Vollständige E-Book-Ausgabe der bei J.Kamphausen Verlag &
Distribution GmbH erschienenen Printausgabe

Wilfried Ehrmann: Vom Mut zu wachsen
© J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld 2011

Lektorat: Dr. Nadja Rosmann
Umschlaggestaltung: ad department
Motiv: © Creativeapril-Fotolia.com
Typografie/Satz: KleiDesign

1. Auflage 2011

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.

ISBN Printausgabe: 978-3-89901-341-2
ISBN E-Book: 978-3-89901-558-4

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Wilfried Ehrmann

Vom Mut zu wachsen

Die sieben Stufen der Integralen Heilung

image

Vorwort der Herausgeberin

Wer bin ich? Und wer könnte ich sein? Fragen wie diese sind es, die uns an die essenzielle Qualität unseres Menschseins erinnern, daran, dass wir uns im Leben eigentlich immer auf einem Pfad des Wachstums befinden. Ob in unserer individuellen Geschichte vom Säugling zum Erwachsenen oder als Gattung vom Menschenaffen zum heutigen Homo sapiens – dem einsichtsfähigen, weisen Menschen (lat.). In einem einzigartigen Wechselspiel aus innerem Antrieb und äußeren Anforderungen sind wir die geworden, die wir heute sind – wohl ahnend, dass dieser Weg noch nicht zu Ende ist.

Wilfried Ehrmann entwickelt in diesem Buch eine detaillierte Landkarte, die uns die Zusammenhänge zwischen Bewusstsein, Kultur und Evolution näher bringt, die zeigt, woher wir kommen und wohin wir wachsen können. Als Psychotherapeut mit der inneren Dynamik der Psyche wohlvertraut, verbindet er diese Innenwelten mit dem äußeren Sein. Er zeichnet ein eindrückliches Bild, wie sich im Geflecht von persönlicher und kultureller Perspektive, im Zusammenwirken unserer Handlungen in der Welt mit den Systemen, die wir etablieren, unser Hier und Jetzt formt, das Erbe der Vergangenheit weiterlebt und das Potenzial der Zukunft bereits am Horizont aufscheint.

In dieser Multiperspektivität, die in der Integralen Theorie ihren Niederschlag in den vier Quadranten findet, legt der Autor seinen Schwerpunkt auf die Entwicklungen, die sich an den Schnittstellen der jeweiligen Sphären vollziehen. Wie wirkt die Kultur, in der wir leben, auf unsere Art und Weise, die Welt wahrzunehmen? Wie prägen die Institutionen, die wir geschaffen haben, unser Denken? Welche Möglichkeiten der Entfaltung finden wir vor, wo stoßen wir an Grenzen?

Dabei wird augenscheinlich, dass es nicht zuletzt unsere Ängste sind, die uns zu weiterem Wachstum motivieren. Wo wir auf unserer gegenwärtigen Stufe der Entwicklung keine Möglichkeit mehr sehen, unsere Bedürfnisse zu stillen, beginnen wir Neuland zu erforschen – in der Hoffnung, dort Erfüllung und Sicherheit zu finden. Diese Aufwärtsbewegung bildet Wilfried Ehrmann in sieben Stufen der Bewusstseinsentwicklung ab, die sowohl die Menschheitsgeschichte als Ganzes als auch zentrale Aspekte des individuellen Reifens miteinander verbinden. In systematisch aufeinander abgestimmten Praxisübungen zeigt er, wie wir an der Reibung mit den äußeren Umständen wachsen können und wie diese innere Transformation nicht nur uns selbst dient, sondern auch in der Welt einen konstruktiven Impuls setzt.

So wie wir als Individuen unsere Fähigkeiten von der Geburt bis ins Erwachsenenalter Schritt für Schritt ausweiten, nimmt auch in der kulturellen und gesellschaftlichen Dimension die Spannweite von Werten und Systemen zu. Während die Integrale Theorie diese verschiedenen Entwicklungslinien klar voneinander trennt und für jede Linie eigenständige Entwicklungsstrukturen definiert, ist es ein Anliegen des Autors, die übergreifende evolutionäre Dynamik herauszuarbeiten und das Wechselspiel zwischen den verschiedenen Feldern greifbar zu machen. In dieser Metaperspektive treten die Differenzierungen, die die Integrale Theorie mit dem Ziel der Trennschärfe zwischen den Kategorien und der Vermeidung von Reduktionismen macht, zugunsten des Gesamtbildes und der wechselseitigen Verflechtungen in den Hintergrund.

Der Autor lädt uns zu einer spannenden Reise ein, die von den Wurzeln unseres Seins zum Potenzial der Ganzheit führt. So können wir einen Weg der Befreiung und Heilung beschreiten, der uns zu unserem wahren Selbst führt und auch neue Entwicklungsmöglichkeiten für die Menschheit als ganze eröffnet.

Dr. Nadja Rosmann

Herausgeberin der „Integralen Reihe“

Vorwort

Die gesamte Menschheitsgeschichte wirkt in uns, zum größten Teil verborgen. Diese Wirkung ist oft so subtil und fein in unsere Verhaltensmuster eingewoben, dass wir sie für selbstverständlich halten und gar nicht bemerken, dass und wie sie uns von dem entfernen, was wir aus uns heraus wollen und was uns wichtig ist.

In unserem individuellen Leben wiederholen wir in gewisser Weise die Entwicklung der gesamten Menschheitskultur. Die Herausforderungen, denen wir in unserem Leben begegnen, ähneln jenen, denen sich die ganze Menschheit stellen musste. So können wir aus unseren Vorläufern in der Geschichte lernen, wie ein Leben gelingen, aber auch, wie es scheitern kann.

Wenn wir die Geschichte in unserer Lebensentwicklung wiederholen, tun wir das auf unsere ganz eigene individuelle Weise. Es ist also nicht nur ein blindes Wiederholen von etwas, das schon millionenfach abgelaufen ist, sondern es ist immer ein Neu-Schreiben dieser Geschichte in unserer ganz eigenen Handschrift und auch ein Weiterspinnen dieser Geschichte in neue Bereiche hinein, die jede Lebensgeschichte eröffnet. Dies bewusst zu erkennen gibt uns ein Gefühl der Einzigartigkeit und zugleich der Verbundenheit mit der langen und großen Vergangenheit.

Mit Hilfe des Modells der Bewusstseinsevolution können wir unaufgelöste Themen unserer Vergangenheit, die uns das Leben bisweilen schwer machen, in größere Zusammenhänge einordnen und ihnen einen Referenzpunkt in der Vergangenheit geben. Dann wissen wir, wo wir mit der Auseinandersetzung beginnen müssen, für die dieses Buch gezielte Übungsanleitungen bietet.

