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Kirsten Loesch: Das Lächeln des Universums – Warum bin ich wozu da?
© J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld 2011

Lektorat: Stephanie Ehrenschwendner
Umschlaggestaltung und Illustration:Claudia Schlutter
Typografie/Satz: KleiDesign

Bibliografsche Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.

1. Auf age 2011

ISBN Printausgabe: 978-3-89901-375-1
ISBN E-Book: 978-3-89901-554-6

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Kirsten Loesch

Das Lächeln
des Universums

Warum bin ich wozu da?

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Für
Sant Rajinder Singh Ji Maharaj

Die ganze seelische Unordnung der Menschheit,
mit ihren niemals erledigten Fragen,
hängt in einer ekelhaften Weise an jeder einzelnen
.

ROBERT MUSIL

Prolog

Meine Heimat ist wenig bekannt. Kaum jemand weiß noch, wo der tragischste Moment der Nibelungensage spielt: die Ermordung von Siegfried, dem Drachentöter. Oder, wo das reale Vorbild für Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ lebte: der Burgherr, der alchemistische Experimente machte und seinen Untergebenen dadurch unheimlich war. Das wundert mich nicht. Der Odenwald ist in Vergessenheit geraten und seine Geschichten mit ihm. Romantisch anmutende Hügel strecken sich kaum merklich in den Himmel, lieblich und weich schmiegt sich der Wald an die Ebene, als wollte er der Garten eines Puppenhauses sein. Wüsste ich nicht von den bemoosten Grabsteinen, die als letzte Zeugen meiner Familiengeschichte gegen die Zeit ankämpfen, könnte ich kaum glauben, dass meine Heimat ein zweites Gesicht hat.

Schaut man genauer hin, weist der Odenwald die Ebene schroff und unversöhnlich zurück. Nicht durch protzige Felsformationen oder andere, allzu offensichtliche Merkmale, sondern aufgrund seiner bloßen unscheinbaren Existenz. Unbemerkt hat er sich zwischen den Menschenschlag, der ihn bewohnt, und den Rest der Welt geschoben.

Mit der Inbrunst des Betroffenen habe ich Stadt- und Kirchenarchive, Geschichtsbücher und meine Lücken füllende Fantasie bemüht, um eine der vielen Geschichten des Odenwalds dem Vergessen zu entreißen. Soweit das überhaupt möglich ist. Dort, wo die Grabsteine stehen, befand sich früher einmal das Dorf, in dem meine Ur-Ur-Ur-Großmutter Berta lebte. Es lag rechts des Neckars zwischen Hirschhorn und Neckarsteinach – auf einem Stück Land, um das sich die benachbarten Großherzogtümer Baden und Hessen seit 1560 stritten. Auf einem 485 Hektar umfassenden Hügel entstand 1795 das Dorf Michelbuch. Mächtige Tannen mussten fallen, damit das Land urbar wurde. Es wurde zu einem gemeindefreien Gebiet, einer neutralen Enklave, die zu niemandem richtig gehörte. Zur Zeit meiner Ur-Ur-Ur-Großmutter Berta hatten die 60 gemeldeten Einwohner keine Pflichten, aber auch keine Rechte. Sie lebten in einer Art deutschem Wildem Westen ohne Verwaltungshoheit. Kein Bürgermeister, kein Amt und keine Polizei waren zuständig. Es muss ein gutes Leben gewesen sein – auf sich selbst gestellt, aber auch niemandem Rechenschaft schuldig. Ich habe mich in der Gegend umgehört. Selbst die Alten sind zu jung, um mehr weitergeben zu können als ein Gerücht: Die Michelbucher feierten mit dem Rauch des Wacholders und des Beifußes keltische Feste zu Ehren von Naturgeistern. Bei besonderen Anlässen wie der Johannisnacht tanzten sie um ein Feuer, nackt, nur die Reben des Gundermanns im Haar. Das Unverständnis der christlichen Nachbarn muss an Entsetzen gegrenzt haben.

Was 1852 genau geschah, geben die bemoosten Grabsteine nicht preis. Das Dorf brannte ab. Die Michelbucher verschwanden spurlos. Die Dame im Kirchenarchiv vermutet: zwangsverschifft nach Amerika. Lästige Wilde wollte man dort sehen, wo sie hingehörten: am Ende der Welt, bei den anderen Wilden, den Indianern. Die Odenwälder haben es gut gemeint mit ihrem kleinen Kreuzzug.

Berta ist nicht dabei gewesen. Laut ihrem Ur-Ur-Enkel, meinem Vater, war sie eine pflanzenkundige Weidenflechterin und könnte im Wald Kräuter sammeln gewesen sein, als ihr Dorf dem Erdboden gleichgemacht wurde. Vielleicht floh sie in Panik in die Ebene, mit ihrer zweijährigen Tochter auf dem Arm. Vielleicht folgte sie dem Strom des Neckars, bot ihre Körbe und ihre Heilkünste an und schlug sich irgendwie durch. Meine Ur-Ur-Ur-Großmutter verlor mit ihrem Dorf auch ihre Lebensweise, die nicht in eine Zeit der Industrialisierung und der bürgerlichen Etikette passte. Sie verlor mit ihrer Heimat sich selbst.

Was aus Berta geworden ist, sagt mir das Schicksal ihrer Tochter Auguste, deren Vater in der Geburtsurkunde unerwähnt bleibt. Sie war laut Krankenakte bis zu ihrem Tod 1906 die erste Patientin mit „eigenartigem Krankheitsbild“, die der Mediziner Alois Alzheimer in einer Frankfurter Nervenklinik behandelte. Damals gab es noch keinen Namen für die Krankheit, die einen das Gedächtnis verlieren lässt. Ich gehe davon aus, dass auch Berta Alzheimer hatte, weil das die einzige Möglichkeit ist zu vergessen, was man nicht vergessen kann. Für Berta, die sich selbst bereits verloren hatte, barg das Vergessen eine Genugtuung. Die Vertreibung aus ihrer Erinnerung, aus der inneren Heimat, war die einzig würdevolle Revanche für das falsche Spiel des Lebens.

