Hoch wie der Himmel,
tief wie die Erde

Sylvia Wetzel
in Zusammenarbeit mit Karin Burschik

Hoch
wie der Himmel,
tief wie die
Erde

Meditationen zu Liebe, Beziehung und Arbeit

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© 1999, 2010 Theseus

3. überarbeitete Auflage 2010

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

ISBN E-Book: 978-3-89901-528-7

Dieses Buch wurde auf 100 % Altpapier gedruckt und ist alterungsbeständig. Weitere Informationen hierzu finden Sie unter

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Inhalt

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Vorwort

Das Haus meiner Eltern – wir lebten in einer Großfamilie und betrieben eine Gastwirtschaft, in der ich schon sehr früh mitarbeitete – war kein Ort der Stille und Kontemplation. Und doch erinnere ich mich, wie ich als Kind immer wieder hinunter in den Getränkekeller ging, um über grundlegende Fragen nachzudenken. Einmal brütete ich über der Frage: »Was macht glücklicher: Lieben oder Geliebtwerden?« Nach tagelangem Ringen kam ich zu der Antwort: »Lieben macht glücklicher.«

Im Laufe der Jahre erkannte ich immer klarer, dass das Glück im eigenen Herzen liegt. Es dort zu suchen und zu finden ist heutzutage nötiger denn je, da viele äußere Sicherheiten weggebrochen sind, vor allem in den Bereichen Arbeit und Beziehungen. Diese zentralen Faktoren verändern sich so rasch und radikal, dass viele Menschen den Boden unter den Füßen verlieren.

Nach einem Blick auf unsere Vorstellungen von der »großen Liebe« und das Zusammenspiel von Innen und Außen möchte ich Sie darum einladen, sich nach innen zu wenden, um Ihren inneren Reichtum zu entdecken: Ihre grundlegende »Gutheit«, die im Buddhismus Buddha-Natur genannt wird. Sie macht inneres Wachstum erst möglich und offenbart sich als die Qualitäten von Offenheit, Klarheit und Feinfühligkeit.(*) Doch ohne Meditation verhindern Verlangen, Abwehr und Unwissenheit allzu oft, dass wir unsere Buddha-Natur spüren und in ihr ruhen.

Als Heilmittel für uns und unsere Beziehungen können wir Liebe, Freude, Mitgefühl und Gleichmut entwickeln, den Weisheitskern aus schmerzhaften Emotionen schälen und uns um ein ethisches Leben bemühen. Aber bitte verstehen Sie die vorgeschlagenen Richtlinien nicht als Vorschriften, als ein autoritäres Muss, sondern als ein Experimentierfeld, auf dem Sie Verhaltensweisen erkennen und ausprobieren können, um immer öfter das zu tun, was Sie und alle Beteiligten glücklich macht.

Im zweiten Teil möchte ich Ihren Blick auf fünf Fähigkeiten lenken: Achtsamkeit, Konzentration und Energie, Vertrauen und Einsicht. Diese sind in jedem Menschen angelegt. Wir können sie ins Gleichgewicht bringen und zu Kräften entwickeln, so dass wir unsere Lebensenergie immer besser in freudigem Tun ausdrücken können. Das ist meine Definition von »guter Arbeit«. Mit eventuellen Hindernissen beschäftigt sich ein weiteres Kapitel.

Im letzten Teil stelle ich die wichtigsten Themen des Buches in einen explizit buddhistischen Zusammenhang, denn der Buddha war ein kluger Ratgeber. Er lehrte nicht, sich vom Leben abzuwenden, in süßer Ekstase zu schwelgen oder Schmerzen und Schwierigkeiten unter einen rosageblümten Teppich zu kehren, sondern sie klar zu erkennen und zu durchleben.

In diesem Teil finden Sie auch einige grundlegende buddhistische Übungen, die Sie durch Ihr Leben begleiten können, während viele andere der in diesem Buch vorgestellten Übungen der Klärung von bestimmten Situationen und Schwierigkeiten dienen. Sie müssen nicht alle machen. Spüren Sie einfach in sich hinein, was Sie anspricht.

Zur Unterstützung und Vertiefung können Sie auch ein Tagebuch führen. Dort ist Platz für Selbsterforschungen und Ihre Erfahrungen mit den Übungen. Sie können Entscheidungen und Veränderungen dokumentieren, malen und Zitate, Gedichte und Gedanken festhalten. Auf diese Weise gewinnen Sie mehr Klarheit über sich selbst und den Weg, den Sie gehen möchten.

Mögen Sie alles überlesen oder vergessen, was Ihnen schaden könnte. Mögen Sie offen sein für alles, was Ihnen guttut. Mögen Sie glücklich sein.

