Gaylon Ferguson

Vollkommen wach

Durch Meditation
unsere ursprüngliche
Weisheit entdecken

Gaylon Ferguson

Vollkommen
wach

Durch Meditation
unsere ursprüngliche
Weisheit entdecken

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Vorwort von Sakyong Mipham

Aus dem Amerikanischen
von Nakine S. Konrad

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Übersetzung ins Deutsche: Nakine S. Konrad
Copyright der deutschen Ausgabe © 2010 Theseus Verlag in
J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld

Layout/Satz: Ingeburg Zoschke, Berlin
Lektorat: Susanne Klein
Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld,

Umschlagfoto: © Gerti G. / Photocase
Druck & Verarbeitung Printausgabe: fgb – freiburger graphische betriebe
Datenkonvertierung E-Book: Bookwire GmbH

1. Auflage 2010

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in
der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über abrufbar.

ISBN E-Book: 978-3-89901-538-6
ISBN Printausgabe: 978-3-89901-345-0

Dieses Buch wurde auf 100 % Altpapier gedruckt und ist
alterungsbeständig. Weitere Informationen hierzu finden Sie unter

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und
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Für meine Lehrer:
Vidyadhara Chögyam Trungpa Rinpoche,
Sakyong Mipham Rinpoche –

Auch wenn wir straucheln,
trachten wir dennoch danach,
euer Gesicht zu sehen.

Inhalt

Eine sanfte Art der Schulung

Die Aufmerksamkeit im Körper ruhen lassen

Hilfreiche Hinweise zu Körperachtsamkeitsmeditation

Achtsamkeit fühlen

Gespräche über Achtsamkeit des Fühlens

Gespräche über Achtsamkeit auf den Geist

Achtsamkeit auf die Sinne

Der gute Boden des erwachten Herzens

Vorwort

Ich liebe Meditation, und offenkundig teilt Gaylon Ferguson meine Liebe. Durch sein bescheidenes und glänzendes Verständnis gewährt Vollkommen wach einen Einblick in den einzigartigen Zusammenhang von Meditation und dem allgegenwärtigen Materialismus unserer Tage. Auf der Grundlage buddhistischer Weisheit zeigt dieses Buch, dass der klare und präzise Pfad der Meditation ein wirksames und praktisches Gegenmittel zu den vielen Erscheinungsformen des Materialismus ist, der sich nicht nur in der Konsumgesellschaft niederschlägt, sondern auch in unserem Innern.

Nach Aussagen des Buddha sind wir in jeder Hinsicht vollkommen und erleuchtet. Unser Unglaube gegenüber dieser Wirklichkeit schafft auf einer Ebene eine Verunsicherung, die uns vehement sowohl nach psychischen als auch physischen Objekten verlangen lässt, um uns ganz und vollständig zu fühlen. Der Pfad der Meditation hilft uns, das Vertrauen in das innere Strahlen wiederzuerlangen, von dem der Buddha vor so langer Zeit sprach. Ohne ein solches Werkzeug, mit dem man den Geist handhaben kann, schlägt er mit Gedanken und Ideen nur so um sich und verschlingt dabei Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Als Folge davon machen uns die Probleme der Welt benommen oder sie überwältigen uns.

Jahrelang habe ich Gaylon ermutigt, seine einzigartigen Einsichten niederzuschreiben, und bin sehr froh, dass er sie nun mit Ihnen teilt. Zweifellos würde sich mein Vater, Chögyam Trungpa Rinpoche, ebenso wie ich an Gaylons Humor, seiner Bescheidenheit und seiner Vision erfreuen. Die Ratschläge in diesem Buch werden all jenen großen Nutzen bringen, die den Mut haben, mit Geist und Herz zu leben und ihr Potenzial zu entfalten. Letzten Endes wird das auch der Welt insgesamt zugutekommen.

Der Sakyong, Jamgön Mipham Rinpoche

Halifax, Nova Scotia, 2008

Einführung

Dieses Buch spornt zu spirituellem Erwachen an. Zuerst nannte ich es »Aus dem Albtraum des Materialismus erwachen«. Ausgangspunkt des hier dargestellten Zugangs ist Wachheit als unser ursprünglicher, grundlegender Zustand der Lebendigkeit. Daran schließt sich die Reise der Meditationsübung an, die die natürliche Entfaltung dieses angeborenen Gewahrseins und der liebenden Güte ist. Wenn man den spirituellen Pfad tatsächlich geht, erfährt man im Zusammenleben Offenheit und Wärme. Das sind die drei Hauptteile des Buches: (1) über Wachheit und Schlaf nachsinnen, (2) die Meditationsübung als Weg der Enthüllung unserer ursprünglichen Natur und (3) das gemeinsame Miteinander als Ausdruck wachen Mitgefühls. Da wir in einer Zeit leben, in der Angst so allgegenwärtig ist und unsere grundlegende Gutheit so sehr angezweifelt wird, schien es mir besonders wichtig, mit einer Reflexion über die wesentliche Bedeutung der Errichtung von gesunden Gemeinschaften zu enden. Martin Luther King nannte das den »Traum von der geliebten Gemeinschaft«.

Bevor Sie sich auf die hier beschriebene Reise begeben, lassen Sie mich etwas darüber sagen, wie ich dazu kam, dieses Buch zu schreiben. Der hier skizzierte Pfad begann für mich in den frühen 1970er Jahren in Nord-Vermont im buddhistischen Meditationszentrum Tail of Tiger. Dort nahm ich an einigen Sommerkursen zum Buddhadharma* teil und erhielt Unterweisungen vom Meditationsmeister Chögyam Trungpa Rinpoche in Sitzmeditation. Ich erinnere mich nicht an die Worte, die er zur Vermittlung des meditativen Zustands benutzte, doch beim Meditieren mit ihm erlebte ich eine Atmosphäre von Lebendigkeit, die die Essenz der Botschaft zu sein schien.

