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Der Titel der bei Shambhala Publications, Inc., Boulder/Colorado,
erschienenen amerikanischen Originalausgabe lautet:

»THE TORCH OF CERTAINTY«.

Aus dem Tibetischen übersetzt von Judith Hanson.

Die deutsche Übersetzung besorgte Sylvia Luetjohann.

Jamgon Kongtrul: Das Licht der Gewissheit

© 1977 by Judith Hanson & Shambhala Publications, Inc.

© der deutschen Ausgabe 1987 by Theseus in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

info@j-kamphausen.de / www.weltinnenraum.de

Published by arrangement with Shambhala Publications, Inc.,

1123 Spruce Street, Boulder, Colorado 80302, USA.

Umschlag-Basislayout: KleiDesign

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978–3-89901–857-8

E-Book ISBN 978–3-89901–865-3

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

KALU RINPOCHE gewidmet, dem verehrten Lama,

der mit Nachdruck betont hat,

daß der Praxis der vier besonderen vorbereitenden Übungen

die zeremonielle Erlaubnis zum Gebrauch der Texte (lung),

eine Ermächtigung des Vajrayana (wang) und

die Anweisungen eines Lama (tri) vorausgehen müssen.

Diese werden der Praxis ihre Form geben und

zu ihrem Erfolg beitragen.

GELEITWORT

Die Spiritualität des Buddhismus ist nicht theistisch. Sie beschäftigt sich mit den Möglichkeiten und Methoden, wie Erleuchtung zu erlangen ist, wie wir mit der Hilfe großer Lehrer und sorgfältiger Meditationspraxis Buddha in uns entdecken können. Es ist immer betont worden, daß man nicht bloß den Dharma praktiziert, sondern zum Dharma wird.

Die Lehren Buddhas werden in drei Teile unterteilt: Hinayana, Mahayana und Vajrayana. Sie sollten methodisch in dieser Reihenfolge praktiziert werden. Wenn wir nicht am Anfang beginnen, dann besteht die Gefahr, daß wir weitere Verwirrung hervorrufen und die Praxis als Unterhaltung betrachten, was nur größere Arroganz und neurotisches Verhalten bewirkt.

Das Strukturmuster für die fortschreitende Entwicklung des Praktizierenden durch die drei Yanas sieht folgendermaßen aus: Zuerst legt er die äußerste Anstrengung an den Tag, damit er seine eigene Neurose aufdecken kann. Diese auf ein Ziel ausgerichtete Achtsamkeit vermittelt das Gefühl für unsere tatsächliche menschliche Natur. Die zweite Stufe wird durch Güte gekennzeichnet; diese macht es möglich, daß die eigenen Energien ausgedehnt und mit den übrigen fühlenden Wesen geteilt werden. Schließlich entwickelt er Furchtlosigkeit und ein Gefühl von Freude, das von einer grenzenlosen Hingabe gegenüber der Überlieferungslinie und dem eigenen Wurzel-Guru erfüllt ist. Dieser Text, der sich mit den vorbereitenden Übungen der Disziplin des Vajrayana beschäftigt, gehört der dritten Gruppe an.

Ich bin sehr erfreut darüber, daß dieses authentische Licht der Gewißheit für diejenigen zugänglich ist, welche davon inspiriert sind, dem Pfad des Vajrayana zu folgen. Es wurde von Jamgon Kongtrul dem Großen verfaßt, dessen Reinkarnation Jamgon Kongtrul von Sechen mein Wurzel-Guru war. Diejenigen, welche von diesem Buch sehr stark angerührt werden, sollten die mündliche Übertragung von einem lebenden Träger der Überlieferungslinie empfangen. Sie sollten ein festes Fundament im Hinayana und Mahayana als Einführung für das Betreten des Vajrayana-Pfades haben. So ist es gelehrt worden.

Judith Hanson hat sehr viel Energie und Hingabe in die Übersetzung dieses Textes hineingelegt. Das Ergebnis ihrer Anstrengung zeugt von ihrer karmischen Verbindung mit der Kagyü-Überlieferung.

1. März 1977 Der Ehrw. Vajracarya Tschögyam Trungpa

VORWORT

Jamgon Kongtruls Das Licht der Gewißheit (Nges-don sgron-me) ist ein äußerst wichtiger Text für Schüler des Buddhismus, weil er eine Folge von grundlegenden Meditationsübungen behandelt, die für alle tibetischen Schulen allgemein gebräuchlich sind. Es handelt sich um die vier vorbereitenden (sngon-’gro) oder grundlegenden Übungen.

Diese mit Anmerkungen versehene Übersetzung des Nges-don sgron-me wird eingeleitet von zwei einführenden Kapiteln. Das erste enthält einen gewissen historischen Hintergrund für den Text, den Verfasser und dessen Schule, die Karma Kagyüpas. Das zweite Kapitel enthält eine Beschreibung des allgemeinen Vorgehens bei der Praxis der vier vorbereitenden Übungen sowie Abschriften von Interviews mit drei führenden Lamas (dem Ehrw. Kalu Rinpoche, dem Ehrw. Deshung Rinpoche und dem Ehrw. Tschögyam Trungpa, Rinpoche), welche die Fragen eines angehenden Praktizierenden beantworten.

Jedem Kapitel der Übersetzung gehen weitere einführende Bemerkungen voran. Die Einleitungen zu den Kapiteln 2–5 enthalten detaillierte Anweisungen für die Praxis. Diese wurden von Kalu Rinpoche und seinem Bevollmächtigten, Lama Tsengyur Rinpoche (Tsewong Gyurme), in Kagyu Kunkhyab Chuling in Vancouver erteilt.

Durchgängig durch den ganzen Text sind nicht-deutsche Begriffe in runden Klammern Transkriptionen des Tibetischen, soweit nicht anders angegeben.