Vorwort zur Neuauflage 2010

Ich freue mich, dass dieses Buch elf Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung wieder im Theseus Verlag aufgelegt wird. Die Thesen und Übungen in diesem Buch sind immer noch aktuell und können Orientierung bieten im bunten Dschungel des modernen Alltags.

Es ist nicht einfacher geworden, gute und tragfähige Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, und auch der Arbeitsmarkt stellt uns immer wieder vor neue und große Herausforderungen. Und die Liebe ist immer noch das Größte, und sie ist auch das schönste und anspruchsvollste Abenteuer geblieben, was es gibt.

Gerade schwierige Zeiten können uns helfen, ungeahnte Fähigkeiten und Kräfte zu entdecken, wenn wir den Mut haben, unsere Erfahrungen mit Offenheit und Interesse, mit Akzeptanz und Klarheit und mit viel Geduld und Humor anzuschauen. Dazu möchte dieses Buch Sie inspirieren.

Jütchendorf, im Sommer 2010

Sylvia Wetzel

Danksagung

An dieser Stelle danke ich allen, die direkt oder indirekt an diesem Buch mitgewirkt haben.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Kursen und Vorträgen inspirierten mich mit ihren Fragen und Rückmeldungen zu neuen Experimenten bei der Vermittlung meditativer Methoden. Mit Freundinnen, Kolleginnen und Kollegen konnte ich Kurserfahrungen austauschen und neue Ansätze besprechen. Einige lasen erste Entwürfe zu einzelnen Kapiteln und halfen mit wohlwollender und kompetenter Kritik. Karin Burschik danke ich für die gelungene Zusammenarbeit. Nach einem Meditationskurs bei mir erklärte sie sich dazu bereit, das Buch anhand meiner Rohfassung neu zu schreiben. Es gelang ihr, dem geschriebenen Text die Klarheit, Lebendigkeit und den Humor der mündlichen Vorträge zu verleihen. Meiner Nenn-Nichte Elisa danke ich für die Idee zum Titel dieses Ratgebers: Während unserer Brainstormings besuchte sie mich oft und sang in der Küche ein Lied, das sie gerade gelernt hatte: »Hoch im Himmel, tief auf der Erde, überall ist Sonnenschein.« Unsere Ansprüche und Erwartungen, Wünsche und Sehnsüchte reichen oft hoch in den Himmel, doch leben müssen wir auf der Erde.

I.

BEZIEHUNGEN

Liebe und Anhaftung

Noch in der Generation unserer Eltern und Großeltern verbrachten die meisten Menschen ihr ganzes Leben am selben Ort, im selben Beruf und mit demselben Partner, und sie waren eingebettet in das Beziehungsgeflecht ihrer Familie, Nachbarschaft und Gemeinde. Dieses hat sich weitgehend aufgelöst. Das Leben in der heutigen Zeit ist geprägt von Umzügen und Scheidungen, Berufs- und Stellenwechseln, Kirchenaustritten und abgebrochenen Kontakten zur Herkunftsfamilie. So geht vieles verloren, was früher Sicherheit und Zuwendung, Sinn und Orientierung gegeben hat.

Viele Menschen erwarten nun Ersatz dafür von ihren Partnerinnen und Partnern und überfordern diese damit ganz erheblich. Das stellt private Beziehungen auf eine ebenso harte Probe wie die zunehmende Individualisierung der Einzelnen und die ökonomischen Bedingungen, die Paare nur noch selten zwingen, zusammen zu bleiben.

Liebesbeziehungen scheitern darum häufiger als früher, und eine Trennung wirft die Menschen leichter aus der Bahn: Sie verlieren die Person, von der sie all ihr Glück erhofften, und kein traditionelles Sozialgefüge fängt sie mehr auf. Oft geben sie dann sich selbst die Schuld an der gescheiterten Beziehung. Womöglich halten sie sich gar für beziehungsunfähig. Ihnen kann es helfen zu erkennen, wie schwierig die heutige Zeit tatsächlich ist, eine Umbruchphase, in der neue Lebensformen sich erst allmählich herausschälen, die meisten Menschen aber die erst neu gewonnenen Freiheiten zu sehr genießen, als dass sie zurückkehren wollten zu der tradierten Lebensweise, zu lebenslanger Ehe, Kleinfamilie und traditionellen Geschlechterrollen.

