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Vollständige E-Book-Ausgabe der bei

Hans Kreis

© J. Kamphausen Verlag & Distribution GmbH, Bielefeld 2010

Lektorat: Stephanie Ehrenschwendner

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.

ISBN Printausgabe: 978-3-89901-333-7

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Hans Kreis

Die Espresso-Strategie
oder wie ich lernte, das
Leben wieder zu lieben

Vom großen Geheimnis der kleinen Pause

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Hinweis

Die Übungen in diesem Buch verstehen sich als Anregung und Hilfe zur Selbsthilfe. Der Autor ist ein erfahrener Coach, der nicht die professionelle Hilfe eines Arztes oder Therapeuten ersetzen will, wie sie bei schwerwiegenden Problemen nötig sein könnte. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind weder gewünscht noch beabsichtigt.

Inhalt

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Montag, 1. Mai

Dienstag, 2. Mai

Mittwoch, 3. Mai

Donnerstag, 4. Mai

Freitag, 5. Mai

Samstag, 6. Mai

Sonntag, 7. Mai

Montag, 8. Mai

Dienstag, 9. Mai

Mittwoch, 10. Mai

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Vorwort

Die Parabel von einem, der auszog, einen vergessenen Schatz wiederzufinden, drückt die Sehnsucht unserer leistungsorientierten Gesellschaft aus.

Ein Sabbatjahr zu nehmen oder den Jakobsweg zu gehen, können sich nur wenige leisten. Aber diese großen Pausen sind auch nicht der einzige Weg, um wieder Kraft und innere Ruhe zu finden. Der Schatz, den seit alters her Menschen in ihren Auszeiten zu finden hoffen, versteckt sich nicht nur in großen Pausen, sondern vor allem in den kleinen Pausen zwischendurch.

Kleine Espressopausen, klug in den Alltag integriert, können leicht zum Jakobsweg der gestressten oder suchenden Menschenseele werden.

Wie Sie durch solche kleine Espressopausen mehr Sinn, Lebensfreude und Gesundheit finden, zeigt Ihnen dieses Buch.

Ihr Hans Kreis

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Die Zwangspause

Auf dem Weg ins verlorene Pausenparadies

Wenn Sie sich gestresst fühlen, sind Sie nicht mehr Herr im eigenen Haus. | Die Lösung ist einfach, wie alles Geniale. | Es geht um den rechten Umgang mit Pausen. | In dem Maß, in dem Sie dieses Buch zu nutzen wissen, werden Sie die Heilkraft der Pausen spüren.

Mach mal Pause

„Schon kleine Pausen verlängern Ihr Leben. Richtig dosiert, schenken Ihnen Pausen ein Leben voller Gesundheit, Liebe und Glück.“

Wie einfach sich das aus dem Autoradio anhörte, noch dazu, weil die Stimme im Radio meine eigene war. Es lag schon ein paar Tage zurück, seit ich dem Sender dieses Interview gegeben hatte, und immer noch war ich unterwegs oder beantwortete auf Vorträgen, in Workshops und auf Seminaren Fragen, die ich mir selbst auch öfter stellen sollte: Wie komme ich aus meinem pausenlosen Hamsterrad? Was kann ich tun, wenn ich so nicht mehr länger weitermachen kann? Wie entkomme ich meinen eigenen Pausenfallen, also den Pausen, die nur eine andere Art von Arbeit sind?

Und auf einmal ging alles ganz einfach: Am Autobahnkreuz begann das Wunder. Meine Seele setzte sich ans Steuer und fuhr leicht und beschwingt, wie selbstverständlich, Richtung Süden. Zuerst ärgerte ich mich, dass ich mich verfahren hatte, wollte so schnell wie möglich umkehren, aber irgendetwas in mir fuhr einfach weiter. Ich machte das Spiel mit und staunte über meine Fantasie, als es darum ging, mich für ein paar Tage von Terminen freizuschaufeln. Nur zwei, drei Anrufe: meine Frau, die Kinder, mein Büro, und ich war frei.

