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Sabine Krajewski

TABU

hinhören, hinsehen, besprechen

Mit einem Nachwort von
Carmen Thomas

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Sabine Krajewski
TABU · hinhören, hinsehen, besprechen

© J.Kamphausen in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

ISBN print 978-3-89901-826-4
ISBN E-Book 978-3-89901-995-7

www.weltinnenraum.de

1. Auflage 2015

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ES GIBT DINGE,

ÜBER DIE SPRECHE ICH

NICHT EINMAL MIT MIR

SELBST. KONRAD ADENAUER

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Entgleister Zug in Montparnasse, Paris, 1895

Inhalt

VORWORT UND DANK SAGUNG

ANLEITUNG ZUM LESEN

KEALAKEKUA BAY, HAWAII

REISE NACH ULURU, AUSTRALIEN

TONGATAPU UND F IDSCHI

JAVA, INDONESIEN

VERBOT ENE S TADT, CHINA

VRINDAVAN, INDI EN

RIYADH, SAUDI-ARABI EN

EINE REISE NACH ISTANBUL, TÜRKEI

ENDSTATION

KOTTBUSSER TOR, DEUTSCHLAND

EIN NACHTZUG AUS FRANKREICH

MÄNNERSALON

STÖRUNGSSTELLE GEHIRN

PEINLICHE KÖRPER

NACHWORT

ANHANG

INTERVIEWFRAGEN

VORWORT

UND DANKSAGUNG

Die Fettnäpfe dieser Welt sind unregelmäßig verteilt, und sie bewegen sich ständig hin und her, es ist ein Albtraum, um sie herumtanzen zu wollen und dann doch mittendrin zu landen. Es ist aber tröstlich zu wissen, dass es wohl niemandem gelingt, nie in eine peinliche Situation zu geraten oder etwas zu sagen oder zu tun, was andere für vollkommen unangemessen halten. Ähnlich schwierig kann es werden, wenn andere über ein Thema sprechen, das einem unangenehm ist, vor allem wenn man nicht einmal genau weiß, warum. Als ich vor Jahren meine Doktorarbeit über Krankenhausserien in verschiedenen Ländern schrieb, hat mein Doktorvater mir geraten, doch ein Tabukapitel zu schreiben, das biete sich bei den Themen Krankheit und Tod doch an. Es war ein guter Rat, das Kapitel gefällt mir immer noch, und ich kehre immer wieder mal zur Tabuforschung zurück. Im Grunde beschäftigen wir uns alle ein ganzes Leben lang mit Tabus, auf die eine oder andere Weise, denn niemand kommt an ihnen vorbei oder kann ohne sie leben. Je nach Sozialisierung lernen wir von klein auf, worüber man sprechen darf und worüber nicht, was man in welcher Situation tun oder lassen sollte und in welchen Situationen bestimmte Themen, Bilder, Wörter oder gar Gedanken nicht erlaubt sind. Mich interessiert, warum Menschen über bestimmte Dinge nicht sprechen oder worüber sie nur vorsichtig sprechen, was angetastet werden darf und was nicht oder nicht mit jedem. Schon bin ich mitten im Thema: Wie funktioniert Kommunikation über schwer Kommunizierbares von Mensch zu Mensch, innerhalb bestimmter Gruppen, zwischen Gruppen, durch Medien, und wie funktioniert sie eben nicht? Wirklich interessant wird es, wenn wir uns an einem anderen Ort befinden oder in einer anderen Gesellschaft, in der die Regeln, die wir als normal und gegeben internalisiert haben, plötzlich andere sind.

Wenn man über Tabus spricht oder schreibt, enttabuisiert man nicht, das Tabu wird nach wie vor da sein, scheinbar unberührt von den Bemühungen derer, die es verletzen oder ganz und gar loswerden wollen. Wenn es so einfach wäre, sie loszuwerden, gäbe es keine Tabus mit jahrhundertealter Tradition, und das Leben wäre auch unsagbar schwer, es müsste ungefähr so sein, als wenn Menschen die Gedanken anderer lesen könnten. Denkt man länger darüber nach, ist es sicherlich eine Gnade, dass es überall auf der Welt gewisse Schranken gibt, die Individuen oder auch Gruppen schützen und ihnen so etwas wie Privatsphäre geben. Leider sind diese Schranken nicht immer an den richtigen Stellen, oft schützen sie die Falschen, und wer kann überhaupt sagen, was richtig und falsch ist, das ändert sich schließlich auch ständig. Was tabu ist, hängt vom Ort ab, an dem man sich befindet, von der Zeit, in der man lebt, von persönlichen Umständen wie Geschlecht und Alter, Herkunft, Bildung, Religion, Sprache und vielen anderen Faktoren. Eine Auseinandersetzung mit Tabus kann sicher dazu beitragen, die Schranken zu verschieben, in einzelnen Köpfen und vielleicht auch im wirklichen Leben.

Dieses Buch ist mir, wie damals das Kapitel, irgendwie passiert oder angetragen worden. Wieder hat besagter Doktorvater, Prof. Hartmut Schröder, natürlich Tabuspezialist, seine Hände im Spiel gehabt. Er war im Januar 2013 von der Radiolegende Carmen Thomas zu einem Interview über Tabus eingeladen worden, wie ihm das so oft passiert. Da sie auch an einem Interview über internationale Tabus interessiert war, hat er mal eben meinen Namen weitergereicht, und ich verbrachte dann ein, zwei Stündchen neben Carmen Thomas, wir haben uns gut unterhalten. Nun fällt vielen zum Namen Carmen Thomas „Schalke 05“ oder Urin ein, was ihr auch nicht so richtig gerecht wird. Ich denke dabei an meine ersten beiden Studienjahre in NRW, denn da habe ich ab und zu statt einer Vorlesung Hallo Ü-Wagen gehört, die Kultsendung mit Carmen Thomas. An die Themen erinnere ich mich nicht mehr, aber an die Stimme und die offene und scheinbar mühelose Moderation, die die Leute zur Diskussion und zum Mitmachen brachte. Die Liste der Themen, die Thomas in 20 Jahren moderiert hat, kann man nachschauen, und dort tauchen viele bekannte Tabuthemen auf, die sich auch in diesem Buch wiederfinden lassen. Viele Themenvorschläge hatte Carmen Thomas damals aus dem Publikum erhalten, so wie ich sie von meinen Gesprächspartnern erhalten habe. Sicherlich haben sich viele dieser Angelegenheiten gewandelt, vielleicht hat sich hier und da auf der Welt auch der Tabuisierungsgrad verändert. Doch psychische Krankheiten, Kindesmissbrauch, häusliche Gewalt oder Selbstbestimmung am Ende des Lebens sind auch heute noch schwierige und sensible Themen, hier und anderswo in der Welt.

