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DEIN KÖRPER DENKT SCHNELLER ALS DU

Titel der Originalausgabe: The Mentally Quiet Athlete
Copyright © 2013 by Soma Press, Fairfield, Iowa, USA

Fred Gratzon:

Übersetzung: Frances Hoffmann

Dein Körper denkt schneller als du

Lektorat: Regina Rademächers

Projektmanagement: Marianne Nentwig

Umschlaggestaltung: Kerstin Fiebig / ad-department

© J. Kamphausen Mediengruppe GmbH,

Titel-Illustration: photocase.de

Bielefeld 2014

Satz: Wilfried Klei

info@j-kamphausen.de

Druck & Verarbeitung: Westermann Druck Zwickau

www.weltinnenraum.de

1. Auflage 2014

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Printausgabe: 978-3-89901-871-4
ISBN E-Book: 978-3-89901-874-5

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Fred Gratzon

DEIN KÖRPER
DENKT SCHNELLER
ALS DU

LEISTUNGSSTARK im Einklang mit dir selbst

Aus dem Amerikanischen übersetzt
von Frances Hoffmann

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Für meinen Vater, Edward Gratzon

und für alle, die ihr volles athletisches Potenzial
entfalten wollen
.

Vorwort

EinsDer geheimnisvolle Alte Mann

ZweiEine plötzliche Verwandlung

DreiAha-Erlebnis beim Mittagessen

VierDie magische Zähltechnik

FünfDie Zeit verlangsamen

SechsDer Flow-Through-Skill

SiebenEntfalte dein athletisches Potenzial

AchtWettkampf in geistiger Stille

NeunEin Ausflug aufs Baseballfeld

ZehnDen Flow-Through-Skill perfektionieren

ElfDas Golfturnier

ZwölfDer Heilige Gral des Sports

Anhang

Über den Autor

Vorwort

Ich war an der Entwicklung des Ansatzes zur Verbesserung sportlicher Leistungen, wie ich ihn im vorliegenden Buch beschreibe, maßgeblich beteiligt. Damals legten wir den Fokus ausschließlich auf den Sport. Und ich persönlich erlebte während der erstaunlichen Verbesserung meines Tennis- und Golfspiels zahlreiche „Heureka“-Momente. Aber damit blieb ich nicht allein. Ich sah mit eigenen Augen, wie auch andere Sportler, die diesen Ansatz beherzigten, ihre Leistungen erheblich verbessern konnten. Mir war von Anfang an klar, dass ich hier die Anfänge eines großen Paradigmenwechsels im Sportbereich miterlebte, und ich konnte es kaum erwarten, dieses Buch zu schreiben und meine Entdeckung mit der ganzen Sportlerwelt zu teilen.

Nachdem das Buch auf den Markt gekommen war, geschah jedoch etwas Unerwartetes: Einige Leser berichteten mir, dass mein Ansatz, der eigentlich darauf abzielte, sportliche Leistungen zu steigern, auch im künstlerischen Bereich wahre Wunder wirkte. Beim Tanzen, beim Spielen eines Musikinstruments, beim freien Reden, sogar beim Sex.

Zunächst war ich überrascht, aber schon nach kurzer Zeit erkannte ich, dass dieser Ansatz ebenso gut einem darstellenden Künstler wie einem Athleten helfen konnte.

Selbst wenn du mit Sport also nichts am Hut hast und einen Pitching-Wedge nicht von einem Stück Seife unterscheiden kannst, warten hier dennoch erstaunliche Erkenntnisse auf dich, wie du in allen Belangen, die eine gute Koordination zwischen Körper und Geist erfordern, zu Höchstleistungen gelangen kannst. Was also ursprünglich als Buch für Sportler gedacht war, hat sich inzwischen zu einem Ratgeber für so gut wie jeden Menschen entwickelt.

Und nach dieser Erkenntnis kann ich nicht anders, als wieder
einmal „Heureka“ zu rufen.

Fred Gratzon, Februar 2014

Wer wie das Leben fließt, braucht keine andere Kraft.

Lao-tse

Eins

Der geheimnisvolle
Alte Mann

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Das ergab doch keinen Sinn.

Wieso sollten drei sportliche Highschool-Kids mit so einem alten Mann ein Doppel spielen? fragte ich mich.

Brauchen die so dringend einen Vierten, dass sie einen alten Knacker von seinem Bingospiel entführen mussten?

Und dann kam ich drauf.

