cover

Diane Musho Hamilton · Eine gute Lösung finden

Diane Musho Hamilton

Eine gute Lösung finden

Neue Wege der Konfliktbewältigung durch Zen

Aus dem Amerikanischen von Bernd Bender

img

THESEUS VERLAG

Für Michael,
der weit vorausschaut …

Inhalt

Danksagung

Einführung

1 Konflikte sind gute Nachrichten

2 Innerer Friede, äußerer Friede

3 Vorsätze: Innere Stabilität finden

4 Aufmerksamkeit und Gewahrsein

5 Beängstigend und aufregend zugleich

6 Drei Konfliktstrategien

7 Das Wunder unterschiedlicher Perspektiven

8 Drei Perspektiven, drei Wahrheiten

9 Für sich selbst sprechen:
Die Bedeutung der Perspektive der ersten Person

10 Zuhören:
Die Kunst der Perspektive der zweiten Person

11 Zeuge sein:
Durch die Linse der dritten Person

12 Alles und nichts

13 Verhandeln

14 Konflikt und Kreativität

15 Umdeutungen: Die Macht der Interpretation

16 Feedback geben und entgegennehmen

17 Der Schatten in Konfliktsituationen

18 Weltanschauungen entwickeln

19 Das mitfühlende Herz

20 Das Herz ausdehnen

21 Große Rivalität, große Intimität

22 Endlose Praxis

Anmerkungen

Über die Autorin

Danksagung

Ein großes Dankeschön an meine Freunde und Weggefährten, Simon Egan, Dori Them, Julia Sati, Rebecca Colwell und Rob McNamara, die diese Vorträge mit anderen teilen wollten und deren Enthusiasmus und Unterstützung dieses Buch haben entstehen lassen. Mein Dank gilt Marco Morelli, dessen frühe Bearbeitung des Textes das Projekt auf den Weg brachte und der dabei half, die Integralen Ideen auszugestalten; Jeri Schneider, einem unglaublich kreativen Freund und Lektor, der dafür sorgte, dass der Prozess des Schreibens lebendig blieb, und der sicherstellte, dass es immer auch etwas zu lachen gab; Jane Goetz für ihren genauen Blick und den Feinschliff am Text; Randee Levine für ihre kontinuierliche Unterstützung und Liebe sowie meinen Freunden und Kollegen am Integral Institute: Jeff Salzman, Terry Patten, Sofia Diaz, Cindy Lou Golin, Huy Lam, Clint Fuhs, Jason Diggs, Decker Cunov, Robert Mac Naughton, Robb Smith, David Riordan, Nicole Fegley und Kelly Bearer.

Auch meinen Lektoren bei Shambhala möchte ich nachdrücklich danken: David O’Neal für sein Interesse an diesem Buch, seine Ermutigung, seinen wachen Blick und die behutsamen Eingriffe; John Golebiewski für die unaufdringlichen Korrekturen. Genpo Roshi danke ich für seine Big-Mind- und Zen-Lehren und Ken Wilber dafür, dass er mir eine neue Perspektive geschenkt und damit mein Leben verändert hat. Schließlich möchte ich noch hervorheben, wie sehr ich meine Familie und meinen Mann für ihre leidenschaftliche und hingebungsvolle Liebe schätze. Sie ist das Beste.

Einführung

Ich wuchs im amerikanischen Westen auf, zwischen den Rocky Mountains und der Wüste des Great Basin. Es war ein ungebändigtes Land – weit, rau und offen. Die Menschen dort – Minenarbeiter, Rancher, Einwanderer, amerikanische Ureinwohner und meine eigene, weitverzweigte Familie – waren von der Schönheit und Härte dieser Landschaft geprägt.

Meine Mutter war eins von zehn Kindern und eine entfernte Kusine von Gene Fullmer, dem amerikanischen Mittelgewichtsboxer und ehemaligen Weltmeister; ihre Familie war als die »Fighting Fullmers« bekannt. Im Jahrbuch ihrer Highschool wurde sie wegen ihres ungezügelten Temperaments und der zwanghaften Neigung, für die Benachteiligten einzutreten, als »Sturm im Wasserglas« bezeichnet. Man warf sie aus dem Schulbus, nachdem sie den Fahrer zur Rede gestellt hatte, der ein Mädchen mitten in einer Schneewehe abgesetzt hatte; den Rest des Jahres nahm sie den Bus der Jungen.

Ihre Familie war ausdrucksstark, temperamentvoll – erfüllt von einer hohen Sensibilität und viel ungelöstem Schmerz. Es konnte jedoch auch ziemlich lustig bei ihnen zugehen. An Feiertagen versammelten sich meine neun Tanten und Onkel sowie einige Schwiegereltern im Haus meiner Großmutter, um den ganzen Tag über zu plaudern, zu scherzen und zu lachen. Um 9 Uhr abends waren die Gespräche, Neckereien und das Gelächter sehr lebendig; gegen 1 Uhr in der Früh wurden die Argumente hitziger und gegen drei stürmte meist eine Person aus der Tür und drohte, nie wiederzukommen. Das heißt, wenn sie nicht schon vorher hinausgeworfen worden war.

Diese Zusammenstöße führten jedoch selten zu einer Entfremdung. Meine Familie hielt zusammen, und wir schüttelten diese Streitereien ab, wie ein Bär sich der Rangelei mit einer Raubkatze entledigt. Wir schienen zu verstehen, dass wir uns in diesem Leben auf recht wenig verlassen konnten, außer aufeinander, und so gingen wir gemeinsam durch dick und dünn. Wir sind, wie Keith Richards mal über die Rolling Stones sagte, noch zusammen, »weil wir wussten, wie man was wieder zusammenflickt«.

Glauben Sie mir, es gab viele Anlässe, bei denen ich es persönlich vorgezogen hätte, wir könnten einfach nur miteinander ausgekommen – wie Rodney King es beschworen hatte. Dass wir uns vielleicht die Zeit genommen hätten, mit Respekt die Sichtweise des anderen anzuhören. Oder einen Moment emotionaler Intensität durch ein paar Minuten friedlichen Schweigens ersetzt hätten. Oder ein Argument oder eine Meinungsverschiedenheit einfach fallen gelassen hätten, weil sie nicht wirklich wichtig waren. Unsere Streitigkeiten waren sehr schmerzvoll; das strapazierte unser Nervensystem und belastete unser Herz, so wie Trennungen, ob lange oder kurze, das immer tun.