Meine Reise in verschiedene Tabuwelten war dank der Menschen, die mir ihre Zeit geschenkt haben, erstaunlich entspannt und bietet einen Einblick in eine unendliche Geschichte. Ich möchte an dieser Stelle vor allem meinen Interviewpartnern danken, die die eigentlichen Autorinnen und Autoren dieses Buches sind. Jeder von ihnen ist zum Thema befragt worden, weil er über ein Land oder über ein bestimmtes Tabuthema sehr viel weiß und dieses Wissen auch anschaulich formulieren kann. Alle haben meine 14 generischen Fragen vorab zugeschickt bekommen (siehe Anhang), denn Definitionen und Beispiele von Tabus fallen einem nicht einfach so ein, es erfordert ein bisschen Arbeit, man muss länger darüber nachdenken. Auf viele Fragen wurde durchaus ähnlich geantwortet, und dann doch wieder nicht, denn die Beispiele unterscheiden sich, und jedes der ein- bis zweistündigen Interviews ist individuell durch die Erfahrung der Person, mit der ich gesprochen habe, geprägt. Deshalb ist auch jedes Kapitel etwas anders aufgebaut und reflektiert den Stil der Interviewten, den ich möglichst original (und z.T. ins Deutsche übersetzt) wiedergegeben habe. Ich brauchte nach jedem Interview, das ich transkribiert hatte, ein paar Tage zum Nachlesen und Informationenverarbeiten, zum Nachdenken und Verdauen, bevor ich mich einem anderen Thema zuwenden konnte, so beeindruckend und informativ war jedes einzelne Gespräch. Die meisten haben ihren eigenen Namen verwendet, einige ein Pseudonym, you know who you are – herzlichen Dank, Maya, Li, Cavan, Eta, Yuri, Gertrude, Cemil, Waruno, Chi, Maryse, Clarence, Emma Louise, Diana, Yousef und Telma!

Alle anderen in diesem Buch vorkommenden Personen, wie z.B. die junge Holländerin im Zug durch Java, die australische Touristin, die auf den Zug nach Kerala in Indien wartet, oder auch Jan und Rasha auf dem Weg nach Riyadh in Saudi-Arabien, sind frei erfunden. Sie sind, wie der strassenfeger1-Verkäufer in Berlin oder die Touristen auf dem Weg nach Istanbul, mögliche zufällige Begegnungen, wie sie auf Reisen so passieren.

Besonderer Dank für die Feinarbeit und den letzten Schliff am Text geht an Viviane Korn, die aus dem Rohling ein glänzendes Schmuckstück gemacht hat. Joachim Kamphausen danke ich für das Frühstück, bei dem er mich mit der Buchidee überfallen hat, und Anne Petersen für die lustigen Telefonate zwischen Sydney und Bielefeld.

An dieser Stelle danke ich auch meinem Kollegen Howard Gelman, der die Idee hatte, immer vom Hauptbahnhof loszufahren, damit die Reise in beliebiger Reihenfolge je nach Leserinteresse unternommen werden kann. Die Idee zum Streckennetz, der dem U-Bahn-Plan der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang ähnelt, stammt von meinem Sohn Miglio, der mir empfahl, nach 16 Kapiteln erst mal eine Reisepause einzulegen. Die Pjöngjang-Bahn hat 16 Haltestellen, mit der Londoner U-Bahn als Vorlage wäre ich wohl etwas länger unterwegs …

Nun bleibt mir nur noch ein fröhliches

MIND THE GAP!

(London)

Achten Sie auf den Spalt zwischen Bahnsteig und U-Bahn-Türe!

(Wien)

Vorsicht an der Bahnsteigkante!

(Berlin)

ANLEITUNG

ZUM LESEN

Sicher gibt es auch in Ihrer Nähe einen Hauptbahnhof. Wo immer Sie sind, können Sie sich also ein Ziel aussuchen und von ihrem Hauptbahnhof losfahren. Wohin Sie fahren und in welcher Reihenfolge, liegt ganz bei Ihnen. Als Orientierungshilfe gibt es einen Fahrplan mit Ankunfts- und Abfahrzeiten, die Sie ebenso wenig ernst nehmen müssen wie die Karte mit dem Streckennetz. Sie ist dem U-Bahn-Plan von Pjöngjang in Nordkorea nachempfunden, und dieser enthält selbst Tabuisiertes: Ausländer dürfen gewöhnlich nur zwei Stationen begehen und zwischen ihnen fahren. So gab es schon das Gerücht, die anderen Stationen gebe es gar nicht wirklich. Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass die Stationen tief unter der Erde liegen – so dienen sie gleichzeitig als Schutzbunker, sollte es einen (atomaren) Anschlag auf die Stadt geben. Es gibt Spekulationen, nach denen die Tunnel mit Militäranlagen verbunden sind und dass es zusätzliche geheime Strecken gibt. Die ersten Züge kamen aus China, und inzwischen fahren hier auch ausgesonderte schmalspurige Wagen, die bis 1993 in Ost-Berlin unterwegs waren2.