Bald darauf fuhr ich auf der Autobahn Richtung Sonne. Noch vor Kurzem dachte ich nicht im Traum an eine kleine Auszeit, und nun hatte ich plötzlich Zeit. Ich fuhr langsam, genoss die Fahrt und bog für einen kurzen Espresso zur Autobahnraststätte ab. Für den Mann hinter der Theke war ich der einzige Gast. Wir redeten Belangloses, bis ich ihm von meinem spontanen Reiseentschluss erzählte. Da deutete er auf das Bild hinter der Espressomaschine und sagte: „Meine Sehnsucht will auch in den Süden. Genau dort hin. Das hier auf dem Bild ist meine Heimat, Signore!“

Ich schaute genauer. „Ihre Heimat?“

Der Mann nickte und fuhr fort: „Si, Signore, manche nennen sie auch das Baristaland!“ Ich stockte. „Baristaland?“, fragte ich nach ein paar Sekunden nach.

„In meiner Heimat, Signore, nennen sie den Besitzer einer Bar immer ‚Barista’, und meine Heimat nennen manche deshalb auch das Baristaland. Sagen Sie bitte Barista zu mir, dann fühle ich mich für einen Moment wie zu Hause. Dort drüben, wo jetzt das Plakat mit dem schlauen Spruch „Zeit ist Geld“ hängt, stelle ich mir in meiner Fantasie einen kleinen Hafen und dahinter leuchtend blau das weite Meer vor.“

Singend verschwand der kleine stämmige Mann, um nach wenigen Augenblicken, bestens gelaunt, mit einer Packung Espresso wiederzukommen: „Nostrano, der Unsrige, Signore!“ Bald braute er nur für mich seinen Espresso Nostrano und zelebrierte stolz das duftende Geheimnis.

„Wer eine solche wunderbare Crema zaubern kann, weiß ganz bestimmt um das größte Geheimnis des Espresso: das Geheimnis der kleinen Pause!“, lobte ich ihn. „Si, si, Signore, in meiner Heimat ist das ganze Leben eine Pause, und dazwischen arbeiten wir, damit wir uns viele wunderbare Pausen leisten können. Aber in Ihrer Heimat und erst recht hier an dieser Autobahn, da ist das anders.“ Traurig schaute er mir dabei in die Augen.

Der Mann hinter der Theke einer ganz normalen Autobahnraststätte wurde in dieser Sekunde für mich zu einem Zaubervogel, der mich vom Alltag befreite und meiner Seele wieder das Fliegen beibrachte. Ich flog in den weiten Himmel meiner Erinnerung, gen Süden, immer weiter die Jahre zurück, in eine Zeit, in der auch ich einen „Barista“ kannte und einen kleinen Hafen am großen blauen Meer. Ich wunderte mich, wie weit sich das Land meiner Träume im Laufe der Jahre entfernt hatte. Dabei wollte ich ihn doch nie vergessen, meinen alten Freund, den Barista, mit seiner kleinen Espressobar „la pausa“, und erst recht nicht Angelina.

Um seine Träume zu erfüllen, ist es nie zu spät

Nach dieser Begegnung auf der Autobahn wusste ich, wohin es mich zog, und meine Sehnsucht war endgültig größer als meine Angst, Kunden, meinen Namen, mein Image und mein Geld zu verlieren. Mein Baristaland wartete auf mich, das Land meiner verlorenen Träume.

Als ich wieder am Steuer saß, staute sich auf der Gegenfahrbahn der Rückreiseverkehr durch die vielen Wochenendurlauber. Gelebter Pausenstress: Zwang zur Entschleunigung durch Staus? Das galt nicht für mich, denn Richtung Strada del Sole, der Straße zur Sonne, war alles frei. Mit jedem Kilometer wuchs in mir die leise Ahnung, dass mir dieser Entschluss zu einer spontanen kleinen Pause noch viel Freude bereiten würde. Vielleicht wartete ein Geschenk auf mich, das es nicht zu kaufen gibt und das deshalb so wertvoll ist? Ich dachte an meine Kindheit, an den Regenbogen, an die Sternschnuppen, an ein Lächeln. Und an dieses wunderbare Fleckchen Erde, wo ich mir vor vielen Jahren die erste kleine Auszeit vor dem großen Berufseinstieg gönnte.