Die Beschäftigung mit der Evolution des Bewusstseins ist also nicht darauf beschränkt, bloßes Wissen zu erwerben. Wir können sie gezielt dazu nutzen, unser Leben und Erleben zu transformieren. Wir können genauer zu den Wurzeln unserer Reaktionen, Probleme und Motivationen vorstoßen. Wir erwerben ein vertieftes Verständnis für uns selbst und für die Personen, mit denen wir es zu tun haben.

Wenn wir auf dem Weg der Selbsterkenntnis und Befreiung fortschreiten wollen, müssen wir dabei die wichtigsten Aufgaben jeder Stufe der Bewusstseinsevolution nachvollziehen. Was wir auf einer Stufe nicht schaffen, fehlt uns auf der nächsten. Sobald wir das Modell verstehen, wissen wir, wohin wir zurückgehen müssen, wenn wir irgendwo hängen geblieben sind. Und wir wissen auch, was wir dort nachholen müssen, so dass es uns als Ressource für unser weiteres Leben zur Verfügung steht.

Schließlich macht uns das Modell der Evolution des Bewusstseins klar, dass wir zwar viele verschiedene Ziele in unserem Leben anstreben, die alle ihren Sinn haben, aber keinen endgültigen. Die tiefste Suche in uns gilt der Ganzheit. Sie will zu etwas kommen, was nicht vergänglich ist und bloß kurzfristige Befriedigung gewährt, sondern was uns wirklich ruhig und gelassen werden lässt; was uns den inneren Frieden bringt, frei von der großen Angst und den kleinen Ängsten.

Die Kraft, die in uns bewirkt, dass wir auf unserem inneren Weg weiterkommen wollen, dass wir uns von Zwängen und Einengungen befreien wollen, ist diejenige, die weiß, wie es ist, mit allem verbunden und von Liebe getragen zu sein. Dieses Wissen tragen wir tief in uns. Es gehört genauso zu uns, wie es auch zum Vermächtnis der Menschheit insgesamt gehört, aufgezeichnet in uralten Schriften, wiederholt und neu aufgelegt zu allen Zeiten und in allen Kulturen.

Wenn wir uns eingestehen und zugestehen, in Richtung auf dieses große Ziel fortzuschreiten, gibt uns das Modell der Bewusstseinsevolution den Mut, auf dem Weg zu bleiben und weiterzugehen, so wie auch die gesamte Kulturentwicklung der Menschheit unterwegs ist zu diesem Ziel. Deshalb ist jeder Darstellung einer Entwicklungsstufe ein Reflexions- und Übungsteil nachgestellt, in dem wir uns unserer eigenen Evolutionsgeschichte bewusst werden können.

Sie haben eine Entdeckungsreise vor sich, wenn Sie sich in dieses Buch vertiefen. Auf dieser Reise wird Ihnen vielleicht Bekanntes in neuem Gewand begegnen, Sie werden unerforschte Gebiete kennen lernen und Aussichtspunkte erreichen, die Ihnen Überblicke über Bereiche Ihres Lebens bieten, die Ihnen bisher weniger vertraut waren.

Manchmal kann Sie die Reise durch trockene oder karge Landschaften führen, deren Schönheit Sie erst nach längerem Verweilen erkennen. Der Weg wird Sie auch an abenteuerliche und überraschende Plätze führen, vor allem, wenn Sie die Übungsteile in dem Buch zur Innenschau verwenden. Diese Reise soll Ihnen Mut machen: Mut, allem ins Auge zu sehen, was Sie vielleicht bisher vermieden haben; Mut, in die Zukunft weiterzugehen, mit Tatkraft und Einsatz für alles, was noch besser werden kann in Ihrem Leben und seinen Zusammenhängen.

Sie werden besser verstehen, dass Sie ein unendlich reiches Erbe der Geschichte in sich tragen, das Sie zur Belebung Ihres Alltags, Ihrer Beziehungen und all Ihrer Tätigkeiten verwenden können. Und Sie werden erkennen, dass Ihnen diese Geschichte die Ressourcen zur Verfügung stellt, die Sie in Zukunft brauchen werden. So, wie das kulturelle Bewusstsein der Menschheit einem stetigen Wachstum und einer kreativen Weiterentwicklung folgt, entfaltet sich auch Ihr Leben gemäß einem inneren Plan, dessen Stufen Sie mit Hilfe dieses Buches deutlicher wahrnehmen können. Sie lernen, der Kraft der Bewusstseinsentwicklung zu vertrauen, so dass Sie achtsam und zuversichtlich die Aufgaben erfüllen können, die Ihnen Ihr Leben täglich präsentiert.

Kultur, Bewusstsein, Evolution – eine Einführung

Modelle der Entwicklung des Bewusstseins haben etwas Faszinierendes an sich, weil sie eine Zusammenschau der Geschichte ermöglichen und mit unserer Lebenssituation verbinden. Dabei sind zwei Spannungsfelder zu meistern: Sie sollten so weit verallgemeinernd sein, dass die Einzelheiten, Fakten und Phänomene darin leicht Platz finden. Sie sollten aber auch so weit ins Detail reichen, dass am Konkreten verständlich ist, was an jeder Stufe prägnant hervortritt.

Die Stufen sollten in ihrer Abfolge eine Entwicklungsdynamik markieren, in der das Bisherige durch etwas grundsätzlich Neues überwunden wird. Zugleich sollte die kontinuierliche Weiterentwicklung des Ganzen mitvollzogen sein. Es müsste also sich voneinander unterscheidende Schritte geben, die plausibel aufeinander folgen und zugleich einem allgemeinen Bewegungsmuster gehorchen.

Das Modell der Spiraldynamik, auf das ich vor ein paar Jahren gestoßen bin, hat mir in seiner inneren Logik und seiner Verbindung von Einfachheit und Komplexität gefallen. Es geht auf den amerikanischen Psychologen Clare Graves (1914 bis 1986) zurück. Er schreibt dazu: „Die Psychologie des reifen menschlichen Wesens ist ein sich entfaltender, wachsender, oszillierender, spiralisierender Prozess, der durch progressive Unterordnung der älteren, unterrangigen Verhaltenssysteme zu den neueren, höheren Ordnungssystemen gekennzeichnet wird, da sich existentielle Probleme des Menschen verändern.“

Das Modell von Graves ist eine Weiterentwicklung der bekannten Motivationspyramide von Abraham Maslow und versteht sich als Zusammenfassung verschiedener Evolutionsmodelle. Es hat eine gewisse Verwandtschaft zu anderen Stufenleitern des Bewusstseins wie z.B. jenen von Jean Gebser und Ken Wilber. Noch weiter zurückgehend findet sich möglicherweise die „Phänomenologie des Bewusstseins“ von G.F.W. Hegel als Vorbild.

