INTEGRALE REIHE

Michael Habecker

Umschlaggestaltung: ad department

und Sonja Student:

Typografie/Satz: KleiDesign

Wissen, Weisheit, Wirklichkeit

Grafiken: Uwe Schramm, Berlin

© J. Kamphausen Verlag &

Druck & Verarbeitung Printausgabe:

Distribution GmbH, Bielefeld 2011

Westermann Druck Zwickau GmbH

Datenkonvertierung E-Book:

Lektorat: Dr. Nadja Rosmann

Bookwire GmbH

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über abrufbar.

ISBN E-Book: 978-3-89901-514-0
ISBN Printausgabe: 978-3-89901-351-1

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sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Michael Habecker
und Sonja Student

Wissen, Weisheit, Wirklichkeit

Perspektiven einer aufgeklärten Spiritualität

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Für Barbara und Jyoti

Stimmen zum Buch

»Ein wichtiges und brandaktuelles Buch über aufgeklärte Spiritualität, das ich von ganzem Herzen aufs Wärmste empfehle. Ein absolutes Muss!«

Ken Wilber

»Sonja Student und Michael Habecker gehören seit Jahren zu den führenden Vertretern einer integralen Theorie und Praxis und haben wesentlich zu einem besseren Verständnis dafür beigetragen, wie wir ein integraleres Bewusstsein entwickeln können. Es ist entscheidend, dass wir neue Wege finden, der Komplexität der heutigen Zeit mit einem erwachten Bewusstsein zu begegnen. Dieses Buch leistet dazu einen wichtigen Beitrag.«

Terry Patten, Koautor von „Integral Life Practice“

»Endlich sind die Zeiten vorbei, in denen geistvolle und kluge Köpfe gegen liebende und erwachte Herzen ausgespielt wurden. So intelligent wie liebevoll und so einfach wie tiefgründig entfalten die beiden Autoren das integrale Kartenwerk des amerikanischen Philosophen Ken Wilber. Ein tolles Buch für alle Menschen, deren Liebe bis ins Detail reicht.«

Sebastian Gronbach, Redakteur info3

» Sonja und Michael haben ein Buch geschrieben, das alle lesen sollten, denen Erleuchtung etwas bedeutet. Wem Erleuchtung etwas bedeutet, für den hat auch die Liebe Bedeutung. Wenn für Sie Liebe eine Zukunft haben soll und damit auch die reale Möglichkeit einer Erleuchtung, die alle Dimensionen Ihres Seins und Werdens durchdringt, dann ist dieses Buch genau das Richtige für Sie.«

Dr. Marc Gafni, Mitbegründer und Direktor
des Center for World Spirituality und iEvolve,
Lehrer des Integral Institute

»Michael Habecker und Sonja Student haben ein wichtiges Buch über die wesentlichen Fragen geschrieben, die unser Leben bewegen. Wer bin ich? Was ist die Welt? Aufbauend auf Ken Wilbers Arbeiten zeigen sie, wie wir im Kontext kultureller und psychischer Entwicklungsstufen nach Antworten suchen und wie dieser Prozess Aufklärung und Bewusstseinsentwicklung fördert sowie uns Schritt für Schritt auf dem Abenteuer Erleuchtung begleitet.«

Tom Eichler, Phänomen-Verlag

» Ein hochaktuelles, wunderbares Buch, das differenziert Wissen, Weisheit und Wirklichkeit aus- und beleuchtet auf der Grundlage von Ken Wilbers Erkenntnissen in Theorie und Praxis. Den beiden Autoren ist es gelungen, die wesentlichsten Fragen unserer Zeit aufzunehmen und in eindrücklicher Klarheit darzulegen. Danke.«

Annette Kaiser, Villa Unspunnen

»Das ist einfach ein schönes Buch. Schön, weil einem das Herz lacht, wenn Michael Habecker und Sonja Student die Fahne der Aufklärung hochhalten und zu neuen Perspektiven finden, denen man guten Gewissens beide Attribute zugestehen kann: wissenschaftlich und mystisch. Wir alle brauchen das – Menschen, die ihren Verstand und den Wissensstand unserer Zeit zusammenbringen für eine neue, eine moderne Spiritualität. Es ist ein Buch, das man ohne Scheu einem kritisch denkenden Menschen in die Hand drücken kann, der ahnt, dass wahre Spiritualität mehr sein muss als dogmatische Tradition oder sanftes New-Age-Gesäusel. Intelligente Spiritualität ist die neue Aufklärung!«