Meine Ur-Ur-Ur-Großmutter, die 100 Jahre vor meiner Geburt starb, ist mir heute gespenstisch nahe. Der Gedanke an ihr tragisches Schicksal beschert mir schlaflose Nächte. Ich will nicht enden wie sie. Aber ich würde gerne mein Schicksal vergessen. Am liebsten möchte ich vor der Pistole des Lebens die Hände heben und einfach aufgeben. Ich bin Mitte dreißig. Das sagt vielleicht schon alles. Ich bin Single und erfolglose Ethnologin. Meinen Job in einem Völkerkundemuseum habe ich aus Langeweile an den Nagel gehängt. Mir macht nichts Spaß, weil nichts im Leben so läuft, wie ich es mir wünschen würde. Ich heiße Nuria, was strahlender Ort bedeutet. Bei meiner permanenten schlechten Laune wirkt jede Anrede wie eine ironische Stichelei.

Dabei bin ich recht normal, bis auf die kleinen Macken, die jeder so hat. Spinnen und U-Bahn-Fahren kann ich nicht leiden. Mein letzter Versuch, einem Hobby nachzugehen, war Salsa tanzen. Davor probierte ich alles Mögliche aus, von Yoga über Klettern und Surfen bis hin zum Reisen. Im Studium beschäftigte ich mich mit Politik, Philosophie, Literatur und fremden Kulturen. Es interessiert mich nichts mehr davon. Sogar die Menschen, die ich kenne, langweilen mich.

Mein Leben begann Anfang der 70er Jahre, und das allein qualifiziert mich schon für eine Sinnkrise. Denn meine Generation hat als erste eines verstanden: Die Erde ist eine Heimat aus zweiter Hand und entsprechend abgenutzt. Wirtschaftswunder und Umwelt sind nicht mehr das, was sie zu Zeiten meiner Eltern waren. Das macht mich wütend und frustriert mich. Lange habe ich nicht bemerkt, dass ich damit gar nicht allein bin. Der Autor Douglas Coupland erfand für uns sogar einen Namen: Generation X. Wir haben die Zukunftsangst abonniert.

Ich habe mir darüber viele Gedanken gemacht. X ist in der Mathematik eine Variable, für die sich verschiedene Werte einsetzen lassen. Meist wird X eine Funktion zugeordnet, die ansagt, was mit X gemacht werden soll. In meinem Leben gibt es keine Funktion, die ich erfüllen möchte. Das Universum, die Gesamtheit aller Dinge, ist für mich ein großes schwarzes Loch, in dem ich blind und ängstlich umhertappe. Ich kann mich nirgends zuordnen und habe keinen Wert. Bevor ich wie meine Ur-Ur-Ur-Großmutter ende, möchte ich endlich einmal für mein Glück kämpfen. Ich will von Grund auf verstehen, was das Leben eigentlich ist und wie ich es leben soll. Mein Plan: ein Jahr lang Bücher zu lesen, nachzudenken und nichts anderes zu tun. Für mich ist das kein Luxus. Ein Großteil meines Lebens ist bereits verstrichen, ohne dass ich einen Schimmer davon hätte, wozu es gut sein soll. Es ist eine drängende Notwendigkeit, den Sinn meines Lebens zu entdecken. Ich erhoffe mir, in der Biologie eine Erklärung für das Leben und in der Gehirnforschung eine Einführung ins Menschsein zu finden. Ich werde mich völlig in meine kleine Stadtwohnung zurückziehen und von der Hand in den Mund leben müssen, um die Frage zu klären: Wer bin ich und warum bin ich wozu da?

Ab sofort ist die Kassiererin im Supermarkt mein einziger sozialer Kontakt und das Internet meine Heimat. Ich schaue mich surfend nach der passenden Lektüre um und bestelle Bücher im Wert meines gesamten Monatsbudgets. Dank Dispokredit lande ich damit nicht gleich bei Wasser und Brot, aber meine neue beste Freundin im Supermarkt muss noch warten, bis sämtliche Vorräte aus meinem Küchenschrank getilgt sind.

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Das Nützlichste,
was man fürs Leben lernen kann:
alles zu verlernen, was nicht wahr ist
.

ARISTOTELES

Wer bin ich und warum
bin ich wozu da?

Mit der Urzelle ins Gehirn:
Von der Vergangenheit
zur Selbsterkenntnis

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Wie der Abfall des Lebens mir Mut macht

Ich blättere in einigen Büchern über Evolutionsgeschichte und verschaffe mir einen ersten Überblick. Vor 4.000 Millionen Jahren beginnt die Geschichte des Lebens im chemischen Chaos des Ur-Ozeans. Darin wohnt eine winzige Zelle. Sie ist der erste lebende Organismus, weil sie über einen Bauplan und einige Enzyme verfügt, die diesen Plan in die Tat umsetzen können. Doch kaum auf der Welt, ist diese Urzelle schon in Lebensgefahr. Sie braucht eine klare Grenze zwischen ihrer inneren Ordnung und dem äußeren Chaos, muss sich schützen, schädliche Einflüsse von außen abwehren. Gleichzeitig kann sie die Verbindung zur Außenwelt nicht völlig abbrechen, ohne ihre Nahrungsquelle zu verlieren. Die Urzelle muss den Substanzen, die sie benötigt, einen Zugang ins Innere gewähren. Sie muss sich isolieren und gleichzeitig die Verbindung aufrechterhalten. Das ist ein scheinbar unlösbares Paradoxon. Es geht um Leben oder Tod.

Die Urzelle reagiert auf ihre bedrohliche Situation mit kreativer Eleganz. Sie erfindet eine Art biologisches Gore-Tex, hüllt sich in einen halbdurchlässigen Mantel ein, die semipermeable Membran, die das Bekömmliche aus dem Nicht-Bekömmlichen filtert. Der erste lebende Organismus unterscheidet somit zwischen den verschiedenen Eigenschaften seiner Umwelt. Er teilt seine Erfahrungswelt auf in das, was ihm guttut, und das, was ihm nicht guttut. Das eine darf ins Innere, das andere muss draußen bleiben. Im nächsten Schritt bestimmt der Organismus die Dosierung. Er nimmt das, was ihm guttut, in der Menge auf, die ihm guttut. Dabei gilt die klare Maxime: nicht zu viel und nicht zu wenig. Um zu leben, braucht es eben die genau richtige Menge vom Guten. Das Leben begann mit dem Urprinzip der Balance zwischen Innen und Außen.