Nach eingehender Beschäftigung mit dem System habe ich einige Änderungen vorgenommen, die mir wichtig erschienen. Sie können zur besseren Verständlichkeit und Anwendbarkeit des Modells beitragen.

Die Evolution der Kultur und das Bewusstsein

Die Geschichte der Evolution endet nicht in ihrem Kulminationspunkt, dem Homo sapiens. Auch wenn dessen genetisches Substrat seit 40.000 Jahren weitgehend festgelegt ist, ist damit erst die Anfangsphase einer mindestens ebenso spannenden Entwicklung markiert, in deren Verlauf sich der Homo sapiens die Erde untertan macht, die erlesensten Formen der Kunst entfaltet, technische Raffinessen ersinnt, Millionen seinesgleichen umbringt und unzählige Ideen zur Findung des Glücks erforscht. Der Homo sapiens auf dem Weg zu sich selbst, das ist der Gegenstand dieses Buches. Ähnlich wie in der Naturgeschichte des Menschen, in der dieser klar unterscheidbare Stufen durchschreiten musste, um seine jetzige Verfasstheit auszubilden, können wir in der Kulturentwicklung Stufen feststellen, die unabdingbar sind, wenn der Mensch zu dem gelangen will, was er als seine Bestimmung erahnt, seit er das Licht dieser Welt erblickt hat.

Der Begriff der Evolution, den Charles Darwin unwiderruflich in die Wissenschaftsgeschichte eingebracht hat, wird für diese Darstellung vereinfacht und folgendermaßen verstanden: Evolution bedeutet, dass es unterschiedliche Kulturniveaus gibt, die aufeinander aufbauen, so dass die späteren die früheren voraussetzen und benötigen, und dass diese Niveaus hintereinander durchlaufen werden müssen.

Wir verzichten auf den Begriff des Zufalls, der eine wichtige Rolle in der Artenselektion nach Darwin spielt, und berufen uns stattdessen auf sein Gegenteil, die Notwendigkeit. Es ist zwar nicht immer möglich oder erforderlich, dass die nächsten Schritte der Evolution vorher bekannt sind, weil sie nicht einer berechenbaren Logik folgen. Die Notwendigkeit, von der hier die Rede ist, ist keine einer klassischen naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit.

Deshalb ist es möglich, dass es in einigen Gegend der Welt vor 12.000 Jahren zur Auflösung von tribalen Strukturen kam, während diese in anderen Gegenden bis heute weiter bestehen. Es besteht jedoch kaum noch Zweifel, dass auch die letzten Reste steinzeitlicher Kulturen früher oder später die nächsten Evolutionsstufen erreichen müssen, ob sie oder wir das gut finden oder bedauern.

Es handelt sich aber auch nicht um eine strenge Notwendigkeit. Das Fortschreiten in der kulturellen Evolution ist von so vielen Rückschritten, Seitwärtsbewegungen und Sackgassen gekennzeichnet, dass das Bild eines schematischen Fortschreitens nach immer derselben Logik von These, Antithese und Synthese zum Verständnis nur selten dienlich ist. Die Notwendigkeit, auf die wir uns hier stützen, beruft sich auf Beobachtungen der Menschheitsgeschichte und von uns selbst, von unseren inneren Wünschen und Bestrebungen. Sie zeigt sich in der immer wieder auftauchenden Suche nach etwas, das unsere Nöte wendet, als Einzelwesen, als Klein- und Großgruppen.

Die Kulturentwicklung verschränkt zwei Dimensionen miteinander: die Zwecksetzungen der Individuen, das also, was einzelne Menschen von sich aus anstreben und vermeiden, und die sozialen Gebilde, also die Geflechte, die sich aus dem Streben und Vermeiden der einzelnen Menschen zusammensetzen.

Was Menschen wollen oder nicht wollen, ist beeinflusst von dem, was die Menschen um sie herum wollen oder nicht wollen. Zusätzlich sind die Motivationen der Menschen abhängig von dem, was ihnen ihre natürliche Umgebung zu lösen aufgibt. Und sie stehen auch in dauernder Auseinandersetzung mit ihrer inneren Welt, mit den Erfordernissen ihrer inneren Selbstregulation. Aus dieser vielseitigen Einflussnahme erwächst das, was wir Kultur nennen. Die Grundmodelle dieser wechselseitigen Beeinflussung sind es, die hier abgehandelt werden.

Bewusstsein wird hier als die Kultur in uns verstanden. Wir erleben Kultur immer unmittelbar, so dass unser Bewusstsein, also die Formen und Inhalte unseres Erlebens, von ihr durchtränkt ist. Die meisten Kulturstufen, von denen in diesem Buch die Rede sein wird, sind als prägende Elemente unserer Erfahrungen präsent. Kultur wird direkt erfahrbar durch die Art und Weise, wie wir uns unserer selbst bewusst sind. Also wird eine Inuitfrau in vielen Dingen anders über sich und die Welt denken als eine Frau, die in einem Stamm in Afghanistan aufgewachsen ist, oder eine, die einer bestimmten indischen Kaste angehört.

Eine Bewusstseinsstufe umfasst die gesamte erlebte Wirklichkeit. Deshalb kann jede Stufe nur exemplarisch dargestellt werden, und der/die geneigte Leser/in kann anhand dieser beispielhaften Skizzierung sein/ihr eigenes Bild assoziativ ausbauen und vertiefen. Es gibt keine vollständige Rekonstruktion einer Stufe, es gibt nur Leitideen, die wir uns vergegenwärtigen können.

Zu einer Bewusstseinsstufe gehört die Art und Weise, wie sich Menschen bewegen, welche Sprachformen sie verwenden, was sie tun und was sie nicht tun, was sie denken und was sie nicht denken. Vieles davon können wir nur mutmaßen, doch geht es darum, für jede Stufe ein in sich stimmiges Bild zu entwickeln, das offen ist für jede Form von Erweiterung, Ergänzung und Vertiefung.

Wir rekonstruieren auch Motive und treibende Grundgestalten hinter den Handlungen, wir beschreiben dominante Grundgefühle und Motivationsmuster. Jede individuelle Handlung spiegelt die Bewusstseinsform wieder, aus der sie entspringt, jede Motivation trägt die Abzeichen des kulturellen Gefüges an sich, in die sie eingebettet ist.

