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Umschlaggestaltung: Kerstin Fiebig, ad department, Bielefeld
Innenlayout: Sabine Schiche, ad department, Bielefeld
Lektorat: Viviane Korn
Umschlagmotiv: ©Lachs/Timothy Knepp, Rabe/wiki_©Bc999_Corvus_palmarum
Abbildungen Innenteil: siehe S. 171
Gesamtherstellung: Westermann Druck Zwickau GmbH

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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inhalt

einleitung

von heiligen kühen und katzengöttern

tiere in der modernen medizin

krafttiere –
faszination im schamanismus

das eigene krafttier finden

das eigene krafttier verstehen

mit dem krafttier den alltag bewältigen

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einleitung

Tiere üben auf Menschen eine große Faszination aus. Wir Menschen empfinden sie ebenso wie die Pflanzen als Mitgeschöpfe. Tiere gehören zu unserer Welt, und wir können sie nicht wegdenken. Manche sehen Tiere als Lebewesen einer niederen Ordnung. Früher waren Tiere als Sachen eingestuft, und ein deutlicher Wertunterschied zwischen Tieren und Menschen ist uns noch bekannt. In der christlichen Lehre ist der Mensch angehalten, als Krone der Schöpfung über die Tierwelt zu herrschen. Tiere sind von allen kulturellen Errungenschaften der Gegenwart ausgeschlossen. Tiere können beispielsweise nicht ermordet werden. Ein Tier zu töten ist zwar bedingt strafbar, grundsätzlich aber werden nicht alle Fleischesser wegen Mordes angeklagt. Tiere haben auch keine Arbeitsschutzbestimmungen, und vor allem: Die Menschenrechte gelten nicht für Tiere.

Vergleichbare Tierrechte gibt es ebenfalls nicht. Es gibt zwar einen Tierschutz, doch darüber hinaus gelten für Tiere keine Formen der Mitbestimmung oder der Meinungsäußerung hinsichtlich ihrer eigenen Angelegenheiten. Es gibt also einen Unterschied.

Und doch gibt es viele Gemeinsamkeiten. Wir sprechen davon, dass Tiere etwas fühlen, Tiere kommunizieren, Tiere können ihre Nachkommen ebenso gut versorgen wie Menschen. Ja, Tiere scheinen manchmal sogar die besseren Menschen zu sein. Daraus entsteht manchmal eine romantisch verklärte Sicht auf Tiere. Sie werden wie die eigenen menschlichen Partner, wie eigene Kinder oder wie gute menschliche Freunde gesehen. Hierbei handelt es sich jedoch um eine „Vermenschlichung“ der Tiere. Das ist kurzsichtig und sehr eindimensional.

Unsere Verbindung zu einzelnen Tieren und zur Tierwelt allgemein leitet sich aus einem kollektiv unbewussten Wissen ab. Durch die Evolution verfügt das menschliche Gehirn über Bereiche, die sich auch beim Tier finden. Denken wir allein an das Stammhirn, dass Menschen und fast alle Tiere haben. Doch der Mensch hat noch mehr Hirnteile ausgebildet. Das Sprachzentrum ist differenzierter, das logische Denken ist entwickelt. Hundehalter sprechen mit ihren Hunden, Hunde sprechen aber nicht mit ihren Menschen und geben deshalb auch keine menschlichen Überlegungen preis. Genauso verhält es sich bei Katzen. Wenn Tiere unsere Seelengefährten sein und unser Leben dadurch bereichern sollen, dürfen wir sie nicht als Ersatzmenschen sehen. Dadurch berauben wir uns dessen, was Tiere wirklich für uns tun können. Wenn wir Tieren unsere eigenen menschlichen Gedanken unterstellen, sind sie nur eine Kopie unserer selbst. Dann können wir keine Impulse aus der Tierwelt von ihnen bekommen. Tiere können uns helfen, den Weg zu unserem und ihrem gemeinsamen Ursprung zu finden. Das können sie aber nur, wenn sie als Tiere wahrgenommen werden, denn nur dann erkennen wir Menschen ihre je eigene Wesensart, statt sie zu vermenschlichen.