Ich frage mich, ob dieses Urprinzip auch in mir noch wirksam ist. Wie kann ein Winzling aus der Urzeit überhaupt etwas mit mir gemeinsam haben? Ich entdecke seine Spuren dort, wo auch bei mir das Äußere ins Innere gelangt, bei der Nahrungsaufnahme. Da der menschliche Körper zu 80 Prozent aus Wasser besteht, haben nur wasserlösliche Stoffe eine biologische Bedeutung für den Stoffwechsel – und somit einen Geschmack. Sobald die Sinnesrezeptoren der Zunge eine Substanz, die von außen kommt, wahrnehmen, wirkt diese bereits auf das innere, chemische System des Körpers ein. Ich schmecke süß, wenn es sich um die wichtigsten biologischen Energiespender handelt. Mein großes Bedürfnis nach salzigen Geschmackskomponenten kommt daher, dass keine Zelle auch nur kürzeste Zeit ohne Natrium überleben kann. Viele giftige Stoffe, wie pflanzliche Alkaloide, schmecken hingegen bitter.

Der Mensch verfügt also über eine eingebaute Orientierungshilfe. Ich habe es der Urzelle zu verdanken, dass mein Körper schmeckend weiß, was ihm gut tut und was nicht. Darauf kann ich bewusst keinen Einfluss nehmen. Ob ich will oder nicht, bitter schmeckt bitter, und süß bleibt süß. Ich meine lediglich, Süßes zu mögen und Bitteres zu verabscheuen. Tatsächlich habe ich gar keine Wahl, weil die Urzelle die Regeln des Lebens bereits vorgegeben hat, bevor der Mensch ein Bewusstsein dafür entwickeln konnte. Die Urzelle lebt unbemerkt in mir fort.

Das verwundert mich nicht allzu sehr, denn sie ist als erstes Individuum mein Vorgänger. Ein Individuum unterscheidet zwischen innen und außen und ist dem Kampf zwischen Autonomie und Abhängigkeit von außen ausgeliefert. Es braucht einen Vermittler zwischen beiden Gegensätzen. Was bei der Urzelle der halbdurchlässige Mantel war, sind beim Menschen die Wahrnehmung und die Verarbeitung seiner Eindrücke. So filtern wir aus dem Außen das heraus, was für das Innere nützlich oder gefährlich sein könnte. Der Balanceakt zwischen innen und außen gibt sozusagen den Rhythmus vor, der unsere Entwicklung das gesamte Leben hindurch begleitet und formt. Und das bis hin zur menschlichen Gefühls- und Gedankenwelt. Wie kam es dazu? Wie konnte es ein Urzellen-Winzling so weit bringen, über mehrere hundert Millionen Jahre hinweg seinen Einfluss auf höhere Lebewesen geltend zu machen?

Das verdankt er einer Panne, wie sich bei meinen Recherchen herausstellt. Irgendwo im chaotischen Ur-Ozean teilt sich eine Urzelle und wird ihre Nachkommen nicht mehr los. Aus der einzelnen Zelle entwickelt sich ein grotesk anmutender Zellhaufen. Dieser neue Mehrzeller hat einen Vorteil: Er ist schneller und zu groß, um von anderen Kleinstorganismen gefressen zu werden. Der kugelförmige Zellhaufen ist so etwas wie ein Kolonialindividuum, ein Verbund von gleichen Einzelwesen, die noch keinen gemeinsamen Organismus haben. Im Zellverbund sind manche Zellen nach innen gerutscht. Die von ihnen ausgeschiedenen Abfallprodukte können nicht nach draußen gelangen, sondern bleiben im Inneren des Zellverbundes. Dafür erzählen sie dem einen Zellnachbarn etwas über den biologischen Zustand des anderen. Diese Form der Kommunikation entwickelt sich später zum Hormonsystem weiter.

Außerdem bleibt den innen gelegenen Zellen der Zugriff auf das Nahrungsreservoir des Ur-Ozeans verwehrt. Sie müssen sich mit ihren Zellnachbarn als Außenwelt zufrieden geben. Das birgt allerdings eine Gefahr. Dem riesigen Ozean macht es nichts aus, wenn eine winzige Zelle ihm Nahrung entnimmt und Abfallprodukte in ihn ausscheidet. Innerhalb des Zellverbunds gibt es jedoch nur noch winzige Zellnachbarn, die sich mit ihren Abfallstoffen gegenseitig aus dem Gleichgewicht bringen und dabei auch sich selbst schaden. Eine Zelle kann nur als Teil einer Gemeinschaft leben, wenn die anderen das auch dürfen. Die Zellnachbarn können nicht mehr ohne einander, aber auch noch nicht miteinander.

Wieder steht die Evolution vor einer paradoxen Situation, für die es scheinbar keine Lösung gibt. Das Innenleben des Ur-Individuums ist komplexer geworden. Um zu überleben, müssen die einzelnen Zellen innerhalb des Zellverbundes kooperieren. Mit kreativer Eleganz wird die Evolution dieser Aufgabe gerecht. Sie erfindet eine Art Puffer, der die einzelnen Zellen voneinander trennt, weil sie nicht miteinander können. Aber dieser Puffer verbindet sie ebenso miteinander, weil die Zellen ihn alle gleichermaßen brauchen. Die Evolution holt den Ozean ins Innere des Organismus.

Dieser innere Ozean existiert im Menschen immer noch. Er füllt die bindegewebigen, extrazellulären Räume zwischen den Körperzellen und tauscht Nährstoffe und Stoffwechselendprodukte mit dem Blut aus. Mein kleiner innerer Ozean und der riesige äußere Ozean sind nahezu identisch in ihrer Zusammensetzung aus den biologisch bedeutsamen Salzen Natrium, Kaliumchlorid und Kalziumchlorid.

