The Shadow Effect

Titel der Originalausgabe:
The Shadow Effect: Illuminating the Hidden Power of Your True Self
© by Deepak Chopra and Rita Chopra Family Trust,
Debbie Ford, Marianne Williamson
Published and arranged with HarperOne, an imprint of HarperCollins Publisher, LLC.

Vollständige E-Book-Ausgabe der bei
J.Kamphausen Verlag & Distribution GmbH
erschienenen Printausgabe

Chopra, Ford, Williamson:
The Shadow Effect
© J. Kamphausen Verlag &
Distribution GmbH, Bielefeld 2011
Projektleitung: Marianne Nentwig
Übersetzung: Jochen Lehner

Lektorat: Hendrik Bönisch
Umschlag-Gestaltung,
Typografie/Satz: KleiDesign
Druck & Verarbeitung:
Westermann Druck Zwickau
Datenkonvertierung E-Book:
Bookwire GmbH

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über abrufbar.

ISBN E-Book: 978-3-89901-511-9
ISBN Printausgabe: 978-3-89901-376-4

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

DEEPAK CHOPRA
DEBBIE FORD
MARIANNE WILLIAMSON

The Shadow Effect

Echter! Freier! Glücklicher!

Wie Sie Ihr verborgenes
Potenzial ans Licht bringen

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Einführung

Alles menschliche Ringen dreht sich im Kern um den Zwiespalt zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein möchten. Unsere Erfahrung ist zutiefst von Dualität bestimmt. In jedem von uns sind zugleich Leben und Tod, Gut und Böse, Hoffnung und Resignation vorhanden, und sie wirken in alle Bereiche unseres Daseins hinein. Wenn wir Mut besitzen, dann eben deshalb, weil wir auch die Furcht kennen, und wenn wir Aufrichtigkeit zu erkennen vermögen, dann weil wir auch Falschheit erlebt haben. Dennoch wollen viele nichts von unserer zutiefst dualistischen Natur wissen.

Wenn wir davon ausgehen, dass wir nur innerhalb eines begrenzten Spektrums menschlicher Persönlichkeitszüge entweder so oder so sein können, stellt sich die Frage, weshalb wir nicht mehrheitlich mit unserem derzeitigen Leben zufrieden sind. Alles Wissen der Welt scheint uns zur Verfügung zu stehen – wie kann es da sein, dass wir nicht den Mut aufbringen, unseren besten Intentionen zu folgen und mit aller Entschlossenheit entsprechende Entscheidungen zu fällen? Wieso handeln wir nach wie vor so, dass es gegen unser Wertesystem verstößt und allem widerspricht, wofür wir stehen?

Wir werden in diesem Buch darlegen, dass es an unserem unerforschten Leben liegt, an unserem dunkleren Ich, dem Schatten-Ich, in dem unsere Kräfte im Verborgenen schlummern, die wir uns noch nicht zu eigen gemacht haben. Und eben hier, wo wir das am wenigsten vermuten würden, finden wir den Schlüssel zu unseren Stärken, zu unserem Glück, zu der Fähigkeit, unsere Träume zu leben.

Wir sind dazu erzogen worden, die Schattenseite des Lebens und unsere eigene Schattenseite zu fürchten. Wenn wir uns bei finsteren Gedanken ertappen oder bei einem Handeln, das wir selbst nicht akzeptabel finden, ergreifen wir die Flucht wie ein Murmeltier und verschwinden in unserem Bau – immer in der inständigen Hoffnung, diese Vorstellung möge vergehen, bevor wir uns wieder ans Licht wagen. Warum tun wir das? Weil wir heimlich fürchten, dass wir diesem Teil unserer selbst nie entkommen werden, wie sehr wir uns auch bemühen mögen. So ist das Nichtbeachten oder Verdrängen unserer dunklen Seite zwar zur Norm geworden, doch die ernüchternde Wahrheit lautet, dass wir den Schatten nur noch intensivieren, wenn wir vor ihm fliehen. Wenn wir ihn leugnen, handeln wir uns nur immer mehr Schmerz, Leid, Bedauern und Resignation ein. Wir müssen selbst die Verantwortung übernehmen und uns die unter der Oberfläche unseres Bewusstseins verborgene Weisheit nutzbar machen, sonst reißt der Schatten das Ruder an sich, und dann haben wir nicht mehr ihn in der Hand, sondern er hat uns in der Hand und löst all das aus, was wir hier „Schatteneffekt“ nennen. Unsere dunkle Seite entscheidet dann für uns und raubt uns die Fähigkeit, selbst zu bestimmen, was wir beispielsweise essen, wie viel Geld wir für was ausgeben, welcher Sucht wir erliegen. Unser Schatten lässt uns Dinge tun, die wir uns nie zugetraut hätten, er stachelt uns dazu an, unsere Lebenskraft an schlechte Gewohnheiten und immer die gleichen Verhaltensweisen zu vergeuden. Unser Schatten erlaubt uns keinen ungehinderten Selbstausdruck, er lässt uns nicht die Wahrheit sagen, er gestattet uns kein authentisches Leben. Nur wenn wir unsere Dualität bejahen und annehmen, können wir die Verhaltensweisen abschütteln, die uns ernsthaft gefährden. Solange wir nicht alles zur Kenntnis nehmen, was wir sind, wird uns der Schatteneffekt garantiert völlig unvorbereitet treffen.