Nichtsdestotrotz steckte in all dem eine Lebensenergie und, auch wenn das merkwürdig klingt, eine große Anteilnahme. Meine Familienmitglieder brachten ihre Sicht der Dinge einfach zum Ausdruck, ließen ihren Gefühlen freien Lauf. Und selbst in Momenten, in denen etwas gesagt wurde, was man später bereute, wusste man doch immer, woran man war. Für mich war das alles eine Herausforderung; ich war gezwungen zu verstehen, wie meine Familie ihre Differenzen austrug, und musste damit umgehen. Ich erinnere mich daran, wie ich ergriffener Zeuge einiger intensiver Auseinandersetzungen wurde. Dabei spürte ich zwar immer eine enorme Vertrautheit, zugleich jedoch auch die Gefahr zu großer emotionaler Intensität – während ich zudem die widersprüchliche Wahrheit jeder Position wahrnahm. Selbstverständlich wollte ich keine Partei ergreifen, denn soweit ich die Situation beurteilen konnte, hatte jeder Recht, auch wenn jeder zugleich Unrecht hatte.

Ich bemerkte, dass ich genauso eigensinnig und selbstgerecht wie alle anderen war, sobald es mich betraf. Ich beharrte blindwütig auf meiner Meinung, bestand darauf, dass ich im Recht war, und versuchte, mich mit Verbündeten zu umgeben, die meine Ansicht teilten, was mir meist nicht gelang. Aber die Widersprüche, die Gefühle und emotionalen Verstrickungen ließen mich auch weiterhin hinschauen, zuhören und beobachten. Diese frühen Erfahrungen führten dazu, dass ich später als Mediatorin arbeitete, da mich der Bereich des Konflikts interessierte. Ich wusste, was es bedeutet, wenn man sich in einer hitzigen Debatte verliert. Ich wusste, wie es sich anfühlt, wenn man sich missverstanden fühlt oder wütend ist, wie es ist, ein Verbündeter im Streit eines anderen zu sein oder die Position des neutralen, unvoreingenommenen Beobachters einzunehmen.

Sechs Monate nach meinem 17. Geburtstag veränderte sich meine ganze Sicht der Dinge über Nacht. Sieben meiner Freundinnen und Freunde starben: vier bei einem Flugzeugabsturz, eine in einem Wagen, der sich überschlagen hatte, einer bei einer Messerstecherei und ein weiterer durch Selbstmord. Im Angesicht des Todes verschob sich meine Neugierde von der Betrachtung der Wut und Leidenschaft in Beziehungen zu den großen existenziellen Fragen des Lebens. Was ist der Sinn unserer Existenz? Wer bin ich? Wer sind wir? Welche Bedeutung hat die Liebe, wenn der Tod uns doch gewiss ist?

Ich erkannte, dass nichts mich befriedigen würde, solange ich diese Fragen nicht löste, und fing deshalb an, mich mit Hingabe der Meditation zu widmen. Die Praxis, still zu sitzen und sich im gegenwärtigen Moment auf Körper und Geist zu konzentrieren, verschaffte mir auf seltsame Weise Linderung. Sie erlaubte mir, mit einem grundlegenden Frieden in Berührung zu kommen, »mit dem Ungelösten im Herzen«, wie Rilke es ausdrückt, und vermittelte mir einen tiefen Einklang mit den Dingen, so wie sie sind. Ich fing an zu begreifen, dass der erste und wichtigste Schritt in der realen Konfliktbewältigung darin besteht, diesen Raum des uns innewohnenden Friedens zu erkennen.

Dennoch müssen wir an Beziehungen arbeiten. Es ist eine Aufgabe, die sich uns in unserer Entwicklung stellt, genau wie andere große Themen: ökonomische Gerechtigkeit zum Beispiel, grundlegende Menschenrechte und ökologische Nachhaltigkeit. Wir haben viel darüber zu lernen, wie die häufigen Ausbrüche von Gewalt und Krieg, die so verheerend für die Menschheitsgeschichte gewesen sind, eingedämmt werden können. Wir müssen begreifen, wie wir Konflikte überzeugend in Chancen und kreative Möglichkeiten verwandeln können, und sollten wirksame Methoden entwickeln, die es Menschen weltweit ermöglichen, miteinander auszukommen.

Die Praxis der persönlichen Konfliktbewältigung ist einer der besten Ansätze, um zu diesem kollektiven Ziel beizutragen. Wenn wir unserer eigenen tiefsitzenden Angst vor/in Beziehungen direkt ins Auge schauen und unsere untauglichen Versuche, Konflikte zu lösen, verändern, werden wir mutiger und zuversichtlicher sein. Wir erhalten dann eine Kostprobe davon, wie es sich anfühlt, authentische Beziehungen zu führen, die vertraut und lebendig sind. Wir verstehen dann, dass gute Beziehungen, wie alles andere auch, einer Praxis bedürfen. Wir erfahren so, wie einige einfache Techniken uns dabei unterstützen können, mit diesen Herausforderungen umzugehen, und wir werden ganz von selbst offener und mutiger, wenn es darum geht, mit uns nahestehenden Freunden und Familienmitgliedern bestimmte Fragen anzugehen.

Seien wir doch ehrlich! Wir Menschen sind schon eine unwiderstehliche Mischung. Wir sind äußerst kooperativ und konkurrieren gleichzeitig miteinander. Wir sind friedliebend und aufbrausend, kriegstreibend und empathisch, pragmatisch und verschroben. Wenn wir lieben, lieben wir. Wenn wir kämpfen, fordert das seinen Preis. Doch anstatt sich der schwachen und auch idealistischen Hoffnung hinzugeben, dass wir alle eines Tages einfach miteinander auskommen werden, können wir uns der Konfliktbewältigung wie einer Kunst nähern, die wir entwickeln und ausüben dürfen. Wir können die Herausforderung annehmen, können lernen, unsere persönlichen Konflikte zu transformieren, und zur Entwicklung neuer Seinsweisen für die Menschheit beitragen.

1

Konflikte sind gute Nachrichten

Liebe greift zu und ringt mit uns, um das Porzellan unserer feinen Gespräche über Gott zu zerschlagen.