Die Reinerhaltung des inneren Ozeans erhält in der Evolution oberste Priorität, damit das junge Leben sich fortentwickeln kann. Je komplexer ein Organismus wird, desto mehr Probleme wirft das auf. Die einzelnen Zellen müssen sich spezialisieren, um die Aktivitäten der einzelnen Teile besser aufeinander abzustimmen und Signale schneller und gezielter zu übermitteln. Aus der Kommunikation über die ausgeschiedenen Abfallprodukte der einzelnen Zellen entsteht ein Hormonsystem, das diffuse Wolken aus Signalstoffen verschickt. Es gibt spezielle Stellen, an denen Hormone ausgeschüttet, und andere, an denen sie aufgenommen werden. Deshalb bilden sich einfach Zellfortsätze, die die Entfernung überbrücken. Die Konzentration des Hormons ist beim Sender höher als beim Empfänger. So ist klar, in welche Richtung diese Zellfortsätze wachsen müssen. Die Nervenleitung ist geboren. Und mit ihr die Vorstufe des Nervensystems, an dessen Spitze das Gehirn steht.

Das Gehirn verweist wiederum auf seinen Anfang. Beim menschlichen Embryo im Mutterleib entwickelt sich das Nervensystem aus dem Ektoderm. Das sind äußere Zellschichten, die später die Haut bilden. Ein Teil dieser Zellen faltet sich an der Rückenseite nach innen zum Neuralrohr, das später zum Rückenmark und zum Gehirn wird. Die Nervenzellen des zukünftigen Gehirns reisen also von der Außenseite des Embryos ins Innere seines Körpers. Mein Gehirn entwickelte sich aus einem Stück Haut. Die halbdurchlässige Membran der Urzelle wird zum Organ meiner Psyche und meiner Intelligenz.

Kein Wunder, dass hinter all der Komplexität meiner Psyche die Einfachheit einer einzigen, aber alles entscheidenden Frage steht: Soll ich mich öffnen oder schließen? Ich öffne mich für Menschen oder Situationen, wenn ich mir etwas Bekömmliches von ihnen verspreche, das mein Inneres bereichern kann. Ich verschließe mich, wenn das nicht der Fall ist. Leider scheine ich mich dabei öfter zu irren als die Urzelle, denn ich lasse negative Erfahrungen zu, die mir schaden können. Das ist in Ordnung, weil ich aus Fehlern lernen kann und nicht gleich daran sterbe. Obwohl, manche Fehleinschätzung und Enttäuschung hat sich schon so angefühlt. Vielleicht kann ich mir ein Beispiel an der Urzelle nehmen: Balance und Kooperation scheinen der Schlüssel zu einem gesunden Leben zu sein, denn nach diesen Urprinzipien kann das Leben seit Millionen von Jahren dem Tod ein Schnippchen schlagen und sich immer weiter entwickeln.

Als Mensch ist es tatsächlich hilfreich, die eigenen Wurzeln zu kennen, um das eigene Leben besser zu verstehen. Ich habe beispielsweise immer gedacht, der Mensch sei ein höheres Lebewesen, weil er über ein komplexes Nervensystem verfügt. Aber jetzt wird mir klar, dass es um etwas viel Grundlegenderes geht. Mein komplexes Nervensystem ist die Bedingung dafür, dass es mich überhaupt gibt. Genau genommen habe ich meine Fähigkeiten nicht nur den Nervenleitungen zu verdanken, sondern auch ihren evolutionären Vorgängern. Ohne Hormone, die ausgeschiedenen Abfallprodukte der ersten Mehrzeller und die Panne einer missglückten Urzellen-Geburt, gäbe es mich heute nicht. Die Entwicklung des Menschen begann also mit einer Missgeburt und deren Abfallprodukt. Es ist schon komisch, dass es der vermeintliche Unrat ist, auf dem ein besseres Leben gedeiht. Die Urzelle hat es tatsächlich geschafft, mir Mut zu machen.

Warum die Urzeit nicht vorbeigeht

Während ich so in der Evolutionsgeschichte recherchiere, kommt mir mein neu gewonnener Mut gerade recht. Endlos viel gäbe es zu lesen und zu wissen. Das kann ich nicht alles schaffen. Ich brauche ein intuitives Lesesystem und lasse meine Augen deshalb über die Seiten fliegen, bis mich etwas anspricht. So lande ich im Kambrium, mit über 500 Millionen Jahren eine der ältesten Perioden in der Erdgeschichte. Hier lebt ein Wesen, das an eine Kreuzung aus Wurm und Fisch erinnert. Es heißt Pikaia und ist der Urahn der Wirbeltiere, des höchstentwickelten Stamms des Tierreichs. Alle Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere stammen von ihrem gemeinsamen Urahn Pikaia ab ebenso wie das Säugetier Mensch, bei dem sich während der Embryonalentwicklung im Mutterleib die Stammesgeschichte wiederholt. Am 25. Tag ähnelt das Nervensystem des menschlichen Embryos einem Wurm. Erst nach über drei Monaten ist sein Gehirn als das eines Säugetiers zu erkennen. Mit fünf Monaten ähnelt es einem Primatengehirn. Erst danach setzt die typisch menschliche Ausdehnung des Vorderhirns ein. Das menschliche Gehirn ist nahezu identisch mit den Gehirnen anderer Säugetiere. Im Klartext heißt das: Nicht nur die Menschen, sondern auch Affen, Hunde, Katzen oder andere Vierbeiner können denken und haben ein Bewusstsein. Das hatte ich schon geahnt. Gewöhnungsbedürftig ist, dass die Verwandtschaft tierischer und menschlicher Gehirne noch viel weiter reicht: bis hin zu Insekten und Schnecken, deren Nervenzellen den menschlichen teilweise ähnlich sind. Der Mensch ist von seinen Urahnen nicht gänzlich verschieden. Er besitzt lediglich etwas mehr von dem gleichen Material, das alle anderen Lebewesen auch haben, beziehungsweise eine leistungsfähigere Kombination davon. Ich bin mir sicher, wenn ich das meiner neuen Freundin im Supermarkt erzählte, würde sie mich auslachen. Nach dem Motto: Dann könnte der Mensch ja genauso gut mit den Pflanzen verwandt sein. Aber was, wenn das gar nicht absurd wäre?

