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Wolfgang Blohm

ENTSCHULDIGEN SIE,
WER BIN ICH?

Wege aus dem Lost-Sense-Syndrom
zurück in die eigene Identität

Wolfgang Blohm

Entschuldigen Sie,
wer bin ich?

Wege aus dem Lost-Sense-Syndrom
zurück in die eigene Identität

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Wolfgang Blohm
Entschuldigen Sie, wer bin ich?

© J.Kamphausen in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

ISBN print 978-3-89901-900-1

Lektorat: Dana Haralambie

www.weltinnenraum.de

1. Auflage 2015

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Dieses Buch wurde auf 100 % Altpapier gedruckt
und ist alterungsbeständig. Weitere Informationen hierzu
finden Sie unter www.weltinnenraum.de.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk,
Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische
oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen
Nachdrucks vorbehalten.

WIDMUNG

Dieses Buch widme ich meinem Sohn Rasmus.
Ohne seine stete Ermunterung, sein Interesse und
seine mitreißende Jugend wäre es wohl nicht
geschrieben worden.

DANKSAGUNG

Ich danke allen Menschen, denen ich
im therapeutischen Kontext begegnen durfte,
und die sich mir so sehr vertrauensvoll
und offen zeigten.

Für manchen Rat und manche Hilfe
danke ich meinem Sohn Urs.

Und ich danke von ganzem Herzen Birgit,
denn die Grundlagenarbeit mit ihr ist immer noch
das tragende Element.

Inhalt

Einleitung: Etwas hat sich verändert

Symptome einer leisen Erkrankung

Der Anfang

Ohne Lost-Sense-Syndrom

Mit Lost-Sense-Syndrom

Das Fortschreiten

Geheimhaltung und Überspielen

Kampf und Kontrolle

Orientierungslosigkeit und Bedrohungsgefühle

Verlust des Zugangs zu sich selbst

Im Klinikalltag

Typische Äußerungen Betroffener

Entfremdungshintergründe

Familie

Arbeit

Medien

Wertewandel

Kommunikation

Pathologisierung

Werbung

Geballte Entfremdung

Die innere Wahrnehmung

Mutig zu den eigenen Wurzeln zurück

Wie geht man mit Gefühlen um?

Was sind Symptome?

Das unbewusste Archiv

Kurz zusammengefasst

Menschen: Einige Fallbeispiele

Patientenvergleich und Rückschlüsse

Trainingsmöglichkeiten

Körperwahrnehmung

Sinnlichkeiten

Emotionale Entwicklung

Schule

Partnersuche

Arbeitsalltag

Bestehende Partnerschaft

Körper und Seele vereinen

Gefühlsregulation

Psychologische Strategien statt Psychopharmaka

Achtsamkeit

Akzeptanz

Kognitive Kontrolle

Erkennen und Benennen

Leidensfähigkeit

Kompensationsstrategien

Komplementärfühlen

Somatische Konsequenzen

Ein Blick in die Vorzeit

Und heute?

Körperliche und psychische Folgen

Therapeutische Perspektiven

Hypnotherapie

Achtsamkeitstraining

Systemische Therapieangebote

TEK – Training emotionaler Kompetenzen

Selbsthypnose

Autogenes Training

Positive Regulation

Entpathologisierung

Ausblick

Literatur

EINLEITUNG: ETWAS HAT SICH VERÄNDERT

Seit jeher hört oder liest man immer wieder: „Früher war alles viel besser.“ Schaut man sich dann einmal die Lebensbedingungen von früher genauer an, lässt sich eine solche Aussage kaum belegen – jedenfalls nicht von der Generation, die früher nicht erlebt hat, sondern Informationen darüber aus den zur Verfügung stehenden Medien bezieht.