HAFIZ

Die meisten von uns mögen Konflikte nicht. Normalerweise erscheinen uns die Konflikte, die wir in unserem Leben erfahren, bedauerlich und unnötig, eine Störung unseres Friedens, eine Verschwendung unserer wertvollen Zeit und Energie. Dann gibt es auch noch Zeiten, in denen sie sich auf schmerzhafte Weise zerstörerisch auswirken. Wenn Sie sich jemals von einer Freundin oder einem Liebespartner entfremdet haben, einen Geschäftspartner wegen finanzieller Unstimmigkeiten verloren haben oder durch politische Wirren aus Ihrer Heimat vertrieben wurden, wissen Sie, wie qualvoll diese Umbrüche sind.

Die einfache Wahrheit, die auf der Hand liegt, ist jedoch: Wie schwierig sie auch sein mögen, Konflikte gehören zu unserer menschlichen Erfahrung – anders gesagt, sie werden nicht verschwinden. Sie sind Teil des prächtigen, groben und unersetzbaren Stoffes, der unser Leben ausmacht. Jeder große Roman, jeder Film, jede unvergessliche Geschichte kreist um Konflikte. Shakespeares große Tragödien hätten ohne Intrigen und Verrat nie geschrieben werden können; sie hätten uns andernfalls aber auch nichts über die tiefen Wahrheiten des menschlichen Lebens lehren können.

Buddha wird für seine Einsicht, seine Friedfertigkeit und sein Nichtanhaften gerühmt, aber seine Lebensgeschichte, genau wie die von Jesus Christus, war voll von zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen und herausfordernden Konflikten. Nach seinem Erwachen wurde Buddha ein spiritueller Lehrer und leitete eine Gemeinschaft von Praktizierenden. Er beriet die politisch Mächtigen seiner Zeit, vermittelte in ihrem Namen in Konflikten und handelte Verträge aus. Der Buddha engagierte sich also in der Welt, handelte politisch und stellte sich den Herausforderungen seiner eigenen Gemeinschaft.

Eine eher unbekannte Episode gegen Ende seines Lebens handelt von einem Krieg, der zwischen seiner und einer benachbarten Sippe am gegenüberliegenden Flussufer ausgebrochen war. Es ging um Wasserrechte und im Verlauf dieses Konflikts wurde Buddhas gesamtes Dorf zerstört. Ich frage mich, wie jemand mit einer so tiefen Einsicht sich dabei gefühlt haben muss. Seine Schülerinnen und Schüler hatte er gelehrt, die Bedingungen des Lebens ganz und gar zu akzeptieren und die Vorstellungen davon, wie sie sich das Leben wünschten, weder festzuhalten noch sich ihnen zu widersetzen. Seine Praxis bestand darin, die Wirklichkeit, so wie sie ist, anzunehmen, direkt mit ihr zu arbeiten und Weisheit und Mitgefühl in den sich ständig verändernden Umständen des Lebens zu manifestieren. Er muss aber auch sehr traurig gewesen sein.

Seine Heiligkeit der Dalai Lama ist ein weiteres Beispiel für jemanden, der die Gelassenheit spiritueller Praxis verkörpert, während er sich um einen hartnäckigen, lange währenden Konflikt bemüht. Als spirituelles Oberhaupt der Tibeter unterliegt ihm auch die schwierige Aufgabe, sein Volk im Exil zu führen und in seinem Namen auf China und den Rest der Welt einzuwirken. Mahatma Gandhi und Martin Luther King sind weitere Vorbilder, in denen sich eine tiefe spirituelle Disziplin und politischen Fähigkeiten vereinen, wie auch Nelson Mandela, Desmond Tutu und Aung San Suu Kyi.

Unsere eigenen Probleme und Herausforderungen mögen im Vergleich dazu unbedeutend erscheinen, aber sie sind es nicht. Wenn wir mit Menschen, denen wir uns verbunden fühlen, einen Konflikt austragen, bietet das immer auch eine Chance, diesen Konflikt in Geduld, gegenseitiges Verstehen und kreative Lösungsansätze zu verwandeln. Sobald wir diese Chance ergreifen, tragen wir zu dem kollektiven Bemühen bei, zu lernen, wie wir friedlich miteinander leben. Dies ist eine der größten Herausforderungen für die globale Gemeinschaft, und jeder einzelne Versuch trägt zu dieser Entwicklung bei.

Von der Krise zur Chance

Um Konflikte transformieren zu lernen, müssen wir zunächst die Vorstellung loslassen, dass an ihnen etwas falsch oder schlecht ist. Dieser Glaube verursacht einen grundlegenden Widerstand und bildet das erste Hindernis, wenn wir mit Konflikten umgehen wollen. Wir können jedoch unseren Blickwinkel verändern und erkennen dann vielleicht, dass Konflikten, genau wie Träumen, eine elegante Intelligenz innewohnt, in der sich Wahrheiten ausdrücken, die wir nicht ganz so direkt betrachten wollen. Vielleicht geht es darum, ein altes Muster loszulassen, oder eine Beziehung muss wachsen und sich verändern. Mit einer gewissen Praxis und Erfahrung können wir lernen, wie diese Intelligenz zum Ausdruck kommt, und ihr konstruktiv und kreativ begegnen. Der Konflikt ist nicht das Problem; unsere Reaktion darauf ist es.

Ein Konflikt, der in unsere Leben tritt, hat das Potenzial, uns lebendiger werden zu lassen, unsere bekannten Verhaltensmuster außer Kraft zu setzen und uns dazu zu zwingen, etwas Neues zu lernen. Konflikte unterbrechen unser alltägliches Lebens und katapultieren uns in das Unbekannte: in einen Raum offener Möglichkeiten, der mit elektrisierender Energie gefüllt ist.

Als ich das College besuchte, verliebte ich mich. Sechs Monate lang schwebten wir im siebten Himmel, waren nur damit beschäftigt, uns gegenseitig alles zu geben und uns glücklich zu machen. Doch plötzlich verwandelte sich das Glück in etwas Irritierendes. Die Intimität, die wir ausgekostet hatten, wendete sich gegen uns. Wir waren gereizt und fühlten uns schließlich eingeengt. In einem naiven Versuch, wieder Luft holen zu können, trennten wir uns.

Wenn ich jetzt zurückschaue, erkenne ich, wie viel Weisheit in unserem Konflikt lag. In ihm drückte sich die Wahrheit unserer allzu symbiotischen Verbindung aus, und er forderte uns auf, wieder in eine Balance zu kommen, in der noch Platz für andere war. Wir mussten dem Kokon unserer Liebe entwachsen, wussten damals aber nicht, wie wir das anstellen sollten. Und so trennten wir uns einfach.

