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Die amerikanische Originalausgabe

Copyright © 2011 by Paul M. Kendel.
All Rights Reserved.

Copyright der deutschen Ausgabe © 2014 Theseus
in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

ISBN print 978-3-89901-678-9
ISBN eBook 978-3-89901-881-3

Übersetzung ins Deutsche: Ulrich Magin

Lektorat: Bernd Bender

Gestaltung & Satz: Kerstin Fiebig, ad department, Bielefeld

Druck & Verarbeitung: Westermann Druck Zwickau

Das Coverfoto [Autor umringt von Kindern] wurde im Irak
von einem Kameraden Paul Kendels aufgenommen.

Wir danken den Shambhala Archives für die Erlaubnis, das Foto
von Chögyam Trungpa Rinpoche auf S. 249 abzudrucken.

www.weltinnenraum.de

1. Auflage 2014

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
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Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Für Sakyong Mipham Rinpoche.

Möge sein Vorbild, seine Weisheit, sein Humor und sein Lächeln

das Leben all derer verändern, die leiden.

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Margot,

meine spirituelle Beraterin und Freundin.

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„Die Unsterblichen Acht“,

die den höchsten Preis bezahlten.

[Gefallen am 24. Juli 2005]

[Gefallen am 30. Juli 2005]

SSG. Carl R. Fuller

SFC. Victor A. Anderson

SGT. John F. Thomas

SSG. David R. Jones SR.

SGT. James O. Kinlow

SGT. Jonathon C. Haggin

SPC. Jacques E. Brunson

SGT: Ronnie L. Shelley

Wir leben unser Leben gewohnheitsmäßig

als eine Jagd auf unseren ungestümen Geist ...

Durch Meditation beginnen wir ... zu begreifen,

dass wir mit diesen intensiven Gefühlen arbeiten müssen.

Tun wir das nicht, wachsen sie.

Wachsen sie erst einmal, so handeln wir ihnen gemäß.

Und handeln wir ihnen gemäß, so erschaffen sie unsere Umwelt.

Sakyong Mipham

Inhalt

Vorwort von Richard Reoch

Einleitung

Militärische Abkürzungen

Einführung von Margot Neuman

1.Ausgangssperre und Gurken

2.Schnell korrumpiert

3.Je größer die Gewalt, desto stärker das Mitgefühl

4.Bomben und Nachrufe

5.Es herrschte Gefahr ...

6.Mitgefühl – ein Zeichen der Schwäche

7.So einfach wie Tee und Brot

8.„Erschieß ihn, er ist ein Sunnit“

9.Tod vor dem Mittagessen

10.Wenn das Ego sich durchsetzt

11.Lob: eine zweischneidige Angelegenheit

12.Krieg auf dem Highway

13.Hoffnung am Ende eines Maschinengewehrlaufs

14.Feuern und unter Beschuss stehen

15.Rezept für einen modernen Krieg

16.Ein Leichenfeld ohne Waffen

17.Willkommen zu Hause, Sgt. Kendel

18.Die Wärme der großen Sonne des Ostens

19.Scheidungen und Spielplätze

20.Der Wolf, den ich nährte

Epilog

Dank

Über den Autor

Vorwort

In seinem Brief sprach SGT. Paul M. Kendel, Alpha Company, 2-121, 48th BCT, US Army, Irak von den Problemen, in einem einzigen Zelt unter zwanzig anderen Soldaten zu meditieren. „Nur unter der Dusche oder auf der drückend heißen Mobiltoilette finde ich etwas Ruhe“, schrieb er. „Beides trägt ja nun nicht besonders zur Praxis der Meditation bei. Allerdings hat man, wenn man den ganzen Tag lang in einem geländegängigen Humvee unterwegs ist und jeden Augenblick in die Luft gejagt werden kann, genügend Gelegenheiten zur Kontemplation.“

So lernte ich den heutigen Staff Sergeant (etwa Oberfeldwebel) SSG. Kendel kennen. Er hatte über das Internet von der Basis, auf der er stationiert war, um Hilfe gebeten. Es war der Beginn einer Reise in einem Kriegsgebiet, auf der er schließlich einem Lehrer begegnete, von dem er nicht einmal wusste, dass es ihn gab: dem König von Shambhala.

In diesem Buch erzählt er von dieser Reise. Es ist nun fünf Jahre her, dass SSG. Kendel in einer E-Mail um Hilfe bat. Damals versuchte er, wie so viele andere im Hexenkessel des Irak, irgendeinen Sinn in dem Blutbad, das ihn überall umgab, und in seinem persönlichen Leid zu finden. „Man wird schnell verbittert und wütend“, schrieb er mir, nachdem er vergeblich versucht hatte, einen in einem Graben ertrunkenen Soldaten wiederzubeleben. „Und doch hat es mir zu einer anderen Sicht auf die Würde des Menschen verholfen. Glücklicherweise hat es meinen Geist geöffnet und nicht verschlossen.“

Seine erste E-Mail, die er im Juli 2005 schickte, fand ihren Weg zu Shambhala, einem weltweiten Netzwerk von Mediationszentren, das von dem gleichnamigen legendären Königreich im Himalaya inspiriert ist. Von diesem Reich in den Bergen sagte man, es sei eine mustergültige Gesellschaft, die sich durch Weisheit und Mitgefühl auszeichnet. SSG. Kendel konnte damals noch nicht wissen, dass er innerhalb von zwei Jahren in der Gegenwart Sakong Mipham Rinpoches, des derzeitigen Thronhalters der Übertragungslinie dieses alten Königreichs, sitzen würde.

„Ich übermittle Ihnen und den Menschen in Ihrem Umfeld meine Grüße, Gebete und meinen Segen“, schrieb Sakyong Mipham Rinpoche, nachdem er SSG. Kendels ersten Brief aus dem Irak gelesen hatte. „Das tibetische Volk hat Verfolgung und unermessliches Leid erlitten. Und doch war es entschlossen, den Weg des Mitgefühls nicht zu verlassen und die Wut nicht zuzulassen. So hat es das Überleben der tibetischen Kultur und des tibetischen Volkes gesichert. Wie Sie in Ihrem Brief schreiben, ist es gut, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass alle fühlenden Wesen von Natur aus gut und weise sind, unabhängig von ihren dummen oder grausamen Taten – wenn wir zulassen, dass ihre Taten uns wütend machen, stehlen sie nicht nur unseren Geist, sondern zugleich unsere Würde.“