Oh! Wie nett. Sie geben Opa Gelegenheit, sich ein wenig zu bewegen und frische Luft zu schnappen, bevor sie ihn wieder in den Rollstuhl setzen und ihn ins Pflegeheim zurückbringen.

Das Spiel begann damit, dass einer der jungen Wilden dem Doppelpartner des Alten Mannes einen saftigen Aufschlag entgegenschmetterte. Als sein Partner den Ball annahm, schlurfte der Alte vor zum Netz.

Was machst du denn? Weißt du denn nicht, dass es da vorn gefährlich werden kann?

Der Alte sah aus, als schliefe er beim Laufen. Zum Glück schienen es seine Gegner zu vermeiden, ihm einen Ball zuzuspielen.

Gott sei Dank, sie schonen ihn.

Doch plötzlich schmetterte einer der Gegner den Ball brutal direkt auf den Alten Mann zu.

Ich hielt den Atem an.

Die wollen ihn umbringen!

Doch noch ehe ich mich auch nur rühren konnte, um ihm zu Hilfe zu eilen, vollführte der Alte eine lässige Bewegung seines Handgelenks, nahm das zischende Geschoss in Empfang, schmetterte es direkt zwischen seine Gegner und traf sie völlig unvorbereitet.

„Null zu fünf“, sagte er trocken, kehrte auf dem Absatz um und ging zurück zur Grundlinie, wo er auf den nächsten Aufschlag wartete. Ich war fassungslos, erleichtert und fasziniert.

Völlig gebannt suchte ich mir einen Platz auf der Tribüne.

Die drei jungen Sportler spielten voller Hingabe – sie duckten sich, sprangen, hüpften, wirbelten umher, gaben alles, sprinteten, schwitzten.

Der Alte dagegen stand ganz ruhig da und wartete geduldig auf seinen Moment. Er hätte wohl genauso ausgesehen, hätte er in einer Bücherei gestanden und ein Buch aus dem Regal gezogen – er rührte keinen Muskel, ehe nicht der perfekte Moment gekommen war.

Seine Bewegungen waren schlicht, fließend. Und zugleich überraschend effektiv, nie tat er mehr, als die Situation erforderte.

Er war immer zur rechten Zeit am rechten Ort. Er hatte mehr als genug Zeit, um zum Ball zu gelangen. Und musste er sich einmal beeilen, wirkte er dabei nie hektisch – und war doch stets rechtzeitig zur Stelle.

Er gab keinen Laut von sich. Er machte keine überflüssige Bewegung. Er geriet nie außer Atem. Und er kam nie ins Schwitzen. Erstaunlicherweise landete er immer nur Treffer.

So etwas hatte ich noch nie gesehen. Völlig perplex vergaß ich alles um mich herum.

Erst das Klingeln meines Handys holte mich auf die Erde zurück. Es war die Autowerkstatt, die mir mitteilte, dass mein Auto repariert sei und ich meine Reise quer durchs Land fortsetzen konnte.

Eigentlich wollte ich nicht gehen, ohne herauszufinden, wer dieser Alte Mann war und warum er so spielen konnte. Aber es war schon spät und ich musste mir noch schnell etwas zu Essen besorgen, denn ich wollte nach dieser ungeplanten Unterbrechung, die mich einen halben Tag gekostet hatte, unbedingt noch ein paar Kilometer hinter mich bringen.

Ich stieg also von der Tribüne hinunter und machte mich auf den Weg, mein Auto abzuholen.

Ein guter Sportler ist in der Lage, ein Körperbewusstsein zu erreichen, in dem sich die richtige Bewegung im richtigen Moment ganz von selbst vollzieht, völlig mühelos und ohne Einmischung des bewussten Willens.

Stephen Mitchell

Zwei

Eine plötzliche
Verwandlung

Ich wachte auf und streckte mich.

Wo bin ich? Ach ja, ich hatte im Hotelrestaurant zu Abend gegessen und plötzlich keine Lust mehr gehabt, heute noch zu fahren, also hatte ich im Hotel eingecheckt.

Ich erinnerte mich sofort an den Alten Mann und seinen einzigartigen Stil beim Tennisspiel, den ich am Vortag beobachten konnte.

Während ich im Hotelpool meine Bahnen zog und auch später beim Frühstück, dachte ich weiter über ihn nach. Auch als ich meine Sachen ins Auto packte, in die Karte sah, das Navigationsgerät einstellte und mich auf den Weg durch die Stadt und zum Highway machte, ging er mir nicht aus dem Kopf.

