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Das Herzjuwel der Erleuchteten

Das Herzjuwel
der Erleuchteten

Die Übung von Sicht,
Meditation und Verhalten

Eine Abhandlung
heilsam am Anfang,
in der Mitte und
am Ende

Grundtext von Patrul Rinpoche
Kommentar von Dilgo Khyentse Rinpoche

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Titel der Originalausgabe:
The Heart Treasure of the Enlightened Ones
erschienen bei Shambhala Publications Inc., 300 Massachusettes Ave.
Boston, MA 02115, U.S.A.

Übersetzung ins Deutsche:

Sabine von Minden und Corinna Chung

Dilgo Khyentse:

Umschlaggestaltung:

Das Herzjuwel der Erleuchteten

Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld

© Theseus in J.Kamphausen

Foto © Matthieu Ricard

Mediengruppe GmbH, Bielefeld 2013

E-Book Gesamtherstellung: Bookwire GmbH,

info@j-kamphausen.de

Frankfurt

www.weltinnenraum.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

ISBN Print 978-3-89901-726-7

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Vorwort

Ich freue mich sehr, daß diese tiefgründige mündliche Erläuterung von Dilgo Khyentse Rinpoche, dem Oberhaupt der Schule der Alten Überlieferung, zu Za Patrul Rinpoches Thog mtha bar gsum du dge ba’i gtam übersetzt und unter dem Titel Das Herzjuwel der Erleuchteten veröffentlicht wird.

Patrul Rinpoche, ein in jüngster Vergangenheit im Land des Schnees erschienener großer Bodhisattva, war ein herausragender und gelehrter Dharma-Praktizierender. Er gab »Die Unterweisung, die heilsam am Anfang, in der Mitte und am Ende ist – das Herzjuwel der geheiligten Übung von Sicht, Meditation und Verhalten« zum Wohl all derer, die Befreiung erlangen möchten. Sie umfaßt alle wesentlichen Dharma-Lehren und ist, ihrer tiefen Bedeutung und schönen sprachlichen Form wegen, ein wahres Lebenselixier.

Ich hoffe und bete, daß durch die Veröffentlichung dieser Belehrung die Menschen in Ost und West zu geistigem Frieden im einzigartigen Glück des Mitgefühls und der Liebe finden.

Der Dalai Lama
8. Februar 1991

Auf Vorschlag des Dalai Lama hat Dilgo Khyentse Rinpoche die in diesem Buch enthaltenen Lehren im Februar 1984 in Delhi, Indien, gegeben. Zwei Jahre später hat er in seinem Kloster in Nepal und im Juli des gleichen Jahres in der Dordogne in Frankreich zusätzlich Belehrungen über den gleichen zugrundeliegenden Text erteilt, die in diesem Band eingefügt wurden.

Inhalt

Vorwort des Dalai Lama

Zur Einführung

Einleitung

Wie wir diese Belehrungen aufnehmen sollten

Der Inhalt dieser Belehrungen

DIE ANFANGSVERSE

Die Huldigung

Weshalb Patrul Rinpoche diese Verse verfaßt hat

TEIL EINS:
Die Mängel in unserem Zeitalter des Niedergangs

TEIL ZWEI:
Sicht, Meditation und Verhalten im Mahāyāna

Die drei Pfade

DER PFAD DER SUTRAS

Die Zufluchtnahme

Der Erleuchtungsgeist

Die Läuterung

Die Darbringung von Opfergaben

Guru Yoga

DER PFAD DER TANTRAS

Ermächtigung

Reine Wahrnehmung

Die Entwicklungsstufe

Vajrakörper

Vajrarede

Vajrageist

Nach-Meditation

Die Vollendungsstufe

Die Natur des Geistes

Die vier Yogas

Aufeinsgerichtetsein

Einfachheit

Ein-Geschmack

Nicht-Meditation

UMWANDLUNG DER SINNESWAHRNEHMUNGEN, EMOTIONEN UND AGGREGATE

Die sechs Sinnesobjekte

Formen

Laute

Gerüche

Geschmack

Gefühle

Geist

Die fünf Emotionen

Haß

Stolz

Begierde

Eifersucht

Unwissenheit

Die fünf Skandhas

Form

Empfindung

Bewertung

Willensregung

Bewußtsein

Die vier wesentlichen Punkte in bezug auf Körper, Rede, Geist und Dharmakāya

Körper

Rede

Geist

Dharmakāya

Abschluß des zweiten Teils

TEIL DREI:
Die Entschlossenheit, sich aus Samsāra zu befreien

Samsarische Aktivitäten aufgeben

Tun

Reden

Unruhiges Hin und Her

Essen

Denken

Besitz

Schlafen

Die dringende Notwendigkeit zu praktizieren

Den Geist meistern

DIE SCHLUSSVERSE

Die Widmung des Verdienstes

Epilog

Anmerkungen

Patrul Rinpoche

S. H. Dilgo Khyentse Rinpoche

Der Grundtext

Zur Einführung

In diesem Buch erläutern zwei große Meister des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts den gesamten buddhistischen Weg, beginnend mit der grundlegenden Motivation und gipfelnd in der direkten Erfahrung der absoluten Wirklichkeit, jenseits allen begrifflichen Denkens.

Der Ausgangstext ist ein Gedicht, aus einer langen Reihe von Versen bestehend, das Patrul Rinpoche, der einer der bedeutendsten Lehrer seiner Zeit war, gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts verfaßt hat. Patrul Rinpoche war kompromißlos in seiner Auslegung der Lehre und lebte – frei von jeder Bindung an Besitz oder weltliches Ansehen, das ganze östliche Tibet durchwandernd und nur unter Bäumen und in Gebirgshöhlen Zuflucht suchend – das, was er lehrte. Er war ein ruppiger Mann, dem Oberflächlichkeit und Heuchelei ein Greuel waren, und eine erste Begegnung mit ihm muß manchmal etwas Irritierendes gehabt haben. Wer ihn dann jedoch näher kennenlernte, war tief berührt von der Kraft seiner Weisheit, seiner Gelehrtheit, seinem Humor und seiner großen Güte.