Als Präsident von Shambhala hatte ich die Ehre, die ersten mit Margot Neuman gewechselten Zeilen vor einer Versammlung von Hunderten von Shambhala-„Kriegern“ in einem riesigen weißen Zelt in den Rocky Mountains von Colorado laut vorzulesen. Viele von uns waren zu Tränen gerührt. Ich erinnere mich gut daran, dass ich fast nicht mehr weiterlesen konnte, als ich zu diesem Absatz kam: „Hier ist es wie in Vietnam; sie töten dich und verschwinden dann in die Nacht. Man sieht niemals ihre Gesichter. Und genau deshalb richtet sich die Wut meiner Freunde gegen den durchschnittlichen Iraker, der selbst einfach nur überleben will. Wir schlagen zurück und unsere Wut wächst. So wird das Problem nur noch größer. Die einzige Antwort auf dieses Problem liegt in stärkerem Mitgefühl, ganz so, wie der Sakyong in seinem Brief schrieb. Wie aber überzeugt man eine Gruppe von Menschen, deren beste Freunde gerade in die Luft gejagt worden sind, davon, dass die Antwort in Liebe und Mitgefühl liegt?“

Ich erinnere mich daran, dass ich damals dachte, dieser Sergeant, dessen Name kaum mehr als eine Unterschrift auf einer äußerst ergreifenden E-Mail war, habe genau die zentrale Frage unseres Zeitalters gestellt. Zu dieser Zeit war der „Krieg gegen den Terror“ gerade einmal vier Jahre alt, mittlerweile nennt man ihn den „Langen Krieg“. Diese Frage stellten sich unzählige Menschen – über alle geografischen, kulturellen und religiösen Grenzen hinweg: Was sagt man denjenigen, deren Freunde gerade in Stücke gerissen wurden?

In diesem Jahrzehnt haben wir Tag und Nacht in den Nachrichten die Antwort der Menschheit auf diese Frage mit ansehen müssen. Eine schier endlose Abfolge von Bombardements, Attentaten, Massakern und Begräbnissen. Wir haben die Stimmen gehört, die darüber debattierten oder dagegen protestierten. Noch kennt niemand die Zahl der Toten. Aber es ist bereits sicher, dass die Psyche der Menschheit unsäglich gelitten hat.

Nach den Anschlägen vom 11. September hielt ich mich mit einer internationalen buddhistischen Delegation im vom Bürgerkrieg gezeichneten Sri Lanka auf. Ich stellte der Versammlung der führenden Mönche des Landes die Frage, ob wir dem Westen eine Botschaft von ihnen ausrichten könnten. Zu dieser Zeit war der Flughafen des Landes gerade Ziel einer Terrorattacke gewesen.

Zwei von ihnen ergriffen das Wort. Der erste sagte: „Bitte richte aus, dass der Buddha lehrt, dass alle Menschen einer einzigen Familie angehören. Es gibt nur einen wichtigen Unterschied – ob unser Geist auf den Frieden oder den Krieg gerichtet ist.“

„Schau mal, was in Amerika passiert“, sagte der andere, „und wie sich das auf die restliche Welt auswirkt. Jetzt begreifen die Menschen von allein, dass diese Welt das Endergebnis immerwährender Gewalt ist. Deshalb kann die Lösung nicht in weiterer Gewalt liegen.“

Nicht jeder würde dem zustimmen. SSG. Kendel, der heute als Lehrer in der Sonderpädagogik arbeitet und in Jacksonville, Florida, Weltgeschichte unterrichtet, betrachtet sich selbst nicht als Pazifisten. Aber seine bewegende Erzählung verdeutlicht mit jeder Wendung der bemerkenswerten Geschichte, dass er sein Leben angesichts der Frage, die ihn quälte, auf Messers Schneide gelebt hat. Als er noch im Irak war, schrieb er: „Als ich gerade noch dachte, dass mein Aufenthalt hier reine Zeitverschwendung sei, begriff ich, dass meine Erfahrungen wie auch die meiner Freunde, so schrecklich manche davon auch sind, vielleicht im Leben eines einzigen Menschen etwas bewirken können. Das lässt mein Leben hier nicht sinnlos erscheinen.“

Richard Reoch, Präsident von Shambhala

Einleitung

Mai 2005, Fort Stewart, Georgia. Zum Abschluss unserer Ausbildung für den Einsatz im Irak hielt unser Bataillonskommandeur vor den Truppen und ihren Familien eine große Abschiedsrede. Er sprach von dem großen Opfer, das wir alle erbrachten, um die Freiheit zu Hause und in Übersee zu sichern. Ich hörte, wie der Vater oder der Bruder einem der Männer bei der Abfahrt laut zurief, er solle „denen mal kräftig in den Arsch treten.“ Das erinnerte mich an den berüchtigten Ausspruch von Präsident Bush, als die Unruhen im Irak immer weiter zunahmen. Er stolzierte wie ein Gockel einher und antwortete auf die um sich greifende Gewalttätigkeit gegen die amerikanischen Truppen mit einem „Zeigt’s ihnen!“ Und das taten sie dann auch.

Als der Lastwagen wegfuhr, überlegte ich mir, dass den Bösen, wer immer diese auch sein mochten, „in den Arsch zu treten“– trotz aller patriotischen Haltung – nicht das sein würde, was dieser Kerl sich vorstellte.

Die Wirklichkeit vor Ort war nämlich manchmal alles andere als patriotisch und ehrenhaft. Nach ein paar Monaten im Einsatz bedeutete der Begriff „patriotisch“ schon lange nicht mehr, die Herzen der Menschen für uns zu gewinnen. Wir wollten nur noch überleben und unsere Ärsche retten. Damals begann ich, in den Meditationsbüchern von Chögyam Trungpa, Sakyong Mipham und Pema Chödrön vom Shambhala-Krieger und vom Pfad des Tigers zu lesen.

Die Shambhala-Lehre vom Pfad des Tigers bezog sich haargenau auf meine Lage. Manchmal war mein Geist (wie der meiner Freunde) ganz von Furcht und blinden Reaktionen beherrscht. Der Tiger dient als Symbol, weil er – so Trungpa Rinpoche – „langsam und aufmerksam durch den Dschungel schleicht“ und achtsam und präzise seine Umgebung erfasst. Aufgrund dieser sanften, wachen Haltung weiß der Tiger mit aller Klarheit, was er zu tun hat. Dieses Wissen, was zu tun war, entschied im Irak über Leben und Tod. „Ohne den starken Entschluss zur Einsicht“, meint Sakyong Mipham, „verharren wir in unserer Gewohnheit, uns in sinnlos kreisenden Gedanken zu bewegen. ... unsere Entscheidungen sind dann ein Resultat von Versuch und Irrtum und beruhen auf unseren Launen. ... Weisheit und Mitgefühl beginnen mit dem Erlernen von Einsicht, nicht mit der bloßen Reaktion auf das, was geschieht.“ Die Werkzeuge auf dem Pfad des Tigers – die Fähigkeit, sich der emotionalen Atmosphäre und der physischen Realität vor Ort klar bewusst zu werden – waren überlebensnotwendig, nicht nur, um den Auswirkungen der Wut zu entgehen, sondern auch, um sich militärisch so zu verhalten, dass unnötiger Schaden vermieden wurde. Die meisten meiner Freunde, auch wenn sie vermutlich weniger über ihre Aggressivität bestürzt waren als ich, verhielten sich dennoch mutig und loyal. Zu den häufigsten Gründen, warum Soldaten die Lage falsch einschätzten und überreagierten, zählten Furcht und Wut.