Dr. Tom Steininger, Leitender Redakteur
der deutschen Ausgabe von EnlightenNext

» Dieses Buch macht glaubwürdige Vorschläge, wie sich der jahrhundertelange Krieg zwischen Wissen und Weisheit anders denken und vor allem überwinden lässt. Es zeigt, wie sich die wertvollen Erkenntnisse der Naturwissenschaften mit den Diamanten der Geisteswissenschaften gleichberechtigt verbinden lassen. Dadurch öffnet dieses wichtige und spannende Thema auf seriöse Art und Weise gesellschaftlich relevante Diskussionsräume und bringt buchstäblich MEHR LICHT in die Welt. Sonja Student und Michael Habecker zeichnen sich aus durch einen klaren Geist und Herzenswärme.«

Matthias Ruff, Leiter des Integralen Forum Berlin

»Geist in Aktion? Wer bin ich? Was ist Bewusstsein? Wie hängt alles zusammen? In diesem Buch, das mit Herz und Verstand geschrieben ist, werden Antworten auf grundsätzliche Fragen des 21. Jahrhunderts gegeben. Sonja und Michael ist ein Grundlagenwerk gelungen, welches das Thema Spiritualität in einen komplexen Zusammenhang stellt und reichlich Stoff zum Nachdenken bietet. Ich kann es als Lektüre nur wärmstens empfehlen.«

Helmut Dörmann, Spiritueller Lehrer für integrale Mystik
und Vorstandsmitglied der Würzburger Schule der Kontemplation

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieses Werk von Michael Habecker und Sonja Student ist ein kleines Juwel, das sich mit der Integralen Theorie Ken Wilbers beschäftigt und Ihnen in brillanter Weise deren Vielfalt nahebringt.

Unabhängig davon, ob Sie schon mit dem Werk des Philosophen Ken Wilber vertraut oder ein Neuling in Sachen Integraler Theorie und Integraler Methodologischer Pluralismus (IMP) sind, ist „Wissen, Weisheit, Wirklichkeit“ sicher die am besten gelungene und die zugänglichste Zusammenfassung.

Ich erlebte das Buch wie Goldlöckchen in dem Märchen „Goldlöckchen und die drei Bären“, als sie das „richtige“ Bett für sich fand: „This one is just right!“ Diese Einführung in eine komplexe Theorie ist „gerade recht“. Nicht zu lang und doch verständlich; nicht zu detailliert und doch ausführlich genug, um zu einem tieferen Verständnis zu führen. Sie ist schön und klar geschrieben und mit stimmigen und lebensnahen Beispielen illustriert.

Was mich am meisten berührt hat, ist jedoch die besondere Qualität, die Habecker und Student ihrem Thema gegenüber zeigen. Sie laden uns ein zu immer größerer und tieferer Liebe zu allem, was menschlich ist. Somit ist hier Wilbers Theorie nicht nur spannend und wissenschaftlich seriös bearbeitet, sondern sie wird auch mit Herz und Seele betrachtet.

In dem Buch geht es um die wichtige Unterscheidung zwischen „Aufklärung und Erleuchtung“, die wir im Englischen nicht so klar vornehmen. Im Englischen benutzen wir für beide Begriffe das gleiche Wort „enlightenment“. Zur Unterscheidung nennt man die historische Periode „the age of enlightenment“ und das spirituelle Erwachen eben nur „enlightenment“. Der erste Ausdruck ist ein Meilenstein für das Erwachen des Evolutionsbewusstseins im Zeitgeist der Moderne, der zweite steht für die Entdeckung dessen, was ist, immer schon war und sein wird und sich im Lebensverlauf durch das Studium des Bewusstseins offenbart.

Habecker und Student plädieren für ein Bewusstsein, das fortwährend den Fluss des Lebens und des Menschseins erforscht und das alle Erkenntnisse über die menschliche Erfahrung überprüft und integriert. Hier wird die zentrale Frage, was es heißt, ein Mensch zu sein, als ein Eigenwesen oder ein „Ich“, als ein Gemeinschaftsmitglied oder ein „Wir“ und als ein beschreibbares Objekt, also als ein „Es“, von allen Seiten betrachtet und beleuchtet.