In den Anmerkungen werden häufig die Erläuterungen von vier maßgebenden tibetischen Gewährsmännern zitiert: Kalu Rinpoche, Tsengyur Rinpoche, Deshung Rinpoche und Lobsang P. Lhalungpa. Durch ihre Antworten auf meine Fragen bei zahlreichen Interviews haben diese Menschen für die traditionelle mündliche Kommentierung gesorgt, welche den Text für mich verständlich und seine Übersetzung möglich gemacht hat. Eine Kurzbiographie von jedem dieser Tibeter wird Licht auf die Art ihrer Beiträge werfen.

Der Ehrw. Kalu Rinpoche, eine von mehreren zeitgenössischen Inkarnationen Jamgon Kongtruls, ist ein Meditationsmeister sowohl für die Shangpa- als auch die Karma-Linie der Kagyü-Schule. Er ist einer der wenigen geflohenen Lamas, die ihre volle Schulung in Tibet erhalten haben. Er wurde in Kham (Osttibet) im Jahre 1904 geboren. Bis zum Alter von sechzehn Jahren wurde er von seinem Vater erzogen. Danach war sein Hauptlehrer Lama Norbu Dondrub, ein Schüler Jamgon Kongtruls. Mit fünfundzwanzig begann Rinpoche zwölf Jahre intensiver Meditation an einem abgeschiedenen Retreat. In der Folgezeit war er fünfzehn Jahre lang mit dem Meditationszentrum in Kongtruls früherem Kloster Palpung betraut. Dort unterrichtete er Mönche in den vier vorbereitenden Übungen und fortgeschritteneren Techniken wie den sechs Yogas des Naropa. In den späten fünfziger Jahren flüchtete er nach Bhutan und errichtete dort ein Kloster. Fünf Jahre später ging er nach Nordindien und begründete das Kloster Samdub Tarjay (bSam-’ grub Thar-byed) in Sonada, wo er nun mehr als dreißig Mönche in ihrer Meditation beaufsichtigt.

Während Rinpoche in den Jahren 1972 und 1974/75 durch Europa und Nordamerika reiste, hat er annähernd dreißig buddhistische Zentren begründet. Während seines Besuches in Vancouver hat er seinen Schüler Lama Tsewang Gyurme als Meditationslehrer und spirituellen Ratgeber für das neugegründete Kagyu Kunkhyab Chuling zurückgelassen.

Lama Tsewang Gyurme (in den folgenden Kapiteln als »Lama« oder »der Lama« abgekürzt) wurde 1939 in Kham geboren. Er erhielt seine erste Ausbildung in einem Karma Kagyü-Kloster, ging jedoch mit sechzehn Jahren in das Nyingma-Kloster von Sechen, wo Jamgon Kongtrul seine ersten Mönchsgelübde genommen hatte. Er wurde dort ordiniert und studierte die philosophischen Arbeiten des bekannten Nyingma-Gelehrten Lama Mipham (1846—1912). Mit neunzehn flüchtete er nach Bhutan, wo er fünf Jahre lang in Kalu Rinpoches Kloster arbeitete. 1963 folgte er Rinpoche nach Indien nach. Mit der Gründung des Klosters Samdub Tarjay in Sonada konnte Tsewang Gyurme seinem lebenslangen Streben nach intensiver Meditationspraxis nachgehen. Bald nach der Beendigung des traditionellen dreijährigen Meditations-Retreats kam er auf Kalu Rinpoches Bitte nach Kanada. Seit 1972 hat er Schüler von Kagyu Kunkhyab Chuling in den wesentlichen Lehren des Buddhismus, in der Meditation auf Avalokiteshvara (sPyan-ras-gzigs), den vier vorbereitenden Übungen und anderen grundlegenden Formen der Praxis unterwiesen.

Seine Heiligkeit der Karmapa hat Tsewang Gyurme im Jahre 1974 während seines Besuches in Vancouver in Anerkennung seiner Befähigung als Lehrer den Titel »Chö kyi Lama« (chos-kyi blama, »hochgeschätzter religiöser Lehrer«) verliehen. Seine Heiligkeit erklärte, daß der Lama von nun an den Namen Tsengyur Rinpoche trage und der Hauptlama für alle nordamerikanischen Zentren von Kalu Rinpoche sei.

Der Ehrw. Deshung Rinpoche,1 ein scharfsinniger, aus verschiedenen Quellen schöpfender Gelehrter der Sakya-Schule, wurde 1906 in Kham geboren. Seit dem Alter von drei Jahren lebte er bei seinem Onkel Lama Ngawong Nyima während der letzten fünf Jahre von dessen fünfzehnjährigem Meditations-Retreat. Dort lernte er die Lieder von Milarepa auswendig.

Mit acht Jahren ging Rinpoche in das Kloster Tharlam und wurde ordiniert. Sowohl das Oberhaupt der Sakya-Schule als auch der Abt von Tharlam, der namhafte Meditationsmeister Ngawang Lepa Rinpoche (dGa’-ston Ngagdbang Legs-pa, 1864–1941) haben ihn offiziell als Deshung Tulku,2 die Inkarnation von Lama Lungrig Nyima, Abt des Klosters Deshung, anerkannt.

Bis er siebzehn Jahre alt war, studierte Rinpoche in Tharlam bei Ngawang Lepa. Dann hielt er sich zwei Jahre in Deshung auf. Er kehrte nach Tharlam zurück, wurde jedoch bald von Ngawang Lepa zur Förderung seiner Studien in die Gegend von Dege (sDe-dge) in Kham geschickt. Dort lernte er bei mehr als dreißig bedeutenden Lamas aller Schulen, Shenpen Chökyi nangwa (gZhan-phan Chos-kyi snang-ba, 1871–1927), der Khyentse Rinpoche Jamyang Chökyi lodro (’Jam-dbyangs Chos-kyi blogros, 1896–1959) und Kongtrul Rinpoche. Als Folge davon ist er dazu autorisiert, nicht nur die fortgeschrittene Meditationspraxis der Sakya-Schule zu lehren, welche Lamdray (lam-’bras, »Weg und Frucht«) genannt wird, sondern auch diejenigen der Gelug-, Kagyü- und Nyingma-Schulen. Rinpoche rundete diese Studienjahre mit einem einjährigen Retreat ab, in welchem er auf Manjusri meditierte.