Der Tiger wird als „demütig“ beschrieben, was seine mangelnde Hochmütigkeit zum Ausdruck bringt. Hochmut hindert uns, die Lage so wahrzunehmen, wie sie ist. Demut andererseits lässt uns dafür offen sein, unsere Entscheidungen präzise abzuwägen und die Bedürfnisse anderer, und nicht nur unsere eigenen Wünsche, im Blick zu behalten. Ich kann nicht sagen, ob ich ein „Shambhala-Krieger“ war, aber ich konnte das Leid der Menschen um mich herum nicht ausblenden. Sie aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit einfach abzuknallen, schien mir eine ekelhafte Art zu sein, einen „Befreiungskrieg“ zu führen. Ich konnte mein Gewissen nicht einfach ausschalten, wenn ich die Gewalt sah, der die Iraker ausgesetzt waren – Menschen, die einfach nur leben wollten, wie die Soldaten auch, sobald sie in ihre Heimat zurückkehrten. Ich spürte sehr stark, dass wir die moralischen und physischen Auswirkungen unserer Kriegsstrategie in Betracht ziehen mussten.

Über Vietnam meinte Chögyam Trungpa einmal: „Die Amerikaner versuchen mit Gewalt, gewaltfrei zu sein.“ Der Irak war kein Hollywood-Film, nach dem man einfach aufstehen und weggehen kann. Was wir taten, hatte Konsequenzen. Leben veränderten sich für immer. In meinem Herzen war ich zutiefst aufgewühlt.

Sakyong Mipham nannte unsere Mission im Irak „zorniges Mitgefühl“. Sofern mit „Zorn“ gemeint ist, dass wir Terroristen aufspürten, bedeutete es auch, dass wir unsere Selbsttäuschung durchschauen mussten. Wir hatten uns unserer eigenen Angst zu stellen und herauszufinden, wen wir da mit unseren Gewehren anvisierten. Manchmal musste ich Aggression vortäuschen, um respektiert zu werden, und musste in meinem Kopf zugleich mit den Auswirkungen meiner Handlungen und der der Soldaten um mich herum klarkommen. Wenn der Tiger auf dem Shambhala-Pfad des Kriegers, wie Sakyong Mipham sagt, seine „Pfoten sorgsam setzt“, weil er weiß, dass er „Karma respektieren“ muss und „jede Entscheidung, die wir treffen, sich auswirkt“, dann habe ich einen spirituellen Seiltanz aufgeführt, während ich mit einem M4 in der Hand durch die Gegend marschierte.

Trungpa Rinpoche lehrte:

Der Schlüssel zum Pfad des Kriegers und die letztgültige Definition der Tapferkeit liegen darin, keine Angst vor dem zu haben, wer man ist. Wir sollten unsere Erfahrungen darauf untersuchen, ob ihr Inhalt dazu beiträgt, uns selbst und anderen zu helfen. Der Pfad des Kriegers ist das genaue Gegenteil von Selbstsucht. Wir werden selbstsüchtig, wenn wir uns vor uns selbst fürchten und vor den scheinbaren Bedrohungen in der Welt. Wir wollen uns ein Nest bauen, einen Kokon, um uns selbst zu schützen. Und doch können wir viel mutiger sein. Auch angesichts größter Probleme können wir uns zur selben Zeit heldenhaft und freundlich verhalten.

Ich begann diese Geschichte meines Irak-Einsatzes zu schreiben, um eine Chronik der einprägsamsten Ereignisse zu verfassen. Doch die Geschichte entwickelte sich, schrieb sich schließlich selbst und verwandelte sich bald in mehr als ein reines „Buch über den Krieg im Irak“. Mir wurde bewusst, dass ich meine Erfahrungen in einem Kriegsgebiet wie auch meine Heimkehr unter die Lupe nahm und dabei herausfand, dass meine Gefühle Angst, Hass und Hässlichkeit umfassten, gleichzeitig aber auch Liebe, Hoffnung und Vergebung. Zuerst wollte ich über einige der schmerzlichsten Einzelheiten meiner Geschichte gar nicht reden, um mein kleines privates Nest, meinen Kokon des Selbstschutzes nicht preiszugeben. Durch die Unterstützung von Margot und anderen konnte ich diese Schranke durchbrechen und die ganze Wahrheit über meine Erfahrung berichten. Ich hoffte, dass mir dieses Buch letztendlich hilft, aber auch anderen, die dieselben Bedenken teilen. Die Wahrheit zu zeigen, dass ein Soldat selbst mitten im Krieg zur gleichen Zeit „heldenhaft und freundlich“ sein kann, war ein kraftvoller Prozess der Heilung.

Militärische Abkürzungen

2LT

Second Lieutenant

 

[Leutnant]

ACR

Armored Calvary Regiment

 

[Kavallerieregiment]

AO

Area of Operations

 

[Kampfgebiet]

BCT

Brigade Combat Team

 

[Kampfbrigade]

CPL

Corporal

 

[Korporal]

EOD

Explosive Ordinance Division

 

[Kampfmittelräumdienst]

FOB

Forward Operating Base

 

[Einsatz- und Versorgungsbasis in der Nähe des Einsatzraumes]

HE

High Explosive

 

[hochexplosiver Sprengstoff]

Humvee

High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle

 

[geländegängiges Fahrzeug]

IED

Improvised Explosive Device

 

[Unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtung | USBV]

KIA

Killed In Action

 

[Gefallener]

NCO

Non-Commissioned Officer

 

[Unteroffizier]

OP

Observation Post

 

[Beobachtungsposten]

PFC

Private First Class

 

[Gefreiter]

PSD

Personal Security Detail

 

[Leibwächter]

PTSD

Post-Traumatic Stress Disorder

 

[Posttraumatische Belastungsstörung]

PVT

Private

 

[Gefreiter]

QRF

Quick Reaction Force

 

[schneller Eingreifverband]

ROE

Rules Of Engagement

 

[Einsatzregeln]

RPG

Rocket Propelled Grenade

 

[Panzerabwehrrakete]

SFC

Sergeant First Class

 

[Oberfeldwebel]

SGT

Sergeant

 

[Unteroffizier]

SOP

Standard Operating Procedure

 

[Standardvorgehensweise]

SPC

Specialist

 

[höchster militärische Mannschaftsdienstgrad in der US-Army]

SSG

Staff Sergeant

 

[etwa: Feld- und Oberfeldwebel]

TC

Truck Commander

 

[Lastwagenführer]

TCN

Third Country National

 

[Drittstaatsangehörige]

TCP

Traffic Control Point

 

[Verkehrskontrollpunkt]

TOC

Tactical Operations Center

 

[Gefechtsstand für militärische Operationen]

VBIED

Vehicular-Borne Improvised Explosive Device

 

[Autobombe]

Einführung

Ich begegnete SSG. Paul Kendel durch eine Reihe von E-Mails, die er mir während seines Einsatzes als Soldat der 48. Infanteriebrigade der Georgia National Guard im Irak schickte. Er war nur kurz in Bagdad, als in ihm Zweifel und Fragen über die Anwesenheit der Amerikaner in der Region schmerzhaft auftauchten – er sah, dass es nur wenige Fortschritte dabei gab, „die Herzen“ der Iraker zu gewinnen, als er erkannte, um wie viel schwerer ihr Leben durch das Militär und seine Strategie geworden war.