Die Autoren beschreiben die bisher bekannten Stränge der Erkenntnisund Geisteswissenschaft, die sich damit beschäftigen, was es denn heißt, ein Mensch zu sein. Sie tun dies unter drei fundamentalen Blickwinkeln, die nach dem integralen Ansatz unweigerlich miteinander verknüpft sind: Innenwelt, Beziehungswelt und Außenwelt.

Das ganze Werk ist eine „passionierte“ Aufforderung zur Versöhnung und Integration von einander vormals widerstrebenden Ansätzen bei der Beantwortung von Fragen, die für uns Menschenwesen von entscheidender Bedeutung sind: Wer sind wir, woher kommen wir und wo gehen wir hin? So wie es schon Gauguin gefragt und in seinem monumentalen Bild über die Lebensspanne der Menschen dargestellt hat.

Zugleich ist das Buch ein Lob der Differenzierung sowohl der Entwicklungsstufen als auch der Vielfalt menschlichen Ausdrucks in vielen anderen Bereichen der Erfahrung. Es deckt die mehr universellen Aspekte (verschiedene Linien) ab, die sich entwickeln, und auch diejenigen, die eher einmalig sind und die wir gerne benutzen, um uns voneinander zu unterscheiden (Typen, Temperament, Talente).

Als Integraler Methodologischer Pluralismus beschreibt und untersucht die Integrale Theorie alle Richtungen der Erkenntniswissenschaften, die durch die Geschichte hindurch zum Verständnis des Menschseins beigetragen haben. Damit schafft sie Raum für die Wertschätzung der Beiträge aller Untersuchungsmethoden, scheut aber nicht davor zurück, gleichzeitig auch die unvermeidliche Teilperspektive, Kurzsichtigkeit und Grenze jeder einzelnen Methode aufzuzeigen.

Kurzum, Habecker und Student bieten uns hier eine ausgewogene und höchst lesbare Zusammenfassung und Erläuterung von Wilbers Ideen an. Es ist ihnen gelungen, diese so darzulegen und mit nachvollziehbaren Beispielen aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz und unserem Alltag lebendig werden zu lassen, dass man ihren Ausführungen mit Freude folgt. Die Autoren tragen damit wesentlich zur Verbreitung des integralen Gedankengutes im deutschsprachigen Raum bei. Was das Buch von Habecker und Student aber besonders kostbar macht, ist der Ausdruck einer allumfassenden Liebe zum Menschsein, die durch das ganze Buch hell hindurchleuchtet.

Susanne Cook-Greuter
Boston, März 2010

Einleitung:
Die Aufklärung ist besser als ihr Ruf

In unserer Zeit am Beginn des 21. Jahrhunderts hat der Begriff „Aufklärung“ und das, was sich damit verbindet, sehr unterschiedliche Bedeutungen. Für die einen handelt es sich um einen historischen Zeitabschnitt, den wir hinter uns gelassen haben, für andere sind damit Fortschritt, Wissenschaft, Gleichberechtigung, Menschenrechte und ökologisches Bewusstsein verbunden. Wieder andere sehen darin den Beginn katastrophaler Entwicklungen und einen naiven Fortschrittsglauben, der zu einem zügellosen Kapitalismus, der Ausbeutung der Erde und sogar zum Holocaust geführt hat.