Deshung Rinpoche hält unter allen seinen berühmten Lehrern immer noch seinen ersten Lehrer Ngawang Lepa für seinen Wurzel-Guru oder hauptsächlichen spirituellen Lehrer. Von Ngawang Lepa erhielt er alle Ermächtigungen für Formen der Praxis, welche sich auf Hevajra, den Schlüssel-Yidam für die Sakya, beziehen, sowie die Lehren des Lamdray und die vollständige Überlieferung der Sakya-Schule. Kurz vor seinem Tode ernannte Ngawang Lepa Rinpoche zu seinem Nachfolger als Abt von Tharlam.

Während der nächsten zehn Jahre reiste Rinpoche durch Kham und gab Tausenden von Mönchen Belehrungen und Ermächtigungen. Im Alter von fünfundvierzig Jahren kehrte er für fünf Jahre nach Tharlam zurück. Auf ein zweijähriges Meditations-Retreat folgte im Jahre 1959 die Flucht nach Lhasa, Bhutan und Indien. Zwei Jahre später ließ er sich in den Vereinigten Staaten nieder und lehrte an der Universität von Washington. Nach seiner Pensionierung setzte er einige Jahre lang seine privaten Studien fort. Inspiriert von der Erinnerung an Ngawang Lepa und durch die Erfolge von Kalu Rinpoche in Nordamerika tauchte er jedoch im Alter von siebenundsechzig Jahren wieder aus seinem Ruhestand auf und begann einen neuen Werdegang als Lehrer. Seit damals hat er zahlreiche öffentliche Lesungen abgehalten und Belehrungen und Ermächtigungen in Kagyu Kunkhyab Chuling in Vancouver gegeben. Im Jahre 1974 haben er und Sakya Dagchen Rinpoche in Seattle Sakya Thegchen Choling begründet, wo nun beide als fest ansässige Lehrer fungieren.

Deshung Rinpoche arbeitet augenblicklich mit Lobsang P. Lhalungpa für das Institute for Advanced Studies of World Religions an einer Übersetzung von Dagpo Trashi Namgyals Nges-don phyag-rgya-chen-po sgom-rim legs-bshad zla-ba’i od-zer.

Lobsang Phuntsok Lhalungpa (in den folgenden Kapiteln als »LPL« abgekürzt) wurde 1926 als Sohn aus einer vornehmen Familie in Lhasa geboren. Sein Vater war Tibets oberstes Staatsorakel. Nach zehn Jahren in Grund- und höherer Schule schloß er sich 1941 der Regierung des Dalai Lama an, in welcher er mehrere Verwaltungsstellen innehatte. Während seiner zehn Jahre im Dienste der Regierung beschäftigte er sich in intensivem Privatstudium von einer großen Auswahl philosophischer und meditativer Texte mit bedeutenden Lamas verschiedener Schulen, seine eigene, die Gelugpas, eingeschlossen.

Von 1947 bis 1951 war er der Repräsentant der tibetischen Regierung für Kultur und Erziehung in Neu Delhi. Er ließ sich mit seiner bhutanesischen Frau Deki in Indien nieder und lehrte an verschiedenen Bildungsinstituten tibetische Sprache, Geschichte, Kultur und Religion.

Von 1956 bis 1970 leitete er die neugeschaffene tibetische Abteilung von Radio All-India, wo er tibetische Sprachprogramme über Religion, Geschichte, Musik und Theater verfaßte, beaufsichtigte und sprach.

In der Mitte der sechziger Jahre wurde er von der Regierung von Sikkim und der Exilregierung des Dalai Lama damit beauftragt, ein Lehrprogramm für die tibetische Grundschulerziehung auszuarbeiten, wofür er zwei Folgen von Textbüchern verfaßte und als Mitautor fungierte.

Lobsang Lhalungpa hat einige Arbeiten über die Kunstformen und die Sprache Tibets geschrieben oder mitverfaßt und solchen namhaften westlichen Gelehrten wie G. N. Roerich, R. A. Stein und D. S. Ruegg bei wissenschaftlicher Untersuchung und Übersetzung Hilfe gewährt. Sowohl als Privatperson als auch im Namen des Dalai Lama hat er verschiedene pädagogische, kulturelle und handwerkliche Organisationen für tibetische Flüchtlinge in Indien begründet.

Im Jahre 1971 ging er nach Vancouver, wo er an der University of British Columbia tibetische Sprache gelehrt hat, tibetischen Flüchtlingen dabei half, sich in Kanada anzusiedeln, und seine privaten Studien fortsetzte. Unlängst hat er an einer Neuübersetzung von Milarepas Lebensgeschichte durch eine Gruppe unter der Leitung von Dr. Jacob Needleman mitgearbeitet, die bei Dutton veröffentlicht wurde, und eine Gruppe von Texten über intellektuelle Disziplin (blo-sbyong) übersetzt. Gegenwärtig übersetzt Lobsang Lhalungpa Dagpo Trashi Namgyals Mahamudra-Text Nges-don phyag-rgya-chen-po sgom-rim legs-bshad zla-ba’i od-zer, der vom Institute for Advanced Studies of World Religions veröffentlicht werden wird.

1 Viele biographische Informationen über Deshung Rinpoche wurden freundlicherweise von seinem Mahayana-Zentrum in Seattle, Sakya Thegchen Choling, zur Verfügung gestellt.

2 Zur Diskussion über die Bedeutung von Tulku, siehe Kap. 2, Anm. 27.

DANKSAGUNG

Ich möchte Dr. Shotaro Iida (University of British Columbia) dafür danken, daß er die Übersetzung dieses Textes als meine wissenschaftliche Arbeit für den Grad des M. A. vorgeschlagen hat, und Professor J. I. Richardson für das unerschütterliche Vertrauen und die Unterstützung, womit er mich zu ihrem Abschluß führte.