Ich will die jungen Soldaten, die man mitten hinein in das Kampfgeschehen wirft, weder schmähen noch kritisieren. Das Militär lehrt sie, wer ihre „Feinde“ sind und dass diese Feinde ihre Familien und Freunde bedrohen. Man schickt sie in eine feindliche Umgebung, in der der Feind sie und ihre Kameraden tatsächlich tötet. Erschöpft, wütend, gestresst und voller Angst werden sie großen Gefahren ausgesetzt, aber zugleich wollen wir sie nach den Standards einer friedlichen, zivilisierten Gesellschaft beurteilen. Erhält ein bestimmter Vorfall übermäßige Beachtung in den Medien und wirft dunkle Schatten auf die Vereinigten Staaten und ihre Politik, dann opfert man einen jungen Soldaten und brandmarkt ihn als Ausnahme. Nicht nur werden ihm alle militärischen Ehren aberkannt, sondern der Schatten fällt auch auf seine Familie und seine Einheit. Wie SSG. Kendel respektiere ich unsere Soldaten. In diesem Buch beschreibt er, was er mitangesehen hat; er zeigt dabei aber stets Verständnis für die Lage, in der sich alle befanden. Pauls Unbehagen gegenüber etablierten Religionen dämpfte sein natürliches Interesse am Buddhismus; in den Wirren des Krieges fand er jedoch eine Stimme, in der er seine eigenen Empfindungen gespiegelt sah. Frustriert und isoliert, schickte er eine E-Mail an Shambhala International, in der er seine Wertschätzung der Lehren in Sakyong Miphams Buch zum Ausdruck brachte. Er bat um Rat in seiner schwierigen Lage.

Der persönliche Assistent des Sakyong leitete mir SSG. Kendels E-Mail weiter. Als jemand, der 33 Jahre lang tibetischen und Shambhala-Buddhismus studiert hat, stehe ich als Lehrerin und Meditationsleiterin in dieser Tradition. Mein Mann Cliff und ich haben eine gemeinnützige Organisation, die Ratna Peace Initiative, gegründet, der wir auch vorstehen. Unsere Aufgabe ist es, Gefängnisinsassen Meditationsanleitungen und -materialien bereitzustellen, also Menschen, die ebenfalls häufig genug von Gewalt und einer gewaltsamen Geschichte traumatisiert sind. Viele davon sind inhaftierte Veteranen. Ein Soldat im Irak war der nächste logische Schritt, also beantwortete ich Pauls E-Mail, weil mich seine Lage tief berührte. Das war der Beginn eines Austausches, der sich über die gesamten zehn Monate seines Einsatzes erstreckte – und der noch heute anhält.

Pauls Erfahrungen und Gedanken stellen ihn nicht weit über die anderen Soldaten auf einen moralischen Sockel – er ist nur deshalb außergewöhnlich, weil er sein eigenes Mitgefühl entdeckte. Was er psychisch und spirituell während seiner Zeit im Irakkonflikt erreichte, war äußerst erstaunlich. Er kämpfte mit seiner eigenen Wut und Angst; er musste mit dem Tod seiner Freunde zurechtkommen und bewahrte sich trotzdem die Ansichten und Empfindungen einer friedlichen, zivilisierten Gesellschaft sowie die empfindsame Klugheit eines Gelehrten, der sich der Kultur bewusst ist, in der er sich befindet. Der US-Botschafter Ryan Crocker, der seine gesamte Dienstzeit im Nahen Osten verbrachte, meint dazu: „Wenn ich eines schon vor langer Zeit gelernt habe, dann, dass man eine andere, komplexe Kultur nicht beladen mit den Vorurteilen der eigenen besuchen darf.“ Pauls einzigartige Kombination aus Wissen und seiner Neigung zur Freundlichkeit bestimmte jede seiner Taten. Angesichts von extremer Gewalt und Chaos erhielt er sich seine Integrität und seine Überzeugungen. Man wies ihn immer wieder zurecht wegen seiner Bemühungen, das Leben unschuldiger Zivilisten zu schützen, darunter Frauen und Kinder. Er beschuldigte sich oft selbst der seltenen Momente, in denen seine Wut stärker war als seine Überzeugung, dennoch nutze er diese Erfahrungen der intensiven emotionalen Situationen, um über sich nachzudenken und sein Gespür der Bewusstheit zu stärken.

Ich hatte beträchtliche Bedenken, ob ich geeignet sei, einem Soldaten im Kampfeinsatz spirituell beizustehen. Schließlich hatte ich mich nie in seiner Lage befunden. Aber ich war auch nie im Gefängnis gewesen, und meine inhaftierten Schüler schien das nicht zu stören. Letztlich nutzte ich meine jahrelange Erfahrung der Arbeit im Gefängnis, wo Entmenschlichung, Schmerz und Verzweiflung die Norm sind – einer Umgebung, die den Herausforderungen des militärischen Kampfes unheimlich gleicht, in der Mitgefühl für andere als Schwäche gilt und wo der Einzelne, der sich selbst von der groben Rücksichtslosigkeit seiner Umgebung abgrenzen will, keine andere Wahl hat, als sich dem herabsetzenden Spott seiner Kameraden auszusetzen. Letztlich ließ ich mich bei der Wahl der relevanten Texte für SSG. Kendel von der Weisheit des Buddha leiten. Seine Lehre wird weder als Dogma noch als „religiöse“ Gebote angeboten, sondern als spirituelle und philosophische Richtlinien für den Alltag. Ein solches Leben, das in Offenheit und Klarheit der Einsicht gründet, ermöglicht dem Schüler, fähige und sachgerechte Entscheidungen zu treffen.

