiedergeburt der Philosophie könnte außerdem als Aufforderung verstanden werden, das Wort Philosophie in seinem ursprünglichen, wahren Sinn zu gebrauchen – als Liebe zur Weisheit – eine Umschreibung, die wir nur aussprechen müssen, um zu erkennen, wie selten wir sie gebrauchen, obgleich sie noch immer – hoffentlich nicht allzu fremd anmutend – im Concise Oxford English Dictionary vorkommt. Wie wird Weisheit dort definiert? In der Ausgabe von 1995 wird sie mit »Erfahrung und Wissen, gepaart mit der Fähigkeit, sie kritisch anzuwenden«, umschrieben, in einer früheren Ausgabe als »die intelligente Anwendung von Wissen«.

Diese Definitionen kommen dem Kern dessen, wovon Krishnamurti spricht, das was wir vorläufig seine »Philosophie« nennen, erstaunlich nahe. Immer wieder weist er darauf hin, wie wesentlich es ist, Wissen und Erfahrung dort anzuwenden, wo diese ihren Platz haben, und nicht dort, wo sie fehl am Platz sind, wo das Leben eine neue Seh- und Handlungsweise von uns verlangt. Doch ist das nicht so einfach wie es klingt. Es hat tief greifende Implikationen für die Art und Weise, wie wir sehen und handeln, auf der persönlichen, sozialen und politischen Ebene. Diese Implikationen und die Gründe, die den menschlichen Geist daran hindern, in beiden Bereichen – dem Bekannten und dem Unbekannten – gut und harmonisch zu funktionieren, sind Fragen, denen Krishnamurti unermüdlich nachgeht.

Krishnamurti ist außerdem ein Philosoph im ursprünglichen Sinn, indem er die uralte Debatte über das Wesen der Wahrheit wieder belebt, die manchen von uns ohne Zweifel als hoffnungslos veraltet und naiv, anderen dagegen als längst überfällig erscheint. Doch ganz allgemein und trotz der grund-skeptischen Frage von Pontius Pilatus: »Was ist Wahrheit?« müssen wir uns im Zusammenhang mit einer ganzen Reihe praktischer Themen mit dieser Frage, was wahr und was nicht wahr ist, auseinander setzen, ob es sich um Recht und Unrecht in persönlichen Beziehungen oder um Auseinandersetzungen zwischen Nationen handelt. Ob wir wollen oder nicht, der Begriff der Wahrheit drängt sich mit Gewalt in unser Leben. Als vor einigen Jahren ein Verleger Durchschnittsleser befragte, welche grundlegenden Themen sie am meisten interessierten, stand Wahrheit ganz oben auf der Liste.

Ebenso einleuchtend ist, dass die Öffentlichkeit wenigstens zum Teil deshalb so fasziniert vom Gerichtsverfahren gegen den mutmaßlichen Gewaltverbrecher O. J. Simpson war, weil es den Zuschauern die Gelegenheit bot, das Beweismaterial abzuwägen und über die Wahrheit zu befinden. Ein besonders bemerkenswerter Vorfall ereignete sich, als die Anklage ein Video abspielte, welches demonstrierte, mit welcher Akribie ein Kriminologe einen Blutfleck auf dem Pflaster sichergestellt hatte. Nach der Vorführung des Videos bestand die Verteidigung augenblicklich darauf, dass es noch einmal gezeigt werde, und argumentierte, dass es genau das Gegenteil beweise – nämlich die Inkompetenz des Wissenschaftlers. Dieser Vorfall, der jede Jury verwirrt hätte, enthüllte offenkundig das entscheidende Problem menschlicher Wahrnehmung: dass wir das »Wahre« nicht unbedingt alle in der gleichen Weise sehen. Manchmal spielt das keine Rolle und kann bereichernd sein. Manchmal finden wir es beunruhigend und ärgerlich. Bei anderer Gelegenheit kann es dazu führen, dass Menschen eine ungeheure Zahl ihrer eigenen Gattung ausrotten.

Es lässt sich sagen, dass Krishnamurti zu den Wurzeln der Philosophie zurückkehrt, indem er das Problem der Wahrheit unter die Lupe nimmt. In der Art und Weise, wie er dies tut, zerschlägt er jedoch die festgefahrenen akademischen Barrieren, die in unserer Zeit zwischen den Fachdisziplinen der Philosophie, Psychologie, Wissenschaft und Religion errichtet wurden. Krishnamurti macht jeden Bereich menschlichen Handelns zum Thema, wenn er ihn für die Art und Weise, wie wir uns selbst, andere, das Leben und das Universum betrachten, für relevant erachtet. Man braucht seine Ansichten nicht zu teilen, um bei ihnen ein erfrischendes Gefühl von Freiheit zu empfinden.*

Während Krishnamurti es ausdrücklich ablehnte, sich selbst einen Philosophen zu nennen, bekundete er dennoch Respekt für den ursprünglichen Sinn von Philosophie als »Liebe zur Wahrheit und Weisheit im täglichen Leben jetzt«, und in diesem Sinne wird die Bezeichnung in der Überschrift dieser Einführung verwendet. Warum lehnte Krishnamurti den gängigen Sprachgebrauch ab? Vielleicht findet sich ein Hinweis in einem Vortrag, den er einige Jahre vor seinem Tod (1986) hielt. Er hatte seinen Hörern die Frage gestellt: »Was ist jenseits der Zeit, was ist die Quelle, der Ursprung der ganzen Schöpfung?« Für viele von uns ist das eine interessante Frage, doch manche würden sie wohl wegen ihres metaphysischen Charakters nicht gelten lassen. Wie lautete seine Antwort? Das Publikum wartete gespannt. Er gab keine Antwort. Stattdessen erörterte er, wie der Geist beschaffen sein muss, um einer derartigen Frage auf den Grund zu gehen.