Tiere können uns helfen, den Sinn des Lebens zu verstehen, und Tiere können archetypische Empfindungen und Aspekte in unser Leben tragen. Das ist wunderbar und von großem Wert. Unsere Vorfahren wussten das. Aus diesem Grund waren Tiere zu allen Zeiten bedeutungsvoll, manchmal sogar Gottheiten. Leider hat das christliche Abendland alle Lebewesen unter den Menschen gestellt, eine Zeit lang sogar die Frauen unter die Männer. So wurden viele Verbindungen zerschnitten, die wichtig und hilfreich waren, um den Kontakt zum Ursprung zu halten. Noch heute sind Tiere genau an dieser Stelle entwertet. Man sieht in ihnen nicht mehr die urtümliche Lebenskraft und die bedingungslose Bejahung des Lebens. Man zieht ihnen Mäntelchen an und geht mit ihnen im Partnerlook spazieren. Man nimmt sie mit ins Haus, obwohl sie die Natur lieben. In der Bundesrepublik gibt es unzählige Hunderassen, die gezwungen werden, unter falschen klimatischen Bedingungen zu leben, nur weil es dem Menschen gefällt. Die Sklavenhaltung hat sich zu einem großen Teil von den Menschen auf die Tiere verlagert. Früher hatten gefangene Menschen die Bedürfnisse ihrer Besitzer zu erfüllen. Heute sind es oftmals die Tiere. Hunde müssen Leberwurstbrote fressen, Katzen sollen ihre Krallen an albernen Sisalstöcken schärfen, und Vögel dürfen in einer Voliere von rechts nach links fliegen. Was der Mensch braucht, das will er besitzen. Doch was ein Mensch besitzt, dessen Freiheit kann er nicht genießen. Der Zugang zum Leben und der Zugang zur eigenen Seele sind ohne Freiheit und Freiwilligkeit nicht möglich. Wir fallen auf eine selbstgemachte Illusion herein. Und wir übertragen die Verantwortung für das eigene Leben und das eigene Wohlergehen auf Tiere, die sich nicht wehren können. Und dann sollen Tiere Heilung bringen. Tiere könnten dem Menschen etwas geben. Heilung bedeutet aber, in Harmonie mit sich selbst und seiner Umgebung, in liebevoller Verbundenheit mit allem Leben und der Quelle zu stehen. Wer ein Tier auf die eine oder andere Art missbraucht, quält, verletzt oder missachtet, kann gar keine Chance auf Heilung haben. Heilung kann nicht erreicht werden, wenn dafür die Verletzung oder Missachtung eines anderen Lebewesens in Kauf genommen wird. Heil ist, wer ganz nah am Leben ist. Zur Heilung gehören Wertschätzung und Achtsamkeit. Ein gesunder Mensch verfügt über diese Kompetenzen. Wer Wertschätzung und Achtsamkeit nicht aufbringt, kann keine Heilung erlangen.

Dieses Buch handelt von Krafttieren und Seelengefährten. Es handelt nicht von Sklaven und Knechten. Um den Unterschied zu verstehen, ist es notwendig, den Kontakt zwischen Mensch und Tier in der Geschichte zu beleuchten. Dafür betrachten wir den Umgang unserer Vorfahren mit der Tierwelt. Dem Schamanismus wird ein besonderes Kapitel gewidmet, weil in der schamanischen Kultur der Umgang mit dem Krafttier eine zentrale Stellung einnimmt. Aber auch die sogenannten Hexentiere und die Fabeltiere, die nahezu überall auf der Erde bekannt sind, werden dargestellt.