Wer zunächst mehr über den Begriff „Tabu“ wissen möchte, dem sei das Ziel Kealakekua Bay in Hawaii ans Herz gelegt, es ist der einzige Umsteigebahnhof. Hier endeten das Leben und damit die Exkursionen des großen Seefahrers Kapitän James Cook, der das Wort „Tapu“ aus Tonga nach Europa mitgebracht hatte. Am Ende scheiterte Cook selbst an der Pragmatik des Tabus. Das Konzept „Tabu“ hat sich in den letzten 200 Jahren verselbstständigt und wird anders verwendet und interpretiert als in Polynesien, bevor es mit den Europäern in Kontakt kam. Die auffallend häufige Verwendung des Wortes in der ganzen Welt steht der weit verbreiteten Annahme gegenüber, dass es heute „tabulose Gesellschaften“ gebe, zumindest in westlichen Ländern.

Der Weg ist das Ziel – treten Sie die Reise an, fahren Sie an einen verbotenen Ort und sprechen Sie schon unterwegs mit einheimischen Mitreisenden, die sich mit ihren Begegnungen mit Tabus auseinandergesetzt haben und sich mit den Tücken des Erkennens und den Anstrengungen des Beachtens auskennen. Ihre subjektiven Erfahrungen aus verschiedenen Regionen der Erde wachsen zu einem Tabuteppich zusammen und zeigen ein spannendes Muster. Die Gespräche auf Reisen zeigen die Mehrdeutigkeit, manchmal sogar Gegensätzlichkeit und Kontextabhängigkeit der Tabuthemen in verschiedenen Teilen der Welt. Viele kulturelle Unterschiede entstehen durch unterschiedliche Religionen, die auch den Tabuisierungsgrad eines Themas mitbestimmen.

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Dieser Plan basiert auf einer Touristenkarte von 1997, Pyongyang, Foreign Languages Publishing House.3

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KEALAKEKUA BAY,

HAWA IIÜBER DAS JÄHE ENDE
DES TABUENTDECKERS

»Als ich Kind war, las ich Bücher über die alten Hawaiianer und ihre Tabus. Es gab viele Dinge, die sie nicht tun oder über die sie nicht reden konnten. Wenn sie diese Tabus verletzt haben, wurden sie bestraft, manchmal getötet. Ich dachte, wie primitiv. Dann wurde ich erwachsen und erkannte traurig, dass auch wir in Amerika unsere eigenen Tabus haben. Einige von diesen Tabus mögen organisierten Religionen dienen, aber sie dienen nicht dem Individuum.«4

Am Samstag, den 20. Februar 1779 bekam Kapitän Clerke von den Hawaiianern ein großes Bündel überreicht, das in einen Umhang aus schwarzen und weißen Federn gewickelt war. Es wurde in der Kapitänskabine der „Resolution“ ausgewickelt und vom Schiffsarzt dokumentiert:

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Statue von Kapitän James Cook (Auckland, Neuseeland)

»Enthalten waren folgende Knochen mit etwas Fleisch daran, das Feuerspuren aufwies. Die Oberschenkel und Beine noch verbunden, aber nicht die Füße, beide Arme mit abgetrennten Händen, der Schädel mit all den Knochen, die das Gesicht formen, die Kopfhaut davon abgetrennt, die auch im Bündel war mit dem Haar darauf, kurzgeschnitten, beide Hände vollständig mit der Haut der Unterarme daran, die Hände waren nicht im Feuer gewesen, waren aber gesalzen, mehrere Einschnitte in sie geschnitten, um das Salz aufzunehmen. Obwohl wir keinen Zweifel bezüglich der Identität irgendeines im Bündel enthaltenen Teiles hatten, konnte jeder sich der Identität der Hände sehr sicher sein, da wir alle wussten, dass die rechte eine große Narbe aufwies, die den Daumen etwa einen Inch (2,5cm) vom Zeigefinger trennte. Die Ohren hingen an der Kopfhaut, die einen Schnitt von etwa einem Inch Länge aufwies, wahrscheinlich vom ersten Hieb, den er mit der Keule erhalten hatte, aber der Schädel wies keine Frakturen auf, so dass es wahrscheinlich ist, dass der Schlag nicht tödlich war.«5

Am übernächsten Tag wurden Unterkiefer und Füße geliefert, zusammen mit den dazugehörigen Schuhen und einem Stück Hut. An diesem 22. Februar wurden die so zusammengetragenen Überreste von Kapitän James Cook dem Meer übergeben, mit allen Ehren, die in der Marine üblich sind. Die Schiffsflaggen hingen auf Halbmast, 20 Pistolenschüsse wurden abgefeuert, und schließlich rutschten sie feierlich über eine Planke in den pazifischen Ozean.

Wie kam es dazu, dass ein großer Seefahrer, den die Ureinwohner Hawaiis überaus schätzten und dem sie großen Respekt entgegenbrachten, ein solches Ende nahm? Es geschah auf der dritten großen Entdeckungsreise des erfahrenen Briten, dass er die Insel, von der er nach einmonatigem Aufenthalt und guten Tauschgeschäften schon wieder abgereist war, ein zweites Mal besuchte. Ein Mast auf der „Resolution“ war gebrochen, und so musste die Besatzung notgedrungen wieder zurück nach Kealakekua Bucht. Die Hawaiianer waren von der Rückkehr nicht begeistert, sie erschien ihnen verdächtig. Als die Einheimischen über Nacht eines der Boote mitnahmen, das an einer verankerten Boje festgemacht und für den Transport von Lebensmitteln wichtig war, gab es Streit zwischen den Engländern und den Hawaiianern. Kapitän Cook entschied kurzerhand, den hawaiianischen König Kalani’ōpu’u gefangen zu nehmen, bis das Boot wieder zurückgegeben würde. Die Hawaiianer konnten die Entführung ihres Oberhauptes nicht akzeptieren, und da die Engländer inzwischen zur Warnung einige Hawaiianer, darunter auch wichtige Stammesführer, getötet hatten, griffen sie Cook und seine Männer an, die sich schließlich auf den Strand zurückziehen mussten. Sie hatten sich mit der Mitnahme des Königs verkalkuliert, denn dieser hatte „Tabustatus“. Um nicht von den Göttern bestraft zu werden, mussten die Ureinwohner Cook nun töten, was sie durch Erschlagen, Ertränken und Zerstückeln erreichten. Die Geschichte hat dadurch etwas Groteskes, denn Cook, der das Wort „tapu“ von seiner zweiten Reise aus Tonga mit nach Europa gebracht hatte, hätte es besser wissen müssen. Er sollte am eigenen Leib erfahren, was ein Tabubruch bewirken kann. Cook wusste, dass Stammesführer Tabus erlassen und aufheben konnten. Davon hatte er selbst profitiert, als er Kamehameha I. (auch Kamehameha der Große genannt, weil er als erster König von Hawaii ab 1810 die Inseln zu einem Staat vereinigte) bat, seine wissenschaftlichen Geräte und auch sein Schiff „Iphigenia“ mit einem Tabu zu belegen.