Und er ist überall. In jedem Teilaspekt unseres Lebens können wir seine Allgegenwärtigkeit beobachten. Das Internet berichtet uns von ihm, wir beobachten ihn in den Abendnachrichten bei seiner Arbeit, wir sehen ihn in unseren Freunden, Angehörigen und sogar Wildfremden auf der Straße. Und am deutlichsten können wir ihn vielleicht in unseren Gedanken und Verhaltensweisen erkennen und in unserem Umgang mit anderen spüren. Wir haben das ungute Gefühl, dass es furchtbare Scham in uns auslöst oder unser schlimmster Albtraum wahr wird, wenn wir Licht in dieses Dunkel bringen. Wir fürchten uns vor dem, was uns womöglich erwartet, wenn wir einen Blick nach innen riskieren. Da schlagen wir lieber die Hände vors Gesicht und verschließen uns dem Schatten.

Dieses Buch möchte – aus drei lebensverändernden Perspektiven – eine neue Wahrheit aufzeigen, nämlich dass uns in Wirklichkeit das Gegenteil all dessen erwartet, was wir befürchten. Statt Scham spüren wir Mitgefühl, statt peinlicher Verlegenheit Mut, statt beengender Einschränkungen Freiheit. Solange wir uns den Schatten nicht erschließen, empfinden wir ihn als Büchse der Pandora voller beängstigender Geheimnisse. Wenn wir sie freilassen, werden sie dann nicht alles zerstören, was uns lieb und wert ist? Beim Öffnen der Büchse zeigt sich dann jedoch, dass ihr Inhalt die Fähigkeit besitzt, unser Leben radikal zum Besseren zu wenden. Das Trugbild, unsere Dunkelheit könnte uns verschlingen, zerfällt, und dafür sehen wir die Welt jetzt in neuem Licht. Das Mitgefühl, das wir uns selbst gegenüber empfinden, entfacht in uns die Selbstsicherheit und den Mut, unser Herz auch für andere zu öffnen. Was wir uns hier an Kräften erschließen, erlaubt uns nicht nur, besser mit den Ängsten umzugehen, die uns bisher zurückgehalten haben, sondern wird uns auch unwiderstehlich zur Verwirklichung unseres höchsten Potenzials drängen. Das Annehmen unseres Schattens hat also gar nichts Erschreckendes, sondern ermöglicht es uns erst, vollkommen und echt zu sein, die eigene Kraft zu bejahen, unserer Leidenschaft ihren Lauf zu lassen und unsere Träume zu verwirklichen.

Dieses Buch entstand aus dem Wunsch, all die Gaben, die der Schatten mit sich bringt und mit denen er das Leben fördern kann, ins rechte Licht zu rücken. Wir, die drei Autoren, werden uns dem Gegenstand auf den folgenden Seiten aus unserer jeweils eigenen Perspektive als Lehrer annähern. Dabei möchten wir möglichst umfassend und facettenreich darstellen, wie der Schatten in uns entsteht, wie er sich auf unser Leben auswirkt und vor allem wie wir unser wahres Wesen mit all seinem Reichtum entdecken können. Wir können Ihnen jetzt schon versprechen, dass Sie Ihren Schatten nach der Lektüre dieses Buchs nie mehr so sehen werden wie bisher.

In Teil I gibt uns Deepak Chopra eine umfassende Einführung in unsere dualistische Natur und weist Wege für die Rückkehr zur Ganzheit. Als ein Vordenker auf dem Gebiet des Zusammenwirkens von Geist und Körper hat er Millionen von Menschen zum Umdenken bewegt. Sein ganzheitlicher Umgang mit den in der Natur des Schattens liegenden Spaltungstendenzen hat etwas Erdendes und zugleich Erleuchtendes.

In Teil II schöpfe ich aus annähernd 15 Jahren internationaler Erfahrung als Lehrerin und Leiterin des Schattenprozesses, um Ihnen auf leicht zugängliche und doch tief gehende Weise nahezubringen, wie der Schatten entsteht, welche Rolle er in unserem Alltagsleben spielt und wie wir die ursprüngliche Kraft und Klarheit unseres wahren Wesens zurückgewinnen können.