Jetzt war ich kurz davor, dieses Traumland endlich wiederzusehen. Was war übrig geblieben von diesem Paradies, in dem sich vor langer Zeit meine Träume einfach so erfüllten? Meine Träume von Freiheit, von Abenteuer, von Selbstverwirklichung und von der ersten großen Liebe. Ja, auch meine erste große Liebe fand ich damals auf dieser Reise ins unbekannte Pausenland. Und den Barista, den weisen Mann, der in diesem Zauberland zu Hause war. Alles wirklich Wesentliche, was ich seitdem über die Kunst der kleinen Pausen weiß, erfuhr ich von diesem alten Barista.

Ich dachte an mein Pausentagebuch, das ich in jener Zeit in meinem Baristaland geschrieben hatte. In dieses Buch, das auf dem ersten Blick wie ein Poesiealbum aussah, schrieb ich alle Geheimnisse des alten Barista und noch viel mehr.

Wo war dieses Buch, mit den kostbaren Weisheiten, den vielen Pausentipps und den wertvollen Geheimnissen des Barista hingekommen, fragte ich mich. Verschwand es bei einem der vielen Umzüge? Habe ich es in irgendeinem Großstadthotel vergessen? Je mehr ich nach einer Antwort suchte, umso wertvoller wurde dieses lange vergessene Buch.

Nicht alles, was wir in unserem Leben vergessen haben, ist schon zu Ende. Immer mehr Sätze und Bilder aus meiner Vergangenheit schafften es, auf dem Nachthimmel meiner Erinnerung zu erscheinen. Gedichte aus einer verlorenen Zeit, Weisheiten aus vergangenen Welten und Bilder. Vor allem Bilder – von einer kleinen Bar am großen Meer, von lachenden Menschen, einer wunderschönen Frau und vom Ende eines großen Traums, den ich so gerne weitergeträumt hätte. Und dann noch die Bilder von Unendlichkeit, Freiheit und heiliger Sehnsucht. Eine große Traurigkeit schlich sich ein und die Hoffnung, dass dieses vergessene Buch mir wieder zufliegen würde, wie ein Glücksvogel. Wie wäre mein Leben verlaufen ohne mein Baristaland, fragte ich mich, während ich weiter Richtung Süden fuhr. „Baristaland“, murmelte ich im Auto immer wieder vor mich hin. Nur um meine Erfolgsgeschichte zu schreiben, hatte ich dieses Land vergessen und meinen Traum verraten. Aber: Um seine Träume zu erfüllen, ist es nie zu spät. Diese Pausengeschichte wollte von mir noch zu Ende geschrieben werden, mit einem Happy End oder wenigstens mit einem Ende ohne einen Sack voller Fragen. Und kleine Pausen sollten wieder meine Freunde sein und keine Sklaven des Erfolgs.

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Nicht alles, was wir in unserem Leben vergessen haben, ist schon zu Ende.

Immer mehr öffnete sich die Erinnerung an mein Baristaland. Sie wurde zu einer blühenden Rose, die mir den Weg zu einer lange verschlossenen Traumwelt wies. Ich versuchte, einzelne Satzfetzen wieder zu einem fast vergessenen Gedicht zu formen, das aus jener Zeit stammte.

Du wanderst auf der schmalen Straße

deines Lebens stur dahin.

Stets scheint alles anders,

und doch denkst du ab und zu:

Hab’ ich dies und das nicht schon mal erlebt?

Hab’ ich die und den nicht schon mal geseh’n?

Und dann blätterst du im Buche deines Lebens,

liest auf irgendeiner Seite diesen Satz:

„Ich werd’ dich nie vergessen.“

Es gibt Gedichte, die begleiten uns so lange, bis wir ihre geheimnisvolle Botschaft verstanden haben. Dieses Gedicht war ein solcher Schicksalsträger. Als Kind war ich überzeugt, dass jeder Mensch einen als Gedicht verkleideten Engel hat, der ihm in Zeiten der Not helfen und ihn beschützen will. Vielleicht haben Erwachsene auch solche Helfer. Vielleicht heißen diese Helfer anders. Vielleicht heißen diese Helfer „kleine Pause“.