Dieses Gedicht hat er auf Bitten eines seiner vertrauten Schüler hin, in einer entlegenen Höhle nahe der tibetisch-chinesischen Grenze, niedergeschrieben. Am Anfang steht eine schonungslose Schilderung der Scheinheiligkeit und Falschheit, die im alltäglichen Leben regieren. Patrul Rinpoches Schlußfolgerung daraus ist, daß man sich diesem Sumpf der Unwahrheit verweigern muß. Er gibt dann eine kurze Beschreibung der hauptsächlichen Übungen auf dem buddhistischen Weg, beginnend mit dem Erkennen dessen, was unbefriedigend ist an der normalen Welt der Verblendung und Unwissenheit. Er erklärt die vorbereitenden Übungen, die Stufen der Entwicklung und Vollendung und die nichtkonzeptuelle, gegenstandslose Meditation der Mahāmudrā und Dzogchen. Gegen Ende kehrt er zu seinem ursprünglichen Thema zurück und fordert uns eindringlich auf, kritisch unsere eigenen weltlichen Beschäftigungen zu überprüfen und sorgfältig darüber nachzudenken, was wir eigentlich mit dem, was uns noch von unserem Leben bleibt, anfangen wollen.

Patrul Rinpoches Sprache ist meisterhaft. Funkelnd vor Witz, Wortspielen und poetischem Genie, verliert sie nie ihre prägnante und freimütige Klarheit. Bei der Übersetzung aus der tibetischen in die englische Sprache haben wir alles getan, um zumindest eine leise Ahnung des Originalstils zu erhalten. Keine Übersetzung wird ihm jedoch nur annähernd gerecht werden können. (Für Leserinnen und Leser mit Kenntnis im Tibetischen ist der Originaltext als Anhang beigefügt.)

Hinter der dichterischen Virtuosität von Patrul Rinpoches Versen steht jedoch noch etwas anderes. Der Sinn von Texten wie diesem war es, ein anschauliches und leicht zu erinnerndes Rahmenwerk abzugeben, das, ausgefüllt mit persönlichen Unterweisungen, dazu dienen konnte, den großen Schatz von angesammelter Erfahrung, Wissen und Weisheit durch mündliche Belehrung, Übung unter Kontrolle des Lehrers und persönlichem Kontakt mit ihm, unversehrt über die Generationen hinweg vom Meister auf den Schüler zu überliefern.

Eine ganze Anzahl dieser Verse sind dadurch bekannt geworden, daß sie in den Werken nachfolgender Verfasser zitiert werden. Aber erst als ein Ganzes und Teil der lebendigen mündlichen Überlieferung erhalten sie ihre volle Bedeutung. Die Schüler Patrul Rinpoches praktizierten, verwirklichten und übermittelten die Tradition glücklicherweise mit der gleichen Sorgfalt wie ihre Vorgänger. Und so ist heute, zwei Generationen später, Khyentse Rinpoche in der Lage, uns dieses Vermächtnis an Erfahrung und Weisheit weiterzugeben.

Sein Kommentar ist deshalb auch nicht etwa eine erweiternde Deutung der Verse des Ausgangstextes. Er enthält vielmehr genau die Unterweisungen, die Patrul Rinpoche seinerseits von seinen eigenen Lehrern erhalten hat und die zurückgehen auf Jigme Lingpa, auf Longchenpa, auf die großen Lehrer Padmasambhava und Vimalamitra.

Obgleich in Buchform vorliegend, sollte nicht vergessen werden, daß es sich hier nicht um einen Text handelt, den Khyentse Rinpoche schriftlich verfaßt und anschließend überarbeitet und korrigiert, gekürzt und abgeändert hat. Rinpoche hat ihn gesprochen, so wie er ist, ohne Unterbrechung, ohne Denkpausen. Jedem, der einmal einer seiner Belehrungen beigewohnt hat, ist dieser bemerkenswerte Stil vertraut. Als ob er aus einem unsichtbaren Buch in seinem Gedächtnis ablesen würde, fließt Khyentse Rinpoches Rede mühelos und gleichmäßig, ohne zu stocken oder den Faden zu verlieren, dahin. Die Sätze sind, auch wenn lang und komplex, immer grammatikalisch perfekt und vollständig. Das Thema wird von Anfang bis Ende, innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit und genau in Übereinstimmung mit dem Fassungsvermögen der Zuhörer abgehandelt. Diese ungewöhnliche Fähigkeit beschränkte sich keineswegs auf die Lehren einer bestimmten Überlieferung. Khyentse Rinpoche war in der Lage, sich auf seinen Reisen in einem Kloster gleich welcher Tradition auf seinem Sitz niederzulassen und genau in der entsprechenden Überlieferung zu lehren.

Im September 1991, als die Übersetzung aus dem Tibetischen ins Englische ihr Endstadium erreicht hatte, ging Khyentse Rinpoches außergewöhnliches Leben zu Ende. Er war einundachtzig Jahre alt. Sein ganzes Leben hatte er lernend, praktizierend und lehrend verbracht. Immer mit der gleichen Würde, im gleichen ununterbrochenen Strom von Güte, Humor und Weisheit, galt all sein Tun, Tag und Nacht, wo immer er sich befand, der Bewahrung und Übermittlung der verschiedenen Formen der buddhistischen Lehre, deren einer der herausragendsten Repräsentanten unserer Zeit er fraglos war.