In Teil III wird Marianne Williamson Herz und Geist gleichermaßen ansprechen, wenn sie sich in provokanter Weise mit dem Zusammenhang zwischen Schatten und Seele auseinandersetzt. Als weltweit bekannte spirituelle Lehrerin nimmt uns Marianne an der Hand und führt uns über das zerklüftete Schlachtfeld, auf dem Angst und Liebe miteinander ringen.

Wir alle blicken auf jahrelange Erfahrung zurück und sind angetrieben von der Hoffnung, dass es möglich ist, den Schatten ein für allemal in Licht zu verwandeln. Wir müssen der Macht des Schattens Einhalt gebieten und seine Weisheit einbeziehen, sonst wird er weiterhin Unheil anrichten, in unserem persönlichen Leben und in der Welt insgesamt. Wenn wir uns unsere Schwächen nicht eingestehen und unser Fehlverhalten nicht erkennen, werden wir uns unweigerlich gerade in dem Augenblick selbst ein Bein stellen, in dem ein persönlicher oder beruflicher Durchbruch möglich wäre. Dann bleibt der Schatten Sieger. Er bleibt auch dann der lachende Dritte, wenn wir unangemessen aufgebracht mit unseren Kindern sprechen, wenn wir Menschen täuschen, die uns lieb sind, wenn wir uns weigern, unser wahres Wesen zu akzeptieren, wenn wir das Licht unseres höchsten Selbst nicht in das Dunkel unserer menschlichen Impulse tragen. Solange wir uns nicht mit allem annehmen, was wir sind, wird der Schatteneffekt unserem Glück den Weg verstellen. Der nicht anerkannte und bejahte Schatten lässt uns nicht ganz sein, verhindert die Ausführung unserer sorgfältig ausgearbeiteten Pläne und gestattet uns nur ein halbes Leben. Deshalb hoffen wir, mit diesem Buch Licht in den Schatten zu bringen. Die Voraussetzungen, um ein neues Vokabular zu schaffen, den Schatten auszuleuchten und endlich zu klären, was da so schwer zu sehen und zu verstehen war, sind jetzt so günstig wie nie zuvor.

Schattenarbeit, wie sie in diesem Buch vorgestellt wird, ist mehr als ein psychologischer Prozess oder intellektuelles Geplänkel. Sie zeigt den Weg zur Lösung von bisher ungelösten Problemen auf. Sie ist ein Weg der tiefgreifenden Lebensveränderung, der insofern über alle psychologischen Theorien hinausgeht, als dass er die dunkle Seite als etwas ganz Menschliches ansieht, als eine spirituelle Kernfrage, auf die wir in diesem Leben eine Antwort finden müssen, wenn wir in freiem Ausdruck unserer selbst leben wollen. Wir werden erkennen, dass wir ungeachtet unserer Hautfarbe, unserer Herkunft, unseres Geschlechts oder unserer genetischen Ausstattung weder besser noch schlechter sind als irgendwer sonst. Kein Mensch auf dieser Erde ist ohne Schatten, und wenn er ernst genommen und verstanden wird, kann er eine neue Realität erzeugen, in der vieles anders sein wird: wie wir uns selbst empfinden, wie wir unsere Kinder erziehen, wie wir unsere Partner behandeln, wie wir mit anderen in unserem Lebensumfeld umgehen und wie Staaten miteinander auskommen.

Ich sehe den Schatten als eine unserer größten Kostbarkeiten. Carl Gustav Jung bezeichnete ihn als einen „Sparringspartner“; er ist der Gegenspieler in uns, der unsere Schwächen bloßlegt und unsere Fähigkeiten verfeinert. Er ist der Lehrer, Trainer und Führer, der uns zur Seite steht, wenn es unsere wahre Größe aufzudecken gilt. Insofern ist der Schatten weder ein Problem, dass wir zu lösen haben, noch ein Feind, den wir bezwingen müssen, sondern fruchtbarer Boden, den wir kultivieren. Mit den bloßen Händen werden wir in diesem Erdreich die Saat all dessen finden, was wir gern sein möchten. Wir hoffen sehr, dass Sie sich darauf einlassen, denn wir wissen, was Sie da erwartet.

