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Ramesh S. Balsekar

Schuld und Sünde: Der IrrSinn des Verstandes

Ramesh S. Balsekar

Schuld und
Sünde ~
Der IrrSinn
des Verstandes

Herausgegeben von Susan Waterman

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Englische Originalausgabe Sin and Guilt

Ramesh S. Balsekar: Schuld und Sünde

Lektorat: Otto Greiner

Bibliografische Information der Deutschen

ISBN Print 978-3-89901-713-7

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk,

Schuld und Sünde, Stolz und Arroganz
zusammen mit Hass und schlechten Intentionen,
Eifersucht und Neid erzeugen ein Feuer im Bauch,
welches das Leben zur Hölle macht.
Lösche dieses Feuer und es entsteht ein Weiser,
der aktiv am Leben, so wie wir es kennen, teilnimmt
und seinen ihm zugewiesenen Anteil
an Schmerz und Freude mit Gleichmut akzeptiert.

Für meinen lieben Freund
Leonard Cohen,
dessen Gesicht während der Talks
immer zu strahlen begann,
wenn dieses Thema zur Diskussion stand.

Inhalt

Vorwort der Herausgeberin

1

Einführung: Das Rad des Lebens

2

Die Grundsätze

3

Was sucht der spirituelle Sucher?

4

Gottes Wille und des Menschen freier Wille

Das Konzept von karma

Das Konzept von karma, basierend auf den Handlungen des Individuums

5

Das Konzept von Schuld und Sünde

6

Schlussfolgerung: Die Natur der manifestierten Welt

Glossar der Konzepte

Wenn die arrogante und lächerliche
Vorstellung abgefallen ist,
dass wir unser Leben entsprechend
unserem eigenen Willen leben,
dann bleibt nur noch Freiheit.

Vorwort
der Herausgeberin

Zum allerersten Mal sah ich Ramesh Balsekar von hinten – er stand an der Tür zu dem Zimmer, in dem eine Anzahl von Besuchern darauf wartete, dass der morgendliche Talk beginnen würde. Ich hatte ihm direkt ins Gesicht geschaut, nachdem er einen Blick ins Zimmer geworfen und sich zum Gehen umgedreht hatte, und war zutiefst berührt von einer unwiderstehlichen, unleugbaren, strahlenden Kraft, Sanftheit und Demut. In dem Moment, als ich jemanden fragte: »Ist er das?« überkam mich ein klares und zugegebenermaßen leicht unangenehmes Gefühl, welches vielleicht von der Gnade seines Blickes ausging, dass »etwas Überwältigendes geschehen würde«. Ob »ich« es war, die wusste, dass sie einem sehr mitfühlenden Trommelfeuer von genau platzierten, unversöhnlichen Hieben ausgesetzt sein würde, oder ob es das Herz war, das vor Freude tanzte und bereits zu schmelzen begann in dem Erkennen des liebenswerten, endgültigen, mysteriösen und erhabenen Lehrers, des Gurus, ist eigentlich unwichtig – denn beides geschah.

Eine der Fragen, die Ramesh fast jedem neuen Besucher stellt, ist die Frage, was er glaubt, als ein spiritueller Suchender zu suchen. Für mich war die Suche für viele Jahre scheinbar die grundsätzliche Kraft, die hinter vielen wichtigen Veränderungen in meinem Leben stand. Seit meiner Kindheit gab es eine treibende Kraft: Ich wollte irgendwie im Einklang mit der »Höheren Ordnung« des Universums sein, was auch immer das bedeutete. Jene »Höhere Ordnung« war immer ganz offensichtlich, doch wie man dort hingelangte, mit anderen Worten, wie man nicht mehr davon getrennt wäre, war eine andere Frage. Als Kind suchte ich die Antwort wahrscheinlich bei den Lehrern der Sonntagsschule in der Kirche, die ich mit meiner Mutter viele Jahre lang besuchte, doch deren Lebenserfahrungen schienen keine Antworten zu bieten. Es gab mir größere Befriedigung, im Garten zu arbeiten oder an einem schönen Tag auf meinem Pony durch die Wälder zu reiten. Diese Suche führte dazu, dass ich zunächst Ökologie studierte und dann Physiologie, Biochemie und Molekularbiologie der Pflanzen. Die Antworten, die sich mir als einer Universitätswissenschaftlerin präsentierten, wiesen ganz eindeutig in die gleiche Richtung: Die Quelle dieser »Höheren Ordnung« kann von keinem Menschen entdeckt, erfahren, gemessen oder entwickelt werden, egal wie präzise die Labortechnik oder die Instrumente auch sein mögen, die zur Verfügung stehen. 1989 verließ ich die Universität, um unsere Farm ganz zu übernehmen, deren 300 Angoraziegen und Schafe und andere Tiere meine Lehrer wurden, vielleicht die besten, die ich bislang gehabt hatte. Bald danach präsentierte sich mir die klarste und präziseste Erkenntnis, als ich an einem Meditationskurs teilnahm und das Wort shakti hörte. In dem gegebenen Zusammenhang bezog sich das Wort auf die kreative Energie Gottes – und dies war gewiss der stimmigste und bedeutungsvollste Bezug in Hinsicht auf die »Höhere Ordnung«, auf den ich bislang gestoßen war. Es war nicht meine Bestimmung, die Welt zu bereisen und viele spirituelle Lehrer, Meister oder Gurus aufzusuchen. Außer Ramesh hatte ich nur einen spirituellen Meister. Doch als ich Ramesh das erste Mal sprechen hörte, war mir klar, dass er die Antwort wusste, dass er die Antwort lebte und dass durch ihn auch für mich die Antwort kommen würde – Es gibt nichts außer Bewusstsein, was auch bedeutet niemand tut irgendetwas. Dank Ramesh sollte die Suche bald zu Ende sein.