Wie war es früher wirklich? Nehmen wir einmal an, dass damit die Zeit vor rund 50 bis 70 Jahren gemeint ist, also vor rund zwei Generationen: Die Arbeitstage waren lang, kaum einer nannte ein Auto sein Eigen, ein Fernseher fand sich kaum in einem Haus, anstelle von Zentralheizung gab es Kohleöfen, die mühsam beschickt werden mussten, Computer und Internet waren noch nicht einmal vom Namen her bekannt. Und das soll besser gewesen sein?

Diejenigen, die dieses Früher selbst erlebt und mitgestaltet haben, argumentieren dagegen so: Alles hatte seine Ordnung, alles hatte seinen Platz, man hatte seine Sicherheit, auch wenn der abgesteckte Rahmen kleiner war. Man konnte sich auf diesen Rahmen aber immer verlassen.

Das gab dem Leben ein bekömmliches, ein sicheres Gefühl. Und neben solch einem guten Gefühl hatte man dann Zeit für Ruhe, für Muße, für Müßiggang, man hatte Zeit, um die Sinne zu öffnen, Zeit, um sich wahrzunehmen und Zeit, um sich zu besinnen.

Die Lebensbedingungen im Deutschland unserer Tage gelten bei allen Einschränkungen und Spielräumen für Verbesserungen weltweit geradezu als paradiesisch.

Die Arbeitszeiten sind begrenzt, jedes Haus verfügt über eine umfangreiche Energieversorgung vom Strom bis zur Beheizung, Lebensmittel stehen fast überall im Überfluss zur Verfügung und selbst Empfänger von Mindestunterhaltssätzen müssen nicht hungern oder frieren. Auf der sozialen Ebene findet zwar weniger Kommunikation im direkten Umfeld – z. B. Gespräche mit dem Nachbarn – statt, aber man hat ja auch sein Smartphone, das ständig und überall verfügbare World Wide Web und ist gleichsam mit der Welt über Facebook oder Skype vernetzt.

Unter solchen – im Vergleich zur Mitte des letzten Jahrhunderts – feinen und sicheren sozialen Bedingungen muss es sich doch wahrlich gut und trefflich leben lassen!

Spiegel online meldete im Jahre 2011, dass die Anzahl der psychischen Erkrankungen in den letzten 10 Jahren dramatisch angestiegen sei. Die Anzahl depressiver Erkrankungen hat sich seit der Jahrtausendwende mehr als verdoppelt. Der Anteil seelischer Erkrankungen bei Arbeitsunfähigkeit erhöhte sich von 6,6 auf 13,1 %, womit die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage, die psychisch begründet waren, von 33,6 Millionen Tage in 2001 auf 53,5 Millionen Tagen in 2010 anstieg.

Diese Zahlen wurden im Verbund mit gesetzlichen Kassen erhoben, sie sind keine hochgerechneten Prognosen, sondern reale Zahlen aus dem Alltag.

Bei den psychischen Erkrankungen stehen Depressionen, Burn-out-Syndrom, Angststörungen und Zwangserkrankungen im Vordergrund, bei jungen Menschen spielen Ernährungsstörungen wie Magersucht oder das Ritzen der Haut eine zunehmend große Rolle.

Etwas hat sich verändert.

Die Lebensrahmenbedingungen – wie Versorgung, Ernährung, Unterkunft und Arbeitszeit – haben sich nachweisbar verbessert. Zeitgleich hat sich die Anzahl der Menschen mit seelischen Erkrankungen in der Bundesrepublik während der letzten zehn Jahre mehr als verdoppelt.

Blickt man einmal zurück in die Geschichte, so gibt es in jeder Epoche bestimmte Häufungen an Erkrankungen oder „Psychomoden“ (Rudolf Sponsel, Erlangen). Im Zusammenhang damit lassen sich aus zahlreichen Perspektiven kulturelle, soziologische, religiöse oder medizinische Wurzeln dafür finden.