In seiner Jugend lebte und praktizierte Khyentse Rinpoche, ähnlich wie Patrul Rinpoche, in der unwegsamen Einsamkeit der Berge. Und auch sein späteres Leben verlor nie – vor welchem Hintergrund es sich auch abspielte – sein Merkmal unkomplizierter Einfachheit. Was diese beiden außerordentlichen Meister als Gemeinsamkeit hatten, war die kompromißlose Art und Weise, die Lehren zu leben, zu atmen. Beide besaßen die Gabe, ungeachtet der Verschiedenheit des kulturellen Milieus, die Menschen dazu anzuregen, ihre sich gesetzten Ziele zu hinterfragen. Beide verfügten über die große praktische Erfahrung und Weisheit, sie dazu führen zu können, ihren eigenen Weg zu einer wirklichen Anwendung der Lehren zu finden.

Die Fragen, denen wir uns in diesem Buch gegenübersehen, sind heute so aktuell und gültig wie damals. Khyentse Rinpoche selbst hat diese Belehrungen für eine Veröffentlichung ausgewählt, als einen Text, der uns alle anregen kann, über unser Leben nachzudenken, und der gleichzeitig einen vollständigen Überblick über die Anschauung und Übung der drei großen Fahrzeuge der buddhistischen Lehre gibt. Die Lebendigkeit und Prägnanz von Patrul Rinpoches Versen und Khyentse Rinpoches verständliche und lebensnahe Erklärungen geben zusammen ein Ganzes, das in seiner Art einmalig ist.

Beide, Patrul Rinpoche und Khyentse Rinpoche, haben großen Nachdruck darauf gelegt, daß die Lehren als etwas gesehen werden, was gelebt werden muß; als etwas, das uns frische, unverbrauchte Luft zuführt; als ein Weg, die Dinge zu erfahren, wie sie in Wirklichkeit sind. Von daher freuen wir uns, daß dieser Text veröffentlicht wird, und wir hoffen, daß die Leserinnen und Leser ihn anregend und hilfreich finden werden und auf ihr Leben anwenden.

John Canti

DAS HERZJUWEL
DER ERLEUCHTETEN

Einleitung

All die unendlich vielen Lebewesen in den Weiten des Universums – auch die winzigsten Insekten –, streben nach Glück und wollen Leid vermeiden. Aber sie alle sind auf ihrer Suche nach dem Glück unfähig zu erkennen, daß dieses einzig und allein aus rechtem Verhalten entsteht. In ihrem Bestreben, dem Leiden zu entgehen, merken sie nicht, daß dieses durch ihr eigenes unheilsames Verhalten verursacht wird, und so wenden sie sich unwissentlich ab vom Glück und versinken im Leid.

Sich Glück und Zufriedenheit zu erhoffen, ohne negatives Verhalten aufzugeben, ist so absurd, als ob man seine Hand ins Feuer halten würde und erwartet, daß sie nicht verbrennt. Gewiß, niemand will leiden, will krank sein, frieren oder hungern. Solange wir jedoch immer weiter falschem Verhalten Raum geben, wird unser Leiden nie ein Ende nehmen. Ähnlich ist es mit dem Glück. Wir werden es nie finden, es sei denn, wir bemühen uns um das rechte Verhalten, um gute Taten, Worte und Gedanken. Dieses Verhalten müssen wir selbst einüben, es kann weder gekauft noch einem anderen entwendet werden, und noch nie hat es jemand durch puren Zufall erlangt.

Bei allem, was wir tun, sind Körper, Rede und Geist beteiligt, wobei es der Geist ist, der unser Tun und das, was wir reden, bestimmt, da Körper und Rede von sich aus keine Aktivität einleiten können. Wenn wir ihm die Zügel schießen lassen, nehmen negative Verhaltensweisen überhand, und auf diese Weise kommt es dazu, daß wir alle unzählige Male durch den Kreislauf des Samsāra1 wandern müssen.

Für jedes dieser zahllosen Leben waren wir auf Eltern angewiesen, und in der Tat sind wir so unzählig viele Male geboren worden, daß jedes einzelne fühlende Wesen2 irgendwann einmal unser Vater, unsere Mutter gewesen sein muß. Der Gedanke, daß die, die alle einmal unsere Eltern waren, hilflos wie Blinde, die den Weg verloren haben, durch Samsāra irren, wird uns unweigerlich mit großem Mitgefühl erfüllen. Doch damit allein ist es nicht getan, was sie brauchen, ist wirkliche und tatkräftige Hilfe. Aber auch das Spenden von Nahrung, Kleidung, Geld oder Zuneigung wird ihnen nur vorübergehende und begrenzte Zufriedenheit bereiten, sofern unser Geist noch durch Haften an den Dingen eingeengt ist. Wir müssen eine Möglichkeit finden, sie restlos vom Leiden zu befreien, und dies kann nur durch das Praktizieren und Anwenden des Dharma3 geschehen.

Bemühen Sie sich also, bevor Sie diese wertvollen Unterweisungen erhalten, um die richtige Einstellung oder Motivation, das heißt, sich nicht nur zum eigenen Wohl in die Lehren zu vertiefen und sie zu praktizieren, sondern an erster Stelle darum, alle Wesen aus dem Ozean des Samsāra zu befreien und sie zur vollen Erleuchtung zu bringen. Dies ist die umfassende und reine Bodhichitta-Gesinnung.

Bodhichitta, »der Erleuchtungsgeist«, hat zwei Aspekte, von denen einer alle Wesen, der andere die Weisheit betrifft. Der erste Aspekt bedeutet unparteiisch allen Wesen zugewandtes Mitgefühl, ohne Unterschiede zwischen Freund und Feind zu machen. Dieses Mitgefühl im Sinn, sollten wir jede gute oder segensreiche Tat ausführen – und sei es nur das Opfern einer einzigen Butterlampe oder die Rezitation eines einzigen Mantra – zusammen mit dem Wunsch, daß dies allen lebenden Wesen, ohne Ausnahme, zugute kommt.