In diesem Buch wollen wir zeigen, dass alle diese Aspekte ihre Berechtigung haben und in einer umfassenden Sicht ihren angemessenen Platz finden. Zugleich plädieren wir dafür, bei der Diskussion von Themen wie Aufklärung, Wissenschaft, Entwicklung und Fortschritt zwischen gesunden und ungesunden Formen, d. h. zwischen Würde und Katastrophe, zu unterscheiden. In unserem Verständnis ist das „Projekt Aufklärung“ nicht nur eine zu rekonstruierende Historie, sondern ein schöpferischer und erkenntnisgewinnender Prozess der Menschheit und des gesamten Universums von Anbeginn an – ein Vorgang, der uns von Augenblick zu Augenblick durchdringt, als ein Impuls zu mehr Bewusstheit, Mitgefühl und Ganzheit. Aufklärung so betrachtet ist weit besser als ihr Ruf: Ihre innere Logik, ihre schöpferische Kraft und ihre Verheißungen sind bis heute nur zum Teil eingelöst. Ihr (historisches und andauerndes) bewusstes Ziel war und ist es, Licht in das Dunkel der Unwissenheit zu bringen – die Gesetzmäßigkeiten des Seins und Werdens zu enthüllen: in der Natur, in unserem Innern und in dem, was zwischen uns geschieht. Von heute aus gesehen können wir gemeinsam mit ihren Kritikern die Schwächen und Fehler der ersten zurückliegenden Phase der Aufklärung sehen. 500 Jahre später sind wir klüger als zuvor und erkennen sowohl die Chancen als auch die Gefahren der neuen Entwicklungen der Menschheit hin zu mehr Wahrheit, Moral und Schönheit als den großen drei Dimensionen, welche die Würde der Moderne ausmachen.

Es gibt viele Möglichkeiten, den Verlauf der Menschheitsgeschichte zu strukturieren. Für unsere Darstellung wählen wir eine einfache Viergliederung in Prämoderne, Moderne, Postmoderne und Integration, die wir wie folgt charakterisieren:

Was ist die Prämoderne (oder Vormoderne)? Die historische Zeitepoche bis etwa zum Jahr 1500 und eine nach wie vor aktuelle vorwissenschaftliche Erkenntnis- und Seinsweise, die sich überwiegend auf unhinterfragte, subjektive und kollektive Vorurteile gründet und das Dogma vor eine kritische Überprüfung setzt.

Was ist die Moderne? Eine historische Zeitepoche ab etwa 1500 und eine nach wie vor aktuelle, auf wissenschaftlichen Grundlagen basierende Erkenntnisund Seinsweise, die sich auf allgemeine und für alle Menschen gültige Grundsätze stützt.

Was ist die Postmoderne? Eine historische Zeitepoche ab etwa 1960, die sich vor allem mit der Kritik an der Moderne beschäftigt hat, und eine nach wie vor aktuelle Erkenntnis- und Seinsweise, die vor allem Multikulturalität, Kontexte und Relativität betont.

Was ist die Integration oder das integrale Zeitalter? Die Möglichkeit in unserer heutigen Zeit, sowohl die Größe als auch die Grenzen, die Würde und die Katastrophe von Prämoderne, Moderne und Postmoderne zu erkennen, zu heilen und zu integrieren.

Es scheint so zu sein, dass Entwicklung sich in Sprüngen, Polaritäten und Spannungen vollzieht. Das, aus dem ich mich gerade herausentwickelt habe, möchte ich oft gerne hinter mir lassen – „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ – und lehne es manchmal sogar massiv ab. Woran ich gestern noch geglaubt und wofür ich mich leidenschaftlich eingesetzt habe, ist heute schon Aberglaube und „Schnee von gestern“. Hierin liegt eine wichtige Bedeutung von Transzendenz und Emanzipation. Zuerst geht es bei der Entdeckung neuer Erkenntnisse darum, nicht in das Gravitationsfeld des bereits Bestehenden zurückgezogen zu werden. Dies kann zu Beginn sehr anstrengend sein und Abgrenzungen erfordern, denn was sich über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut und als eine „Macht der Gewohnheit“ verfestigt hat, verschwindet meist nicht über Nacht. Doch wenn das Neue gesichert ist, kann ich dankbar auf den zurückgelegten Weg blicken, der mir die neuen Einsichten erst ermöglicht hat, welche wiederum die Grundlage bilden für alles Weitere auf meinem Entwicklungsweg. Dies ist die zweite wichtige Entwicklungskomponente, das Aufnehmen, Umfassen und Umarmen dessen, was vorangegangen ist. Je öfter ich diesen Schritt gegangen bin und je bewusster ich ihn gehe, desto mehr stellt sich Entwicklung als Prozess von Transzendieren und Umfassen heraus, und desto bewusster kann jedes Individuum und jede Gesellschaft ihre Entwicklungs prozesse gestalten. Transzendenz verhindert Stillstand und Starre, sie sorgt dafür, dass der Fluss des Lebens und Seins weiterfließt. Umfassen und Bewahren bildet die Basis dafür, dass Entwicklung überhaupt stattfinden kann, als ein Prozess, bei dem eines auf dem anderen aufbaut.