Die Auswertung einiger Tausend Krankheitsgeschichten aus meiner eigenen klinischen Arbeit zeigt Ergebnisse, die sich als deckungsgleich mit denen an anderen Stellen umfänglich erhobenen Befragungen erweisen. Hat sich das seelische Krankheitsbild zu einer Depression oder einem Burn-out-Syndrom ausdifferenziert, stehen Symptome im Vordergrund, die als typisch anzusehen sind:

Überforderung,

Verlust der Kernkompetenzen im Beruf,

Verlust von Perspektiven,

ständiger Kampf gegen Stress und Überforderung,

Verdrängung,

Aufbau einer Fassade zur Wahrung des Gesichtes,

im sozialen Umfeld.

Bei den Angststörungen treten immer häufiger neben Angst und Fluchtverhalten auch Panik, soziale Isolierung und die Entwicklung von Vermeidungsstrategien und körperliche Symptome wie Herzrasen, Schweißausbrüche oder Atemnot und Zittern in den Vordergrund.

Zwangsstörungen lassen immer wieder Gedankenschleifen kreisen. Ritualisierte Handlungen nehmen Stunden, statt Minuten in Anspruch. Ausgeliefertsein wird zum prägenden Gefühl des Tages. Je nachdem, in welche Richtung sich das Krankheitsbild entwickelt, zeigen sich dann die entsprechenden Symptome.

Verfolgt man die Krankheitsbilder einmal zurück bis zu deren ersten Anzeichen und sucht zusätzlich nach Gemeinsamkeiten im emotionalen Empfinden der Betroffenen, finden wir statt einer Differenzierung eine signifikante Übereinstimmung, wie das die folgenden Aussagen von Patienten verdeutlichen:

„Ich habe den Kontakt zu mir verloren.“

„Ich nehme mich nicht mehr wirklich wahr.“

„Meine Orientierung ist mir nicht mehr zugänglich, ich bin mir selbst fremd.“

„Ich stehe meinem Umfeld ratlos gegenüber.“

„Mein Innerstes ist wie abgekoppelt.“

„Es gibt nichts, woran ich mich halten kann.“

„Ich spüre meine Erdung nicht mehr.“

„Mein innerer Maßstab ist mir abhandengekommen.“

„Bis auf das Gefühl der Leere kann ich nichts mehr fühlen.“

„Ich bin ein Fremder in einer fremden Welt.“

„Meine Sinne nehmen nichts mehr wahr.“

Etwas hat sich verändert.

Die betroffenen Menschen haben den Kontakt zu sich und ihren Sinnen verloren. Sinne und Selbstwahrnehmung ermöglichen uns eine sichere Orientierung. Der Verlust dieser Orientierung führt uns direkt in ein bislang nicht beachtetes Krankheitsbild: das Lost-Sense-Syndrom.

Depression und Burn-out, Angst und Zwang sind seine späteren Gefolgen!

SYMPTOME EINER LEISEN ERKRANKUNG

Wenn das Lost-Sense-Syndrom in einem Leben Einzug hält, geschieht das meistens auf ganz leisen Sohlen.

DER ANFANG

Man spürt es kaum und kann es auch nicht greifen. Bei Depressionen ist es das „Morgentief“, eine Mischung aus Leere, Antriebsarmut und Aussichtslosigkeit.

Das Lost-Sense-Syndrom meldet sich meistens mit einem Fragezeichen zur Stelle. Es lässt sich anders kaum und besser beschreiben: ein gefühltes inneres Fragezeichen. Hinzu kommen dann noch weitere Anzeichen – einzeln oder in einer Mischung – in den Fokus der inneren Aufmerksamkeit:

eine Spur Erstaunen,

ein gewisses Fremdheitsgefühl,

eine leise Unsicherheit,

ein Hauch von Orientierungslosigkeit.

Es lässt sich bereits bei der Beschreibung dieser ersten Symptome erkennen, dass sie nicht wirklich greifbar sind, eher unbestimmt, zart, milde und doch von einer Beharrlichkeit, die innerlich irgendwie aufhorchen lässt.