In unserem Zeitalter der Experten sind wir so etwas nicht gewöhnt. Wenn wir zu einem philosophischen Vortrag über das Wesen der Wirklichkeit gehen oder eine Fernsehdiskussion über den menschlichen Geist als Computer hören, erwarten wir Erklärungen und Antworten. Wir erwarten keinen Diskurs über die geistigen Eigenschaften, die wir benötigen, um diese Probleme zu untersuchen, insbesondere wenn wir einen langen und möglicherweise teuren formalen Bildungsweg hinter uns haben. Wir fühlen uns vielleicht im Stich gelassen oder vor den Kopf gestoßen.

Zeitgenössische Philosophen sind oft weniger fordernd und sehen ihre Rolle gewöhnlich darin, ihre Sprachanalyse, ihre Theorien oder ihre neuen Begriffe zu erläutern. Sie haben ihren Studenten nicht gesagt, dass es zunächst um den Geisteszustand geht, mit dem man sich diesen Fragen nähern muss. Aber das ist genau das, was Krishnamurti uns immer wieder nahe legt.* Daher ist die erste Reaktion darauf vielleicht die, dass man das herablassend oder sogar arrogant findet. Doch lesen Sie noch einmal die Zitate vor dem Inhaltsverzeichnis (S. 2). Das erste stellt die Fähigkeit des Hörenden fest, die Gültigkeit dessen, was Krishnamurti sagt, zu prüfen und zu hinterfragen; das zweite warnt davor, seiner Person irgendeine Autorität oder Bedeutung beizumessen; und das dritte erklärt, dass das Leben unser aller höchster Lehrmeister ist. Beachten Sie, dass alle drei Aussagen eine tiefe Achtung vor den wirklichen und potentiellen Fähigkeiten der Menschen, nicht nur einer Elite, zum Ausdruck bringen.

Ein bezeichnendes Merkmal der Philosophie Krishnamurtis ist seine beharrliche Forderung, ihn zu »prüfen«, zu »bezweifeln«, »in Frage zu stellen«, ja, sogar ihn zu »zerreißen«. Im Wesentlichen bedeutet das, dass die Wahrheit der Thesen, die er uns entgegen unserer Alltagserfahrungen vorsetzt, überprüft werden soll. Wenn wir das nicht tun, sagt er, bleibt für uns nichts zurück als »die Asche der Worte«. Diese Art der Überprüfung kann jedoch schwierig sein. Der Mensch neigt dazu, jemanden zu verehren, politische Führer und geistliche Erlöser zu vergöttern, sich gefühlsmäßig an einen Glauben zu klammern, einen »Glauben zu haben«. Diese Neigung verursacht häufig Verwirrung und Zwietracht. Wie unter anderem der Psychologe Erich Fromm überzeugend dargelegt hat, werden religiöse Würdenträger und selbst politische Diktatoren leicht zu Vaterfiguren, zu bedingungslos liebenden Meistern stilisiert, zu den Vätern und Müttern, die wir nie gehabt haben. Fromm erkannte in dieser Neigung auch eine masochistische Unterwerfung unter eine Autorität. Diese Ansicht wurde vor kurzem im Rundfunk des BBC durch den Zeugenbericht eines Russen illustriert, der wegen antisowjetischer Äußerungen zu fünfzehn Jahren Straflager verurteilt worden war. Er schilderte, wie er sich beim Tod Stalins an einen Türpfosten klammerte und weinte. Er berichtete, dass mehrere Jahre vergingen, bevor ihm dämmerte, dass er es Stalin »verdankte«, an diesem Ort zu sein.

Daher überrascht es kaum, dass in den Augen mancher Krishnamurti von der Aura eines Weltlehrers oder Messias umgeben schien, trotz allem, was er sagte, um ein solches Bild in ihren Köpfen zu zerschlagen.

»Wenn ihr der Welt wirklich gegenübertretet und es mit ihr aufnehmt, so findet ihr etwas in ihr, das unendlich viel größer ist als irgendeine Philosophie, größer als irgendein Buch dieser Welt, größer als irgendeine Lehre, größer als irgendein Lehrer.«

»Ob ich der Weltlehrer, der Messias oder etwas anderes bin, ist sicherlich unwichtig. Wenn es euch wichtig ist, dann werdet ihr die Wahrheit dessen, was ich sage, verfehlen, weil ihr nach dem Etikett urteilt – und das Etikett ist etwas so Dürftiges. Irgendjemand wird behaupten, dass ich der Messias bin, und ein anderer, dass ich es nicht bin, und wo steht ihr dann? Wichtig ist herauszufinden, ob das, was ich sage, die Wahrheit ist, indem ihr es prüft und herausfindet, ob es sich im täglichen Leben bewährt.«

»Der Redner spricht für sich selbst, nicht für irgendeinen anderen. Vielleicht täuscht er sich, oder vielleicht tut er nur so, als wäre er das eine oder andere. Möglicherweise, Sie wissen es nicht. Seien Sie daher sehr skeptisch, zweifeln Sie, fragen Sie.«

Doch für viele Menschen blieb diese mystische Aura bestehen, und manchen erschien sie als das Wichtigste. Es stimmt, dass Krishnamurtis Person und sein Leben jeden konventionellen Rahmen sprengten. Für viele Menschen strahlte seine Gegenwart eine tiefe Ruhe, Energie und Vitalität aus, und für viele, die ihm am nächsten standen, bedingungslose Liebe. Wie gingen die Menschen damit um, wie deuteten sie ihre Reaktion auf dieses von ihm ungewollte Charisma? Wie viel davon war Autosuggestion oder die Erregung in der Nähe eines Ausnahmemenschen? Befand man sich in einer selbst erzeugten Hochstimmung, die sich möglicherweise nicht mit dem vertrug, was man ihn sagen hörte? Wenn Sie jemanden als »den Weltlehrer« betrachten mit der ganzen emotionalen Begeisterung, die damit verbunden sein kann, dann fürchten Sie vielleicht, diese Begeisterung zu verlieren oder unloyal zu sein, indem Sie zweifeln und hinterfragen, selbst wenn Sie ständig von ihm gedrängt werden, dies zu tun. Gegen Ende seines Lebens sagte Krishnamurti, dass diejenigen, die ihm sehr nahe waren, im Allgemeinen nicht verstanden, wovon er redete: »Es ist eher eine persönliche Verehrung, ein persönliches Gefühl von Nähe.« Es gibt eine Vielzahl von Belegen dafür, dass die Nähe zu einem Menschen, den man verehrt, sich verheerend auf die Fähigkeit zur Kritik auswirken kann.