Es gibt heute noch einen Einzeller aus den Urzeiten des Lebens, der eine sonderbare Geschichte erzählt: Das Augentierchen Euglena. Es ernährt sich wie eine Pflanze durch Photosynthese, indem es das in der Luft enthaltene Kohlendioxid und Wasser in Glucose umwandelt und dabei Sauerstoff an die Umgebung abgibt. Für diesen Umwandlungsprozess braucht der pflanzliche Einzeller Lichtenergie. Ohne Licht keine Glucose, also keine Nahrung und kein Leben. Das Licht wird mit Hilfe von Chloroplasten aufgenommen, die im Augentierchen genauso existieren wie im Blattgrün einer Pflanze. Wie bitte kommt ein Merkmal der Pflanzen in ein Tier?

Vor Urzeiten verschluckte sich ein Einzeller. Statt eines anderen Einzellers erwischt er eine Alge, die er nicht verdauen kann. Aus der Not wird eine Tugend, der Fremdkörper wird integriert und die Alge Teil des Organismus. Licht ist nun in einem erhöhten Maß überlebenswichtig. Ohne Licht keine Nahrung. Daher ist das Augentierchen heute noch durchsichtig, hat aber einen winzigen roten Punkt, der einen Schatten wirft. Auf diese Weise weiß der Einzeller, in welche Richtung er ins überlebenswichtige Licht schwimmen muss. Der rote Punkt ist ein urzeitliches Sehorgan. Das Sehpurpur in der Netzhaut des menschlichen Auges ist ebenfalls rot und hat den gleichen chemischen Ursprung wie der rote Punkt des Augentierchens. Die Stäbchen und Zapfen der menschlichen Netzhaut erinnern in ihrem Aufbau noch heute an die Fortbewegungs-Geißel des pflanzlichen Einzellers. Soll das etwa heißen, der Vorgänger des menschlichen Auges war ein pflanzlicher Einzeller?

Gut möglich, weil die Evolution nichts zum Spaß erfindet. Damit sie in Gang kommt, muss eine biologische Notwendigkeit vorliegen. Der Startschuss für die Entwicklung eines Auges kann nur dort fallen, wo Licht eine existenzielle Bedeutung bekommt. Pflanzen benötigen das Licht zur Sicherung ihrer Existenz. Ohne Licht kein Leben. Erst im nächsten Schritt der Evolution wird Licht dazu genutzt werden, um Informationen über die Außenwelt zu erhalten, um zu sehen. Die Pflanzen konnten das Auge erfinden, gerade weil sie nicht in der Lage sind zu sehen.

Es liegt für mich eine enorm große Bedeutung in diesem kurzen, lange zurückliegenden Moment der Evolution, als ein Einzeller sich an einer Alge verschluckte und zum Vegetarier wurde. Respekt! Ohne diesen Einzeller mit ungewöhnlichen Tischmanieren könnte ich nicht sehen.

Die Urzeit hat Spuren hinterlassen und sich tief in den grundlegendsten Prinzipien meiner menschlichen Existenz verankert. Es gibt eine biologische, heute noch nachweisbare Verbindung des Menschen zu den Tieren, zu den Pflanzen, sogar zu den ersten Mehrzellern und zum Ozean, dem das erste Leben entsprungen ist. Ich frage mich, ob es in der Evolution meines Gehirns etwas ähnlich Schönes zu entdecken gibt.

Was mein Gehirn mit einem Auto gemein hat

Ich weiß so wenig über das Gehirn. Dabei ist es doch das Organ, das für mein Erleben und Nachdenken so entscheidend ist. Vielleicht verstehe ich die Missgeschicke meines Lebens besser, wenn ich mein Gehirn genauer kenne?

Neben mir stapeln sich bereits einige Bücher zum Thema Gehirnforschung, und ich greife mir neugierig eines davon. Nach einiger Zeit blicke ich von den Buchseiten auf und hilfesuchend gen Himmel. Ist das Gehirn so schwer zu verstehen? Ich greife zu einem anderen Buch und konzentriere mich beim Lesen noch mehr. Langsam gewöhne ich mich an die Fachbegriffe, und sie irritieren mich nicht mehr. Das dritte Buch fällt mir schon leichter. Mit der Zeit füllen sich einige Bände mit gelben Zetteln, die ich zum Markieren wichtiger Stellen hineinklebe. Einen Zettel beschrifte ich sogar mit „Aufbau des Gehirns“, weil ich ohne dieses Basiswissen gar nicht nachvollziehen kann, wie das Gehirn arbeitet. Während ich den Kugelschreiber mit meinen Fingern hin und her drehe, versuche ich mir den Aufbau des Gehirns bildlich vorzustellen. Da kommt mir eine Idee. Das Gehirn ähnelt dem Auto. Seit der Erfindung des ersten Autos vor über 120 Jahren hat sich vieles verändert. Das grundlegende Prinzip aber blieb dasselbe: Ein Auto besteht seit jeher aus Rädern, einem Motor und einer Lenkung. Ein Gehirn besteht immer schon aus Stammhirn, Zwischenhirn und Großhirn. Das erste Auto von 1885 lässt sich mit dem Gehirn eines Salamanders vergleichen: Es hat ein Stammhirn (Räder), ein Zwischenhirn (Motor) und ein Großhirn (Lenkung). Die Luxus-Klasse des 21. Jahrhunderts entspricht dem Gehirn des Menschen, das nach wie vor über Räder, Motor und Lenkung verfügt, aber leistungsstärker und komfortabler ist. Will ich verstehen, wie ein Auto funktioniert, muss ich die Motorhaube öffnen und hineinschauen. Mit dem Gehirn verhält es sich vermutlich genauso: Wenn ich weiß, wie es funktioniert, kann ich meine Schlüsse daraus ziehen.

Im Auto Gehirn gibt es vier Räder, die vier verschiedenen Bereiche des Stammhirns, das Stoffwechsel und Kreislauf, Wach- und Schlafrhythmus und Nahrungsaufnahme regelt. Wie das Auto ohne Räder nicht fahrtüchtig ist, kann ich ohne Stammhirn nicht überleben. Es ist die Basis meiner Existenz.