Man hält dann kurz inne, traut dieser Wahrnehmung nicht so richtig. Es ist eben ein ganz neues und bislang so nicht bekanntes Gefühl. Man spürt noch einmal in sich hinein. Und oft ist dieses neue Gefühl dann bereits wieder verschwunden. Häufig vergisst man es einfach wieder, denn der Alltag mit all seinen zu bewältigenden Aufgaben fordert uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

Für eigene Gefühle bleibt da wenig Raum …

Einige Tage oder Wochen kehrt dann wieder Ruhe ein. Man hatte es schon längst vergessen, da ist es urplötzlich wieder da: dieses Gefühl, das einem Fragezeichen gleicht. Und vielleicht bleibt es dieses Mal ein wenig länger spürbar. Mitunter ist es auch mit einem veränderten Körpergefühl verbunden:

eine etwas erschwerte Atmung – nicht wirklich eingeschränkt, aber doch angestrengt und nicht absolut spontan;

ein leichter Druck in der Magengegend – keine Schmerzen, nur ein leichtes Druckgefühl eben;

die Muskeln wirken vielleicht plötzlich angespannt – nicht verkrampft, aber doch eben angespannt.

Auch diese Veränderungen sind nicht sehr gravierend und verweilen anfänglich nur kurz. Dennoch spürt man sie deutlich, sie sind wie dieses Fragezeichen-Gefühl milde, aber persistent.

Es ist dann kaum zu unterscheiden, ob die leichte Irritation, die sich nun nach einiger Zeit einstellen kann, durch diese körperlichen Symptome ausgelöst wird, oder ob es die zunehmend häufigen Gefühlsveränderungen sind, die sich in dieser Weise auswirken.

Irgendwie fühlt man sich fremd.

Der Raum, den diese ersten Veränderungen einnehmen, ist anfangs episodenhaft kurz: Momente, Sekunden, manchmal auch Minuten.

Schnelle Wechsel zur „Normalität“, zum gewohnten Alltagserleben, verhindern deshalb häufig, dass die Veränderungen angemessen wahrgenommen werden oder überhaupt bis in die bewusste Wahrnehmung gelangen.

Das ist sicher mit ein Grund dafür, dass das Lost-Sense-Syndrom anfänglich von Betroffenen nicht eingeordnet werden kann. Zu unbestimmt ist es, zu wenig greifbar, und zu flüchtig zeigen sich Symptome und verschwinden wieder.

Im späteren Verlauf, der sich über Wochen und Monate erstrecken kann, kommen dann weitere Veränderungen hinzu. Die Anfangssymptome treten nun häufiger auf. Und neue kleine Unsicherheiten in der Orientierung treten zusätzlich auf den Plan.

Es kann sein, dass die morgendliche Auswahl der Kleidung ganz ungewohnt Probleme bereitet, weil man sich einfach nicht entscheiden kann, immer wieder abwägt, sich mehrfach umentscheidet und nicht wirklich weiß, warum.

Vielleicht ruft auch eine Freundin an und fragt, ob ein gemeinsamer Kinobesuch am Abend möglich wäre. Und wo der Angerufene sonst gewohnt spontan entscheidet, stellen sich ihm jetzt im Inneren zahlreiche Fragen und die eher banale gemeinsame Unternehmung gerät zu einem komplizierten Konstrukt, das nicht nach Gefühl, sondern nach Abwägung zahlreicher Argumente entschieden werden kann.

Ein weiteres Beispiel: Beim Autofahren war der Weg zur Arbeit fast schon Monotonie, der mit einem Minimum an Aufmerksamkeit, das der Verkehr nun einmal fordert, sicher und ohne Anstrengung absolviert werden konnte. Nun schaut man häufiger verunsichert in den Rückspiegel, wechselt nur noch ungern, statt selbstverständlich die Spur, fährt im Ganzen eher verhalten. Die Sicherheit scheint gleichsam auf der Strecke geblieben zu sein.

Überhaupt ist man jetzt häufiger in Gedanken und immer wieder für ein paar Minuten mehr nach innen als nach außen orientiert. Das ist dann mit einem Gefühl vergleichbar, als wäre man auf der Suche nach etwas: unbestimmt, ohne konkretes Ziel, mehr wie ein hilfloses Umsehen im eigenen inneren Ich.