Auch der Buddha lebte vor zweieinhalbtausend Jahren in einer solchen Umbruchphase, und er lehrte, Glück und Sicherheit nicht in äußeren Umständen zu suchen, sondern im eigenen Herzen und in neuen Denk- und Verhaltensweisen. Diese lassen sich nicht von heute auf morgen lernen. Eingeschliffene Muster lösen sich nur langsam auf. Das zeigt auch unser Essverhalten. Auch heute noch ernähren sich viele Menschen in den reichen Ländern wie Steinzeitmenschen. Sie essen so viel, fett und süß, als müssten sie täglich vierzehn Stunden schuften und sich für magere Zeiten ein Fettdepot zulegen, obwohl sie wissen, dass sie morgen wieder etwas zu essen bekommen. Wenn schon neue Esssitten so schwer zu lernen sind, wie hartnäckig müssen sich dann erst die alten Beziehungssitten halten?

Oft leiden wir unter ihnen. Das hört erst auf – so die buddhistische These –, wenn wir Liebe nicht länger mit Anhaftung verwechseln, das eine entwickeln und das andere loslassen.

Was ist Liebe?

Liebe, so heißt es, ist die Triebkraft des Lebens, der Motor der Welt, die Kraft des Schöpferischen. Sie ist die Erfüllung des Lebens, auch für viele Karrierefrauen und -männer, und kleine Kinder könnten ohne sie nicht überleben. Asketen fürchten sie als Stolperstein auf dem Weg zur Erleuchtung. Tantriker (*) dagegen feiern sie als die Kraft, die zur allumfassenden Liebe und damit zur höchsten Weisheit führen kann.

Manche glauben, sie könnten nur eine/-n lieben. Andere sagen, sie liebten auch ihre übrigen Angehörigen, Freundinnen und Freunde, Brahms und den Sonnenuntergang auf Helgoland. AmerikanerInnen gehen besonders locker um mit dem Wort »love«. Sie verwenden es auch da, wo wir eher von »gernhaben« sprechen. Das Wort »Liebe« reservieren wir meist für Melodramen mit Treueschwüren und tränenreichen Szenen. Viele glauben auch, Liebe sei die Kehrseite von Hass und könne jederzeit in diesen umschlagen, und meist verbinden wir sexuelles Begehren mit dem Wort. Im Christentum spielt allerdings auch die nichterotische Liebe eine große Rolle – als tätige Nächstenliebe.

Kurz und gut: Für die Liebe scheint es so viele Definitionen wie Menschen zu geben. Andererseits ist sie eine allgemeinmenschliche, existenzielle Erfahrung. Unergründlich wie der Tod. Wir werden nie wissen, was sie »wirklich« ist; können sie nur erfahren. Und wir können herausfinden, was sie für uns bedeutet.

Oft erkennen wir bisher unbewusste Einstellungen auch erst aus einem fremden Blickwinkel heraus, aus dem Blickwinkel eines anderen Menschen oder einer anderen Kultur. Darum möchte ich nun die buddhistische Definition von Liebe vorstellen: Sie ist der Wunsch nach Wohlergehen – ich will, dass es der geliebten Person gutgeht, und ich will auch dazu beitragen. Und als Liebe zu sich selbst gilt dementsprechend der Wunsch, es möge mir gutgehen, und die Bereitschaft, dafür auch etwas zu tun.

Dieses grundsätzliche Wohlwollen hat wenig gemein mit dem, was in Schlagern und Kitschromanen verherrlicht wird: »Ich will dich, ich brauch’ dich, ohne dich kann ich nicht leben.« Solche Gefühle werden im Buddhismus nicht Liebe, sondern »Anhaftung« genannt und zählen zu den »Verblendungen«, das heißt zu den Reaktionen, die Leiden schaffen und den Frieden des Herzens und des Geistes zerstören.

Tatsächlich sind unsere Liebeserfahrungen selten friedvoll. Zu oft sind wir von Habenwollen durchdrungen: Wir wollen Nähe, Aufmerksamkeit und Zuneigung; wir wollen begehrt werden, in Ekstase geraten und uns selbst vergessen. Nun führen Verlangen, Haben- und Festhaltenwollen aber immer zu Unruhe, Unzufriedenheit und Enttäuschung, mithin zu Leiden. Darum gilt im Buddhismus ein Großteil dessen, was wir Liebe nennen, als Anhaftung, als eine Form von Verblendung.

Vier Merkmale

Die buddhistische Psychologie unterscheidet Liebe und Anhaftung anhand von vier Merkmalen, die ich noch ausführlich diskutieren werde. (*)

Natürlich ist eine solche Gegenüberstellung notwendigerweise verkürzt. Dennoch gibt es mir seit Jahren Orientierung im Chaos der Gefühle, mich an die folgende Unterscheidung zu erinnern: Liebe entspringt innerem Reichtum, während Anhaftung durch inneren Mangel entsteht. Liebe sieht die geliebte Person realistisch, sie erkennt und liebt auch ihre Schwächen, während Anhaftung durch eine rosarote Brille schaut. Liebe nimmt stetig zu, während Anhaftung heftig schwankt und in Hass oder Gleichgültigkeit umschlagen kann. Und zu guter Letzt: Liebe tut gut; Anhaftung tut weh.