DEBBIE FORD

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DEEPAK CHOPRA

TEIL

I

Der Schatten

DEEPAK CHOPRA

Fast niemand, der etwas vom Schatten hört, der dunklen Seite der menschlichen Natur, leugnet seine Existenz, schließlich kommen in jedem Leben Ärger und Angst vor. In den Nachrichten wird die menschliche Natur von ihrer schlimmsten Seite gezeigt, und das Woche für Woche, kein Ende in Sicht. Wenn wir ehrlich sind, haben dunkle Impulse weitgehende Bewegungsfreiheit in unserem Denken, und um gute Menschen zu sein, was wir ja alle wollen, zahlen wir einen hohen Preis: Der schlechte Mensch in uns, der alles verderben könnte, muss unter Verschluss bleiben.

Eine Schattenseite zu besitzen, verlangt anscheinend nach irgendeiner Art von Intervention, vielleicht Therapie oder Pillen, denkbar wäre auch eine Beichte oder mitternächtliche Nabelschau. Sobald man sich eingestanden hat, dass da ein Schatten ist, möchte man ihn loswerden. Nun gibt es zwar im Leben viele Situationen, in denen die „Wir schaffen das“-Haltung und die Hauruck-Methode funktionieren, nur beim Schatten ist es leider nicht so. Weshalb der Schatten in Jahrtausenden – seit Menschen sich ihrer dunklen Seite bewusst sind – nicht bereinigt worden ist, bleibt ein Mysterium. Deshalb dürfte das einzig sinnvolle Vorgehen darin bestehen, dass wir erst einmal dieses Rätsel lösen, bevor wir fragen, wie mit dem Schatten umzugehen ist. Aus diesem Grund unterteile ich meinen Beitrag in drei Abschnitte, die sich am instinktiven Vorgehen eines Arztes orientieren: Ich er stelle eine Diagnose, dann unterbreite ich einen Behandlungsplan und schließlich kläre ich meine Patienten über ihre Zukunftsprognose auf. Die Titel dieser drei Abschnitte lauten:

Der Nebel der Illusion
Der Ausweg
Eine neue Wirklichkeit, eine neue Kraft

Der erste Abschnitt (Diagnose) handelt von der Entstehung des Schattens. Hier unterscheidet sich meine Anschauung von manchen anderen insofern, als dass ich den Schatten als menschliche Schöpfung und nicht als universale Kraft oder gar kosmischen Fluch betrachte. Im zweiten Abschnitt (Behandlung) erfahren Sie, wie Sie die heimliche Herrschaft des Schattens über Ihr tägliches Leben einschränken können. Der dritte Abschnitt schließlich (Prognose) unterbreitet das Bild einer Zukunft, in der der Schatten demontiert ist – nicht nur bei bestimmten Individuen, sondern bei uns allen. Gemeinsam haben wir den Schatten erschaffen, der uns jetzt verfolgt. Auch wenn wir es scheuen oder geradezu fürchten, uns dieser Tatsache zu stellen, am Ende liegt gerade darin der Schlüssel zum Wandel. Wenn Sie und ich nicht unmittelbar am Problem beteiligt wären, bestünde keine Hoffnung, dass wir auch Bestandteil der Lösung sein können.

Der Nebel der Illusion

Wenn Sie Ihren Schatten nicht sehen können, müssen Sie sich auf die Suche machen. Er versteckt sich schamhaft in den dunklen Seitengassen, Geheimgängen und gespenstischen Winkeln Ihres Bewusstseins. Einen Schatten zu besitzen – das belegt Sie nicht mit einem Makel, sondern macht Sie einfach vollständig. Und diese Wahrheit ist oft schwer zu verdauen. (Vielleicht haben Sie schon einmal jemandem eine Wahrheit über ihn oder sie mitzuteilen versucht und bekamen dann so etwas wie „Ich brauche keine Psychoanalyse“ zurück. Das Reich des Unbewussten wird als so bedrohlich empfunden wie die Tiefe des Meeres, beide sind dunkel und voller unsichtbarer Ungeheuer.) Stehen wir nicht alle vor den Trümmern gescheiterter Ideale, die einst nach der perfekten Lösung aussahen? Jede Lösung bietet uns ein Bild dessen, was tatsächlich die dunkle Seite ausmacht.

Wenn man Schattenaspekte wie Angst, Ärger, Befürchtungen oder Gewalttätigkeit als Ausdruck der Besessenheit von Dämonen ansieht, liegt es nahe, den Besessenen einer Läuterung zu unterziehen. Dämonen lassen sich mit Ritualen, körperlichen Reinigungsübungen, Fasten und härtester Askese austreiben. Und das ist durchaus kein primitiver Ansatz. Abermillionen Menschen wählen ihn noch heute. An jedem Zeitschriftenkiosk versprechen Ihnen die Hochglanzillustrierten ein neues Ich, wenn Sie sich nur irgendwie läutern, sei es durch eine Ernährungsform, mit der Sie Ihr Verlangen nach Ungesundem endlich überwinden, oder eine Checkliste, nach der Sie den richtigen Ehepartner finden können, indem Sie die ungeeigneten Kandidaten aussondern. „Das Leben auf die Reihe bringen“, das ist die moderne Form der Dämonenaustreibung.