Um den Wesen tatsächlich zu helfen, reicht es jedoch nicht aus, einfach nur Mitgefühl für sie zu empfinden. Dies zu veranschaulichen, wird oft die Geschichte einer Mutter mit gelähmten Armen erzählt, die hilflos mitansehen muß, wie ihr Kind von der Strömung eines Flusses fortgerissen wird. So überwältigend ihr Mitgefühl auch sein mag, es ermöglicht ihr nicht, ihr ertrinkendes Kind zu retten. Alles, was getan werden kann, um die Wesen aus dem Leiden zu erretten und sie zur Erleuchtung zu bringen, müssen wir auch tatsächlich ausführen.

Wir hatten das Glück, in einer Welt geboren zu werden, in der ein Buddha gelebt und den Dharma gelehrt hat; außerdem haben wir einen spirituellen Lehrer gefunden und von ihm Unterweisungen erhalten. Es liegt nun in unserer Hand, dieses kostbare menschliche Leben dazu zu nutzen, auf dem Weg zur Befreiung voranzukommen.

Es heißt: »Das Leben als menschliches Wesen kann dich zur Erleuchtung führen, das Leben als menschliches Wesen kann dich zur Hölle führen«. Je nach unserer Motivation und der Richtung, die wir einschlagen, können wir entweder große Weise werden und Buddhaschaft erlangen oder durch und durch böse werden und nach unserem Tod geradewegs zur Hölle gehen. Diese beiden verschiedenen Richtungen zu unterscheiden, wird uns durch die Dharma-Belehrungen ermöglicht; sie zeigen uns, was getan und was vermieden werden sollte.

Noch fehlt uns die Fähigkeit, anderen spürbar zu helfen. Wenn aber allem, was wir in dieser Hinsicht tun, die Motivation zu Grunde liegt, das Leiden anderer zu lindern, wird sich dieses beständige Streben schließlich erfüllen. Motivation bündelt die Wirkkraft unseres Handelns, so wie ein Bewässerungskanal das Wasser dahin bringt, wo es benötigt wird. Von ihr hängt alles ab. Wenn wir nur nach einem langen, erfüllten Leben streben, wird dies das Äußerste sein, was wir bestenfalls erreichen können. Wenn wir uns jedoch sehnlichst wünschen, alle Wesen aus Samsāra zu befreien, werden wir schließlich imstande sein, diese edelste der Absichten auszuführen. Es ist deshalb außerordentlich wichtig, unser Streben nicht auf geringfügigere Ziele auszurichten.

Einst war eine Mutter mit ihrem Kind im Begriff, in einem kleinen Boot einen reißenden Strom zu überqueren. In der Mitte des Flusses wurde die Strömung so stark, daß ihr Boot anfing zu kentern. Den drohenden Untergang vor Augen, dachte die Mutter nur: »Wenn doch mein Kind gerettet würde«, während das Kind nur den einen Gedanken hatte: »Wenn doch meine Mutter gerettet würde«. Obwohl das Boot sank und beide ertranken, wurden Mutter und Kind durch die Kraft und reine Selbstlosigkeit ihres Wunsches unmittelbar in einem himmlischen Buddhagefilde4 wiedergeboren.

Der zweite, die Weisheit betreffende Aspekt von Bodhichitta ist das Verwirklichen der Leerheit, um Erleuchtung zum Wohl der anderen zu erlangen. Diese beiden Aspekte von Bodhichitta – die geeigneten Mittel des Mitgefühls und die Weisheit der Leerheit – sollten nie voneinander getrennt sein. Sie sind wie die Schwingen eines Vogels. Um fliegen zu können, braucht er sie beide. Erleuchtung kann nicht allein durch Mitgefühl erreicht werden und auch nicht allein durch die Verwirklichung der Leerheit.

Etwas Gutes aus einem ganz gewöhnlichen Motiv heraus zu tun, wird uns sicherlich ein gewisses Glück bringen, doch nur für kurze Zeit. Diese Art von Glück vergeht schnell, und wir werden weiter hilflos durch Samsāra irren. Wenn aber andererseits all unser Handeln, Reden, Denken durch Bodhichitta verwandelt wird, nehmen unsere Zufriedenheit, unser Wohl und Glück ständig zu und werden unerschöpflich. Die Frucht eines Verhaltens, dessen Richtschnur Bodhichitta ist, kann nie mehr durch Haß oder andere negative Emotionen zerstört werden, anders als die eines ethischen Verhaltens, das nicht den gleichen edlen Hintergrund hat.

Immer ist es also der Geist, der bei unserem Tun die entscheidende Rolle spielt, und aus diesem Grund zielen die buddhistischen Lehren auf seine Vervollkommnung. Der Geist ist der Herrscher. Körper und Rede sind Diener, die seine Befehle ausführen müssen. Der Geist faßt Vertrauen, im Geist entstehen Zweifel, Liebe und Haß.

Wenden Sie deshalb den Blick nach innen und prüfen Sie ihre Motivation; sie gibt den Ausschlag, ob das, was Sie tun, gut oder schlecht, positiv oder negativ ist. Der Geist ist wie ein durchsichtiger Kristall, der die Farbe des Stoffs annimmt, auf dem er sich befindet: er wird gelb auf gelbem Stoff, blau auf blauem Stoff und so fort. In gleicher Weise färbt Ihre Einstellung Ihren Geist und bestimmt den Charakter Ihres Handelns, gleichgültig, wie dieses nach außen hin wirkt. Das Wesen dieses Geistes ist nichts Jenseitiges und Unwägbares, sondern immer und unmittelbar präsent. Wenn Sie jedoch wissen wollen, wie seine Beschaffenheit ist, finden Sie nichts Rotes, Gelbes, Weißes oder Grünes, nichts Eckiges oder Rundes, nichts von der Form eines Vogels, Affen oder von irgendeiner anderen Beschaffenheit. Der Geist ist einfach das, was unzählige Gedanken hervorbringt und erinnert. Ist der Strom der Gedanken heilsam, haben Sie Ihren Geist gezähmt; ist der Gedankenstrom negativ, ist der Geist nicht gezähmt.