Probleme in dieser Hinsicht kann es auch für Menschen geben, die Krishnamurti nie persönlich begegnet sind oder ihn nie gehört haben. Wie er selbst sagte, war sein Stil »emphatisch«. Seine Verwendung des Wortes »offensichtlich« erfolgt oft im Kontext mit Thesen, die einem ganz und gar nicht als offensichtlich erscheinen. Dies kann eine absichtliche Provokation sein, um seine Hörer aus ihrer gewohnten Selbstzufriedenheit aufzurütteln. Sicher äußerte er vieles, das einen autoritären Klang hatte. Er forderte heraus. Und in dem Maße, wie man sich nach Gewissheit sehnt, kann man diese Äußerungen unkritisch schlucken – und später liegen sie einem im Magen. Wie das folgende Beispiel zeigt, muss man immer sorgfältig den Kontext betrachten.

»Der neue Geist entsteht und explodiert.« Eine solche Bemerkung kann einem zu Kopf steigen, ja, sie kann eine verführerische Qualität bekommen, gewissermaßen etwas Grenzenloses und Erfüllendes. Der Gedanke taucht auf, dass es großartig wäre, einen solchen Geist zu besitzen. Doch das kann einen leicht verleiten, darüber hinwegzugehen, was danach kommt: »Und das ist eine harte, mühsame Arbeit. Sie erfordert ständige Wachsamkeit.« Darauf folgt eine sehr dichte und anspruchsvolle Aufzählung dessen, was eine derartige Wachsamkeit bedeutet (siehe das Gespräch in Bombay vom 12. März 1961).

Mit anderen Worten, wenn man Krishnamurti liest, ist die Versuchung groß, sich hinreißen zu lassen von der angenehmen Vorstellung des »Endresultats« – die in Wirklichkeit, wie er uns warnt, nur eine täuschende Projektion unserer gegenwärtigen, begrenzten Erfahrung ist. Doch das fühlt sich möglicherweise viel angenehmer an, als objektiv die Tiefen dieser Erfahrung auszuloten – sie zu »beobachten« –, um das Notwendige daraus zu lernen.

Andere Schwierigkeiten ergeben sich aus der inhärenten Unfähigkeit der Sprache, Begriffe, die wir weltweit für wichtig erachten, genau wiederzugeben. Dazu fallen uns Begriffe wie Intelligenz und das Selbst ein. Obgleich Krishnamurti ein schlichtes Vokabular verwendet, ist er auf Anhieb aber auch bei nochmaliger Lektüre keineswegs leicht zu verstehen. Wie er selbst sagte: »Sie müssen mein Vokabular lernen, die Bedeutung hinter den Worten.« Bis zu einem gewissen Grad spiegelt diese Formulierung die Schwierigkeit aller Psychologen und Philosophen wider, die komplexen und subtilen Wege zu schildern, wie unser Geist funktioniert, oder wie sie bei diesem Versuch scheitern. Diejenigen, die der Meinung sind, dass sie etwas Neues zu sagen haben, prägen und definieren gewöhnlich ein neues Begriffssystem. Krishnamurti lehnte das bewusst ab, doch in den dreißiger Jahren stellte er klar, dass er Sprache in einer besonderen Art und Weise verwenden wolle. Er warnte seine Hörer außerdem vor den Grenzen, die der Sprache als solcher innewohnen.

»Worte haben nur einen Wert, wenn sie die wahre Bedeutung der Ideen hinter den Worten vermitteln. ... Man kann nichts beschreiben, was sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Aber wir müssen Worte gebrauchen, wie ein Maler sich der Farbe auf der Leinwand bedient, um die Bedeutung seiner Vision mitzuteilen. Wenn Sie sich jedoch bloß von der Technik des Malens einfangen lassen, werden Sie die vollständige Bedeutung dessen, was der Maler mitteilen möchte, nicht erfassen. In allen meinen Vorträgen gebe ich den Worten eine neue Deutung. Daher wird es Ihnen sehr schwer fallen, mich zu verstehen, wenn Sie sich nur in den Worten verfangen. Sie müssen über die Worte hinausgehen und versuchen, die Bedeutung mitzubekommen, die ich diesen Worten gebe, und sie nicht so auffassen, wie es Ihnen gerade passt.«

»Da die meisten Menschen feste Denkgewohnheiten haben und jede neue Idee, die ihnen vorgestellt wird, in ihr gewohntes Denken übersetzen, ist es natürlich sehr schwer für mich, etwas Neues mit den alten Worten darzulegen. Dennoch muss ich gewöhnliche Worte verwenden. Ich kann keine neue Sprache erfinden, aber ich kann den Worten, die ich gebrauche, eine neue Deutung geben. Wenn Sie Worte als eine Brücke verwenden, so dass eine Verständigung hergestellt wird, dann haben Worte einen ganz bestimmten Wert; doch wenn Sie zulassen, dass Sie sich in Worten verstricken, dann haben Worte keinen Wert.«

Wiederholt kommt Krishnamurti darauf zurück, dass »das Wort nicht die Sache ist«. Worte sind nicht das, worauf sie sich beziehen. Auf äußere Gegenstände bezogen, kann man das leicht gelten lassen. Das Wort Tisch ist nicht der Tisch selbst. Und im alltäglichen Sprachgebrauch können wir davon ausgehen, dass das, »was ein Tisch ist«, kein Problem darstellt. Doch bei psychischen Zuständen und Vorgängen wird die Sache schon komplizierter. So können wir beispielsweise eine Definition von Langeweile gemäß dem Wörterbuch geben und uns dieses Wortes in einer Diskussion geläufig bedienen, doch das ist von einem wirklichen Verständnis dessen, »was Langeweile ist«, klar zu unterscheiden, denn ein solches lässt sich nur von der tatsächlichen Erfahrung des Zustands und der vollständigen Untersuchung seiner psychologischen Voraussetzungen ableiten.