Die Arbeit mit dem Krafttier hat viele Gesichter, und jeder wird seinen eigenen Weg finden, sich der Gemeinschaft mit einem oder mehreren tierischen Mitgeschöpfen zu versichern. Es gibt kein Falsch oder Richtig, wenn ein Mensch seinen spirituellen Weg geht. Nur spirituell sollte dieser Weg sein, also geführt vom Geist, nicht vom Verstand und auch nicht von rationalen Überlegungen. Die Arbeit mit dem Krafttier kann nicht über ein Buch erfolgen und auch nicht über einen Kurs. Krafttiere sind individuell. Krafttiere begleiten das Selbst eines Menschen, nicht sein Ego. Die eigene Individualität, der eigene Geschmack und persönliche Vorlieben oder Abwehrhaltungen gehören nicht auf den spirituellen Weg. Das Wissen um Krafttiere ist in jedem Fall kollektiv. Jeder Mensch wird allerdings seine individuellen Erfahrungen mit seinem Krafttier machen, denn jeder sieht nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was das Krafttier bedeuten kann. Deshalb braucht sich niemand zu wundern, wenn der beste Freund mit dem gleichen Krafttier ganz andere Erfahrungen macht als man selbst. Wir kennen das vom Umgang mit Menschen ebenso. Der eine sieht in dir vielleicht die gute Zuhörerin, der andere die engagierte Mutter. Ein Dritter weiß deine Kochkünste zu schätzen. Jeder hat recht, denn in dir stecken all diese Qualitäten und noch viele mehr. Man sieht immer das, was man kennt. Deshalb bekommt man meist ein Krafttier, das man nicht kennt und mit dem man zuerst gar nichts anfangen kann. Schließlich eröffnet ein Krafttier neue Wege. Wer diesen neuen Wegen vertraut, erlebt eine Erweiterung seines Horizontes.

Ein letztes Wort noch zur Nutzung dieses Buches: Es sind an unterschiedlichen Stellen Übungen dargestellt. Sie dienen als Anleitungen, um mit den Krafttieren zu arbeiten, und sind selbstverständlich übertragbar. Wer sich ermutigt sieht, seine eigenen Übungen zu seinem Krafttier zu entwickeln, erlebt eine optimale Arbeits- und Erfahrungstiefe.

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von heiligen kühen
und katzengöttern

Tiere spielten für Menschen schon früh eine große Rolle. Bereits die Höhlenmalereien beweisen, dass Menschen sich mit Tieren befasst haben. Auch die ersten Schriftzeichen hatten oft die Form von Tieren. Wir können das auf ägyptischen Schrifttafeln ebenso sehen wie bei den Runen der Menschen aus dem Norden Europas. Aus der Antike ist uns bekannt, dass je nach Kulturkreis Tiere verehrt oder sogar vergöttert wurden. Manche Tiere standen sehr hoch in der Achtung der Menschen, und ihre Vergötterung spricht dafür, dass die Tiere immer auch etwas an sich haben, was dem Menschen unfassbar hoch erscheint und nicht zu entschlüsseln ist.

Was uns überliefert wurde, kann uns helfen, die vielfältigen Beziehungen zwischen Menschen und Tieren zu beleuchten. Tiere gehörten schon immer zum Leben der Menschen, sie waren sogar vor den Menschen auf der Erde und stellen frühere evolutive Stufen dar. Aus diesem Grund lohnt es sich, uns tiefer mit der Beziehung zwischen den Tieren und unserer Seele zu befassen. Verstehen werden wir sie wahrscheinlich nie ganz. Unser Wissen um die alten Zeiten ist viel zu lückenhaft. Und wir müssen uns hüten, unsere modernen Sichtweisen auf die Mensch-Tier-Kontakte zu übertragen. Wir haben uns weit von unseren natürlichen Ursprüngen entfernt, unser Ego hat gemeinsam mit der Ratio die Überhand gewonnen. Beides kommt im Reich der Tiere nicht vor. Wir scheinen Geschwister zu sein, eng verbunden und mit gleichem Ursprung, in tiefer Liebe vereint. Der Geist wohnt in einem kleinen Vogel ebenso wie in einem Menschenkind. Wenn wir still werden und das Leben wahrnehmen, können wir das spüren. Und doch sind Geschwister unterschiedliche Persönlichkeiten, mit verschiedenem Aussehen und oft ganz unterschiedlichen Lebenswegen und -inhalten. Unsere Geschichte teilen wir mit den Tieren, das ist nicht zu leugnen. Und unsere Physiologie zeugt davon, dass wir physisch den gleichen Ursprung haben. Doch wir ernähren uns anders. Wir Menschen sammeln Wissen aus Büchern, Tiere nicht. Aber das verändert den Geist nicht, denn wir können ihn nicht beeinflussen. Menschen tragen Kleidung, Tiere nicht. Doch auch das verändert nicht den Geist, nicht den eigentlichen Wesenskern. Ein Mensch ist nicht seine Garderobe, der Mensch wird sichtbar, wenn er nackt und als natürliches Wesen betrachtet wird. Ein Mensch ist weder ein Träger von Masken noch ist er ein Garderobenständer. Und dann ist er nicht weit von den Tieren auf der Erde entfernt. Dann freut er sich seines Lebens, lebt im Augenblick und versorgt sich mit allem, was er braucht.