Den Geist zu bändigen und heilsam zu machen erfordert Beharrlichkeit. Lassen Sie nie den Gedanken zu: »Buddha ist vollkommen erleuchtet und Chenrezi5 ist die Verkörperung des Mitgefühls. Ich gewöhnlicher Mensch, wie kann ich denn jemals den anderen helfen?« Seien Sie nicht kleinmütig. Im gleichen Maß, wie Ihre Motivation immer umfassender wird, wächst auch Ihr Vermögen, heilsam zu handeln. Auch wenn Sie jetzt noch nicht die gleichen Fähigkeiten wie Chenrezi besitzen, so haben Sie doch den Weg, der dazu führt: die Dharmapraxis. Wenn Sie beständig den Wunsch in sich wachhalten, anderen nützlich zu sein, wird die Kraft, dies auch tatsächlich zu verwirklichen, sich ganz von alleine einstellen, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Wasser immer bergabwärts fließt.

Die meisten Schwierigkeiten rühren daher, daß man nicht an andere denkt. Blicken Sie bei allem, was Sie tun, prüfend in den Spiegel Ihres Geistes, um zu sehen, ob Ihre Motive egoistisch oder altruistisch sind. Auf diese Weise gewinnen Sie allmählich die Fähigkeit, Ihren Geist in jeder Situation zu meistern, und erlangen – den großen Meistern der Vergangenheit nachfolgend – Erleuchtung innerhalb eines einzigen Lebens. Ein heilsamer Geist ist wie ein reicher Boden aus funkelndem Gold, der mit seinem warmen Glanz den ganzen Himmel erhellt. Werden jedoch Körper, Rede und Geist nicht gezähmt, besteht wenig Aussicht, irgendeine Art der Verwirklichung zu erreichen. Seien Sie sich stets Ihrer Worte, Gedanken und Taten bewußt; gehen diese nämlich in die falsche Richtung, führt Ihre Übung des Dharma zu nichts, und das Studium der Lehren ist umsonst.

Samsāra ist der Seinszustand der Wesen, die sich unter dem Einfluß verdunkelnder Emotionen immer wieder aufs Neue ihr eigenes Leiden schaffen. Nirvāna ist der Zustand jenseits allen Leidens, Buddhaschaft. Erlauben wir unserem Geist, all seinen negativen Fantasien zu folgen, schlägt er ganz automatisch den Weg des Samsāra ein. Wir stehen also an einer Wegscheide. Wir hatten das Glück, als Mensch in einer Welt geboren zu werden, in der ein Buddha erschienen ist und den Dharma gelehrt hat. Wir haben einen spirituellen Lehrer gefunden, seine Unterweisungen empfangen und sind körperlich und geistig in der Lage, diese zu praktizieren und anzuwenden. Nun haben wir die Wahl: Schlagen wir den Pfad zur Befreiung ein, entschlossen, alle Wesen zur höchsten Ebene der Erleuchtung zu bringen? Oder aber, steigen wir immer tiefer in den Irrgarten des Samsāra hinab, aus dem schwer wieder herauszufinden ist?

Wie wir diese Belehrungen
aufnehmen sollten

Mit Hilfe der Dharmalehren wird es möglich, allen Wesen zur vollkommenen Erleuchtung zu verhelfen. Es ist deshalb besonders wichtig, während wir sie erhalten, frei von unseren gewohnten Schwächen und Mängeln zu sein, die ein klares Verständnis verhindern: den drei Fehlern, den sechs Unvollkommenheiten und den fünf falschen Arten, die Lehren zu behalten6. Andernfalls ist es reine Zeitverschwendung, sich in diesen Text zu vertiefen. Bitte konzentrieren Sie sich auf die nun folgenden Belehrungen mit gesammelter Aufmerksamkeit und üben Sie dabei gleichzeitig die sechs Pāramitās7.

Der Inhalt dieser Belehrungen

Die Unterweisung, mit der wir uns hier beschäftigen, wird Die Abhandlung heilsam am Anfang, in der Mitte und am Ende genannt und hat den zusätzlichen Titel Die Übung der Sicht, Meditation und des Verhaltens als das Herzjuwel der Erleuchteten. Verfaßt wurde sie von Dza Patrul Rinpoche, Orgyen Jigme Chökyi Wangpo, einer Emanation des großen Bodhisattva Shāntideva8. Patrul Rinpoches Leben bestand aus makelloser Disziplin, grenzenlosem Mitgefühl, tiefem Wissen und dem vollständigen Verzicht auf übliche, weltliche Beschäftigungen.

Die Gesamtheit der umfassenden und tiefen Belehrungen, die von Buddha aus seinem großen Mitgefühl, seiner Erfahrung und Kenntnis gegeben wurden, sind im Tripitaka9 gesammelt. Die Erläuterungen dazu finden sich in den Shāstras10, die nicht von Buddha selbst stammen, sondern von nachfolgenden Generationen buddhistischer Meister, den ruhmreichen Pandits aus Indien und den gelehrten und vollendeten Meistern Tibets, verfaßt wurden. Dieser Text von Patrul Rinpoche ist ein Beispiel für einen solchen Shāstra oder Kommentar.

Die verschiedenen buddhistischen Lehren führen am Ende alle zur Befreiung. Ihre große Zahl und Verschiedenheit ist lediglich Spiegelbild der unterschiedlichen Veranlagungen und Fähigkeiten der Praktizierenden. Die Abhandlung heilsam am Anfang, in der Mitte und am Ende ist so formuliert, daß der Sinn besonders leicht zu verstehen und zu praktizieren ist. Nichtsdestoweniger enthält sie die Quintessenz der Lehren, sowohl des Hinayāna wie auch des Mahāyāna11, in ihrer Gesamtheit.

Wie es der Tradition nach üblich ist, gliedert sich die Unterweisung in drei Teile: eine Einführung, einen Hauptteil und ein Schlußkapitel, wobei jedem dieser Abschnitte ein bestimmtes Thema zugrunde liegt. Der erste Teil handelt vom degenerierten Verhalten und den mannigfaltigen Leiden der Wesen dieses dunklen Zeitalters, der zweite Teil von Sicht, Meditation und Verhalten im Sūtrayāna und Mantrayāna12 und der dritte Teil vom Verzicht auf die übliche, weltliche Geschäftigkeit.