Die Rede von Bewusstseinsstufen ist metaphorisch zu verstehen im Sinn einer Abfolge, der eine Entwicklungslogik innewohnt. Gemeint ist nicht, dass bei Betreten einer neuen Stufe alles gänzlich neu wird und das Alte in Vergessenheit gerät. Vielmehr bestehen Formen des Alten parallel zu den Errungenschaften einer neuen Stufe weiter und wandeln sich angesichts der neuen Erfahrungsorganisation in ihrer Bedeutung. Es gibt also in dieser Darstellung der Geschichte Überschneidungen und Gleichzeitigkeiten. Darüber hinaus manifestiert sich ein Fortschreiten vom „Niedrigen“ zum „Höheren“, das mit einer Zunahme an Komplexität verbunden ist, bei der das „Niedrige“ im „Höheren“ enthalten ist. Es wird also davon ausgegangen, dass im Weiterschreiten auf der Zeitlinie ein Zuwachs an Kompetenz entsteht.

Stufen sind metaphorisch auch in dem Sinn zu verstehen, dass die innere Entwicklung des Menschen eine Analogie dazu aufweist. Häufig werden wichtige Lernschritte so erlebt, dass alte Muster ihre Kraft verlieren und ein neues Niveau erreicht wird, das dem alten überlegen ist und deshalb beibehalten wird, bis der Schritt auf ein neues, noch höheres Niveau möglich wird. Beherrscht ein Kind die wesentlichen Elemente der Muttersprache, so haben die vorigen Muster der Kommunikation mit vorsprachlichen Mitteln ihre zentrale Bedeutung verloren, obwohl sie nie ganz verschwinden werden, und hinter dieses neue Niveau der differenzierteren Verständigung ist in der gesunden Entwicklung kein dauerhafter Rückfall möglich.

Bei Gruppen oder größeren Verbänden bis hin zu Gesellschaften verlaufen solche Entwicklungsschritte wesentlich langsamer und erstrecken sich über längere Zeiträume, so dass sie einer kontinuierlichen Geschichtsbetrachtung allenfalls am Rande auffallen, ähnlich wie Eltern beim Wachstum ihrer Kinder größere Schritte nicht so deutlich bemerken wie andere, die die Kinder nur ab und zu beobachten. Gesellschaften und Kulturen zeigen ebensolche Niveaus in ihrer Entwicklung, und um deren Relevanz und Wechselwirkung zur persönlichen Entwicklung geht es diesem Buch zu tun.

Unsere tiefsten Impulse und Gefühle stammen aus den ältesten Erfahrungsschichten der Menschheit. Deshalb hilft ein Verständnis der Funktionsweise von Bewusstseinsstufen bei der Erklärung unserer Einstellungen, Gefühle und Handlungen. Alle Stufen schwingen in jedem von uns, als Erinnerungen aus der kollektiven Seele. Wenn wir lernen, sie auseinander zu halten, also zu erkennen, welche unserer inneren Stimmen von welcher Ebene zu uns spricht, kann sich vieles in uns entwirren und wir können leichter Ordnung schaffen in unserem Innenleben. Wir entdecken dabei, dass wir manchmal Probleme, die einer höheren Bewusstseinsstufe angehören, mit den Mitteln einer davor liegenden Stufe zu lösen versuchen, und brauchen uns nicht mehr zu wundern, wenn wir keine Erfolge erzielen.

Aktivieren wir z.B. in einem Partnerschaftskonflikt, in dem es um besseres Verstehen der Bedürftigkeiten und Wünsche der Partner geht – Themen der fünften Stufe –, die Energien der zweiten Bewusstseinsstufe, so ist eine Eskalation des Streites in eine aggressive Richtung wahrscheinlich. Mobilisieren wir Kräfte aus der dritten Stufe, dann wird sich der Streit auf Rechthaben und wechselseitiges Aufzählen von Verfehlungen konzentrieren. Suchen wir dagegen die Ressourcen der übergeordneten Stufen, also z.B. des systemischen Bewusstseins, dann werden wir leichter das Ziel der verbesserten Einsicht in die Wünsche und Bedürfnisse des anderen erreichen.

Denken wir bei der Kraft, die hinter der Evolution wirksam ist, an das Bild des Wassers und stellen wir uns vor, wie eine Quelle neu aus dem Inneren eines Berges entspringt. Das Wasser hat einen beständigen Vorwärtsdrang, doch ist dieser nicht linear, sondern vollzieht sich in spiralförmigen Vor- und Rückwärtsbewegungen. Der ganze Ablauf des Weges, den das Wasser nimmt, ist im Einzelnen nicht vorhersehbar und bietet immer wieder Überraschungen. Wir wissen also nicht im Vorhinein, welchen Weg das Wasser genau nehmen wird und wie lange es brauchen wird, aber wir wissen, dass es ein Ziel gibt, zu dem das Wasser, das aus der Quelle sprudelt, letztlich gelangen wird, wenn es mit dem Ozean eins wird.

Entwicklungsstufen aus kultureller Perspektive

In der biologischen Vorgeschichte der Menschheit von der Entstehung des Lebens in einzelligen Organismen bis zu komplexeren Lebensformen finden wir bestimmte Grundansätze, aus denen sich die dynamischen Kräfte für die kulturelle Entwicklung der Menschheit verstehen lassen. Die Selbstorganisation des Lebens in der Polarität von Wachstum und Überlebenssicherung ist eingebettet in ein Netzwerk der Kooperation und Kommunikation. Damit sind schon in den Frühformen des Lebens alle wesentlichen Achsen der weiteren Geschichte ab der Entstehung des Menschen angelegt. Die angegebenen Zeitmarken beziehen sich auf das Aufkeimen der jeweiligen Stufe. Ihre vollständige Ausformung vollzieht sich über längere Zeiträume, die von Jahrhunderten bis zu Jahrtausenden reichen können.

1. Stufe (tribal):

Der Mensch ist ein gemeinschaftsbildendes Wesen (ein zoon politicon nach Aristoteles). Ohne das Zusammenleben mit anderen Menschen könnte er nicht überleben. Auch die nächsten Verwandten des Menschen, die Primaten, sind ausgeprägte Gruppentiere. Um die Gruppenstruktur zu sichern, entwickeln die Menschen Rituale und soziale Regeln. Die Tradition spielt eine mächtige Rolle, und die Informationsweitergabe geschieht vor allem durch das Erzählen. Der Einzelne ordnet sich der Gruppe unter. Die Älteren haben Vorrang vor den Jüngeren. Der Lebensraum ist überschaubar, die Verbindung zur Natur ist sehr eng.

2. Stufe (emanzipatorisch-individualistisch) – ab ca. 10.000 v.Chr.:

Die Entwicklung der Landwirtschaft bewirkt einen Bruch mit der tribalen Lebensweise und deren Traditionen. Dadurch wird es möglich, dass einzelne Individuen aus der Geschlossenheit der traditionellen Stammesgruppe heraustreten, die in der Mythologie als Helden bezeichnet werden. Sie stellen die Traditionen in Frage und wollen neue Werte setzen. Sie streben nach Unabhängigkeit und individueller Freiheit. Sie entwickeln starke Emotionen als Antrieb für ihr Handeln. In der Geschichte treten sie uns mit den ersten überlieferten Eigennamen entgegen. Dieses Bewusstsein erlebt im antiken Griechenland einen fast explosionsartigen Durchbruch.