Denn irgendetwas hat sich verändert.

Im Alltag beginnt es, hin und wieder Konsequenzen zu haben: Freunde oder Arbeitskollegen stellen mitunter Fragen wie „Ist alles in Ordnung bei dir?“ oder „Hast du Probleme?“. Oder sie bieten ihre Unterstützung an: „Wenn du einmal reden möchtest, bin ich gerne für dich da.“ Und weil die Aufmerksamkeit, wie schon beschrieben, immer wieder von außen nach innen wandert, schleichen sich dann auch manche Fehler ein, die man vorher nicht so kannte.

In diesem Stadium der Entwicklung des Lost-Sense-Syndroms treten zunehmend Angstsymptome auf. Die können sich allein auf der Gefühlsebene bewegen, sodass man dann eben Angst spüren kann. Es können aber auch weitere Organbereiche mit einbezogen werden und es entstehen Beschwerden wie

·Atemnot,

·Schwindelgefühle,

·Schwitzen,

·Herzrasen oder

·Übelkeit.

Das Ergebnis: Man fühlt sich immer häufiger fremd im eigentlich gewohnten Umfeld. Betroffene in diesem Stadium erleben die morgendliche Begrüßung am Arbeitsplatz nicht mehr als fröhliches Begrüßungsritual, mit dem sie sich in die Gemeinschaft einfinden. Vielmehr erleben sie es als unangemessen, vielleicht übertrieben, haben ein spontanes Abgrenzungsgefühl oder wundern sich über solche Oberflächlichkeiten bei Kollegen, die sie nicht wirklich aufrichtig schätzen.

In der Freizeit, die Raum für eigene Wünsche und Bedürfnisse lässt, finden Veränderungen besonders eindrucksvoll statt.

Leider erkennt man das oft erst im Nachhinein, weil Achtsamkeit und Aufmerksamkeit bereits längere Zeit auf andere Bereiche gerichtet sind. Es ist aber auch sehr gut möglich, dass die Veränderungen in diesem Areal schon – oder besonders – zu Anfang der Symptomkette wahrgenommen wird.

OHNE LOST-SENSE-SYNDROM

Jeder der folgenden Bereiche lässt das Erspüren der eigenen Gefühle immer deutlicher werden:

Spaziergänge ermöglichen ein sehr intensives Erleben der eigenen Sinne. Man spürt den Wind auf der Haut, man riecht den Duft der Wiesen, Wälder oder des Meeres, man erlebt intensive Färbungen des Himmels im Abendrot. Wer sich in der Natur aufhält, erlebt sich selbst über seine Sinne. Und diese Wahrnehmung ist besonders intensiv und spontan, da benötigt es weder Erklärungen noch intellektuelle Konstrukte: Man erlebt sich einfach.

Auch beim Sport nimmt man sich und seinen Körper sehr direkt und auf eine ganz eigene Art wahr, je nach Belastung und Bewegungsart. Da ist es gleichgültig, ob man zum Bowling geht, ein Anhänger des Joggings ist oder lieber auf dem Rad den Körper trainiert. Immer ist Bewegung ein Impulsgeber für das Erspüren von Muskeln, Gelenken und der Haut.

Wer es in seiner freien Zeit vorzieht, Musik zu hören, aktiviert damit seine innere Wahrnehmung und seine Gefühle auf eine einzigartige Weise. Musik kann direkt in die Entspannung führen, bis hin zu leichten Trancen, sie kann Bewegung auslösen oder Fröhlichkeit. Die Möglichkeiten auf diesem Gebiet sind an Vielfalt kaum zu überbieten.

MIT LOST-SENSE-SYNDROM

Bei all den oben aufgeführten Bereichen führt das Lost-Sense-Syndrom zu einer allmählichen Abflachung der Gefühle: statt mehr zu erspüren, verblassen sie langsam.