Wir wissen, dass ein und dasselbe Wort – Liebe ist ein hervorragendes Beispiel – leichtfertig und oberflächlich oder als tiefsinniger Verweis auf den Zustand selbst gebraucht werden kann. Und eines der großen Probleme der Kommunikation, wie Krishnamurti betont, besteht darin, ob den Kommunizierenden – sagen wir, zwei Menschen, die miteinander sprechen – der Gegenstand ihres Gesprächs gleichermaßen am Herzen liegt. Wenn beide dasselbe ernsthafte Anliegen haben und wenn ihnen daran liegt, sich darüber auszusprechen, werden die rechten Worte kommen. Doch eine Barriere für die Kommunikation entsteht dann, wenn die Worte eines Gesprächspartners emotional verwendet werden und auch so ankommen, dass sie eine stark aufwühlende neurologische Wirkung haben. Dann hören sie auf, Verweise zu sein, sie fallen aus ihrer natürlichen Rolle heraus und scheinen durch eine Art von Zauberkunststück das zu werden, worauf sie verweisen. Im politischen Bereich sind Bezeichnungen wie nationale Souveränität und Freiheit gute Beispiele von Worten, die auf diese Weise leicht pervertiert und dazu missbraucht werden, andere zu beherrschen und zu manipulieren. Doch nicht nur Politiker verwenden Worte auf diese Weise. Wir alle müssen, so argumentiert Krishnamurti, vor Worten auf der Hut sein und erkunden, was dahinter steht.

Der zweite Teil dieses Buches mit der Überschrift Worte und Bedeutungen enthält eine Reihe von Beispielen »alter« Worte, denen Krishnamurti, wie er sagt, eine »neue« Bedeutung verliehen hat. Für Leser, die mit Krishnamurti nicht vertraut sind und von solchen Worterneuerungen nichts wissen, können viele seiner Äußerungen verwirrend und unklar sein. Seine ungewöhnliche Handhabung von Sprache wird außerdem durch Textpassagen über Worte im Allgemeinen veranschaulicht.

Das Beantworten von Fragen – besser gesagt, die Weise, auf die wir uns wirklich wichtige Fragen selbst stellen – und das Lösen von Problemen hängt nach Krishnamurti von der Qualität unserer inneren wie äußeren Beobachtung ab. Einfacher ausgedrückt: So wie ein Wissenschaftler auf die Qualität des Gerätes achten muss, mit dem er subatomare Teilchen beobachtet, so müssen auch wir, und zwar ständig, für die Qualität und Klarheit unseres Geistes Sorge tragen. Das ist nicht nur das geistige Äquivalent von einer halben Stunde Jogging pro Tag. Dieses Anliegen muss so beständig wie möglich sein, ohne ein anderes Ziel, und erfordert ein leidenschaftliches Bemühen um Klarheit – um ihrer selbst willen.

Ist das möglich? Ja, denn wenn wir uns ein Ziel gesetzt haben, können wir uns mit grenzenloser Energie dafür einsetzen. So erläuterte François Mitterrand einmal, wie man Präsident von Frankreich wird: »Präsident zu werden, dauert zwanzig Jahre. Man muss alles dafür aufgeben von dem Augenblick, wenn man sich morgens die Socken anzieht, bis man zu Bett geht.« Es hängt also davon ab, wo Sie Ihre Energie hineinstecken. Die Äußerung Mitterrands steht in reizvollem Gegensatz zu einer Bemerkung Krishnamurtis: »Offenbar besitzen nur wenige Menschen jene tiefe Leidenschaft, die der Erkenntnis des gesamten Lebensprozesses gewidmet ist, statt ihre ganze Energie für eine fragmentarische Tätigkeit zu verausgaben.«

Krishnamurti sagte oft, dass er nur »auf die Tür verweisen« könne. Wir müssen selbst aufstehen und sie öffnen, sofern wir das wollen. Was ist also zu tun, wenn die Tür aufgehen soll? Und wie kann Krishnamurti behaupten, dass er kein neues System, keine neue Methode oder Praxis vorstellen und sich selbst in keiner Weise als Autorität etablieren wolle?

Eine Möglichkeit, diese notwendigen Fragen zu beantworten, besteht darin, dass wir mit der Art und Weise beginnen, wie wir die Welt um uns herum visuell betrachten. Manche Psychologen und Neurowissenschaftler von heute argumentieren, dass die Wahrnehmung visueller Reize als Suche nach der besten Deutung von Sinneseindrücken betrachtet werden könne, und dass von einem kognitiven Standpunkt aus ein wahrgenommenes Objekt eine Hypothese aufgrund sinnlicher Daten sei. Sie verstehen also Wahrnehmung nicht als einen Prozess passiven Empfangens solcher Daten, sondern als einen aktiven Vorgang des Beobachtens und Überprüfens der von ihnen aufgestellten Hypothesen, um diejenige zu finden, die mit den Sinnesdaten am meisten übereinstimmt.