Da die Inselbewohner Cook eigentlich schätzten, wurde ihm wenigstens posthum noch eine besondere Ehre zuteil: Sein Körper wurde den gleichen Ritualen unterzogen wie die Körper verstorbener Stammesführer und Ältester der Gesellschaft. Dem Körper werden die Organe entnommen, er wird gebacken, um das Fleisch leichter lösen zu können, und die Knochen werden vorsichtig gesäubert, um sie als religiöse Relikte zu erhalten, ähnlich wie man es mit europäischen Heiligen im Mittelalter machte. Die Tatsache, dass die Überreste, die am Ende den Briten zur Seebestattung übergeben wurden, Feuerspuren aufwiesen, führte zu dem Gerücht, Cook sei gekocht und teilweise gegessen worden.

Im 18. Jahrhundert wusste man noch nicht viel über die Kultur der Naturvölker im Pazifik und über die Tragweite des Begriffs „Tabu“ im pazifischen Kontext eben auch nicht. Übersetzt bedeutet „tabu“ so viel wie „stark markiert“, „ta“ bedeutet „markieren“, „pu“ ist ein Adverb der Intensität. Der Seefahrer und Entdecker Kapitän James Cook brachte das Wort zwei Jahre vor seinem Tod aus der Südsee mit, und es hat sich seitdem – mit geringen Abweichungen in der Schreibweise – überall auf der Welt verbreitet. Die Bedeutung des tapu in der Südsee (tapu auf Tonga, kapu auf Hawaii, tabu auf Fidschi) ist allerdings eine andere als die des Tabus oder taboo im Englischen, wie wir es heute verwenden. Cook schrieb über den Begriff „Tabu“:

»Tabu hat eine sehr umfassende Bedeutung; aber, allgemein gesprochen weist es auf etwas hin, das verboten ist.«6

Wenn es verboten war, etwas zu essen oder zu verwenden, dann war es tapu, und eine Überschreitung des unbedingten Verbotes konnte schwere Strafen nach sich ziehen. Im Prinzip haben Cook und seine Männer auch ein Tabu nach Polynesien gebracht, nämlich das des persönlichen Eigentums. In seinen Tagebüchern schreibt Cook darüber, wie zum Beispiel auf Hawaii alles bewacht werden musste, weil die Einwohner alles mitnahmen, was sie interessant fanden. Er spricht dabei nicht vom Stehlen, sondern vom „freien Nehmen“ der Bewohner. Heute sieht man auf Hawaii das Wort „Kapu“ auf Schildern, die Eigentum schützen. Es bedeutet dann schlicht No Trespassing – Zutritt verboten.

Die kulturellen Nuancen des ursprünglichen Begriffs konnte Cook allerdings nicht übersetzen und übertragen. Der Ausdruck hat sich verselbstständigt und wird im Vergleich mit Polynesien gern als „in modernen Gesellschaften” gebräuchliche Variante beschrieben, ist aber eigentlich eher eine eurozentrische Interpretation eines sehr alten Konzeptes, das nur im kulturellen Kontext verstanden werden kann.

Für die Menschen auf Hawaii waren die unumstößlichen Regeln Teil des täglichen Lebens und es bestand ein fester Zusammenhang zwischen dem Regelwerk und der eigenen körperlichen und seelischen Gesundheit. Tabus werden von klein auf erlernt, sie sind schließlich so internalisiert, dass sie innerhalb einer Gesellschaft als natürlich angesehen werden und ihre Beachtung relativ mühelos ist. Wenn man ein systembildendes, wirkungsmächtiges Tabu hinterfragt oder gar verletzt, dann führt dies zwangsläufig zum Konflikt. Die Europäer, die auf die Ureinwohner in Hawaii und anderswo in Polynesien trafen, waren zunächst einmal Fremde, die außerhalb des komplexen Regelwerks standen. Es hat sich nichts daran geändert, dass Gesellschaften sich auf Regeln einigen, die für Außenstehende manchmal schwer nachzuvollziehen sind. Kapitän Cook und seinen Leuten waren die Begründungszusammenhänge, die es für jedes Tabu gibt, sicherlich nicht ersichtlich. Warum etwas tabu ist, ist den Mitgliedern moderner Gesellschaften auch nicht immer gegenwärtig, denn mit der Zeit kann es geschehen, das etwas noch tabu ist, der Grund dafür aber eigentlich gar nicht mehr besteht. Ein Beispiel: Seemännischer Aberglaube hat oft einen realen Hintergrund. Man soll sich etwa niemals eine Zigarette an einer Kerze anstecken, weil dann ein Seemann sterben muss. Viele Leute kennen diese Aussage, halten sie vielleicht für Aberglauben, befolgen den Rat aber vorsichtshalber trotzdem. Der Ursprung für diese Regel liegt darin, dass Seeleute, die nicht anheuern konnten und einen langen Winter an Land verbringen mussten, Geld brauchten. Sie stellten also Streichhölzer her und verkauften sie. Wer seine Zigarette an einer Kerze anzündet, spart das Streichholz, ergo muss der arme Seemann hungern.