Der erste Teil soll uns anregen, über unsere Fehler und über die Unzulänglichkeit des Lebens in Samsāra nachzudenken. Dies führt dazu, daß wir entdecken, wie wir uns in unseren geschäftlichen und sonstigen ichbezogenen Tätigkeiten selbst betrügen und andere täuschen – gefangen, wie wir sind, in unseren Neigungen und Abneigungen, im Hingezogensein zu Freunden und Feindseligkeit gegenüber Widersachern. Es wird einleuchtend, wie sinnlos dies alles ist, und daraus entsteht ein Gefühl des Überdrusses und der Wunsch, sich zu befreien. Dieser Entschluß, frei zu werden, ist der Grundstein aller Dharmapraxis, da wir nur dann den unwiderstehlichen Drang spüren, uns wirklich voll unserer Praxis zu widmen, wenn wir die Schattenseiten des Samsāra klar erkennen.

Als Buddha zum ersten Mal das Rad des Dharma in Bewegung setzte, lehrte er, daß in Samsāra nichts als Frustration und Leiden zu finden ist. Dies ist die erste der vier edlen Wahrheiten13. Alle Lebewesen sind auf der Suche nach dem Glück, aber infolge ihrer Unwissenheit ist alles, was sie tun, das Gegenteil dessen, was ihnen wirklich Glück und Zufriedenheit bringen würde. Die Erkenntnis, daß wahres Glück nur aus dem Anwenden des Dharma entsteht, bleibt ihnen verschlossen, und sie geraten in den Bann der von ihrem eigenen Geist hervorgebrachten Gefühle des Angezogen- und Abgestoßenseins. Sich im Gespinst ihrer Illusionen verfangend, stolpern sie so von einem Leiden zum anderen.

Unser jetziges Zeitalter wird das des Niedergangs14 oder auch das Zeitalter der Neige genannt, weil es nur noch Spuren jener Eigenschaften und Vollkommenheiten des Goldenen Zeitalters der fernen Vergangenheit aufweist. Die Menschen unserer Tage haben kein Interesse an den Lehren des Buddha, und es gibt nur noch eine verschwindend kleine Zahl jener großen Wesen, die wirklich in Übereinstimmung mit dem Dharma leben. Jeder sehnt sich verzweifelt nach Glück, aber die in unserer Zeit vorherrschenden Ansichten und Lebensweisen führen nur zu immer größerem Leid.

Das Elend in den niederen Daseinsbereichen ist so ungeheuerlich, daß es unsere Vorstellungskraft übersteigt. In den Höllenbereichen sind die Wesen der Folter tödlicher Hitze und Kälte ausgesetzt, in den Bereichen der Hungergeister unvorstellbarem Hunger und Durst. Die Tiere in ihrer blinden Dumpfheit werden versklavt und ausgebeutet und von Angst gepeinigt. Selbst wenn wir uns, wie gesagt, kaum vorstellen können, welchen Leiden man in diesen Daseinsbereichen ausgesetzt ist, sollten wir uns nicht zumindest über die Leiden Gedanken machen, die durch unser eigenes negatives Verhalten in diesem gegenwärtigen Leben verursacht werden?

Die großen Kadampa-Lehrer pflegten zu sagen: »Die allerbeste Belehrung ist die, die Licht auf unsere versteckten Fehler wirft.« Zuerst müssen wir der Tatsache ins Gesicht blicken, daß in Samsāra nichts als Leiden zu finden ist. Nachdem wir unsere eigenen falschen Vorstellungen diesbezüglich erkannt haben, können wir anschließend nach der Ursache des Leidens Ausschau halten. Der Wurzelgrund des Leidens ist Unwissenheit, und der Wurzelgrund für Unwissenheit ist der irrige Glaube an ein »Ich«. Der ruhmreiche Chandrakīrti15 sagt:

Von der Vorstellung eines Ichs ausgehend,

halten wir an diesem fest;

Daraus entsteht der Gedanke von etwas, was

mir gehört, von mein und dein,

Und wir halten fest an einer materiellen Welt.

Hilflos wie Wasser in einem Mühlrad kreisen wir;

Ich verneige mich vor dem großen Mitgefühl,

Das für alle Wesen entsteht.

Uns an das, was wir meinen Körper, meinen Geist, meinen Namen nennen, klammernd, versuchen wir, alles Unerfreuliche von uns fernzuhalten und nach allem, was uns gefällt, zu greifen. Dies ist der Grundvorgang des Haftens, das Ich, die eigentliche Wurzel des Leidens.

Der erste Teil des Textes soll uns nachdenklich machen über das Verhalten der Menschen in unserem entarteten Zeitalter, dadurch unser Verständnis von Samsāra klären und als Folge davon ein tiefes Gefühl von Traurigkeit in uns wachrufen. Hieraus wird sich dann die Motivation entwickeln, uns von den eingefleischten Verhaltensmustern und von der Unwissenheit zu befreien, die dafür sorgen, daß unser Leiden nie ein Ende nimmt. Doch Motivation allein – und sei sie noch so stark – reicht nicht aus. Wir müssen wissen, wie wir es bewerkstelligen, uns tatsächlich aus Samsāra zu befreien, in anderen Worten, wie man den Dharma praktiziert.

Im zweiten Teil des Textes wird beschrieben, auf welche Weise der Dharma, das Gegenmittel gegen alle Verirrungen des Samsāra, geübt wird. Sicht, Meditation und Verhalten des Mahāyāna, die das Herz von Buddhas Lehren bilden, werden erklärt. Wenn wir diese Unterweisungen praktizieren, reinigen sich unser Karma und die Verdunkelungen, die das Resultat unseres verblendeten Verhaltens in der Vergangenheit sind, und die uns innewohnenden Qualitäten der Befreiung und Erleuchtung offenbaren sich. In diesem Text werden die Unterweisungen in Zusammenhang mit der Meditation über Chenrezi gegeben, dem Buddha des Mitgefühls.