3. Stufe (bürokratisch-hierarchisch) – ab ca. 3.000 v.Chr.:

Der Expansionsdrang der Helden stößt an Grenzen und muss neuen Ordnungssystemen Platz machen. Es entstehen Staatsgebilde und Großreiche, die mit Hilfe von hierarchischen Strukturen eine große Anzahl von Untertanen beherrschen. Die Emotionen werden von Gesetzen eingedämmt. Die Gewalt wird monopolisiert. Der Staat wird erfunden und perfektioniert. Hochreligionen finden weite Verbreitung. Erste Ansätze finden sich in den Hochkulturen der Antike.

4. Stufe (materialistisch) – ab ca. 1.500 n.Chr.:

Auf dieser Stufe werden die Prinzipien der Rationalität und Effektivität entwickelt. Kosten-Nutzen-Rechnungen bestimmen das Denken. Das Erlangen von individuellem Vorteil und Gewinn wird zur Lebensmaxime. Jeder ist seines Glückes Schmied, und der Staat soll so weit wie möglich eingeschränkt und entmachtet werden. Das freie Spiel der Kräfte lenkt nicht nur den Markt, sondern auch die Gestaltung des Gemeinwesens. Alles, was den Menschen umgibt, wird zum möglichen Objekt der Ausbeutung. Das Einsetzen dieser Stufe ist in Europa im Aufblühen der städtischen Kultur seit dem späteren Mittelalter zu beobachten.

5. Stufe (personalistisch) – ab ca. 1.750 n.Chr.:

Die Person des Menschen erschöpft sich nicht in seiner ökonomischen Entfaltung. Dem Zwang zur Vorteilsmaximierung wird die kreative Entwicklung der vieldimensionalen Person entgegengesetzt. Der Kapitalismus wird als System der „Entfremdung“ kritisiert. Das Leben wird als einmalige Chance zur Selbstverwirklichung erkannt. Jeder Mensch gilt als unverwechselbar und einzigartig, in seinem Sosein wertvoll. Hier werden die Grundsätze vor allem von den Vordenkern der Aufklärung formuliert.

6. Stufe (systemisch) – ab ca. 1.950 n.Chr.:

Die systemische Sichtweise geht über die Person hinaus. Hier wird erkannt, dass die Weiterentwicklung der Menschheit und die Lösung der Probleme, die sich auf diesem Weg ergeben, nur verfolgt werden können, wenn die komplexe Verflechtung der Motivationen und Interessen in ihrem Zusammenwirken erkannt wird. Die Einsicht in die Bedingtheit und wechselseitige Abhängigkeit jeder Handlung tritt in den Vordergrund. Alle sechs vorhergehenden Stufen werden in ihren Eigenheiten und Bedürfnislagen mit eingeschlossen, keine hat einen Machtanspruch über die anderen. Weltkonferenzen und Weltorganisationen sind Anzeichen dieser Stufe.

7. Stufe (holistisch):

Die systemische Sichtweise kann in die Gesellschaft nur dann implementiert werden, wenn sie von integren Menschen vertreten und ausgeübt wird. Persönliche Integrität beruht auf der Einsicht in die Begrenztheit aller vorhergehenden Bewusstseinsstufen und ihrer Überwindung durch persönliche Transformation, unter anderem durch die Bewältigung und Auflösung der Ängste und Sehnsüchte, die alle anderen Stufen antreiben. Das Lebenszentrum wird in den Moment verlagert, und die Handlungen entspringen dem, was im Moment zu tun ist. Alle vorigen Bewusstseinsstufen finden Berücksichtigung, aber keine kann sich in den Vordergrund drängen und Dominanz ausüben. In unseren Tagen treten immer mehr Weisheitslehrer auf, die den Geist einer toleranten und tiefgehenden Humanität verbreiten und die Menschen motivieren, mit sich und ihrer Umgebung Frieden zu schließen.

Die Stufen der individuellen Entwicklung

Wie manifestieren sich die Stufen der Evolution in jeder persönlichen Geschichte?

1. Stufe (tribal) – 1. Lebensjahr

Das Kind wird in eine Gemeinschaft (Familie) hinein geboren, und dort baut es von Anfang an seine Zugehörigkeitsgefühle auf. Geborgenheit und Vertrauen wachsen in dieser Phase.

2. Stufe (emanzipatorisch-individualistisch) – 2. Lebensjahr

Ab dem zweiten Lebensjahr entfaltet sich das Ich-Bewusstsein des Kindes, und es meldet Ansprüche und Widersprüche gegen die Erwartungen und Lenkungen der Familie an.

3. Stufe (bürokratisch-hierarchisch) – 4. Lebensjahr

Im Alter von vier bis fünf Jahren entwickelt sich das Verständnis für Regeln und Autoritäten. Rollenspiele zur Simulierung von Über- und Unterordnung werden entworfen. In den modernen Gesellschaften dienen diese Erfahrungen als Vorbereitung für die Einschulung.

4. Stufe (materialistisch) – Schulkindalter

Etwa ab dem 6. Lebensjahr entwickelt das Kind ein realistisches Weltbild, das sich von der magischen Welt des Kleinkindes absetzt. Die Begegnung mit der materiellen Welt tritt in den Vordergrund. Das Kind muss die Funktionsweise der Welt, in der es sich später bewähren muss, kennen lernen und verstehen. Die Leistungsmotivation entsteht, ebenso das Konkurrenzprinzip. Auch diese Wertstrukturen werden durch die Schulerfahrung mitgeprägt.

5. Stufe (personalistisch) – Pubertät

In der Pubertät wird die Erwachsenenidentität, das reife Ich-Bewusstsein gestaltet. Die individuelle Person findet zu ihrer Gestalt und zur Reflexion ihres eigenen Wachstumsprozesses, abgelöst von den Erwartungen und Vorstellungen der Eltern, der Gleichaltrigengruppe und der umgebenden Gesellschaft und Kultur.

6. Stufe (systemisch) – Erwachsenenalter

Mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter wächst das Verständnis für globale Zusammenhänge und es verstärkt sich die Fähigkeit zum systemischen Denken. Erfahrungen werden aus mehreren Blickpunkten betrachtet und die Urteile differenzieren sich. Das eigene Leben wird in einem größeren Zusammenhang gesehen und das Engagement für die Verbesserung der Welt erwacht.