Ich schickte Paul Material als E-Mail-Anhang sowie für ihn geeignete Bücher. Besonders eine Lehre schien für ihn relevant: das Prinzip des Leichenfeldes. Anders als bei den Friedhöfen im Westen bleiben die Toten auf indischen Begräbnisstätten auf der Erde liegen. Die buddhistische Gelehrte Judith Simmer-Brown beschreibt solche Leichenfelder in Dakim’s Warm Breath:

[Leichenfelder] galten als unreine Orte des Schreckens und der Angst. In manchen Abschnitten des Leichenfeldes wurden in Leintuch gewickelte Leichen auf großen Scheiterhaufen verbrannt, bis nur noch ein Haufen verkohlter Knochen übrig blieb. In anderen Bereichen des Leichenfeldes vermoderten Leichen, die nicht verbrannt worden waren. So war das Beinfeld erfüllt von Gerüchen und Gestank ... und Lebensraum für unzählige Raubtiere ... Es wurde nie der Versuch gemacht, den Schrecken des Verfalls zu verbergen. ... Symbolisch handelt es sich um einen Raum oder die psychologische Dimension, in der man der Dinge so gewahr wird, wie sie sind.

Buddhistische Yogis hatten die Tradition, Leichenfelder aufzusuchen, um sich der Wirklichkeit der Vergänglichkeit bewusst zu werden und dem Tod und der bedingten Existenz gegenüber Gleichmut zu entwickeln. In dieser geladenen Atmosphäre reifte ihre Praxis rasch. Die Weisheit, die ein Leichenfeld vermittelt, ist oft von einer intensiven persönlichen Erfahrung begleitet, meistens einer unangenehmen. Um die echte Kraft eines Leichenfeldes aufzunehmen, muss man entschlossen sein, schmerzhafte Erfahrungen und den Schrecken, den sie verkörpern, anzunehmen.

Paul begegnete dem Leichenfeld im Irak, sogar der grauenhaften Realität von streunenden Hunden, die die Überreste der Körper von Soldaten fraßen, die von selbstgebastelten Bomben zerrissen worden waren. Die Lehren des Leichenfeldes erschrecken uns – und doch wäre jede Lehre über die Wirklichkeit unvollständig, spräche sie nicht auch den im Menschsein angelegten Schrecken an. Kontempliert man dieses zornige Prinzip, hilft das, all die gewöhnlichen Gedanken und Annahmen loszulassen und sich den schwierigsten Problemen des Daseins zu stellen – und nur weniges ist schwerer als der Krieg. Stehen einem die Mittel zur Verfügung, derartige Grausamkeiten als Darstellung der Wirklichkeit in ihrer schrecklichsten Form anzunehmen, entsteht daraus die Möglichkeit zu Einsicht und Verständnis. Sonst würde man einfach die Augen vor Bedingungen verschließen, die sich weder verhandeln noch ignorieren lassen. Begreift man die Wirklichkeit des Lebens und des Todes unter bestimmten Umständen klar und deutlich, verschafft einem das eine klare Sicht, die notwendig ist, um die Wärme des menschlichen Mitgefühls zu entdecken.

Paul berichtete mir, dass sein Leben im Irak ohne meine Unterstützung und ohne die Lehren von Shambhala ganz anders verlaufen wäre – dass er dann seiner Wut und Aggressivität nachgegeben und dabei sich und seine Menschlichkeit verloren hätte.

Seine lieben Worte und diese Bestätigung berühren mich zutiefst, zur gleichen Zeit spüre ich aber, dass ich die glückliche Empfängerin eines unermesslichen Geschenks geworden bin, weil ich so mit dem Krieg im Irak in Berührung kam. Unsere Beziehung inspirierte zu weiterer Arbeit mit Veteranen. Seit Paul zurückgekehrt ist, bietet unser Programm Veterans Peace of Mind Veteranen Meditationsanleitung und den sanften, heilenden Nutzen der Praxis der Achtsamkeit als mächtiges psychologisches Werkzeug an, damit sie mit dem posttraumatischen Stress umgehen können.

Ich fühle mich geehrt, diesen beherzten Soldaten getroffen zu haben, einen wahren Shambhala-Krieger. Möge sein Pfad des erwachenden Mitgefühls für sich und andere alle heimkehrenden Soldaten inspirieren.

Margot Neuman, Gründerin der Ratna Peace Initiative

Kapitel eins

Ausgangssperre und Gurken

Wer sich Feinde machen will, sollte versuchen, etwas zu verändern.

Woodrow Wilson

Wir schalteten den Fernseher und unsere iPods aus und legten die Videospiele weg. Es war zehn Uhr abends – Zeit für den Krieg.

Wir legten unsere kugelsicheren Westen an, die vollgestopft waren mit Munition und Granaten, schnappten uns unsere M4-Karabiner und M240-Maschinengewehre und schlossen unsere AN/PVS-14-Nachtsichtgeräte vorn an unserem Helm an. Zum ersten Mal sollte unsere Gruppe außerhalb der „Umzäunung“ operieren, der Schutzmauer, die die amerikanischen Basen im Irak umgibt. Ich blickte mich ein letztes Mal in unserem klimatisierten Zelt um. Das ist es also, dachte ich. Heute geht es tatsächlich raus. Als Georgia National Guards waren die meisten von uns noch nie zuvor in einem Kriegsgebiet gewesen. Nach zwei Wochen Nichtstun in dieser Basis mit allen Annehmlichkeiten Amerikas setzten wir uns in unsere Humvees, um auf den Feind zu treffen.

Wir fuhren an der Beton- und Ziegelmauer entlang, die den Bagdader Internationalen Flughafen umgibt. Straßenlaternen warfen in regelmäßigen Abständen ein orangenfarbenes Licht auf die Fahrbahn. Uns beschlich das unheimliche Gefühl, durch einen Tunnel zu fahren, der uns immer näher an das Unvermeidliche heranbrachte. Als wir das Tor erreichten, ließen wir den Wagen ausrollen und kletterten aus den Humvees, um sie zu sichern und zu laden. Ich entsicherte mein M4, schnappte mir ein Magazin aus der Westentasche und legte es ein, der Bolzen schob sich nach vorn und rastete mit einem lauten Klack ein. Um mich herum erscholl eine Kakophonie von Metall auf Metall, als Bolzen die Kugeln an ihren Platz stießen. Wir stiegen wieder in die Humvees und warteten auf den Mann im Turm, der kommen, an uns vorbeigehen und die großen Metalltore in der Mauer öffnen würde. Wir saßen angespannt da und sahen zu, wie er mühsam zuerst das linke, dann das rechte Tor öffnete. Es erinnerte mich an die Riesentüren aus dem Film King Kong. Mein Herz pochte. Wir fuhren in die Dunkelheit der Nacht, die Tore schlossen sich hinter uns.

Ich stellte das Nachtsichtgerät auf meinem Helm ein und musterte die Umgebung – eine klare Nacht mit mildem Mondlicht. Die meisten Iraker schliefen, nur hin und wieder sah man ein Licht, das wie Leuchtkäfer in der Dunkelheit ein Haus erhellte. Alles wirkte ruhig und friedlich, und doch lauerten in dieser Welt Männer darauf, uns zu töten.

