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Saleem Matthias Riek

Herzenslust

Saleem Matthias Riek

Herzenslust

Lieben lernen
und die tantrische Kunst
des Seins

Mit einem Vorwort von Alan Lowen

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Titelgestaltung: Eckard F. Schöne
Titelfoto: Hulton Getty/Tony Stone
Zeichnungen: Katrin Priesterbach

Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Ein Titelsatz für diese Publikation
ist bei der Deutschen Bibliothek erhältlich.

info@j-kamphausen.de
www.weltinnenraum.de

E-Book Ausgabe 2015

ISBN   Print 978-3-89901-451-8

ISBN   E-Book 978-3-89901-863-9

©Aurum in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

Gesamtherstellung: Westermann Druck Zwickau GmbH

E-Book-Herstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

Inhalt

Vorwort von Alan Lowen

Einführung
Meine Begegnung mit dem »Sein-Lassen«

Erster Teil
Die Wende nach innen

1. Unsere alltäglichen Um- und Irrwege zu Lust und Liebe

Von der Orientierung nach außen zur Orientierung nach innen

2. Was ist Liebe?

Mit der Frage leben statt eine Antwort zu suchen

3. Im Feuer der Sehnsucht

Die Sehnsucht als Geschenk

Zweiter Teil
Im Dickicht der Gefühle

4. Was mir widerfährt, das bin ich

Wegweiser im Spiegel von Alltag, Begegnung und Beziehung

5. Selbstliebe – eine Entdeckungsreise

Wie kann ich annehmen, was ich noch gar nicht kenne?

6. Die Achterbahn der Gefühle

Vom Bewerten zum Fühlen

7. Wunschlos glücklich?

Wünsche erlauben – Wünsche zum Ausdruck bringen – Wünsche loslassen

Dritter Teil
Hindernisse aus dem Weg räumen

8. Polarisierungen erkennen und lösen

Von Verstrickung und Beschuldigung zu Verantwortung

9. Schnell einen Zaun drum herum?

Wie Liebe verbindlich und frei sein kann

10. Die ganze Wahrheit sagen?

Von Urteilen, wahrhaftiger Begegnung und Verletzlichkeit

Vierter Teil
Tantra und die Kunst des Seins

11. Die Lust als Wegweiser

Jenseits lustvoller Sensationen

12. Der Weg des Tantra

Die Hoch-Zeit von Sex, Herz und Bewußtsein

13. Die Kunst des Seins

Ein heilsamer Raum um lieben zu lernen

14. Zusammen Sein

Partnerschaft als spiritueller Weg

Fünfter Teil
Übungen

Vorbemerkung

15. Übungen allein

Selbst-Erkenntnis

Körperübungen

Meditationen

Experimente

Selbstliebe

16. Partnerübungen

Verbale Übungen

Nonverbale Übungen

Rituale

17. Ein ritueller Tag

Dank

Über den Autor

Anmerkungen

Vorwort

Es ist allgemein bekannt, daß unsere hochtechnisierte Gesellschaft eine ernste Gefahr für die Natur darstellt. Was dagegen weniger Beachtung findet, ist die Tatsache, daß nicht nur die Natur unseres Planeten gefährdet ist. Schon sehr viel länger wird unsere eigene menschliche Natur in solchem Maß bedroht und geringgeschätzt, daß sie sich in vielen von uns verborgen hält. Es ist ganz normal, daß wir zum Zeitpunkt des Erwachsenwerdens den Zugang zu unseren Gefühlen verloren haben – oder zumindest zu deren unbeschwertem Ausdruck – und oftmals werden wir während des Heranwachsens der Unschuld und der Wertschätzung für das Geschenk unserer eigenen Natur als sexuelle Wesen beraubt. Unsere Gefühle werden durch die vom Intellekt bestimmten Jahre unserer Schulzeit entführt, indem wir an die Schulbänke gekettet und dazu angeleitet werden, den natürlichen Überschwang unserer energiegeladenen Körper zu unterdrücken. Statt dessen wird unserem Verstand beigebracht, unsere gesamte Lebenserfahrung zu bestimmen. Wir lernen nicht, das Leben zu erfahren, sondern vielmehr, es zu denken.

Schon in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts machte D. H. Lawrence diese Beobachtung in Lady Chatterley, seinem großartigen Roman zur Feier der sexuellen Liebe: »Während man sein Leben lebt, bildet man gleichsam eine organische Ganzheit mit allem Leben. Doch sobald man mit dem geistigen Leben anfängt, reißt man den Apfel ab. Man trennt die Verbindung zwischen Apfel und Baum: die organische Verbindung. Und wenn man nichts anderes im Leben hat, als nur das geistige Leben, dann ist man selbst ein abgerissener Apfel … ein vom Baum gefallener Apfel.«1

Lawrence stand mit seiner Aussage allein auf weiter Flur, und in den dazwischenliegenden Jahren haben wir uns nur noch weiter von dieser organischen Verbindung entfernt. Wir leben im Informationszeitalter, und Informationen sind Teil des Gehirns. Und das Gehirn an sich wird von der in unserer Kultur am weitesten verbreiteten Freizeitbeschäftigung – dem Fernsehen! – nicht etwa genährt, sondern vielmehr betäubt.

Zum Glück für die Menschheit findet man immer mehr Menschen, die sich zumindest darüber bewußt sind, daß etwas nicht stimmt, und während der letzten 30 bis 40 Jahre haben Millionen Menschen Zugang zu einer der mittlerweile unzähligen Veranstaltungen gefunden, bei denen man sich für ein Wochenende, eine Woche oder einen Monat zusammenfindet, um im Kreis von Gleichgesinnten den Weg zurück zur persönlichen Lebendigkeit zu finden. Und das ist genau die erneute Verbindung mit der Natur, nach der Lawrence sich sehnte, »die Zusammengehörigkeit von Körper, Sex, Emotionen, Leidenschaften, mit der Erde, der Sonne und den Sternen«.2

Doch ist unser Wissensdurst nicht das einzige, was uns von unserer Natur entfernt hat. Damit einher geht der religiöse Kreuzzug der sexuellen Unterdrückung, der seit fast 20 Jahrhunderten die treibende Kraft in unserer Gesellschaft ist. Unsere Kultur ist vom Dogma der Sündhaftigkeit und sexuellen Scham so stark durchtränkt, daß die Kirche in unserer Kultur zwar nicht mehr viel Einfluß zu haben scheint, jedoch ihre jahrhundertelange Verdammung unserer sexuellen Natur dennoch weiter in uns einsickert. Dies geschieht durch die Mischung aus Angst, Verneinung, Vermeidung, Sorge, Verwirrung und Verurteilung, die wir von unseren Eltern geerbt haben, die sie von deren Eltern erbten, die sie wiederum geerbt hatten von … Auch wenn wir rebellisch aufwachsen, so gibt es doch etwas in unserem Kopf, das bereits dazu programmiert wurde, unsere sinnlich-sexuellen Körper davon abzuhalten, in die Freiheit des Feierns hineinzuwachsen.