Spontan beschloss ich, einen kleinen Umweg zu machen und am Tennisplatz vorbeizuschauen. Keiner da.

Doch dann sah ich aus dem Augenwinkel den Alten Mann, wie er einen Einkaufswagen voller gelber Tennisbälle aus einem Schuppen schob.

Ich muss unbedingt mit ihm reden.

Rasch bog ich auf den Parkplatz ein.

Ich rannte los und erwischte ihn gerade noch, als er einen jungen, kräftig gebauten Mann Anfang zwanzig begrüßte. Sah ganz so aus, als sollte hier gleich eine Tennisstunde stattfinden.

Der alte Kerl ist demnach ein Trainer.

„Ist es ok, wenn ich zuschaue?“, rief ich.

Der junge Mann zuckte die Schultern und der Alte Coach nickte kurz, also suchte ich mir einen Platz auf der Tribüne.

Ich hörte, wie der junge Mann sich über seine Rückhand ärgerte. Auf dem College hatte er keine Schwierigkeiten gehabt, seine Gegner zu besiegen. Aber jetzt, da er als Profi spielte und bessere Gegner hatte, wurde ihm diese Rückhand zum Verhängnis.

„Okay, wir wärmen uns erst einmal auf und dann kümmern wir uns um deine Rückhand“, sagte der Alte Coach.

Der Alte Coach schlug den Ball übers Netz und leitete den Ballwechsel ein. Mit Leichtigkeit spielte er den Ball vom einen Ende des Platzes zum anderen, um sich einen Eindruck vom Spiel des jungen Tennisprofis zu verschaffen.

Der junge Tennisprofi feuerte eine Panzerfaust nach der anderen auf den Alten ab.

Seine Rückhand war knackig und akkurat, aber nicht annähernd so tödlich wie seine frei bewegliche Vorhand. Nichtsdestotrotz war ich überzeugt, dass jeder Amateurspieler für so einen „schwachen“ Schlag seinen Erstgeborenen hergegeben hätte. Ich hatte den Eindruck, damit könnte man so gut wie jeden vernichten.

Nach ein paar Minuten des Aufwärmens rief der Alte Coach den jungen Tennisprofi zum Netz. Ich machte mich darauf gefasst, jetzt eine Demonstration irgendeines speziellen Aspekts der Rückhand zu sehen zu bekommen, den der junge Tennisprofi beherzigen sollte.

Zu meiner Überraschung hatte der Alte Coach keine solche Demonstration parat. Er redete einfach nur.

Als beide wieder ihre Positionen auf dem Spielfeld einnahmen und den Ballwechsel begannen, geschah etwas absolut Außergewöhnliches: Die Rückhand des jungen Tennisprofis wirkte auf einmal wie entfesselt.

Wow, diese angeblich „mangelhafte“ Rückhand hat sich gerade in einen Todesstrahl verwandelt.

Das nun folgende Tennisspiel war atemberaubend. Am Ende hastete ich rüber zu dem Alten Coach.

„Ich habe noch nie so eine schnelle Verwandlung bei einem Tennisspieler gesehen“, sagte ich, nachdem ich mich vorgestellt hatte. „Was haben Sie ihm beigebracht, dass sich seine Rückhand so dermaßen verbessern konnte?“

Der Alte Coach sah mich einen Moment lang an und antwortete dann schlicht: „Ich habe ihm gezeigt, wie er zwischen den Schlägen warten soll.“

Überrascht von dieser unerwarteten Antwort war ich einen Moment lang sprachlos. Dann stammelte ich: „Aber ist denn Warten nicht einfach Warten? Wie kann es denn überhaupt möglich sein, auf die falsche Weise zu warten?“

Offensichtlich amüsierte das den Alten Coach. „Man kann auf viele unterschiedliche Weisen warten. Die Art des Wartens entscheidet darüber, wie gut der nächste Schlag wird. Die Art seines Wartens, als der Ball auf seine Rückhand zuflog, hat seinen folgenden Schlag sabotiert.“

„Wirklich?“, fragte ich verblüfft. „Wie das?“

„Sein Timing war unterbrochen und seine Flüssigkeit und Kraft waren eingeschränkt“, erwiderte er. „Nachdem wir uns um seine Art des Wartens gekümmert hatten, fing er an, die beste Rückhand seines Lebens zu schlagen.“

Ich hatte noch nie im Leben etwas annähernd Abgefahrenes gehört. Jeder Coach oder Kommentator, den ich bislang gehört hatte, nutzte mechanische Begriffe, wenn er erklären wollte, warum die Bewegung eines Sportlers nicht effektiv war. Nicht einer hatte je darüber geredet, wie der Sportler zwischen den Schlägen wartete.