Nach einigen Jahren der Übung – wozu insbesondere einige monatelange Meditationsklausuren gehörten – begann ich auf Anregung meines Lehrers Mitte der Siebziger Jahre Meditationsklausuren für Gruppen zu leiten. Ich war noch immer relativ unerfahren im Anleiten von Meditation, hatte erst zwei Kurse in Achtsamkeit und Einsicht am kürzlich gegründeten Naropa-Institut (das später zur Naropa-Universität wurde) abgehalten. Die erste Gruppenklausur, die ich leitete, war ein kleiner einmonatiger Kurs (mit vielleicht zwanzig Teilnehmern) in Nord-Kalifornien. Als die Ko-Leiterin mir mitteilte, dass sie zu einer wichtigen Wochenendveranstaltung mit unserem Lehrer nach Boulder in Colorado müsse, löste diese Nachricht in mir viel spätabendliches Auf- und Abgehen, Unruhe und allgemeine Sorge um das Wohlergehen der flügge werdenden meditierenden Menschen aus, die vorübergehend in meiner Obhut bleiben sollten. Ich war noch nicht ganz vierundzwanzig Jahre alt.

Der Monat verlief ohne besondere Vorkommnisse – eines Nachts war in das Zimmer einer Teilnehmerin eine Fledermaus geraten, die wir behutsam wieder nach draußen beförderten. Es war heiß, und wir meditierten viel, sodass es einige ernst gemeinte Bitten um mittägliche Ausflüge an einen örtlichen Fluss gab. Wir machten beharrlich weiter, standen jeden Tag gegen Sonnenaufgang auf, um zu sitzen und zu gehen, und um dann immer wieder zu sitzen und zu gehen bis ungefähr neun Uhr am Abend. Das hauptsächlich vegetarische Essen, bei dessen Zubereitung wir alle halfen, war passabel, und die allgemeine spirituelle Kameradschaft in der Gruppe war unterstützend und ermutigend.

Ich erinnere mich nicht daran, dass irgendjemand Erleuchtung erlangt hätte – oder eine der vorübergehenden Erfahrungen von Satori* oder Kensho*, über die ich in jungen Jahren gelesen hatte. Damals war ich noch ein leicht zu beeindruckender Teenager und wälzte in meinem unordentlichen Collegezimmer Die drei Pfeiler des Zen von Roshi P. Kapleau und die Schriften von D. T. Suzuki. Im Laufe des Monats hielt ich einige nervöse, holprige Vorträge über das Verhältnis der erwachten Natur zur Meditationsübung und hatte mit allen Teilnehmern Einzeltreffen. Irgendwann konnte ich in den Nacherzählungen über meine frühere Beschäftigung mit anderen spirituellen Praktiken und von Begegnungen mit verschiedenen Swamis, Roshis, Lamas, Druiden, Gurdjieff-Lehrern und mit Krishnamurti (die 1960er waren schließlich noch nicht lange her) ein gemeinsames Thema erkennen.

Wir neigten alle dazu, unsere Meditationsübung entweder mit mehr Bemühung als nötig (oder hilfreich) anzugehen oder allzu locker zu lassen, weil wir von unserer übereifrigen Meditationspraxis erschöpft waren. Im Grunde strengten wir uns entweder zu sehr an oder bemühten uns zu wenig. Ich erinnerte mich an die frühen Anweisungen des Buddha, einen »mittleren Weg« zu finden zwischen extremer Spannung und extremer Lockerheit. Doch wie beim Erlernen eines Tanzes wie dem argentinischen Tango kann man diese einfache, aber tiefgründige Lehre erst dann ganz verstehen, wenn man sie in die Tat umsetzt. Rechtes Anspannen und Lockerlassen, so sagt man, sind Fertigkeiten, die auch erfahrene Meditierende, die Mahamudra*-Meditation üben, noch anwenden müssen.

Irgendwann dämmerte mir dann ein entscheidender Zusammenhang: Spannung und Entspannung stehen in direkter Beziehung zum Zusammenspiel von Natur und Schulung, zwei wichtigen Prinzipien auf dem Pfad. Beides ist nötig, der Glaube an die uns innewohnende Wachheit sowie Vertrauen in den Pfad, durch den wir diese Natur enthüllen. Wenn wir zu stark anspannen, wachsam auf der Hut sind, würdigen wir zu wenig unsere im Grunde erwachte Natur. Richtige Meditation besteht nicht darin, dass wir unsere Erfahrung erfolgreich manipulieren. Wenn wir beim Üben unsere grundlegende Wachheit entspannt würdigen, tragen wir zu einem Leben ohne Aggression bei. Wenn wir allerdings beim Hören der Botschaft von der ursprünglichen Gutheit vertrauensvoll von einem Tagtraum in den nächsten gleiten, dann fehlt es eindeutig an Disziplin und Bemühung. Die Lehren in diesem Buch gründen auf der Würdigung unserer ursprünglichen Natur und unserer gleichzeitigen Schulung in Meditation.