Die Chance zur Veränderung kann individueller oder gesellschaftlicher Natur sein. Wenn wir uns an die Zeit unmittelbar nach den Angriffen auf das World Trade Center 2001 und vor der Invasion in Afghanistan erinnern, so gab es damals eine kurze Zeitspanne, in der die Menschen das Trauma und die Trauer direkt spüren konnten, ohne dass es bereits zu einer Vergeltung oder einem Gegenschlag durch die USA gekommen war.

In dieser Offenheit schien etwas Neues möglich zu sein. Die Leute hatten eine schreckliche Wahrheit erfahren – nämlich dass Menschen andere Menschen aufgrund unterschiedlicher Machtverhältnisse und Weltanschauungen attackieren. Wir waren aufgebracht, untröstlich und fassungslos, aber wir stellten auch Fragen: Was hatte die Angreifer motiviert? Wie hatte die Außenpolitik der Vereinigten Staaten dazu beigetragen? Wie sollte das Land am besten reagieren?

Viele von uns verloren in dieser Zeit ihr emotionales Gleichgewicht, während wir unsere Perspektiven veränderten und nach Gründen suchten. Wir identifizierten uns mit einem Land und einer Stadt, die gerade angegriffen worden war; wir stellten uns die letzten Momente der Opfer vor, die Versuche, ihre Familien anzurufen. Wir bemühten uns, einen Einblick in die Motive der Täter zu erhalten, die die Flugzeuge in die Gebäude gesteuert hatten, und die terroristischen Organisationen zu verstehen, in denen sie ausgebildet worden waren. Wir wägten die Handlungsoptionen der politisch und militärisch Verantwortlichen ab und empfanden Mitgefühl mit den schuldlos Betroffenen weltweit – sowohl Nationen als auch Individuen –, die sich entweder nach Rache oder nach einer friedlichen Lösung sehnten.

Dieses Infragestellen eröffnete die Möglichkeit, anders zu reagieren. Es kann darüber gestritten werden, ob wir als Volk und Kultur aus Notwendigkeit, Klarheit oder alten Mustern heraus reagierten, aber gleichwohl gab es anfangs eine gewisse Offenheit. Ähnliche Chancen und Gelegenheiten tun sich auch in unserem Leben auf, und die Konflikte, die diese Möglichkeiten eröffnen, treiben unsere Entwicklung voran. Wir lernen dadurch, zuzuhören, andere Sichtweisen und unsere eigenen Annahmen zu überdenken, tief verankerte Glaubenssysteme neu zu bewerten und so unsere Weltsicht zu erweitern.

Ich habe eine enge Freundin – eine spirituelle Weggefährtin, könnte man sagen –, die ich seit mehr als 20 Jahren kenne. Wir haben beide Söhne mit Down-Syndrom. Wir haben eine Menge gemeinsam durchgemacht, haben uns dem Schmerz, den Vorurteilen und der Isolation gestellt, die ein behindertes Kind mit sich bringt. Wir sind miteinander durch dick und dünn gegangen und haben uns in guten und in schlechten Zeiten unterstützt.

Als unsere Söhne langsam erwachsen wurden, bemerkte ich in unseren Gesprächen einen schärferen Ton und eine gewisse Reizbarkeit. Das wurde immer unangenehmer, bis wir schließlich einen Punkt erreichten, an dem wir miteinander reden mussten. Ich wollte das nicht unbedingt – solche Gespräche machen schließlich keinen Spaß. Aber irgendwann geschah es einfach spontan und intuitiv. Nachdem wir eine Welle von Verletzungen und eine angespannte Atmosphäre durchschifft hatten, erkannten wir, dass die Spannungen zwischen uns daher rührten, dass unsere Söhne erwachsen geworden waren und unsere Lebenswege sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt hatten. Wir waren beide traurig und hatten Angst davor, der Zukunft nun nicht mehr gemeinsam entgegenzusehen. Aber unser Gespräch half uns dabei, den Veränderungen mit Verständnis und Mitgefühl zu begegnen und zu entdecken, wie wir einander auf andere Weise unterstützen konnten.

Wenn wir lernen wollen, unsere Konflikte zu bewältigen, sind wir gefordert, präsenter und furchtloser zu werden. Wir müssen dazu das idealistische Bild loslassen, dass wir unter allen Umständen ruhig und beherrscht sein sollten, etwa wie sitzende Buddhas, die aus Holz oder Stein gefertigt sind. Wir sollten erwarten, dass unser Gleichgewicht ins Wanken gerät, wenn wir etwas über die kreativen Lösungsmöglichkeiten lernen wollen, um mit den Konflikten in unseren Beziehungen direkt zu arbeiten. Selbst oder gerade wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir uns das wünschen, entwickelt sich unser Umgang mit Unstimmigkeiten weiter und lehrt uns, dass sich dadurch manchmal sogar der Verlauf unseres Lebensweges ändert.

Ob die Ergebnisse uns beleben oder bedrücken, hängt davon ab, wie bewusst wir mit uns selbst und den Umständen unseres Lebens arbeiten. Wenn wir uns einfach nur zurückziehen, den Konflikt übergehen oder als Sieger aus ihm hervorgehen wollen, wird uns das nichts Neues erfahren lassen. Wenn wir unsere Fähigkeiten jedoch entwickeln, stellt sich ein Gefühl der Freiheit ein, ein Vertrauen in uns selbst, sodass wir letztendlich authentischer, vertrauter und liebevoller miteinander umgehen.

Halten Sie sich bitte vor Augen: Wenn wir mit der Welt nicht immer wieder uneins wären, gäbe es wenig Gründe zu wachsen und weniger Chancen, mitfühlendere und wachere menschliche Wesen zu werden. Genau wie der Buddha und der Dalai Lama können auch wir in dieser menschlichen Gemeinschaft die Fähigkeiten entwickeln, mit Konflikten zu arbeiten, und wirksame Methoden anwenden, um diese Konflikte zu transformieren. Unsere Fähigkeiten, Konflikte auf einer persönlichen Ebene zu transformieren, versetzt uns schließlich kollektiv in die Lage, gemeinsam eine friedfertigere und harmonischere Welt hervorzubringen. Für uns alle stellt dies eine Herausforderung dar, ein Privileg und eine Bestimmung in einer sich entfaltenden Welt.

PRAXIS

Konfliktbetrachtung

Denken Sie über einen Konflikt nach, der in dieser Woche in Ihrem Leben aufgetaucht ist. Stellen Sie sich dazu ein paar Fragen und gestatten Sie sich, die Situation offen zu betrachten:

1. Was sind die Umstände und wie beurteilen Sie diesen Konflikt? Fühlt sich die Situation falsch oder schlecht an? Glauben Sie, dass die andere Person daran schuld ist?