Eine der Konsequenzen sexueller Unterdrückung ist sexuelle Ausbeutung. Die Unterdrückung jeglichen Anteils der menschlichen Natur führt zu Mißbrauch, denn damit wird das Bedürfnis erschaffen, genau das zu ermöglichen, was nicht erlaubt ist. Dies führt nicht nur zu einer Kultur voller Scham, sondern auch zur Vermarktung des Beschämenden: Sex wird zu einer Ware. Pornographie, die Prostitution von Sex, ist ein wesentliches und akzeptiertes Merkmal unserer Kultur. Die Tatsache, daß wir Pornographie nur als solche bezeichnen, wenn die Erotik deutlich von Nacktheit geprägt wird, läßt das Wesentliche außer acht: Es gibt zum Beispiel zahllose seriöse Reklamen, die weibliche sexuelle Anziehungskraft prostituieren.

Solange wir Sex ausbeuten, bleiben wir darauf beschränkt, Sexobjekte füreinander zu sein. Dies ist die Botschaft, die durch unsere Medien gefördert wird – oftmals ohne sich dieser Wirkung im geringsten bewußt zu sein. Das Schwierige an dieser Situation ist die Tatsache, daß wir lernen, Sex auf sehr beschränkte Weise zu betrachten. Weder die Ausbeutung noch die Unterdrückung von Sex unterstützt uns dabei, Sexualität zu feiern: im Grunde handelt es sich dabei nur um zwei verschiedene Seiten derselben abgewerteten Münze!

Es ist mir wichtig, dir, der Leserin und dem Leser, zu vermitteln, was ich mit dem Wort feiern meine.

Damit meine ich nicht nur das reine Vergnügen am Sex. Gewiß ist Sex ein Vergnügen, wenn er gefeiert wird. Aber ich spreche von der Art von Feier, mit der Katholiken die heilige Kommunion zelebrieren. Das Traurigste an der Trennung von unserer Natur als sexuelle, leidenschaftliche Männer und Frauen ist, daß wir weder das natürliche Wachstum noch die Transformation unserer Leidenschaft jemals entdecken können – daß nämlich unsere Natur im Grunde ein Weg ist, der uns durch unser Innerstes hindurchleitet – Körper, Herz und Seele – wenn wir ihr nur vertrauen könnten. Unsere natürliche Sexualität ist in der Lage, uns für all das zu öffnen, was in uns natürlich und lebendig ist, wenn wir lernen, die Vielfalt ihrer Geschenke zu feiern. Und es ist nicht immer leicht, diese zu empfangen. Sexuelle Intimität ist etwas anderes als Sex. Sie lädt uns dazu ein, für all die Farben unseres Innenlebens empfänglich zu werden, von Freude oder Tränen bis hin zu Ekstase oder innerer Leere. Intimität bedeutet, selbst mit den tiefsten Gefühlen und Energien auf Tuchfühlung zu sein, denn indem wir in Kontakt mit unserer eigenen Zartheit und Verletzlichkeit und unserer wilden, überschwenglichen Leidenschaftlichkeit sind, gewinnen wir dieselbe Art von Nähe zu unserem Geliebten. Erst wenn all dieses Leben in uns pulsiert und lebendig ist, erfahren wir, was Geliebter wirklich bedeutet! Und darin liegt die Schönheit des sexuellen Lebenstanzes! Nichts anderes lädt auf so verlockende Weise dazu ein, sich immer wieder aufs Neue mit der uns eigenen Natur zu verbinden, wie das intime Zusammensein mit unserem Geliebten. Ohne das Zusammenwirken unseres Körpers und unserer Gefühle und unseres Herzens und unserer Seele können wir die völlige Ekstase der sexuellen Liebe nicht erleben und werden auch niemals die Erfüllung finden, nach der Mann und Frau streben, indem sie sich einander hingeben und die Geschenke ihres Partners empfangen. Doch die Reise in die Feier unserer sexuellen Natur ist hier noch nicht zu Ende. Wenn wir das ehren, was sie uns zu lehren hat, mit allem, was dazugehört, führt sie uns letztendlich zu einer wahrhaft religiösen Verbindung mit der Schöpfung; nicht bloß beim sonntäglichen Kirchgang, sondern in Form eines spirituellen Erwachens, das jeden Moment des Lebens als geheiligt wahrnimmt.

Diese Reise erstreckt sich über das ganze Leben, und um genau diese Reise geht es in diesem Buch. Unser Körper führt uns zu unseren Gefühlen, unsere Gefühle führen uns zu unserem Herzen, unser Herz führt uns zu unserer Seele. Wenn wir es schaffen, uns aufs neue mit unserer Natur zu verbinden, verändert sich unsere ganze Art zu leben: Wir bewegen uns anders in unserem Körper, da wir mit seiner ganzen Lebendigkeit und seinen Gefühlen in Kontakt sind; unser Gesicht ist dann nicht bloß ein angepinseltes Bild, sondern der transparente Ausdruck unseres Innenlebens; wir sprechen nicht, um uns Luft zu machen, sondern um unserem Wesenskern eine Stimme zu verleihen. Wir lauschen dem Leben, das sich innerhalb unseres Körpers abspielt, und wir nehmen es Tag und Nacht als Wegweiser durch unser Leben an.

Dabei erkennen wir an, daß unsere Gefühle, unsere Reaktionen aus dem Bauch heraus, unser veränderlicher Energiehaushalt sowie unsere Sinne und unsere Empfindsamkeit für unsere Intelligenz eine wesentliche Rolle spielen. Dies ist unser organisches Leben; es dient stetig unserem Verständnis darüber, was sich wirklich hier und jetzt, in und um uns herum abspielt.

Und nicht nur das: Es ist die Art und Weise, auf die wir tatsächlich im Hier und Jetzt sein müssen – voll pulsierenden Lebens in unserem ganzen Sein. Im Hier und Jetzt zu sein bedeutet, ein erleuchtetes Leben zu führen! Das ist es, was »mit unserem organischen Leben verbunden sein« eigentlich bedeutet. Auf unserem Weg hin zu einem Leben im eigenen Licht ist es das Licht, das uns leitet!

Aus anderer Sicht betrachtet ist es zudem die uns eigene Art, unsere Dankbarkeit für das unsagbar kostbare Geschenk des Seins auszudrücken. Der einzige Weg, um diese Dankbarkeit wirklich zum Ausdruck zu bringen, besteht darin, »unser Lied zu singen und unseren Tanz zu tanzen«, um es mit den Worten eines zeitgenössischen Mystikers (Osho Rajneesh) zu sagen; denn es ist klar, daß das Lied ungesungen bleibt, wenn wir es nicht singen. Wenn ich mein Dasein nicht feiere, bleibt es ungefeiert, und das ist eine äußerst undankbare Haltung gegenüber dem, was mir gegeben wurde. Das gilt für jeden von uns! In diesem Buch geht es darum, das eigene Lied zu singen, den eigenen Tanz zu tanzen!