Hätte ich diese dramatische Wandlung nicht mit eigenen Augen gesehen, hätte ich das Gerede des Alten Coachs als Nonsens abgetan.

„Nur damit ich das recht verstehe“, sagte ich, „Sie haben keine mechanischen Anpassungen an seiner Rückhand vorgenommen?“

„Nein, das war nicht nötig“, der Alte Coach schüttelte den Kopf. „Wenn man richtig wartet, kommt der perfekte Schlag ganz von selbst. Es ist wirklich ganz einfach.“

„Für Sie mag das einfach sein, aber für mich ist diese Verwandlung das reinste Wunder!“, verkündete ich. „Könnte ich Sie noch ein wenig mehr über Ihren Ansatz ausfragen?“

„Naja, ich bin jetzt ziemlich hungrig und wollte eigentlich gerade Mittagessen gehen. Wenn Sie mitkommen wollen, können Sie mir ja dort Ihre Fragen stellen.“

„Wow“, sagte ich. „Das wäre toll. Ist mir ein Vergnügen.“

Auf dem Weg zum Restaurant grübelte ich nervös über meine Reisepläne nach.

Diese Verzögerung wird schon nicht so schlimm sein. Schließlich muss ich ja auch was essen, nicht wahr? Ich hole die Zeit schon wieder rein, wenn ich einfach am Abend etwas länger fahre.

Zufrieden mit dieser Lösung betrat ich ganz bedenkenlos das Restaurant.

ZUSAMMENFASSUNG

Die Art deines Wartens entscheidet darüber, wie gut dein nächster Schlag sein wird.

Wenn du richtig wartest, kommt die perfekte Bewegung ganz von selbst.

Das Scheitern ist nicht mein Feind. Die Angst vor dem Scheitern ist mein Feind.

Rafael Nadal

Drei

Aha-Erlebnis beim
Mittagessen

Wir machten es uns auf unseren Stühlen bequem und genossen unser Mittagessen.

Nach ein paar Bissen sagte der Alte Coach zu mir: „Erzählen Sie mir von sich als Sportler.“

„Nun ja, ich bin ein Freizeitsportler – Golf, Tennis, Softball, solche Sachen eben. Ich spielte im Tennisteam meiner Highschool und kurz darauf fing ich mit Golf an.“

„Haben Sie ein Handicap?“

„Ja, 18“, gab ich zu. „Aber ich bin noch nie unter 80 gekommen. Sollte ich es jemals in die 70er schaffen, rufe ich einen Nationalfeiertag aus und feiere ihn jedes Jahr.“

„Wie würden Sie sich als Tennisspieler einordnen?“, fragte er.

„Naja, sagen wir mal, ich habe mehr Enthusiasmus als Talent. Ich bin bestenfalls ein fortgeschrittener Anfänger.“

„Und wie schlagen Sie sich im Wettkampf?“

Da hatte der Alte Coach einen wunden Punkt getroffen.

„Fürchterlich“, antwortete ich aufrichtig und verzog schmerzlich mein Gesicht. „In Wettkämpfen finde ich mich einfach fürchterlich. Egal, ob ich Golf oder Tennis oder auch nur Tischtennis spiele, irgendwie scheine ich nie zeigen zu können, was ich eigentlich draufhabe. Das hat mich früher so frustriert, dass ich am Ende immer die Nerven verloren habe. Ich habe Tennisschläger zerhauen, Golfschläger durch die Gegend geworfen und so geflucht, dass es das reinste Wunder ist, dass mich nicht der Blitz getroffen hat!

Irgendwann habe ich meine Wut unter Kontrolle bringen können, aber das, was mich am meisten deprimiert, ist nach wie vor dasselbe: Ich werde oft von Spielern geschlagen, die ganz eindeutig schlechter sind als ich.“

Der Alte Coach musterte mich intensiv.

„Was glauben Sie, woran das liegt?“, fragte er.