Es war möglicherweise dieser eine seltene Moment in meinem Leben, von dem ich zu sagen wage, dass es keine bewussten Erwartungen gab, dieser Tag, an dem ich zum ersten Mal Rameshs Wohnung betrat. Ganz gewiss hatte ich keine Intentionen, einen Guru zu finden, und noch weniger hätte ich mir vorstellen können, mich Hals über Kopf in diesen Weisen zu verlieben. Ich befand mich bereits auf einem bestimmten spirituellen Weg, der mir ein beträchtliches Maß an Befriedigung und zehn Jahre lang ganz offensichtlich auch Nutzen gebracht hatte. Es war in der Tat dieser spirituelle Weg, der mich vor vier Jahren nach Indien geführt und die Basis gelegt hatte, mich für Rameshs Lehre zu öffnen. Schon sehr bald zeigte sich ganz deutlich, dass es Gottes Wille und die Bestimmung dieses Körper-Verstand-Organismus war, wie Ramesh es ausdrückte, mit ihm zusammen zu sein, auch wenn es auf den ersten Blick so aussah, als ob ich nur aus reiner Neugier diesen Advaita-Meister aufsuchte, der durch eines seiner Bücher meinen Mann so nachhaltig beeindruckt hatte und dessen Lehre in diesem Buch durch seine Genauigkeit und Vollständigkeit auch mich direkt und tief getroffen hatte. Bei meinem dritten Besuch zwei Wochen später wurde mir klar, dass ich meine Lebensumstände so verändern wollte, dass ich so viel Zeit wie möglich bei Ramesh in Bombay verbringen konnte. Dabei schien es unwichtig, dass ich mir nicht sicher war, ob mein Leben als eine Suchende einen neuen Kurs zu nehmen schien, einen Umweg machte oder eine völlig andere Richtung einschlug: Es war einfach nur das, was in dem Moment geschehen sollte. Doch instinktiv wusste ich ohne jeden Zweifel, dass sich durch dieses bestimmte Wesen, den Guru, das Mysterium und die Basis aller Erfahrungen der Wunder des Lebens dauerhaft und in aller Fülle enthüllten – und sie enthüllten sich ohne jegliche Anweisungen auf sehr klare und zugängliche Weise in einem solchen Ausmaß, wie jeder Einzelne fähig ist, es zu verarbeiten.

Einige Monate später überraschte mich Shri Ramesh eines Morgens mit seinem Angebot, bei der Bearbeitung eines Buches über »Schuld und Sünde« zu assistieren. Diese Thematik war für mich besonders zutreffend, denn Ramesh hatte mich bereits mit großer Geduld und Aufmerksamkeit durch einen anstrengenden Prozess geführt, um ein tief sitzendes fast arrogantes Gefühl von Verantwortung, vielleicht sogar Schuldgefühl, zu neutralisieren, als ich scheinbar »die Entscheidung traf«, den Ashram, in dem ich lebte, zu verlassen, um mit ihm hier in Bombay zu sein. Jegliche Angst oder irgendwelche Bedenken, dass solch eine Handlung auf völlige Ablehnung stoßen würde, ja vielleicht sogar aus irgendeinem an den Haaren herbeigezogenen Grund als »Sünde« erachtet werden könnte, war vollständig ausgelöscht worden. Die spezifischen Umstände und deren Ergebnisse konnten selbstverständlich auf alles, was im Leben geschieht, übertragen werden – welches immer entsprechend Gottes Willen geschieht.

