Das Einmaleins der Gelassenheit

Jessica Wilker

Das Einmaleins
der Gelassenheit

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Vom besseren Umgang
mit uns selbst

mit Illustrationen von
Wayne Sutherland

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Theseus im Internet: .

Originalausgabe
Copyright © 2000, 2008 Theseus
in der J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld

Alle Rechte vorbehalten

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Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld,
, unter Verwendung eines Fotos von © Hildegard Morian
Illustrationen: © Wayne Sutherland
Gestaltung und Satz: Ingeburg Zoschke, Berlin
Druck Printausgabe: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Datenkonvertierung: Bookwire GmbH
Printed in Germany

Inhalt

Einleitung

In diesem Buch geht es um Sie. Alles darin dreht sich um Sie. Sie sind der Mittelpunkt. Wie es Ihnen geht, ist von höchster Wichtigkeit. Wie es Ihnen gehen könnte, von größtem Interesse. Dieses Buch handelt nämlich von der Beziehung, die Sie zu sich selbst haben. Das ist sein Thema.

Dieses Thema steht für viele von uns eher selten im Zentrum der Aufmerksamkeit. Uns damit zu beschäftigen, wie wir mit uns selbst umgehen, kommt nicht oft ganz oben auf unsere Liste. Wir konzentrieren uns gewöhnlich mehr darauf, wie wir unseren Umgang mit anderen Menschen gestalten. Wir versuchen zum Beispiel, möglichst freundlich zu sein, großzügig und hilfsbereit. Oder wir streben Überlegenheit und Macht an und versuchen andere dazu zu bewegen, sich nach unseren Wünschen zu richten. Darüber hinaus sind wir natürlich auch damit beschäftigt, unseren Lebensunterhalt zu verdienen und beruflich vorwärts zu kommen, wir kümmern uns um Haushalt und Familie und gehen unseren Freizeitbeschäftigungen nach. Bei all dem haben wir oft nicht im Blick, wie wir mit uns selbst umgehen. Wir denken nicht groß darüber nach, beschäftigen uns nicht damit.

Doch in diesem Buch soll es genau darum gehen: um den Umgang mit uns selbst. Diesen Umgang wollen wir ausführlich betrachten. Wir wollen prüfen, wie er aussieht, was er bewirkt und was nicht, um schließlich herauszufinden, wie wir diesen Umgang kultivieren können. Zu unserem Wohl natürlich.

Falls Sie also Lust haben, zur Abwechslung einmal sich selbst zu betrachten, oder Sie einfach neugierig sind; oder falls Sie es nötig und hilfreich finden und dafür auch Zeit aufbringen möchten – dann seien Sie hier herzlich willkommen. Wenn das hingegen nicht der Fall ist, dann rate ich Ihnen, das Buch wieder wegzulegen – es würde Sie nämlich wohl eher langweilen –, und verabschiede mich an dieser Stelle ganz herzlich von Ihnen.

Für die Leserinnen und Leser nun, die sich mit dem Thema befassen möchten, will ich hier kurz erläutern, worum es geht: Dieses Buch will der Frage nachgehen, wie eine glückvolle und heilsame Beziehung zu uns selbst aussehen könnte und was wir dafür tun müssten. Es will aufzeigen, wo die Quelle eines leidvollen, unglücklichen Umgangs mit uns selbst liegen kann, und beschreiben, wie daraus ein Meer von Tränen zu entstehen vermag – denn dass wir manchmal an der Beziehung zu uns selbst leiden ist nicht zu leugnen.

Wir können es ruhig zugeben – wir haben es oft schwer mit uns selbst. Wir haben gewisse Ansprüche und Erwartungen an uns, und wenn wir diese nicht erfüllen, ärgern oder schämen wir uns und wünschen, dass wir anders wären. So kritisieren wir uns, finden uns zum Beispiel dumm, langweilig, faul oder dick. Wir machen uns Vorwürfe und finden, wir sollten uns besser im Griff haben, uns mehr anstrengen, mehr können, mehr leisten, mehr wissen. Manchmal gehen wir sogar so weit, dass wir uns abwerten und ablehnen, ja geradezu hassen.