Die Musik, die Saleem Riek hier spielt, heißt sexuelle Liebe und intime Beziehungen. Dies ist eines der wichtigsten Lebensthemen, denn es bringt uns dazu, uns zu öffnen und uns selbst in einem klaren, schonungslosen Spiegel zu sehen. Unsere Natur veranlaßt uns, nach einem Partner zu suchen, mit dem wir unser Bedürfnis nach sexueller Intimität befriedigen können, und dieses Streben wiederum bietet uns den Anreiz für eine tiefe Begegnung mit unserem eigenen Wesen. Dies scheint mir eines der heiligsten Gestaltungselemente der Schöpfung zu sein. Dieses Buch erinnert uns daran, daß es im Endeffekt nicht um eine Seifenoper geht – auch wenn sich das Verständnis von Liebesbeziehungen in den populären Medien darauf zu beschränken scheint. Es geht vielmehr um die Gelegenheit, die sich uns bietet, die Liebe als einen Weg der Heilung und spirituellen Verwirklichung zu entdecken. Eine Bedeutung des Wortes »Tantra« ist das »Ineinander verweben von allem, was ist«. Zum einen spielt das darauf an, daß man selbst als Frau oder Mann ganz wird. Es bedeutet aber auch, daß man durch die intime Vereinigung mit einem Geliebten zu spiritueller Verbundenheit mit allem findet – das Erwachen, das die Liebe über die persönliche Ebene hinausträgt und uns verbindet, mit dem Gott, der Göttin, der Quelle, der Unendlichkeit – oder wie auch immer man das transzendente Mysterium des Seins nennen mag.

Es ist dem Human-Potential-Movement des westlichen 20. Jahrhunderts zuzuschreiben, daß der uralte spirituelle Weg namens Tantra von Männern und Frauen genutzt werden kann, um einander auf herzliche und menschliche Weise lieben zu lernen, und um durch das gemeinsame Lieben spirituell zu erwachen. Der Schlüssel zum Tantra liegt darin, uns unseres grundsätzlichen Alleinseins bewußt zu werden und zu lernen, dies nach und nach als etwas Positives zu akzeptieren. Darin liegt für uns die Befreiung von der Abhängigkeit, zu der wir konditioniert wurden, als wir hilflose Kleinkinder waren, die ohne die nährende Gegenwart anderer – normalerweise unserer Mutter – gestorben wären. Allein sein bedeutet nicht, einsam zu sein. Es bedeutet, mit allem, was ist, verbunden zu sein: alles eins!

Dieses Alleinsein, aus dem heraus wir uns wahrlich gegenseitig beschenken können, anstatt lediglich jemanden zu finden, der uns in unserer Einsamkeit tröstet, erreichen wir, indem wir unser eigenes inneres Selbst lieben lernen. Nur wenn wir uns nicht selbst lieben, ist Einsamkeit möglich. Darin liegt die wahre Bedeutung des zweiten Gebotes: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.«

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Alan Lowen

Ich muß es noch einmal wiederholen! Dieser wundervolle Tanz der leidenschaftlichen, erotischen, kraftvollen, fürsorglichen und letztendlich spirituellen Verbindung zwischen Mann und Frau wird ausgelöscht, wenn wir unsere eigene Natur verleugnen. Wie eine blühende Wiese, die unter Beton begraben liegt, wird auch unsere existierende menschliche Schönheit als Mann oder Frau heruntergedrückt, überdeckt, und durch jedes gerade passend erscheinende Image ersetzt: statt als die Wildblume unseres magischen Wesens fabrizieren wir uns selbst als Plastikblume; in dem Versuch, das Gesicht zu wahren, geht uns unsere eigentliche Schönheit verloren. Wir verlieren uns in der Beschäftigung mit unserem Image, unserer Identität und unserer Persönlichkeit. Was uns dann als Lebensform übrig bleibt, ist Lawrence’ »geistiges« oder besser mentales Leben, denn wir haben uns von der Weisheit und Magie unseres ganzheitlichen Seins abgeschnitten. Damit vergessen wir völlig – oder haben es vielleicht nie gewußt! –, daß wir am schönsten sind, wenn wir real sind. Ohne unseren natürlichen Lebensfluß gibt es für uns kein solches real.

Dieses Buch beschreibt, wie ganz normale Menschen es schaffen können, den Beton und das Plastik zu entfernen und die stetig wachsende Lebendigkeit ihres natürlichen Wesens zu entdecken. Hier geht es um einen Weg der persönlichen Entwicklung, der nicht mit Methoden zur Selbstverbesserung arbeitet, sondern damit, in unserem Wesen erneut Qualitäten wie Vertrauen, Liebe, Präsenz, Mut, intuitives Gewahrsein, Lebensfreude und spirituelles Erwachen zu verankern. Dies ist eine Einladung dazu, sich von dem wahrhaften Leben, das in jedem von uns fließt, berühren zu lassen, dem Leben, das die Blumen und Früchte unseres Wesens hervorbringt. Lies dieses Buch, um berührt zu werden. Lies es mit deinem Atem und mit deinen Gefühlen. Lies es, weil ihm die ganze Schönheit deines Wesens am Herzen liegt.

Alan Lowen, November 1998

Aus dem Englischen von Birgitta Claus

Einführung

Meine Begegnung mit dem »Sein-Lassen«

Durch sogenannten Zufall landete ich vor Jahren in einem Seminar bei Alan Lowen mit dem vielversprechenden Titel »Body, Heart & Soul«. Ich hatte keine Ahnung, wer Alan Lowen ist, und nur eine vage Ahnung davon, was in dem Kurs geschehen könnte. Eine Passage in der Ausschreibung hatte mich neugierig gemacht. Darin hieß es, Therapie sei eine freudlose Angelegenheit, wenn wir uns nicht mit der Unschuld unserer Sinnlichkeit und Sexualität dabei sein ließen.

Nach dieser Woche fühlte ich mich wie nach einem seelischen Vollwaschgang und wußte, daß diese Erfahrung mein Leben verändern würde. Was war geschehen?

Würde ich nun die Struktur und die Übungen dieses Seminars beschreiben, so würde das kaum etwas aussagen. Leserinnen und Leser, die Selbsterfahrungskurse, Körpertherapiegruppen und Tantraseminare mitgemacht haben, würden denken: »Ach ja, das kenne ich.« Und wer dergleichen Gruppen und Kurse noch nicht besucht hat, wäre vielleicht abgeschreckt, vielleicht aber auch fasziniert von der Intensität, der Nähe, der Intimität und der Direktheit der Begegnungen und Erfahrungsmöglichkeiten in nur einer Woche. Wenn ich dem nachspüre, was diese Woche für mich außerordentlich gemacht hat, tauchen sehr einfache Sätze in mir auf, die ich so oder ähnlich auch schon oft gehört hatte. Plötzlich konnte ich diese Sätze fühlen: »Ich bin gut genug, so wie ich bin. Ich liebe mich, indem ich mich einfach sein lasse. – Andere Menschen sind gut genug, so wie sie sind. Ich bin in der Lage, jeden Menschen zu lieben, indem ich ihn so sein lasse, wie er oder sie ist. – Die ganze Existenz ist gut genug, so wie sie ist. Ich kann das Leben lieben, indem ich mich und dich darin frei und authentisch leben lasse.«