Zu unserer Mission gehörte es, in einem Gebiet südwestlich von Bagdad eine Ausgangssperre durchzusetzen, nach der die Iraker von Mitternacht bis fünf Uhr morgens zu Hause bleiben mussten. Hier lag das „sunnitische Dreieck“, auch „Dreieck des Todes“ genannt. Wir hatten sechs Monate Ausbildung hinter uns und stellten uns vor, wie wir einen hochrangigen Al-Qaida-Führer oder militanten Sunniten überwältigen, eine Wagenladung Sprengstoff oder Waffen entdecken und sie triumphierend zurück zu Basis bringen würden. Wir wollten endlich Action und fanden sie – und doch war es nicht wirklich das, was wir erhofft und erwartet hatten.

Wir stellten die Humvees unserer Patrouille am Straßenrand im Dunkeln ab und warteten auf nichtsahnende Autofahrer, die die Ausgangssperre verletzten. Es ging nicht darum, diesen Leuten Strafzettel wegen der Verletzung der Ausgangssperre auszustellen, wir wollten Aufständische erwischen, die im Schutze der Nacht operierten und mit ihren Wagen Waffen oder Sprengstoff transportierten. Sogenannte VBIEDs (vehicle born improvised explosive devices, im Wagen beförderte selbstgebaute Sprengsätze) waren eine echte Bedrohung: Jedes Auto, auf das wir trafen, besonders nach der Ausgangssperre, konnte eine Bombe sein.

Ein Kamerad legte sich in der Nähe auf den Boden und versuchte, etwas Schlaf zu bekommen, ich stand an der Geschützluke unseres Fahrzeugs und überwachte die Gegend mit meinem Nachtsichtgerät. Durch das Monokel vor meinem rechten Auge betrachtete ich eine grünlichnebelige Welt und erkannte die Umrisse von Feldern und Häusern. Mein unbedecktes linkes Auge sah die uns umgebenden Felder in Dunkelheit, dazwischen ein paar Hauslichter. Ich erspähte einen Lichtstrahl und bemerkte Autoscheinwerfer, die hinter uns auf der Straße auf uns zukamen. Das war unsere Gelegenheit! Ein kleiner weißer Toyota-Pickup näherte sich, die Ladefläche mit Obstkisten vollgestapelt. Er verlangsamte, als er näher an einen unserer Humvees herankam. Der parkte auf der gegenüberliegenden Seite eines kleinen Kanals, der unter der Straße durchführte. Noch ein ganzes Stück entfernt hielt er an.

Ich sah zu, wie CPL. Aaron Gibbs, ein kleiner, untersetzter Afroamerikaner, seine Taschenlampe auf den Truck richtete. Er bewegte das Licht auf und ab. Der Truck fuhr ein paar Meter weiter und hielt erneut. Wieder bewegte Gibbs die Lampe auf und ab. Der Truck bewegte sich noch einmal weiter nach vorn. Ich drehte mich in die Richtung, die ich eigentlich beobachten sollte. Nur Sekunden später hörte ich das Rattern eines Maschinengewehrs und ein paar leichtere Schüsse, die von einem M16 abgefeuert wurden. Was um Himmels Willen ist hier los? Das Auto stand doch. Warum wurde geschossen? Ich sprang herab, um nachzusehen.

Gibbs hielt den Scheinwerfer auf den Fahrer, der mit erstarrtem Gesicht auf die Soldaten blickte, die ihre Waffen auf ihn angelegt hatten und sich ihm näherten. Jetzt folgte ich ihnen mit entsichertem M4. Der Mann stieg mit erhobenen Händen aus dem Truck. Er wirkte verwirrt und ging von dem Fahrzeug weg. Wir waren jetzt nahe genug, um ein kleines Einschussloch in der linken unteren Ecke der Windschutzscheibe zu erkennen. Warum die Kugel den Fahrer nicht in die Brust getroffen hatte, verstehe ich bis heute nicht. Eine zweite Garbe hatte den Motor getroffen; Flüssigkeit tropfte auf den Boden. Der Fahrer, den es offenbar nicht aus der Ruhe brachte, dass er nur knapp dem Tod entronnen war, griff auf die Ladefläche seines Trucks. Wir umklammerten unsere Waffen, wild entschlossen, ihn in unserem Kugelhagel zu zerfetzen.

Aber nein, er holte sich nur eine Gurke – der Mann hatte Lust auf einen Snack.

Von bewaffneten amerikanischen Soldaten umzingelt, biss er in diese Gurke, so entspannt, als hätte man ihn gerade wegen eines belanglosen Verkehrsdeliktes angehalten. Ich ging zu dem Mann, bedeutete ihm, er solle sich einige Schritte von seinem Fahrzeug entfernen, dann ging ich nach hinten zur Ladefläche und begann, die gefährliche Schmuggelware zu untersuchen. Bald schon ergab die Untersuchung, dass dieser verachtenswerte Brecher der Ausgangssperre mit einer gefährlichen Ladung von terroristischen Tomaten und Gurken unterwegs war – eine eindeutige Bedrohung des American Way of Life.

Da stand er, knabberte an seiner Gurke, und strahlte die Gewissheit aus: So ist es eben im Irak, das hier ist nur eine unbedeutende, nervende Störung. Wir nahmen ihn fest, weil die Ausgangssperre immerhin seit fünfzehn oder zwanzig Minuten galt, und brachten ihn ins Camp Stryker, unsere Basis in der Nähe des Internationalen Flughafens Bagdad. Nach ein oder zwei Tagen gründlicher Befragung aufgrund seines verräterischen Aktes, Gurken nach der Ausgangssperre transportiert zu haben, schickte ihn die Army wieder nach Hause – vielleicht war sein Vergehen aber auch, dass er in Gegenwart amerikanischer Soldaten eine Gurke gegessen hatte. Was immer sein Verbrechen gewesen sein mag, man entließ ihn schnell. Als sie ihn vor seinem Haus absetzten, so erzählte mir ein Kamerad, kam seine Familie herausgelaufen und begrüßte ihn. Vermutlich hatten sie ihn für tot gehalten. Bevor er ins Haus trat, drehte er sich noch einmal zu dem amerikanischen Humvee um und zeigte ihnen den Vogel.

Nach dem Zwischenfall dieser Nacht begriff ich, dass der arme Tomaten-Bauer CPL. Gibbs Auf- und-ab-Bewegung der Lampe als Signal zum Weiterfahren verstanden hatte. Wir hatten ihn also wegen eines einfachen Missverständnisses unter Beschuss genommen und fast getötet. Während wir im Irak waren, gab es viele solcher Missverständnisse. Nicht alle hatten mit Taschenlampen zu tun.

Die Iraker sind duldsame Menschen – sie müssen es sein. Sie gehen die Dinge locker an und regen sich nicht einmal über die widrigsten Umstände auf. Das Problem lag darin, dass der durchschnittliche irakische Bauer keinen Computer besaß und somit auch keine E-Mail der Regierung der Vereinigten Staaten erhalten konnte, die ihm erklärte, wann er mit dem Wagen durch sein eigenes Land fahren durfte und wann nicht. Jeder Farmer in Amerika weiß, dass er früh aus den Federn muss, wenn er den Markt rechtzeitig erreichen will. Und genauso ist es im Irak. Natürlich konnte kein Bauer seine Erzeugnisse rechtzeitig nach Bagdad bringen und dort auf dem Markt anbieten, wenn er sein Dorf nicht vor fünf Uhr morgens verließ. Er musste zwangsläufig auf Hindernisse stoßen – nämlich auf uns.