Beim Spaziergang durch den Wald ist das Spazieren abhanden gekommen – der körperliche Vorgang nun mechanisiert. Alle Eindrücke, die vorher intensive Erlebnisse von sich und der Natur vermittelten, sind nicht mehr verfügbar. Man geht durch ein Waldstück – und sonst nichts. Es fehlt, was vorher immer selbstverständlich zur Verfügung stand: der emotionale Bezug, das gefühlsmäßige Erleben.

Sport gerät in diesem Kontext nur noch zur Anstrengung, der Blick auf die Uhr oder das Pulsometer sind wichtiger als das genussreiche Gefühl, seine Muskeln kraftvoll zu spüren.

Musik läuft nun im Hintergrund, ohne dass man sie wirklich hört. Sie ist eben da, aber man wird nicht mehr von ihr berührt.

Und deutlich wird erkennbar: Der Mensch hat den Bezug zu sich selbst verloren. Er nimmt sich in seiner Welt nicht mehr wirklich wahr. Damit ist das zentrale Element der eigenen Orientierung nur noch sehr eingeschränkt verfügbar. Denn angemessene und wirklich authentische Maßstäbe zur Gestaltung des eigene Leben lassen sich nur in der eigenen Mitte zuverlässig finden.

DAS FORTSCHREITEN

Der weitere Verlauf in diesem Stadium der Erkrankung wird durch das Verhalten der Betroffenen bestimmt.

GEHEIMHALTUNG UND ÜBERSPIELEN

Sehr viele Menschen versuchen, die Symptome der Krankheit und die damit verbundenen Konsequenzen vor den Mitmenschen und in ihrem Umfeld zu verbergen. Als Kompensationsmechanismus dient ihnen dabei ein vermehrter Einsatz am Arbeitsplatz oder für die Familie. Geschäftige Aktivität, immer mehr Einsatz und über die Belastungsgrenzen hinausgehende Kraftanstrengungen setzen dann eine bald nicht mehr beherrschbare Dynamik in Gang. Da sich an dem Hintergrund und an den Ursachen der Erkrankung nichts ändert, müssen immer größere Anstrengungen unternommen werden, die immer tiefer in die Aussichtslosigkeit führen und in eine immer größere Erschöpfung.

Eine solche Spirale von Kompensation und Aktivismus endet immer in einem Burn-out-Syndrom mit einer totalen Erschöpfung.

KAMPF UND KONTROLLE

Eine weitere Möglichkeit im Umgang mit dem Lost-Sense-Syndrom besteht darin, gegen die Symptome anzukämpfen. Alle zur Verfügung stehenden Kräfte werden aufgebracht, um sich dagegenzustemmen, den Symptomen die Stirn zu bieten und sich so zu verhalten, als habe sich nichts verändert. Das eigene Verhalten wird ständig auf Fehler untersucht, die die Ursache der eingetretenen Veränderungen sein könnten, ohne dass die Suche von Erfolg gekrönt wäre. Und jede mögliche Kraftreserve gelangt bis zur Erschöpfung zum Einsatz, um das eigene Verhalten zu kontrollieren und trotz der Symptome ein „normales“ Leben zu gestalten.

Doch dieser Kampf ist aussichtslos, weil die Symptome Sieger bleiben. Auch er endet in der Depression: Die Betroffenen haben alles gegeben und das Ziel dennoch nicht erreicht.

