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JESSE BOGNER

DER EGOIST

JESSE BOGNER

DER EGOIST

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Der Egoist

Autor: Jesse Bogner
Übersetzung: Ulrich Magin
Lektorat: J. Fischer, Christiane Reinstrom, Eduard Yusupov
Cover Design: Morian & Bayer-Eynck
Innensatz: Sabine Schiche, ad department
Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

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INHALTSVERZEICHNIS

WIE DAS LICHT UNS FINDET

VON UNTEN NACH OBEN

VOM EMPFANGEN ZUM GEBEN

MEINE SPIRITUELLE ENTWICKLUNG

KEINE RELIGION

POSTHUMANISMUS

1) Wissenschaft

2) Unterwürfigkeit und Selbstgenügsamkeit

3) Sex

4) Wunschdenken

DEN SCHÖPFER ERREICHEN

DER URSPRUNG DER SPIRITUALITÄT

BAAL HASULAM

DIE RICHTIGE UMGEBUNG

ERHABENHEIT: DIE ANDERE KRAFT, DIE UNS ANTREIBT

DAS GEBEN VERWIRKLICHEN

DAS ENDE DES HOHLEN GENUSSES

KLEINE, WUNDERBARE VERÄNDERUNGEN

ISRAEL: DIREKT ZUM SCHÖPFER

DAS KOLLEKTIVE EGO FINDEN

EINE KLEINE OFFENBARUNG

EINSICHTEN

SELTSAME UMSTÄNDE

WEITERE LEKTÜRE

WIE DAS LICHT UNS FINDET

Das Studium der Kabbala eignet sich nicht für jeden. Aber es ist ideal für all jene, die mit ihrem Leben nicht mehr zufrieden sind. Für jene, die ahnen, dass die Welt mehr zu bieten hat – eine tiefere Wahrheit, die in den Schatten vorborgen liegt und die entdeckt werden will. Diesen Leuten wurde in ihrem Herzen ein Punkt gegeben, eine Sehnsucht, die ihnen ein Gefäß erschafft (Kli), mit dem sie sich die spirituelle Welt erschließen können.

Allein der Schöpfer vermag zu entscheiden, ob diese Weisheit etwas für Sie ist. Jeder von uns ist anders. Vielleicht ist Ihr Wunsch, die Welt zu verstehen, nicht stark genug, um nach geistiger Weisheit zu streben. Vielleicht wollten Sie diese Weisheit aus anderen Quellen schöpfen und haben gemerkt, dass diese nicht für Sie bestimmt sind oder dass sie nicht mehr imstande sind, Ihnen Ihre Fragen zu beantworten. Die Sehnsucht nach größerem Wissen mag an Ihrem Herzen zerren. Wollen Sie den Sinn in Ihrem Leben entdecken, dann bietet Ihnen die althergebrachte Weisheit der Kabbala die großartige Gelegenheit, Ihre Natur zu verändern. Sie finden unendliches Glück – zumindest aber ein grenzenloses Gespür für Ihren Daseinszweck.

Es geht hier nicht um einen Mann, der in der Welt ein unübersehbares Zeichen setzt. Was ich in meinem Verhalten verändert habe und die Ereignisse, die diese Veränderungen in Gang setzten, sind nur Anlass zu der Geschichte. Ich habe einen durchgreifenden inneren Wandel erlebt, weil ich immer wieder Fehler machte, bis ich eine farbigere und deutlichere Weisheit erlangt hatte.

Ich weiß nun, dass Liebe tiefer gehen kann als die reine romantische Verliebtheit. Wie es sich anfühlt, wenn sich die größte Macht des Universums an deine Füße klammert. Das ermöglicht dir einen flüchtigen Blick auf den Schöpfer.

Der Schöpfer ist die Kraft des Gebens durch das Empfangen. Sie lernen, dass Sie – wenn Sie gegen Ihre Natur, alles zu nehmen, ankämpfen – sich wieder mit Ihrem reinen Selbst verbinden können. Die Kabbala bringt Sie dazu, sich selbst genau zu betrachten und Ihre eigene Natur zu korrigieren, um die Liebe zu empfangen, die der Schöpfer jedem einzelnen Lebewesen auf der Welt schenken will.

VON UNTEN NACH OBEN

Seit geraumer Zeit schon vertreten viele unserer größten Geister die Ansicht, dass es um die Welt schlecht bestellt ist und dass es auch immer schlimmer wird. Woody Allen zum Beispiel sieht den Zustand der Welt durch seine realistische Brille: „Ich fühle mich gar nicht pessimistisch. Man sagt das über mich: pessimistisch, nihilistisch, zynisch … Ich sehe das ganz anders. Ich habe nur eine realistische Einstellung, die nackten Tatsachen sind schon brutal und schrecklich genug, dass jeder Mensch irgendwie einen Grund sucht, warum es doch nicht so schlimm ist. Und doch ist es so schlimm. Es geht darum, das zu erkennen und trotzdem weiterzumachen.“1 Wir wissen ganz genau, wie es um die Welt steht, dass wir von Leid umgeben sind. Manche können das besser als andere ignorieren, weil unser Gehirn nicht einsieht, warum es die Welt objektiv betrachten sollte. Menschen können nie objektiv sein, wir betrachten alles durch eine emotionale Brille.

Manche sind, was den Zustand der Welt betrifft, aufrichtiger als andere. Allens Freund, der Komödiant Larry David, einer der Schöpfer von Seinfeld und ein genauer Beobachter des Lebens, sieht es ähnlich wie Woody Allen. „Dem pflichte ich bei“, sagt er. „Ich gehe durch das Leben, und mir tut so ziemlich jeder und alles leid. Ich passiere eine Mautstelle und sehe den Kassierer. Der steht da jeden Tag acht bis zehn Stunden – wie macht er das nur? Wie schafft er es, morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen? Jeder tut mir leid.“2

Die Welt hat ihren Spaß daran, uns so lange zu drangsalieren, bis wir es einfach nicht mehr aushalten. Unsere Egos sind an einen Punkt gelangt, wo wir einander gar nicht mehr helfen wollen. Wir betrachten nur noch das Leid der anderen und fühlen uns leer dabei. Ob wir nun über ein paar hundert Millionen Dollar verfügen (wie Larry David) oder im Mauthäuschen stehen – immer sind wir davon enttäuscht, was und wie unser Leben eigentlich ist. Wir wollen mit anderen mitfühlen. Wir suchen einen Ausweg aus unser aller Leid, aber unsere Egos lassen das nicht zu. Da sind die kleinen und großen Gesten, damit die anderen, die Fremden und unsere geliebten Freunde, in ihrem Leiden ein klein wenig Trost finden, doch diese Gesten bringen uns nie zu etwas, das von Bedeutung oder Dauer wäre.

Alles außerhalb von uns selbst, das wir für erfüllend halten, lenkt uns nur davon ab, unser tiefstes Inneres zu betrachten. Und wenn wir dann doch unsere inneren Kämpfe angehen, dann suhlen wir uns in Selbstbezogenheit. Wir halten uns für einzigartige Individuen und zerstören uns aus reinem Eigennutz gegenseitig und die Welt als Ganzes. In Wahrheit ist die Welt, die wir für wirklich halten, eine Illusion, die uns blind macht für die unbegrenzte spirituelle Welt.

Unser Leben fühlt sich ziel-, beziehungs- und sinnlos an. Unsere materiellen Güter erfüllen uns nicht – oder sie sind uns nie genug. Wir streben nach nichts Höherem als Selbsterfüllung. Und wenn wir satt sind, werden wir nur noch hungriger. Ganz unten in unserem Magen lauert ein großes Loch.

Dieses Loch lässt sich mit herkömmlichen Mitteln nicht stopfen. Aber es gibt ein Mittel gegen diesen Vampir der Lebenskraft, der verhindert, dass Sie vom Leben bekommen, was Sie brauchen. Sie werden das Leben so erleben, wie es wirklich ist, und die Ursachen Ihres Mangels erkennen. Vielleicht spüren Sie ja auch, dass all die Zufälle, die Ihr Leben bestimmt haben, von einer Bedeutung sind, die Sie nun entdecken wollen.

Viele von uns haben große Erwartungen an das Leben und fühlen sich früher oder später von Mächten, über die wir keine Kontrolle haben, um sie betrogen. Wir werden älter und durch die Wirklichkeit auch härter. Wir zügeln unsere Erwartungen, wenn sich der Erfolg nicht einstellen will. Falls wir doch Erfolg haben, dann erwarten wir noch mehr Erfolg und sind letztendlich enttäuscht, uns letztendlich unsere Erwartung an den noch größeren Erfolg, ob wir nun Michael Jordan sind oder Steve Jobs.

Das kommt daher, dass sich unser gefühltes Glück so schnell in Luft auflöst. Das ist ganz normal. Wir sind enttäuscht, weil wir nicht das bekommen, was uns als Kindern versprochen wurde. Damals saßen wir vor dem Fernseher und sahen eine Art Leben, zu dessen Nachahmung uns schlicht die Mittel fehlten. Das Geheimnis ist, dass die, die dieses scheinbar perfekte Leben nachzuahmen vermochten, gewöhnlich genau denselben Mangel spüren. Alles, was uns schmerzt, stammt vom Schöpfer, so wie auch alles von Ihm kommt, was uns erfreut. Was wir also als materiellen Mangel wahrnehmen, ist in Wirklichkeit ein spiritueller Mangel und umgekehrt, bis Sie die Spiritualität erlangt haben.

So schmerzlich es sich auch anfühlt, ist es doch eine Chance, die uns die Sehnsucht nach wahrem Lebenssinn eingibt. Wir wissen, dass es eine unerschöpfliche Macht gibt, zu der wir scheinbar keinen Zugang finden. Es muss doch noch etwas anderes im Leben geben. Das kann doch noch nicht alles sein.

Wir sind dazu gezwungen, der Leere in uns zu entkommen und ihr zugleich Bedeutung zuzuschreiben. Wenn wir aber keine Methode finden, unsere Enttäuschungen zu kanalisieren, finden wir auch keinen Ausweg. Wir können uns mit Philosophie, Psychologie und Religion beschäftigen, um diese Lücke zu füllen, aber das klappt bei vielen nicht, weil es uns nicht in einer sinnvollen Art und Weise transformiert. Letztendlich verwechseln wir Religion mit wahrem Glauben und sind blind für den Schöpfer. Wir werden Ihn niemals erkennen. Manche Menschen vertreiben sich ihre Sorgen durch Sport oder Pornographie, Drogen, Alkohol, Kino und Fernsehen. Andere arbeiten bis zum Umfallen.

All das mag unsere Einsamkeit und unser Leid für einen Augenblick betäuben, doch wir werden dieser Ausflüchte aus der Wirklichkeit schnell müde. Universitäten und große Denker versprechen auf intellektuellen Wegen eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens durch denkerische Bemühungen. Intellektuelle wie etwa Christopher Hitchens sagen: „Kunst ist der Spiegel des Lebens und verleiht dem Leben Sinn. … Die Philosophie liefert universelle Wahrheiten und enthüllt, dass Wissen der Weg zur Weisheit ist“3, wahre Weisheit sei also das Ergebnis aller Erfahrungen und Empfindungen. Die wenigen, die ernsthaft über diese Fragen nachdenken, irritieren uns früher oder später durch Widersprüche und logische Irrwege. Es fehlt immer etwas, weil es beim rationalen Denken eben keine Objektivität gibt, weil es immer den Filter des menschlichen Egos passiert.

Wie viele andere auch fühlte ich unerträgliches Leid und versuchte verzweifelt es unentwegt zu heilen. Nachdem ich mir auf dem College eine oberflächliche Kenntnis der westlichen Philosophie angeeignet hatte, empfand ich während meines ganzen Lebens als Erwachsener eine Abneigung gegen die Vorstellung von Gott. Diese Täuschung erschien mir sinnlos.

Ich entdeckte jedoch, dass das rationale Denken als Lösung für die Probleme des Lebens ebenso fehlerhaft war wie die Spiritualität. Und ich wollte keine Lösung für die großen Fragen des Lebens, die nicht rational erklärt werden konnte.

Ich hielt mich für einen weltlichen Humanisten – also die Art Mensch, die den Sinn des Lebens in Romanen findet. Ich verbrachte mein Leben damit, über jede Einzelheit des menschlichen Verhaltens nachzudenken, statt den wahren Sinn unseres Daseins zu ergründen. Ich beschäftigte mich mit immer schwierigeren Texten und überschwemmte mein Gehirn mit intelligenten Ansichten aus hyperästhetischen Welten. Das war ein hübsches Loch, in dem ich mich verlieren konnte, aber es führte mich fort von dem, was wirklich von Belang ist. Ich wischte Offenbarungen oder Zufälle größtenteils beiseite und pflegte stattdessen eine nihilistische Weltanschauung. Passte etwas nicht zu meiner rationalen Weltsicht, dann verwarf ich es, weil ich es für Unsinn hielt. Erwähnte ein großer Intellektueller das Übernatürliche oder Gott als Lösung, hielt ich ihn für einen Lügner oder zumindest für emotional unausgegoren.

Alexander Pope schrieb: „Halbbildung ist sehr gefährlich.“ Man kann Bildung missbrauchen, um unsere Gier zu rechtfertigen und uns das Recht zu geben, ganz eigennützig reich zu sein. Selbst wenn wir unseren Reichtum zum Guten verwenden, ist doch die Freude begrenzt, denn auch das ist eigennützig. Wie es Jordan Belfort sagte, der Mann, den man den Wolf der Wallstreet nannte: „Lässt man all diesen Blödsinn mal beiseite, dann hat noch niemand nur aus Uneigennützigkeit gespendet, oder? Es gibt doch immer Hintergedanken, selbst wenn es nur um die Zufriedenheit geht, die man empfindet, wenn man jemand anderem hilft. Und auch die ist eigennützig.“4

Selbst wenn man also altruistisch sein will, riskiert man, dass es sich schal anfühlt, weil diese Tat eigentlich nur dem eigenen Interesse dient. Die Welt scheint Ayn Rands Philosophie zu spiegeln, in der der Einzelne sagt: „Der Geist ist eine Eigenschaft des Individuums. Es gibt kein kollektives Gehirn. Es gibt keinen kollektiven Gedanken. Eine Übereinstimmung zwischen mehreren Menschen ist nicht mehr als ein Kompromiss oder die Quersumme der individuellen Gedanken. Es ist eine Nebenfolge.“

Es ist mittlerweile deutlich geworden, dass es niemals Chancengleichheit geben wird. In der Gesellschaft spricht niemand mehr von Aufstiegschancen. Der gesellschaftliche Fortschritt wird von den Menschen an den Hebeln der Macht gebremst, von denen, die das Geld haben. Sie leben in einer selbstgeschaffenen Umgebung, in der die Vorstellung von der Überlegenheit des Individuums herrscht, und zwar zum Schaden aller anderen. Die Kabbala schlägt nun vor, dass wir das genaue Gegenteil dessen tun, was unsere Kultur uns eingebläut hat. Unsere Gesellschaft basiert auf dem Prinzip, dass wir uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, dass die Menschheit „kein Wesen ist, kein Organismus, keine Koralle.“5 Ayn Rands bereits erwähnte Sicht ist die, in der die Welt dem Individuum in seiner eigenen Erfahrung erscheint, wenn uns das Ego stärker leitet als unsere Erfahrungen. Die Wissenschaft hat diese empirische Perspektive für ungültig erklärt, am Finanzmarkt jedoch und in unserem eigenen Leben nehmen wir ausschließlich zum eigenen Vorteil.

Ich war in dieser Hinsicht nicht anders als die anderen. Ich hatte nur den Schluss gezogen, dass andere Erfüllungen für mich wertvoller und leichter zu haben waren als Geld. Ich suchte nach Genuss und nach Wissen, und weil mein Ego so stark war, war ich in allem maßlos. Ich war Alkoholiker und drogenabhängig, schätzte den Intellekt höher ein als das Geld. Meine Suche nach individueller Leistung und Wissen begann vielversprechend, als ich aber die Fähigkeiten erworben hatte, die ich haben wollte, empfand ich mein Leben als sinnlos. Ich konnte meine Handlungen so gut rationalisieren, dass meine Logik zur Waffe wurde, mit der ich meine egoistischen Verlangen erhielt. Ich konnte die Wahrheit so subtil manipulieren wie jeder Kriminelle, ohne dass ich ein einziges Gesetz brechen und mich als Betrüger fühlen musste.

Der große Kabbala-Gelehrte Baal HaSulam schrieb einmal sinngemäß, wir sollten über jedes Übel froh sein, das sich zeige, weil man ein verborgenes Übel nicht richtigstellen könne. Es gibt also keinen Grund, sich zu schämen, wenn unsere Fehler zutage kommen, damit wir sie korrigieren können.

Ich hatte mich mein Leben lang für Sachen geschämt, für die sich niemand zu schämen brauchte. Ich war in meinen Fehlern gefangen, tief im Inneren hielt ich mich für ein Genie, schämte mich aber, weil meine Noten so schlecht waren. Ich lernte nicht wirklich, weil ich dann die Ausrede hatte, ich wäre ja viel besser gewesen, wenn ich nur mehr getan hätte. Mir mangelte es so stark an Selbstvertrauen, dass ich mich in eine innige Umarmung mit dem eigennützigen Tier in mir verstrickte – dass ich irgendwie doch ehrlicher und großartiger und brillanter und besser war als alle anderen. Ich war wenigstens echt.

Ich suchte nach authentischen und starken emotionalen Erlebnissen. Ich glaubte, diese Weg könne mich etwas lehren, frei nach William Blakes Devise: „Der Weg der Exzesse führt in den Palast der Weisheit.“ Ich hielt Genie für das Ergebnis möglichst vieler schöner, eigentümlicher und qualvoll intensiver Erlebnisse und Erfahrungen. Ich spürte das, was Genies beschrieben hatten – und zwar hauptsächlich mit Hilfe von Drogen –, war aber zu jung und zu dumm, es in Worte zu fassen.

Nach dem College hatte ich so viel Wissen erworben, dass ich mich in Kurzgeschichten ganz gut auszudrücken verstand. Als Kind begriff ich die inneren Mechanismen des Geschichtenerzählens nicht; als ich älter wurde, verstand ich, wie man Geschichten erzählt. Damit verloren diese Geschichten ihre Magie. Ich mochte nach wie vor Film, Fernsehen und Literatur, es gab sogar Zeiten, in denen ich mich ganz in sie vertiefte, aber sie berührten mich nie mehr so wie früher. Später fand ich all das in der Kabbala wieder.

Ich erhielt meine Einführung in die Kabbala, als mein Ego am stärksten aufgebläht war. Als ich ein paar Monaten auf dem College gewesen war, erzählte mir mein Vater, dass er nun die Kabbala studiere. Ich selbst hatte einmal so eine Phase, in der ich mit dem Buddhismus liebäugelte; trotzdem war ich davon überzeugt, er habe den Verstand verloren. Ich war nicht gerade offen für höhere Mächte.

Mit einem Hauch Zynismus wollte ich von ihm wissen: „Also gehst du dahin und hörst dir an, wie dir dein Lehrer mehrmals pro Woche drei Stunden lang die Kabbala beibringt?“

Er antwortete: „Ja.“ Er hatte dieses überlegene Selbstvertrauen, und ich konnte ihm kaum glauben. Mein Bruder Miles warf mir einen Blick zu, der alles sagte: „Genau, jetzt ist er übergeschnappt.“

Wir wurden beide als liberale Juden erzogen, Religion war immer nebensächlich, und doch war sie eigenartigerweise für meinen Vater von Bedeutung, der dennoch so wenig Zeit wie möglich in der Synagoge verbrachte.

Mein Vater war nun wirklich kein frommer Mensch. Er war ein skrupelloser Geschäftsmann mit einer riesigen Sammlung Anzüge. Meine Stiefmutter nannte ihn schneidig. Wir lebten im New Yorker Stadtteil Chelsea in einem großen, modernen Loft, und ich besuchte die Browning School, eine exklusive Schule der Upper East Side – ein Leben wie in Gossip Girl. Dann kam ich aus diesem konservativen Umfeld an das ultraliberale, ultrareiche Bard College. Es wäre ein Understatement gewesen, den Gedanken an Religion dort als nachrangig zu bezeichnen.

Ich war ein schlechter Student, der sich selbst für das größte Genie des Jahrhunderts hielt. Spiritualität passte so gar nicht in mein Weltbild.

Wer meine neugefundene Spiritualität bestreiten möchte, könnte sagen: Dieser Wandel hätte nie stattgefunden, wenn ich in der wirklichen Welt erfolgreicher gewesen wäre. Und das stimmt tatsächlich. Hätte ich für Millionen Dollar Drehbücher verkauft und längst schon eigene Filme gedreht, hätte ich nie begonnen, die Kabbala zu studieren. Und ganz ehrlich: Viele meiner Ziele habe ich bis heute nicht erreicht. Keines meiner Drehbücher ist bislang verfilmt worden (obwohl ein Spielfilm bald fertig sein wird) und ich habe auch keine Tausende Dollar auf dem Konto, von Millionen ganz zu schweigen. Doch trotz alledem kenne ich das Ergebnis, sollte sich einmal der finanzielle und populäre Erfolg einstellen.

Ich bin froh, dass sich meine Träume und Sehnsüchte nicht erfüllt haben. Ich weiß genau, was in der materiellen Welt geschieht, wenn sich meine Verlangen erfüllen. In wenigen Stunden, manchmal auch Tagen, verschwindet das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Ich verbrachte Tage damit herauszufinden, warum ich nicht stolz auf das Erreichte war. Ich suhlte mich in der Vergeblichkeit. Dann blickte ich wieder nach vorn, weil ich mein Selbstmitleid leid wurde. Dieser Kreislauf – ein Ziel zu erreichen, ein flüchtiger Augenblick der Zufriedenheit, der Abstieg in ein dunkles Loch der rastlosen Enttäuschung, dann alles wieder von vorn – schuf in mir ein anhaltendes Gefühl der Sinnlosigkeit.

Eine andere Frage ließ mich nicht los: Was wollte ich tun, wenn ich einmal erfolgreich war?

In wenigen Minuten setzte ich mir größere Ziele und glaubte, mir stünden Dinge zu, die ich noch nie zuvor gehabt hatte. Mein Ego wurde immer größer und damit meine innere Leere. In diesem Kreislauf wäre ich den Rest meines Lebens gefangen – ganz gleich, was immer ich auch erreichen würde, ich würde mein Leben damit vergeuden, Dingen hinterherzujagen, die es nicht gab und nie gegeben hatte.

Das ist Freunden von mir passiert, die alles erreicht oder bekommen hatten, was sie je gewollt hatten. Für die Verständigeren von ihnen ist dieses Glück ein flüchtiges. Der Erfolg meines Vaters als Geschäftsmann ließ ihn immer leerer werden – ein hohler Mann im Maßanzug. Er musste sich der Kabbala zuwenden, um seinem Leben einen Sinn zu geben. Schon seit geraumer Zeit wissen die schlauesten Menschen, dass dieser Hunger nach etwas anderem als materiellem Erfolg von essenzieller Bedeutung für ein sinnerfülltes Leben ist. Die Kunst spiegelt das. Der amerikanische Traum ist tot, sollte es ihn je gegeben haben, und doch verfolgen wir – selbst die, die das erkannt haben – weiter halbherzig unsere selbstsüchtigen Ziele. Das machen unsere Egos und der Mangel an Alternativen. Ich selbst übersah diese offensichtliche Wirklichkeit, bis ich einen unerträglichen Zustand der Leere erreicht hatte.

Unsere Egos widerstreben einer Verbindung, selbst wenn wir wissen, dass sie das Beste für uns ist. Darin besteht die größte Herausforderung – aus der Kabbala etwas zu machen, in das die Menschen leicht hineinfinden. Wie zeige ich, dass Vorstellungen, die uns physisch abstoßen, trotzdem gut für uns sind? Wie mache ich anderen begreiflich, dass gegen das Empfangen zu unseren Gunsten zu arbeiten die Antwort auf alle unsere Probleme ist?

1) Mark Harris: „Twilight of the Tummelers“, New York Magazine (24. Mai 2009), http://nymag.com/movies/features/56930/

2) ebd.

3) Hitchens, Christopher: G-d is Not Great: How Religion Poisons Everything. New York: Twelve, 2007.

4) Jordan Belfort: The Wolf of Wall Street, Random House Publishing Group, 2007.

5) Ayn Rand: „Textbook of Americanism“, 84, The Ayn Rand Column, http://aynrandlexicon.com/lexicon/individualism.html

VOM EMPFANGEN ZUM GEBEN

Mein emsiges Studium der Literatur, der Psychologie und der physischen menschlichen Interaktionen erlaubte mir Einsichten in die Verlangen der Menschen. Ich wusste, was die Leute motiviert. Ich erkannte in ihren Handlungen die Nuancen – dass die Art und Weise, wie sie sich der Welt präsentierten, wenig mehr war als ein dünner Schleier war, der ihre geheime, selbstsüchtige Motivation verbergen sollte. Aber diese Wirklichkeit, die mir nur allzu bewusst war, wollte ich immer noch nicht sehen. Also unterdrückte ich sie mit Selbstbesessenheit und Betrug.

Die meisten von uns haben noch ein Gewissen, das ihnen sagt, wann sie das Richtige tun und wann sie gegen das Gemeinwohl handeln. Selbst wenn es uns möglich wäre, unsere Verlangen und den Willen des Körpers zu unterdrücken, taugte eine einfache Befolgung des Gewissens noch nicht zum spirituellen Wachstum.

Jede Religion lehrt, dass man den Anderen Gutes tun soll und dass das auch belohnt wird, gewöhnlich im nächsten Leben oder im Leben nach dem Tode. Leider tun selbst fromme Menschen Gutes häufig nur dann, wenn der persönliche Nutzen die Schwierigkeit ihres Opfers überwiegt. Bleibt der Nutzen abstrakt, machen wir, was uns gefällt. Wir suchen uns aus den Geboten einer Religion das Passende heraus und fühlen uns dann schuldig, wenn wir es nicht befolgen können.

Wir können diese Entscheidungen nicht treffen, weil unser Eigennutz so stark ist. Selbst wenn wir die rechte Absicht haben, so wird doch insbesondere unsere Sucht nach Wohlbefinden unseren Wunsch nach dem Richtigen übertönen – und selbst wenn wir das Rechte tun, dann doch auch nur, um uns unsere selbstsüchtigen Verlangen zu erfüllen. Unser Seele (unser Gewissen) will zwar, dass wir das Rechte tun, aber unser Ego stemmt sich dagegen.

Indem sie dem Ego folgen, das sie beherrscht, nutzen die Elite unserer Gesellschaft ihre Macht, um so viel Besitz wie möglich anzuhäufen. Das ist ja das ureigene Wesen des Kapitalismus. Die Demokratie wurde auf der Lüge der Gleichheit errichtet, es liegt aber in unserer Natur, Gleichheit nicht zu dulden. Ohne Spiritualität wollen wir immer das größte Stück vom Kuchen abbekommen. Deshalb scheiterte der Kommunismus (die Menschen konnten ohne den Schöpfer kein System der Gleichheit erschaffen, weil es der menschlichen Natur zuwiderläuft), und der Kapitalismus gedeiht trotz der Probleme, die die Unternehmen der Gesellschaft bereiten.

Früher einmal hingen Respekt, Ruhm und Macht nicht vom Geld ab. Die Ehre galt mehr als alles andere. Im Laufe der letzten hundert Jahre wuchs unser Egoismus in einem Maße, dass wir heute alle Dollarzeichen in den Augen haben. Früher waren alle Bereiche der menschlichen Kreativität, die nach wie vor viele anziehen, wohl geachtet; viele widmeten ihr Leben der Dichtkunst oder der Forschung.

Heute werden Kunst und Wissenschaft völlig vom Geld regiert und unterdrückt. Künstler wie Wissenschaftler müssen sich dem anpassen. Manchmal erleben sie noch den Hang zur Selbstaufopferung, solche Neigungen müssen sie aber augenblicklich unterdrücken. Künstler wie Wissenschaftler werden kurzgehalten, weil sie wissen, dass ihr Erfolg allein von der Unterstützung durch ihre Sponsoren und von deren Kontostand abhängt.

Die Lebensbereiche, die uns heutzutage besonders am Herzen liegen, sind vom Geld abhängig, weil das herrschende Finanzsystem sie aufkauft und so unter seine Kontrolle bringt. All das eben Gesagte trifft genauso auf die Massenmedien zu, die völlig in der Hand deren sind, die sie finanzieren.