Besonders dankbar bin ich dem Ehrw. Kalu Rinpoche, Meditationsmeister und Lehrer der Kagyüpas, für seine unschätzbaren Anmerkungen zu Überlieferungslinie, Lehre und Praxis, für seine Erlaubnis, den Text zu verwenden, und vor allem für den belebenden Einfluß seines Beispiels; dem Ehrw. Deshung Rinpoche, scharfsinnigem Gelehrten der Sakyapas und mitfühlendem spirituellen Freund, für seine ausführlichen und genauen Antworten auf Fragen über Lehre, Praxis, Überlieferungslinie und Texte; dem Lama Tsengyur Rinpoche (Tsewang Gyurme), Kalu Rinpoches Hauptvertreter in Nordamerika, für seine geduldige Aufmerksamkeit gegenüber allen meinen Fragen zu umgangssprachlichen und technischen Begriffen und für die Vermittlung der Anweisungen für die Praxis; dem tibetischen Gelehrten und Übersetzer Lobsang P. Lhalungpa dafür, daß er an seiner Sachkenntnis in Sprache und Philosophie großzügig teilhaben ließ und die ermüdende, aber wesentliche Aufgabe auf sich nahm, meine vorläufige Übersetzung zu verbessern; und dem Ehrw. Tschögyam Trungpa, Rinpoche, für sein langes und fruchtbares Interview.

Vor allem bin ich meinen Freunden Ingrid und Ken McLeod, Übersetzer und Dolmetscher in Kagyu Kunkhyab Chuling, zu Dank verpflichtet, daß sie mir während vier Jahren sprachlicher Schwierigkeiten – ohne Rücksicht auf Anerkennung oder Belohnung – unermüdlich zur Seite standen; und meinem Ehemann Merv für ständige kritische Beurteilung und Ermutigung.

Judith Hanson

ANMERKUNGEN ZUR DEUTSCHEN ÜBERSETZUNG

Ausgehend von der tibetischen Originalbedeutung wurden gegenüber der englischen Übersetzung einige Kernbegriffe im Deutschen abgewandelt:

1. Die »Four Foundations« (Tib. sngon-’gro, ausgesprochen ngöndro, wörtlich »voran-gehend«), in anderen englischen Texten auch korrekter als »preliminary practices« verwendet, wurden deshalb nicht als »Grundlagen« oder »grundlegende Übungen« (des Vajrayana), sondern als »vorbereitende Übungen« (für die Praxis von Mahamudra) übersetzt.

2. »Transcending awareness« (Tib. ye-shes, Skt. jnana), die transzendente Handlungsform der zehnten Bhumi, wurde mit »Weisheit« (bzw. zur Umschreibung als »transzendentes Wissen«) übersetzt, da die Übertragung als »Bewußtheit« mehr mit Prajna (Tib. shes-rab), der sechsten Paramita, zu korrespondieren scheint.

Entsprechend dazu wurden auch die »awareness deities« (ye-shes-kyi lha) als »Weisheitsgottheiten« und das »elixir of awareness« als »Elixir der Weisheit« usw. übersetzt.

3. »Openness« als nicht weiter erläuterte Übertragung von Shunyata (Tib. stong-pa-nyid) kann leicht mißverständlich werden. Zur Verdeutlichung wurde an die entsprechenden Stellen jeweils »Leerheit« gesetzt und durch Begriffe wie »offener Raum« (Trungpa Rinpoche) oder »offene Dimension des Seins« (H. V. Guenther) ergänzt.

In einigen wenigen Fällen wurde die für das Englische gewählte Transkription des Tibetischen, zumeist aufgrund deutscher Aussprachregeln, abgewandelt (z. B. durch die Verwendung von Umlauten).

Mein Dank für die Hilfe bei der Anfertigung dieser Übersetzung geht an meine tibetischen Lehrer und an meine Freunde im Dharma. Sei es zum Wohle aller.

Sylvia Luetjohann

EINFÜHRUNG

1. BESCHREIBUNG UND HINTERGRUND

Das Licht der Gewißheit ist eine mit Anmerkungen versehene Übersetzung des tibeto-buddhistischen Meditationshandbuches Nges-don sgron-me von Jamgon Kongtrul (’Jam-mgon Kong-sprul blo-gros mtha’-yas-pa, 1813–1899). Es enthält praxisbezogene Unterweisungen und theoretische Erklärungen zu den »vier vorbereitenden Übungen« (sngon-’gro), der grundlegendsten Praxis der Kagyü-Schule des tibetischen Buddhismus.

Nges-don sgron-me ist ein Kommentar zu dem kurzen »Wurzel«-Text Lhan-cig skyes-sbyor khrid von dem neunten Karmapa, Wangchug Dorje (dBang-phyug rDorje, 1556–1603). Deshung Rinpoche zufolge ist dies der kürzeste von drei ähnlichen Texten des gleichen Verfassers. Der mittlere ist Nges-don rgya-mtsho und der längste Chos-sku mdzub-tshugs.

Der abschließende Teil von Nges-don sgron-me enthält Unterweisungen über die höhere Stufe des Mahamudra in Lehre und Praxis. Er ist nicht übersetzt worden.

Durchgängig durch den ganzen Text schreibt Kongtrul halb im Stil der Umgangssprache; er verwendet eine unmethodische Rechtschreibung, Grammatik und Satzbau, wie sie in »klassischen« tibetischen Werken wie beispielsweise Gampopas Jewel Ornament of Liberation nicht vorzufinden sind.

Nach Kalu Rinpoche vermittelt das Nges-don sgron-me exoterische Meditationsunterweisungen (thun-mong-gi gdams-ngag), die mit der Karma Kagyü-Schule des Mahayana-Vajrayana-Buddhismus übereinstimmen.