Da fiel mir ein Vortrag ein, den ich vor Kurzem bei einer Veranstaltung in einer Klinik gehört hatte und bei der ich mit erschreckenden Zahlen konfrontiert wurde: Neun von zehn erfolgsorientierten Menschen steckten in Sinnkrisen und arbeiteten am Limit. Ich las in den Unterlagen, wie viele Milliarden Euro der pausenlose Stress unsere Gesellschaft kostete und dass dieser gehetzte Lebensstil für uns alle bald unbezahlbar sein würde. Ich sah ehemalige Manager in den Klinikgängen ihrem verlorenen Leben nachweinen und kleine Kinder nach ihren Vätern schreien, die nicht mit nach Hause durften. „Zeit ist Geld“ hatte in diesen Gängen eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Vivere la pausa! Es lebe die Pause!

Ein letztes Mal hörte ich den Verkehrsfunk. „Starke Schneetreiben führen zusammen mit dem Rückreiseverkehr aus den Skigebieten zu chaotischen Verkehrsverhältnissen.“

Sollen so Pausen aussehen, fragte ich mich, oder sollen Pausen Unterbrechungen sein, um für den Alltag wieder Kraft zu schöpfen, damit neue Gedanken möglich werden? Ist der selbst gewählte Freizeitstress eine Möglichkeit, Kräfte zu sammeln? Ich schaltete das Radio aus, um die Ruhe in mir zu genießen, in mich hineinzuhören, den inneren Stimmen zu lauschen. Wie ein Basso Continuo schwang in diesem Lauschen ein Refrain mit: „Ich bin eine kleine Pause! Hörst du mich? Es gibt jetzt für ein paar Minuten nichts zu tun, nur einfach auszuruh’n.“

Bald erreichte ich die Autostrada del Sole und fuhr langsam, nachdenklich und gleichzeitig leerer werdend vor mich hin. Es war nichts zu tun, außer vielleicht ein paar drängende Fragen zu beantworten, die während des Fahrens in mir hochgekommen waren: Wie viele Gelegenheiten für kleine Pausen hast du in deinem Alltag schon übersehen? Wie viele kleine Pausen warten stündlich darauf, dich wieder glücklich und zufrieden zu machen?

Das Erinnern ist der erste Pausencheck zum Einstimmen

Bevor Sie jetzt weiterlesen, bitte ich Sie, für einen Augenblick innezuhalten und sich bewusst zu machen, wann Sie zuletzt wirklich Pause gemacht haben. Wo haben Sie diese Pause verbracht? Wie lange hat sie gedauert? Wie haben Sie sich dabei gefühlt? Vielleicht können Sie sich auch an andere Pausen erinnern, vielleicht sogar an einige, die schon länger zurückliegen.

Da gab es ganz sicher welche, die Ihr Leben bereicherten oder es sogar verändert haben. Fallen Ihnen auch Pausen ein, die Ihnen das Gefühl gaben, etwas versäumt oder eine Gelegenheit nicht ergriffen zu haben?

Das große Glück versteckt sich oft in kleinen Pausen

Pause ist nicht gleich Pause. | Was Sie von Babys lernen können. | Der Verrat an der Pause. | Jede Veränderung beginnt im Kopf. | Wie Sie in einer schlaflosen Nacht Ihr Gedankenkarussell erlösen können.

Pausen bedeuten für unser Gehirn, lernen zu dürfen

Es war Zeit für meine erste Espressopause an der Strada del Sole. Zeit für neue Gedanken. „Unser Wissen um das Geheimnis der kleinen Pausen ist so alt wie wir selbst.“ Dieser und andere Sätze gingen mir durch den Kopf, obwohl ich doch eigentlich nichts tun wollte, nicht einmal denken.