Diese Art des Beobachtens und Prüfens von Hypothesen wird in der Wissenschaft ständig angewandt. Aufgrund einer darauf folgenden Bestätigung der Ergebnisse wird festgelegt, was wissenschaftlich wahr ist. Derselbe grundlegende Prozess wird auf einfachere Art von uns allen in Situationen des täglichen Lebens angewandt, wenngleich ohne die Exaktheit der Wissenschaft, die danach strebt, Ergebnisse zu wiederholen: »Lass mich sehen, ob ich schneller zur Arbeit komme, wenn ich das Auto nehme statt die Bahn.« »Nimm einen anderen Stecker und schau, ob die Lampe funktioniert.« »Wenn ich jetzt anbiete, Überstunden zu machen, kann ich vielleicht im Juli Urlaub kriegen.« »Vielleicht wird die Beziehung zu meinem unfreundlichen Kollegen sich bessern, wenn ich ihn zu einem Drink einlade.« Dies ist ein ganz natürlicher und wesentlicher Prozess, demgemäß wir alle handeln, um in unserem täglichen Leben einigermaßen über die Runden zu kommen. Wir können also an Krishnamurti so herangehen, dass wir ihn als einen Menschen betrachten, der uns Hypothesen über die Funktionsweise des menschlichen Geistes anbietet, die für jeden von uns überprüfbar sind.

Was hier vorgestellt wird, ist etwas, das so transnational und interkulturell und so universell in seiner Anwendung ist wie die Wissenschaft, jedoch auf einem gänzlich anderen Gebiet: nämlich als die Art und Weise, wie wir mit unserem täglichen Leben umgehen. Das ist nicht so zu sehen, als rufe es nach dem Beistand der Wissenschaft, obgleich es als »wissenschaftsfreundlich« betrachtet werden kann. Denn in welcher Gesellschaft und Kultur sich Menschen auch befinden mögen, welchen religiösen und politischen Überzeugungen sie auch anhängen, alle müssen Hypothesen und Annahmen über die Wirklichkeit aufstellen und diese überprüfen. Es ist diese natürliche Fähigkeit, die Krishnamurti für das Wesentliche und Vorrangige ansieht, und er ruft uns dazu auf, sie zu gebrauchen und zu vertiefen, und fordert uns auf, darüber nachzudenken, welche unserer Annahmen als die wichtigsten untersucht und überprüft werden sollten.

Gibt es nach Krishnamurti ein spezifisches Problem, das Menschen haben, wenn sie beobachten, was in ihrem Inneren und um sie herum vorgeht? Was verhindert die Klarheit und Objektivität, die das Leben erfordert, wenn wir nicht einen Großteil davon mit Konflikten und Täuschungen vergeuden wollen? Gibt es irgendeine besondere Lehre auf diesem Gebiet, zu deren Überprüfung er uns auffordert?

Beinahe in jedem Vortrag, den Krishnamurti hielt, gebrauchte er die Wendung »Der Beobachter ist das Beobachtete« und sprach von einem »Beobachten ohne Beobachter«. Kann sein, dass ein Verständnis dieser Sätze und anderer, die er aufstellt, nicht möglich ist ohne ein Minimum psychologischen Experimentierens. Sie müssen geprüft werden, um ihre volle Bedeutung zu erlangen, und im dritten Teil dieses Buches zeigt Krishnamurti Wege auf, wie ein solches Überprüfen durchgeführt werden kann. Vielleicht ist es nützlich zu versuchen, diese Sätze hier zusammenzufassen.

In Gipfelerfahrungen – nennen wir sie Phase 1 –, etwa bei heftigem Zorn oder großem Entzücken, empfinden wir keine Trennung von dem, was wir erleben. Ich wäge meinen Zorn nicht ab, beschließe nicht, ihm künftig nachzugeben, oder finde Gründe, ihn zu rechtfertigen. Im Falle des Entzückens denke ich nicht schon an die nächste Gelegenheit, es zu erleben. In beiden Fällen bin ich mit der Empfindung eins. Doch wenn diese Gipfelerfahrung in Phase 2 verblasst, tritt eine Dualität, eine Trennung oder Spaltung, ein und drückt sich in Gedanken aus wie: »Ich hätte mich beherrschen sollen« oder »Der Soundso hat es verdient«, und so fort. Im Falle von unangenehmen Erfahrungen wie Einsamkeit kann es auch eine Taktik der Flucht geben, wenn man etwa das Radio aufdreht, sich etwas zu trinken holt, jemanden anruft und auf diese Weise die unangenehme Empfindung unterdrückt und damit die Fähigkeit verstärkt, dieselbe Erfahrung neuerlich zu machen, während man nach einer Gipfelerfahrung der Freude dieser gewöhnlich nachhängt, sie »wiederkäut« und »süchtig« wird nach einer Wiederholung.

Was in dieser Phase 2 geschieht, betrachtet Krishnamurti als eine konflikterzeugende Spaltung in der Psyche, das Auftreten eines imaginären »Beobachters«, der sich von der Erfahrung abspaltet. Diesen Bruch sieht Krishnamurti als Quelle endloser Konflikte, sowohl in uns selbst wie bei anderen, sowie kollektiv bei Nationen. Was kann man dagegen tun? Er antwortet: »Nichts«. Er legt uns einfach nahe, bei diesen trennenden Gedanken und Bildern, wenn sie auftreten, zu »verweilen«. Dies bedeutet, dass man nicht vor ihnen flieht, sie nicht verurteilt oder rechtfertigt, nicht danach trachtet, sie zu verändern oder loszuwerden, sondern sie mit Behutsamkeit, Liebe und Neugier »im Arm hält wie ein Baby«. Dieses Beobachten ohne Urteil oder »Gewahrsein ohne Wahl«, wie Krishnamurti sagt, bedeutet auch, dass man aufhört, die erlebte Empfindung zu benennen, da ein solches Benennen von unseren Erfahrungen der Vergangenheit, die unsere gegenwärtigen konditionieren, stark belastet ist.