Es mag ernüchternd sein zu erkennen, dass vieles, was wir für Liebe halten, diesen Kriterien nicht genügt. Aber ist es nicht auch befreiend zu erfahren, dass Liebe nichts, aber auch gar nichts mit Leiden zu tun hat? Also könnten wir nach Herzenslust lieben – und glücklich sein. Was hindert uns daran?

Reichtum und Mangel

Liebe entsteht, wenn wir bereits glücklich sind und dieses Glück mit anderen teilen möchten, wenn wir uns reich und lebendig fühlen und so voller Selbstvertrauen, als könnten wir die ganze Welt aus den Angeln heben. Unser Herz ist so voll, dass es überfließt. Uns geht es so gut, dass wir die ganze Welt umarmen möchten. Besonders gern natürlich die geliebte Person. Wir möchten sie auf Händen tragen, ihr die Sonne schenken und die Sterne und alles, was ihr Herz begehrt. Wir möchten, dass sie glücklich ist.

Anhaftung dagegen entsteht aus einem Gefühl der inneren Leere, des Mangels. Wir fühlen uns unerfüllt und unvollständig, eine halbe Seele. Und was uns fehlt, suchen wir in der Außenwelt: Ein Prinz oder eine Prinzessin soll uns »wach küssen« fürs »richtige« Leben. Sie soll uns retten vor Langeweile und öden Sonntagen, unserem Leben einen Sinn geben und uns dreimal täglich sagen: Ich liebe dich. Er soll uns sexuell befriedigen, ohne dass wir sagen müssten, was wir mögen, und immer ein offenes Ohr haben für unsere Sorgen und Nöte. Sie soll schön und erfolgreich sein und in Gesellschaft brillieren, und zwar immer, damit alle Welt uns beneidet um diesen fabelhaften Menschen, den wir brauchen, so sehr brauchen, weil wir unsere eigene fabelhafte Seite noch nicht entdeckt haben.

Angenommen, wir begegnen in dieser Verfassung einer »ganz normalen« Person, die sich für uns interessiert. Je mehr wir nach Liebe hungern, desto eher sind wir bereit, unsere Wunschbilder auf sie zu übertragen, vorausgesetzt »die Chemie stimmt« und etwas Geheimnisvolles klickt zwischen uns. Wir mögen glauben, die große Liebe habe unser Herz berührt. Doch meist haben sich nur bestimmte Muster ineinander verhakt.

Was tatsächlich geschieht, finden wir im Laufe der Zeit heraus. »Wenn ihr euch in einem Jahr immer noch so liebt, habt ihr eine Chance«, pflegte meine beste Freundin trocken zu sagen, wenn ich wieder einmal von einer neuen großen Liebe erzählte.

Wahrnehmen und Idealisieren

Wenn wir uns einer anderen Person aus dem Gefühl des inneren Mangels heraus zuwenden, können wir ihre Stärken und Schwächen kaum richtig einschätzen, denn wir wollen zu sehr, dass sie die Erfüllung unserer Träume sei, zumindest einiger. Wir dürfen gar nicht richtig hinschauen.

Schwächen werden dann leicht in Stärken umgedeutet: Wer kaum den Mund aufmachen kann, ist geheimnisvoll und tief. Wer ununterbrochen redet, ist unterhaltsam und inspirierend. Wer das Geld zum Fenster hinauswirft, ist großzügig, und wer knausert, hat Sinn fürs rechte Maß. Wagt eine gute Freundin, die glänzende Gestalt an unserer Seite zu kritisieren, fahren wir ihr gleich über den Mund: »Du kennst ihn nicht richtig.« »Er ist eigentlich ganz anders.« »Du hast eben Vorurteile.« Selbst, wenn uns die ersten Zweifel beschleichen, versuchen wir meist noch eine ganze Weile, unser Glanzbild aufrechtzuerhalten, weil wir unser Selbstwertgefühl daraus ziehen, einen perfekten Menschen an uns gebunden zu haben.

Doch wenn wir wirklich lieben, können wir auch die Schwächen der geliebten Person annehmen. Wir sind ihr auch dann noch liebevoll zugetan, wenn sie unmögliche Ansichten äußert und sich unpassend anzieht, morgens etwas muffelig ist und manchmal etwas pingelig, wenn die ersten Falten sich zeigen oder das Bäuchlein sich rundet. Das tut der Liebe keinen Abbruch. Wir wissen: Niemand ist vollkommen.

