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THICH NHAT HANH

Antworten von Herzen

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Brauchbare Ratschläge für dringliche Lebensfragen

Aus dem Englischen von Ursula Richard

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Inhalt

Einführung

ERSTES KAPITEL: Das tägliche Leben

ZWEITES KAPITEL: Familie, Elternschaft und Beziehungen

DRITTES KAPITEL: Spirituelle Praxis

VIERTES KAPITEL: Engagierter Buddhismus

FÜNFTES KAPITEL: Krankheit und Gesundheit,
Tod und Sterben

SECHSTES KAPITEL: Fragen von Kindern

SIEBTES KAPITEL: Übungen zur täglichen Achtsamkeit

EINFÜHRUNG

Wenn Sie der Achtsamkeitspraxis erstmalig begegnen, haben Sie vielleicht Millionen Fragen. Doch bevor Sie sich damit an andere wenden, um Antworten zu erhalten, sollten Sie selbst mit diesen Fragen sitzen. Möglicherweise werden Sie überrascht feststellen können, dass Sie die meisten Fragen selbst beantworten können, wenn Sie sie tief anschauen und berühren.

Wir haben die Gewohnheit, stets außerhalb von uns zu schauen, in dem Glauben, Weisheit und Mitgefühl könnten uns ein anderer Mensch oder der Buddha oder seine Lehren (Dharma) oder die Gemeinschaft (Sangha) geben. Doch Sie sind der Buddha, Sie sind das Dharma, Sie sind die Sangha.

Das Buch will Sie nicht über Buddhismus belehren. Wissen über den Buddhismus anzusammeln wird nicht Ihre brennenden Fragen beantworten. Wir müssen Kenntnis über die Dinge erlangen, die uns dabei helfen, unser eigenes Leiden zu transformieren, die Situationen, in denen wir uns verfangen haben. Ist unser Lehrer ein wirklicher Lehrer, dann werden uns seine Worte helfen, mit dem Leben in Berührung zu sein und uns von vorgefassten Meinungen, Ansichten, von Wut und Gewohnheitsenergien zu lösen. Das Ziel einer wahren Lehrerin ist, die Transformation ihrer Schüler und Schülerinnen zu unterstützen.

Unterschätzen Sie die Kraft einer guten Frage nicht. Von einer guten Frage können viele Menschen profitieren. Unsere Frage sollte von Herzen kommen, sie sollte etwas mit unserem Glück, unserem Leiden, unserer Transformation und Übung zu tun haben. Eine gute Frage muss nicht lang sein.

Im neunten Jahrhundert lebte der berühmte Zen-Meister Linji. Er war für seine »Zen-Gefechte« zwischen Lehrer und Schüler sehr berühmt. Als Schüler erhob man sich und stellte dem Meister eine Frage, um herauszufinden, ob das eigene Verständnis gereift war. Linji benutzte den Ausdruck »auf das Schlachtfeld treten«. Manchmal war der Schüler siegreich, manchmal verlor er. Als mir Menschen die Fragen gestellt haben, die in diesem Buch enthalten sind, mussten sie kein Schlachtfeld betreten. Im Kampf gibt es immer jemanden, der gewinnt, und jemanden, der verliert. Ich versuche jede Frage und jeden, der eine Frage stellt, mit Mitgefühl zu betrachten, so als hätte ich die Frage selbst gestellt.

Das bedeutet nicht, dass die Antworten dem entsprechen, was wir hören wollen. So wie wir die Neigung haben, vor einer Spritze oder einer Arznei zurückzuschrecken, selbst wenn sie gut für uns ist, haben wir auch die Neigung, vor Antworten wegzulaufen, die schmerzvolle Lebensbereiche berühren.

Manchmal sind Zen-Antworten wie Rätsel, die den Denkprozess des Schülers, der Schülerin stoppen sollen. Denken ist nicht erwachtes Verstehen. Erwachtes Verstehen ist schneller als ein Blitz. Beim Denken hingegen macht man Fehler.