Auf dem Stammhirn sitzt das Zwischenhirn, der Motor. Hier laufen die Informationen aus den Sinnesorganen ein und werden an andere Gehirngebiete weitergeleitet. Das Zwischenhirn ist verantwortlich für Aufmerksamkeit, Motivation und damit auch für meine Lernfähigkeit. Es reguliert die Ausschüttung von Hormonen, die mein körperliches und emotionales Erleben steuern: Stress und Furcht, Sexualität und Freude. Über dem Zwischenhirn liegt das Großhirn, die Lenkung. Dort sitzt die Denkfähigkeit. Manche Gebiete des Zwischenhirns, Großhirns und teilweise auch des Stammhirns fassen die Gehirnforscher unter dem Namen limbisches System zusammen. Es umgibt das Stammhirn wie einen Saum (lat. Limbus: Rand, Saum). Ursprünglich war das limbische System für den Geruchssinn zuständig, wie beim Krokodil heute noch. Seine Hauptaufgabe bestand darin, Geruchsreize auszuwerten und die passende Reaktion von Paarung oder Flucht anzukurbeln. Aus dieser Geruchszentrale entwickelte sich im Laufe der Evolution zum Säugetier die Schaltstelle der Emotionen. Sie sind mein Motor und hauptverantwortlich dafür, mit wie viel PS ich laufe, wie viel ich leisten kann.

So wie es beim Auto ein Getriebe gibt, existiert auch im Gehirn ein Verbindungsstück, das die Räder mit dem Motor und der Lenkung in Einklang bringt: Der sogenannte Mandelkern (griech. Amygdala: Mandel) im limbischen System. Er ist mit meinem Gedächtnis verbunden und wägt die Folgen meiner Verhaltensweisen und Erfahrungen ab. Er vergleicht eintreffende Sinneseindrücke mit vorgegebenen Bewertungen und Erlerntem und ist damit mitverantwortlich für die Entstehung von Freude, Furcht, Glück, Verachtung, Ekel, Neugierde, Hoffnung und Enttäuschung. Der Mandelkern operiert sowohl auf der Ebene des Stammhirns als auch auf der von Zwischenhirn und Großhirn. Er verbindet die Lebenspole der Urzelle bekömmlich – nicht bekömmlich (Stammhirn) mit den Emotionspolen lustvoll – schmerzvoll (Zwischenhirn) und den Denkpolen gut – schlecht (Großhirn). Mit dem Mandelkern als Getriebe kann ich von einem niedrigen Gang in einen höheren schalten und so eine beeindruckende Leistungsmaschine in Fahrt bringen.

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Meine Zeichnung zur Übersicht des Gehirns als Querschnitt

Mein Gehirn überträgt Informationen mit Hilfe von elektrischen Signalen in 100 Metern pro Sekunde. Es besteht aus bis zu 1.000 Milliarden Nervenzellen, von denen jede einzelne mit rund 1.000 anderen vernetzt ist. Für nur eine komplexe Denktätigkeit sind mehrere Millionen dieser Nervenzellen im Einsatz. Das Nervenmaterial des Gehirns ist so umfangreich, dass es eigentlich gar nicht in einen Kopf passen dürfte. Der Platz reicht nur deswegen aus, weil das Gehirn mehrschichtig gefaltet ist. Würde ich die vielen Furchen mit einem Nudelholz plätten, könnte ich damit den Boden eines Wohnzimmers von 22 Quadratmetern auslegen.

Mehr als drei Viertel des gesamten Nervenmaterials gehören zum denkenden Großhirn und verbrauchen die meiste Energie. Das Großhirn wird in verschiedene Gebiete eingeteilt, die jeweils nach ihrer Lage im Kopf oder ihrer Funktion benannt sind. Die Einteilung beginnt bei großflächigen Gebieten mit grob umrissener Funktion und wird immer punktueller und spezieller. Zunächst fallen vier große Gebiete auf: der Scheitellappen, der Stirnlappen, der Hinterhauptslappen und der Schläfenlappen. Die außen an der Schädeldecke liegende Oberfläche dieser Gebiete ist die Großhirnrinde, die für viele Funktionen des Gehirns besonders wichtig ist. Die Großhirnrinde ist wiederum in kleinere Gebiete eingeteilt, denen spezielle Aufgaben zugeschrieben werden. Würde ein Fachmann ein Auto auseinanderschrauben und die einzelnen Teile vor sich ausbreiten, könnte er trotzdem erkennen, welche Einzelteile zu den Rädern gehören und welche zum Motor oder zur Lenkung. Beim Gehirn ist das anders. Selbst ein Spezialist kann unter dem Mikroskop die Nervenzellen des Stirnlappens nicht von denen des Schläfenlappens unterscheiden, nicht einmal die von Großhirn und Stammhirn. Die einzelnen Gebiete haben ganz verschiedene Funktionen, sind aber trotzdem alle gleich.

Die Evolution hat sich mit dem menschlichen Gehirn mächtig ins Zeug gelegt, wie mir scheint. Ich erkenne das Urprinzip komplexeren Lebens im Gehirn wieder und sehe es beeindruckend umgesetzt: die Kooperation gleicher Einzelteile. Im Gehirn entsteht nichts nur in einem Gebiet, viele verschiedene, miteinander verbundene Gehirnstrukturen müssen kooperieren. Nicht einmal eine einfache motorische Aktion, wie das Heben des kleinen Fingers, wird an einem bestimmten Ort geregelt. Ähnlich wie beim Auto können alle Teile des Gehirns nur dann bestmöglich funktionieren und ihren Zweck erfüllen, wenn sie zusammenarbeiten. Ich glaube, Carl Benz und Gottlieb Daimler hätten auf die Frage, was ein Auto eigentlich ist, nicht geantwortet: die Lenkung, der Motor oder die Räder. Alles gehört eben zusammen und muss auch noch fahren.

Wie ich mit einer Weltkarte mein Großhirn erkunde

Ließe sich mein Gehirn in Form eines Modells in die Hand nehmen, könnte ich mir die verschiedenen Gebiete anschauen wie auch ihre Lage und Verbindung zu anderen Gebieten besser nachvollziehen. Ähnlich einem Globus, den ich drehen kann, um die Erde zu überblicken. Um mir mein Gehirn richtig vorstellen zu können, will ich es einmal als eine Art Weltkarte betrachten.