Wachsende Zuneigung

Mit der Zeit wird die Liebe immer tiefer, inniger. Allerdings erleben die meisten Menschen diese Art Offenheit und gereifter, unverbrüchlicher Zuneigung eher in langjährigen Freundschaften als in einer Ehe oder in eheähnlichen Zweierbeziehungen. Diese sind oft mit zu viel Anhaftung durchsetzt und zu kurzlebig. Doch kann Verbundenheit nur wachsen, wenn wir einander immer besser kennenlernen.

Das lässt sich beim Lesen von Romanen recht gut beobachten. Zum Beispiel ist Patricia Highsmiths »Mister Ripley« alles andere als ein guter Mensch. Doch wir erfahren so viel von ihm, von seinen Eigenheiten und Gewohnheiten, seinen innersten Gedanken und Gefühlen, dass wir ihn immer besser verstehen und sogar mögen. Am Ende hoffen wir gar, er – ein Mörder! – möge der Polizei entkommen. Allerdings können wir die Schwächen von RomanheldInnen relativ gelassen hinnehmen: Wir erwarten nichts von ihnen; sie tun uns nichts; wir müssen nicht mit ihnen leben.

Im realen Leben kann es recht mühsam sein, überzogene Erwartungen aufzugeben und zu lernen, mit den Schwächen der geliebten Person zu leben. Diese aber zeigen sich unweigerlich. Irgendwann müssen wir unsere rosarote Brille ablegen.

Ent-Täuschung und Hass

Doch was passiert, wenn wir nicht zur Liebe finden, sondern weiter anhaften?

Egal, wie sehr wir uns an unsere Traumbilder klammern, irgendwann rüttelt uns das Leben wach, und wir müssen einen Blick auf die ganz normale Person an unserer Seite werfen, auf ihre Maulfaulheit oder Schwatzhaftigkeit, ihren Geiz oder ihre Verschwendungssucht.

Je mehr wir den tollen Prinzen oder die Prinzessin für unser Selbstwertgefühl brauchen, desto höher ist der Thron, den wir bauen, und desto tiefer ist der Fall. Doch das können wir nicht ertragen. Darum klammern wir uns gerade dann besonders stark an unsere Vorstellungen und setzen die andere Person damit unter Druck. Vergebens. Menschen sind, was sie sind, und tun, was sie tun. Sie werden sich niemals von heute auf morgen, von Grund auf und auf Dauer ändern, nur um in unsere Schablonen zu passen. Diese gilt es loszulassen.

Das heißt natürlich nicht, dass wir uns schlecht behandeln lassen müssten. Doch meist verlangen wir zu viel, oder wir wollen, dass die Person Eigenschaften ablegt, die uns gar nicht schaden. Das aber wird sie niemals tun. Sie mag versprechen, sich zu ändern, mag in poetischer Sprache und schönen Briefen den Zauber des Anfangs beschwören oder die Zukunft in den rosigsten Farben ausmalen. Ihr Verhalten aber wird dasselbe bleiben. Verschließen wir die Augen davor und kleben weiter an unseren Traumbildern – »früher warst du ganz anders«, »du hast mir aber versprochen« –, werden wir bloß aufs Neue enttäuscht und leiden immer mehr, statt die Ent-Täuschung als Ende der Täuschung zu feiern und zu lernen, mit den Schwächen der geliebten Person zu leben.

Das kann jahrelang so gehen: Wir sind blind für die reale Person und klammern uns an unser Traumbild. Dann blättert der Putz, und wir sind enttäuscht. Wir restaurieren das Bild und werden wieder und wieder und immer wieder enttäuscht.

Je größer unsere Illusionen waren und je stärker wir uns an sie klammerten, desto leidenschaftlicher reagieren wir, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. Glühende »Liebe« schlägt dann um in brennenden Hass: Wer sich in einen »edlen Ritter« verliebte, hasst ihn nun wegen eines einzigen Neins für seinen »beispiellosen Egoismus«. Wer sich von seiner Partnerin ewige Treue erträumte, hasst sie nun für einen Seitensprung als verdorbene Schlampe. Und wenn unser Salonlöwe mal eine schlechte Figur macht, dann hassen wir ihn gleich als einen erbärmlichen Wicht, für den wir uns überall schämen müssen.

Manche meinen, heftige Gefühlsschwankungen, dramatische Konflikte und leidenschaftliche Auseinandersetzungen seien ein Beweis für echte Liebe. Dabei sind nur unsere Emotionen in Wallung geraten. Ob wir aber wirklich lieben, wäre zu prüfen.