Manchmal muss der Lehrer in einer Weise antworten, die Meister Linji das »Entfernen des Objekts« genannt hat. Das bedeutet, wenn jemand beispielsweise mit einer Frage zum Lehrer kommt und dieser sehr viel Zeit damit verbringt, dieses und jenes zu erklären, ohne dass sich dies als hilfreich erweist, dann wird der Schüler möglicherweise in Gedanken und Ansichten verfangen bleiben. Der Lehrer entfernt die Frage, was durchaus das falsche Hindernis gewesen sein konnte. Ich entferne oft das Objekt und gebe damit die Frage an die Schülerin zurück.

Ich hoffe, dass wir in einigen der Fragen und Antworten in diesem Buch die Form der Heilung finden können, die wir im Tiefsten brauchen. Die Lehrworte des Buddha werden die »alles umfassenden Klänge« genannt. Dies bedeutet, dass die Worte ihrem Wesen nach Fülle sind und alle Arten menschlichen Befindens berühren. Alles umfassender Klang meint auch, dass eine Lehre den Hörenden angemessen ist; sie kann unsere tatsächlichen Umstände berühren. Fragen und Antworten bieten uns die Gelegenheit, unsere Fähigkeit zu kultivieren, mit Offenheit und Empfänglichkeit und in Stille zuzuhören. Hören wir in dieser Weise zu, werden wir mit Sicherheit die Medizin empfangen, die wir brauchen.

ERSTES KAPITEL

Das tägliche Leben

Frage: Ich weiß nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Ich fühle mich in viele verschiedene Richtungen gezogen, kann aber nie bei einer Sache bleiben. Ich fühle mich immer unglücklich und durcheinander. Was kann da helfen?

Antwort: Manchmal pflanzen wir Rosen, indem wir Ableger nehmen. In dem Wissen, dass der Zweig keine Wurzeln hat, stecken wir den Ableger in feuchte Erde. Lassen wir den Zweig lange genug in nährstoffreicher, feuchter Erde, wird er Wurzeln schlagen und stabil werden. Sie haben das Potenzial, ein schöner Rosenbusch zu werden, doch brauchen Sie dazu etwas Erdreich, und Sie müssen lange genug in der Erde bleiben, damit Ihre Wurzeln stark und kräftig werden.

Wir sind daran gewöhnt, Leiden negativ zu bewerten. Lassen Sie uns lernen, Leiden als etwas Positives zu sehen. In der Lehre des Buddha wird Leiden als eine edle Wahrheit bezeichnet, und wir können viel daraus lernen. Ein Mensch sollte fähig sein, mit Leiden und mit Glück umzugehen. Beide gehen stets Hand in Hand; gäbe es kein Leiden, gäbe es auch kein Glück. Wir alle haben eine ganz natürliche Tendenz, Leiden zu vermeiden, und das ist gar nicht gut für uns. Ohne Leiden können wir nicht in unserem Menschsein wachsen; wir könnten nicht lernen, verständnisvoller und mitfühlender zu sein. Darum müssen wir wissen, wie wir das Leiden erkennen und wie wir es umarmen können. Solange Sie vor dem Leiden davonlaufen, werden Sie weiter leiden. Viele Menschen haben das Gefühl, ohne Wurzeln zu sein. Sie brauchen die richtige Umgebung, die richtige Erde, um Wurzeln zu schlagen. Eine Sangha, eine liebevolle Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, wird Ihnen die richtige Art der Unterstützung geben, und Sie werden bald auf eigenen Füßen stehen können. Ein Ableger braucht nicht lange, um ein Rosenbusch zu werden.

F: Ich fühle mich schuldig, wenn ich nicht beschäftigt bin. Ist es in Ordnung, nichts zu tun?