In diesem Gewahrsein ohne Wahl oder »Beobachten ohne Beobachter« glätten sich die Gedanken und Bilder, so wie aufgewühltes, schlammiges Wasser wieder in einen Zustand klarer Stille zurückkehrt. Aus dieser Stille erwächst Energie. Aus ihr kann eine Erkenntnis der wahren Bedeutung, des Ursprungs, der Beschaffenheit und Grenzen der erfahrenen Gedanken oder Bilder hervorgehen: »Wenn der Geist seiner Begrenztheit gewahr wird, ohne zu verurteilen oder zu rechtfertigen, wenn er sich dieser Grenze einfach bewusst wird, dann werden Sie feststellen, dass eine Befreiung von dieser Begrenztheit eintritt. Und in dieser Freiheit wird Wahrheit realisiert.«

Der Verfasser dieser Einführung gibt sich nicht der Illusion hin, dass diese kurze Zusammenfassung dem wesentlichen Thema gerecht werden kann, das sich durch das Gesamtwerk Krishnamurtis zieht und sich nicht nur auf die Art und Weise auswirkt, wie wir uns selbst sehen, sondern auch wie wir andere und das Leben im Allgemeinen betrachten. Diese Einführung hat ihren Zweck bereits erfüllt, wenn sie einen Leser anregt, zu den vielen Passagen Krishnamurtis, die von diesem Thema handeln, zurückzukehren und sie anhand der Erfahrung des täglichen Lebens zu prüfen.

Vielleicht sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass Krishnamurti von dieser Art des Forschens oft als einer Tätigkeit sprach, die einen »wünschenswerten Ernst, der auch seinen eigenen Humor hat«, verlangt. Über das Beobachten ohne Beobachter sagte er: »Dies kann einen kein anderer lehren; es kommt durch Selbstbeobachtung, indem man sich fortwährend beobachtet. Das macht großen Spaß, wissen Sie, wenn man nicht verurteilt oder rechtfertigt, sondern beobachtet ›was ist‹.« Das Lernen, um das es ihm geht, beschreibt er folgendermaßen: »Lernen macht Spaß. Neue Dinge zu sehen macht großen Spaß. Es gibt Ihnen eine ungeheure Energie, wenn Sie selbst eine große Entdeckung machen – nicht wenn ein anderer sie macht und Ihnen davon erzählt, das ist etwas aus zweiter Hand. Wenn Sie lernen, dann macht es Spaß, etwas völlig Neues zu sehen, so wie wenn man ein neues Insekt, eine neue Spezies entdeckt. Herauszufinden, wie mein Geist funktioniert, alle Schattierungen und Feinheiten zu sehen, etwas darüber zu erfahren, das macht Spaß.«

Sagt Krishnamurti denn etwas Neues?

Was östliche Zeugnisse betrifft, gab es eine deutliche Anerkennung der Werke Krishnamurtis seitens buddhistischer Gewährsmänner wie des Dalai Lama und Walpola Rahulas, des Verfassers des Artikels über den Buddha in der Encyclopaedia Britannica. Eine ähnliche Würdigung wurde von Vedanta-Gelehrten wie Venkatesananda zum Ausdruck gebracht.

Die Reaktion im Westen war nicht so einhellig. Seine Werke sind auf dem Lehrplan von über zweihundert amerikanischen Universitäten und Colleges, und in England, Frankreich und Deutschland wurden Dissertationen über ihn geschrieben. Abgesehen von der Pädagogik – wie ein unlängst veröffentlichtes Buch, Reflections on the Self (»Betrachtungen über das Selbst«), herausgegeben von Raymond Martin, Professor für Philosophie an der Maryland University, gezeigt hat –, ist das Gebiet, auf dem die klassische und zeitgenössische westliche Philosophie sich am meisten mit Krishnamurtis Werk überschneidet, offenbar die persönliche Identität. Überdies kann man sagen, dass Krishnamurti die Anwendung der sokratischen Frage wieder belebt hat, wie Martin darlegt. Und in der rein britischen Tradition, die von Berkeley und Hume über F. H. Bradley, Bernard Williams und Derek Parfit reicht, gibt es eine Diskussion über Probleme des Selbst, die auch ein Anliegen Krishnamurtis waren.

Doch in Ausdruck und Betrachtungsweise bestehen radikale Unterschiede. Denn obwohl Krishnamurti mehrere Bücher verfasst hat, zog er das gesprochene Wort als Ausdrucksmittel der mehr formalen Struktur eines Buches vor, da jenes die Entfaltung des Lebens mit seinem offenen Ende widerspiegelt, ein bewegtes statt eines unbewegten Bildes. In noch radikalerer Form forderte er seine Hörer eindringlich zur Verweigerung jeglicher Autorität auf, einschließlich der eigenen Erfahrung, wenn man sich selbst, andere und das Leben beobachtet. Seine Antwort auf die Frage: »Gibt es etwas Neues in Ihrer Lehre?« macht dies sehr anschaulich.

»Es ist viel wichtiger, das selbst herauszufinden, als wenn ich behaupte ›Ja‹ oder ›Nein‹. Es ist euer Problem, nicht meines. Für mich ist dies alles völlig neu, weil es von einem Augenblick zum anderen neu entdeckt werden muss. Man kann es nach der Entdeckung nicht auf Vorrat halten; es ist nicht etwas, das man erfahren und dann als Erinnerung festhalten kann – denn das wäre, als wollte man neuen Wein in alte Schläuche gießen. Es muss im Leben von Tag zu Tag entdeckt werden, und für den Menschen, der diese Entdeckung macht, ist es etwas Neues. Aber Sie vergleichen das, was soeben gesagt wird, mit dem, was ein Heiliger oder Shankara, Buddha oder Christus gesagt hat. Sie sagen: › Alle diese Leute haben das schon früher gesagt, und Sie geben dem nur einen anderen Dreh, einen modernen Ausdruck.‹ Daher ist es nichts Neues für Sie. Erst wenn Sie aufhören zu vergleichen, so dass Ihr Geist allein, klar, nicht mehr beeinflusst, kontrolliert und von der modernen Psychologie oder von uralten Sanktionen und Gesetzen genötigt wird, werden Sie herausfinden, ob es etwas Neues oder Bleibendes gibt. Aber dazu braucht es Geisteskraft, nicht Trägheit. Das verlangt ein drastisches Ausmerzen all der Dinge, die man über die Wahrheit oder über Gott gelesen oder gehört hat.«

Der grundsätzliche Einwand akademischer Philosophen und Psychologen zu dieser Passage lautet, dass sie sich zu sehr auf innere Beobachtung und »private« Empfindungen beruft. Sie machen geltend, dass solche Beobachtungen und Empfindungen für andere nicht nachvollziehbar seien und dass dieser ganze Bereich nicht in Betracht komme, da er von Natur aus subjektiv und keiner objektiven oder wissenschaftlich zu nennenden Verifizierung zugänglich sei. Daher sei er als legitimes Forschungsgebiet auszuschließen.