Zu Anfang ist es unerläßlich, sich die richtige Sicht anzueignen, das heißt, vollständige Gewißheit über die absolute Wahrheit; darüber, daß die Welt der Phänomene, obwohl für unsere Augen in Erscheinung tretend und funktionierend, ohne jede letzte Realität ist. Diese Sicht der Phänomene als erscheinend und doch leer ist der Same, aus dem die Frucht der Erleuchtung wächst. Der erste Schritt dazu ist, die betreffenden Unterweisungen richtig zu verstehen. Um die Sicht dann in unsere innere Erfahrung zu integrieren, üben wir uns wieder und wieder darin. Dies ist die Meditation. Das Erfahren der Sicht immer und in allen Situationen in sich wachzuhalten ist das Verhalten. Durch das ständige Verknüpfen dieser drei – Sicht, Meditation, Verhalten – gelangt die Frucht der Übung des Dharma zur vollen Reife. So wie das Sprichwort sagt: »Wenn Milch sorgfältig geschlagen wird, entsteht Butter daraus.«

Worin besteht die Frucht der Übung? Sanftmut und Selbstdisziplin als Zeichen des Verstehens und ein Freisein von negativen Emotionen als Zeichen der Meditation. Diese und alle anderen spirituellen Qualitäten der Befreiung werden in uns Wurzeln schlagen und sich ganz natürlich in unserem Verhalten ausdrücken. Die Grundlage der Sicht zu legen gleicht dem Erkennen der Eigenschaft und Nützlichkeit eines bestimmten Werkzeugs. Meditation ist, auf die Suche nach diesem zu gehen, es zu erwerben und zu lernen, wie man es benutzt. Allzeit geschickt mit ihm umzugehen ist das Verhalten. Die Frucht schließlich entspricht dem durchgeführten Vorhaben oder dem fertigen Produkt, als Ergebnis seines Gebrauchs.

Der dritte Teil des Textes zeigt, wie die Frucht der Übung zum Ausdruck kommt in einem Alltagsleben, das nicht von der Beschäftigung mit weltlichen Dingen beherrscht wird, sondern im Einklang mit den Lehren steht. In dem Maß, wie wir ein Gefühl des Abstands zu Samsāra entwickeln, die Illusion überwinden, daß es uns Glück bieten könnte, und uns ganz in die Ausübung des Dharma vertiefen, wird uns mehr und mehr Freiheit zuwachsen: wir fühlen uns ganz einfach nicht mehr angezogen von Dingen, die Leiden verursachen. Nur dadurch, daß wir unseren Geist von weltlichen Zielen abwenden und die feste Entschlossenheit entwickeln, uns davon zu lösen, kann das Ziel der Befreiung erreicht werden.

DIE ANFANGSVERSE

Die Huldigung

Die Verse eröffnen mit einer Huldigung an Avalokiteshvara:

Namo Lokeshvarāya

Diese Sanskrit-Worte bedeuten: »Ich huldige dem allerhöchsten Herrscher des Universums« und beziehen sich auf den großen Bodhisattva Avalokiteshvara oder Chenrezi.

Chenrezis universales Mitgefühl umfaßt alle Wesen, einfache Menschen, Könige, Shrāvakas und Pratyekabuddhas, bis hin zu den Bodhisattvas auf den zehn Stufen.16 Er verkörpert das große Mitgefühl, das vom Geist Buddhas untrennbar ist. Aus diesem Mitgefühl geht der Bodhisattva-Weg in seiner Tiefgründigkeit und Breite hervor, weshalb es einen zentralen Platz in Buddhas Lehren einnimmt. Mitgefühl ist das erwachte Herz. In seinem relativen Aspekt erscheint Chenrezi zum Wohl aller Wesen in Gestalt eines großen Bodhisattva der zehnten Stufe, eines Herz-Sohns aller Buddhas. In seinem absoluten Aspekt ist er der Grund, aus dem alle Buddhas mit ihren himmlischen Buddhagefilden ausstrahlen. Er ist der universale Herrscher dieses Zeitalters und wird »allerhöchster Herrscher des Universums« genannt, was besagen soll, daß er nicht König im gewöhnlichen Sinne, sondern der Herr des Dharma, der König der Weisheit und des Mitgefühls ist, vollständig frei von den drei Welten des Samsāra17 und auf immer der Reichweite von Geburt, Alter, Krankheit und Tod enthoben. Er manifestiert sich in unzähligen, verschiedenen Formen, vom Weltenherrscher über gewöhnliche Menschen bis zum Tier, um den verschiedenartigen Bedürfnissen der Wesen entgegenzukommen. Chenrezi ist das Sinnbild der vollkommenen Befreiung, die dem Wohl aller Wesen geweiht ist.

Deshalb wird ihm voll verehrender Hingebung die Anfangszeile gewidmet. Dann fährt der Text fort:

1.Wenn nur ein einziger Tropfen vom Nektar deines Namens in meine Ohren fallen sollte,

So wären sie unzählige Leben lang erfüllt vom Klang des Dharma.

Wunderbare Drei Juwelen, mögen die Strahlen Eures Ruhms

überall vollkommenes Glück verbreiten.

Die Huldigung wird hier auf die drei kostbaren Juwelen ausgedehnt: den Buddha, den Dharma, den Sangha. Diese drei Namen sprechen sich leicht aus, besitzen aber unendlich große Segenskraft, um die Wesen von Samsāra zu befreien. Sie sind wie der himmlische Nektar der Unsterblichkeit, Amrita, von dem ein einziger Tropfen genügt, die Qualen in Samsāra zu lindern. Das Hören der Namen der drei Juwelen setzt in uns die Saat der Befreiung und sichert uns eine Wiedergeburt dort, wo der Dharma gelehrt wird und die Möglichkeit gegeben ist, Fortschritt auf dem Weg zur Erleuchtung zu machen.