So wie die Aufklärung in ihrem Kampf gegen Traditionen, Dogmen und unterdrückende Machthierarchien auch die guten Seiten ihres Vorläufers, der Prämoderne, über Bord geworfen hat und mit ihnen die jahrtausendealten spirituellen Weisheiten, so folgt auch die Postmoderne teilweise diesem extremistischen Vorbild: Mit den Fehlentwicklungen der Aufklärung werden auch deren große historische Verdienste abgewertet. Dabei ist das, was wir als gesunde Postmoderne bezeichnen, in unserem Verständnis die Weiterführung des wissenschaftlichen Vorgehens der Aufklärung im guten Sinne. Die innere Logik der Aufklärung, der „aufklärerische Impuls“, als eine umfassende Tendenz zu mehr Licht und Bewusstheit in allen Bereichen des KOSMOS geht daher weit über die zeitliche Epoche der Aufklärung hinaus, die wir als historisch-gesellschaftliche Bewegung in der Regel in die Zeit der europäischen Renaissance datieren.

Was ist der KOSMOS? Während die Naturwissenschaft mit dem Begriff Kosmos lediglich die Außenseite aller Manifestation erkennt und beschreibt, verstehen wir darunter die Gesamtheit von sich manifestierender Äußerlichkeit und Innerlichkeit, Geist und Materie.

Eine integrierte Aufklärung als eine Kombination des Besten von Prämoderne, Moderne und Postmoderne, um die es uns in diesem Buch geht, ist eine Aufklärung, die sich ihrer selbst immer mehr bewusst wird: Sie weiß, woher sie kommt, wo sie steht und in welche generelle Richtung die Reise geht. Sie kennt ihre Stärken und Schwächen, ihre Pathologien und Herausforderungen und stellt sich ihnen. Sie weiß auch um das unerschöpfliche Potenzial und Neuland, das vor ihr liegt und das es zu erschaffen, zu entdecken und zu verwirklichen gilt. Als evolutionäre Bewegung ist sie ein selbsttransformativer Prozess, sowohl ein Meta-System aller Wissenschaft als auch ein kosmisches Spiel und Abenteuer, welches zugleich um seine Grenzen und seine Grenzenlosigkeit weiß. Als bewusst erlebter Vorgang ist sie das Abenteuer der Selbstentdeckung, der Entdeckung der Zwischenmenschlichkeit und der Entdeckung der äußeren Gegebenheiten in einer Entwicklung ohne Ende. In ihr äußern sich sowohl der Wille und der Mut zu immer mehr Tiefe und Komplexität wie auch die demütige Hingabe an alles Gewachsene und Entstandene und an dasjenige, was jenseits aller Manifestation immer schon war, ist und sein wird. Von diesem „Urgrund des Seins“ künden alle mystischen Traditionen: Es ist die Erfahrung des immer schon gewesenen und immer gegenwärtigen JETZT. „Aufgeklärte“ Wissenschaft oder eine „aufgeklärte“ Aufklärung erforscht nicht nur Geschehnisse in Zeit und Raum, sondern führt uns auch an das „torlose Tor“ und den „weglosen Weg“ des zeitlosen JETZT, an die Vollkommenheit dieses und eines jeden Augenblicks – eine „Erfahrung“, die so nahe ist, dass, wie es die Mystiker aller Zeiten und Kulturen ausdrücken, weder Zeit für einen Weg noch Raum für eine Suche bleibt. Eine integrierte Aufklärung weiß um den Unterschied zwischen dem relativen und sich entwickelnden Wissen der Manifestation und der Gewissheit um das Absolute, welches jegliche Manifestation durchdringt. Sie weiß darum, dass nur der- oder diejenige voll in der Welt sein kann, der oder die ganz frei ist von der Welt.