1999 begann ich ein dreimonatiges intensives Trainingsprogramm und erhielt auf diese Weise eine zweite Welle an klassischen Unterweisungen in buddhistischer Meditationspraxis, diesmal vom Erben der Übertragungslinie und ältesten Sohn von Chögyam Trungpa Rinpoche, Sakyong Mipham. Die Dharma*-Ströme dieser beiden Lehrer sind in den vielen Wochenendveranstaltungen, den ein- und mehrwöchigen Gruppenklausuren, die ich in den letzten zehn Jahren geleitet habe, zu einem einzigen Strom der Unterweisung zusammengeflossen. Diesen beiden Meditationsmeistern, die Linienhalter des Schatzes der mündlichen Unterweisungen sind, ist Vollkommen wach gewidmet. Denn sie sind die Quelle sowohl für die in diesem Buch vorgestellten Meditationslehren als auch für die Gruppenklausuren, die die Grundlage für dieses Buch bildeten. Sollte die Übermittlung dieses reinen Goldes Fehler enthalten, liegt das allein an mir.

Eine Anmerkung zum Aufbau des Buches

Vollkommen wach enthält neben Lehren über diesen speziellen Zugang zum spirituellen Pfad eine Reihe angeleiteter Kontemplations- und Meditationsübungen. Am Ende des Buches finden sich Anmerkungen mit Quellen für die meisten Zitate wie auch Erklärungen zu Schlüsselbegriffen. Hie und da sind Dialoge eingestreut – ein Wechsel von Fragen und Antworten – mit Kommentaren und Einsichten vieler Meditierender, die diese Unterweisungen in Gruppenklausuren geübt haben. Der Frageteil in diesen Dialogen erscheint im Buch so:

Frage: Wenn wir alle von Natur aus erwacht sind, warum müssen wir uns dann in Meditation schulen?

Dieser Austausch gehört ganz wesentlich zum Leseerlebnis dieses Buches dazu. Er zeigt und würdigt die Verflechtung von Verwirrung und Einsicht, die zur Erfahrung vieler Menschen gehört, die den Pfad gehen. Ihre eigenen Fragen und Entdeckungen, die beim Lesen und Meditieren auftauchen, sind ein weiterer wichtiger Teil dieser gemeinsamen Enthüllung grundlegender Weisheit. Willkommen bei diesem bereits seit fünfundzwanzig Jahrhunderten andauernden Gespräch!

Aus einem Leben
der Wiederholungen
erwachen

Lassen Sie uns mit natürlicher Wachheit und ihrer Verbindung mit dem Pfad der Meditation beginnen. In Meditationsklausuren habe ich über die Jahre immer wieder die Frage gehört: »Wieso ist es natürlich ›aufzuwachen‹?« Nachdem man dann in der Gruppe die tiefere Bedeutung von »wach« als unserem natürlichen Zustand näher beleuchtet hat, wird mancher mitunter noch kühner, hebt die Hand und fragt sich laut: »Wenn es so natürlich ist, warum muss ich dann überhaupt meditieren?«

Meditation ist der natürliche Pfad spirituellen Erwachens. Der Buddha entdeckte einen »mittleren Weg« zur Entfaltung unseres angeborenen menschlichen Potenzials, einen Zugang zur Meditation, der zwei Fallen vermeidet, nämlich den Versuch, den Geist zur Stille zu zwingen oder ihn beliebig umherschweifen zu lassen. Richtige Meditation kombiniert geschickt unsere grundlegende erwachte Natur mit der Praxis eines behutsamen Trainings von Herz und Geist.

Das Wort buddha bedeutet »Erwachter«. Stellen Sie sich vor, Sie laufen eines Tages auf dem Wochenmarkt zwischen all den Gemüse- und Obstständen umher und sehen plötzlich jemanden mit ungewöhnlicher Präsenz – ruhig, mitfühlend, klar. Woran zeigt sich das? Möglicherweise ist es die anmutige Art, wie sich diese Person bewegt: Körper und Geist befinden sich in mühelosem Einklang. Vielleicht ist es der sanfte Ton ihrer Stimme, ihre freundliche Art, mit den Verkäufern zu sprechen. Es mag auch die strahlende Klarheit und anhaltende Güte im Blick sein; die Augen können Fenster zur Wachheit sein.

Wenn wir so jemanden sehen, mögen wir uns fragen: Wer ist das? Woher kommt diese weise Person? Wie kommt es, dass jemand einen solchen Frieden und so viel geistige Gesundheit inmitten von so viel Angst, Aggression und Hektik ausstrahlt? Und die wichtigste Frage, die wir uns vielleicht stellen, lautet: Wie kam diese Person dazu, so zu sein? Sobald wir anfangen, über Erwachen nachzudenken, und wissen wollen, woher es kommt und wie man dorthin kommt, sind wir schon auf dem Pfad zur Erleuchtung. Unsere Neugierde ist ein Zeichen dafür, dass sich unsere innere Wachheit zu regen beginnt.

Die kraftvolle und doch sanfte Präsenz des Buddha hat bei denen, die ihm begegnet sind, viele ähnliche Fragen ausgelöst: »Was bist du? Bist du ein übernatürliches Wesen? Gibt es für uns einen Weg, im Leben mehr Frieden zu finden, um geerdeter und offener zu werden – so, wie du bist? Wie sollen wir dich nennen?« Lächelnd antwortete er: »Ich bin erwacht. Deshalb solltet ihr mich ›den Erwachten‹ nennen – und es gibt einen edlen Pfad zu eurem eigenen Erwachen.«

Sein Name, »der Erwachte«, ist eine Antwort – aber auch eine Frage: Erwacht aus was? Erwacht zu was? Zum berühmten »erwachten Seinszustand« gehört eindeutig mehr, als sich einfach mit einem Gähnen und Strecken der Glieder nach einer gewöhnlichen Nacht mit erholsamem Schlaf zu erheben, um sich den Aufgaben eines neuen Tages zu stellen. Es geht hier um eine tiefere Bedeutung von »schlafend« und »wach«. Die Reise zu vollständiger Verwirklichung beginnt damit, darüber nachzudenken, was erleuchtete Wachheit und spiritueller Schlaf eigentlich bedeuten.