Wann immer wir bereit sind, uns selbst, einander und den Augenblick sein zu lassen, geschieht etwas, das ich als ganz normales Wunder bezeichnen möchte. Es ist wie bei einem Spaziergang über eine duftende und blühende Wiese im Frühling. Es liegt an uns, ob wir die unendlich vielen kleinen wunderbaren Details wahrnehmen und uns davon verzaubern lassen oder achtlos darüber hinweg gehen. Wir können lernen, uns selbst und andere mit denselben Augen zu sehen, mit denen wir die blühende Wiese betrachten. Es ist zwar nicht immer Frühling, wir stehen nicht immer in Blüte. Es regnet, es schneit, es stürmt, die Sonne scheint und es ziehen wieder Wolken auf. Das Wetter ist wie es ist. Wir selbst sind es, die bewerten anstatt zu fühlen. Wie wäre es, wenn wir uns jederzeit mit Achtsamkeit anschauen würden, wie auch immer das Wetter in uns gerade ist?

»Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, sagte schon der Fuchs zum Kleinen Prinzen.3 Diese wunderbaren Worte klingen manchmal unglaublich, banal oder pathetisch in meinen Ohren, nämlich immer dann, wenn ich mich selbst nicht mehr mit dieser Erfahrung verbunden fühle. Dann muß ich mich ganz bewußt erinnern und mir die Gefühle wieder ins Bewußtsein rufen, die mich in mein Herz geführt haben.

Die Woche mit Alan Lowen war kein Kinderspiel. Ich ging durch Höhen und Tiefen und durch heftige Krisen. Nach zweieinhalb Tagen, als die Nur-Wochenend-Teilnehmer abreisten, war ich am Tiefpunkt angelangt. Ich fühlte mich wie in einer Gruppe von Monstern, vor denen mich ekelte und graute, und mit denen sollte ich ausgerechnet sinnliche, lustvolle oder gar erotische Erfahrungsräume betreten? Zwei Frauen waren dabei, die mich anzogen. Die eine war bereits unsterblich in einen anderen Teilnehmer verliebt, die andere hatte panische Angst vor Männern. Also war da auch nichts zu erwarten; es blieben die Monster.

Irgend etwas hielt mich jedoch dort. Ich ahnte bereits, daß etwas viel Wichtigeres geschehen könnte als die Erfüllung der Wünsche, deretwegen ich das Seminar begonnen hatte (schöne und sinnliche Begegnungen, Lust und Liebe miteinander teilen, Lust, Liebe und Erotik in einem spirituellen Kontext erleben und mich vielleicht mal wieder zu verlieben). Was mich wirklich umkrempelte war zu erfahren, wie die Krisen mich verwandelten. Ich teilte der Gruppe voller Angst und Mißtrauen mit, daß sie alle wie Monster auf mich wirkten, und niemand hat mich dafür gemieden oder sonstwie bestraft. Da fingen sie an, mir sympathisch zu werden. Ich ließ nach langem Zögern meinen Ekel vor manchen der »Monster« zu, ich zeigte mich mit meinem Ekel und entdeckte mitten darin tiefe Lust, und der Ekel löste sich auf. Ich war höllisch eifersüchtig auf das verliebte Pärchen und zog mich diesmal nicht zurück, sondern zeigte mich in meinen verliebten und unerfüllten Sehnsüchten. Im Feuer der Sehnsucht gewann ich Vertrauen und Zuversicht, und es öffnete sich etwas in mir für eine tiefe Begegnung, die ich genoß.

Ich hatte den Mut gefunden, mich mitten in peinliche und angstbesetzte Situationen hineinzubegeben, denen ich vorher oft aus dem Weg gegangen war. Das alles ohne eine bestimmte Absicht, sondern einfach, weil ich mich ermutigt fühlte, mich selbst in allem, was ich bin, sein zu lassen und mich mit meinen Gefühlen zu umarmen. Am Ende der Woche spürte ich Liebe zu jeder einzelnen anwesenden Person, und das war um so beeindruckender, als mir sehr präsent war, wieviel Angst und Schrecken sie mir eingejagt hatten.

Ich hatte entdeckt, daß wir nicht anders sein müssen, als wir sind, um uns zu lieben. Im Gegenteil! Je mehr und tiefer wir uns sein lassen, desto mehr Liebe erfahren wir. Und dies gilt auch außerhalb von Workshops und Tantraseminaren. In einem solchen Rahmen war es lediglich leichter, die Erfahrung von authentischem Sein zu riskieren und zu sehen, was dann passiert. Es ist nicht ein tantrisches Ambiente mit Räucherstäbchen, Duftölen und Straußenfedern, das Liebe erschafft. Es sind auch nicht die Berührung, die Nähe und die Intimität. All dies sind Mittel, die uns vielleicht helfen, uns zu öffnen. Kein noch so kompetenter Seminarleiter kann Liebe erschaffen. Aber wir können einen Raum erschaffen, in dem wir die Liebe erforschen und erinnern. Die Schlüssel für die Liebe liegen in uns selbst.

Diese Erkenntnis ließ mich nie wieder los, auch wenn sie in meinem Alltagsbewußtsein manchmal verschüttet ist. Mir wurden auch ihre Konsequenzen für eine Partnerschaft klar. Es gibt keine richtigen oder falschen Partner für die Liebe. Um Liebe in einer Beziehung dauerhaft leben zu können, braucht es nicht den idealen Partner, sondern lediglich die Bereitschaft, sich selbst und den anderen sein zu lassen, wer und wie wir sind.

Und da uns die Fähigkeit einfach zu sein abhanden gekommen ist, müssen wir bereit sein, sie wieder zu erwerben.

Schneller als erwartet bekam ich die Gelegenheit, diesen Weg mit einer Partnerin zu gehen. Zwei Wochen später, in einem anderen Tantra-seminar, begegnete ich Nutan, und seitdem entdecke ich die Kunst des Seins in unserer Partnerschaft. Ich weiß, daß ich Nutan nie begegnet beziehungsweise glatt an ihr vorbeigelaufen wäre, wenn ich nicht zwei Wochen vorher das Vertrauen gefunden hätte, mich selbst so sein zu lassen wie ich bin.

In diesem Buch möchte ich zeigen, wie das Wiederentdecken des Seins zu einem spirituellen Weg werden kann. Es ist möglich, diesen Weg allein zu gehen, und auf einer sehr grundlegenden Ebene können wir ihn auch nur allein gehen. Spätestens im Tod müssen wir alles loslassen und sind allein. Der Weg führt jedoch mitten durch das Leben, hinein in die Wechselbäder, die das Leben und insbesondere das Liebesleben für uns bereit hält. Es ist ein besonderes Geschenk, diesen Weg gemeinsam mit einem Partner zu entdecken. Das Buch enthält eine Fülle von Hinweisen und Anregungen, wie wir unsere Liebesbeziehungen zu gemeinsamem, spirituellem Wachstum nutzen können.