Aus dem Wissen um die absolute und relative Dimension der Wirklichkeit kann Weisheit entspringen, als eine Integrität, dieses Wissen in unserem persönlichen und gemeinschaftlichen Leben im Sein und Handeln zum Ausdruck zu bringen. Im Gegründet-Sein in dieser absoluten Freiheit können wir die Fülle der Manifestation voll annehmen, als unseren Körper, unsere Psyche, unsere Seele und unser Leben, in dem der GEIST sich seiner selbst immer mehr bewusst und damit immer aufgeklärter wird. Wer frei ist von der Welt, kann ganz JA zum LEBEN sagen und dazu beitragen, dass diese Welt ein immer wahrerer, gerechterer, fürsorglicherer und schönerer Ausdruck des EINEN wird.

Mit „GEIST“ beziehen wir uns auf die Absolutheits-dimension, die allem Sein zugrunde liegt, mit „Geist“ beziehen wir uns auf die innerlich-geistige Dimension alles Manifesten.

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Abbildung 1: GEIST, Geist und Materie

Eine integrierte Aufklärung ist eine gesündere und umfassendere Variante der ursprünglichen, westlichen Aufklärung als ihr Fundament und ihre Grundlage. Das hat nicht nur Bedeutung bezogen auf die Interpretation einer historischen Periode der Menschheit. Für den größten Teil der Menschheit ist die Aufklärung nicht Vergangenheit oder Gegenwart, sondern eine noch nicht gelebte Zukunft. Menschenrechte, Demokratie, friedliche Konfliktlösungen, Gleichberechtigung und ein ökologisches Bewusstsein sind noch kein allgemeiner Standard auf unserem Planeten. Wenn die aufgeklärten Gesellschaften dieser Welt damit beginnen, vor der eigenen Türe zu kehren, und ihre Fehlentwicklungen erkennen und heilen, dann korrigieren sie damit nicht nur ihre eigene Vergangenheit, sondern ermöglichen auch eine gesündere Zukunft für den noch ausstehenden Übergang des größten Teils der Menschheit von der Prämoderne in die Moderne. Damit wird unsere eigene individuelle und kollektive Schattenarbeit zur Zukunftsgestaltung für die kommenden Generationen. In diesem Prozess entsteht für die prämodernen traditionellen Gesellschaften ein besseres Modell für ihre eigene Zukunft. So müssen sie zum Beispiel ihre Tradition, Religion und Spiritualität nicht aufgeben bei ihrem Übergang in die Moderne: Sie können religiös und spirituell bleiben und lediglich ihr mythisches Gottesbild durch ein modernes, postmodernes oder post-postmodernes ersetzen. (Diese Vision entwirft Ken Wilber in seinem Buch „Integrale Spiritualität“, das den Weltreligionen eine wichtige Bedeutung als ein „Förderband“ beim Übergang von traditionellen Gesellschaften auf höhere Entwicklungsebenen zuschreibt.)

Insgesamt orientieren wir uns bei unseren Ausführungen zu einer integrierten Aufklärung an der integralen Theorie des Bewusstseinsforschers und Philosophen Ken Wilber. Seit vielen Jahren studieren wir sein Werk und sind bemüht, es einem größeren Kreis von Menschen im deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen, durch Publikationen, Seminare der „DIA – Die Integrale Akademie“ und das Integrale Forum, die Organisation der deutschsprachigen integralen Bewegung, mit seinen Integralen Salons vor Ort, seinen Tagungen und Partnern im In- und Ausland. Wir sind Ken Wilber für sein philosophisches Werk, das unser beider Leben grundlegend verändert hat, sehr dankbar. Er hat uns geholfen, tiefer und weiter zu denken, dem Impuls der Aufklärung zu mehr Bewusstheit in der Welt passioniert zu folgen und dabei zugleich im ewigen JETZT verankert zu sein. Ersteres bezeichnen wir in der Regel als Aufklärung, Letzteres als Erleuchtung oder spirituelles Erwachen zu der einen Wirklichkeit.

Im Englischen gibt es dafür nur ein Wort: Enlightenment. Aufklärung und Erleuchtung oder Wissen, Weisheit, Wirklichkeit sind die größten Abenteuer der Menschheit auf ihrem Weg zur Bewusstwerdung, und es sind Abenteuer des GEISTES auf seinem Weg zur Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung in der Manifestation.