An der Espressobar versuchte ich, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Eines hatte ich schon gelernt: Pause ist nicht gleich Pause. Unter diesen Bedingungen traute sich der kluge Satz schnell noch mal nach oben: „Unser Wissen um das Geheimnis der kleinen Pausen ist so alt wie wir selbst.“ Stimmt, so hatte es mir mein Freund, ein bekannter Hirnforscher, am Rande unseres letzten Workshops gesagt, als ich mit ihm über die Heilkraft der kleinen Pausen diskutierte. In diesem Zusammenhang erfuhr ich, dass wir geborene Pausenprofis sind. Schon als Babys lernen wir, unser Leben nach einer inneren Pausenuhr auszurichten. Wenn Babys genug von all dem haben, was ihnen an Reizen von Mama oder Papa entgegenkommt, dann ist für sie ganz plötzlich Schluss mit lustig. Die kleinen Pausenprofis wenden sich spontan ab und zeigen selbst der Lieblingsoma nur noch die kalte Schulter. Sie holen sich, was sie wirklich brauchen: Ruhe! Nur durch diese geheimnisvolle und radikale Balance von Aktivität und Ruhe entwickeln sich die Babys, wie es die Natur vorgesehen hat.

Mit zunehmendem Alter verlieren Menschen diese Balance. Das Gehirn schafft es nicht mehr, alles sofort zu verarbeiten, was neu verschaltet werden will, und lässt die Arbeit einfach liegen. Erst in den Pausen holt es die liegen gebliebene Arbeit nach.

„Bedeutet das dann“, fragte ich den Hirnforscher, „dass wir uns nur in den Pausen wirklich weiterentwickeln?“

Der Professor nickte: „Wir brauchen die kleinen und die großen Pausen, damit wir werden können, was wir werden könnten!“

Ausführlich erklärte er mir, dass besonders die kleinen Pausen zwischendurch für unsere Lebensfreude und Gesundheit wichtig seien. „Sonst geht es uns wie einem, der zwar jede Menge Post bekommt, aber nie seinen Briefkasten öffnen will.“

Noch viel mehr aus diesen und anderen ähnlichen Gesprächen fiel mir wieder ein. Vor allem, dass wir ohne die kleine Pause zwischendurch und die große Schlaf-pause in der Nacht nichts lernen, dass wir uns auch nicht weiter entwickeln können und so ein inneres Wachstum verhindern. Und auf einmal hörte ich in mir den Satz, der all das zusammenfasste, was in mir hochgekommen war: Das Wesentliche geschieht in den Pausen.

Dann kamen neue Fragen: Warum verlieren wir mit dem Erwachsenwerden unsere wichtige, ganz persönliche Pausentaktung von Aktivität und Passivität und zahlen dafür oft einen hohen Preis? Warum fallen wir, obwohl wir wissen, dass unser Lebensstil in die Katastrophe führt, immer wieder in die alten Muster? Wie finden wir zu einem Lebensstil, der uns wieder glücklich macht, auch wenn es scheinbar unmöglich scheint? Wie glücken Pausen wirklich?

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Das Wesentliche geschieht in den Pausen.

Das Wahrnehmen ist der zweite Pausencheck zum Einstimmen

Beobachten Sie bei Ihrer nächsten kleinen Pause Ihre Atmung. Zwischen dem Ausatmen und dem Einatmen gibt es eine kleine Atempause. Können Sie diese Atempause wahrnehmen? Wenn nicht, dann atmen sie einmal ganz bewusst aus, soweit, bis Sie das Gefühl haben, ganz frei für das Einatmen zu sein. Bevor Sie jetzt die neue Luft einlassen, genießen sie den Augenblick davor.

Das ist die kleine Atempause.

In dieser kleinen Atempause ist Zeit, um Ruhe und Kraft zu schöpfen. Probieren Sie diese einfache Übung beim Reden, beim Zuhören, beim Warten aus. Überall dort, wo es für Sie passt. Sie werden bald feststellen, wie viele Gelegenheiten für kleine Pausen Sie bisher ungenutzt verstreichen ließen. Bald haben Sie das Gefühl von Pausenfülle. Genießen Sie diese Fülle.