Als mich Ramesh zum ersten Mal direkt in der kompromisslosen Weise eines wahren Gurus ansprach, gab es keine Zweifel, dass absolut nichts geschieht, es sei denn, es ist Gottes Wille, und keine Macht der Welt kann das verhindern, was geschehen soll. Die Schönheit, den Segen und die Auswirkung, die es hat, zu Rameshs Füßen zu sitzen, sind die Freude, die Gelassenheit und der Friede, die man erfährt, wenn die Lehre tiefer und tiefer einsinkt. Das Leben wird einfacher. Und das ist genau, was in seiner Gegenwart geschieht, wenn es Gottes Wille ist und die Bestimmung eines bestimmten Körper-Verstand-Organismus. Das Wunderbare dabei ist, dass dazu weder ein »Ich« noch ein »Du« überhaupt nötig ist – und dieses Konzept wird zu einer höchst göttlichen Äußerung, zu einem lebenslänglichen Mantra, wenn es in einer Weise geäußert wird, wie es nur Ramesh kann.

Falls es einen bestimmten Moment gab, der zu der klaren und endgültigen Entscheidung führte, in Bombay zu bleiben, dann war es wahrscheinlich die Erkenntnis, die mich überkam, als wir eines Abends durch den dichten Verkehr in Bombay zu unserem Zimmer zurückkehrten. Ich erkannte, dass ich auch nicht für einen einzigen Moment irgendwelche Zweifel an Ramesh und seiner Lehre hatte. Gleichzeitig kam widerwillig in dem Moment auch das Eingeständnis, dass mich im Verlauf der letzten zehn Jahre etliche subtile und nicht so subtile Zweifel gequält hatten. Doch viel wichtiger war, dass ich, weil ich keine Zweifel in Bezug auf Ramesh hatte, in diesem Moment noch nicht einmal an mir selbst zweifelte, es gab nicht den geringsten Schimmer eines Zweifels darüber, dass es keine Zweifel in Bezug auf Ramesh gab. Dieser Zustand, ohne jegliche Zweifel zu sein, war für mich eine neue Erfahrung. Wie könnte es eine klarere Bestätigung geben als etwas, das der eigenen Erfahrung entspringt?

Da ich von Natur aus wissbegierig und von Beruf Wissenschaftlerin bin, ist es für mich ein sehr vertrauter Prozess, dass Fragen und Zweifel entstehen – es ist einfach ein Teil der Programmierung dieses Körper-Verstand-Organismus. Zu meiner größten Verwunderung tauchten während meiner ersten Besuche bei Ramesh fast keine Fragen auf. Ich konnte sehen, dass bei näherer Untersuchung meine eigenen Erfahrungen zweifellos die Konzepte bestätigen würden, die Ramesh so klar und deutlich vermittelte. Außerdem war es ganz offensichtlich seine Intention, klar und deutlich zu sein, und es war ihm egal, welche Auswirkungen die Lehre auf das einzelne Individuum hatte. Daher gab es auch keine Kompromisse und keinen Trost. Dies wirkte auf mich in meinem damaligen Zustand beruhigend und gleichzeitig verwirrend: Es schien sich ein unmittelbarer Weg aus dem Konflikt zwischen den Erfahrungen, den vorgeschriebenen Praktiken und der Lehre aufzutun, der tiefer liegenden Verwirrung, die im Verlauf der sadhanas manchmal harmonisch verlief und manchmal sehr stürmisch war. Es gab Entscheidungen zu treffen, und trotzdem waren es ganz offensichtlich nicht »meine« Entscheidungen. Ich hatte ganz stark das Gefühl, zu diesem bestimmten Meister geführt worden zu sein, und es galt lediglich abzuwarten, was geschehen würde.

Eine der beiden Fragen, die bei meinen ersten Besuchen bei Ramesh auftauchten, bezog sich auf karma. Ich stellte ihm diese Frage nicht nur, weil ich von ihm die Basis von karma wissen wollte, sondern hauptsächlich weil viele Jahre der Konditionierung, basierend auf einigen offenbar falsch verstandenen Konzepten, ein immer währendes Gefühl der Täterschaft zu verstärken schienen. Wenn Handlungen mit einem strahlenden und ungetrübten Gefühl der Nicht-Täterschaft, ohne jegliche »Verhaftungen« mit deren Ergebnissen, ausgeführt werden konnten, dann würden die Ergebnisse auch nicht zu einer Anhäufung von karma führen – was darauf hindeutet, dass karma mehr ist als nur die Handlungen selber, eher wohl Handlungen plus ihre Schatten. Somit sind also Handlungen, die in diesem Sinne ausgeführt werden, das Merkmal eines Erleuchteten. Doch Handlungen, die mit dem Gefühl »Ich bin der Handelnde« ausgeführt werden, würden notwendigerweise und unvermeidbar zur Anhäufung von karmawelches