ORIENTIERUNGSLOSIGKEIT UND BEDROHUNGSGEFÜHLE

Anderen Betroffenen stehen diese Kompensationsmechanismen in dem lebenslang erworbenen Repertoire aus Lösungsmöglichkeiten von Konflikten nicht zur Verfügung. Und deshalb greifen Unsicherheit und Orientierungslosigkeit immer mehr um sich. Man fühlt sich dann im eigenen Leben immer fremder, erlebt sich ausgeliefert und ohne Einfluss auf das Geschehen. Überall lauern Gefahren, alle sonst vertrauten Wege und Begegnungen werden als bedrohlich erlebt. Man meidet immer mehr Sozialkontakte, verlässt die Wohnung nur noch selten. Bereits kleine, unvorhergesehene Veränderungen werfen diese Verunsicherten aus der Bahn. Es finden sich immer weniger Orte, an denen sie sich sicher fühlen können. An Arbeit ist sehr schnell nicht mehr zu denken, und auch die sonst vertraute Familie bietet keinen Halt. Niemand im Umfeld versteht, warum das so ist, so sind die Betroffenen alleine mit sich selbst, und ihre Verzweiflung nimmt stetig zu. – Eine Angst- und Panikstörung hat sich entwickelt.

VERLUST DES ZUGANGS ZU SICH SELBST

Für alle Betroffenen zeigt sich irgendwann: Sie verlieren immer mehr den Kontakt zu ihren Ressourcen und zur inneren Sicherheit.

Immer weiter entfernen sie sich von der eigenen Orientierung und geraten immer häufiger in ein Gefängnis aus Angst, Ratlosigkeit und Entfremdung.

Früher oder später wird es dann unumgänglich, externe Hilfe aufzusuchen bei einem Arzt oder einem Psychotherapeuten, wenn man nicht untergehen möchte. Spontanheilungen sind möglich, aber doch sehr selten.

Innerhalb der Familie oder im Freundeskreis fehlt meistens die professionelle Distanz, um Zusammenhänge zu erkennen und Orientierung und Hilfe geben zu können. Verständnis und freundliche Zuwendung sind wichtig und wirken unterstützend, helfen aber in diesem Zustand alleine nicht mehr weiter.

IM KLINIKALLTAG

Was sind das für Menschen, die mit Lost-Sense-Syndrom in der Klinik behandelt werden? Hier finden sich Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und individueller Geschichte, die im therapeutischen Kontext Außenperspektiven in Anspruch nehmen möchten, um wieder Klarheit und Orientierung in ihre Lebensgestaltung zu bringen.

Die hier aufgeführten Beispiele sind vom Wesen und vom Inhalt her authentisch und nur ein wenig verfremdet, um Wiedererkennungseffekte zu vermeiden und damit die Privatsphäre der Betroffenen zu schützen. In allen Fällen habe ich die Zustimmung von den Patienten erhalten, diese Beispiele auch anderen Menschen zugänglich zu machen.

Menschen sind sehr komplexe Wesen, und nicht weniger vielschichtig gestaltet sich aus diesem Grunde die Psychotherapie. Deshalb können die folgenden Beispiele aus der klinischen Arbeit naturgemäß lediglich Streiflichter sein und nur zentrale Ausschnitte im Umgang mit dem Lost-Sense-Syndrom und den betroffenen Menschen darstellen.

TYPISCHE ÄUSSERUNGEN BETROFFENER

„Es ist sehr merkwürdig. Etwas hat sich in meinem Leben verändert, und ich kann es nicht beschreiben. Alles ist so wie früher und doch komplett anders. Mein Tagesablauf ist der gleiche, meine Freizeitaktivitäten haben sich kaum verändert. Meine Sozialkontakte sind weniger geworden, das stimmt. Aber insgesamt sind keine einschneidenden Ereignisse da. Ich verstehe das nur alles irgendwie nicht mehr. Kann man sich in seinem eigenen Leben verlieren?“

„Seit einiger Zeit gehe ich wie ein Fremder durch mein Leben. Es ist ein Gefühl, als hätte ich damit nichts mehr zu tun, als wäre ich ein Besucher oder Beobachter in einem irgendwie unbekannten Land.“

„Ich habe einen ausgefüllten Alltag von morgens bis abends, wichtige Termine, Besprechungen, Arbeitsessen. Meine Meinung ist durchaus gefragt. Aber seit einiger Zeit interessiert mich das alles nicht mehr. Da ist mehr so eine Leere, die nicht durch all das ausgefüllt werden kann.“