Die Kunst des Seins und die Lehre des Tantra beziehen sich auf mehr als auf Liebesbeziehungen und Sex. Es geht um ein neues inneres Verhältnis zu unserer ganzen Existenz. Es ist unsere liebesarme und sexhungrige Kultur, die sich auf bestimmte Aspekte wie sexuelle Liebestechniken stürzt und sie skandalisiert oder idealisiert. Doch warum stürzen wir uns nicht einfach in das Abenteuer und machen uns auf den Weg, um in Lust und Liebe das Sein neu zu entdecken?

Erster Teil

Die Wende nach innen

1.

Unsere alltäglichen Um- und Irrwege zu Lust und Liebe

Von der Orientierung nach außen zur Orientierung nach innen

Gibt es etwas Himmlischeres, als am ganzen Körper von Lust durchpulst zu werden? Gibt es etwas Erfüllenderes, als durch und durch von Liebe durchströmt zu werden? Das Herz hüpft vor Freude, die Schmetterlinge schwirren durch den Bauch. Wir alle kennen diesen Zustand, auch wenn wir ihn vielleicht schon längst aus unserem Bewußtsein verdrängt haben.

Wenn Lust und Liebe uns so anzieht, was tun wir dann, um sie zu erleben? Was steht im Weg? Was lassen wir nicht leben? Wenn wir jemandem begegnen, den oder die wir attraktiv finden, sagen wir dann: »Ich fühle mich von dir angezogen, ich habe Lust auf dich«? Wenn unser Herz in Gegenwart einer anderen Person schneller zu schlagen beginnt und sich die Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit meldet, gehen wir dann auf diese Person zu, sprechen sie an oder schauen ihr offen in die Augen und zeigen uns in unserer Sehnsucht? In aller Regel ist das so ungefähr das Letzte, was wir tun würden.

Ich erinnere mich noch genau an die Qualen, die ich als Jugendlicher erlitten habe, wenn ich mit einem Mädchen tanzen wollte, mich an sie anschmiegen oder sie küssen wollte. Ich hatte panische Angst, mich mit meinem Bedürfnis zu zeigen, schlich um die interessantesten Mädchen herum und wagte es nicht, sie anzusprechen. Viele Menschen kennen solche Gefühle aus der Pubertät, aber was hat sich seitdem geändert? Können wir heute direkt und unmittelbar zum Ausdruck bringen, was wir möchten?

Wir würden uns eine Blöße geben. Was, wenn die andere Person mich gar nicht mag? Was, wenn sie meine Annäherung als Unverschämtheit empfinden würde? Was sie wörtlich genommen ja auch ist. Sich in seinem Bedürfnis nach Lust und Liebe zu zeigen scheint viel zu gefährlich zu sein. Zumindest gegenüber jemanden, der uns nicht vertraut ist. Und erst recht dann, wenn uns wirklich etwas an dem anderen liegt.

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In einer festen Beziehung scheint es anfangs leichter, sich Lust und Liebe zu wünschen. Vielleicht brauchen wir es auch gar nicht mitzuteilen, denn der Partner liest uns die Wünsche von den Augen ab. Die zu Reserviertheit gefrorene Enttäuschung taut langsam auf. Könnte es wirklich sein, daß mich jemand so liebt wie ich bin?

Doch nach der Verliebtheitsphase, die zehn Sekunden bis zehn Jahre dauern kann, passiert das Unvermeidliche: Plötzlich sehen wir beim Partner all das, was uns nicht so gut gefällt. Nun gibt er uns auf einmal längst nicht mehr so freizügig, was wir so dringend brauchen. Im Gegenteil, er fängt an, selbst Forderungen zu stellen. Und dann? Von Lust und Liebe im Überfluß kann in den allermeisten Partnerschaften leider nicht die Rede sein.

In einem unserer letzten Workshops machte ein Mann den Vorschlag, wir sollten uns alle drei bis fünf Jahre von unserem Partner trennen und uns einen neuen suchen. Länger hielten seiner Erfahrung nach die schönen Gefühle nur sehr selten an und was dann käme, sei eine Quälerei. Vielleicht seien wir Menschen einfach nicht geschaffen für lang andauernde Liebesbeziehungen und sollten das endlich akzeptieren, anstatt in lebenslangen Ehen ein freudloses Dasein zu fristen.

Je länger eine Beziehung dauert, desto mehr fordern wir und desto weniger bekommen wir. Früher oder später geben die meisten resigniert auf, arrangieren sich mit dem wenigen, was ihnen die Beziehung immer noch gibt, oder trennen sich in der Hoffnung, daß mit dem nächsten Partner alles anders wird. Vielleicht gehen wir diesmal strategischer vor und geben eine Kontaktanzeige auf, in der wir gezielt das suchen, was wir uns wünschen.

Sympathischer, warmherziger M, 38, sehnt sich nach Lust und Liebe. Welche lebensfrohe und selbständige F möchte mit mir einen gemeinsamen Neuanfang wagen?

Attraktive und selbstbewußte Sie, 44, sucht reifen und junggebliebenen Partner für mehr als nur gewisse Stunden, mit Aufgeschlossenheit für Körper, Seele und Geist.

Und die ultimative Kontaktanzeige aus einem Freiburger Anzeigenblatt:

»Sie, 25, die es gar nicht nötig hat, diese Anzeige aufzugeben, sucht Ihn (25-32), der es gar nicht nötig hat, diese Anzeige zu lesen.«

Es gab eine Zeit, in der auch ich verzweifelt per Kontaktanzeige nach einem Liebespartner gesucht habe. Damals machte ich mir große Hoffnungen, daß ich nur die richtige Person finden müßte, und dann wäre alles ganz einfach. Die Erfahrungen warfen mich jedesmal auf mich selbst zurück. Während des Treffens war es zwar entlastend zu wissen, daß der andere auch auf der Suche ist. Ich brauchte mich also wenigstens dafür nicht zu schämen. Aber alles andere war auch nicht einfacher als sonst. Ich machte spannende, enttäuschende und belustigende Erfahrungen, aber die große Liebe sprang dabei nicht heraus.

Viele Frauen beklagen sich ständig darüber, daß interessante Männer rar seien. Sie lassen kaum eine Gelegenheit aus, um solche Männer zu treffen, aber es endet immer in demselben Katzenjammer.

Andrea erlebte das mehr als zehn Jahre lang. Entweder waren die Männer einfühlsam, aber sie fand sie langweilig. Oder sie verliebte sich Hals über Kopf in einen aufregenden Mann, um dann zu erleben, daß dieser Typ auf ihrem Herz herumtrampelte. Ein Veränderung trat erst ein, als sie in ihrer Therapie entdeckte, daß sie die unerfüllte Liebe zum Vater wieder und wieder neu inszenierte. Männer, die nicht dem Bild des unnahbaren Vaters entsprachen, waren einfach nicht interessant.