Beginnen wir damit, unsere Geschwister aus dem Tierreich darüber kennenzulernen, wie unsere Vorfahren sie sahen. Natürlich können die folgenden Darstellungen nur lückenhaft sein. Dieses Buch ist kein Buch über die Antike, und außerdem sind uns viele Überlieferungen verloren gegangen. Wir können nur Rückschlüsse ziehen, doch wir haben keine Gewähr dafür, dass diese Schlüsse richtig sind. Die Geschichtsschreibung hat sich schon oft genug geirrt. Ich habe hier die bedeutendsten und auch geläufigsten Herrschaftsbereiche der Antike ausgewählt.

Babylonien

Im Zweistromland gab es in alter Zeit zwei große Gottheiten. Die eine war Ischtar, eine der ältesten Gottheiten, die uns bekannt ist. Sie war weiblicher Natur und hatte die Gestalt eines Löwen. Sie war die oberste Göttin und beschützte das gesamte Reich der Babylonier.

Hier nutzt der Beschützeranteil des Geistes eine starke, mächtige Gestalt. Vom Löwen erhofften die Menschen sich Unbezwingbarkeit, und diese Eigenschaft wünschten sie sich von ihrer Gottheit. Offensichtlich hatten die Babylonier eine Ahnung davon, dass Schutz eine Aufgabe war, die große körperliche Stärke erforderte. Heute leben wir zumindest in Mitteleuropa in einer friedlicheren Welt. Unser Schutz wird daher oft auch von zarten Wesen wie Engeln und Elfen gewährleistet. Der Wunsch, ein ganzes Volk kollektiv zu schützen, ist außerdem inzwischen vollkommen verschwunden. Unser Schutzbedürfnis bezieht sich heute in der Regel ausschließlich auf einen einzelnen Menschen, manchmal sogar nur auf eine einzige Situation wie eine Reise, eine Krankheit oder Ähnliches.

Die Stadt Babylon selbst hatte auch einen körperlich beeindruckenden Schutzgott, der in der Gestalt eines gehörnten Drachen seines Amtes waltete. Sein Name war Marduk.

Ägypten

Die ägyptische Kultur war voller Gottheiten. Forscher gehen von mehr als 1500 Göttern aus. Es gab Götter, die sich zum Wohle ganz Ägyptens um die Ordnung und das Wohlergehen kümmerten, gleichzeitig aber hatten noch jeder Landesteil und sogar jedes Dorf einen eigenen Gott. Hier können wir entweder auf ein besonders großes Bedürfnis nach Gottheiten schließen oder darauf, dass bereits die Individualisierung begann. Nur einer der bekannten ägyptischen Hauptgötter stand nicht in Verbindung mit einem Tier. Amun-Re, der König aller Götter und Hauptgott Ägyptens, dessen Name „Der Geheimnisvolle“ bedeutet, war ein Gott in Menschengestalt. Der Gott Re ist uns sicher allen aus Erzählungen bekannt. Er war ein sehr mächtiger Gott, der Sonnengott. Seine Gestalt veränderte sich. Frühmorgens war er ein Skarabäus, der die Sonne anschob, mittags verwandelte er sich in einen Falken, der zur Sonne hinaufflog. Abends mutierte Re dann zu einem alten Mann, den die Kräfte verließen. Hier sehen wir, wie leicht ein Gott zwischen Menschen- und Tiergestalt wechseln konnte. Der Geist scheint keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Körperformen zu machen. Der Skarabäus ist noch heute ein Glücks- und ein Schutzsymbol in Ägypten. Er segnet die Anfänge neuer Vorhaben.

Ein Menschenkörper mit Ibis- oder Paviankopf machte die Gestalt des Gottes Thot aus. Er war der Gott der Ordnung, der Mathematik, der Magie und des Kalenders. Thot war Gott der Gerechtigkeit und Schutzmacht der Schreiber. Auch Thot zeigt uns, dass es keine Probleme damit gab, Menschen und Tiere zu verbinden. Sobek, Gott des Wassers und der Fruchtbarkeit, lebte in der Gestalt eines Krokodils. Die Krokodile, die in Sobeks Tempel lebten, wurden von den Priestern gepflegt. Sie wurden verehrt und nach ihrem Tod sogar mumifiziert und feierlich bestattet. Khnum war der Gott, der den Menschen der Legende nach auf einer Töpferscheibe geformt hatte. Er war Mensch mit einem Widderkopf und schenkte den Menschen das Leben. Bastet war eine weibliche Gottheit, die besonders für Milde, Harmonie und Festlichkeiten zuständig war. Sie hatte entweder die Gestalt einer Katze oder einer Frau mit Katzenkopf. Bastet wurde reich geschmückt mit Goldringen dargestellt. Die Göttin der Liebe, des Tanzes und der Musik war Hathor. Für uns moderne Europäer mag es verwunderlich erscheinen, dass sie entweder als Kuh oder als Frau mit Kuhhörnern dargestellt wurde. Aber die Ägypter sahen in der Kuh Anmut, Beweglichkeit und Rhythmus. Bemerkenswert ist, dass damit im alten Ägypten das Rind mit Tanz und Musik verbunden war, also vollkommen konträr zu der Auffassung, es habe mit Bodenständigkeit und Starrsinn zu tun. Wir haben eine ähnliche Verbindung zwischen Rind und Anmut bei der Feier der Göttin Athene in Griechenland. Wie ein Tier wahrgenommen wird, scheint von den Lebensbedingungen und Erfahrungen abzuhängen, die die Menschen machen.

Tiere im antiken Griechenland

Der griechische Götterhimmel war von Göttern und Halbgöttern bewohnt, die meist Menschengestalt hatten. Doch ist uns überliefert, dass manche Götter die Gestalt eines Tieres annehmen konnten, um sich den Menschen zu nähern. So konnte Zeus sich beispielsweise verwandeln, um jungen Erdenfrauen nachzustellen. Manchmal könnte man meinen, die Götter hätten einen leichteren Zugang zu Tieren als zu Menschen gehabt. Das spricht dafür, dass Tiere hoch angesehen waren, ein Tierkörper war sogar eines Gottes würdig. Manche Figuren aus der Götterfamilie, wie die Zyklopen, waren auch Fabelgestalten.

Tiere spielten auch bei festlichen Ritualen und Feierlichkeiten eine Rolle, und zwar meist als Opfertiere. Auch das ist ein Beweis für die hohe Stellung, die die Tiere innehatten. Wertloses wurde nicht für das Opfer an die Götter verwendet. Das jährliche Fest zu Ehren der Göttin Athene, die Panathenäen, wurde zum Beispiel mit 100 weißen Kühen gefeiert. Diesen Kühen wurden die Hörner golden angemalt, bevor sie zum Standbild der Athene im Parthenon getrieben wurden. Sie wurden geschlachtet, und Knochen und Fett wurden für die Götter verbrannt. Das Fleisch wurde als Festmahl gereicht.

Das antike Rom

Jeder kennt die Geschichte von Romulus und Remus. Wie viele Figuren aus den Mythen der Welt werden auch die beiden Zwillinge als Säuglinge in einem Weidenkörbchen auf einem Fluss, hier dem Tiber, ausgesetzt. Eine Wölfin findet sie und ernährt sie, bis die beiden eine Stadt gründen. Durch einen Bruderstreit veranlasst, tötet Romulus seinen Bruder Remus und gibt der Stadt schließlich den Namen Rom.