Wahllos jeden zufälligen Bauern anzuhalten wurde für unsere begrenzte Einheit auf Patrouille zu einer anstrengenden Aufgabe. Ich meinte zu meinem Platoon-Sergeant SFC. Janes, natürlich ende die Ausgangssperre erst um fünf Uhr morgens, aber das sei wohl kaum realistisch. Da wir diejenigen waren, die das betraf, sollten wir etwas ändern und sie an die Wirklichkeit anpassen. Sein einziger Kommentar war: „Scheiß drauf.“

Etwa eine Woche später errichteten wir einen weiteren Kontrollpunkt, um Tomaten- und Gurkenbauern aufzuspüren, die die Ausgangssperre verletzten. Wir waren alle aufgeregt, als der Erste, der die Ausgangssperre brach, die Straße entlangkam. Zum Glück schossen wir nicht auf ihn. Wir untersuchten seinen Kofferraum auf Massenvernichtungswaffen. Ich machte den Fehler, meine Hand in Berge von Okra zu strecken, um nach versteckten Waffen zu suchen. PVT. Ross, mein Fahrer, lachte mich aus. „Hey, das ist Okra. Das willst du nicht an dir haben oder du musst dich den ganzen Tag lang kratzen.“

„Woher soll ich das verdammt noch mal wissen?“, fragte ich. „Ich bin aus Südkalifornien. Ich hab noch nicht einmal von Okra gehört.“

Als wir diesen Bauern festhielten, kam ein zweites Auto die Straße entlang, dann noch eins und noch eins. Wir versuchten, jedes Auto zu durchsuchen, aber bald schon standen fünfzehn oder zwanzig in der Schlange.

Währenddessen hielt ich den Verkehr aus einer anderen Richtung an, aus der weniger Autos kamen. Ich zwang einen silbernen Mini-Van, mindestens fünfundvierzig Minuten zu warten. Schließlich hatte ich Mitleid mit den Leuten im Van und winkte das Fahrzeug mit meinem Scheinwerfer zu mir. Als sich der Van näherte, gingen mein ehemaliger Gruppenführer „SGT. T“ und ich auf das Fahrzeug zu. Als ich es erreichte, sah ich mich um und merkte, dass ich allein war. Was war geschehen? Er duckte sich hinter der Tür des Humvee, um sich vor der Explosion einer selbstgebauten Autobombe in Sicherheit zu bringen. Ich musste es also ohne ihn machen und schaute in den Van. Darin saß eine große Familie. Auf dem Rücksitz krümmte sich eine Frau vor Schmerzen. Ich nahm an, sie habe eine Fehlgeburt erlitten oder starke Bauchschmerzen. Den Männern im Auto schien ihr Schmerz wenig auszumachen, die Frauen trösteten sie.

Der Fahrer, vermutlich ihr Mann, sagte mir beiläufig, sie seien auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich schüttelte den Kopf und ließ sie weiterfahren. Eine weitere erfolgreiche Nacht im Kampf gegen den weltweiten Terror. Als die lächerlich lange Schlange der Autos, die gegen die Ausgangssperre verstießen, unübersehbar geworden war, um noch kontrolliert zu werden, war SFC. Janes sein „Scheiß drauf“ egal, und er winkte alle Wagen durch. Danach kümmerten wir uns morgens kaum noch um die Tomaten- und Gurkenbauern.

In den Wochen, die auf diese beiden Zwischenfälle folgten, fragte ich mich immer öfter, warum wir eigentlich im Irak waren. Waren wir nur dort, um unschuldige Iraker zu belästigen und möglicherweise zu töten? Welcher Nutzen lag darin, sie zu hindern, in die Notaufnahme zu gelangen? Ich wünschte mir, dass unsere Anwesenheit mehr bedeutete.

In den ersten Tagen nach unserer Ankunft stellten wir uns den Einheimischen vor. Sie waren ja diejenigen, die wir schützen wollten. Wir suchten Schulen und Läden auf, trafen Iraker, die den Amerikanern wohlgesinnt waren, und mehrere Stammesälteste. Sobald aber unsere Kompanie selbständig vorgehen konnte, entwickelte sich rasch eine Routine, bei der wir einfach nur jeden Tag unseren Sektor patrouillierten. Wir stellten sicher, dass jeder unsere Anwesenheit bemerkte, mieden aber größere Gebäude und die Bevölkerung.

Als ich ankam, wollte ich meine Erfahrung im Nahen Osten zum Nutze unserer Mission einsetzen. Ich hoffte, mein Wissen könnte die Gewalttätigkeit und die gelegentlichen Überreaktionen der anderen Soldaten mäßigen. Ich stellte mir meine Begegnung mit der Bevölkerung so vor, dass ich ihr Schutz, Medizin, Nahrung und Wasser gab, mit ihr sprach und sie zu verstehen versuchte, um so die Gesamtsituation zu verbessern. Da wir bei all dem keinen Erfolg hatten, gab es meiner Ansicht nach keinen Grund für unsere Anwesenheit.

In diesen ersten Wochen war die Pritsche meines Truppführers SGT. Moore, eines ehemaligen Marines, der ganz dem Klischee entsprach, nach der Rückkehr vom Patrouillengang immer voll mit Briefen und Paketen, manchmal sogar fünf oder sechs, die ihm seine Frau oder seine Eltern geschickt hatten. Meine Pritsche war oft leer. Ich setzte mich dann immer hin und sah zu, wie Moore seine Post öffnete. Manchmal gab er mir ein Paket, damit ich auch etwas zum Öffnen hatte. Schließlich schickte mir meine Frau auch ein paar Sachen, aber in diesen ersten schlimmen Wochen wuchs meine Ernüchterung über unsere Mission im Irak. Ich fühlte mich allein und isoliert.

Als ein ehemaliges Mitglied der Alpha Company erzählte, dass man ihm den Stinkefinger gezeigt hatte, als er den Tomatenbauern zu Hause abgesetzt hatte, fragte ich mich, ob das der Dank war, den wir immer zu erwarten hatten. Ich war bereit, meine Frau ohne Mann und meine Kinder ohne Vater zurückzulassen, wenn es einem höheren Zweck diente. Ich hatte unterschrieben. Aber sollte ich wirklich mein Leben auf diese absurde Pflicht verschwenden, mit der kein Problem je gelöst werden würde? Wir fuhren in der Dunkelheit herum, hofften, das uns keine Bombe in Stücke riss, begegneten aber nie dem „Feind“, jenem formlosen Bösen, das jeden Tag unser Leben bedrohte. Wir trugen nicht zur Einführung der Demokratie bei, wir boten den Leuten, die uns hassten, nur ein leichtes Ziel.