2. Gibt es irgendetwas, was sich an diesem Konflikt richtig anfühlt? Anders gesagt, können Sie eine gewisse Logik oder Intelligenz in diesem Konflikt erkennen?

3. Welche Wahrheit oder welche Wahrheiten kommen in diesem Konflikt zum Ausdruck?

4. Wie können Sie wachsen, indem Sie mit diesem Konflikt arbeiten, anstatt sich ihm zu widersetzen oder ihn zu vermeiden?

2

Innerer Friede, äußerer Friede

Ohne inneren Frieden ist äußerer Frieden unmöglich. Wir alle wünschen uns Frieden in der Welt, aber wir werden ihn nicht verwirklichen, bevor wir nicht zuerst unseren eigenen Geist befriedet haben.

GESHE KELSANG GYATSO1

Geshe Kelsang Gyatso spricht hier eine fundamentale Wahrheit aus, etwas, das wir alle intuitiv spüren. Wenn wir an die zeitgenössischen Vertreter des Weltfriedens denken – den bereits verstorbenen Nelson Mandela, Desmond Tutu, Seine Heiligkeit den Dalai Lama, Thich Nhat Hanh, Aung San Suu Kyi –, erkennen wir, dass sie alle einen tiefen inneren Frieden ausstrahlen. Die Kraft ihrer Präsenz ist der überzeugendste Aspekt ihrer Botschaft von sozialer Harmonie und Gerechtigkeit. Sie sind lebendige Beispiele persönlicher Tiefe, Widerstandskraft und Harmonie, obwohl sie schreckliche soziale Spannungen und politische Konflikte am eigenen Leib erlebt haben, Bedingungen, die sie mutig ertragen und zu deren Veränderung sie sich mit großer Hingabe in diesem Leben verpflichtet haben. Wenn Seine Heiligkeit trotz eines 60-jährigen Exils außerhalb Tibets wahrhaften Frieden ausstrahlt, wenn Nelson Mandela selbst nach 25-jähriger Gefangenschaft in Südafrika breit und mit einer ungekünstelten Aufrichtigkeit lächeln konnte, wenn Aung San Suu Kyi in Burma auch nach 20 Jahren Hausarrest Anmut und Zuversicht verbreitet, so können uns diese Beispiele ermutigen, eine Quelle des Wohlergehens zu finden, die nicht von unseren Konflikten und alltäglichen Herausforderungen abhängt.

Intuitiv spüren wir bereits, dass die wahrhafte Quelle des Friedens genau dort zu finden ist, wo wir sind. Wie der Zen-Meister Dogen es ausdrückte: »Wenn ihr die Wahrheit nicht genau dort finden könnt, wo ihr seid, wo erwartet ihr sie dann zu finden?« Diese Einsicht führt uns instinktiv zur Praxis der Sitzmeditation. Aber jeder, der auch nur ein wenig Zeit auf einem Meditationskissen verbracht hat, weiß, dass uns unsere anfänglichen Erfahrungen nicht unbedingt den Frieden schenken, nach dem wir suchen.

Die erste Begegnung mit uns selbst besteht oft aus einer wilden Mischung körperlichen Unbehagens, emotionaler Unruhe und wahlloser Kommentare unseres abschweifenden Geistes, jener ängstlichen und verunsicherten Stimme in uns allen. Buddhistische Texte beschreiben diese Stimme häufig als »Affen-Geist«, ein Strom unkontrollierter Gedanken, der beständig durch das Bewusstsein zieht. Diese Gedanken sind laut, ablenkend und sogar bedrohlich, wenn sie unsere Ängste verkünden, unsere Gewissenbisse, Frustrationen, Begierden, Ressentiments und Sorgen. Unser Innerstes ist tatsächlich weit davon entfernt, friedlich zu sein; es ist ein Dschungel.

Ego

Im Zentrum all dieses Geplappers steht die Stimme des Ego oder des kleinen Selbst, wie Shunryu Suzuki es nannte. Das Wort ego bezeichnet im Griechischen einfach das »Ich«. Wenn wir in Meditation sitzen, beginnen wir, unsere konstante, verbissene Beschäftigung mit dem Selbst zu bemerken. Wir beurteilen jeden Moment und fragen uns, ob wir in Sicherheit sind, ob wir erfolgreich sind, ob die Welt uns fair behandelt. Aus einer bestimmten Sicht ergibt diese Selbstbezogenheit durchaus Sinn. Wir sind verantwortlich dafür, uns um uns selbst zu kümmern und Wege zu finden, in diesem Leben engagiert und glücklich zu sein. Wenn wir jedoch genau hinschauen, können wir erkennen, dass unser diskursiver Geist wie eine Episode aus der Reality-Fernsehsendung Survivor2 wirkt. Wir fühlen uns schutzlos, ausgeliefert und verunsichert in einer gefährlichen und miteinander konkurrierenden Welt. Unser Geist ist voll von Gedanken über Menschen und Situationen, die uns bedrohen. Wir blicken nach vorn und dann wieder über unsere Schulter zurück in dem Bestreben, uns selbst, unser Selbstbild und unsere Zukunft zu schützen.

Selbst unter den positivsten Umständen, wenn wir in einer vertrauten Umgebung mit Menschen zusammen sind, die wir lieben, dauert der Kampf des Ego an. Geht es in diesem Kampf nicht um unser grundlegendes Überleben, ist vielleicht der Kampf um permanente Selbstverbesserung das Thema – unser Streben, noch wohlhabender, erfolgreicher und angesehener zu sein. Von außen betrachtet mag unser Leben erfolgreich wirken, aber der Stress, den wir innerlich empfinden, dieses Ringen darum, es zu schaffen, scheint kein Ende zu nehmen. Und damit endet auch nicht die beständige Unzufriedenheit, die Teil unserer täglichen Existenz zu sein scheint.