Wer sich Zeit für Pausen nimmt, der hat sie auch

Wie wir dem Geheimnis des Lichts am besten im Regenbogen begegnen, kommen wir dem Geheimnis unseres Lebens am besten in den Pausen auf die Spur. | Wie Sie wieder Ordnung in Ihre Gefühle bringen.

Pausieren lernen ist nicht schwer

Die Gründe, warum wir unsere ganz persönliche Pausentaktung verlieren, schienen mir nach einigem Überlegen weniger wichtig zu sein als die Antwort auf die Frage, wie wir wieder zu Pausenprofis werden können. Aushalten zu lernen ist eine gute, erste Übung auf dem Weg zum Pausenprofi. Bald sollte ich das am eigenen Leib erfahren.

Nach meiner langen Fahrt Richtung Süden war ich endlich an der Ausfahrt zum Baristaland angekommen und verließ die Autostrada, um in die Landstraße einzubiegen, die mir vor so vielen Jahren zu einer Zwangspause verhalf. Ich blieb kurz stehen, um meinen Atem zu beobachten und staunte im inneren Nachklang über die vielen kleinen Pausen, die selbst eine Autobahnfahrt möglich macht: Ein Stau? Hör’ auf deinen Atem! Eine Elefantenrallye zwischen zwei Schwerlastern? Genieße die Entschleunigung! Ein Drängler? Übe das Ausatmen! Eine Vollbremsung? Genieße es, wie dein Atem nach dem Stocken wieder zu fließen beginnt. Eine Umleitung? Was für eine Gelegenheit für neue Entdeckungen!

Ich fuhr wieder weiter. Gerade noch rechtzeitig bemerkte ich die Stelle, an der ich damals meinen Unfall hatte, mit dem alles begann. Anhalten, rief eine innere Stimme. Wäre jetzt nicht die rechte Zeit für eine kleine Pause? Denk daran: Kleine Pausen führen ins Erinnern.

Ich stellte das Fahrzeug ab und spürte, wie mein Herz anfing zu klopfen. Zuerst ging diese Aufregung fast in der ausklingenden Unruhe der Autofahrtfahrt unter. Doch als es um mich herum still wurde, Motor und Radio ausgeschaltet waren und ich am Straßenrand neben der Leitplanke stand, sah ich auf einmal, wie es hinter der morschen Leitplanke steil nach unten ging. Mein Herz begann wie wild zu schlagen. An dieser Stelle war ich ins Schleudern geraten. Genau hier hätte mein Leben schon vor vielen Jahren zu Ende sein können.

Und wieder dieses Innehalten. Vorsichtig schaute ich noch ein zweites Mal die steile Böschung hinunter. Ganz unten, eingebettet zwischen Böschung und Meer, ja, da war es, mein Baristaland. Ein Stück heile Pausenwelt, weit weg von Hektik und Stress. Eine kleine Straße führte, an einem Kirchlein vorbei, hinunter zu ein paar Häusern, die sich Schutz suchend am Hang festhielten. Dann der kleine Hafen. Viel weiter hinten noch ein großer Mischwald aus Zypressen und Pinien mit einem zum Meer ausgerichteten Palazzo. Davor eine kleine Insel und ein paar Segelboote, die auf dem großen, blau und silbrig glänzenden Wasser in sanftem Rhythmus schaukelten. Das ganze Baristaland war mit einem einzigen Blick überschaubar.

Mein Blick ging noch einmal zum Hafen. Welch eine Freude! Sogar die Bar konnte ich von hier oben erkennen: Meine Bar „la pausa“ und dahinter, soweit das Auge reichte: unendlich viel Meer, Meer, Meer und Himmel, blau, bis hinauf in die Unendlichkeit.

Meine Augen wanderten zurück zur morschen Leitplanke und dann zur Böschung. Immer bewusster wurde mir, wie steil es von hier oben nach unten ging. Mein Körper erinnerte sich an den Schreck und verkrampfte sich so, als ob der Unfall erst gestern gewesen wäre.