Auch wenn unser Einsatz im Irak oft nur daraus bestand, Iraker zu belästigen und zu unterdrücken, was sie verärgert oder gar tot zurückließ, während sie einfach nur ihren Alltag leben wollten, verschwendeten die meisten Soldaten, die ich traf, nie auch nur einen Gedanken an diesen Tatbestand. Obwohl wir einen Tomatenbauern zufällig fast erschossen hätten, hielten sie alles nur für einen Witz. Sie lachten darüber und hatten es am nächsten Tag vergessen. Es hatte sich ja nur um einen „Hadschi“ gehandelt. So nannten wir beim Militär die Bewohner des Nahen Ostens.

In meiner Frustration begann ich, nach einer Art Unterstützung zu suchen, die mir helfen konnte, mit meinen Gefühlen und Erfahrungen umzugehen. Eines Tages, als ich nach einer achtstündigen Patrouille zurückkam, meine Ausrüstung ablegte und duschte, saß ich schließlich auf meiner Pritsche und betrachtete die Bücher, die ich mitgebracht hatte. Es waren die Ilias, der Koran, einige Bücher über die Geschichte des Nahen Ostens und Thomas Manns Zauberberg. Ich betrachtete sie und dachte: Dazu fehlt mir einfach die Kraft. Dann bemerke ich Turning the Mind Into an Ally – Wie der weite Raum: Die Kraft der Meditation.1 Ich hatte aus einer Laune heraus beim Packen in Florida Sakyong Miphams Buch über Meditation in meine Tasche gelegt. Ich nahm es vom Regal und begann zu lesen.

Es tröstete mich. Hier war ein angesehener Mann, dessen Stimme und Lehre mich tief berührten. Seine Worte vermittelten mir eine klare, präzise Einsicht in meine Lage. Er sprach aus, was ich fühlte. Es war, als läse ich meine eigenen Gedanken im Buch eines anderen:

Aus buddhistischer Sicht sind Menschen nicht von Natur aus aggressiv; wir sind von Natur aus friedlich. Manchmal lässt sich das nur schwer glauben. Sind wir wütend oder verärgert, wird unser ungeübter Geist angriffslustig und wir gehen gewohnheitsmäßig auf andere los. Wir glauben, dass eine aggressive Reaktion auf den Gegenstand unserer Gefühle unseren Schmerz auflöst. Im Laufe der Geschichte haben wir das immer wieder getan. Aber im Schmerz auf andere loszugehen ist eindeutig ein Verhalten, durch das wir das Leid aufrechterhalten.

Ich hatte genau die Unterstützung gefunden, nach der ich gesucht hatte. In einer Umgebung, die zur Aggressionen ermutigte, kamen die rohen Instinkte zum Vorschein – unsere „ungeübten“ Eigenschaften –, und diese trug zu unserer Lage bei. Ein Iraker, der Bomben ausgesetzt war, Checkpoints, Verhören, der Durchsuchung und Beschlagnahmung seines Hauses, dessen Frau starb, dessen Kind verkrüppelt wurde, konnte nur allzu leicht so wütend werden, dass er IEDs auf den Straßen platzierte, auf denen wir patrouillierten. Auch ganz normale amerikanische Männer mit Familien und traditionellen Werten konnten, wenn sie belogen wurden, beschossen oder in die Luft gesprengt, ebenso leicht die finstersten Aspekte der menschlichen Natur zum Ausdruck bringen.

Nach den ersten Kapiteln suchte ich im Internet nach „Shambhala-Buddhismus“. So stieß ich auf die Lehren von Sakyongs Vater Chögyam Trungpa Rinpoche, insbesondere auf sein berühmtes Buch Shambala: The Sacred Path of the Warrior – Das Buch vom meditativen Leben. Mich sprach der weniger religiöse, eher weltliche Blickwinkel von Shambhala an. Eines Tages schrieb ich aus einer Laune heraus nach einer Patrouille eine E-Mail an den Sakyong über Shambhala International. Ich beschrieb meine Lage und bat um Hilfe:

29. Juni 2005

Ich bin zurzeit mit der 48th Infantry Brigade aus Georgia im Irak stationiert. Als Einheit der National Guard werden wir ein Jahr hier sein. ... Ich bin kein Anhänger einer etablierten Religion, halte mich aber für einen spirituellen Menschen. Seit einiger Zeit interessiere ich mich für den Buddhismus. Ich lese gerade Sakyong Miphams Buch, dass sehr zur Bewältigung des Stresses meiner Aufgabe beiträgt. Jeden Tag verlassen wir unseren Stützpunkt und haben Angst vor Bomben am Straßenrand und anderen Gefahren. Vor Kurzem wurde einer unserer Humvees in die Luft gejagt, zum Glück wurde dabei niemand ernsthaft verletzt. Mir macht die Einstellung mancher meiner Kameraden Probleme, die nicht so denken wie ich. Viele sehnen sich nach Gewalt und hoffen auf eine baldige Gelegenheit, jemanden zu erschießen.

Mir geht es nicht so. Ich will nur zu meiner Frau und zu meinen beiden Söhnen zurückkehren, und zwar lebendig. Man grenzt mich immer wieder aus, weil ich die Iraker lieber als Menschen betrachten und mit Respekt behandeln will, nicht als gesichtslose Objekte. Ich verstehe die Bedrohung hier; ich bin kein Pazifist. Viele hier behaupten, religiös zu sein, aber ihre Taten und ihre Einstellung den Menschen gegenüber sind oft erschreckend. Vermutlich haben die Jahrhunderte, die uns von den Kreuzzügen trennen, am grundlegenden Mitgefühl der Menschen nicht wirklich etwas verändert. Ich hoffe, Sie können mir jemand empfehlen, mit dem ich reden kann, oder Bücher, die mir helfen, mit meiner gegenwärtigen Lage zurechtzukommen. Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen,

SGT. Paul M. Kendel

1) Wir haben dem Titel des englischen Originals jeweils den deutschen Titel hinzugefügt, wo dies möglich war.

Kapitel zwei

Schnell korrumpiert

Man wird schnell korrupt, dachte er. Aber handelte es sich wirklich um Korruption oder verlor man einfach nur die eigene Naivität, die es anfangs noch gab? Und war das nicht überall so? Wer behielt denn schon die ursprüngliche Reinheit des Geistes, mit dem junge Ärzte, junge Priester und junge Soldaten gewöhnlich ihren Dienst antraten?

Ernest Hemingway | Wem die Stunde schlägt

Ich erwartete keine Antwort auf meine E-Mail. Sie war ein Schuss ins Dunkle. Noch ahnte ich nicht, dass sie mein Leben – im Irak und zu Hause – völlig ändern würde.