Dieser Small Talk des Selbst, laut und unzufrieden, bewirkt eine permanente Anspannung in uns. Das Ego ist dualistisch und verwandelt alles in Gegensätze – du und ich, dies und das, richtig und falsch, gut und schlecht. So bewegt sich die Anspannung in unserem Geist zwischen zwei Polen: »Ich mag dieses und ich mag jenes nicht; ich will dieses, aber ich will jenes nicht. Ich hoffe auf dieses und ich fürchte jenes.« Unser Geist – manchmal banal alltäglich, dann wieder dramatisch – pendelt zwischen Eigenlob und der Kritik an anderen hin und her und geht im nächsten Atemzug dazu über, andere auf ein Podest zu heben und uns selbst schlechtzumachen. Unser Geist ist oft eine Litanei von Ja und Nein, Für und Wider. Wir sind meist dermaßen besessen von Vergleichen, Meinungen, Beurteilungen und Vorlieben, dass wir es uns nur selten erlauben, die Dinge so zu erfahren, wie sie sind.

Indem wir uns diese innere Stimme und das, was sie sagt, bewusst machen, können wir lernen, unseren Geist konstruktiver zu gestalten. Eine Therapie oder ein Coaching kann uns darin unterstützen, unsere Selbstkritik zu mildern, die Intensität unserer Urteile zu verringern, Wunden aus der Vergangenheit zu heilen und unsere Zukunftsängste nach und nach loszulassen. Aber auch ein gesundes, funktionierendes Ego beruht immer noch auf der grundlegenden Aufspaltung in Ich und Welt. Solange wir uns von dieser Sicht einschränken lassen, werden wir die Spannungen erfahren, die sich aus diesem Dualismus ergeben. Wenn wir den Frieden finden wollen, von dem der Buddha sprach, müssen wir lernen, den Geist vollständig zur Ruhe zu bringen. Wahrhafter, dauerhafter Friede stellt sich ein, wenn wir die Wirklichkeit als ungeteilt erfahren.

Meditation

Meditation ist eine ganz einfache Praxis. Sie beinhaltet die vollkommene Konzentration von Körper und Geist in einer entspannten, aufrechten Sitzposition. Man benötigt dazu weder besondere Fertigkeiten noch Talent. Wir haben alles, was wir brauchen, um uns ein Kissen unterzulegen und uns hinzusetzen, die Beine zu kreuzen, einen vollen, tiefen Atemzug zu nehmen und unsere Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Üblicherweise beginnen wir mit einer Konzentrationspraxis, etwa indem wir unserem Atem folgen. Wir konzentrieren uns auf unsere Atemzüge, während wir den Gedanken, Empfindungen und Gefühlen erlauben, durch unser Gewahrsein zu wandern, als wären es Wolken, die über den Himmel ziehen. Sobald unsere Praxis eine gewisse Stabilität erreicht, identifizieren wir uns nicht mehr mit dieser üblichen Abfolge von Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen, sondern mit dem offenen Raum des Gewahrseins selbst, in den all unsere Erfahrungen eingebettet sind.

Letztendlich geht es bei diesem Sitzen nicht wirklich darum, uns in Konzentration zu schulen, oder darum, uns irgendwie zu verbessern. Wie es der Zen-Meister Dogen ausdrückte: »Es ist das Tor zur Leichtigkeit und Freude.« Können Sie sich das vorstellen? Es scheint zu einfach, um wahr zu sein. Aber sobald der Geist zur Ruhe kommt und wir eins mit unserer unmittelbaren Erfahrung werden, fällt unser Ringen von uns ab. Wir sind dann vollkommen gegenwärtig im Hier und Jetzt; die Vergangenheit interessiert uns in diesem Moment nicht und die Zukunft existiert noch nicht. Alles, was dann Teil unserer Erfahrung ist, wird lebendiger, reicher an Details und – interessanterweise – flexibler und gestaltbarer. Das Festhaltende und Zielgerichtete in der Stimme des kleinen Selbst fällt von uns ab und wir erkennen die Wirklichkeit als ein vollständiges Sein: lebendig und voller Details, aber dennoch ein Ganzes. Vollkommen unbewegt und dennoch sich wandelnd. Ein tiefes Wohlempfinden stellt sich ein, ein Friede, der nicht davon abhängt, was wir erreicht oder getan haben. Wir kosten den Geschmack einer Erfüllung, die dem Sein selbst innewohnt. Dann machen wir vielleicht die Erfahrung, dass dieser Zustand des Wohlergehens ganz von selbst nach außen strebt. Unser Herz weitet sich, Mitgefühl stellt sich ganz natürlich ein wie Blüten, die sich im Frühling öffnen, und wir beziehen andere in unsere guten Wünsche mit ein. Wir erfreuen uns an einem weitreichenden Gefühl von Freiheit und werden ganz natürlich zu kreativem Handeln inspiriert.

In seinem Bestseller Jetzt! Die Kraft der Gegenwart definiert Eckhart Tolle Erleuchtung ganz einfach als »dein natürlicher Zustand von empfundener Einheit mit dem Sein. In diesem Zustand bist du mit etwas Unermesslichem und Unzerstörbarem verbunden, mit etwas, das paradoxerweise du selbst bist und das zugleich etwas viel Größeres ist als du. Es geht um das Entdecken deiner wahren Natur jenseits von Name und Form.«3

Sobald wir diese Wirklichkeit von Freiheit und Frieden erfahren haben, wundern wir uns vielleicht, worum es in unseren Kämpfen eigentlich ging. Mein Zen-Lehrer, Genpo Roshi, gab mir den Zen-Namen Musho, der »kein Konflikt, kein Kampf« bedeutet. Dieser Name erinnert mich daran, dass es ohne Aufspaltung des Geistes keine Kämpfe gibt. Ohne Spaltung ist alles, was wir brauchen, einfach da. Ohne diese Spaltung gibt es keine abgetrennte Identität, die sich sorgt und klagt. Ohne Spaltung gibt es kein Bemühen. Ohne Spaltung sind wir einfach nur. Wir sind frei, mitfühlend und kreativ.

Die Relevanz der Praxis und Willies Geburt

Der Wert einer regelmäßigen Meditationspraxis wurde mir in den ersten Monaten nach der Geburt meines Sohnes deutlich vor Augen geführt. Willie kam am Neujahrstag 1989 zur Welt. Er war mein erstes Kind. Ich hatte bereits sieben Jahre lang meditiert, aber erst nach seiner Geburt gewannen die Worte »hier und jetzt« immens an Bedeutung.