Manchen Männern ist es zu umständlich, durch die Gegend zu ziehen und sich um Frauen zu bemühen, um vielleicht irgendwann auf eine zu treffen, die auch Lust auf Sex hat. Wenn ihr Trieb zu stark wird oder ihr männliches Selbstverständnis nach Sex verlangt, tut es zur Not auch eine Prostituierte. Wenn das zu teuer, zu unmoralisch oder zu angstbesetzt ist, leisten sie sich vielleicht zumindest einen Porno, um der Lust auf die Sprünge zu helfen.

Michael, ein Mann Anfang dreißig, sitzt mir im Praxisraum gegenüber und schaut mich nun etwas verlegen an: »Ich will gar nicht lange drum herum reden, ich bin pornosüchtig und möchte das loswerden.« Er erzählt in groben Zügen seine Geschichte. Nach jedem Pornokonsum fühlt er sich schuldig und deprimiert und beschließt, das nie wieder zu tun. Aber ein paar Tage später zieht es ihn wieder in den Videoladen, wo er sich einen neuen Porno ausleiht. »Ich verstehe das nicht, denn ich habe eine Freundin, die mich liebt und die mich auch sexuell begehrt. Aber den Kick wie beim Porno erlebe ich mit ihr nicht. Ich habe Angst, daß sie irgendwann mal etwas merkt. Außerdem finde ich es selbst so mies, ich fühle mich oft richtig schmutzig.«

Nach einigem Hin und Her entschließt sich Michael, mit seiner Freundin über seinen Pornokonsum zu sprechen. In die nächste Sitzung kommt er erleichtert und wähnt sich schon »geheilt«. Er berichtet, daß seine Freundin sehr verständnisvoll reagiert habe, und daß sie sogar bereit sei, mit ihm einen Porno anzuschauen. Noch eine Woche später ist Michael wieder total frustriert. »Wir haben uns den Porno angeschaut, und es war zeitweise sogar ganz witzig. Aber mich hat der Film nullkommanichts angetörnt. Nichts. Tote Hose. Ich konnte es nicht glauben. Mitten in der Nacht bin ich aufgestanden und habe das Video heimlich noch mal allein angeschaut. Dabei bin ich tierisch geil geworden. Ich verstehe das nicht. Es muß irgendwie mit ihrer Anwesenheit zu tun haben. Ich habe echt Angst, daß ich soweit bin wie zuvor, nur um eine Hoffnung ärmer.«

Diese Geschichte ist nicht untypisch. Untypisch war eher, daß Michael etwas ändern wollte, sich nach Hilfe umsah und in die Therapie kam. Die Tatsache, daß ihn der Porno im Beisein der Freundin nicht mehr aufgeilen konnte, verweist auf eine Spaltung, die unsere ganze Kultur prägt: die Spaltung von Sex und Herz. Er spürte entweder nur sein Herz oder nur sein Verlangen nach Sex, beides zusammen war unmöglich. Die Anwesenheit seiner Freundin berührte sein Herz, sein Verlangen nach Sex war wie ausgelöscht.

Wir alle sehnen uns nach Lust und Liebe, und es scheint auf den ersten Blick sehr erstaunlich, wie schwer es ist, Gleichgesinnte zu finden, mit denen wir diese Sehnsucht stillen können. Wollen wir denn nicht letztlich alle das Gleiche? Was alles unternommen wird, um Lust und Liebe zu bekommen – oder um zumindest den Schmerz der unerfüllten Sehnsucht nicht zu spüren – ist enorm.

Die Zeitschrift Amica hat zusammengerechnet, daß die Deutschen jährlich 100 Milliarden (!) DM für die Liebe ausgeben: eine Milliarde für Kontaktanzeigen, 4 Milliarden für Schnittblumen, 2,5 Milliarden für Prostituierte, 11 Milliarden für Kontaktreisen und Flitterwochen, 2,5 Milliarden für Kondome, andere Verhütungsmittel und »Ehehygiene«, 5 Milliarden für Telefongebühren, 4 Milliarden für Sekt, 16 Milliarden fürs Essen gehen, 8 Milliarden für Schmuck und so weiter.

Der Erfolg dieser Bemühungen ist vergleichsweise bescheiden. Warum ist das so? Liebe läßt sich nicht kaufen. Liebe läßt sich nicht »da draußen« finden. Immer mehr Menschen dämmert es langsam, daß der Schlüssel für ihre Lust und Liebe in ihnen selbst liegt. Vor einigen Jahren kamen Affirmationen in Mode, und viele Menschen verlegten sich nun darauf, die eigene Liebesfähigkeit zu affirmieren und den Traumpartner zu visualisieren. »Ich bin liebenswert« oder »Ich verdiene einen liebevollen Partner« oder »Ich öffne mich jetzt für mehr Lust und Liebe in meinem Leben« sind solche Affirmationen, die angeblich nur oft genug wiederholt werden müssen, um Wirkung zu erzielen. Solche Sätze sind in der Tat sehr kraftvoll, aber ihre Wirkung ist nur von kurzer Dauer, wenn wir sie einsetzen, um unsere Selbstzweifel zu übertönen. Sie können uns jedoch tiefer nach innen führen, wenn wir auf die Stimmen in uns hören, die ihren Kommentar dazu abgeben. »Ich bin häßlich und dumm«, »Mich will sowieso niemand« oder »Ich habe viel zu viel Angst, um mich zu öffnen.« Das könnten Sätze sein, die hochkommen, wenn wir die Affirmationen aussprechen und dabei für unsere eigene Wahrheit offen bleiben. Und es ist gut, daß diese Sätze auftauchen, denn nur so können wir sie anschauen und loslassen. Wenn wir sie mit Affirmationen zu überdecken versuchen, werden sie uns aus der Verborgenheit unseres Unterbewußtseins heraus sabotieren, und wir drehen uns im Kreis.

Auch die Teilnahme an einem Tantraseminar garantiert weder Lust noch Liebe. Kürzlich las ich in einer Schweizer Zeitschrift den Artikel einer Frau, die sich für ein Tantrawochenende angemeldet und das Seminar auch begonnen hatte. Doch bereits am Samstag mittag hatte sie unter einem Vorwand das Weite gesucht. In dem Artikel beschwerte sie sich nun bitterlich über die Leitung und die anderen Gruppenteilnehmer, die »ihr Herz kalt ließen«. Mit keinem Satz ließ sie durchblicken, daß ihr kaltes Herz auch etwas mit ihr selbst zu tun haben könnte. Zwei Wochen später veröffentlichte die Zeitschrift den Leserbrief einer weiteren Teilnehmerin des genannten Workshops, die in höchsten Tönen davon schwärmte und der Autorin des Artikels vorwarf, Lügen und Halbwahrheiten verbreitet zu haben. Was auch immer in diesem Workshop geschehen ist: ohne die Bereitschaft, nach innen zu schauen und zu spüren, bleibt ein kaltes Herz kalt.

Lust und Liebe sind nun einmal keine Fastfoodartikel, auch wenn uns die Werbung etwas anderes vorgaukeln will. Es gibt keine schnellen Lösungen. Der Weg zu Lust und Liebe führt in und durch alle Bereiche unserer Existenz. Es ist wie mit dem Leben selbst. Es kann nur gelebt werden. Und indem wir es leben, öffnen wir uns für all die Schätze, die für uns bereitliegen.