7. Stufe (holistisch):

Das spirituelle Interesse greift zurück auf die Formen des magischen Denkens und die verschiedenen Phasen des Selbstzweifels und der Sinnfrage. Oft dienen Lebenskrisen dazu, das Vertrauen in die höheren Kräfte zu verstärken und sich der Weisheit zuzuwenden. Das holistische Bewusstsein kann schon in einzelnen Gipfelerlebnissen der Kindheit durchbrechen und bedarf später bei den meisten Menschen der gewollten Entscheidung zur Arbeit am Abbauen von Ängsten und der Hinwendung zur Tiefendimension der menschlichen Lebenserfahrung. Die siebte Stufe ist keinem Zeitpunkt und keiner bestimmten Lebensphase zugeordnet; manche Menschen beginnen diese Reise in jungen Jahren, manche im fortgeschrittenen Alter, manche überhaupt nie. In der traditionellen hinduistischen Kultur hat sie ihren Platz, wenn der Familienvater, Geschäftsmann und Politiker mit 65 oder 70 Jahren sein weltliches Leben aufgibt, den Bettelstab und die Schale nimmt und sich eine Höhle für die Meditation sucht.

Die organischen Grundstrukturen des Lebens und der Entwicklung

Menschliches Leben beruht auf den Funktionsabläufen des Körpers, die aus den Jahrmilliarden der Evolution der lebendigen Natur hervorgegangen sind. Mit der Entstehung des menschlichen Lebens hat sich ein qualitativer Sprung vollzogen, der das Phänomen der Kultur auf diesen Planeten gebracht hat. Kultur verstehen wir hier als eine Form der sozialen Interaktion von selbst-bewussten Wesen, die sich in der Gestaltung des Zusammenlebens sowie der Einflussnahme auf die natürliche Umwelt niederschlägt. Da wir in den vormenschlichen Lebensformen die Strukturen des Bewusstseins, wie es für das menschliche Kulturerleben und -schaffen maßgeblich ist, in der einfachsten Form erkennen können, ist es sinnvoll, auf die organischen Voraussetzungen der Kulturentwicklung kurz einzugehen.

Mit organischem Bewusstsein ist das Regelprinzip der grundlegenden Abläufe des Lebens gemeint. Die Urformen des Lebens sind Zellen. Jede Zelle ist lernfähig. Diese Lernfähigkeit ist ein wichtiger Parameter für den Erfolg der Zelle im Sinn der Erweiterung ihrer Lebensmöglichkeiten. Wir können davon ausgehen, dass sich auf der Ebene der Zelle die ersten Grundlagen der Kommunikation finden lassen. Die einzelnen Organellen der Zelle tauschen Informationen aus und richten ihre Aktivitäten nach den eingegangenen Informationen. So wird es Datenaustausch, Fragen und Antworten, Befehle und Rückmeldungen, möglicherweise selbst Ermutigung, Anerkennung und Kritik geben. Die sprachliche Kommunikation der Menschen ist damit eine Weiterentwicklung dieser Grundstrukturen der organischen Ebene. Hier finden wir die Basis für alle weiteren Evolutionsschritte angelegt. Insofern wohnt der Evolution eine innere Folgerichtigkeit inne. Sie entfaltet das, was in den einfachsten Lebensformen angelegt ist, zu größerer Komplexität.

Eine biologische Basis der Religionen

Ein Beispiel dafür: Die Grundstruktur der Religion liegt in der Selbstregulation der Lebensprozesse in jeder Form organischen Lebens. Jeder einzelne Teil (z.B. eine Organelle in einem einzelligen Organismus oder einzelne Zellen in einem komplexeren Lebewesen) erfüllt seine Funktion gemäß einem Gesamtplan, der dem einzelnen Teil nicht zur Disposition steht und der das Funktionieren des Ganzen gewährleistet. Jedes Element erfüllt seine Aufgabe mit dem „Bewusstsein“, das ihm der Gesamtzusammenhang vorgibt und ihm in seiner Gänze nicht einsichtig ist; das ist auch nicht notwendig, um die Teilaufgabe zu erfüllen. Notwendig ist aber die Rückbindung (religio) an das Ganze, das Bewusstsein, dass der Teil seine Aufgabe im Vertrauen, dass das Ganze schon wissen wird, was für sein Weiterbestehen wichtig ist, erfüllen muss.

Das Einzelelement weiß um die Existenz des Gesamtplanes, hat aber nicht die Bewusstseinskapazität, diesen Plan nachzuvollziehen und in allen Einzelheiten zu erkennen. Jedes Einzelelement weiß aber auch, dass es selber nicht überlebensfähig wäre, wenn es den Gesamtplan nicht gäbe. Es ist also auch in diesem Sinn rückgebunden.

Daraus kann gefolgert werden, dass die Existenz dessen, was später als das Göttliche bezeichnet wird, in jedem Lebewesen strukturell angelegt ist. Die einzelnen Glaubensformen, welche die Menschen im Lauf ihrer Geschichte bilden, sind Ableitungen aus diesen Grundlagen. Sie formulieren diese Vorgaben gemäß den Lebenserfordernissen und historischen Umständen aus, damit sowohl das Funktionieren des Ganzen als auch das Mittun der Einzelnen gewährleistet ist.

Die Grundansicht lautet also: Es gibt etwas Größeres oder Umfassenderes, das gewährleistet, dass es Leben gibt (Schöpfergott) und dass das Leben in seiner Komplexität funktioniert (erhaltender Gott). Die Menschen sind nicht mit dem Erkenntnisvermögen und der Intelligenz ausgestattet, die ihnen erlauben würden, den Gesamtplan zu entschlüsseln. Doch verfügen sie über so viel Einsicht, dass sie verstehen, dass es diesen Plan geben muss und dass eine höhere Macht dafür verantwortlich und zuständig ist, die selber „jenseitig“ ist, also nicht Gegenstand des menschlichen Erkenntnisvermögens sein kann.

Die menschliche Einsicht bezieht sich auf die eigene Grenze und auf die Ahnung oder Gewissheit (Glaube), dass das, was jenseits der Grenze wirkt, verantwortungsvoll und „gut“ agiert. Auch bedeutet das, dass sich das menschliche Handeln an der Grenze der eigenen Bedingtheit orientieren muss, wenn es dem Ganzen und damit sich selbst dienlich sein soll. Destruktiv (oder „Böse“ im moralischen Sinn) ist menschliches Handeln dort, wo es vermeint, den Sinn des Ganzen zu repräsentieren, und unter diesem Deckmantel das egoistische Eigeninteresse verfolgt – ähnlich wie Zellen, die nur ihrem eigenen Plan folgen, ohne sich mit dem Ganzen abzustimmen und durch blindes Wachstum dem Organismus großen Schaden zufügen können.