A: In unserer Gesellschaft wird Nichtstun im Allgemeinen als etwas Negatives angesehen, als ein Übel. Doch wenn wir uns in Aktivitäten verlieren, dann mindern wir unsere Lebensqualität. Wir tun uns selbst einen schlechten Dienst damit. Es ist so wichtig, dass wir uns selbst schützen, dass wir unsere Frische und unseren Humor bewahren, unsere Freude und unser Mitgefühl. Im Buddhismus kultivieren wir »Absichtslosigkeit«, und in der buddhistischen Tradition ist der ideale Mensch, ein Arhat oder Bodhisattva, ein »beschäftigungsloser Mensch« – jemand, der nirgendwo hingehen muss und nichts zu tun hat.1 Die Menschen sollten lernen, einfach da zu sein und nichts zu tun. Versuchen Sie, einen Tag lang nichts zutun; wir nennen das einen Mußetag. Für viele von uns, die so daran gewöhnt sind, ständig von hier nach da zu rennen, ist ein solcher Mußetag tatsächlich sehr harte Arbeit! Es ist gar nicht so einfach, nur zu sein. Können Sie glücklich sein, entspannt sein, können Sie lächeln, während Sie nichts tun, dann sind Sie sehr stark. Die Lebensqualität, die aus dem Nichtstun erwächst, ist sehr wichtig. Nichtstun ist etwas. Bitte schreiben Sie das auf und hängen Sie es zu Hause sichtbar auf: Nichtstun ist etwas.

F: Mein Streben nach Erfolg hat schon zu viel Leid geführt. Was immer ich auch tue, es reicht nie aus, ist nie genug. Wie kann ich mit mir Frieden schließen?

A: Die Qualität Ihres Handelns hängt von der Qualität Ihres Seins ab. Nehmen wir an, Sie sind darauf erpicht, jemanden glücklich zu machen. Das ist eine gute Sache. Doch wenn Sie selbst nicht glücklich sind, können Sie das gar nicht tun. Um einen anderen Menschen glücklich zu machen, müssen Sie selbst glücklich sein. Es gibt also eine Verbindung zwischen Tun und Sein. Sind Sie nicht in Ihrem Sein erfolgreich, können Sie auch nicht erfolgreich in Ihrem Tun sein. Wenn Sie nicht das Gefühl haben, auf dem rechten Weg zu sein, dann ist Glück unmöglich. Das gilt für alle; wenn Sie nicht wissen, wohin Sie gehen, leiden Sie. Es ist sehr wichtig, dass Sie Ihren Pfad erkennen und Ihren wahren Weg vor sich sehen.

Glücklichsein bedeutet zu spüren, dass Sie in jedem Augenblick auf dem rechten Weg sind. Sie müssen nicht am Ende der Wegstrecke ankommen, um glücklich zu sein. Der rechte Weg bezieht sich darauf, wie Sie Ihr Leben in jedem Augenblick konkret leben. Im Buddhismus sprechen wir vom Edlen Achtfachen Pfad: Rechte Sicht, Rechtes Denken, Rechte Rede, Rechtes Handeln, Rechter Lebenserwerb, Rechte Bemühung, Rechte Achtsamkeit und Rechte Sammlung. Es ist uns möglich, den Edlen Achtfachen Pfad in jedem Moment unseres Alltags zu leben. Das macht nicht nur uns glücklich, sondern auch die Menschen in unserem Umfeld. Wenn Sie den Pfad praktizieren, werden Sie sehr freundlich, frisch und mitfühlend werden.

Betrachten Sie den Baum im Vorgarten. Der Baum scheint nichts zu tun. Er steht einfach da, kraftvoll, frisch und schön, und alle profitieren von ihm. Das ist das Wunder des Seins. Wäre der Baum weniger als ein Baum, hätten wir alle Probleme. Doch wenn ein Baum einfach nur wirklich Baum ist, dann gibt es Hoffnung und Freude. Können Sie also Sie selbst sein, dann ist das bereits Handeln. Handeln gründet in Nicht-Handeln; Handeln ist Sein.

Es gibt Menschen, die sehr viel tun, die aber auch viele Probleme bereiten. Je mehr sie zu helfen versuchen, desto mehr Probleme verursachen sie, selbst wenn sie die besten Absichten haben. Sie sind nicht friedvoll und auch nicht glücklich. Es ist besser, sich nicht so sehr abzumühen, sondern einfach nur zu sein. Dann werden Frieden und Mitgefühl in jedem Augenblick möglich sein. Auf dieser Grundlage kann alles, was Sie sagen oder tun, nur hilfreich sein. Können Sie dazu beitragen, dass jemand weniger leidet, dass jemand lächelt, dann fühlen Sie sich belohnt und werden viel Glück empfangen. Zu wissen, dass Sie hilfreich sind, nützlich für die Gesellschaft, das ist Glück. Gehen Sie einen Weg und genießen Sie jeden Ihrer Schritte, dann sind Sie bereits jemand; Sie brauchen dann niemand anderes zu werden.