Mit dieser Sicht der Dinge verwandt ist die Vorstellung, irgendetwas Böses von kosmischen Dimensionen sei auf die Welt losgelassen worden. Wenn man diesem Glauben anhängt, ist Religion die naheliegende Antwort. Religion verbündet uns mit dem kosmischen Guten in seinem Kampf gegen das kosmische Böse. Und das ist für Millionen von Menschen ein sehr realer Krieg, der sich in allen Bereichen ihres Lebens abspielt, seien es sexuelle Versuchungen oder die Abtreibung, sei es das Um-sich-Greifen des Atheismus oder der Niedergang des Patriotismus. Hinter allem menschlichen Leid und Fehlverhalten steht der Teufel. Nur Gott (oder die Götter) besitzt (oder besitzen) die Macht, Satan zu überwinden und uns von der Sünde zu erlösen. Fraglich bleibt allerdings, ob Religion den Schatten überwindet oder ihn mit den von ihr erzeugten Sünde-, Schuld- und Schamgefühlen und der Angst vor drohenden Höllenqualen eher noch stärker macht.

Nun bilden wir uns ja heute viel darauf ein, dass unser Leben nicht mehr vom Aberglauben beherrscht ist und wir inzwischen über Alternativen zu diesen altehrwürdigen Erklärungen des Dunklen verfügen. Wir können uns vom kosmischen Bösen abwenden und selbst die Verantwortung übernehmen. So hat der Schatten jetzt den Status einer Erkrankung bekommen und fällt damit ins Fachgebiet der geistigen Gesundheit. Entsprechend beeindruckend ist die Zahl der inzwischen entwickelten Behandlungsformen. Für Süchtige gibt es Rehabilitationsprogramme. Menschen mit unkontrollierbaren Wutausbrüchen landen in Kursen für Wut- und Aggressionsbewältigung, nachdem sie auf der Autobahn ausgerastet sind und jemanden gerammt haben.

Nur: Warum bleibt der Schatten nach wie vor unbesiegt, wenn wir doch über so viele Erklärungen verfügen, die alle zu konkreten Lösungen führen?

Das mögen düstere Aussichten sein, aber um tatsächlich mit dem Schatten umgehen zu können, muss man erst einmal seine Kraft begreifen. Die menschliche Natur besitzt auch eine selbstzerstörerische Seite. C. G. Jung bezeichnete den Schatten als einen Archetypus und sagte über ihn, er erzeuge einen Nebel der Illusion, der das Ich umgibt. In diesem Nebel tappend nehmen wir unseren eigenen Schatten nicht mehr wahr, und dadurch gewinnt er immer mehr Macht über uns. Es ist kein Geheimnis, dass Jungs Archetypenlehre sehr schnell ins Intellektuelle abgleitet und dann kompliziert wird. Die beharrliche Kraft des Schattens dagegen ist überhaupt nicht komplex. Ich habe beim Schreiben dieses Abschnitts eine kleine Pause eingelegt und den Fernseher eingeschaltet. Es lief gerade ein Interview mit dem bekannten Milliardär Warren Buffett über die Aufschwünge und Einbrüche im Konjunkturzyklus.

„Glauben Sie“, fragte der Interviewer, „dass es wieder eine konjunkturelle Blase und dann eine gewaltige Rezession geben wird?“

„Das kann ich Ihnen garantieren“, sagte Buffett.

Der Interviewer schüttelte den Kopf. „Weshalb lernen wir einfach nicht aus der letzten Rezession? Man sieht doch, wohin die Habgier uns bringt.“

Buffett setzte ein kaum sichtbares hintergründiges Lächeln auf. „Eine Zeitlang macht Habgier einfach Spaß. Man kann dem kaum widerstehen. Die Menschheit mag weit gekommen sein, aber innerlich sind wir kein bisschen erwachsener geworden. Wir sind wie eh und je.“

Da haben wir, auf den Punkt gebracht, den Schatten und seine Problematik. Im Nebel der Illusion erkennen wir das Selbstzerstörerische unserer niedrigsten Impulse nicht. Sie sind einfach unwiderstehlich, sie machen Spaß. Daher die enorme Beliebtheit all der Rachedramen auf dem Unterhaltungssektor, seien es Shakespearestücke im Theater oder Italowestern auf der Kinoleinwand. Was könnte schöner sein, als all die aufgestaute Wut endlich rauszulassen, den Gegner fertigzumachen und in Siegerpose umherzustolzieren? So übt der Schatten seine Macht aus: Er lässt das Dunkle wie Licht aussehen.