2.

Was ist Liebe?

Mit der Frage leben statt eine Antwort zu suchen

Manchmal scheint es, als führte uns die Liebe direkt in die Hölle.

Ich vermisse Frische und Direktheit in unserer erotischen Begegnung. Seit ich mich erinnern kann, mußte ich mich immer anstrengen, um meine Frau rumzukriegen. Wenn ich brav war und alles richtig gemacht habe, hat sie mich manchmal mit der Bereitschaft zum Sex belohnt. Mit Meike genieße ich, daß sie einfach auf mich zukommt und sagt ›Ich bin scharf auf dich, laß uns zusammen schlafen‹, ohne daß ich mir das verdient hätte, einfach so. Darauf fahre ich total ab.«

Dieter kam in die Beratung, weil er sich nach fünfzehn Jahren Ehe Hals über Kopf in eine andere Frau verliebt hat. Seine Frau droht, sich von ihm zu trennen, wenn er die Affäre nicht sofort abbricht. Er hat bereits psychosomatische Beschwerden, sein Herz spielt verrückt, er fühlt sich zwischen zwei unglücklichen Alternativen hin und her gerissen: Trennung von seiner Frau, an der er noch sehr hängt, oder Abbruch der Affäre, die ihm die Tür in »ungeahnte Dimensionen« aufgestoßen hat.

Ich habe wieder alles falsch gemacht. Ich hätte ihn nicht so bald wieder anrufen dürfen. Ich hätte nicht schon in der zweiten Nacht mit ihm ins Bett gehen dürfen. Jetzt denkt er, ich renne ihm nach, und es gibt nichts, womit man Männer mehr in die Flucht schlagen kann. Jetzt sitze ich sehnsüchtig am Telefon, und er ruft natürlich nicht an. Und ich kann ja nicht schon wieder anrufen. Ich hatte mir geschworen, daß mir das nicht mehr passiert, und jetzt ist es wieder soweit.«

Kornelia ist seit zwei Jahren in Therapie. Sie kam, weil sie damals panische Angst vor Männern hatte. Inzwischen hat sich die Angst erheblich gelegt, aber mit einer festen Beziehung, wie sie es sich wünscht, will es einfach nicht klappen.

Dies sind zwei Beispiele für ganz alltägliche Liebesnöte. Kornelia und Dieter sind verzweifelt und wissen nicht weiter. Beide starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Die Schlange ist hier das Symbol für die heiß ersehnte Liebe, die so nah und doch so unerreichbar zu sein scheint. Sie wird als außerhalb von uns erlebt, und wir erstarren vor Angst, daß wir sie nicht bekommen oder wieder verlieren könnten. Aber ist die Liebe wirklich da draußen? Wie kommen wir der Liebe näher? Brauchen wir die Liebe oder braucht die Liebe uns? Was können wir tun, um die Liebe einzuladen? Und was ist überhaupt Liebe?

Ist es Liebe, wenn Gegensätze sich anziehen? Ist es Liebe, wenn gleich und gleich sich gern gesellen?

Ist es Liebe, wenn zwei einander treu sind? Ist es Liebe, wenn zwei sich frei lassen? Ist es Liebe, wenn ich nur dich allein liebe? Ist es Liebe, wenn ich die ganze Menschheit umarmen könnte?

Ist es Liebe, wenn ich Ja zu dir sage? Ist es Liebe, wenn ich Ja zu mir sage? Ist es Liebe, wenn ich auch Nein sagen darf?

Liebe ich dich, weil ich dich brauche, oder brauche ich dich, weil ich dich liebe? Oder bin ich gar erst liebesfähig, wenn ich niemanden mehr brauche?

Liebe ich dich, weil ich Lust auf dich habe, oder habe ich Lust auf dich, weil ich dich liebe? Oder haben Lust und Liebe gar nichts miteinander zu tun?

Sehne ich mich nach Liebe, weil ich nicht allein sein möchte, oder möchte ich nicht allein sein, weil ich Liebe ersehne? Oder ist die Fähigkeit, allein zu sein, vielleicht die Voraussetzung, lieben zu können?

Liebe ich, wenn ich gebe, liebe ich, wenn ich nehme? Ist Liebe ein Tauschhandel von Geben und Nehmen oder ist Liebe die Begegnung zweier Individuen, die schon alles in sich tragen?

Kann ich lieben, wenn ich Angst habe, kann ich lieben, wenn ich keine Angst habe? Kann ich meine Angst lieben und kann ich mich vor der Liebe ängstigen?

Unsere Seminare beginnen wir zuweilen mit der Einladung, alles zu vergessen, was wir über die Liebe zu wissen glauben. Das ist für manche eine Provokation, denn in Liebesdingen halten wir uns alle für Experten oder zumindest für kompetente Laien. Einzugestehen, daß wir nichts von Computern, von Heilkunde, von Politik oder vom Kochen verstehen, fällt uns vergleichsweise leicht. Aber wer würde schon gern zugeben, daß er nicht viel von der Liebe versteht? Und genau das, unser Glaube, etwas über die Liebe zu wissen, steht der Liebe mehr im Weg als alles andere, denn wo es um Liebe geht, gibt es nichts zu wissen.

Liebe ist ein Mysterium. Liebe ist strukturlos. Wie können wir diese Strukturlosigkeit erfahren? In aller Regel gehen wir Beziehungen ein, um Liebe zu erfahren. Damit befinden wir uns mitten im Paradox der Liebe, denn Liebesbeziehungen sind Strukturen für das Strukturlose.

Den meisten Liebenden würde es nie in den Sinn kommen, daß Liebe und feste Strukturen Gegensätze sein könnten. Aber was passiert, wenn wir uns verlieben? Wir erleben, wie sich Strukturen plötzlich auflösen. Wir tun Dinge, die wir uns nie zugetraut hätten. Wir werden mehr oder weniger »verrückt«.

Verliebte werden plötzlich wieder verspielt wie kleine Kinder, sprechen fremde Leute an, tanzen auf der Straße herum, bleiben die ganze Nacht wach, ohne an morgen zu denken. Geizige werden verschwenderisch, Schüchterne werden unverschämt, Ängstliche mutig. Manche lassen alles stehen und liegen, geben ihren Beruf auf, verlassen ihre Familie und ihre Heimat, um diese neue Liebe zu leben. Liebe kann Strukturen auflösen. Wir schweben auf Wolken. Wir brauchen kaum noch feste Nahrung. Luft und Liebe sind genug. So könnte es immer bleiben ... bis das Unvermeidliche passiert.

Wir versuchen, die Liebe mit neuen Strukturen zu sichern. Wir bauen einen Zaun um die Liebe. Wir etablieren eine Art Gewohnheitsrecht auf die Genüsse, die uns der Partner bescheren kann. Wir haben Ansprüche und Erwartungen. Wir beziehen vielleicht eine gemeinsame Wohnung, unterschreiben gemeinsame Verträge, machen unsere Beziehung per Trauschein »amtlich«. Wenn uns nicht bewußt ist, daß Liebe strukturlos ist und immer neu erschaffen und erlebt werden will, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß die Liebe früher oder später von den Strukturen erdrückt wird, die wir ihr aufgenötigt haben.