Nach dieser Ansicht ist der Mensch in seinem Lebensvollzug religiös wie jede sonstige Form des Lebens auch. Die explizite Form der Religionsausübung bezieht ihre Plausibilität aus dieser Grundlage. Dazu kommt allerdings noch durch die Weiterentwicklung des Denkens die Fähigkeit des Zweifels an allem, auch an den eigenen Grundlagen, die dann zu atheistischen oder agnostischen „Glaubensformen“ führen kann.

Wachstumszustand und Schutzzustand

Organische Strukturen von den Einzellern bis zu den komplexesten Säugetieren verfügen über eine einfache Grundstruktur, die das innere Gleichgewicht mit den äußeren Umweltbedingungen abstimmt. Befindet sich der Organismus in förderlichen Umständen, schwimmt z.B. ein einzelliges Wesen in einer Nährlösung, dann laufen die Stoffwechselvorgänge in optimaler Form, und das Wesen kann sich entsprechend seiner inneren Programmierung kreativ entfalten. Dieser Zustand kann deshalb als Wachstumszustand bezeichnet werden. Auch leichte und vorübergehende Herausforderungen, die Stress bereiten, zählen zu diesem Zustand, weil sie sich förderlich auf die Leistungsbereitschaft und Motivation der Lebewesen auswirken.

Verändern sich die Außenbedingungen in eine ungünstige Richtung, muss sich das Wesen schützen, um sein Überleben zu sichern. Es mobilisiert alle verfügbaren Energien, um der Gefahr zu trotzen oder ihr zu entrinnen (Kampf oder Flucht). Die Stressmechanismen werden aktiviert. In diesem Fall sprechen wir vom Schutzzustand.

Im glücklichen Fall gelingt die Befreiung von der Gefahr, und der Organismus kann wieder, nachdem die Energiereserven aufgefüllt sind, in den Wachstumszustand zurückkehren. Im ungünstigen Fall ist der Organismus einer starken und andauernden Belastung ausgesetzt, verbraucht wichtige Ressourcen, neigt zu Degeneration und kann schließlich auch daran zugrunde gehen. Die dritte Möglichkeit besteht darin, dass zwar der Gefahrenzustand nicht beendet werden kann, die Bedrohung aber auch nicht so mächtig ist, dass sie den Organismus zerstören könnte. Dann wird der Schutzzustand vorherrschend, und der Wachstumszustand kann nur mehr eingeschränkt arbeiten. Mit der Zeit werden mehr Reserven verbraucht als aufgebaut, so dass der Organismus einer schleichenden Auszehrung ausgesetzt ist. Irgendwann muss der Schutzzustand beendet werden oder der Organismus verendet durch Erschöpfung.

Die Grundlagen der menschlichen Gefühle

Diese beiden Zustände sind Grundbefindlichkeiten von lebenden Systemen auf allen Entwicklungsstufen. Ab einer bestimmten Stufe werden sie als Gefühle spürbar. Dem Wachstumszustand entsprechen alle Gefühle, die wir gerne als „positiv“ bezeichnen. Es sind die Gefühle, die uns zum Wachsen inspirieren – zum Wachsen in der Liebe (Gefühle beim Verlieben, beim Versorgen von Kindern), zum Wachsen in der Welt (Gefühle bei Erfolg und Vollendung von Projekten), zum Wachsen in der Kreativität (Gefühle der Freude bei neuen Ideen und eigenen Schöpfungen), zum Wachsen im Bewusstsein (Gefühle bei Gipfelerfahrungen und religiösen Öffnungen). Die organische Grundlage für diesen Zustand und für die damit verbundenen Gefühle bildet ein Teil des vegetativen Nervensystems, über den nur die Säugetiere verfügen und der für die Steuerung sozialer Aktivitäten zuständig ist („smart Vagus“).

Dem Schutzzustand entsprechen alle Gefühle, die wir meistens als schlecht oder negativ bezeichnen. Es ist vor allem die Angst, die uns ein Gefühl der Einschränkung und der Verspannung vermittelt. Sie ist der Gegenpol zur Erweiterung und Gelöstheit, wie wir sie im Zustand der Liebe und Kreativität erleben. Aus der Angst abgeleitet sind die anderen Gefühle wie Zorn (zur Verteidigung unserer Grenzen in Notfällen), Schmerz und Traurigkeit (zur Verarbeitung eines Verlustes und einer überstandenen Bedrohung) oder Ekel (als Schutz vor schädlichen Einflüssen). Alle diese Gefühle, die wir als Schutzgefühle bezeichnen können, geben uns den Hinweis darauf, dass wir uns bedroht fühlen und von Angst geleitet sind. Sie sind die Wurzel von dysfunktionalem Erleben (wir verfügen nur über eine eingeschränkte Wahrnehmung in diesem Zustand) und Handeln (unser Repertoire an Verhaltensweisen ist stark reduziert und nutzt im Wesentlichen alle möglichen Varianten des Kampf- oder Fluchtverhaltens). Auf der Ebene des Nervensystems ist dafür der Sympathikus zuständig, über dessen Kampf-Flucht-Schema schon einfache Lebewesen verfügen.

Natürlich entwickelt sich die Gefühlswelt über diese Wurzeln hinaus weiter. Die menschlichen Kommunikationsbedürfnisse erfordern ein breites Spektrum an Gefühlen, die als Signale zur Verständigung genutzt werden. Doch in herausfordernden Situationen greifen wir immer wieder auf die tiefverwurzelten, einfachen Gefühlsreaktionen zurück.

Zwei Triebkräfte der Evolution

Diese Dualität von inneren Zuständen spiegelt zwei Triebkräfte wider, welche die Evolution des Bewusstseins vorantreiben: Einerseits sind die Kräfte des Wachstums am Werk, die etwa im Falle einer Zelle bei deren Erweiterung an eine physikalische Grenze stoßen. Der Zusammenschluss mehrerer Zellen zu Zellverbänden und damit das Erreichen eines neuen, höheren Organisationsniveaus trägt dieser Dynamik Rechnung. Andererseits wirken die Kräfte des Schutzes. Sie arbeiten an der Überwindung von Bedrohungsszenarien, die sich auf einer Ebene als unüberwindlich darstellen, indem eine neue Organisationsform erprobt wird.

Die zweite Form ist nur dann erfolgreich, wenn auf der neu erreichten Stufe der Organisation nach ihrer Etablierung genügend kreative Kräfte zur Verfügung gestellt werden können, um gewissermaßen den Brückenkopf im neuen Gelände auszubauen und zu stabilisieren. Sonst misslingt der evolutionäre Schritt, und es kommt zum Rückfall in die alte Struktur.