Das Nges-don sgron-me wird nicht während der eigentlichen Meditationssitzungen verlesen, sondern vor und zwischen den Sitzungen nach Bedarf studiert. Das ’Phags-lam bgrod-pa’i shing-rta1 des neunten Karmapa, die Liturgie, welche während dieser Sitzungen laut rezitiert wird, ist in diese Arbeit nicht aufgenommen worden.

Ehe wir die eigentlichen Meditationen beschreiben, werden einige Anmerkungen über das Wesen einer tibeto-buddhistischen Schule, über die Karma Kagyü-Schule, und zu Jamgon Kongtrul von Nutzen sein.

DAS WESEN EINER TIBETO-BUDDHISTISCHEN SCHULE

Eine Schule innerhalb des tibetischen Buddhismus wird durch verschiedene Faktoren gekennzeichnet. Tibetischen Lehrern zufolge ist der wichtigste das mehrdimensionale Phänomen, welches als »Überlieferungslinie« bekannt ist. Die zentrale Überlieferungslinie einer Schule umfaßt die ununterbrochene Aufeinanderfolge von Lehrern – von Buddha über die indischen Meister bis hin zu den zeitgenössischen Tibetern –, welche die mündlichen und schriftlich niedergelegten Lehren weitergegeben haben. Besonders ausgebildete Überlieferungslinien innerhalb einer größeren Schule schließen diejenigen Lehrer ein, welche Anweisungen für Formen der Praxis übertragen haben, auf welche diese Schule besonderen Nachdruck legte. Diese Linien schließen einige, aber nicht alle Lehrer der zentralen Überlieferungslinie in sich ein.

Ein weiterer Faktor ist die Sammlung der mündlichen und schriftlich niedergelegten Lehren, die von Mitgliedern dieser Überlieferungslinie verfaßt worden sind. Dazu gehören die Shung (zhung) oder maßgebende indische und tibetische Abhandlungen sowie andere Kommentare, Unterweisungstexte und rituelle Handbücher.

Eine Schule wird auch durch ihren besonderen Stil der Praxis ausgewiesen. Die Kagyü-Schule, welche große Betonung auf die Meditation legt, wird allgemein als eine meditative Überlieferung (sgrub-brgyud) bezeichnet, während die Kadampa- oder Gelugpa-Schule als eine Tradition intellektueller Disziplin (blo-sbyong-brgyud) bekannt ist.

Ein weiteres Erkennungsmerkmal war zu einer bestimmten Zeit die Gruppe von Klöstern, wo die Mönche und Nonnen lebten, studierten und praktizierten. Ein Kloster war gewöhnlich der offizielle Hauptsitz für die Schule und Vorbild für die übrigen. Jede der vier größeren Schulen hatte eine große Anzahl von Klöstern, während einige kleinere Untersekten nur eines oder zwei gehabt zu haben scheinen.

Schließlich ist eine Schule an ihrem spirituellen Oberhaupt zu erkennen, das in der Regel ein hochstehender Tulku ist.

DIE KAGYÜ-SCHULE

Obwohl der Buddhismus bereits im 7. nachchristlichen Jahrhundert in Tibet bekannt war, sind die vier größeren Schulen – die Nyingmapa, Sakyapa, Kadampa (später in den Gelugpas aufgegangen) und Kagyüpa – nicht vor dem 11. Jahrhundert entstanden.

Die Überlieferungslinie der Kagyüpas beginnt mit dem Buddha Vajradhara (Dorje Chang), dem Symbol für die höchste Erleuchtung. Vajradhara ist kein historischer Buddha wie Shakyamuni, sondern eines der vielen all-gegenwärtigen erleuchteten Wesen, die ständig ihren Segen austeilen. Jeder, der sich mit der Kagyüpa-Praxis beschäftigt, wird dazu angehalten, seinen Guru als Vajradhara anzusehen, damit der Buddha nähergebracht und die Fruchtbarkeit der Beziehung zwischen Guru und Schüler sichergestellt wird.

Das zweite Glied in der Überlieferungslinie ist der indische Mahasiddha Tilopa (988–1069). Er soll mit Hilfe von Visionen und anderen außerordentlichen Mitteln Unterweisung direkt von Vajradhara erhalten haben.

Das dritte Glied in der Überlieferungslinie ist der Inder Naropa (1016–1100), Tilopas geduldiger Schüler.2

Von Tilopa und Naropa stammen die Meditationsübungen, an welchen sich die Schule erkennen läßt: die Sechs Yogas des Naropa (Na-ro’i chos-drug) und Mahamudra (Phyag-rgya-chen-po).

Die ersten beiden Unterteilungen der Schule gehen auf zwei tibetische Schüler des Naropa zurück. Khyungpo der Yogin (1002–1064) begründete die Shangpa-Kagyü. Marpa der Übersetzer (1012–1096) begründete die Dagpo-(Dwags-po) Kagyü. Wir wollen uns nur mit letzterem beschäftigen.

Marpa war ein Laie, dessen Wissensdurst ihn dazu antrieb, drei kostspielige und gefahrvolle Reisen nach Indien zu unternehmen. Jedesmal erhielt er wichtige mündliche und schriftlich niedergelegte Belehrungen. Seine folgenschwere Begegnung mit Naropa, die Tilopa vorhergesagt hatte, inspirierte seinen Werdegang als hauptsächlicher Verfechter des Vajrayana in Tibet.

Marpa übertrug Naropas Unterweisungen auf verschiedene Schüler. Der berühmteste war Milarepa (1052–1135).3 Damit Mila seine frühe Laufbahn in zerstörerischer schwarzer Magie ausgleichen konnte, mußte er sich Jahren des schmerzvollen und enttäuschenden Dienstes für seinen scheinbar grausamen und unberechenbaren Guru unterziehen. Immer dann, wenn Mila zu verzweifeln begann, pflegte Marpa ihm ein hoffnungsvolles Zeichen zu geben. So hielt Mila einige Jahre durch. Nachdem er endlich die ersehnten Unterweisungen empfangen hatte, verbrachte er sein Leben mit Meditation in der Einsamkeit und verfaßte seine berühmten Gesänge4 und Lehren.