Dass ich damals so schnell fuhr, geschah aus purem Übermut. Ich wollte das alte Auto testen. Als ich ins Schleudern kam, war es schon zu spät. Ich hörte, wie ich irgendwo aufprallte. Dann fuhr ich, wie von einer Geisterhand gesteuert, rückwärts, bis das Auto zum Stehen kam. Seitwärts auszubrechen und tief abzustürzen, das wäre wahrscheinlich das Ende gewesen.

Habe ich das geschenkte Leben, das mir seitdem vergönnt war, auch als Geschenk gelebt oder so, als ob nichts geschehen wäre? Keine Antwort. Ich versuchte noch einmal, in mich hineinzuhören und meinen Körper zu fragen. Denn eine Antwort, die wir vom Körper bekommen, ist immer verlässlich.

Es war in all den Jahren keine Liebesbeziehung zwischen meinem Körper, meinen Gefühlen und meinen Gedanken entstanden. Das zeigte sich schnell. Verkrampfungen hier, Verhärtungen dort. Vieles an mir fühlte sich fremd für mich an. Bei dieser Körperreise wurde mir aber noch etwas bewusst, nämlich dass Erfahrungen etwas anderes sind als Gedanken. Nach so vielen Jahren erkannte ich erst in dieser kurzen Pause, wie viel Glück im Unglück ich gehabt hatte. Das Auto war zwar fahruntüchtig und musste repariert werden. Aber was hätte alles passieren können?

Natürlich war ich damals zu allererst sauer über diesen Zwangsaufenthalt, die verlorene Zeit des Wartens, die Kosten, die Ungewissheit. Auch dass es nicht einmal eine richtige Werkstatt gab, machte mir anfangs gewaltig Stress. Ich erinnerte mich mit einem Schmunzeln daran, wie wütend ich auf den Werkstattbesitzer war, weil er sich nicht wegen eines Termins festlegen wollte und erst recht nicht wegen der Kosten. Er ließ mich einfach stehen. Die Ohnmacht lässt manche Pausen zu Tyrannen werden.

Ich weiß noch, wie ich dastand und den Ort nach meiner inneren Bedürfnishierarchie abscannte. Keine Bank, keine Polizei, nicht einmal ein Hotel gab es in diesem Dörfchen. Nur eine kleine Bar.

Also wenigstens einen Espresso trinken, dachte ich mir und ging hinein. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich der Barbesitzer sehen ließ. Das steigerte meine Wut auf die Ungerechtigkeit des Schicksals noch mehr. Die Wut verflog allerdings mit seinem herzlichen Lächeln. Ein alter, gemütlicher Mann mit nach hinten gebundenem grauen Zopf und weißem Hemd stand vor mir und sah mich lange prüfend an, ehe er auf meine schroffe Frage nach einer Pension antwortete: „Tut mir leid, Signore, hier gibt es kein Hotel, keine Pension, nicht einmal ein Ristorante. Aber dafür gibt es meine Bar „la pausa“ und den besten Espresso der Welt. Wenn Sie möchten, eingepackt in eine heilsame Empfehlung.“

„Und die wäre?“

„Nutzen Sie die Zeit hier, um das Geheimnis der Pause zu finden. Sie werden es noch zu schätzen wissen. Pausen zeigen uns, was wirklich ist.“

Ich konnte damals die Botschaft dahinter nur erahnen. „Wie lange?“

„Vielleicht zehn Espressopausen, vielleicht auch länger.“

Eigentlich hatte ich auf seine Einschätzung zur Länge der Reparaturzeit gehofft und nicht auf einen therapeutischen Rat. Doch der Espresso war tatsächlich der beste der Welt, und es tat mir gut, dass sich der Barista an diesem Abend so geduldig meine Geschichte vom Unfall anhörte.

„Was für ein Glück, dass ich ins Schleudern kam und dadurch ein Stück rückwärts weiterfuhr. Das hat vielleicht mein Leben verlängert, auch wenn es meine Reise verkürzen wird. Anders herum hätte es ein Problem gegeben.“

„Gute Einstellung. Ich habe einen ähnlichen Spruch: Rückwärtsgehen verlängert das Leben. Aber das kapieren nur wenige Menschen.“

„Ich gehöre auch zu diesen Leuten“, gab ich offen zu.