Die Weisheitstraditionen der Welt haben einen Großteil ihrer Energie und Gedankenkraft für ebendieses Dilemma eingesetzt. Die Schöpfung hat eine dunkle Seite. Das Zerstörerische liegt in der Natur. Der Tod setzt dem Leben ein Ende, allmählicher Verfall lässt die Vitalität schwinden. Das Böse besitzt Anziehungskraft. Da ist es kein Wunder, dass man sich irgendwann im Nebel der Illusion am besten aufgehoben fühlt. Wenn man der Realität ganz schutzlos gegenübertritt, wird das Dunkle überwältigend und unerträglich. Aber es gibt eine Gegenkraft, die das Dunkle nach und nach doch überwindet. Allerdings verhindert das von fehlgeschlagenen Lösungen zurückbleibende Trümmerfeld, dass wir diese Gegenkraft sehen. Der Nebel der Illusion schottet uns dagegen ab. Wenn man die Katastrophen und Gräuel des Fernsehabends an sich vorbeiziehen lässt, kommt man kaum auf den Gedanken, dass dem Menschen schon immer die Kraft gegeben war, Frieden, tiefe Begeisterung und ein vom Dunklen befreites Leben zu finden.

Das Geheimnis liegt in dem Wort „Bewusstsein“. Bei diesem Wort breitet sich Enttäuschung auf den Gesichtern aus. Bewusstsein, das ist doch ein alter Hut. Haben wir nicht seit dem Aufkommen des Feminismus und anderer Befreiungsansätze von Bewusstseinserweiterung gehört? Und die unzähligen spirituellen Bewegungen – alle versprechen sie uns ein höheres Bewusstsein. Man könnte versucht sein, das Bewusstsein mit auf den Haufen zu Bruch gegangener Ideale zu werfen, denn trotz aller aufrichtiger Bemühungen, unser Bewusstsein auf ein höheres Niveau zu heben, sucht der Schatten die Welt nach wie vor mit Krieg, Kriminalität und Gewalttätigkeit und das Leben des Einzelnen mit Schmerz und Angst heim.

Wir stehen am Scheideweg: Entweder ist das Bewusstsein eine von vielen falschen Antworten oder es ist noch nicht richtig eingesetzt worden. Ich neige zu der Ansicht, dass Letzteres zutrifft. Höheres Bewusstsein ist die Lösung, die einzig dauerhafte Lösung für die dunkle Seite der menschlichen Natur. In diesem Fall ist an der Lösung selbst nichts auszusetzen, aber bei der Anwendung muss noch nachgebessert werden. Es gibt unzählige Ansätze zur Heilung der Seele, wie es ja auch für Krebs unzählige Behandlungsalternativen gibt. Niemand verfügt jedoch über die Zeit und Energie, sie alle auszuprobieren. Entscheidend ist, dass Sie den Weg wählen, der Sie dahin bringt, wohin Sie möchten. Dazu bedarf es aber eines weitaus tieferen Verständnisses des Schattens. Bei nur oberflächlicher Betrachtung wird das Dunkle bestehen bleiben – der Schatten ist einfach kein so simpler Gegner wie eine Krankheit, ein Dämon oder selbst der Teufel. Er ist ein so grundsätzlicher, so tief in der Schöpfung verwurzelter Aspekt der Realität, dass ihm nur mit wirklich tiefgehendem Verständnis beizukommen ist.

Die Wahrheit der einen Wirklichkeit

Der erste Schritt zur Überwindung des Schattens besteht darin, dass man alle Vorstellungen vom „Überwinden“ ablegt. Die dunkle Seite der menschlichen Natur lebt von Krieg, Kampf und Konflikt. Wer vom Gewinnen spricht, hat schon verloren. Er hat sich in die Dualität von Gut und Böse hineinziehen lassen. Wenn es so weit gekommen ist, gibt es nichts mehr, was die Dualität aufheben könnte. Das Gute vermag sein Gegenteil nicht ein für allemal niederzuringen. Das ist schwer zu akzeptieren, ich weiß. In jedem Leben gibt es zurückliegende Taten, derer wir uns schämen, und es bestehen auch gegenwärtig Impulse, gegen die wir ankämpfen. Überall ringsum spielt sich unvorstellbare Gewalttätigkeit ab, Krieg und Kriminalität verwüsten ganze Gesellschaften. Verzweifelt flehen die Menschen höhere Mächte an, wieder Licht einkehren zu lassen, wo Finsternis herrscht.