Zum ersten Schritt zu wahrem Erwachen gehört, dass wir unseren gewohnheitsmäßigen und alltäglichen, sich immer im Kreis drehenden »schlafenden« Zustand erkennen. Unser mit Ablenkungen und Tagträumen angefülltes Leben kann mit Schlafwandeln verglichen werden. Wie wir wissen, können Schlafwandler in ziemlicher Behaglichkeit weiterträumen – bis sie plötzlich gegen eine Wand stoßen oder auf einer Treppe die Stufen verfehlen. Die daraus resultierende »Aua!«-Erfahrung entspricht der Entdeckung dessen, was der Erwachte die »edle Wahrheit des Leidens« nannte.

Zum eigenen spirituellen Pfad des Buddha gehörte sicherlich, dass er sich zunächst seines schlafwandlerischen Zustands bewusst wurde. Durch seinen durchdringenden Blick auf die schmerzlichen Realitäten des menschlichen Lebens außerhalb des behaglichen Komforts im elterlichen Palast erkannte er plötzlich, dass er in einem angenehmen Traum gelebt hatte. Die Seifenblase eines verzärtelten Lebens bei Hofe war eine verführerische Falle gewesen, die ihn in ein falsches Sicherheitsgefühl eingelullt hatte und davon abhielt, die strahlende Wahrheit des wirklichen Lebens zu sehen. Diese grundlegende Verwirrung zu erkennen war für Prinz Siddhartha der erste entscheidende Schritt auf dem Weg zur Erleuchtung und ein Meilenstein auf seiner Reise zur vollständigen Freiheit von verwirrtem Leiden.

Das ist der Siegesschrei in der ununterbrochenen Linie der Erwachten: Es gibt einen Pfad, der zu Befreiung führt! Wir können uns von den automatischen, gewohnheitsmäßigen Gedanken und Gefühlen befreien, die uns so oft in vertraute seelische Gefängnisse sperren. Die gute Nachricht lautet, dass Befreiung möglich ist. Unsere erste große Aufgabe besteht darin, uns der Tatsache zu stellen, dass wir uns selbst einsperren. Denn der Pfad zu wahrer Freiheit beginnt damit, unsere Gewohnheit der Selbsttäuschung zu erkennen. Unser erstes Erwachen besteht darin, uns unseres Schlafzustands und unseres Mangels an Selbst-Gewahrsein bewusst zu werden.

Als ich wegen eines neuen Jobs von der San Fransisco Bay Area nach Seattle zog, war eines der ersten Dinge, die ich bemerkte, wie viele Verhaltensweisen und Gefühle ich von meinem alten Arbeitsplatz mitgenommen hatte. Wie eine Schildkröte ihren persönlichen, bequem tragbaren Panzer trug ich die ganze Zeit meine eigene kleine geistige Umgebung mit mir herum, von einer Stadt in die andere. Am Montagmorgen sollte ich einen neuen Angestellten kennenlernen, Jay, der gerade eingestellt worden war, jemand, den ich noch nie gesehen hatte. Bis Mittwoch war ich mit Jay etwas im Aufzug und am Kopierer ins Gespräch gekommen, und er begann mich an Tim zu erinnern, meinen Vorgesetzten an einem früheren Arbeitsplatz. Ich bin nicht wirklich sicher, was es an Jay war, ob es die Art war, wie er mir ins Wort fiel und meine Sätze für mich beendete (genau wie Tim es tat) oder dass er so schnell sich und seinen beeindruckenden Familienhintergrund zu rühmen schien (Tim hatte auch eine Neigung zu Arroganz). Bald – am Freitagnachmittag bei der Bürofeier – und bevor ich es überhaupt bemerkt hatte, verhielt ich mich Jay gegenüber auf eine Weise, die hauptsächlich auf meinen unangenehmen früheren Erfahrungen mit Tim beruhte (indem ich versuchte ihm aus dem Weg zu gehen).

Eines Tages war ich mit einem Freund am Plaudern – wie ich später bemerkte, hatte ich auf Automatik geschaltet – und fing an, mich über diesen neuen Kerl auf der Arbeit, »Tim«, zu beklagen, und ertappte mich dann mitten im Satz – als mir plötzlich auffiel, dass es in unserer Abteilung gar niemanden mit diesem Namen gab! Meine Gedanken, Gefühle und Handlungen in der Gegenwart beruhen weitgehend auf dem, was ich aus der Vergangenheit mitbringe, hier der früheren Arbeitsbeziehung. Hört sich das bekannt an? Dieses Muster taucht immer wieder auf, am Arbeitsplatz und in der Liebe, in privaten wie in geschäftlichen Beziehungen.