„Ich weiß nicht. Ich dachte immer, mein Problem läge darin, dass ich meinen Fähigkeiten nicht genug vertraue. Doch egal, wie viele tausend Golf- und Tennisstunden ich nehme, egal wie viel ich übe, ich verbessere mich einfach nicht besonders. Selbst wenn ich mich richtig in ein Spiel vertiefe, passiert es mir immer wieder, dass ich auf genau diese steife, schwächliche, defensive Weise spiele, die mich immer so ärgert.

Ich weiß, ich müsste lockerer werden und einfach Spaß haben – aber wenn ich versuche, freier zu spielen, spiele ich am Ende nur schlampig und mache noch mehr Fehler.“

Der Alte Coach unterbrach seinen konzentrierten Blick.

„Wie die meisten Sportler haben Sie Ihre Aufmerksamkeit vor allem auf Ihre Bewegungen konzentriert, um eine Muskelerinnerung zu entwickeln. Sie zielen in Ihrem Training darauf ab, Ihren Körper zu fordern, um einen perfekten Schlag oder einen perfekten Wurf oder eine perfekte Routine zu entwickeln. Das alles in der Hoffnung, diese Bewegungen auch in der Hitze des Gefechts abrufen zu können.“

Das stimmt. Und ich habe diese Bewegungen wie ein Wahnsinniger trainiert.

„Aber wie Sie festgestellt haben, neigen Sie dazu, diese Bewegungen, die Sie sich eingeprägt haben, im Wettkampf zu vergessen.“

Mann, da haben Sie recht.

„Ein Turner oder Eiskunstläufer stolpert beim Wettkampf bei einfachen Routinen, die er oder sie beim Üben immer perfekt auszuführen imstande ist. Oder ein Basketballspieler, der beim Training selbst mit verbundenen Augen einen Korb wirft, vermasselt einen Wurf, wenn das Spiel auf Messers Schneide steht.“

Ich schauderte bei der Erinnerung daran, wie oft ich peinlicherweise einen Sieg vermasselt hatte.

„Bewegungsabläufe zu trainieren, genügt einfach nicht als Vorbereitung auf einen Wettkampf. Offensichtlich fehlt da noch etwas. Leider wissen nur die wenigsten, worin dieses Etwas besteht. Wie sich herausstellt, liegt die Antwort, nach der Sie suchen – nämlich die Antwort, nach der jeder Sportler sucht –, zwischen den Bewegungen“, sagte er ruhig.

Entweder ist der Kerl ein Genie, der etwas weiß, was der Rest der Welt noch nicht weiß, oder er ist schlichtweg verrückt. In jedem Fall muss ich hören, was er zu sagen hat.

„Jede Bewegung beginnt mit Bewegungslosigkeit“, fuhr er fort. „Die Art, wie Sie mit dieser Phase der Bewegungslosigkeit umgehen – oder mit anderen Worten, die Art, wie Sie warten –, bestimmt darüber, wie gut die folgende Bewegung werden wird. Auch dann, wenn die Bewegungslosigkeit nur für den Bruchteil einer Sekunde währt.“

Er hielt kurz inne, dann kicherte er und sagte: „Das Geheimnis für ein herausragendes Spiel liegt darin, zu wissen, wie man wartet.“

„Es ist schwer zu glauben, dass Sie all meine Probleme lösen können, indem Sie mir einfach nur zeigen, wie man besser wartet.“

„Aber das ist alles, was Sie brauchen“, bekräftigte der Alte Coach. „Durch Ihr Training haben Sie die perfekten Bewegungsabläufe längst gelernt. Ihr Körper weiß, was er zu tun hat. Jetzt müssen Sie nur noch lernen, wie Sie das, was Sie bereits haben, jederzeit abrufen können.“

„Und das bewerkstellige ich einfach, indem ich lerne, wie man wartet?“, fragte ich.

„Ich habe dem jungen Tennisprofi beigebracht, wie er genau so warten muss, dass der perfekte Schlag sich ganz von selbst einstellt, ohne dass er darauf abzielt oder auch nur über Bewegungsabläufe nachdenken muss. Sobald er gelernt hatte, wie man richtig wartet, flossen seine athletischen Fähigkeiten ganz automatisch in seine Rückhand – und Sie haben ja gesehen, was dann geschah.“

Das ist ganz und gar nicht logisch. Aber ich hatte ja diese Verwandlung mit eigenen Augen gesehen und sie war einfach verblüffend gewesen.

„Wer hat Ihnen das beigebracht?“, fragte ich.

„Niemand“, sagte der Alte Coach.

„Also haben Sie es entdeckt?“