Anthropologisch gesehen bezieht sich tabu auf Dinge, die kulturell vorgeschrieben sind. Es wird oft irrationalen Annahmen über Tod und Tote gleichgesetzt. In ihrem Artikel „Tapu and the invention of the ‚death taboo’: An analysis of the transformation of a Polynesian cultural concept“ (auf Deutsch so viel wie „Tapu und die Erfindung des ‚Todestabus‘: Eine Analyse der Verwandlung eines polynesischen kulturellen Konzeptes“) vergleichen neuseeländische Forscher das tapu des Todes mit dem taboo oder Tabu um den Tod in der „modernen“ Welt.7 Sie kommen zu dem Ergebnis, dass der Tod in Polynesien durchaus nicht verdrängt wurde, sondern dass es sich bei den entsprechenden Ritualen eher um Ehrerbietung und Respekt vor den Verstorbenen handelte. Das tapu des Todes und der Toten erweiterte sich um die Orte, die mit dem Tod verbunden sind. Grabstätten zum Beispiel sind in Polynesien auch heute noch stark tabuisiert und sogar verbotene Orte, wenn es sich um die Gräber wichtiger Personen handelt. Der Grund dafür ist die Verbindung der toten Ahnen mit dem spirituellen Umfeld der Atua (Götter und Geister im polynesischen Raum). Tapu erkennt die Tragweite und Wichtigkeit des Todes, und die Anerkennung des Tapu ebnet heute den Weg zu einem neuen Verständnis vom Umgang mit dem Tod. Indigene und westliche Forscher müssen voneinander lernen, um die Bedeutung des Todestabus in verschiedenen Gesellschaften differenzierter erklären zu können.

In Polynesien ist das Tabu in die kulturelle Weltsicht eingebettet und stellt Menschen, Objekte, Plätze und Taten unter den Schutz der Götter. Tapu oder tabu bezieht sich auf verschiedene unerwünschte oder verbotene soziale Verhaltensweisen oder Themen, und da der Tabuisierungsgrad situationsabhängig ist, fällt es schwer, es allgemeingültig zu definieren. Tapu steht analog zu Kraft und Macht und weist auf das Machtpotential hin, das in jedem Individuum, jedem Tier und jeder Pflanze, aber auch in Plätzen und Gegenden enthalten ist. Es ist fast austauschbar mit Mana, einer Art Macht. Es ist das Gegenteil des Gewöhnlichen und markiert bestimmte Personen oder Orte, Dinge oder Aktivitäten als abgegrenzt vom Noa, dem Alltäglichen. Dies kann ein permanenter oder auch ein vorübergehender Status sein. Tapu funktioniert als Ordner und Zusammenhalter der Gesellschaft und kann eingesetzt werden, um zum Beispiel natürliche Ressourcen zu bewahren, Teile der Gesellschaft vor Zerstörung zu schützen oder etwas zu isolieren und so zu bewahren. Die Macht des Tapu kann nur durch spezielle Rituale wieder aufgehoben werden.

Das alte Hawaii war klar durch kapu-Gesetze strukturiert. Nahrungsmittel, Orte, Gegenstände, Tiere und Personen, konnten alle zum Tabu erklärt werden, wenn sie als Sitz oder Träger von Mana galten. Bei den Speisen handelte es sich dabei im Prinzip um die Verteilung knapper Ressourcen; so wurde Frauen der Verzehr von Schwein, Meeresschildkröte und Hund sowie Bananen und Kokosnüssen grundsätzlich verboten, und diese Nahrungsmittel waren dadurch für die Männer ausreichend im Angebot. Wir kennen ähnliche Nahrungstabus, die religiös bedingt sind: So essen Hindus kein Rind, weil Kühe heilig sind (vor allem milchgebende Kühe, die als Verkörperung der Göttin Prithivi Mata, der Mutter Erde, gelten), und Muslime und Juden essen kein Schwein, weil Schweine unrein sind. In Deutschland stehen Insekten und Würmer wohl eher nicht auf der Speisekarte, obwohl viele im Prinzip essbar und sogar gute Eiweißquellen sind. Im alten Hawaii durften Männer und Frauen auch nicht gemeinsam essen, außer wenn es nicht anders ging, zum Beispiel auf Seereisen in kleinen Kanus. Da Frauen in Hawaii nur eine untergeordnete Rolle spielten, durften sie auch nicht fischen oder andere Dinge verrichten, die ihnen Zugang zu Dingen gegeben hätte, die es nicht im Überfluss gab. Ältere Frauen und weibliche Häuptlinge durften allerdings die Regeln in ihrer Region festlegen und auch männliche Rollen übernehmen.

Ein Tabu, das es auch in den modernen Gesellschaften noch überall gibt, ist das der Menstruation. Im alten Hawaii war Geschlechtsverkehr während der Menstruation verboten. In Indien, Indonesien und anderen Ländern soll eine Frau während dieser Zeit keine Tempel betreten, und in der Fernsehwerbung für Binden in den USA und Europa ist Menstruationsblut erfrischend blau. Wir kennen auch Worttabus wie im alten Polynesien, in deren Zusammenhang das Aussprechen bestimmter Wörter mit einem Verbot belegt sein konnte. Ein Beispiel hierfür, um beim Thema Menstruation zu bleiben, bietet eine australische Werbung für Slipeinlagen, in der zum ersten Mal das Wort „Vagina“ ausgesprochen wurde und die damit einen Sturm der Entrüstung auslöste.8

Die gesellschaftliche Rangordnung war im alten Hawaii sehr effektiv durch Tabus geregelt. Rangniedrigere Mitglieder der Gemeinschaft durften zum Beispiel nicht über den Schatten eines Höhergestellten steigen oder diesem auf Augenhöhe begegnen. Wer gar in Gegenwart des Königs nicht kniete, seinen Schatten auf ihn warf oder in seinem Schatten stand, konnte dafür getötet werden. In vielen Gesellschaften lassen Begrüßungsrituale erkennen, wer der Ranghöhere ist: So deutet die Tiefe der Verneigung in Japan ebenso wie die Höhe der zum Gruß gegeneinandergelegten Hände in Thailand darauf hin, wer gesellschaftlich oder beruflich auf der höheren Stufe steht. Auch in Europa gibt es Regeln, wer wem zuerst die Hand gibt – der Ranghöchste wird zuerst begrüßt –, und dies ist in der Kommunikation und vor allem in internationalen (Geschäfts-)Kontexten durchaus wichtig. In China zum Beispiel ist ein Geschäftsessen sofort beendet, wenn der Gastgeber aufgegessen hat und sich erhebt. In mitteleuropäischen Ländern wird eher darauf gewartet, dass der Gast den richtigen Moment findet, sich nach einem Abendessen zu verabschieden.

Ein Unterschied zwischen einem Tabubruch in Polynesien vor dem ersten Kontakt mit den Europäern und in modernen Gesellschaften liegt wohl in der Konsequenz. So wurden Tabubrecher im alten Hawaii und auf anderen pazifischen Inseln oft getötet, und auch das Brechen der Knochen und das Herausreißen der Augen als Strafe waren üblich. Um diesen Strafen zu entgehen, gab es immerhin zwei Orte, die als Asylplätze (pu uhonua) galten: Tabubrecher fanden Schutz im Waipi-o-Tal an der nördlichen Hamakua-Küste. Dieser Ort, an dem König Kamehameha I. aufwuchs, galt als heilig. Ho naunau, südlich von N po opo o, galt ebenfalls als Zufluchtsort. Vor allem der heutige Puuhonua-O-Honaunau-Nationalpark bot besiegten Kriegern und Tabubrechern Schutz und heißt noch heute City of Refuge, Zufluchtsstadt. In modernen Gesellschaften kann die Strafe ein Ausschluss aus der Gesellschaft sein oder gar eine physische Verbannung an einen Ort, der dann zu einem verbotenen Ort für andere werden kann. In jedem Fall war das ursprüngliche Tapu ein kulturspezifisches Regelsystem, ein soziales und spirituelles Konzept das kulturell erfasst und verstanden wurde. Das Tabu ist im Vergleich eine eher vage Fassung gesellschaftlicher Konventionen.

Schon ein Blick in die Morgenzeitung bringt uns das Wort „Tabu“ oder auch „das letzte“, zuweilen „das allerletzte Tabu“ auf den Schreib-, Nacht- oder Küchentisch. Wenn wir uns die Präsenz des Wortes in den internationalen Medien anschauen, scheint es auf der einen Seite ein unstillbares Interesse an Tabuthemen zu geben und auf der anderen Seite die Auffassung, dass es heutzutage kaum noch Tabus gibt. Wenn überhaupt, dann existieren sie wohl woanders, da westliche Gesellschaften weit fortgeschritten sind und wissenschaftliche Forschung auf Aberglauben und sinnentleerten Traditionen basierende Tabus aus dem Weg geräumt hat. Wäre es wirklich so, bräuchten wir nicht mehr darüber zu sprechen, und es gäbe auch nicht Jahr für Jahr wieder letzte und allerletzte Tabus in den Schlagzeilen, die so verkaufsfördernd sind. So viel eine Gesellschaft auch über Tabus reden mag, so sehr sie davon überzeugt sein mag, dass sie nicht von Tabus, sondern von Gesetzen und logischem Denken gelenkt wird, so sehr steht sie dennoch unter der anhaltenden Wirkung und Macht unausgesprochener Regeln.

Nachdenken über Tabus führt unweigerlich zum Nachdenken über Ethik und Moral. Wenn Ethik als theoretischer Diskurs über richtiges, also gutes Verhalten gesehen werden kann, so ist der Begriff der Moral als praktischer Ansatz eher negativ besetzt. Moral bezieht sich vor allem auf die Sicht und Bewertung anderer Menschen, und moralische Entrüstung besteht „nur zu 2 % aus Moral, zu 48 % aus Hemmungen und zu 50 % aus Neid“9. Es gibt schöne Beispiele für Doppelmoral und für eine Moral für sich selbst und eine für die anderen. Männer und Frauen, die viele Sexualpartner haben, werden unterschiedlich bewertet: Die einen sind Draufgänger, die anderen Huren. In der Politik müssen sich Frauen oft nach ihrem Aussehen oder ihrer Kleidung beurteilen lassen, während Figur oder Frisur männlicher Politiker eher selten kommentiert werden. Wenn Politiker nach außen hin von Sparmaßnahmen reden und sich selbst höhere Diäten genehmigen, ist das bigott. Wenn man also etwas Unmoralisches tut, ist es vielleicht eine Art Befreiung, etwas Unethisches widerspricht dagegen schützenden Gesetzen innerhalb einer Gesellschaft. Tabus in indigenen Kulturen sind immer im Übernatürlichen, Religiösen verwurzelt, doch auch in sogenannten säkularen Staaten, in denen Staat und Kirche getrennt sind und die Religion zumindest keinen Einfluss auf die Gesetzgebung haben sollte, sind die teilweise religiösen Wurzeln von Moral und Tabu erkennbar. Jedes Tabu hat einen Ursprung und einen Sinn. Manchmal bleibt dieser Grund sichtbar, manchmal verschwindet er – das Tabu aber behält seine Macht.

Mit den Eroberern, insbesondere aber später mit den Missionaren, kamen unaufhaltsame Veränderungen nach Hawaii. Der Glaube der Hawaiianer war in einigen Dingen dem Christentum ähnlich: Ihre Erzählung der Erschaffung der Welt klingt wie die der Genesis in der christlichen Bibel. Allerdings hatten sie vier wichtige Götter: Ku, Lono, Kane und Kanaloa. Es ist überliefert (aber nicht bewiesen), dass die Inselbewohner zunächst annahmen, dass Cook der zur Erde zurückkehrende Gott Lono sei, ein Sohn Kanes. Kane war ein liebender und vergebender Gott, dem alles Leben heilig war. Die Missionare sahen das Kapu-System als barbarisch und primitiv an, und so wurden alte Bräuche systematisch ausradiert. Der Hula-Tanz wurde zum Beispiel verboten, doch in dieser Zeit, Mitte des 19 Jahrhunderts, wurde er als Protest weitergetanzt und von den Liedern begleitet, die die Geschichte, Tradition und Kultur Hawaiis erzählen. Bis heute sind die kumu hula (Hula-Lehrer, oft homosexuelle Männer) für ihr Talent und ihre Kunst hoch angesehen. Die Missionare brachten jedoch nicht nur Schlechtes nach Hawaii, sie bauten auch Krankenhäuser und Schulen, und sie halfen bei der Alphabetisierung – bis 1820 gab es in Hawaii keine Schriftsprache. Die Inselgruppe blieb noch für einige Zeit eine Monarchie. 1891 gab es erstmals ein weibliches Oberhaupt, Königin Lydia Lili’uokalani Paki (die Schwester ihres Vorgängers). Doch sie wurde schon zwei Jahre später wieder entmachtet, weil das Land in einer Wirtschaftskrise steckte und sich wohlhabende Zuckerrohrplantagenbesitzer, die als US-Bürger auf Hawaii lebten, gegen die Monarchie aussprachen. 1894 wurde die Monarchie durch eine Republik ersetzt und 1898 folgte die Anbindung an die USA.

Im heutigen US-Bundesstaat Hawaii dürfen homosexuelle Paare seit November 2013 heiraten. Das mag progressiv klingen, doch waren die gesellschaftlichen Regeln des alten Hawaii in der Zeit, bevor Cook die Inselgruppe das erste Mal bereiste, in dieser Beziehung völlig unproblematisch. In ihrem Artikel „When Captain Cook met Kalani’ōpu’u“ („Als Kapitän Cook Kalani’ōpu’u traf“10) interpretieren die Autoren Umstände, die Historiker nicht so gern erwähnen: Die Logbücher der Seefahrer belegen, dass Häuptling Kamehameha einen jungen Aikane11 mit an Bord brachte, als er auf Cooks Schiff mitreiste. Es gab eine Tradition, nach der einige Kinder auf ihre Rolle als Aikane des Oberhauptes hin erzogen wurden. Zum Haushalt des Stammesführers gehörten neben seinen beiden Ehefrauen und mehreren Kurtisanen männliche Aikane, und er hatte auch intime Beziehungen zu hochrangigen männlichen Ministern. Die Autoren mutmaßen sogar, dass das Vertrauen zwischen den Europäern und Hawaiianern durch eine Eifersuchtsgeschichte verlorengegangen sein könnte: Als Kamehameha zum Lieblingsaikane des Königs erklärt wurde, könnte sein Rivale Palea aus Eifersucht das Verschwinden eines von Cooks Booten organisiert haben, woraufhin Cook die schon erwähnte Idee hatte, den König Kalani’ōpu’u gefangen zu nehmen und im Austausch das Boot zu fordern, das die Hawaiianer genommen hatten. Der König hatte aber Tabustatus, und so kam es zur blutigen Tötung Cooks. Wenn der Auslöser dieser Situation tatsächlich der Konkurrenzkampf zwischen den beiden Aikanen des Königs, Kamehameha und Palea, war, dann ist Cooks tragisches Ende mit homosexuellen Praktiken verbunden.12

Wie das Kapu der Hawaiianer wurden auch das Tapu der Tonganesen und das Tabu der Fidschianer von den britischen Missionaren systematisch verdrängt. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Kapu-System nur unter Einheimischen, geduldet und es gab eine Weisung, die Ureinwohner im Zuge der Europäisierung zur freiwilligen Aufgabe dieser Bräuche zu bewegen. So sollten die „barbarischen Bräuche der Ureinwohner“ nach und nach durch „zivilisierte Praktiken“ ersetzt werden. Das koloniale Unverständnis und die Missachtung des Systems haben die bestehenden sozialen Strukturen abgewertet und die im Tapu-Konzept vorhandene wichtige Verbindung zwischen natürlichen und übernatürlichen Welten zerstört.

REISE NACH ULURU,

AUSTRALIENÜBER ELEFANTEN
UND KAMELE

Der Elefant im Raum (elephant in the room) ist ein klassischer Tabudiskurs: Ein überdimensional großes Thema steht mitten im Raum, alle wissen, was gemeint ist, aber niemand nennt es direkt beim Namen. In den siebziger Jahren kritisierte der Anthropologe W. E. H. Stanner das totale Schweigen über die koloniale Vergangenheit Australiens in historischen Büchern über das Land, er nennt es „das große australische Schweigen“. Es finden sich nur wenige Nennungen der Urbevölkerung, und ihre Marginalisierung nach der Ankunft des weißen Mannes Ende des 18. Jahrhunderts wird systematisch durch Verschweigen und Trivialisieren verstärkt.

Alexis Wright, eine Aboriginal-Waanji aus Queensland, ist Schriftstellerin und Aktivistin für Rechte der Aborigines auf ihr Land. Auf einem Schriftstellerfestival in Tasmanien hat sie 1998 im Prinzip den Sinn der Tabus in Aborigine-Gemeinden zusammengefasst und ihn vom schlechten, zu brechenden Tabu des großen Schweigens in Australien abgegrenzt:

»Was einem am Ende durch eine solche Veranstaltung bleibt, ist die Verstärkung von Kultur und dein Platz darin. Das Gefühl dafür, wie man sich richtig verhält. Es gibt Tabus über den Bruch von Verhaltensregeln. Dies beinhaltet das Verhältnis zu seinen Ältesten, zu anderen Menschen und ihrem Land und was als gutes Benehmen gesehen wird. Also, im Kontext meiner Kultur breche ich keine Tabus.