Das hat sehr wenig mit dem Erleben in der Gegenwart zu tun. Obwohl ich Jay gerade erst kennengelernt hatte, sah ich in ihm bereits einen bestimmten Typ, mit dem ich in der Vergangenheit Schwierigkeiten gehabt hatte. Diese Erfahrung mit einem emotionalen Überbleibsel veranlasste mich, mein Gewahrsein für dieses wiederkehrende Muster zu schärfen. Nun fiel mir ein Beispiel nach dem anderen dafür auf, wie ich meine Gegenwart immer wieder nach der bereits verflossenen Vergangenheit formte. »Hier ist es wieder, genau wie in der Planungssitzung letzte Woche. Jane kritisiert das ganze Team; so wird es also wieder eine dieser Sitzungen.« – »Sie erinnert mich an Karen, meine alte Freundin aus dem College. Sie hat den gleichen schrulligen Humor. Wahrscheinlich werden wir tolle Freunde.« – »Hier kommt eine weitere Woche vorhersehbarer Auseinandersetzungen mit Gerald um Quittungen und Kostenerstattungen.« – »Ich hoffe, meinem Chef gefällt meine Arbeit an dem neuen Projekt so sehr wie im letzten Quartal.«

Es ist offensichtlich, dass die meisten meiner Hoffnungen und Befürchtungen über die Zukunft auf dem beruhen, was in der Vergangenheit gut – oder schlecht – lief. Gestern, letzte Woche, voriges Jahr, das letzte Mal standen wir vor einer ähnlichen Aufgabe. Die Vergangenheit scheint die Gegenwart zu verfolgen wie Geister, die zurückkehren, um den alten Scrooge zu verhöhnen. Erinnerungen sammeln sich an und verbreiten sich wie Schimmel. Bald füllen diese wuchernden Projektionen aus der Vergangenheit den ganzen Raum der Zukunft aus.

Je mehr ich bemerke, wie diese Summe von (aus der Vergangenheit übernommenen) Gedanken meine Reaktionen in der Gegenwart formen, desto mehr spüre ich, wie mich dieser schlafwandlerische Zustand kneift. Dieses Kneifen ist das Erwachen von Einsicht. Ich habe einen Blick auf meinen inneren Käfig erhascht, das enge geistige Gefängnis, das ich überallhin mit mir herumschleppe. In einem Schildkrötenpanzer zu leben erscheint mir nicht mehr ganz so behaglich. Auch wenn es sich herausstellt, dass Jay ganz anders ist als Tim, halte ich wahrscheinlich fälschlicherweise viele dieser Unterschiede einfach für eine Steigerung des »gleichen Alten«. Dabei verpasse ich viel, vielleicht das meiste von dem, was in diesem Augenblick neu und frisch ist.

Das ist demütigend: Die Wurzel meiner Unzufriedenheit ist nicht in anderen zu suchen – meiner Partnerin oder meinen Arbeitskollegen oder meinem neuen Nachbarn. Ein großer tibetischer Meditationslehrer gab den folgenden Rat: Die schlechten Eigenschaften in anderen zu sehen ist wie der Blick in einen Spiegel, durch den man den Dreck im eigenen Gesicht entdeckt. So demütigend dieser flüchtige Blick auf die Wahrheit der allgegenwärtigen Zerstreuung und Projektion auch sein mag, so ist er dennoch eine Einsicht. Ich entdecke, dass ich im Geiste immer wieder ähnliche Situationen aus der Vergangenheit abspule. Die Folge davon ist, dass meine Wahrnehmungen, Gefühle und Reaktionen oft fade und hohl sind, wie das Lachen vom Band in einer veralteten Fernsehshow. Einsicht lässt uns erkennen, dass es an der Zeit ist den Sender zu wechseln – oder den Fernseher ganz auszuschalten.

Eine erste Entdeckung

Viel von unserem gegenwärtigen Erleben beruht auf Wiederholung. Plötzliche leidenschaftliche Zuneigung oder Fixierung (ein Gefühl von »das muss ich haben« taucht scheinbar aus dem Nichts auf), Zornesausbrüche oder nagender Groll (der nach all den Jahren immer noch schwelt), uns selbst als jemanden sehen, der sich pflichtbewusst abrackert (mit dem lauten Gesumme einer Drohne) – solche inneren Drehbücher und emotionalen Dramen kennen wir aus eigener Erfahrung. Alle unbeteiligten Zuschauer, die wir bekommen können, werben wir für die Besetzung unseres Stücks an. Ganz egal, ob es eine Seifenoper oder eine Komödie ist, die Anwerbung läuft ständig weiter, endlos: »Hallo! Würdest du gern die Rolle von … spielen?«

Das ist eine grundlegende Entdeckung auf dem Pfad des Erwachens: Unsere Erfahrung des Lebens und der Welt ist stark von unseren eigenen inneren Wetterwechseln gefärbt – sonnig, neblig, regnerisch, sonnig, dunstig, bewölkt. Und so drehen wir uns im Kreis: eifersüchtig, stolz, ängstlich, begehrend, erregt, ernüchtert. Wenn wir genauer hinschauen, entdecken wir, dass wir tief sitzende Gewohnheiten haben, die uns von der Gegenwart ablenken. Aber durch Einsicht können wir klar die gewaltige Aufgabe erkennen, die sich wie ein Berg vor uns auftürmt.

Was für ein Berg ist das? Eine Ablenkung nach der anderen hat sich zu einem großen Haufen zusammengeballt. Wie bei einer riesigen Massenkarambolage. Wenn wir erkennen, dass wir möglicherweise dieses schlüpfrige Netz der Achtlosigkeit immer weiter um die Gegenwart spinnen, inspiriert uns das, unsere beiden Füße fest auf dem Meditationspfad des Jetzt aufzusetzen. Einsicht in unser geistiges Gefängnis entfacht die Motivation, den Pfad zu gehen.