Der Realist hat längst die Hoffnung aufgegeben, dass sich die gute Seite des Menschen jemals gegen die schlechte durchsetzen wird. Das Leben Sigmund Freuds, der im Hinblick auf die Psyche des Menschen sicher zu den großen Realisten zu zählen ist, endete, als die Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus über Europa hereinbrach. Er war zu dem Schluss gelangt, dass Zivilisation einen hohen und tragischen Preis fordert. Wir müssen unsere wilden, atavistischen Instinkte verdrängen, um sie in Schach zu halten, und so sehr wir uns auch bemühen mögen, wir werden damit immer wieder Schiffbruch erleiden. Die Welt erlebt Gewaltausbrüche großen Stils, aber auch im kleinen, persönlichen Bereich flammt immer wieder Gewalt auf. Diese Analyse beinhaltet etwas furchtbar Resignierendes. Das „gute Ich“ hat nur Aussicht auf ein friedliches, liebevolles, geordnetes Leben, solange das „böse Ich“ ins Dunkel verbannt und dort hinter Schloss und Riegel in Einzelhaft gehalten wird.

Realisten räumen ein, dass Verdrängung in sich selbst ein Übel ist. Wer seine Wut, seine Angst, seine Unsicherheit, seine Eifersucht oder seine sexuellen Regungen zu knebeln versucht, versorgt seinen Schatten mit immer mehr Energie, und der Schatten wird diese Energie gnadenlos für seine eigenen Zwecke nutzen. Wenn das Dunkle in Ihnen losbricht, regieren Chaos und Zerstörung.

Letzte Woche bekam ich den Anruf einer Frau, die verzweifelt einen sicheren Unterschlupf suchte. Ihr Mann war gewalttätig und alkoholabhängig, und das Problem bestand schon seit Jahren. Nach nüchternen Phasen kam es immer wieder zu Rückfällen, und dann ging er auf Sauftour. Das belastete nicht nur die Familie und seine Arbeitssituation enorm, sondern ließ auch ihn jedes Mal total erschöpft und beschämt zurück. Diesmal war er wieder für eine ganze Woche abgetaucht, und als er zurückkam, musste er feststellen, dass seine Zerknirschtheit und alle reumütigen Beteuerungen auf taube Ohren stießen. Seine Frau hatte genug und wollte nur noch weg. Er reagierte mit Gewalt. Er schlug sie, was nach ihren Worten noch nie vorgekommen war. Jetzt musste sie zusätzlich zu all dem Frust und all den Tränen auch noch um ihre Sicherheit fürchten.

Kurzfristig kann man in so einem Fall nichts weiter tun, als nach bestem Wissen Frauenhäuser und Selbsthilfegruppen zu empfehlen. Aber beim Auflegen klang der ganze Gefühlsaufruhr der Frau in mir nach und rief Gedanken über den langfristigen Gesamtzusammenhang wach. Sucht und Rückfall sind ja ein fester Bestandteil der psychologischen Landschaft geworden, aber für was stehen sie eigentlich? Ich glaube, sie sind die extreme Ausprägung eines weit verbreiteten Phänomens, nämlich des gespaltenen Ich. Ein Süchtiger vermag die Kluft zwischen dem „guten Ich“ und dem „bösen Ich“ nicht zu überbrücken. Die Taktiken des Umgangs mit der dunklen Seite sind im Normalfall mühelos zu finden. Es ist nicht schwierig, schlechtes Handeln zu verleugnen, boshafte Impulse zu vergessen, sich zu entschuldigen, wenn man böse oder zornig geworden ist, oder nach Fehlverhalten Reue zu zeigen. Bei Süchtigen jedoch greifen solche einfachen Mechanismen nicht. Die dunklen Impulse ergreifen Besitz von ihnen, und die normalen Hemmungskräfte wirken nicht. Selbst ganz schlichtes Vergnügen ist ihnen verwehrt, die inneren Dämonen untergraben und verderben es, sie spiegeln ein Wohlgefühl vor, sie erinnern den Süchtigen immer wieder an seine Schwäche und Schlechtigkeit.

Nehmen wir einmal an, diese Darstellung treffe einigermaßen zu. Es fehlen jedoch noch ein paar wichtige Zutaten. Für Süchte jeder Art spielt Gewohnheitsbildung eine große Rolle. Wichtig sind außerdem die physiologischen Veränderungen im Gehirn: Durch den Missbrauch bestimmter Substanzen werden die Rezeptoren im Gehirn durch körperfremde Stoffe so verändert, dass die normale Reaktion auf Lust und Schmerz im Laufe der Zeit zerstört wird. Allerdings ist dieser körperliche Aspekt der Sucht stark überbewertet worden. Wenn Sucht in erster Linie ein physisches Phänomen wäre, wie kann es dann sein, dass Millionen von Menschen unbeschadet Alkohol trinken oder gelegentlich Drogen nehmen? Die langfristigen Schäden sind bei ihnen geringfügig, und ein Suchtrisiko besteht offenbar so gut wie nicht. Ich möchte nicht in die hitzige Diskussion um die Sucht und ihre Ursachen einsteigen, aber mit ein bisschen Abstand betrachtet ist sicher zu erkennen, dass es sich um kein isoliertes Problem, sondern um eine Ausprägung des Schatteneffekts handelt.