Zunächst erkenne ich auf der Karte des Gehirns nur eine grobe Einteilung in Kontinente und Ozeane. Die Ozeane sind am wenigsten erforscht. Man hat momentan weder das Wissen noch die Technik, diese unbekannte Unterwasserwelt vollständig zu erkunden. Genauso bleiben mir die urigen Tiefen des Stamm- und Zwischenhirns im Dunkeln verborgen. Ich habe kaum eine Vorstellung geschweige denn ein Bewusstsein davon, was dort geschieht. Die Kontinente dagegen entsprechen dem alltäglichen Lebensraum des Menschen. Sie stehen für das Großhirn und sind erkundet und vermessen. Was dort geschieht, ist mir bewusst oder könnte es werden. Den Stirnlappen des Großhirns taufe ich Asien, den Scheitellappen Europa, den Schläfenlappen Nordamerika und schließlich den Hinterhauptslappen Afrika. Die anderen Kontinente – Antarktis, Südamerika und Australien – brauche ich für meine Weltkarte des Gehirns nicht.

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Meine Zeichnung zu den Gehirnlappen aus der Perspektive von oben seitlich

Die Oberfläche eines Kontinents ist das sichtbare Festland. Es entspricht dem außen an der Schädeldecke liegenden Rand des Großhirns, der Großhirnrinde. Auf dem Festland gibt es viele verschiedene Länder, deren Einwohner sich in ihren Sitten und Gebräuchen voneinander unterscheiden. Im Gehirn entsprechen die Länder verschiedenen Gebieten, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen und sich beispielsweise um Sehvermögen, Sprachvermögen oder Motorik kümmern. Manche Länder unterhalten ein Raumfahrtsprogramm und schicken Raumsonden zu Erkundungszwecken ins Weltall. Im Gehirn hat das Land, das sich um das Sehvermögen kümmert, eine ständige Verbindung zur Raumsonde „Auge“, um darüber informiert zu sein, was draußen passiert. Ein Land besteht jedoch aus mehreren Bundesländern, die unterschiedliche Interessen haben. Im Gehirn ist beispielsweise Hessen für optische Dingerkennung, Baden-Württemberg für Blickbewegung und Bayern für Helligkeitssehen zuständig. Nicht jedes Signal der Raumsonde „Auge“ kommt dort an, wo es auch entschlüsselt und verarbeitet werden kann. Im Gehirn gibt es Länder, die Signale von außen empfangen, und andere Länder, die diese Signale entschlüsseln. Die einen liefern das Rohprodukt Information, die anderen verarbeiten es weiter und treiben sogar Handel damit bei den Nachbarn.

Innerhalb eines Bundeslandes können unterschiedliche Regionen unterschiedliche ökologische Eigenschaften haben. In Bayern gibt es die Alpenregion, den Bayerischen Wald, die Fränkische Schweiz. Wenn ein Geologe in jeder dieser Regionen eine Bohrung machte, würde er zwar immer Erde entdecken, sie wäre aber in jeder Region unterschiedlich beschaffen und hätte sich in unterschiedlichen Schichten abgesetzt. Bohrt sich ein Gehirnforscher mit Hilfe moderner Diagnosetechniken in das Gehirn, entdeckt er in der Großhirnrinde überall die „Erde“ des Gehirns: vertikale Säulen aus winzigen Nervenzellen. Jede Säule hat einen Durchmesser von weniger als einem Millimeter. Eine Säule besteht aus verschiedenen Schichten, die wiederum aus Zellen einer bestimmten Form zusammengesetzt sind. Auch wenn die gleichen Säulen immer die gleichen Schichten enthalten, können sie trotzdem in verschiedenen Gehirnregionen unterschiedlich spezialisiert sein.

Die vielen verschiedenen Länder auf der Weltkarte des Gehirns tauschen sich miteinander aus. Das Rohprodukt Information wird weitergereicht. Wer über die passenden Kontakte verfügt, um mit dem Rohprodukt zu handeln, trommelt seine Geschäftspartner auf einer Art Gipfeltreffen zusammen, um seine Interessen mit ihnen zu koordinieren und das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Ohne ein solches Gipfeltreffen wären Gefühle und Gedächtnis, Denken und Sprache nicht möglich. Diese hohe Funktionsebene des Gehirns, genannt Assoziationskortex (lat. associare: verbinden), gibt den Wissenschaftlern noch einige Rätsel auf. Sie integriert und verknüpft jedenfalls Informationen, wäre aber ohne die Lieferung des Rohprodukts Information durch andere arbeitslos. Das Gehirn basiert also auf Vernetzung. Die vielen Länder und ihre Regionen ebenso wie die großen Kontinente des Gehirns treten ungeachtet vermeintlicher Hierarchie miteinander in Verbindung und koordinieren sich. Jede Region trägt entsprechend ihren Fähigkeiten einen einzigartigen Part zum Ganzen bei. Das Gehirn arbeitet dabei so erfolgreich und effizient, weil die einzelnen Teilbereiche trotz ihrer Verschiedenheit gleich gestellt bleiben. Sie können nicht ohneeinander funktionieren und müssen miteinander harmonieren. Für mich bedeutet das: Das Gehirn ist ein globales System, das auf Harmonie basiert.