Für eine Weile denken wir, vielleicht stimmt das; vielleicht stimmt das zumindest manchmal. Aber wir schwanken. Unser nur flüchtiger Einblick in die Gewissheit der Wahrheit des Leidens lässt uns schwanken. Mit der Zeit gleiten wir wieder in Gewohnheiten emotionaler Reaktion und Rechtfertigung zurück: »Es ist richtig, mich so zu fühlen: Tim, ich meine Jay, ist doof!« Wir fangen langsam an, uns ein gemütlicheres Nest im Gefängnis einzurichten, vielleicht im neu umgebauten Flügel mit schönem Blick nach draußen. Wir verlieren die Motivation für wahre Freiheit aus den Augen, für die Frische und Weite der Befreiung. Wir vergessen, bis das Gefühl, in einer stickigen Falle ohne Fenster festzusitzen, wieder auftritt.

Wie kann ich aus dem Schlafwandeln aufwachen?

Allein dadurch, dass man eine solche Frage stellt, begibt man sich bereits auf den Pfad des Erwachens. In unserem superschnellen digitalen Zeitalter schätzen wir zwar simple Antworten zum Ankreuzen, doch sind manche unserer Fragen wertvoller als das. Wenn wir uns einen Augenblick lang zurückhalten und keine oberflächliche Antwort geben, die eine schnelle Lösung anbietet, können wir erkennen, dass das bloße Stellen solcher Fragen ein goldener Faden ist, der unsere wissbegierige Intelligenz mit dem Schatz unserer inneren Weisheit verbindet. In seinem klassischem Führer zum spirituellen Pfad, Aktive Meditation, weist Chögyam Trungpa darauf hin, dass einige unserer Fragen die Antwort bereits enthalten: »Auf der ersten Stufe … stellen wir uns die Frage: Wer bin ich?, obwohl das eigentlich keine Frage ist. Es ist vielmehr eine Feststellung, weil die Frage ›wer bin ich?‹ die Antwort bereits in sich enthält.«

Wenn man Fragen stellt, will man wissen. Was bedeutet es, ein waches menschliches Wesen zu sein? Wie sieht ein Leben aus, das voll und ganz menschlich ist? Was möchte ich wirklich sein? Fragen, die zum Nachdenken anregen, führen uns in die Tiefen unserer Erfahrung, jenseits der Oberflächlichkeit vorgefertigter Meinungen. Allzu oft halten wir es für normal, wenn unser Geist wie in einer Achterbahn auf- und abfährt, als ob die Begierde und Aggression unseres Schlafwandelns die einzig natürliche Art des Menschseins wäre. Wir nehmen unser geistiges Gefängnis für selbstverständlich, als ob wir alle denselben plärrenden Radiosender empfingen, WCAT: die Ganze Zeit Alles Verwirrung. Empfinden das nicht alle so?

Die Begegnung mit einer erwachten Person straft diese herkömmliche Annahme Lügen. Das Beispiel von Frauen und Männern, die mit Vertrauen, liebender Güte und Würde leben, hat uns alle inspiriert. Unser Fragen nach einem Weg zur Freiheit entsteht aus dem inneren Wissen, dass wir im tiefsten Grund unseres Wesens dasselbe erleuchtete Potenzial teilen, das wir in großartigen, mitfühlenden Weisheitswesen bewundern. Wie der bahnbrechende japanische Zen-Meditationsmeister Suzuki Roshi gelehrt hat: »Es ist Weisheit, die nach Weisheit sucht.«

Wenn wir auf dem spirituellen Pfad vorankommen wollen, müssen wir unseres gegenwärtigen Zustands gewahr werden. Der Titel eines Buches der amerikanischen buddhistischen Nonne Pema Chödrön drückt das gut aus: Beginne, wo du bist. Auch wenn wir nur einen flüchtigen Blick auf unsere Zerstreutheit erhaschen, nur eine Spur unserer Gedankenverlorenheit bemerken, unseres Normalzustandes des andauernden Tagträumens über Vergangenheit und Zukunft, sind wir bereits aufgewacht.

Gewöhnlich mögen wir die Entdeckung des Schlafwandelns als Rückschritt auffassen, als ob wir einen Schritt nach vorn gemacht hätten, nur um dann festzustellen, dass wir in einer Tretmühle feststecken und ohne Unterlass auf der Stelle treten. Doch statt diese Entdeckung als Entmutigung zu betrachten können wir diesen Einblick in unsere geistigen Gewohnheiten auch als Aufscheinen von Einsicht ansehen. Etwas Schlechtes klar zu erkennen ist im Grunde etwas Gutes. Aufwachen beginnt damit, den ständigen rauschenden Strom unserer Zerstreuung wahrzunehmen. Es ist, wie wenn man um die Ecke biegt und sich plötzlich einer zischenden, heißen inneren Springquelle gegenübersieht.

Meditationsübung besteht im Kern darin, fortwährend zum Erleben unseres gegenwärtigen Zustands zurückzukehren. Wir fangen dort an, wo wir sind, und wenn wir abschweifen, kehren wir dorthin wieder zurück, und falls nötig, tun wir das immer wieder. Wir spüren die Rastlosigkeit unseres inneren Dialogs, bei dem es stets um die Fragen geht: Was kommt als Nächstes? Und was danach? Was gibt es jenseits dieses geschäftigen Geistes, der andauernd Selbstgespräche führt? In den Fragen und der Bewegung dieses hektischen Geistes gefangen zu sein, das ist Zerstreuung. Sie wird von dem ängstlichen Gefühl genährt, woanders sein zu wollen, zu hoffen, dass es noch etwas anderes gibt oder das noch etwas anderes geschieht. Indes wachen wir auf, wenn wir unsere Gewohnheiten und Routineabläufe im alltäglichen Schlafwandel achtsam untersuchen und uns den gewundenen Lauf des inneren Flusses aus Erinnerungen und Phantasien ansehen, den murmelnden Bach unserer sich fast ständig überlappenden Gedanken.