Doch einem solchen Urteil haftet der Geruch einer abgewürgten Debatte an. Unbeschadet des Vorwurfs der Subjektivität gibt es Gegenargumente. Zunächst lässt sich der Standpunkt des gesunden Menschenverstands vertreten. Für uns alle ist die Art und Weise, wie wir uns selbst und andere betrachten, sowie die Vielfalt und Qualität unserer Empfindungen ungemein wichtig für unsere Lebenserfahrung. Sie sind im Grunde das, was es heißt, am Leben zu sein. Es würde außerdem für Menschen sehr schwierig werden, im Leben zurechtzukommen, wenn wir nicht ein gewisses Vertrauen zu unserer Selbsterforschung und unserer Fähigkeit hätten, die Wahrheit zumindest einiger Situationen, die uns begegnen, zu erkennen. Ohne einen Konsens darüber, was wahr ist, würden menschliche Beziehungen und die Gesellschaft sich auflösen.

Daher lautet die Frage: Kann ein einzelner Mensch aus seiner Erfahrung die Qualität des Geistes, die wir alle benötigen – etwa Klarheit –, auf neue Weise beleuchten und einen Hinweis geben, was uns grundsätzlich einengt? Krishnamurti selbst gibt darauf eine zweifache Antwort: Erstens, zweifelt, hinterfragt, fechtet an, was ich sage, und zweitens, überprüft das, was ich sage, in der Praxis. Dieses Problem muss jeder Einzelne selbst lösen. Er ermahnt uns, skeptisch zu sein und die Antwort für uns selbst herauszufinden.

Krishnamurtis literarisches Vermächtnis in Form von Vorträgen, Diskussionen und Schriften wird auf annähernd vierhundert Bände mittleren Umfangs geschätzt. Aus diesem Gesamtmaterial wurden etwa fünfzig Hauptwerke zusammengestellt und in viele Sprachen der Welt übersetzt. Außerdem hat er sich im Laufe seines langen Lebens vielleicht mit mehr Menschen auf ernsthafte persönliche Gespräche eingelassen als irgendein anderer Mensch. Viele dieser Gespräche wurden nicht aufgezeichnet.

In Anbetracht dieser ungeheuren, bekannten und unbekannten Produktion ist die Aufgabe, eine kurze Sammlung von Texten als Einführung in sein Werk zusammenzustellen, ein gewaltiges, wenn nicht sogar tollkühnes Unterfangen. Doch bevor der Herausgeber an seiner Aufgabe verzweifelt, erhält er eine Art Leitfaden. Im Jahre 1980 verfasste Krishnamurti auf Wunsch eine Zusammenfassung seiner Arbeit, die er selbst als den »Kern« seiner Lehre bezeichnete.

Daher beginnt dieses Buch mit dieser Zusammenfassung, gefolgt von einer Auswahl vertiefender Texte. So weit, so gut, möchte man meinen. Daraus sollte sich eine ordentliche, saubere Kurzfassung ergeben. In gewissem Sinn ist es auch so – doch dies erfordert sogleich eine Modifikation.

Jedes längere Studium von Krishnamurtis »Lehre« – oder »was immer es ist«, konfrontiert uns, wie er selbst einmal sagte, mit einem Geist, dessen Wesen es ist, sich ständig zu entfalten und zu vertiefen, der stets dynamisch und nie statisch ist. Dieses Wesen ergibt sich zum Teil aus seiner starken Betonung des Neuen und Unbekannten im Leben als vitale und bereichernde Aspekte des menschlichen Daseins. »Das Leben ist das Unbekannte, ebenso wie der Tod und die Wahrheit das Unbekannte sind.« Daher birgt jeder Augenblick des Daseins etwas Neues. Die Herausforderung besteht darin, es zu erkennen.

Laut Krishnamurti muss man dem Neuen, Unbekannten, Unvorhersehbaren im Leben mit einer Bewegung vollkommener Aufmerksamkeit begegnen, die nicht von Erfahrungen in der Vergangenheit konditioniert ist – obgleich die Intelligenz, die er in der Aufmerksamkeit am Werk sieht, weiß, wann diese Erfahrung heranzuziehen ist.

Die Folge dieser Sicht des Lebens als kreativem Lernen, als etwas ursprünglich Neuem, ist, dass der Leser, der Aufklärung über die conditio humana erwartet, die so unverrückbar ist wie die Große Pyramide, enttäuscht sein wird. Was wir vorfinden, sind Aussagen über die Art, wie wir das Leben, uns selbst und andere wahrnehmen, die, wenn wir sie prüfen und für wahr befinden, uns die Tür zu einem fortwährenden Gewahrsein der »Unermesslichkeit« des Lebens öffnen werden. Wer Krishnamurti zum ersten Mal liest, sei jedoch davor gewarnt, dass sein Stil, wenn er diese überprüfbaren Aussagen macht, zwar undogmatisch, aber in der Tat emphatisch sein kann.