Die Wehen setzten am Silvesterabend ein, als ich mit meinem Mann in einem Restaurant beim Essen saß. Das leichte Ziehen am frühen Abend verwandelte sich später in der Nacht in heftige Geburtswehen. Sechs oder sieben Stunden, nachdem die Wehen eingesetzt hatten, ergriff eine rohe Lebenskraft Besitz von mir und überwältigte meinen Körper mit einer tiefen, evolutionären Zielgerichtetheit. Ich konzentrierte mich mit aller Kraft auf meinen Atem, um einfach nur präsent zu bleiben, aber jetzt hatte die Natur das Sagen. Jeder Gedanke daran, wie ich es gerne hätte, war überflüssig. Die Geburt lief, genau wie das Sterben, nach ihrem eigenen Zeitplan und ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten ab.

Nach 14 Stunden Wehen half meine Hebamme dabei, das Baby zur Welt zu bringen. Meine Sinne waren so wach, dass jedes Bild, jedes Gefühl und jede Wahrnehmung dieses Moments in mein Gedächtnis eingebrannt ist. Ich erinnere mich an die Sanftheit in den blauen Augen meines Mannes, das blasse Licht des Nachmittags, das durch die Fenster fiel, die routinierten Aktionen der Frau, die mir half. Ich spürte die übliche, überwältigende Freude und die Erleichterung, die sich im Moment der Geburt einstellen. Ich nahm aber auch den kurzen, sorgenvollen Blick wahr, der sich, wie ein Schatten auf einen See, kurz über das Gesicht meiner Hebamme legte.

Ich sah mein Neugeborenes an; sein Gesicht war violett. Plötzlich fragte ich mich, ob es atmete. »Laurine«, sagte ich, »was bereitet dir Sorgen?« »Mich sorgt, wie er aussieht«, entgegnete sie. Ich schaute ihn noch einmal an. Er weinte nicht, wie es Neugeborene normalerweise tun, und diesmal bemerkte ich eine ungewöhnliche, fast nicht sichtbare Falte in seinen Augen. »Oh je«, sagte ich zu meinem Mann und der anwesenden Familie, »er ist ein Down-Baby.«

Eine tiefe Stille legte sich über den Raum. Niemand sprach ein Wort, nur mein jüngerer Bruder beugte sich über mich und flüsterte: »Ich liebe dich.« Als die Hebamme mir das Baby in die Arme legte, war mein Geist betäubt und mein Herz so roh, dass es in der Brust schmerzte. Man könnte sagen, dass es gerade gebrochen war. Mein Mann und meine Familie verließen schweigend das Zimmer; jeder suchte nach seiner eigenen Deutung für dieses Ereignis und fand Trost in der Gesellschaft der anderen. Für einen kurzen Moment war ich mit meinem Baby allein, bestürzt, aber auch verzaubert von diesem ganz neuen Leben. In meinem Geist hörte ich die Worte des Dritten Chinesischen Patriarchen des Zen: »Der Große Weg ist nicht schwierig für jene, die keine Vorlieben haben.«

In den nächsten Tagen und Wochen ging ich durch viele emotionale Höhen und Tiefen. Ich erinnere mich noch sehr genau an die enormen körperlichen Veränderungen, an die Herausforderung, sich um ein Neugeborenes zu kümmern, und die unvorhersehbaren Anfälle von Furcht und Trauer, die sich einstellen, wenn man ein behindertes Kind hat. Aber meine Meditationspraxis half mir zu erkennen, dass meine sorgenvollen Gedanken fast immer nur um die Zukunft kreisten – ob mein Sohn akzeptiert werden würde, ob er je selbstständig leben könnte. Und ich dachte sogar darüber nach, ob er eines Tages eine Freundin hätte. Diese Gedanken katapultierten mich auf der Stelle in eine Welt voller Unsicherheit, Angst und Sorge. Sehr schnell merkte ich, wie dieser Fokus auf die Zukunft mich beeinträchtigte, und so konzentrierte ich meinen Geist darauf, gegenwärtig im Hier und Jetzt zu sein.

Diese Verlagerung der Perspektive wird durch die Gegenwart eines Babys erleichtert. Babys sind so direkt und einfach da; auf eine bezaubernde Art und Weise verlangen sie nach unserer gesamten Aufmerksamkeit. Nichts hilft uns mehr, unsere Aufmerksamkeit zu konzentrieren, als das Charisma eines Babys. Sein Blick ist so offen und unverfälscht, und die einfachen Verrichtungen des Fütterns, Säuberns und Einkleidens, die kurzen Spaziergänge, die man mit ihm macht, sind natürliche Formen der Meditation. Wenn wir uns auf solch ein kleines Wesen einlassen, befreit uns das bereits ein wenig von den Anforderungen des Ego, und es wird ein klein wenig stiller in uns. Alles ist dann einfach so, wie es ist, ohne Bewertungen und Vorlieben, und das Leben gewinnt wieder seine ihm innewohnende Erfülltheit. Ich war überrascht über den großen Kontrast zwischen den Momenten, in denen ich in der Gegenwart blieb, und den Augenblicken, in denen ich mich in einer imaginierten Zukunft verlor.

Manchmal tauchte die Trauer ganz plötzlich auf. Einmal, als ich im Schwimmbad meine Bahnen zog, weinte ich 40 Minuten lang im Wasser. Wenn ich in Tränen ausbrach, verwirrte mich das, denn ich liebte mein neugeborenes Kind. Schließlich begriff ich, dass ich um ein anderes Baby trauerte, jenes, das ich mir vorgestellt hatte zur Welt zu bringen. Schließlich erlaubte ich den schmerzhaften Gefühlen, einfach aufzutauchen und wieder zu verschwinden, was mich weichherziger werden ließ, offener und – merkwürdigerweise – wertschätzender. Nach einer Weile hatte ich mehr Mitgefühl mit meiner Angst und Verunsicherung, und manchmal erstreckte sich dieses Mitgefühl in alle Richtungen, um alle, die litten, darin einzuschließen. Ich blicke auf diese Zeit als eine der tiefsten Phasen der Praxis in meinem Leben zurück. Ich lernte damals so viel über die Freiheit und den Frieden eines stillen Geistes, wenn wir einfach nur in den Dingen präsent sind. Der absolute Wert des Lebens, so wie es ist, wurde mir bewusst, mit all seinen Enttäuschungen, Traumata und unerwarteten Schwierigkeiten. Ich vermute, dies ist der Grund dafür, dass Seine Heiligkeit so strahlt, Mandela so lächeln konnte und Aung San Suu Kyi so viel Anmut zeigt – trotz all dessen, was sie ertragen mussten.