Wir gehen in diesem Buch der Frage nach, warum wir beides brauchen und auch in Zukunft brauchen werden – Aufklärung und Erleuchtung, und folgen dann der Spur von Fragen, die sich die Menschheit seit Anbeginn ihrer Bewusstwerdung stellt. Wir möchten die Geschichte dieses großen geistigen Abenteuers mit einfachen Worten erzählen, mit wenigen Fußnoten und technischen Begriffen, als eine Geschichte unserer Zeit, in der wir sowohl Zeugen als auch Mitwirkende sind.

Michael Habecker und Sonja Student

Absolute und relative Fragen

Woher wissen wir, was wir wissen? Wir wissen etwas, das wissen wir: Doch woher wissen wir das? Wir haben es im Laufe unseres Lebens gelernt, jeder von uns auf seinem Weg. Wir haben es gelernt, vor allem von Menschen, die es wiederum von Menschen gelernt haben, in einer Generationenkette ohne Ende – zuerst unbewusst, dann uns des Vorgangs des Lernens immer bewusster werdend. Wir sind Lernende und Lehrende, und wir sind uns unserer selbst bewusst, mehr oder weniger. Bildung, Erziehung, Entwicklung, Aufklärung, Emanzipation, wie immer wir es auch nennen möchten, es geht etwas vor: in uns, zwischen uns und außerhalb von uns, kontinuierlich über unvorstellbar lange Zeitstrecken und auch in Sprüngen.

Der erste dieser Sprünge, das größte Wunder, fand vor langer Zeit statt, als Manifestation ins Sein trat und sich ein Innen und ein Außen voneinander unterschieden und ein Einzelnes und eine Mehrzahl. Warum ist überhaupt irgendetwas und nicht einfach nur „Nichts“? Es ist etwas, unzweifelhaft, Sie sind da, ich bin da, wir sind da und es ist da. Munterer Staub formte sich in Milliarden von Jahren zu Sonnen, die explodierten, worauf Planetensysteme entstanden, auf denen wiederum dieser muntere Staub Bedingungen vorfand, unter denen er sich zu etwas Lebendigem entwickelte, in einem endlosen Reigen von Generationen und in spektakulären, gewaltigen Sprüngen, über Pflanzen zu Tieren zu Menschen. Und dann begann dieses Lebendige in Form des Menschen auf unserem Planeten sich seiner selbst, anderer und der Umgebung bewusst zu werden, und das ist ein neuer, gewaltiger Sprung.

Diese Bewusstwerdung hat im Verlaufe der Menschheitsgeschichte unterschiedliche Bezeichnungen erhalten. Eine davon ist „Erleuchtung“ oder „Erlösung“, eine andere ist „Wissenschaft“ oder „Erkenntnis“. Erstere wurden von den religiösen Traditionen geprägt und beansprucht und Letztere von der Wissenschaft. Beide haben uns Wesentliches über uns selbst zu sagen.

Woher wissen wir, was wir wissen? Durch unsere Möglichkeiten zu erkennen, unsere Sinne und unsere Fähigkeiten, Sinneseindrücke zu verarbeiten. Und durch die Möglichkeit, uns miteinander auszutauschen: „Wie siehst du das?“ Das Leben stellt uns von Anbeginn an und in jedem Augenblick immer wieder vor neue Situationen und Fragestellungen: in Form dessen, was in uns passiert, in Form der Beziehungen zu anderen Menschen und deren Ideen und Meinungen und in Form einer Außenwelt. Sich zurechtzufinden in diesen sich ständig verändernden Welten, der Innenwelt, der Beziehungswelt und der Außenwelt, ist die Herausforderung des Lebens und eine Frage des Überlebens der Menschheit, von Anbeginn an. Auch in der heutigen Zeit stellt uns das Leben vor Situationen, die wir Menschen teilweise selbst herbeigeführt haben (Umweltkrise, Finanzkrise, Terrorismus, Kriege), und unsere Fähigkeit, mit diesen Situationen umzugehen, entscheidet über unsere Zukunft. Das ist im Grunde nichts Neues, doch was in unserer Zeit auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als unsere eigene Existenz und die vieler anderer Mitwesen, und wir werden uns dessen immer mehr bewusst.