Den Buddha sollten wir als den Lehrer, den Dharma als den Weg und den Sangha als die Gefährten auf dem Weg sehen.

Auf der Ebene des Absoluten, des Dharmakāya, ist Buddhas Geist der grenzenlose Raum der Allwissenheit, die alle Dinge so sieht, wie sie sind. Auf der Sambhogakāya-Ebene, jenseits von Geburt und Tod, lehrt Buddhas Rede ununterbrochen den Dharma. Auf der Nirmānakāya-Ebene, die der Wahrnehmung gewöhnlicher Menschen, wie wir es sind, zugänglich ist, nimmt der Körper Buddhas die Gestalt von Buddha Shākyamuni an, des vierten von tausend Buddhas, die in diesem Kalpa erscheinen werden.

Buddha Shākyamuni wurde in Indien als Prinz Siddhārtha geboren. Sein Vater war König Shuddhodana aus dem Geschlecht der Shākya, seine Mutter die Königin Mahāmāyā. Als Jüngling genoß er die Vorzüge eines prinzlichen Lebens, entsagte jedoch später allen weltlichen Dingen und widmete sich sechs lange Jahre der Praxis der Askese. Nachdem er auch der Askese entsagt hatte, erlangte er schließlich unter dem Bodhibaum in Vajrāsana18 vollkommene Erleuchtung. Während der Dauer von vierzig Jahren lehrte er den Dharma zum Segen der Wesen. Als deren günstiges Geschick zur Neige ging, ging er in den großen Frieden des Parinirvāna19 ein.

Seine Allwissenheit ließ Buddha das breite Spektrum der verschiedenen Charaktereigenschaften und Neigungen derer, die er unterwies, erkennen. Um für jeden die Möglichkeit zu schaffen, zur Erleuchtung zu gelangen, entwickelte er vierundachtzigtausend verschiedene Unterteilungen des Dharma. Diese Lehren bilden das zweite der Drei Juwelen.

Die drei verschiedenen Lehrzyklen sind als das dreimalige Bewegen des Rades der Lehre bekannt. Als Buddha das Rad der Lehre zum erstenmal in Bewegung setzte – in Vārānasī –, lehrte er die vier edlen Wahrheiten, die die Gemeinsamkeit von Hinayāna und Mahāyāna sind. Beim zweitenmal erklärte er in Rājagriha, dem Geierhügel, die Mahāyāna-Lehren über die absolute Wahrheit, die Wahrheit frei von Merkmalen und jenseits aller Denkkategorien. Diese Unterweisungen sind im Prajnāpāramitā-Sūtra in den Einhunderttausend Versen enthalten. Als er das Rad der Lehre zum drittenmal in Bewegung setzte – an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten – gab er die höchsten Lehren des Vajrayāna oder Diamantenen Fahrzeugs.

Der Dharma setzt sich zusammen aus dem Dharma der Übermittlung und dem der Verwirklichung. Der Dharma der Übermittlung sind die Worte Buddhas, wie sie im Tripitaka gesammelt sind: im Vinaya, den Sūtras und dem Abhidharma. Der Dharma der Verwirklichung ist das tatsächliche, durch Disziplin, Meditation und Weisheit erreichte Verwirklichen der Unterweisungen.

Das dritte Juwel ist der Sangha, auf tibetisch Gendün, was wörtlich »tugendhafte Gemeinschaft« heißt. Traditionellerweise sind die Bodhisattvas der Sangha des Mahāyāna, Shrāvakas und Pratyekabuddhas der Sangha des Hinayāna. Ganz allgemein jedoch besteht der Sangha aus allen, die den Unterweisungen zuhören, über sie nachdenken und meditieren.

Die drei Juwelen sind die höchste Zuflucht und die Grundlage jeder Dharmapraxis. Sie zu ehren bedeutet, gleichzeitig alle Lehrer, Buddhas und Bodhisattvas zu ehren.

Weshalb Patrul Rinpoche diese Verse
verfaßt hat

Patrul Rinpoche selbst sah in den drei Juwelen seine höchsten Lehrer. Seine Unterweisungen sind makellos und authentisch, weil sein Geist ganz vom Dharma erfüllt und seine Lebensführung von vollkommener Reinheit war. Diese Verse hat er aus Mitgefühl verfaßt, ohne jeden Anklang geistigen Hochmuts. Trotzdem sagt er von sich mit großer Bescheidenheit:

2.Wie manche Dattelpflaumen im Herbst,

Die – obwohl innen noch unreif – von außen reif erscheinen,

Sehe ich lediglich aus wie einer, der den Dharma praktiziert,

Und da mein Geist noch nicht vom Dharma durchdrungen ist, taugen meine Unterweisungen nicht viel.

Wenn der Sommer zum Herbst wird, kann man Dattelpflaumen der verschiedensten Reifegrade finden. Einige scheinen zwar reif, sind aber innen noch grün. Sie sind wie Menschen, die sich als vorbildlich in ihrer Dharmapraxis ausgeben, in Wahrheit aber voller vergifteter Gedanken sind und sich damit beschäftigen, Reichtümer anzusammeln, Zeremonien für Dorfbewohner abzuhalten und sich einen Namen zu machen.

Im Gegensatz dazu sehen andere von außen noch grün aus, sind aber innen trotzdem reif. Sie gleichen Menschen, die wie unwissende, schlichte Bettler scheinen, aber restlos frei von samsarischen Interessen sind, voller Vertrauen und im Besitz von authentischer meditativer Erfahrung und Verwirklichung.

Andere Dattelpflaumen wiederum sind sowohl außen wie innen durch und durch unreif und grün. Sie sind wie Menschen, die nie Zugang zum Dharma gefunden haben, nichts davon wissen und kein Vertrauen haben.

sagt über ihn: