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Occupy Money

 

Margrit Kennedy:

Lektorat: Otmar Fischer

Occupy Money

Umschlag-Gestaltung,

© J. Kamphausen Verlag &

Typografie/Satz: Wilfried Klei

Distribution GmbH, Bielefeld

Druck & Verarbeitung:

Westermann Druck Zwickau

1. Auflage 2011

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über abrufbar.

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MARGRIT KENNEDY

mit Stephanie Ehrenschwendner

OCCUPY MONEY

Damit wir zukünftig ALLE
die Gewinner sind

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Widmung

Ich widme dieses Buch all den Menschen,
die ihrer Frustration mit dem bestehenden
Geld- und Finanzsystem öffentlich Ausdruck
verleihen: der weltweiten
Occupy-Bewegung und den Isländern, die
es mit ihren Demonstrationen geschafft
haben, eine neue Verfassung auf den Weg
zu bringen. Möge dieses Buch ihnen
helfen, das Thema Geld in der Verfassung
so zu verankern, dass eine Wiederholung
des Zusammenbruchs, den sie 2007
erlebten, unmöglich wird
.

Unter den unzähligen Übeln, welche den Zerfall ganzer Staaten herbeiführen, sind wohl vier als die vornehmlichsten anzusehen: innere Zwietracht, große Sterblichkeit, Unfruchtbarkeit des Bodens und die Verschlechterung der Münze. Die ersten drei liegen so klar zutage, dass sie schwerlich jemand in Abrede stellen wird. Das vierte Übel jedoch, welches von der Münze ausgeht, wird nur von wenigen beachtet, und nur von solchen, welche ernster nachdenken, weil die Staaten allerdings nicht gleich beim ersten Anlauf, sondern ganz allmählich und gleichsam auf unsichtbare Art und Weise dem Untergang anheimfallen.

Nikolaus Kopernikus, 1473-1543

Zitat aus der Denkschrift zum Münzwesen, 1526

Vorwort

Geld regiert die Welt! Das ist heute offensichtlich. Doch wer regiert das Geld? Darüber sind sich selbst die Fachleute selten einig. Die weltweite Wirtschaftskrise belegt, dass diese Frage für die meisten Menschen zur Überlebensfrage geworden ist. Sie ist nicht die erste Banken- und Währungskrise, die wir in den letzten Jahrzehnten erlebten. Die Datenbank des Internationalen Währungsfonds (IMF) weist zwischen 1970 und 2007 „124 Bankenkrisen, 326 Währungskrisen und 64 Staatsverschuldungskrisen auf nationaler Ebene“ auf. Nur dieses Mal trifft uns die Krise global statt nur national und ist damit von völlig anderer Wucht und Dauer. Überlassen wir es an diesem Punkt weiterhin den Spekulanten an den Börsen, den großen Investmentbanken und Versicherungen oder dem sogenannten „freien Markt“ zu bestimmen, was unsere Währung wert ist? Oder sind wir in der Lage, selbst zu bestimmen, mit welcher „Münze“ wir wen bezahlen?

Vor genau dreißig Jahren lernte ich einen kleinen, aber bedeutsamen Konstruktionsfehler in unserem Geldsystem kennen, der mich bis heute beschäftigt: den Zins. Innerhalb von zwanzig Minuten verstand ich, dass ich als Architektin und Ökologin in diesem Geldsystem keine Chance hatte, ökologische Projekte im notwendigen Umfang finanziert zu bekommen, und das, obwohl es eine Lösung für dieses Problem gab. Ich brauchte sechs Monate, bis ich sicher war, dass dies stimmte. Und es dauerte fünf Jahre, bis ich dazu ein kleines Buch schrieb, das bis heute in dreiundzwanzig Sprachen übersetzt wurde.

Nachdem ich drei Jahrzehnte lang Vorträge gehalten und Bücher und Artikel darüber geschrieben hatte, durfte ich im Jahr 2008 – nach der Pleite von Lehman Brothers und dem Anfang der weltweiten Finanzkrise – erleben, dass die Menschen plötzlich betroffen zuhörten. Ich gab zahllose Interviews, und es schien, als bewege sich etwas in den Köpfen der Menschen. Mehr und mehr Ökonomen fingen an, den Neoliberalismus mit dem Credo „Der Markt wird alles richten“ scharf zu kritisieren. Dennoch sprach kaum jemand über diesen Konstruktionsfehler im Geldsystem. Parallel dazu wuchs die Menge der nicht rückzahlbaren Schulden und Finanzprodukte, die keiner mehr durchschaute. Statt Milliarden hatten wir es bald mit Billionen und Billiarden Euro oder Dollar zu tun. Größter Posten laut aktueller Statistik sind die Derivate mit ca. 601 Billionen, in Zahlen ausgedrückt: 601.000.000.000.000 USD. Wir kauften Zeit, indem wir die großen Banken retteten und den Crash hinauszögerten, denn wirklich fundamental änderte sich nichts.

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Für uns Steuerzahler eine teure Verschnaufpause vor dem Kollaps, der durch Rettungsschirme, eine teilweise Beteiligung der Banken und einige neue Bestimmungen nicht aufzuhalten ist. Im Laufe der Jahre verstand ich, wie solide das „Denkgefängnis“ ist, in dem wir uns in Bezug auf das Thema „Geld“ eingerichtet haben, und wie recht der erste Ökonom hatte, mit dem ich seinerzeit sprach, als er sagte: „Die Kritik am System stimmt zwar, aber wir verfügen nicht über die Macht, es zu ändern.“ Erst viel später begriff ich, dass ich an den Grundfesten der ökonomischen Wissenschaften rüttelte. Denn der Zins gehört zum Eingangsparadigma, das alle Ökonomen akzeptieren müssen – vom Studienanfänger bis zum anerkannten Experten der Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre. Alle ökonomischen Modelle und Berechnungen setzen den Zins als gegeben voraus.

Ich konnte das System wohl nur deswegen unbefangen in Frage stellen, weil ich keine Ökonomin war. Ebenso wie viele andere Systemkritiker, die ich später traf, kam ich aus einer anderen Fachrichtung und durfte meinen gesunden Menschenverstand benutzen, um den Fehlern im System auf die Spur zu kommen.

Wollen Sie ein Geldsystem, das Stabilität gewährleistet und verhindert, dass sich jemand auf Ihre Kosten bereichert? Oder bevorzugen Sie ein System, das Ihnen durch risikoreiche Spekulation ermöglicht, großen Wohlstand auf Kosten anderer zu erzielen, aber vielleicht auch alles, was Sie besitzen, zu verlieren?

Gehören Sie zur ersten Gruppe, dann ist dieses Buch für Sie richtig. Ich will ein Buch für Laien schreiben, weil nur sie eine Veränderung herbeiführen können. Die Proteste an der Wall Street, die sich inzwischen zu einer weltumspannenden Bewegung entwickelt haben, waren ein erstes und notwendiges Aufbegehren. Fachleute hingegen – und dazu gehören Ökonomen, CEOs großer Banken und Börsenspekulanten – interessieren sich nicht dafür, ob die große Mehrheit versteht, was passiert. Mit Fachausdrücken, Formeln und einer Sprache, die nur ihresgleichen versteht, verklausulieren sie die tatsächlichen Sachverhalte. Ein Grund dafür ist: Solange das Spiel weitergeht, verdienen sie immer daran – selbst noch an dem Chaos, das sie anrichten. Wie es um diejenigen steht, die die Zeche bezahlen, interessiert sie nicht.

Martin Zeis beschreibt in seiner Rede bei der Occupy-Aktion in Stuttgart am 15.10.2011 eindrucksvoll, wie etwa 200.000 „guys“ (es sind vor allem Männer) im Alter zwischen 25 und 40 Jahren mit Hilfe ausgefuchster Trading-Programme versuchen, jeweils als Erste von den geringen Wertschwankungen von Währungen zu profitieren, weil sich die Gewinne daraus letztlich in ihren Boni und denen ihrer Vorgesetzten niederschlagen. Sie bewegen auf diese Weise täglich Währungen in der Größenordnung von 4,5 Billionen US-Dollar – ein volkswirtschaftlich nutzloses Treiben, das bei gezielten Attacken auf „Opfer-Währungen“ ganze Länder schwer schädigt.

Ich will das, was ich weiß, in diesem Buch so aufbereiten, dass alle es verstehen, die es wissen müssen, damit sich endlich etwas ändert. Denn immer noch wissen zu wenige Menschen, wie fundamental sich die Konstruktionsfehler im Geldsystem auf ihr Leben auswirken.

Die meisten Menschen glauben, dass sich Veränderungen nur herbeiführen lassen, wenn eine Mehrheit sich dafür einsetzt. Dem ist aber nicht so. Wenn nur 10% der Bevölkerung etwas verstehen und sich deshalb anders verhalten, folgen alle anderen nach, wie die Ergebnisse eines amerikanischen Forschungsprojekts belegen.

Ich werde aufzeigen, dass Zins mit Zinseszins langfristig jedes Geldsystem zusammenbrechen lässt. Das muss jeder wissen, damit Geld nicht zur Glaubenssache pervertiert. Lloyd Blankfein, CEO von Goldman Sachs, bezeichnete 2009 in einem Interview mit der Sunday Times seine Arbeit und die seines Geldhauses als „Gottes Werk“. Kein Symbol repräsentiert diese Haltung deutlicher als die Banktürme der Weltmetropolen, die Kathedralen der Gegenwart. Banker sind allmächtige Schöpfer – sie schöpfen Geld und verdienen gut daran, was Max Otte als „Sozialismus für Banken und Finanzdienstleister“ bezeichnet, als „eine Wirtschaftsordnung, die Banken weitgehend vom Risiko der Spekulation freistellt und leistungsfreie Einkommen für Banken, Finanzdienstleister und Superreiche schafft“.

Doch unser Geldsystem ist nicht gottgegeben. Wir Menschen haben es geschaffen und können es verändern. Es liegt nicht allein an der Gier von Investmentbankern oder Investoren, die gern für das Finanzdesaster verantwortlich gemacht werden. Es liegt an unser aller Bequemlichkeit, Unwissenheit und Unsicherheit – und auch daran, dass wir unser Geld „vermehren“ wollen. Denn wer von uns will nicht, dass die Bank oder der Rentenfonds aus dem eigenen Geld das „meiste“ macht?

In diesem Buch geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Lösungsansätze. Es geht um neue Geldentwürfe, die einen Nutzen optimieren und helfen, Geld zu schaffen, das weder einem krankhaften Wachstumszwang unterliegt noch eine ständige Umverteilung von der großen Mehrheit der Menschen zu einer kleinen Minderheit verursacht – wie unser heutiges Geld das tut.

Was also ist verkehrt an unserem Geldsystem? Was hindert uns, es dauerhaft zu gestalten? Wie können wir die Konstruktionsfehler des Geldes beheben? Und was kann jeder Einzelne tun?

1 EIN SYSTEMFEHLER UND SEINE FOLGEN

Geld ist aus meiner Sicht eine der genialsten Erfindungen der Menschheit; ohne Geld gäbe es keine Spezialisierung und damit auch keine arbeitsteilige Zivilisation. Aber wir haben ein völlig festgefahrenes Verständnis davon entwickelt, was Geld ist – als sei das heutige das einzig denkbare oder akzeptable Geld.

„Die Schaffung von Geld wird als Geldschöpfung bezeichnet, im umgekehrten Fall spricht man von Geldvernichtung. Die Geschäftsbanken können nur Giralgeld erzeugen, allein die Zentralbank kann Zentralbankgeld schaffen. Deshalb sind nur Zentralbanken berechtigt, Banknoten und Münzen – die gesetzlichen Zahlungsmittel – in Umlauf zu bringen. Durch Einsatz seiner geldpolitischen Instrumente kann das Eurosystem die Geldschöpfung der Geschäftsbanken beeinflussen und steuern.“

Den weitaus größten Teil dessen, was auf diese Weise als Geld im Umlauf ist, schöpfen die Geschäftsbanken heutzutage nach bestimmten Vorschriften als Kredit auf der Basis von Einlagen bei der Zentralbank und bei ihren Kunden. Dieser Kredit ist immer zinsbelastet und setzt sich – vereinfacht ausgedrückt – im Wesentlichen aus vier Bestandteilen zusammen, nachfolgend beispielhaft für einen Kreditzins von 6% dargestellt:

1. der Dienstleistung der Bank (1,7%);

2. einer Risikoprämie (0,8%);

3. der Liquiditätsprämie (2,0%);

4. dem Inflationsausgleich (1,5%).

Von all diesen Kosten bleibt bei näherer Betrachtung nur die Bankmarge (für Personal, Risiko und Sachkosten) als gerechtfertigter Posten bestehen. Selbst die Risikoprämie – eine Versicherung, falls der Kredit ausfällt – ist als Zinsanteil nicht zwingend notwendig, wie ich später am Beispiel eines Kredits der JAK-Bank zeigen werde.

Die wesentlichen Bestandteile des Zinses, die den Konstruktionsfehler im heutigen Geldsystem bewirken, sind die Liquiditätsprämie und der Inflationsausgleich als Belohnung für den Sparer, der sein Geld der Bank zur Verfügung stellt. Wenn ich im Folgenden von Zinsen spreche, beziehe ich mich damit auf diese zwei Posten. Beide führen immer zu exponentiellem Wachstum, das wiederum – allerdings erst nach längerer Zeit – eine verheerende Auswirkung auf unser Geldsystem hat. Kurzfristig ziehen diese Anteile in den Zinsen kein Problem für das Funktionieren des Geldsystems nach sich; mittelfristig nur bei hohen Zinssätzen; langfristig jedoch immer. Warum ist das so?

Alles in der Natur hört bei einer optimalen Größe auf zu wachsen. Betrachtet man die natürliche Wachstumskurve eines Baumes, eines Tieres oder eines Menschen, beginnt sie für kurze Zeit mit einem exponentiellen Wachstum, endet jedoch bei der jeweils richtigen Größe, beim Menschen ungefähr mit dem 21. Lebensjahr. Diese Art des Wachstums ist in jeder gesunden Zelle unseres Körpers programmiert. Wir sagen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, und meinen zugleich, das träfe auch auf alle anderen Phänomene zu. Im Hinblick auf das Geld stellt sich dies jedoch als schwerwiegender Denkfehler heraus.

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Der pathologische Wachstumszwang