Milarepas bekanntester Schüler war Gampopa oder Dagpo Lharje (1079–1153). Er begründete viele Klöster, darunter Dagpo, wonach diese Unterteilung der Kagyü-Schule benannt ist. Gampopa wurde erst nach einer gründlichen Schulung in der intellektuellen und moralischen Disziplin des Kadampa-Systems zu Milas Schüler. Mila unterwies ihn in den Meditationstechniken, welche von Tilopa, Naropa und Marpa weitergegeben wurden. Gampopa »… vereinigte die Lehren der bKa’-gdams und die Erfahrungen des Mahamudra in einer einmaligen Art und Weise, so daß sich die beiden Strömungen miteinander verbanden.«5 Bis zum heutigen Tag haben Autoren der Kagyüpas sehr stark aus Gampopas umfangreichen Werken geschöpft.

Gampopas Schüler gründeten die Untersekten der Dagpo Kagyüpas, die »vier großen« und die »acht kleineren«.

»Die vier großen«

(begründet von Gampopas unmittelbaren Schülern)

1. Karma Kagyü, begründet von Dusum Khyenpa (1110–1193).

2. Baram Kagyü, begründet von Barampa Dharma Wangchug (ca. 1100).

3. Tshalpa Kagyü, begründet von Tsondragpa (1123–1194).

4. Phamo Kagyü, begründet von Phamodrupa (1110–1170).

»Die acht kleineren«

(begründet von Phamodrupas Schülern)

1. Drikhung Kagyü.

2. Talung Kagyü.

3. Tropu Kagyü.

4. Drugpa Kagyü oder Tod-drug und seine Untersekten:

5. May-drug.

6. Bar-drug.

7. Bar-ra.

8. Lho-drug.

Seit ihrem Beginn im zwölften und dreizehnten Jahrhundert bis zur chinesischen Machtübernahme im Jahre 1959 sind diese Untersekten in ganz Tibet aktiv gewesen. Einige – am ehesten sind die Karma und Drugpa Kagyü zu bemerken – haben nun Klöster in Indien, Nepal, Bhutan, Sikkim, Schottland und Frankreich. Die meisten Zentren des tibetischen Buddhismus, welche in den letzten zehn Jahren in Europa und Nordamerika entstanden sind, wurden von zwei Lamas der Karma Kagyüpas begründet: Tschögyam Trungpa, Rinpoche und Kalu Rinpoche.6

DIE KARMA KAGYÜ-SCHULE

Die Karma Kagyü-Schule wurde von Dusum Khyenpa (1110–1193), dem ersten Karmapa, begründet. Der Karmapa ist ihr höchster Tulku und das spirituelle Oberhaupt. Kalu Rinpoche zufolge ist der Karmapa die höchste geistige Autorität für alle Kagyü-Untersekten. Als solche fungiert er bei den wichtigsten Ritualen und ist für die Anerkennung aller bedeutenden Kagyüpa-Tulkus verantwortlich.

Die Karma Kagyüpas betrachten seinen spirituellen Status als gleichwertig mit demjenigen des Dalai Lama, dem Oberhaupt der Gelugpa-Schule. Beide werden als Inkarnationen von Avalokiteshvara, Bodhisattva des Mitgefühls, angesehen. An beide wendet man sich als »wunscherfüllender Edelstein« (yid-bzhin nor-bu). Anders als der Dalai Lama war der Karmapa jedoch nicht mit der zentralen Regierung verbunden, das heißt, er wird nicht als eine Inkarnation des Songtsen Gampo oder eines anderen tibetischen Herrschers angesehen und hat niemals mit dem Dalai Lama die Rolle als nationales Symbol geteilt.

Obwohl der offizielle Sitz des Karmapa im Kloster Tshurpu in Zentraltibet war, wurden die meisten Karmapas in Kham (Osttibet) geboren. Offizieller Sitz des Karmapa ist im Augenblick das Kloster Rumtek in Sikkim.

Die Karmapas übten großen spirituellen und politischen Einfluß in Kham aus. Viele von ihnen unterhielten diplomatische Beziehungen zu China und erfreuten sich kaiserlicher Protektion.7

Man verweist auf den Karmapa als »Träger des Schwarzen Hutes«. Dieser Hut – einer Mitra vergleichbar – ist ein Symbol für seine geistige Autorität. Der ursprüngliche schwarze Hut soll Dusum Khyenpa von den Dakinis überbracht worden sein, welche ihn aus den Haaren von Hunderttausend ihresgleichen gewoben haben.

Nach Kalu Rinpoche war dieser ursprüngliche Hut unsichtbar für alle mit Ausnahme derjenigen, die großes Verdienst erworben hatten. Dem fünften Karmapa Deshin Shegpa (1384–1415) wurde von dem Yung-lo Kaiser Ch’êng-tsu eine materielle Nachbildung überreicht, damit der schwarze Hut – von welchem es heißt, daß ein bloßer kurzer Anblick die Wiedergeburt des Betrachters in den höheren Bereichen gewähren soll – von allen wahrgenommen werden könnte.8

Diese Nachbildung wird für die gleiche gehalten, welche der gegenwärtige Karmapa, Seine Heiligkeit Rangjung Rigpi Dorje (geb. 1924) aufsetzte, als er in den Jahren 1974 und 1976/77 die Zeremonie der Schwarzen Krone in Europa und Nordamerika ausführte. Diese Zeremonie ist das wichtigste Ritual der Karma-pas. Es läßt erneut die ursprüngliche »Krönung« des Dusum Khyenpa durch die Dakinis stattfinden; es bestätigt den Platz eines jeden Karmapa in der Linie der Karmapas und ruft Avalokiteshvara als den geistigen Ursprung dieser Überlieferungslinie an.