Dieses Buch geht davon aus, dass es möglich ist, einen guten Umgang mit sich selbst zu kultivieren. Wir können uns tatsächlich auch dann gut fühlen, wenn wir einmal nicht toll aussehen. Wir brauchen nicht immer Angst zu haben, man finde uns nicht liebenswert. Wir müssen uns nicht schlecht fühlen, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Wir brauchen uns nicht dumm vorzukommen, wenn wir etwas nicht wissen. Wir müssen nicht ängstlich darauf bedacht sein, es allen recht zu machen. Wir müssen uns nicht dafür schämen, dass wir so sind, wie wir sind. Wir können ein Meer von Tränen vermeiden.

In diesem Buch wird nun jedoch nicht jede mögliche Art von Glück oder Unglück aufgespürt und diese dann ausführlich behandelt. Vielmehr liegt die Konzentration darauf, wie wir den Umgang mit uns selbst fördern und pflegen können, so dass dieser heilsam und glückvoll wird. Darüber hinaus wird untersucht, was es zu unterlassen und zu verhindern gilt, um zu einem möglichst leidfreien Umgang mit uns selbst zu gelangen.

Ein derart gepflegter Umgang fördert letztlich auch ein solides und gesundes Selbstvertrauen. Auch unsere Selbstverantwortung und Selbstbestimmung können wachsen. Und unser Herz und unser Geist werden zunehmend wohlwollender, weiser und schließlich auch gelassener. Doch nicht allein wir selbst erfahren diese positiven Auswirkungen, sondern sie zeigen sich auch im Umgang, den wir mit anderen Menschen und mit unserer Umgebung insgesamt pflegen.

Das alles klingt sehr vielversprechend, nicht wahr? Doch seien Sie gewarnt: Ganz so einfach ist es leider nicht. Den Umgang mit uns selbst zu kultivieren ist ein anspruchsvolles Ansinnen, und zum Ziel führt ein Weg, der nicht ohne Anstrengung gegangen werden kann.

Zunächst einmal müssen wir herausfinden, wie wir denn nun eigentlich mit uns umgehen. Denn ohne eine sorgfältige Untersuchung und Zustandsbeschreibung können wir nicht wissen, was wir brauchen, und somit auch keine sinnvolle Veränderung herbeiführen. Dann müssen wir herausfinden, wie denn ein guter Umgang mit uns selbst aussehen könnte. Woraus besteht er eigentlich? Aus zwei Prisen Geduld und einem Gramm Toleranz? Oder einem Kilo Liebe und Güte? Und schließlich müssen wir lernen, wie wir diese Erkenntnisse umsetzen und im Umgang mit uns selbst anwenden können.

Ob Ihnen das gelingt, hängt allerdings ausschließlich von Ihnen ab. Dieses Buch kann Ihnen zwar helfen und Sie unterstützen, es kann Ihnen Hinweise und Ratschläge geben, Ihnen Mut machen und Hoffnung vermitteln, aber es kann Ihnen nichts, aber auch gar nichts abnehmen. Es kann Ihnen die Richtung weisen, aber den Weg müssen Sie selbst unter die Füße nehmen. Und ob Sie das wollen oder nicht, können nur Sie entscheiden.

Wenn Sie es wollen, gibt Ihnen dieses Buch dafür viel Zeit. Etwas zu kultivieren braucht nämlich Zeit. Einen Gemüsegarten zu kultivieren zum Beispiel – das kann man auch nicht von einem Tag auf den anderen. Da gilt es umzugraben, zu säen, zu jäten, zu wässern, zu warten und Geduld zu zeigen … So können wir bei inneren Prozessen ebenfalls nicht erwarten, dass sich sofort Ergebnisse einstellen. Änderungen brauchen Zeit; alte Gewohnheiten abzulegen und etwas Neues zu lernen ebenso.

Darum gibt Ihnen dieses Buch eine ganze Saison Zeit. Zwölf Wochen, einen ganzen Frühling oder Sommer, einen ganzen Herbst oder Winter lang können Sie sich diesem Prozess wid-men. Schritt für Schritt werden Sie durch die Saison geführt. Jede Woche kommt etwas Neues hinzu, mit dem Sie sich die folgenden sieben Tage auseinander setzen und üben können, es in Ihrem Alltag anzuwenden.

Für diese Auseinandersetzung möchte ich Ihnen an dieser Stelle etwas ans Herz legen: Glauben Sie nicht einfach alles, was Sie in diesem Buch lesen! Das soll nicht heißen, dass Unsinn darin steht oder dass Sie alles in Zweifel ziehen sollen – nein, es geht vielmehr darum, dass Sie nicht aufhören, mitzudenken. Dass Sie das Gelesene untersuchen und es an sich selbst überprüfen, ja vielleicht auch erweitern oder Ihrer Situation anpassen – dass Sie wirklich eine wache und selbstverantwortliche Auseinandersetzung führen. Immerhin geht es ja um Sie – und wer weiß schon besser als Sie, wie es um Sie steht?

Um Ihnen diese Überprüfung wie auch die Anwendung zu erleichtern und das jeweils Erfahrene im Zusammenhang zu sehen, bietet Ihnen das Buch im letzten Kapitel eine Übersicht als Erinnerungsstütze an.

Und wenn Sie dann am Schluss des Buches Lust verspüren oder das Bedürfnis haben, die Auseinandersetzung fortzuführen, so finden Sie im Anhang einige Bücher aufgelistet, mit deren Hilfe Sie einzelne Themen vertiefen und Ihre Fertigkeiten noch verfeinern können.

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1. WOCHE

Der erste Schritt

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Liegt es Ihnen am Herzen, den Umgang mit Ihnen selbst zu kultivieren? Würden Sie es gern wagen? Möchten Sie es versuchen? Dann lassen Sie uns doch jetzt gleich damit beginnen.

Der allererste Schritt, den wir tun wollen, besteht darin, einen Entschluss zu fassen. Erstaunt?

Nun, eigentlich ist das gar nicht so erstaunlich. Das wird Ihnen gleich einleuchten. Ein Entschluss ist wie eine Absichtserklärung. Man fasst ein Ziel ins Auge und entschließt sich, entsprechend zu handeln. Zum Beispiel das schmutzige Geschirr in der Küche abzuwaschen. Mit dem Rauchen aufzuhören. Das Buch, das seit Monaten auf dem Nachttisch liegt, zu lesen. Oder eben den Umgang mit sich selbst zu kultivieren.

Wir müssen unsere Ziele beschließen. Ganz bewusst. Das ist der erste Schritt. Ohne diesen Entschluss geschieht gar nichts. Nichts gerät in Bewegung, alles bleibt, wie es ist. Das Geschirr wird nicht sauber, wenn Sie sich nicht dazu entschließen, es abzuwaschen. Sie rauchen weiter, wenn Sie sich nicht dazu entschließen, damit aufzuhören. Das Buch setzt weiterhin Staub an, wenn Sie sich nicht dazu entschließen, es in die Hand zu nehmen. Keine Ihrer Gewohnheiten wird sich je ändern, wenn Sie sich nicht dazu entschließen, sie zu durchbrechen.

Natürlich gibt es unterschiedliche Arten von Entschlüssen. Manche treffen wir ohne viel Federlesen, ja oft sogar mehr oder weniger unbewusst. Wir überlegen uns wohl kaum jedes Mal, ob wir beim Essen jeden einzelnen Bissen hinunterschlucken wollen oder nicht. Und wenn es uns juckt, dann kratzen wir uns, ohne vorher bewusst einen Entschluss zu fassen. Andere Entschlüsse hingegen müssen wir uns richtiggehend abringen: weniger Süßes zu essen zum Beispiel, endlich den Keller aufzuräumen, in Zukunft pünktlich zu sein, die Kinder allein in die Ferien fahren zu lassen – da kommt Ihnen gewiss selbst einiges in den Sinn. Doch wie auch immer wir zu unseren Entschlüssen gelangen – sie kommen vor jeder Handlung, sie bilden stets deren Beginn; sie sind der erste Schritt zum Ziel.

Ein Entschluss ist sozusagen der Schlüssel, den man ins Zündschloss steckt. Ob man diesen Schlüssel dann aber dreht und den Motor tatsächlich startet, das hingegen ist nicht automatisch gegeben. Oft entschließen wir uns zu etwas, setzen diesen Entschluss aber dann nicht in die Tat um. Wir gehen spazieren, anstatt abzuwaschen. Wir schauen uns einen Film im Fernsehen an, anstatt das Buch zu lesen. Der Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören, ist gefasst, doch schon glimmt die nächste Zigarette auf.

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Manchmal wissen wir auch nicht so recht, wie wir unsere Entschlüsse umsetzen können. Gerade wenn wir etwas Neues beginnen wollen, ist oft unklar, wie das überhaupt geht. Höchstwahrscheinlich stoßen wir auch bei dem Versuch, den Umgang mit uns selbst zu kultivieren, auf diese Schwierigkeit. Anders mit mir selbst umgehen – ja, das will ich, aber wie fange ich das an? Ja, wie? Oder auch – wie nicht? Sicher nicht mit der Erwartung, dass ich von Anfang an alles wissen und können muss. Auch nicht mit der Haltung, erst ganz sicher sein zu müssen, dass es klappen wird, bevor ich den ersten Schritt unternehme.

Etwas Neues ist eben zu einem großen Teil unbekannt. Ich brauche nicht alles sofort zu beherrschen. Ich kann mir Zeit lassen. Ich muss mich nur dazu entschließen, dem Neuen Beachtung zu schenken, mich dafür zu öffnen. Ich brauche nur zu beschließen, es zu versuchen, es auszuprobieren.

Etwas Neues anzugehen ist immer auch ein Abenteuer. Ich kann nie genau wissen, was alles geschehen wird. Ja, es ist ein Wagnis, Gewohnheiten aufzugeben und Altes zu verändern. Wenn ich also erst die Garantie verlange, dass alles so geschehen wird, wie ich es mir vorstelle – und zwar genau so und nicht anders –, dann kann ich nie etwas Neues beginnen. Doch ich kann vorsichtig sein; ich kann die Dinge sorgfältig prüfen und mich immer nur so weit vorwagen, wie es sich richtig für mich anfühlt.

Lassen Sie uns an dem Punkt die verschiedenen Aspekte von Entschlüssen, die wir bis jetzt beleuchtet haben, zusammenfassen. Dazu gehen wir in den Garten.

»In den Garten? In welchen Garten? Und wozu das?«

Sie haben Recht, plötzlich ist hier die Rede von einem Garten – das muss erklärt werden.

Also: Wir haben ja den Entschluss gefasst, den Umgang mit uns selbst zu kultivieren. In einem Garten will man auch etwas kultivieren: Blumen, Gemüse, Rasen, Bäume. Wir wollen uns von alten Gewohnheiten befreien – im Garten reißt man das Unkraut aus, gräbt die Erde um. Wir wollen etwas Neues entstehen lassen – im Garten sät man aus, düngt, wässert. Um den Umgang mit uns selbst zu betrachten und etwas darüber zu lernen, können wir also auch in den Garten gehen und schauen, was dort geschieht.

Genau das werden wir im Verlauf dieses Buches noch öfter tun. Wir werden uns dem Stück Erde zuwenden, das uns zur Verfügung steht und das wir kultivieren möchten. Wir werden es blühen sehen und verblühen; manchmal wird es regnen, mal herrscht Dürre. Wir werden in unserem Garten alles Mögliche tun oder auch nicht tun.