Der Buddhismus lehrt etwas anderes: Was umschlägt in Gleichgültigkeit, Abneigung oder blanken Hass, das ist keine Liebe, sondern Anhaftung, denn dann erhoffen wir unser ganzes Glück von einer anderen Person, übertreiben ihre Stärken und ignorieren ihre Schwächen. Entdecken wir nach einiger Zeit den »ganz normalen« Menschen, fühlen wir uns betrogen und schauen in unserer Enttäuschung jetzt nur noch auf Fehler und Schwächen, übertreiben sie, lehnen sie ab und lassen kein gutes Haar mehr an der anderen Person. So schlägt Anhaftung an Wunschbilder um in Abneigung gegen Negativbilder.

Wenn es weh tut, ist es keine Liebe

Zeitweise können wir uns bezüglich der ersten drei Merkmale vielleicht täuschen, uns also inneren Reichtum, eine realistische Sicht und wachsende Zuneigung einbilden. Doch beim vierten Kennzeichen schlägt die Stunde der Wahrheit. Dann nämlich, wenn wir uns fragen: »Tut diese Beziehung mir gut? Kann ich mich darin positiv entwickeln? Kann ich das Beisammensein unbeschwert genießen? Bin ich glücklich? Ist die andere Person glücklich?« Dann ist es Liebe. »Oder bin ich oft nervös und angespannt? Fürchte ich ständig, die andere Person könne fremdgehen, mich zuwenig lieben oder verlassen? Bin ich oft enttäuscht? Sitze ich oft kettenrauchend und mit tränenfeuchten Augen neben einem Telefon, das partout nicht klingeln will?« Dann ist es Anhaftung.

Wege zur Liebe

Wenn wir Anhaften als Anhaften erkennen, machen wir den ersten Schritt auf dem Weg zur Liebe.

Es mag ernüchtern, wenn wir unsere Gefühle für einen anderen Menschen untersuchen und dann feststellen: Es ist wenig Liebe da und sehr viel Anhaftung.

Tatsächlich sind die meisten Beziehungen eine Mischung von Liebe und Anhaftung. Vermutlich können nur vollkommen erwachte Buddhas reine Liebe leben. Wir dagegen müssen zuerst einmal erkennen, was wir eigentlich empfinden. Dann können wir versuchen, übertriebene Erwartungen loszulassen und mit mehr Gelassenheit und etwas Zuneigung auf die Schwächen der anderen Person zu blicken. Mit der Zeit werden wir immer weniger anhaften und immer mehr lieben. Besonders, wenn wir die Quelle dafür entdecken, nämlich inneren Reichtum, den ich im übernächsten Kapitel behandeln werde.

In der folgenden Übung können Sie Ihre zentralen Beziehungen anhand der beschriebenen Merkmale überprüfen. Am besten fangen Sie mit einer relativ unbelasteten Beziehung an, so dass Sie klaren Kopf behalten können. Sind Sie mit der Übung vertraut, können Sie auch schwierige Beziehungen untersuchen, gegenwärtige und vergangene.

Übung: Liebe und Anhaften

Wir denken an eine unserer zentralen Beziehungen und fragen uns: Was ist die Quelle meiner Zuneigung? Innerer Reichtum oder ein Gefühl des Mangels? Wie habe ich mich gefühlt, als ich die Person kennenlernte? Einsam oder relativ wohl mit mir? Habe ich mich verzweifelt nach einer Beziehung gesehnt?

Neige ich dazu, die Person zu idealisieren und ihre guten Seiten zu übertreiben? Wie reagiere ich, wenn ich Schwächen und Unvollkommenheiten entdecke? Kann ich sie akzeptieren und damit umgehen?

Ist meine Zuneigung mit den Jahren gewachsen? Ist sie relativ stabil, auch wenn die Person Schwächen zeigt? Oder schwankt sie häufig?

Fühle ich mich im Großen und Ganzen wohl, wenn ich mit der Person beisammen bin oder an sie denke? Oder stürzen mich unsere Begegnungen immer wieder in ein Wechselbad der Gefühle?

Was überwiegt: Liebe oder Anhaften? Wie ist die Mischung in Prozenten ausgedrückt?

Verantwortung übernehmen

Leiden wir in unseren sogenannten Liebesbeziehungen, dann können wir jammern und die andere Person beschuldigen, uns unglücklich zu machen. Das wird das zwischenmenschliche Klima kaum verbessern. Wir können aber auch beginnen, Anhaftungen aufzulösen und mehr zu lieben in dem Bewusstsein, dass wir selbst verantwortlich sind für unser Erleben.