Noch in einer weiteren Hinsicht lässt sich sagen, dass ein Buch mit einführenden Texten nicht ganz dem entspricht, wovon er redet. Seine überprüfbaren Aussagen sind klarerweise nicht zu trennen von dem, was wir über uns selbst, über andere und über das Leben als Ganzes lernen. Dies tun wir gewöhnlich auf eine Weise, die weit mehr dem Zufall gehorcht als der steten Lektüre eines gedruckten Textes. Das Leben wartet mit Überraschungen auf und erteilt seine Lektionen so schnell und so häufig, wie es will, nicht wie wir wollen. Ein Buch ist weitgehend deshalb so anziehend, weil seine Struktur uns zu versichern scheint, dass es einer unbeständigen Welt eine Ordnung auferlegt. Außerdem sind wir mit einem Buch der Boss in dem Sinne, dass wir es in die Hand nehmen, es weglegen und uns nach Belieben hineinvertiefen können. Wir haben zwar die Kontrolle über das Buch, aber schwerlich über das Leben. Dennoch wird zumindest für einige Leser das Unerwartete an Krishnamurti jedes einengende Gefühl bei der Lektüre bannen.

Der letzte Teil dieses Buches enthält Textauszüge, die drei einfache Handlungen beschreiben: »Bei dem bleiben, ›was ist‹«, »Grundlegende Fragen stellen, aber nicht beantworten« und »Über die Schönheit des Nichtwissens«. Man könnte sie auch als »Nicht-Handlungen, aus denen Handlungen entspringen«, bezeichnen. Sie werden lediglich als Beispiele angeführt, nicht als verbindliche Richtlinien. Alle drei können als natürliche menschliche Fähigkeiten betrachtet werden, nicht als etwas, das man eine Methode oder Technik neuer Prägung nennen würde. Bis zu einem gewissen Grad setzen wir diese Fähigkeiten bereits ein, ja, wir müssen es tun. Wir wissen, dass es gesund und richtig ist, sich auf Schmerz einzulassen, bei ihm zu bleiben, wenn wir einen Verlust erlitten haben, statt vor ihm zu fliehen und ihn zu verdrängen. Wie wichtig es ist, »zu wissen, wenn man nicht weiß«, haben viele von uns von einem Lehrer in der Schule oder auf der Universität gehört. Und wir alle haben hin und wieder eine Lösung gefunden, wenn wir das Problem »überschlafen« haben.

Was Krishnamurti hier sagen will, kann daher sehr vereinfacht als eine breitere und tiefere Anwendung der natürlichen Fähigkeiten unseres Geistes betrachtet werden. Doch für ihn ist dies nicht nur eine nützliche Steigerung der Geisteskräfte, sondern ein dringendes, tiefes Bedürfnis, etwas, das uns das Leben abverlangt. Es ist die Vernachlässigung dieser Fähigkeiten, die Konflikte und Leid verursacht, und bevor sie zur Entfaltung kommen können, müssen wir uns die Gründe für diese Vernachlässigung bewusst machen und sie verstehen.

Die abschließenden Seiten dieses Buches enthalten eine Reihe von Zitaten zu Fragen, die in Diskussionen über Krishnamurtis Werk häufig auftauchen.

Letztlich wird die Frage, inwieweit man gewillt ist, Krishnamurtis Aussagen zu prüfen, davon abhängen, ob man die Rechtfertigung von Hitlers Baumeister Albert Speer, »nur das zu sehen, was man sehen will, und nur das zu wissen, was man wissen will«, nicht bloß als Rechtfertigung eines Ministers im Nazideutschland betrachtet, sondern als etwas, womit wir auch zu tun haben. Nicht jede Wahrnehmung mit Scheuklappen ist so abgebrüht inhuman wie diejenige Speers. Doch viele von uns erleben Konflikte und Verwirrungen mit anderen, weil wir dasselbe nicht auf dieselbe Weise sehen oder sehen wollen. Und so geht viel menschliches Leben und Energie in schmerzhaften und destruktiven Reibereien verloren, sei es in persönlichen Beziehungen oder im Verhältnis der Nationen. Letzten Endes läuft das Erforschen der Fragen, die Krishnamurti aufwirft, darauf hinaus, ob wir das Wesentliche des menschlichen Seins und seiner Anforderungen an uns in dem leidenschaftlichen Willen erkennen, uns selbst und andere sowie das Leben im Allgemeinen zu verstehen.

* In diesem Sinn ist es interessant, die Schlussbemerkung des Artikels über Philosophie in der Macmillan Encyclopedia of Philosophy (Ausgabe 1974) zu betrachten. Darin schreibt John Passmore: »Die Philosophie bietet Raum für eine ungeheure Vielfalt von Untersuchungsweisen, manche davon äußerst genau und andere stark verallgemeinernd. Außerdem ist es nicht wichtig, ob ein Philosoph die Grenzen der Philosophie völlig überschreitet, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Letzten Endes sind es die Probleme, nicht die Trennungen zwischen den Gegenständen, die von entscheidender Bedeutung sind.«

*Dies widerspricht nicht gänzlich einer zeitgenössischen akademischen Definition der Philosophie. In der Ausgabe des Oxford Dictionary of Philosophy von 1994 wird zum allgemeinen Prinzip erklärt, dass »in der Philosophie die Begriffe selbst, mit denen wir uns der Welt annähern, zum Gegenstand der Untersuchung werden«. Doch im Weiteren heißt es: »Zu verschiedenen Zeiten herrschte mehr oder weniger Optimismus bezüglich einer reinen oder ›ur sprünglichen‹ Philosophie, die auf einem a-priori-Standpunkt steht, von dem aus andere intellektuelle Verfahren unvoreingenommen beurteilt und einer logischen Bewertung und Korrektur unterzogen werden können. Die Mentalität des späten 20. Jahrhunderts steht einer solchen Möglichkeit feindlich gegenüber und zieht es vor, die philosophische Betrachtung als kontinuierlich mit der besten Praxis intellektueller Forschung auf jedem Gebiet anzusehen.«

TEIL I

DER KERN DER LEHRE

Das Folgende wird, sofern nicht anders vermerkt,
mit Krishnamurtis eigenen Worten wiedergegeben.

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