Was die Sprache meines Gehirns mir sagt

Eines verstehe ich nicht: Woran erkennen die verschiedenen, teilweise weit verstreuten Länder und Regionen der Welt des Gehirns überhaupt, dass sie zusammenarbeiten? Schließlich müssen Entfernungen überbrückt und Verbindungen hergestellt werden. Es muss so eine Art Kommunikationssystem geben. Die Nervenzellen des Gehirns sprechen miteinander. Ihr Alphabet ist die Variation eines elektrischen Signals: Pieps. Die beiden Wissenschaftsjournalisten Werner Siefer und Christian Weber beschreiben die Sprache des Gehirns in ihrem Buch „Ich. Wie wir uns selbst erfinden“ so: „Wenige Piepser, viele Piepser, Pieps-Gewitter, Pieps-Gesänge, Pieps-Tröpfeln, Stille, Pieps-Trällern, Stille, Pieps-Flüstern, Pieps-Jaulen, Pieps-Flöten… Stille.“

Die Nervenzellen weit entfernter Länder geben bei Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Projekt alle ein Pieps-Trällern von sich. Dadurch vereinigen sie sich zu einer zeitlich begrenzten internationalen Allianz, ähnlich dem Nordatlantikrat der Nato. Kommt das nächste Projekt, gründet sich eine neue Allianz. Jetzt kommunizieren die dazugehörigen Länder mit einem Pieps-Jaulen. Eine einzelne Nervenzelle kann in einer Millisekunde ein Pieps-Trällern, in der nächsten Millisekunde ein Pieps-Jaulen und danach ein Pieps-Flüstern von sich geben. Nervenzellen sind nicht festgelegt auf ein einziges Projekt. Sie gehören zwar zu einer bestimmten Region, schließen sich aber mal dieser und mal jener Allianz mit ihrer eigenen Sprache an. Im Gehirn bilden sich ununterbrochen wechselnde Bündnisse. So lassen sich mehr Projekte in kürzerer Zeit auf kleinerem Raum und mit weniger Aufwand abwickeln.

Das Gehirn scheint mit ganz einfachen Mitteln etwas enorm Komplexes zu entwickeln, das eigentlich Chaos verursachen müsste und trotzdem harmonisch bleibt. Ich kann mir dieses unaufhörliche, variantenreiche, vielschichtige und komplizierte Pieps-Konzert in meinem Kopf kaum vorstellen. Am meisten beeindruckt mich dabei, dass hinter all der Raffinesse ein simpler Pieps steckt.

Die Sprache des Gehirns ist gewöhnungsbedürftig. Aneinandergereihte Signale ergeben keinen Sinn. Das Piepsen der Nervenzellen hat keine Bedeutung. Es ist neutral. Es zählt nur, wo das Piepsen ankommt. Erst der Ort, an dem ein Piepssignal eingeht, weist ihm eine Bedeutung zu. Das Gehirn spricht nicht französisch, englisch oder deutsch oder alles durcheinander, sondern eine Art Zaubersprache, die sich an jedes Land anpasst. In Frankreich kommt die Botschaft auf Französisch an, in Deutschland auf Deutsch. Das Gehirn sieht etwas, wenn ein Piepsen im visuellen Verarbeitungsgebiet landet. Das Gehirn hört etwas, wenn ein Piepsen das auditorische Verarbeitungsgebiet erreicht. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Piepssignal tatsächlich vom Auge oder vom Ohr kommt. Das hört sich willkürlich an. So, als ob dem Gehirn egal wäre, wo welches Signal landet und welche Bedeutung ihm zugewiesen wird. Oder ist das Gehirn einfach sehr raffiniert?

Wenn ich krank bin, rufe ich den Arzt. Wenn es brennt, kann mir der Arzt nicht helfen. Ich rufe bei demjenigen an, der sich mit dem aktuellen Thema am besten auskennt und über die nötigen Hilfsmittel verfügt. Es ist also wichtig, wo mein Anruf ankommt. Nervenzellen besitzen offenbar ein gutes Telefonbuch. Sie wissen, wen sie wo erreichen können, wo der Arzt wohnt und wo der Feuerwehrmann. Dann wird der Notruf weitergereicht und weiter verrechnet. Er gelangt von den niederen zu den höheren Schaltstellen, von einem Land zum anderen und macht sich schließlich zurück auf die Reise in sein Ursprungsland. Diese Rückkopplungsschleifen und weiteren Querverbindungen sorgen dafür, dass jeder Beteiligte weiß, was der andere tut, wo es gebrannt hat und ob die Feuerwehr unterwegs ist. Das globale System Gehirn ist wahrhaftig und transparent. Es kann gar nicht anders, da alle Einzelteile trotz Verschiedenheit auch gleich sind.

Das Gehirn führt mir eine höchst effiziente Gemeinschaft verschiedener Länder und wechselnder Bündnisse vor, die alle gleich wertvoll sind, sich gleich gut miteinander verständigen können, ihre Aktionen transparent machen und sich gegenseitig (be)achten. Keine Nervenzelle grenzt eine andere aus, kritisiert, übervorteilt oder lügt sie an. Ich staune über eine derartig konsequente Ethik und eine Harmonie, die völlig unbemerkt in meinem Kopf existiert und Brücken baut. Einfach so, ohne mein bewusstes Zutun.

Wie mich ein Ich-Gespenst
an der Nase herumführt

Diese selbstverständliche Harmonie in meinem Kopf ist fast schon zu schön, um wahr zu sein. Während ich skeptisch darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich etwas nicht verstehe. Die Pieps-Signale werden in der Verarbeitungshierarchie immer weitergereicht. Die Kriterien nieder und hoch, Rohprodukt und Gipfeltreffen stellen aus Sicht des Gehirns keine Wertung dar, sondern nur ein Organisationsprinzip. Keine Nervenzelle zählt mehr als eine andere. Kein Gehirnareal und kein Pieps sind mehr wert als andere. Es existiert im Gehirn keine Zentrale, die alles überblickt und steuert. In der Welt des Gehirns gibt es keinen Anführer.

Wie kann das sein? Ich mache jeden Tag eine ganz andere Erfahrung. Der Anführer ist derjenige, der das Leben in sich fühlt, es durchdenkt und führt – also Ich, mein Ego, meine Persönlichkeit als Ganzes, oder wie man es auch immer nennen mag. Das ist ein Mosaik aus vielen Komponenten: Aussehen und Gefühle, Erfahrung und Erinnerung, Vorlieben und Sehnsüchte, Wünsche und Wille, Gedanken und Meinungen, Entscheidungen und Handlungen. Mein Ich ist alles, was mich auszeichnet: die verschiedenen Charakteristika meines Körpers, meiner Gefühle und Gedanken. Bisher stellte ich mir das als eine Kommandozentrale im Gehirn vor, die sämtliche Informationen der Sinnesorgane verarbeitet, bewertet und in einen persönlichen Lebenskontext stellt. So eine Art Geschäftsführer, der über alle Informationen verfügt und die Geschicke des Unternehmens Ich lenkt.