So jedenfalls lautet eine weitere buddhistische These: Wir sind selbst verantwortlich, sind nicht Opfer von äußeren Bedingungen, nicht Marionette anderer Menschen. Äußere Umstände können Freude und Ärger also nicht verursachen, sondern nur das auslösen, was bereits in uns ist, wozu wir bereit sind aufgrund unserer Stimmung und unseres allgemeinen Hintergrundes aus Vorlieben und Abneigungen, persönlicher Geschichte, Werten, Bedürfnissen und Gewohnheiten. Sind diese inneren Bedingungen unbewusst, bleiben wir gefangen in der ewig gleichen Tretmühle bitterer Erfahrungen.

Also müssen wir die Gegebenheiten zuerst einmal erkennen und annehmen, wie sie sind. Nicht nur auf der oberflächlichen Ebene von: »So ist das nun mal; das muss ich wohl akzeptieren.« Nein, lassen wir uns berühren von unserem Schmerz und unserer Einsamkeit, tauchen wir ein in das dunkle Herz unserer Traurigkeit. Vom Grund des Leidens schöpfen wir dann die Kraft, mit dem Unabänderlichen zu leben und zu verändern, was zu verändern ist. Es gibt immer Menschen und Bedingungen, die unsere Stärken fördern, statt unsere Schwächen und unreifen Seiten hervorzulocken. Wir können immer geeignete Anlässe suchen für Liebe und Freude, Respekt und Dankbarkeit und die Auslöser meiden, die negative Tendenzen stärken.

Natürlich können wir nicht allen Auslösern von unangenehmen Gefühlen aus dem Weg gehen. Möglicherweise begegnen wir auch immer wieder demselben »Typ«, der das immer gleiche schmerzhafte Muster auslöst. Dann gilt es, dieses zu bearbeiten. Doch auch dann kann eine Trennung hilfreich sein: Wenn die Situation uns überfordert, gewinnen wir Zeit und Kraft, an uns zu arbeiten.

Die folgende Übung soll Sie dazu anregen, Ihren Handlungsspielraum zu erkunden und Verantwortung für Ihr eigenes Leben zu übernehmen.

Übung: Verantwortung übernehmen

Fragen Sie sich: In welchem Bereich fühle ich mich als Opfer der Umstände? In Beziehungen, bei der Arbeit, bei bestimmten Menschen?

Wie gehen die Menschen in meinem Umfeld mit Verantwortung um? Wer fühlt sich als Opfer der Umstände? Wer nimmt sein Leben in die Hand?

Was kann ich tun, um meine Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verändern?

Welche Menschen und Umstände können mich dabei unterstützen?

Das soeben angesprochene Zusammenspiel von Innen und Außen, Ursache und Auslöser werde ich im nächsten Kapitel genauer untersuchen.

Die Welt als Spiegel

Wenn die Ursachen für Glück und Leid in uns liegen, dann tut Selbsterkenntnis not. Diese lässt sich durch Innenschau erlangen, und darüber wird noch viel zu sagen sein.

Oft sind wir aber so verstrickt in unsere Vorstellungen davon, wie wir sind oder zu sein haben, dass wir gar nicht merken, was tatsächlich in uns vor sich geht. Viel leichter können wir dagegen wahrnehmen, was um uns her geschieht, und das hat wiederum sehr viel mit uns selbst zu tun. Die in Deutschland geborene buddhistische Nonne Ayya Khema (*) treibt diesen Gedanken auf die Spitze: »Die Umwelt ist ein Spiegel und kein Fenster.« Wir haben also keinen »objektiven« Blick auf die Welt da draußen, sondern sehen dort ein Spiegelbild unserer inneren Struktur.

Psychologie, Erkenntnistheorie und Kognitionswissenschaft lehren dasselbe. Sogar in der modernen Physik musste das Konzept eines objektiven Beobachters fallen gelassen werden. Trotzdem halten viele sich gern für einen solchen. Und damit nur ja keine Zweifel aufkommen, verbringen sie ihre Zeit womöglich nur mit Menschen, die ihre eigenen Ansichten bestätigen, so dass sie nie dazulernen können.

Sind wir aber ein wenig offen für andere Menschen, dann wird uns rasch klar, dass sie die Welt ganz anders sehen als wir. Stimmung und allgemeiner Hintergrund färben unsere Wahrnehmungen. Ja, wir können sogar noch weiter gehen und unsere Welt als etwas durch uns Gewordenes begreifen.

Neigung und Erfahrung

Alles, was wir denken, tun und sagen, wirkt sich auf unsere Neigungen und Erfahrungen aus, heißt es in den buddhistischen Karma-Lehren. Dieses Gesetz von Ursache und Wirkung bezieht frühere Leben mit ein. Demnach würden wir schon bei der Geburt das Umfeld und die Gene »ernten«, die wir in früheren Leben »gesät« haben.