Bis heute hat es sechzehn Karmapas gegeben:

1. Dusum Khyenpa (1110–1193).

2. Karma Pakshi (1206–1283).

3. Rangjung Dorje (1284–1339).

4. Rolpi Dorje (1340–1383).

5. Deshin Shegpa (1384–1415).

6. Tongwa Donden (1416–1453).

7. Chödrag Gyatso (1454–1506).

8. Mikyö Dorje (1507–1554).

9. Wangchug Dorje (1556–1603).

10. Chöying Dorje (1604–1674).

11. Yeshe Dorje (1675–1702).

12. Changchub Dorje (1703–1732).

13. Dudul Dorje (1733–1797).

14. Thegchog Dorje (1797–1868).

15. Khakhyab Dorje (1871–1922).

16. Rangjung Rigpi Dorje (geb. 1924).9

Diese Liste umfaßt einige Staatsmänner, Autoren und Lehrer.

Der gegenwärtige Karmapa wurde in Tshurpu ausgebildet und lebt nun im Kloster Rumtek in Sikkim, dem neuen Hauptsitz der Karma Kagyüpas.

Als andere wichtige Tulkus der Schule gelten der Shamar (Zhva-dmar) oder »Rothut« Rinpoche sowie die Situ, Gyaltsap und Pawo Rinpoches. Die Linie der Shamarpas erfreute sich Zeiten der politischen Macht in Zentraltibet, wurde jedoch aufgrund der Komplizenschaft des zehnten Tulku bei einer nepalesischen Invasion im späten achtzehnten Jahrhundert offiziell beendet. Der gegenwärtige Karmapa ließ die Linie wieder aufleben. Der letzte Shamarpa wurde in den frühen fünfziger Jahren geboren und lebt in Rumtek.

Alle Karmapas und die meisten der wichtigsten Tulkus der Schule sind Angehörige des »Goldenen Rosenkranzes wunscherfüllender Edelsteine«, der besonders entwickelten Überlieferungslinie von Mahamudra-Lehrern der Karma Kagyüpas. Einige wenige andere gehören dieser Mahamudra-Überlieferungslinie an, weil sie Lehrer odẹr bedeutende Schüler eines Karmapa waren. Einer dieser wenigen ist unser Autor Jamgon Kongtrul, der Erzieher des fünfzehnten Karmapa.

KURZE BIOGRAPHISCHE SKIZZE VON JAMGON KONGTRUL

Jamgon Kongtrul (1813–1899) war ein vielseitiger und produktiver Gelehrter, dessen Werke das gesamte Gebiet traditionellen tibetischen Wissens umspannen. Kongtrul – von Smith10 als ein »tibetischer Leonardo« charakterisiert – war auch ein angesehener Arzt, Diplomat und einflußreicher Politiker in seiner Heimat Kham (Osttibet).

Ehe Kongtrul irgendeine buddhistische Schulung erhielt, wurde er von seinem nominellen Vater Sönam Pel, einem Bön-Lama, gründlich im Bön ausgebildet. Kongtrul selbst hielt den buddhistischen Lama Yungdrung Tendzin aus der berühmten Khyungpo-Überlieferungslinie für seinen leiblichen Vater.

Kongtruls früheste buddhistische Ausbildung erfolgte in der Nyingma-Tradition, in welcher er 1832 im Kloster Sechen ordiniert wurde. Ein Jahr später mußte er sich jedoch erneut als Karma Kagyü-Mönch ordinieren lassen, um damit die Eignung für eine literarische Anstellung im Kloster Palpung zu erwerben – eine Bedingung, deren »… Kleinlichkeit und Sektierertum Kongtrul mit Unruhe erfüllten…«.11

Diese zweite Ordination wurde von Situ Padma Nyingjay (1774–1853) erteilt, den Kongtrul im Nges-don sgron-me als seinen »Wurzel-Guru« anruft. Er erhielt dabei den Namen Ngawang Yöntän Gyatso, mit welchem er diesen Text unterzeichnete.

Im Alter von dreißig Jahren hatte Kongtrul Belehrungen und Ermächtigungen von sechzig Lamas verschiedener Schulen und Überlieferungslinien erhalten. In dieser Zeit wurde er als Tulku anerkannt – eine Maßnahme, deren Absicht zumindest teilweise politisch war.12

Kongtrul nahm die Echtheit von Termas13 an, so wie es die Bön-pos und Nyingmapas taten. Im Jahre 1855 wurde er von dem Terton Chögyur Lingpa (1829–1879) als Terton bestätigt.

Gemeinsam mit dem Khampa-Gelehrten Jamyang Khyentse Wangpo (1820–1892) rief er die »unparteiische« oder Rime(ris-med) Bewegung ins Leben, deren Vorläufer auf das vierzehnte Jahrhundert zurückgehen. Diese religiöse und kulturelle Renaissance entstand zumindest teilweise als Reaktion auf den abstumpfenden Einfluß des abgeschlossenen Sektierertums, welches in Tibet jahrhundertelang existiert hatte. Ihre Anhänger gaben ihre eigene Identität oder Einstellung zu einer Schule nicht auf, betrachteten aber die Lamas und Belehrungen aller Schulen als gleichermaßen wertvoll und gingen ohne Einschränkung einem abwechslungsreichen Lehrplan von Studium und Praxis nach. Die Rime-Bewegung zog eine Anzahl von hervorragenden Gelehrten an, deren Schriften die maßgebenden Texte umfassen, die von vielen modernen tibetischen Lehrern – besonders aus der Nyingma- und Kagyü-Tradition – verwandt werden.

Während der vielen Zwischenfälle bei den religiös-politischen Fehden in Kham handelte Kongtrul als Vermittler und wurde später zu einem großen politischen Führer. Trotz dieser chaotischen Umgebung schrieb er mehr als neunzig Bände über Theorie und Praxis nach den Nyingmapas, Kadampas, Sakyapas, Shijaypas und Bönpos sowie den vielen Zweigen der Kagyü-Schule. In einigen Werken, die als Rimepa gekennzeichnet sind, behandelt er das Thema der Reihe nach vom Standpunkt einer jeden Schule.