Im Buddhismus kennen wir die Praxis von apranihita, Ziel- oder Absichtslosigkeit. Wenn Sie ein Ziel vor sich errichten, laufen Sie Ihr ganzes Leben lang darauf zu, und Glück wird nie möglich sein. Glück ist nur möglich, wenn Sie aufhören zu rennen und den gegenwärtigen Moment wertschätzen und das, was Sie sind. Sie müssen nicht jemand anderes sein; Sie sind bereits ein Wunder des Lebens.

F: Wann immer ich etwas tue, ist mein Geist bereits bei der nächsten Sache oder wieder bei der vorigen. Was kann ich tun, um damit aufzuhören, ständig über ungelegte Eier nachzugrübeln?

A: Wenn Sie mehrere Briefe erhalten, müssen Sie entscheiden, welchen Sie zuerst lesen. Vielleicht gibt es zwei Briefe, die Sie für gleich wichtig halten. Doch Sie müssen eine Entscheidung treffen; Sie müssen einen als Erstes öffnen. Bleiben Sie bei der Entscheidung, sobald Sie sie getroffen haben. Überqueren Sie eine Brücke, dann denken Sie nicht an die Brücke, die Sie nicht genommen haben; Sie werden sie vielleicht noch einmal überqueren, aber erst nachdem Sie die erste genommen haben. Das ist unsere Praxis. Der Rechtsanwalt ist ganz bei dem Klienten, der gerade bei ihm ist, nicht bei dem, der später kommt. Die Ärztin ist ganz auf die Patientin vor ihr fokussiert. Das ist Konzentration, Achtsamkeit, einsgerichteter Geist. Haben Sie sich nicht darin geübt, Ihre gesamte Aufmerksamkeit auf ein Objekt zu richten, gibt es Zerstreutheit und Unruhe. Sie müssen vollkommen, hundertprozentig im Hier und Jetzt sein.

F: Wie können wir die Praxis der Achtsamkeit und des Lebens im gegenwärtigen Augenblick mit einem Leben verbinden, in dem wir auch Pläne schmieden müssen?

A: Die Achtsamkeitspraxis verbietet uns nicht, für die Zukunft zu planen. Es ist gut, sich nicht in Unsicherheit und Angst vor Zukünftigem zu verlieren, aber wenn wir wahrhaft im gegenwärtigen Moment gegründet sind, können wir die Zukunft in das Hier und Jetzt bringen und Pläne schmieden. Wir verlieren den gegenwärtigen Moment nicht, wenn wir an die Zukunft denken. Tatsächlich umfasst der gegenwärtige Moment sowohl Vergangenheit als auch Zukunft. Die Zukunft besteht nur aus dem Material der Gegenwart. Wenn Sie wissen, wie Sie auf für Sie bestmögliche Weise in der Gegenwart leben, ist das alles, was Sie für die Zukunft tun können. Mit unserer gesamten Aufmerksamkeit den gegenwärtigen Moment zu bewältigen bedeutet, bereits unsere Zukunft zu erschaffen.

F: Wie können wir uns schlechter Gewohnheiten bewusst werden und sie verändern?

A: Negative Gewohnheiten versuchen immer zutage zu treten, doch wenn Sie achtsam sind, dann bemerken Sie es. Achtsamkeit hilft uns, die Gewohnheiten, die uns von unseren Vorfahren und unseren Eltern übermittelt wurden oder die wir in der Kindheit erworben haben, zu erkennen. Durch dieses bloße Erkennen verlieren sie oft schon an Kraft und Einfluss. Nehmen wir an, Sie haben die Gewohnheit, beim Einkaufen oder Kochen schnell in einen gehetzten Zustand zu verfallen. Dank der Achtsamkeit erkennen Sie, dass Sie umhereilen und Gegenstände umwerfen, weil Sie versuchen, schnell fertig zu werden. Dadurch wird Ihnen klar, dass sich so die Energie der Gehetztheit zeigt. Atmen Sie also achtsam ein und aus und sagen Sie: »Meine liebe Gewohnheitsenergie, hier bist du ja wieder.« Und sobald Sie das erkennen, wird sie ihre Stärke verlieren. Kehrt sie zurück, wiederholen Sie das, und so wird sie weiter an Kraft verlieren. Sie müssen sie gar nicht bekämpfen, erkennen Sie sie einfach und lächeln Sie ihr zu. Jedes Mal, wenn Sie sie identifizieren, wird sie ein wenig schwächer werden, bis sie Sie schließlich nicht mehr kontrollieren kann.