In unser Erleben spüren

Wenn Sie sich nicht ganz sicher sind, ob es stimmt, dass es in unserem gewöhnlichen Seinszustand, unserem täglichen Leben Ablenkung gibt, dann lassen Sie uns für einen Moment innehalten und prüfen, selbst sehen, wie Ihre tatsächliche Verfassung in diesem Augenblick gerade ist. Es ist äußerst wichtig, dass wir diese Lehren über Wachheit an unserem eigenen tatsächlichen Erleben überprüfen. Legen Sie also bitte das Buch für einen Moment aus der Hand, setzen Sie sich bequem hin und nehmen Sie wahr, was körperlich und geistig in diesem Augenblick in Ihnen abläuft. Nehmen Sie sich zwei oder drei Minuten, um dies wahrzunehmen und auf eine neugierige, freundliche Weise zu fragen: Was geht in meinem Körper gerade vor? Bemerken Sie das Spiel von Körperempfindungen, Wahrnehmungen und Gefühlen. Was läuft im Geist gerade ab? Sind da Gedanken? Drehen sie sich hauptsächlich um die Zukunft? Oder um die Vergangenheit? Gibt es Hoffnungen oder Befürchtungen? Oder eine Mischung aus beiden? Glücksgefühle? Traurigkeit? Langeweile? Erregung? Nehmen Sie einfach Ihre eigene Verfassung wahr – Körper, Geist und Herz –, wie es Ihnen jetzt in diesem Augenblick geht. Gibt es nur wenige Gedanken, wie den schwachen Strahl aus einem Wasserhahn? Oder ist es mehr wie ein sprudelnder Wasserfall, Gedanken über Gedanken über Gedanken, einer nach dem anderen in einem andauernden Strom vorwärtsrauschend? Schauen Sie hin. Bemerken Sie, was gerade abläuft, erforschen Sie es mit liebender Güte. Wenn Ihr Geist wiederholt zum Gespräch beim Abendessen am Vorabend abwandert oder zur Besprechung in der nächsten Woche, nehmen Sie das wahr, und anstatt sich an Einzelheiten aus der Vergangenheit (warum hat er das gesagt?) oder in der Zukunft (was werde ich dann tun?) aufzuhängen, kehren Sie sanft zur gesammelten Erforschung der Gegenwart zurück: Was läuft gerade in Körper und Geist ab, in diesem Moment? Schauen Sie mit sanfter Neugier hin und erkennen Sie, was tatsächlich passiert.

Beim Erforschen unserer gegenwärtigen Verfassung mögen zweifelnde oder skeptische Gedanken auftauchen: »Ich habe nicht das Gefühl, dass mich Gedanken über die Zukunft oder die Vergangenheit ablenken. Viele meiner Gedanken drehen sich um die Gegenwart. Klar würde ich jetzt besser irgendetwas anderes tun. Was soll diese Übung eigentlich? Ich glaube nicht, dass ich schlafwandelnd durch mein Leben gehe, zumindest nicht die meiste Zeit. Sind die drei Minuten schon um?« Und nochmals, hier geht es nicht darum, etwas zu glauben oder ein traditionelles Dogma zu akzeptieren. Wahrheit wird durch das genaue Untersuchen der eigenen Erfahrung enthüllt. Antworten entdeckt man, indem man sieht, was im eigenen Körper und im eigenen Geist tatsächlich vor sich geht. Ob das Rezept gut ist, kann man nur daran erkennen, wie der Pudding schmeckt. Kochen Sie erst und führen Sie dann selbst einen Geschmackstest durch. Schauen Sie einfach hin und sehen Sie, was in diesem Moment vor sich geht. Glauben Sie nicht unbesehen, was man Ihnen sagt. Schauen Sie ehrlich und direkt hin.

Nehmen Sie einfach wahr – bemerken Sie, was von einem Moment zum nächsten vor sich geht.

Nichts zurückweisen

Sogar diese einfache Übung von präzisem Gewahrsein und Ehrlichkeit erfordert Mut: Wir lassen vorgefertigte Vorstellungen los, wie unser Erleben ist (oder sein sollte), und schauen es uns zur Abwechslung mit unverstelltem Blick an. Alte Urteile lassen wir ziehen. Wir versuchen nicht, etwas Bestimmtes zustande zu bringen oder eine spezielle Geistesverfassung zu erreichen. Wir meditieren nicht. Wir nehmen nur das wahr, was bereits in der Gegenwart abläuft, ohne es irgendwie zu beeinflussen. Versuchen Sie nicht an dem festzuhalten, was auftaucht: Wenn es sich recht angenehm anfühlt, für einen Moment einfach so dazusitzen, lassen Sie es so sein. Wenn es Ihnen so vorkommt, als ob nichts Besonderes passiere, dann lassen Sie das da sein. Und genauso geben Sie dem Gefühl des Unbehagens Raum, wenn es sich etwas unbequem und fremd anfühlt. Ist da zuerst etwas und löst sich dann auf? Vor allem sollten Sie nichts von dem, was in Ihrem Erleben auftaucht, verurteilen oder zurückweisen: »Hüpft mein Geist wirklich den ganzen Tag hin und her, wie eine Heuschrecke, die zu viele Espressos getrunken hat? Das war gerade kein sehr liebvoller Gedanke, oder? Warum denke ich immer noch daran? Immer wieder: Was kommt dann, was dann und was dann? Ist es das, was passieren soll? Was stimmt heute nicht mit mir? Ich glaube, letzte Woche war ich präsenter; was ist passiert?«