Das Wolfsjunge ist eine bekannte Legende. Wir kennen sie auch aus Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“.

Tiere bei den Kelten

Die Keltische Kultur erstreckte sich über ganz Europa. Es handelte sich um verschiedene ethnische Gruppen mit ähnlichen kulturellen Vorstellungen und Sprachen, aber ohne zentrale Führung und einheitliche Riten und Gebräuche. Trotzdem kann man im allgemeinen Umgang der Kelten mit Tieren Gemeinsamkeiten erkennen. Allerdings sollte man beim Lesen der Quellen stets beachten, dass die Beschreibung der keltischen Kultur nicht von den Kelten selbst, sondern von römischen Beobachtern vorgenommen wurde. Das bedeutet, dass viele Vorurteile die Berichterstattung färbten, denn für die römischen Geschichtsschreiber waren die Kelten kulturlose Barbaren.

In den keltischen Kulten spielten Pflanzen und auch Tiere eine große Rolle. So gab es den Gehörnten, Cerrunnos, der als Herrscher des Waldes in Gestalt eines Hirsches als Gott der Fruchtbarkeit verehrt wurde. Als ein Sinnbild und eine Verkörperung der Heilung galt der Hund. Gleichzeitig wurde er mit dem Tod in Verbindung gebracht. Diese Doppelrolle entstand dadurch, dass man an eine Wiedergeburt glaubte, so dass der Tod immer auch eine Heilung von allen irdischen Mühen war. Ein Beweis für den Wert der Tiere in der keltischen Kultur ist in den Tieropfern zu sehen. Man opferte den Göttern Tiere, um sie gnädig zu stimmen, sich zu bedanken oder eine Bitte vorzubringen. Bevorzugt schienen Hunde und Pferde als Tieropfer zu dienen, soweit die bisherigen Ausgrabungen verraten.

Diese kurzen Einblicke in frühere Kulturen zeigen uns, wie sich der Umgang mit Tieren verändert hat. Tiere sind speziell in unserer Kultur ein Besitz. Sie stehen nicht mehr im Kontext Geist – Gott – Tier/Mensch. Wir diskutieren sogar, ob Tiere eine Seele haben. Und alles, was Tiere erleben, erleben sie im Dienste des Menschen. Sie werden geboren und gezüchtet, um gegessen zu werden. Sie werden besessen, um uns zu beschützen. Sie werden dressiert, um uns zu unterhalten, und abgerichtet, um für uns zu arbeiten. Tiere werden aufgenommen, um uns Gesellschaft zu leisten, und gekauft, um unseren Wohlstand zu repräsentieren. Sie werden benutzt, wenn es Menschenkindern an Sozialverhalten in der eigenen Art fehlt. Tiere sind Lieferanten für alles, was in unserem Leben defizitär ist. Das hat ganz und gar nichts mehr damit zu tun, dass Menschen und Tiere den gleichen Ursprung haben. Wir können Tiere heute nicht mehr sehen, wie unsere Vorfahren es konnten. Wer kann ein Tier anschauen, ohne zu wissen, unter welchen Umständen es in dieses Leben kam? Es wäre naiv, diese Entwicklungen zu verdrängen. Die Sicht der heutigen Menschen auf die Tiere muss erst geklärt werden, bevor wir dem Tier mit Ehrfurcht statt mit Helfersyndrom und mit Respekt statt mit Mitleid begegnen können. Um Tiere als Gefährten zu sehen, sollten wir uns das klarmachen. Es reicht nicht, in nächtlichen Aktionen Legehennen zu retten, damit sie nicht mehr für das Geld von Unternehmern arbeiten müssen. Wir lassen sie danach selten frei, sie gehören dann jemand anderem. Und der neue Besitzer befriedigt ebenfalls ein Bedürfnis. Entweder darf er sich durch das Huhn als guter Mensch fühlen, deshalb muss das Huhn in seinem Gehege bleiben, oder er lässt das Huhn in einer anderen Umgebung Eier legen.