F: Wie kann ich aufhören, so urteilend zu sein?

A: Wenn wir einen anderen Menschen betrachten, sollten wir tief genug schauen, um zu sehen, dass ein Individuum aus vielen Elementen besteht: Gesellschaft, Erziehung, Eltern, Vorfahren, Kultur und so weiter. Wenn wir diese Elemente nicht alle sehen, dann sehen wir auch diesen Menschen nicht vollständig. Neigt er dazu, sich schlecht zu benehmen, dann heißt das nicht, dass er sich gern so verhält, aber vielleicht ist er das Opfer einer entsprechenden Übertragung. Die negativen Samen in ihm sind ihm möglicherweise von der Gesellschaft, seinen Eltern, seinen Vorfahren oder seiner Kultur übertragen worden.

Mit diesem Verständnis wird es einfacher sein für Sie, Mitgefühl mit ihm zu haben. Dann werden Sie weniger von dem Wunsch motiviert, zu urteilen, als von dem Wunsch, etwas zu tun, um das Umfeld, die Kultur zu verändern, damit die nächste Generation kein Opfer einer solchen Übertragung mehr sein wird. Statt mit Verärgerung zu reagieren, können Sie den Wunsch verspüren, mitfühlend zu handeln.

Wenn Sie sich eingehend und tief betrachten und eine Ihrer Stärken anschauen, sei es eine Begabung oder eine Geschicklichkeit oder die Fähigkeit zum Glücklichsein, so wissen Sie, dass Sie diese Stärke von Ihren Vorfahren, Ihren Eltern, Ihrer Kultur und so weiter geerbt haben. Sie sind deren Fortführung, jene haben Ihnen diese Dinge übermittelt. Genauso sehen Sie die negativen Dinge in Ihnen wie Angst, Wut und Voreingenommenheit, die Ihnen auch von Eltern und Vorfahren übermittelt sein mögen. In beiden Fällen sollte es da Ihrerseits kein Urteil geben. Ihre Eltern und Vorfahren vermochten sich selbst nicht zu wandeln, darum haben sie diese Dinge an Sie weitergegeben. Doch Sie haben in Ihrem Leben die Möglichkeit der Wandlung, sodass Sie diese negativen Dinge nicht an Ihre Kinder weitervermitteln werden. Dieser Blick auf Sie selbst und auf andere Menschen wird Ihnen ein größeres Maß an Verstehen und Mitgefühl ebenso ermöglichen wie den tiefen Wunsch nach einem transformierenden Handeln.

F: Wie können wir am besten unsere Freude mit anderen teilen?

A: Ist in uns wahrhaft Freude, so wird sie nicht nur uns guttun, sondern auch den Menschen in unserem Umfeld. Wahre Freude kann unserem Körper und unserem Bewusstsein helfen. Freude nährt uns. In buddhistischen Kreisen wird die Meditationspraxis als tägliche Nahrung verstanden. Freude und Konzentration sind wichtige Elemente der Meditationspraxis. Erfahren wir bei der Sitz- oder Gehmeditation keine Freude, dann läuft etwas mit unserer Übung falsch.

Unsere Freude wird ganz natürlich geteilt, denn wenn wir voller Freude sind, sind wir glücklich und inspirieren andere. Die Atmosphäre wird lichter, und wir atmen freier und arbeiten mit anderen zusammen, um die Art kollektiver Freude zu schaffen, die vielen Menschen guttut. Wir rezitieren täglich: »Ich gelobe, am Morgen einem Menschen Freude zu schenken und das Leiden eines Menschen am Nachmittag zu lindern.« Das ist aber nur das Minimum, denn wenn wir einem Menschen Freude schenken, dann schenken wir bereits vielen Menschen Freude.