Die Tabus die ich breche, haben mit der Art zu tun, in der sich dieses Land allgemein sieht in seiner Beziehung zu Aborigines. Ich mag die Art nicht, wie wir von einer Regierung nach der anderen behandelt werden, oder die Art, wie unsere Geschichte befleckt, verzerrt und versteckt wird oder für uns geschrieben.

Ich will, dass unser Volk Bücher hat, seine eigenen Bücher, in seinen eigenen Gemeinden und geschrieben von unseren eigenen Leuten. Ich will, dass die Wahrheit erzählt wird, unsere Wahrheiten, also in ersten Linie schreibe ich für die Leidtragenden in unseren Gemeinden. Lasst uns das nicht falsch verstehen: Leiden ist weit verbreitet in unseren Gemeinden. Ich schreibe keine Geschichten über Weiterleben und Irgendwie-Durchkommen.«13

Den Optimismus von „weiterleben und durchkommen“ gestattet sie sich nicht. Sie sieht keinen Grund für positive Geschichten, denn sie kennt solche, über die man nicht sprechen kann, weil es für sie keine Worte gibt:

»Unsere Menschen sterben jung, zu oft, und viele sterben schlecht. Die Mehrzahl der Todesfälle von Aborigines hängt mit Armut und Vernachlässigung zusammen, während die Regierungen uns missbrauchen, weil sie keinen Anstand und keine Verantwortung haben. Unsere Geschichte handelt von unerfülltem Leben, unerfüllten Geschichten – das zieht sich über 200 Jahre. […] Die Tabus die ich zu brechen versuche sind das Schweigen dieser Nation über die Rechte der Aborigines.«14

NICHT WIR BESITZEN DAS LAND, DAS LAND BESITZT UNS!

Durch Krieg und Verfolgung von ihrem Land Vertriebene, Verschleppte, Geflüchtete gibt es überall auf der Welt. Edward Said schrieb über Araber im Exil, über den Verlust des Zuhauses, der Traditionen und kulturellen Horizonte, die mit Kontinuität und Verwurzelung zu tun haben. Said spricht vom „unterbrochenen Dasein im Exil“, gekennzeichnet durch auferlegte Umstände und eingeschränkten Raum. Die Entwurzelung und Vertreibung der Aborigines fand in einem so großen Ausmaß statt, dass sie sich heute oft wie Fremde im eigenen Land fühlen müssen. Die Bedeutung, die Land und Erde für Aborigines haben, ist für die moderne australische Gesellschaft schwer nachvollziehbar. W. E. H. Stanner erklärte die symbolische und enigmatische Bedeutung so:

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Aboriginal Art © Darren Dickson Dreamstime.com

»Kein englisches Wort ist gut genug, um die Verbindungen zwischen einer Aborigine-Gruppe und ihrem Land zu beschreiben. Unser Wort „home“ (Heim), so warm und suggestiv es sein mag, ist nicht gleichzusetzen mit dem Aboriginal-Wort, das „Lager“, „Herz“, „Land“, „ewiges Zuhause“, „Totem Ort“, „Lebensquell“, „spirituelle Mitte“ und vieles mehr alles in einem bedeutet. Unser Wort „Land“ ist zu dünn und mager. Wir können es kaum verwenden, außer mit wirtschaftlichen Untertönen, wenn wir nicht gerade Dichter sind.

Ein Aborigine würde von Erde sprechen und das Wort in einer symbolischen Weise verwenden, um seine Schulter oder seine Seite zu bezeichnen. Ich habe einen Aborigine gesehen, der die Erde, auf der er lief, umarmte. Unsere Wörter „Heim“ und „Land“ zu „Heimatland“ zusammenzufügen ist ein bisschen besser, aber nicht viel. Als wir genommen haben, was wir Land nennen, nahmen wir, was Ihnen Heimatland ist, die Quelle und der Ort des Lebens und die Ewigkeit der Seele.« 15

TEIL 1 : CLARENCE AUF DEM WEG VON ADELAIDE NACH MANGURI

Clarence sitzt im Speisewagen des Ghan, auf dem Weg von Adelaide nach Darwin. Es ist die Strecke, die afghanische Kamelimporteure vor 150 Jahren genommen haben, daher ist auf dem Zug ein auf einem Kamel reitender Afghane zu sehen. Die Reise dauert 47 Stunden und ist 2979 km lang, genug Zeit für ein ausführliches Gespräch. Clarence ist ein Yaeglmann aus Bundjalung Country, das liegt ganz im Norden an der Küste von New South Wales. Er arbeitet als Ansprechpartner für Aborigines und baut Verbindungen zwischen einer Universität und den umliegenden Gemeinden auf, auch mit zukünftigen Aborigine-Studenten. Clarence erzählt, dass er in Guringai-Land wohnt, aber auf Darug-Land arbeitet:

Im Aborigine-Australien gibt es 700 verschiedene Nationen, und innerhalb dieser Nationen gibt es verschiedene Stämme. Meine Nation ist die Bundjalung Nation, aber mein Stamm ist der Yaegl, und da unten in Sydney gibt es die Eora Nation, die wiederum eine Anzahl von Stammesgebieten enthält. So haben wir zum Beispiel die Guringai Nation und auch das Darug-Gebiet. Sie sitzen nebeneinander, und wenn du von einem Gebiet in das andere wechselst, dann gehst du auch von einer Nation in die nächste und von einem Stammesgebiet in das nächste.

Tabu ist für ihn etwas Heiliges, es gehört zu einer bestimmten Kultur oder kann zu mehreren Kulturen gehören. Tabu ist etwas, dem Respekt gebührt, andere Völker und ihre Kulturen sollen geschätzt und respektiert werden, auch ihre Tabus.