Da empfahl mir der Barista spontan, mit ihm das Rückwärtsgehen zu üben. Nach ein paar Versuchen wurde mir klar: Es ging in dieser Übung darum, langsamer zu werden. Langsamer zu werden ist eine gute Übung auf dem Weg zum Pausenprofi.

Nachdem wir mit wechselndem Erfolg das Rückwärtsgehen ausprobiert hatten, bot mir der alte Herr an, in einer Kammer über der Bar zu schlafen.

„Wissen Sie, unser Alfonso ist eher Schmied als Automechaniker. So wie ich ihn kenne, wird die Reparatur länger dauern.“

Ich war glücklich über das Angebot. In tiefer Dankbarkeit versuchte ich es gleich noch einmal mit dem Rückwärtsgehen: vor der Bar, an der Hafenmauer, auf dem Weg zur Kammer und zurück. Immer wieder stolpernd und müde, lachend, zum Schluss tanzend, bis ich das Geschenk in der Übung ahnte. Entschleunigung hieß das Zauberwort. Und so ganz nebenbei verschwand auch meine Wut.

All diese vergangenen Bilder kamen hoch, als ich vom damaligen Unfallort auf mein Baristaland hinunterschaute. Ich staunte noch mehr, als ich bemerkte, dass allein der Gedanke an dieses Rückwärtsgehen auch jetzt, Jahre später, ausreichte, um den Stress der Autofahrt zu vergessen und wieder Ruhe und Gelassenheit im Körper zu spüren. Ein Lächeln verirrte sich in meinem Gesicht, aber auch etwas Traurigkeit über die verloren geglaubten Chancen.

Ich dachte an einen Kunden, der eine lebensbedrohende Krise mit viel Glück überstanden hatte und danach einfach so weitermachte, als wäre nichts geschehen. Eine kleine Pause hätte ihn vielleicht Dankbarkeit gelehrt. Aus dieser Dankbarkeit heraus wären neue Chancen erwachsen und vielleicht sogar ein neues Glück. Kleine Pausen fördern die Dankbarkeit. Diesen Satz wollte ich mir merken. Ich stieg ins Auto und fuhr hinunter zur Ortschaft.

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Kleine Pausen fördern die Dankbarkeit.

Das Kraftbild ist der dritte Pausencheck zum Einstimmen

Alles, was Sie über Pausen wissen müssen, ist in Ihrem Körper gespeichert. Sie brauchen also nur die Sprache Ihres Körpers zu verstehen. Erinnern Sie sich an eine Zeit, die Sie heute noch mit Freude und Dankbarkeit erfüllt. Versuchen Sie, sich die Gefühle bewusst zu machen. Wo spüren Sie diese Gefühle am deutlichsten? Legen Sie die Hand auf diese Körperstelle und lassen Sie dann Ihren Atem tief in diese Stelle hineinfließen. So leicht geht verankern.

Wenn Sie sich ab jetzt gute Gefühle herzaubern wollen, brauchen Sie nur Ihre Hand ein paar Minuten auf diese Stelle zu legen, und Sie fühlen sich wie damals, als Sie noch ein Pausenprofi waren. Das funktioniert auch, wenn Sie Pausen, auf die Sie sich besonders freuen, einen Ankerplatz in Ihrem Körper geben können: Die Vorfreude auf einen wundervollen Urlaub, ein paradiesischer Ausblick aufs weite Meer oder ein Moment tiefer Zufriedenheit auf einer Waldlichtung. So können Sie in Zeiten seelischer Not auf diese Bilder zurückgreifen.

Die Wiedergeburt des Pausenkönigs

Erinnern ist Sehnsucht nach Vergangenheit. | Manchmal ist Erinnerung aber auch Humus für das Neue. | Wie Ihrer Erinnerung Flügel wachsen. | Das Glück passt auch in die kleinste Pause.

Pausen zeigen uns, was wirklich ist