Die meisten von uns können sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, die Besetzung des eigenen Landes zu erleben, unter der Apartheid aufzuwachsen oder zu erleben, wie unsere Familie, unsere Freunde und Nachbarn umgebracht werden. Doch wir alle erfahren Ungerechtigkeiten. Wir werden unfair behandelt und erleben Tragödien. Wenn diese Dinge passieren und unsere Welt im Chaos versinkt, kann Meditation uns dabei helfen, mit einem tieferen Gefühl des inneren Friedens und des Vertrauens darauf, wie unser Leben sich entfaltet, in Berührung zu kommen – ungeachtet des Ringens und Kämpfens. Außerdem ist Meditation eine altbewährte Methode, während wir uns zugleich andere Werkzeuge und Techniken aneignen, damit wir den Herausforderungen in unserem Leben auf unterschiedliche Weise begegnen können.

Viele Jahre später, Willie war damals etwa acht Jahre alt, saß er in der Badewanne, während ich mich für den Arbeitstag fertig machte. Ich ging zu ihm und fragte ihn mit der Stimme einer Mutter, die es eilig hatte, zur Arbeit zu kommen: »Willie, was wirst du heute machen?« Er blickte mich heiter und gelassen an, goss Wasser spielerisch aus einem Becher zurück in die Wanne und sagte: »Jetzt!«

PRAXIS

Meditation

1. Suchen Sie sich einen stillen Platz, wo es keine Ablenkungen gibt.

2. Nehmen Sie auf einem weichen, runden Meditationskissen Platz und kreuzen Sie die Beine.

3. Sie können entweder in der Haltung des halben oder vollen Lotus sitzen – oder Sie platzieren Ihre Füße so auf dem Boden, dass sie aneinanderliegen. Um die volle Lotus-Haltung einzunehmen, legen Sie den rechten Fuß auf Ihren linken Oberschenkel und den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel. In der halben Lotus-Haltung legen Sie den linken Fuß auf den rechten Oberschenkel.

4. Legen Sie Ihre rechte Hand auf den linken Fuß, und platzieren Sie die linke Hand auf der rechten Hand, sodass die Daumenspitzen sich leicht berühren. Legen Sie die Hände so am Körper an, dass sich die Daumen in Höhe des Nabels befinden.

5. Strecken Sie Ihren Körper und sitzen Sie aufrecht. Ihre Ohren sollten sich in einer Linie mit den Schultern und Ihre Nase sollte sich in einer Senkrechten mit dem Nabel befinden.

6. Legen Sie die Zunge am Gaumen an und atmen Sie durch die Nase ein und aus. Der Mund sollte geschlossen sein. Die Augen sollten geöffnet sein und Ihr Blick sanft etwa einen Meter vor Ihnen auf dem Boden ruhen.

7. Atmen Sie tief ein und dann vollständig aus. Entspannen Sie sich.

8. Sitzen Sie jetzt einfach, und erlauben Sie Ihren Gedanken zu kommen und zu gehen, ohne an ihnen festzuhalten. Beurteilen Sie sie nicht; versuchen Sie auch nicht, die Gedanken zu verscheuchen. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Atem, bleiben Sie präsent und verweilen Sie im Gewahrsein des Seins, im Jetzt.

3

Vorsätze: Innere Stabilität finden

Vorsätze stehen im Zentrum eines bewussten Lebens. Bewusste Vorsätze prägen und bewegen alles.

MEISTER HSING YUN4

Häufig wird heute auf die Relevanz positiver Vorsätze hingewiesen. Es heißt, wenn wir gute Vorsätze haben, können wir großartige Dinge verwirklichen. Durch eine klare Motivation und regelmäßige Praxis können wir unseren abschweifenden Geist zur Ruhe bringen und die mentalen oder emotionalen Muster, die unser Leiden verursachen, loslassen. Wir können präsent und wach werden und schließlich mitfühlend auf uns und unsere Mitmenschen reagieren. Letztendlich können wir dadurch lernen, unser Leben so wertzuschätzen, wie es ist, ohne das uns innewohnende Potenzial zum Glücklichsein durch unzählige unerfüllte Erwartungen und unvermeidbare Enttäuschungen zu verdecken.

Vorsätze können als eine innere Wahl oder Verpflichtung beschrieben werden, die unser Handeln auf etwas Größeres ausrichten als das, was wir sind. Es war Buddhas ursprüngliche Absicht, die verstörenden Wahrheiten von Alter, Krankheit und Tod genau zu betrachten und das Leiden zu beenden. Nach sechs Jahren hingebungsvoller Praxis wurde er erleuchtet. Das heißt, er erfuhr sein eigenes Leben, sich selbst, in einem absolut unkonditionierten Gewahrsein, ohne das Gefühl der Abtrennung von anderen Dingen und Menschen. Er erfuhr sich als ganz und vollkommen, tief verbunden mit der Wirklichkeit. Als er kurz danach alten Freunden begegnete, fasste er das in folgenden Worten zusammen: »Ich bin erwacht.«

Ich kannte einmal einen Seemann, dessen Leben durch Vorsätze transformiert wurde. Er litt unter starken Schmerzen; die Situation war so schwierig, dass er sein Leben beenden wollte. In großer Verzweiflung segelte er eines Nachts auf die Nordsee hinaus. Doch anstatt in das eisige dunkle Wasser zu springen, schaute er zu den Sternen empor und bat sie um Hilfe. In diesem Moment gelobte er dem Sternbild Orion, einen Weg zu finden, sein Leben zu heilen. Mit der Zeit gelang ihm dies auch, wobei das Sternbild ihm ein stetiger und unterstützender Begleiter war.

Ich kannte einen anderen Mann, eine wahre Naturgewalt. Als Kind sah er sich die Reichen und die Armen an und entschied, dass es besser wäre, reich zu sein. Der damals zehnjährige Junge fasste daraufhin den Vorsatz, »einen Riesenberg Kokosnüsse anzuhäufen«. Heute besitzt er etwa eine Milliarde Dollar. Ich bin nicht sicher, ob er glücklich ist, aber sein Vorhaben bestand auch nicht darin, glücklich zu werden. Er wollte reich werden. Zweifellos gefällt es ihm, viel Geld zu besitzen. Aber es zu erwirtschaften und zu behalten, führt eben auch zu Stress und Konkurrenzkampf – sein Glück ist also nicht das bedingungslose Glück, das der Buddha entdeckte.

Gesetz der Anziehung

Es wird viel über die Wirkung von Vorsätzen und Intentionen gesprochen – von Wissenschaftlern der Feldtheorie über Vertreter der Neugeist-Bewegung bis hin zu Fans des Films The Secret.