„Meine Familie liebe ich sehr und ich versorge alle, kümmere mich um alles, wie immer eben. Jeder verlässt sich da auch auf mich, und ich sah auch viele Jahre meine Erfüllung und meinen Lebenssinn darin. So nach und nach spüre ich aber, wie mich mein Gefühl verlässt, wie ich alles mehr mechanisch mache. Ich kümmere mich auch weiter, nur fehlt da irgendwie die Wärme, dieses tiefe Bedürfnis. Ich erlebe mich nicht mehr in der Familie, irgendwie fühle ich mich abgeschnitten von allen und allem.“

„Mein Garten ist mir immer sehr wichtig gewesen und ich genieße es, wenn alles grünt und blüht, wenn die Beete sauber sind und der Rasen frisch gemäht. Aber jetzt nehme ich das kaum noch wahr, sitze auf meiner Bank und frage mich, was ich da früher wohl gespürt haben mag. Da ist nichts mehr. Mein Garten und ich haben die Verbindung zueinander verloren, ohne dass ich es bemerkt hätte, als es begann. Da fehlt etwas.“

„Alles, was ich mache, geschieht jetzt, also keine aktive Gestaltung, mehr so roboterhaft, mechanisch.“

„Ich kann gar nicht so genau sagen, wie lange das schon so geht, aber ich habe seit einiger Zeit das Gefühl, als schwämme ich nur noch, paddle ums Überleben. Eine Richtung gibt es da nicht mehr, nur noch das Schaffen oder Nicht-Schaffen.“

„Mein Alltag besteht nur noch aus dem Erfüllen von Vorschriften oder dem Einhalten von Vorgaben. Ständig fühle ich mich unter Kontrolle und habe unentwegt Angst, Fehler zu machen, eine Vorschrift zu missachten oder irgendwem nicht gerecht zu werden, selbst einfachste Vorgänge werden mir zur Qual. Mein Leben besteht nur noch aus Druck, auch zu Hause. Ich kann nicht mehr abschalten und komme aus dem Karussell nicht mehr heraus, es dreht sich immer schneller, aber aussteigen kann ich nicht, und anhalten kann ich es auch nicht. Es gibt keine Ruhe und keinerlei Besinnung mehr.“

„Alles wird immer schneller, nichts hat mehr Bestand. Woran soll ich mich denn noch orientieren? Was gestern nichtig war, ist heute von Belang. Was heute noch richtig ist, ist vielleicht morgen falsch. Ständig muss ich mich in neue Programme einarbeiten. Ich bestimme in meinem Leben kaum noch etwas, alles kommt von außen, alles ist flüchtig, festhalten kann man nichts. Wo ist da der Sinn?“

„Früher war das alles anders. Man hat bei einer Firma gearbeitet und da blieb man dann auch sein Leben lang. Schon mein Vater hat bei Daimler geschafft. Wir hielten zusammen wie eine Familie und auch die Bosse haben mitgefeiert, wenn es etwas zu feiern gab. Heute kennt doch niemand mehr irgendwen. Die Firma ist längst ein „Global Player“ und irgendwo bestimmt irgendwer über unsere Arbeitsplätze, obwohl der vielleicht weder uns noch die Firma kennt. Ich habe den Bezug zu meiner Arbeit verloren und leiste nur noch meine Schicht – und gut ist! Spaß macht das so schon lange nicht mehr und ich wünsche mir oft die alten Zeiten zurück.“

„Mit den Kindern heute im Unterricht zu arbeiten, bereitet mir keinen Spaß mehr. Es ist unglaublich, wie abgelenkt sie sind. Kaum einer kann sich noch mehr als drei Minuten konzentrieren, ständig springen sie hin und her, sind unruhig und fahrig. Da fehlt jede Bodenständigkeit. Man hat das Gefühl, sie sind unentwegt auf der Suche nach Grenzen, nach etwas, das ihnen Halt und Sicherheit gibt, und sie finden es aber nicht.“