Die meisten seiner Schriften sind in der Sammlung mit dem Titel The Five Treasuries (mDzod-lnga) enthalten, die im späten neunzehnten Jahrhundert in Palpung gedruckt wurde. Das vorliegende Werk, Nges-don sgron-me (1844), war eines seiner frühesten.

2. DIE PRAXIS DER VIER VORBEREITENDEN ÜBUNGEN

Ehe der Praktizierende mit einer Meditationssitzung beginnt, schließt er alle Ablenkungen aus. Er kann dann ein Abbild derjenigen Visualisation aufstellen, welche in dieser Praxis angewendet wird, beispielsweise eine bildliche Darstellung von Vajrasattva, ein Bild des Zufluchtsbaumes usw.

Die eigentliche Praxis der vier besonderen vorbereitenden Übungen bezieht den Praktizierenden in ein intensives Geschehen ein, das körperliche, verbale und geistige Handlungen vereinigt. Während er jeden Abschnitt der liturgischen Darstellung rezitiert, visualisiert er diejenige Szene, welche darin Beschreibung findet, denkt über die Bedeutung der Gebete nach und führt die angegebenen rituellen Handlungen aus. Währenddessen versucht er, seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf das Ritual zu konzentrieren.

Damit er die Praxis vervollständigt, muß er jede der vier besonderen vorbereitenden Übungen 111.111 mal ausführen. Da die Zufluchtnahme auch 111.111 volle Verneigungen umfaßt, ist die Gesamtzahl 555.555. Die Praxis wird von daher als die »Fünfhunderttausend« bezeichnet.

Die folgenden Interviews mit drei führenden Lehrern des tibetischen Buddhismus sind auf die Praxis der vier vorbereitenden Übungen und ihre Bedeutung für heutige Schüler des Buddhismus ausgerichtet.

INTERVIEWS MIT KALU RINPOCHE, DESHUNG RINPOCHE UND TSCHÖGYAM TRUNGPA, RINPOCHE1

Welches sind die vier besonderen vorbereitenden Übungen und wie fügen sie sich in das gesamte System der buddhistischen Praxis ein?

TSCHÖGYAM TRUNGPA, RINPOCHE: Jede Form von spiritueller Disziplin, eines handwerklichen oder pädagogischen Programms hat ihre anfänglichen, mittleren und abschließenden Stufen. Die vier vorbereitenden Übungen (sngon-’gro, wörtlich »voran-gehend«, Einleitung) stehen am Anfang der Disziplin des Vajrayana. Natürlich ist das Vajrayana nicht die erste, sondern die dritte Stufe buddhistischer Praxis, welcher Hinayana und Mahayana vorausgehen. Diejenigen aber, welche mit der Disziplin des Vajrayana beginnen, tun dies mit den vier vorbereitenden Übungen.

Im Einklang mit der Tradition erfordert die Praxis dieser grundlegenden Übungen eine Menge an Vorbereitung. In Tibet mußten sich die Menschen in früheren Zeiten einer ziemlichen Schulung unterziehen, ehe sie die vorbereitenden Übungen praktizieren konnten. Diese umfaßte grundlegende Ausbildung von innerer Geistesruhe und Einsichts-Meditation (zhi-gnas und lhag-mthong; Skt. Samatha und Vipassana) ebenso wie eine gewisse Schulung im Mahayana, wozu das formelle Ablegen des Bodhisattva-Gelübdes gehörte usw.

Worin besteht die Funktion einer jeden der vier besonderen vorbereitenden Übungen?

KALU RINPOCHE: Allgemein gesprochen, entfernen die ersten 444.444 Übungen (das sind die Zufluchtnahme und die Verneigungen, die Vajrasattva-Praxis und das Mandala-Opfer) die Verdunkelungen (siehe Kap. 3, Anm. 12 und Kap. 5, Anm. 24) und bewirken die zwei Formen der Ansammlung (siehe Kap. 1, Anm. 20). Der Guru-Yoga verleiht uns großen Glauben an unseren Guru, was dazu führt, daß wir seinen Segen empfangen und Mahamudra erreichen.

TRUNGPA, RINPOCHE: Die vier besonderen vorbereitenden Übungen sind ein Entwicklungsprozeß, in dem jede Begebenheit ihren festen Platz hat. Man könnte sie zu den vier Dharmas von Gam-popa in Beziehung setzen. Bei der Zufluchtnahme richtet sich unser Geist allmählich auf den Dharma; dies ist der erste Dharma bei Gampopa. Unsere Einstellung zu uns selbst und zu allem in unserem Leben wird sich ganz auf die Dharma-Praxis beziehen. So etwas wie eine Unterscheidung zwischen Heiligem und Profanem gibt es nicht mehr.

Wenn wir mit der Praxis beginnen wollen, müssen wir uns zuerst dem Dharma vollständig »ausliefern«. Dies wird erreicht durch die Ausführung von Verneigungen – ein Vorgang der völligen Hingabe und eindeutigen Verpflichtung. Ich glaube nicht, daß jemand mit der Praxis des Vajrayana ohne dies beginnen kann.

Wenn wir das Bodhisattvagelübde ablegen, nachdem wir uns zur Abfahrt entschieden und unsere Fahrkarte gekauft haben, treten wir tatsächlich die Reise an: Bodhicitta und der Pfad des Bodhisattva. Das bezieht sich auf den zweiten Dharma bei Gampopa, der besagt, daß unsere Dharma-Praxis auf dem Wege wirklich von Erfolg sein kann.

Wenn wir die Praxis des Vajrasattva ausführen, nachdem wir uns bereits hingegeben haben, müssen wir dasjenige, was wir aufgegeben haben, reinigen und weiterhin eingestehen. Alle Unreinheiten müssen gereinigt werden.