Robert Heinlein beschreibt in seinem Science-Fiction-Roman Fremder in einer fremden Welt einige wahrheitsliebende, gerechte Wesen, die er »faire Zeugen« nennt. Nehmen Sie gegenüber Ihrem ganzen Erleben einen Moment lang eine Haltung des »fairen Bezeugens« ein, indem Sie den allgegenwärtigen Zwang langsam schwächer werden lassen, der Sie dazu drängt, nach den besten und glücklichsten Momenten zu greifen und sie freudig zu umarmen, während er Sie um die hässlichen und unangenehmen einen Bogen machen lässt. Kehren Sie, so gut es geht, immer wieder zum Wahrnehmen zurück, nehmen Sie eine neugierige Haltung ein, die sanft erforscht, und nehmen Sie schlicht und wertfrei einfach wahr. Was geschieht hier und jetzt, in Ihrem eigenen Erleben? Nehmen Sie mit der offenen Haltung eines guten Freundes wahr, den Sie eine Weile nicht gesehen haben. Dieser Freund ist aufrichtig an Ihrer Verfassung interessiert, stellt Fragen und hört aufmerksam zu, um die Antworten wirklich aufzunehmen. Wie geht es Ihnen? Lauschen Sie auf Ihr Erleben, denn die Antwort auf diese kontemplative Frage ist der Kern wahrer Selbstreflexion.

Mehr als ein Schönwetter-Freund

Auf diese einfache Weise beginnen wir uns wirklich umfassend und tief mit uns anzufreunden, statt uns bloß ein Schönwetter-Freund zu sein. Wenn wir sagen: »Jack und Jane sind hauptsächlich Schönwetter-Freunde«, meinen wir damit, sie sind Freunde, mit denen wir Zeit verbringen können, wenn alles in Ordnung ist und glatt läuft, aber in schwierigen Zeiten der Trauer und des Verlusts, der Krankheit oder der Trennung schauen Jack und Jane nicht bei uns vorbei. Wenn wir der Einladung zu einer täglichen Meditationsübung folgen, führt uns das über eine solch oberflächliche Schönwetter-Freundschaft mit uns hinaus.

Schließlich ist es ziemlich einfach, jene Seiten von uns zu lieben, die andere billigen, die Facetten unserer Persönlichkeit, für die wir Belohnung oder Bewunderung erhalten. Aber was ist mit den weniger rühmlichen Seiten unseres Wesens, unseren weniger gefälligen emotionalen Gewohnheiten? Wenn wir in einer unbedeutenden Auseinandersetzung die Geduld verlieren, Dinge ewig aufschieben, uns im Verkehr ohne Rücksicht auf die Gefühle und Bedürfnisse anderer vordrängeln, aus ängstlicher, besorgter Unentschiedenheit viel reden, unsere Unsicherheiten überspielen, bei jedem Konflikt oder jeder Schwierigkeit lospoltern, Angst haben, irgendjemandem unsere wahren Gefühle zu zeigen. Echte spirituelle Übung bezieht ihre Kraft zum Teil daraus, dass wir in der Meditation alle Jahreszeiten des Lebens durchleben, die Herbste und Winter der Schwierigkeiten und Niederlagen genauso wie die Frühlingszeiten und Sommer der Siege und Freudenfeste.

Das ist der Königsweg zur Erleuchtung: Meditation als einen Prozess, mit sich selbst Freundschaft zu schließen, zu betrachten. Das ist der Pfad der Meditation als eine Übung in liebender Güte, den wir damit beginnen, dass wir zunächst uns selbst Freundlichkeit und Herzensgüte entgegenbringen.

Dieses aufmerkende, wache, fürsorgliche Interesse für die gegenwärtige Verfassung unseres Körpers und unseres Geistes ist etwas Natürliches. Wertschätzende Erforschung ist ein Ausdruck unserer wahren Natur. Wir haben alle einen angeborenen, natürlichen Sinn der Fürsorge für uns selbst. Aufmerksamkeit ist ein Ausdruck von Respekt. Gewahrsein für unsere eigene Verfassung ist die Grundlage für Selbstachtung. Erwachen beginnt mit der Wertschätzung dieses natürlichen Interesses und dehnt sich dann allmählich auf Selbsterkenntnis aus. Selbsterkenntnis ist die Vorhut von Weisheit. Wir beginnen mit diesem inneren Wissensdrang, und wir kehren immer wieder dorthin zurück, indem wir dem Drängen unserer tiefsten Neigung nachgeben. Wir wollen über die Illusionen des Schlafwandelns hinausgehen und zu unserer wahren Natur erwachen, und deshalb fragen wir: Was empfinde, fühle und denke ich jetzt gerade? Diese grundlegende Ebene von Selbstgewahrsein und Selbstreflexion ist uns allen leicht zugänglich. Selbstkenntnis ist die unerlässliche Grundlage des gesamten spirituellen Pfades.

Mit sich selbst Freundschaft schließen
und Mitgefühl

An dieser Stelle fragen Sie sich vielleicht: »Was soll all die Sorge um das eigene Wohl? Ich dachte, dass es bei Spiritualität darum gehe, sich um das Wohl anderer zu sorgen und ihnen zu helfen. Was ist mit der berühmten Verbindung von Meditation und Mitgefühl?« Viele Teilnehmer von Gruppenklausuren haben sich über ähnliche Dinge laut gewundert und gefragt: »Ist es nicht irgendwie narzisstisch, mir selbst so viel Aufmerksamkeit zu schenken? Was ist mit all den Problemen in der Welt? Und was mit all den Wesen, die leiden? Wie hilft ihnen das?«