Doch lässt sich diese Gesetzmäßigkeit auch innerhalb eines Lebens beobachten. Wenn wir zum Beispiel das erste Mal eine Nussschnitte probieren und sie uns schmeckt, dann werden wir bei nächster Gelegenheit wieder eine essen wollen. Durch das Tun ist also eine Neigung entstanden. Und je öfter wir etwas tun, desto tiefer geht die Neigung. Davon können werdende NichtraucherInnen ein leidig Liedlein singen. Auch andere Neigungen, zum Beispiel zu Wutanfällen oder Selbstmitleid, entstehen und verstärken sich durch Tun, also wann immer wir jammern oder wüten.

Das Tun wirkt aber nicht nur auf unsere Neigungen, sondern auch auf unsere Erfahrungen. Im Nussschnittenbeispiel stoßen wir »zufällig« auf neue Konditoreien, ein Buch mit köstlichen Rezepten fällt uns in die Hände, und eine Kollegin entpuppt sich als Nussschnittenspezialistin. Vieles lässt sich sicher mit selektiver Wahrnehmung erklären. Wer hätte nicht schon Schuhe über Schuhe gesehen, wenn er gerade selbst welche kaufen will? Manchmal aber scheint der Zufall verrückt zu spielen. Wie ein Magnet scheinen wir dann zutiefst bedeutsame Ereignisse anzuziehen. Wenn wir zum Beispiel ein Problem mit uns herumtragen, kann ein Satz in einem wahllos aufgeschlagenen Buch oder ein in der U-Bahn aufgeschnapptes Wort ganz plötzlich eine Lösung bringen. Oder wir versöhnen uns innerlich mit einer Person, und sie schreibt uns ganz unerwartet einen netten Brief.

Doch auch ohne seltsame Zufälle ist einsichtig: Durch unsere Gedanken, Worte und Taten ziehen wir passende Erfahrungen an. Zum Beispiel wird ein Miesepeter selten freundlich behandelt, was ihm wieder Anlass gibt zu noch schlechterer Laune. Ein Gierhals versetzt sogar großzügige Menschen in Knauserlaune, was ihm noch mehr Anlass zu Gier gibt. Ist man nicht offen für eine neue Beziehung, verliebt man sich ständig in Menschen, die anderweitig gebunden sind, oder erlebt Zurückweisungen, so dass man sich noch mehr verschließt.

Den buddhistischen Lehren zufolge verursachen wir also selbst unsere Erfahrungen und zwar durch das, was wir denken, tun und sagen. Wir irren, wenn wir die Ursachen in der Außenwelt vermuten.

Innen und Außen

Wenn wir uns über ein Tässchen Kaffee freuen, glauben wir meist, der gute Kaffee habe uns glücklich gemacht. Ihn halten wir für die Ursache unseres Glücks. Im Buddhismus gilt er aber – wie gesagt – nur als Auslöser. Dieser ist nicht unwichtig, doch wenn wir keinen Kaffee mögen oder keinen Durst haben, kann er uns auch nicht beglücken. Die Sprache ist da sehr weise: »Wir freuen uns«, heißt es. Wir selbst haben uns also Freude bereitet. Nach meiner Einschätzung steuern wir 95, die Außenwelt aber nur 5 Prozent bei zu unserem Glück und Leid.

Bei so simplen Beispielen mag uns das noch einleuchten. Wir können auch leicht einsehen, wie sehr es von unserer Stimmung abhängt, ob zum Beispiel ein Regentag uns grau in grau erscheint, wildromantisch oder melancholisch süß. Komplexere Zusammenhänge sind dagegen schwerer zu durchschauen. Angenommen, wir freuen uns an einem guten Gespräch. Wie leicht halten wir dann die andere Person für die Ursache unseres Glücks und übersehen ganz, was wir alles in die Situation mitgebracht haben. Zum Beispiel müssen wir gerade in der rechten Stimmung sein für ein Gespräch und genug Zeit haben; wir müssen die Person mögen, das Thema und den Stil des Gesprächs. Das wiederum hängt ab von unserem allgemeinen Hintergrund, von unseren Ansichten und Erfahrungen, unseren Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen. Und je weniger wir darüber wissen, desto eher halten wir andere Menschen und äußere Umstände für die Ursachen unseres Glücks.

Stimmung und Hintergrund

Die eigentlichen Ursachen für unsere Erfahrungen liegen also in unserer Stimmung und in unserem allgemeinen Hintergrund.

Erstere lässt sich relativ leicht heben. Wir können singen oder spazierengehen, malen oder meditieren, ein heißes Bad nehmen oder eine Entspannungsübung machen. Die geeigneten Anlässe sind von Mensch zu Mensch verschieden und auch abhängig von der augenblicklichen Situation.