Die unglaubliche Vielfalt der Natur, die Wunder, die sie dem staunenden Betrachter im Großen wie im Kleinen bieten kann, sind Ausdruck der unermesslichen kreativen Kräfte. Jede Blüte in ihrer überschwänglichen Pracht zeigt, wie die Pflanze ihr Wachstum und ihre Fruchtbarkeit feiert. Wenn wir Schönheit erleben, drücken wir das Staunen über die Fülle und den Reichtum aus, die aus der unerschöpflichen Quelle der Kreativität fließen.

Die Angst als treibenden Faktor der Evolution zu bezeichnen, ist nicht ganz zutreffend. Wohl spielen Ängste auf allen Bewusstseinsstufen außer der letzten eine dominante und prägende Rolle. Sie engen die Wahrnehmung und das Denken ein. Jede Stufe versucht, die speziellen Ängste der vorigen zu überwinden und sich mit den Ängsten, die auf der neuen Stufe spürbar werden, zu arrangieren. Diese Arrangements sind aber nie dauerhaft und werden brüchig, so wie Dämme gegenüber den immer wieder anbrandenden Wassermassen irgendwann nachgeben.

Dann kommen die Phasen der Krisen und des Umbruchs. Das Neue muss sich die Bahn selbst brechen, wie das Baby, das seinen schmerzhaften und riskanten Weg durch den Geburtskanal nehmen muss. Massive Ängste begleiten diese Durchgangsstadien, aber auch starke Impulse für das Vorwärtsschreiten, die sich den Ängsten als überlegen erweisen, wenn der Durchbruch zum Neuen gelingt.

Letztlich ist es also der Wachstumsimpuls, der hinter den Bewältigungsversuchen der Angst aktiv ist. So könnte die gesamte menschliche Kreativität auch als die große Unternehmung verstanden werden, die Ängste zu bannen. Sie findet den Lohn ihrer Anstrengung in dem Glücksgefühl, das jeder Errungenschaft, die wider angstbesetzte Hemmnisse verwirklicht werden konnte, innewohnt. Jede Befreiung entbindet neue kreative Kräfte, die wiederum dem weiteren Fortschreiten der Evolution zur Verfügung stehen.

Damit eine neue Bewusstseinsstufe erreicht wird, braucht es also zweierlei: die Kreativität, die wir dem Wachstumszustand verdanken, und die Bewahrung, die vom überlebenssichernden Schutzzustand beigesteuert wird. Ohne Wachstumszustände würde das Leben auf dem jeweiligen Niveau, auf dem es sich befindet, verkümmern und bestenfalls stagnieren. Wachstumszustände sind Zustände des Experimentierens und des Variierens, so wie ein Maler in Ruhe unterschiedliche Farbtöne ausprobiert, bis er die optimale Mischung gefunden hat. Schritte in neue Stufen werden probeweise unternommen, wie ein Entdecker, der auf Neuland trifft und die ersten Erkundungen macht. Vorsicht ist dabei angebracht, weil die möglichen Gefahren, die auf der neuen Stufe bestehen, noch nicht bekannt sind. Der Entdecker muss damit rechnen, dass es auf der neuentdeckten Insel gefährliche Tiere gibt; er muss den inneren Alarmzustand aktivieren. Geht er zu sorglos vor, kann der kreative Neuanfang gleich wieder in sich zusammenbrechen. Doch ohne das Moment des überschießenden Mutes, der mit jedem kreativen Schritt verbunden ist, wird er gar nicht auf die Idee kommen, unbekannte Inseln zu suchen.

Wie gesagt, kennt jede Bewusstseinsstufe eine spezifische Form der Angst. Das ist der Schatten der Form der Daseinsbewältigung, die in dieser Stufe im Vordergrund steht. Diese Angst bewirkt die charakteristischen Einschränkungen in der Wahrnehmung dieser Zeit, die Prägung der Emotionalwelt und der Denkstrukturen und die Auswahl der zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen. Aus diesem Repertoire samt seiner jeweiligen Begrenztheit bildet sich die Grundmatrix einzelner Gesellschaftsformen und Kulturräume. Jede Kultur hat also ihre ihr eigentümliche Wirklichkeit, die durch die spezifisch eingeengten, von Ängsten gesteuerten Wahrnehmungsweisen erzeugt wird.

Die „wirkliche“ Wirklichkeit offenbart sich erst dem vorbehaltlosen und angstfreien Blick, wie er von der siebten Bewusstseinsstufe aus möglich ist. Das ist die Sichtweise, die sich nach Ansicht der Inder von maya (vom Schleier der Illusion) befreit hat.

Die sieben Entwicklungsstufen

image

1. Stufe: Das tribale Bewusstsein – Menschsein als Zusammengehörigkeit

Jeder Teil dieses Landes ist meinem Volke heilig. Jeder Hang, jedes Tal, jede Ebene und jedes Gehölz ist geheiligt durch eine zärtliche Erinnerung oder eine traurige Erfahrung meines Stammes.

Chief Seattle

Charakteristika:

Gruppenzusammengehörigkeit, Tradition, Rituale, Naturverbundenheit, Überlebensängste

Tokolu sitzt im Kreis der anderen am Feuer. Es wird geschwatzt und gescherzt. Die Kinder laufen herum und spielen zwischen den Erwachsenen. Die kleineren sitzen bei der alten Kanabai und lauschen gebannt den Geschichten, die sie erzählt – Geschichten vom Rabenmann, von den Baumgeistern und Regenmachern.

In ein paar Tagen wird das Ritual beginnen, das ihm den Eintritt ins Erwachsenenalter ermöglicht. Wenn er es geschafft hat, wird er im Kreis der Männer sitzen und jedes Mal auf die Jagd mitgehen. Er hat gelernt, mit Pfeil und Bogen umzugehen und den Speer zielsicher abzuschießen.

Das Ritual wird hart und herausfordernd werden, aber er freut sich darauf. Die Mädchen werden ihn bewundern, wenn er es geschafft hat.

Er blickt sich um. Er kennt alle, die hier um das Feuer sitzen, vertraute Gesichter, vertrautes Lachen, vertraute Späße. Er gehört dazu und er fühlt sich sicher in dem Kreis seines Stammes.

Ritualisierte Gemeinschaften

Der Sprung vom Einen zum Vielen, zur Verbindung des Eigenen mit dem Anderen wird schon dort vollzogen, wo sich einzelne Zellen zu Zellverbänden zusammenschließen. Der Schritt geschieht, weil sich Zellen nicht über ein gewisses Maß hinaus vergrößern können. Wenn sie ihr Überleben besser sichern wollen, müssen sie über ihren „individualistischen“ Schatten springen und Koalitionen mit anderen Zellen eingehen. Es bilden sich mehrzellige Organismen aus, die auf der Grundlage von Arbeitsteilung funktionieren.