Die meisten Paare finden sich mit einem mehr oder minder lieblosen Beisammensein ohne große Höhen und Tiefen ab oder brechen früher oder später aus. Paare, die auf Dauer bereit sind, sich immer wieder neu zu begegnen, sind selten. Ihre Beziehungen strahlen Lebendigkeit und Frische aus. Es ist ein Genuß, solchen Paaren zu begegnen, aber auch sie haben ihre Krisen hinter sich.

Viele Paare geben auf, wenn es schwierig wird. Immer häufiger wird die »sukzessive Monogamie« als Beziehungsform gewählt. Das Paar bleibt so lange zusammen, bis die Liebe, die Lust oder das Verständnis schwindet. Dann sucht sich jeder einen neuen Partner. »Beim nächsten Mann (oder bei der nächsten Frau) wird alles anders«, ist die zum geflügelten Wort geronnene Hoffnung und treibende Kraft hinter dieser Variante des Liebeslebens. Manche Menschen haben sich anscheinend damit abgefunden, daß es nur noch »Lebensabschnittspartner« gibt. Anderen ist das ewige Auf und Ab zu belastend, und sie bleiben allein. Ist die Liebe wirklich ein so flüchtiges Phänomen? Ist die Suche nach dauerhafter, lebendiger Lust und Liebe einfach nur naiv und unrealistisch?

Manche »Beziehungsgeschädigte« machen aus der Not eine Tugend und versuchen es als Single. Wenn Beziehungen früher oder später doch nur Lust und Liebe zum Erstarren bringen, warum dann überhaupt noch welche eingehen? In manchen Kreisen ist es in Mode gekommen, Liebe nur noch im Moment zu suchen und jegliche Verbindlichkeit zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. In vielen Illustrierten wird das Loblied des Singles gesungen. Keine fremden Socken auf dem Boden, keine Skrupel beim Flirten, keine Hemmnisse für die Karriere. Manche Zeitgenossen halten einen solchen Lebenswandel für besonders reif oder unserer spirituellen Entwicklung zuträglicher als die bekannten häßlichen Szenen, mit denen sich die Ehe in Verruf gebracht hat.

In einem Vortrag in Freiburg provozierte ein spiritueller Lehrer seine Zuhörer mit der Bemerkung »Warum bei einem Partner bleiben, wenn es nicht gut tut. Es gibt noch Milliarden anderer Frauen und Männer. Wenn ich mit jemandem zusammen bin und der andere tut etwas, was mich stört, dann sage ich es ihm. Ändert er sein Verhalten nicht, dann gehe ich. So einfach ist das!«

Spirituelle oder psychologische Rationalisierungen wie diese kommen jenen Menschen gerade recht, die ohnehin die Tendenz haben, aus Beziehungen oder Begegnungen zu flüchten, wenn es schwierig wird. Sie wollen nichts damit zu tun haben, wenn der Partner in einer unverbindlichen Affäre plötzlich mehr Verbindlichkeit möchte oder eifersüchtig wird: »Das ist dein Problem! Ich brauche meine Freiheit wie die Luft zum Atmen!« Manche Frauen und Männer sind dabei alles andere als frei. Sie sind süchtig nach dem Kick, den eine neue Liebesbegegnung verschaffen kann. Das anfängliche Anhimmeln, das erhabene Gefühl, wenn sich ein fremder Mensch plötzlich für uns öffnet, das möchten sie gerne wieder und wieder erleben. Ist das auf die Dauer befriedigend, von einem zum nächsten zu ziehen? Zumindest brauchen wir uns dann nicht den eigenen Schattenseiten zu stellen, die oft erst in tieferen Bindungen zum Vorschein kommen.

Dies sind also die beiden Extreme, das Erstarren in einer durchreglementierten Beziehung und das Zerfließen in der Vermeidung jeder Bindung. Irgendwo dazwischen befinden wir uns alle. Liebe braucht Strukturen, um zu wachsen, aber sie läßt sich nicht festhalten. Liebe braucht Bindung, um tief gehen zu können, und Freiheit, um sich auszudehnen.

Liebesbeziehungen sind der nicht enden wollende Versuch, einen Rahmen zu erschaffen, in dem Liebe blühen kann. Der Rahmen für die Liebe ist zwar nicht die Liebe selbst, aber ohne Bindung kann sich die Liebe kaum im zwischenmenschlichen Kontakt manifestieren. Sie bleibt auf der überpersönlichen Ebene.

Obwohl in den meisten spirituellen Lehren immer wieder betont wird, daß Liebe etwas mit innerer Einkehr, mit Meditation und mit Stille zu tun hat, habe ich lange gebraucht, um einen Zusammenhang zu entdecken. Liebe war für mich ein Phänomen der Fülle, des Überfließens, des lustvollen Tuns, das ich nur aus nahen Begegnungen kannte. Ich konnte mir nie vorstellen, wie Meditierende durch regungsloses Dasitzen in einem Zustand der Liebe kommen könnten. Das kam mir öde und langweilig vor. Bis es mir eines Tages passierte, am Ende eines einwöchigen Tantraseminars.

Ich war einmal mehr durch Höhen und Tiefen gegangen und fühlte mich, als hätte ich eine innere Waschstraße durchquert. Die Meditation hieß »Bodyflow«. Ganz langsam lasse ich meinen Körper sich so bewegen, wie er sich bewegen möchte. Mein Bewußtsein breitet sich bis in die Zellen hinein aus. Tränen kullern aus den Augen, nicht wichtiger als all die anderen Empfindungen in meinem Körper, die alle zusammen ein ganzes Konzert bilden. Es fühlt sich an, als würde ich eins mit allem, was ich wahrnehme. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Ich und Nicht-Ich. Wellen von Glück fließen durch mich hindurch, vor meinem inneren Auge funkeln goldene und azurblaue Lichtspiele wie ein ganzer Lichterregen. Ich neige mich zur Erde und richte mich wieder auf zum Himmel, verneige mich wieder und richte mich wieder auf. Schließlich sitze ich einfach nur da, und eine unbeschreibliche Liebe zur gesamten Existenz durchflutet mich. Ich bin still und bewegt, leer und erfüllt zugleich.

In dieser Meditation bekam ich eine Ahnung davon, daß Liebe ein viel umfassenderes Phänomen ist als das, was wir in Liebesbeziehungen erfahren. Es fühlte sich göttlich an, es war überwältigend und zugleich total beruhigend. Ich kam mir vor wie ein Fisch, der plötzlich merkt, daß er schon immer von Wasser umgeben war, so wie wir immer schon von Liebe umgeben waren. Es bedurfte keinerlei Erklärung mehr, warum wir für die Liebe nichts tun müssen. Liebe ist. Um Liebe zu spüren müssen wir sie nicht erschaffen, wir müssen nur aufhören sie zu verhindern.