Wächst Ihr Verstehen, werden auch Mitgefühl und liebende Güte zunehmen, und Ihr Herz wird größer und weiter werden. Mit einem größeren Herzen verbessern wir unsere Fähigkeit, unsere negativen Gefühle anzunehmen und zu umarmen, um sie zu wandeln. Werfen Sie eine Handvoll Salz in ein Glas Wasser, können Sie das Wasser nicht mehr trinken, weil es zu salzig ist. Doch werfen Sie eine Handvoll Salz in einen Fluss, so ist der Fluss so groß, dass ihn das nicht beeinträchtigt und wir weiterhin das Wasser trinken können. Der Fluss ist so gewaltig und vermag von daher aufzunehmen, zu umfassen und zu wandeln. Unser Herz ist wie der Fluss, groß genug, um das Leiden zu wandeln und Freude zu bringen, nicht nur uns, sondern allen in unserem Umfeld.

F: Ich neige dazu, andere Menschen zu idealisieren, und bin dann enttäuscht, wenn sie meinen Erwartungen nicht gerecht werden. Was kann ich da tun?

A. Als ich einmal die Zehn Achtsamen Bewegungen2 vor einem Baum ausführte, erkannte ich, dass der Baum mir viel zu geben hatte und dass ich dem Baum viel geben konnte. Der Baum gibt mir Schönheit, Schatten und Sauerstoff. Ich gebe dem Baum meinen Atem, meine Wertschätzung und meine Freude. Der Baum und ich sind miteinander verbunden. Betrachten wir einen Menschen, können wir auf die gleiche Art schauen, ohne das Vorhandene zu übertreiben oder uns all das vorzustellen, was nicht vorhanden ist. Manchmal erwarten wir zu viel und wollen das, was wir sehen, idealisieren. Wir werden sehr viel weniger leiden, wenn wir bei einer Sache oder einer Person die Wirklichkeit, wie sie ist, anerkennen, ohne Übertreibung oder Einbildung. Viele Menschen lieben den Buddha, aber sie entstellen den Buddha, machen ihn zu einem Gott, einem Schöpfer. Das schadet ihnen und es schadet dem Buddha. Darum ist die Achtsamkeitspraxis, die reine Wahrnehmung der Dinge, so wie sie sind, die grundlegende Übung im Buddhismus. »Einatmend weiß ich, dies ist mein Einatmen. Ausatmend weiß ich, dies ist mein Ausatmen. Einatmend sehe ich den blauen Himmel. Ausatmend lächle ich dem blauen Himmel zu.«

Die Dinge zu erkennen, wie sie sind, bewahrt Sie vor Übertreibung und Ausschmückung.

F: Ich habe Probleme damit, Dinge loszulassen: Beziehungen, Jobs, Gefühle und so weiter. Wie kann ich diese Anhaftungen reduzieren?

A: Loszulassen bedeutet, etwas loszulassen. Dieses Etwas kann ein Objekt unseres Geistes sein, etwas, das wir geschaffen haben, wie eine Idee, ein Gefühl, ein Wunsch oder ein Glauben. An solchen Ideen oder Vorstellungen hängen zu bleiben kann viel Unglück und Kummer bringen. Wir wollen sie gern loslassen, aber wie? Es reicht nicht, sie einfach nur loslassen zu wollen, wir müssen sie als Erstes als etwas Reales erkennen. Wir müssen tief in ihr Wesen und ihren Ursprung hineinschauen, denn Vorstellungen entstehen aus Gefühlen, Emotionen und vergangenen Erfahrungen, aus Dingen, die wir gesehen oder gehört haben. Mit der Energie der Achtsamkeit und Konzentration können wir tief schauen und die Wurzeln der Vorstellung, des Gefühls, der Emotion, des Verlangens entdecken. Einsicht erwächst aus Achtsamkeit und Konzentration und sie kann uns helfen, das Geistesobjekt loszulassen.