Suchtbehandlung wird wenig bringen, solange wir uns nicht des Schattens annehmen und ihn entwaffnen. Genau das wollen wir alle, und deshalb möchte ich mich jetzt noch einmal dem trunksüchtigen Ehemann zuwenden, der von seiner Sauftour zurückkommt. Wir nehmen ihn hier als Beispiel für andere Ausdrucksformen des Schattens, etwa die Bereitschaft zu Wutausbrüchen, Rassenvorurteile, Sexismus und dergleichen. Deren gemeinsamer Nenner ist vielleicht nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Ein sexuell zudringlicher Chef zeigt ja kein so völlig aus dem Ruder gelaufenes Verhalten wie etwa ein Schwulenhasser, der in blinder Gewalttätigkeit Verbrechen begeht. Aber in beiden agiert der Schatten. Überall da, wo eine Seite des Ich abgespalten und als schlecht, gesetzwidrig, beschämend, schuldhaft oder falsch bezeichnet wird, gewinnt der Schatten an Kraft. Ob die dunkle Seite als brutale Gewalttätigkeit oder in milder und gesellschaftlich akzeptierter Form zum Ausdruck kommt, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass ein Teil des Ich abgespalten wurde.

Ist der „schlechte“ oder „böse“ Teil einmal abgespalten, geht ihm der Zusammenhang mit dem Ich-Kern verloren, mit dem, was wir „gut“ nennen, weil es von Gewalttätigkeit, Zorn und Angst frei zu sein scheint. Es ist das erwachsene Ich, das sich an die Welt und die anderen Menschen angepasst hat. Der trinkende Ehemann hat natürlich auch ein gutes Ich. Vielleicht ist sein gutes Ich sogar besonders nett und akzeptabel. Je stärker die dunkle Seite unterdrückt und verdrängt ist, desto leichter wird eine Persona oder Maske angelegt, die vor Güte und Licht nur so strahlt. (Daher immer wieder das von Fernsehteams so gern eingefangene Staunen von Nachbarn nach einem Amoklauf oder einem ähnlich abscheulichen Verbrechen, dass der Täter doch „so ein netter Mann“ gewesen sei.)

Ich wusste von der Frau, die sich in ihrer Verzweiflung an mich gewandt hatte, dass ihr Mann schon etliche Entzüge hinter sich hatte. Mitunter hielt das eine ganze Weile vor. Aber auch in den nüchternen Zeiten war er in sehr schlechter Verfassung. Er musste ständig aufpassen, dass ihn die Sucht nicht wieder packte. Er fürchtete den nächsten Rückfall, aber so sehr er auch dagegen ankämpfte, die Sucht holte ihn doch wieder ein. Auch in solchen Zeiten seiner scheinbaren Niederlage brauchte der Schatten nur zuzuschauen und abzuwarten.

Als ihr Mann sich einmal in der schlimmsten Phase des Delirium tremens befand, bettelte die Frau beim Arzt um ein Mittel, das die Entzugserscheinungen abmildern sollte. Dieser Arzt war jedoch ein eingefleischter Realist und sagte zu ihr: „Er muss völlig auf null kommen, das ist die einzige Hoffnung für ihn. Wenn Sie ihm jetzt seine Qualen erleichtern, helfen Sie ihm nicht.“

Das ist in Ihren Ohren vielleicht ein etwas hartherziger Ratschlag. Aber das Phänomen, „ganz auf null“, also am absoluten Tiefpunkt angekommen zu sein, ist im Suchtmilieu bestens bekannt. Das kann schrecklich riskant werden, denn wenn es dem Schatten ernsthaft ans Leder geht, verlegt er sich gern auf Selbstzerstörung. Dem Vermögen des Unbewussten, Leid zu erzeugen, sind praktisch keine Grenzen gesetzt, aber unserer Leidensfähigkeit sehr wohl. Ein Süchtiger – und jeder, der unter der Fuchtel der Schattenenergien steht – tappt im Nebel der Illusion. In diesem Nebel existieren nur das Verlangen und die entsetzliche Angst, es nicht befriedigen zu können.

Wenn diesem gefahrenvollen Weg zum Nullpunkt Erfolg beschieden ist, dann deshalb, weil der Nebel sich hebt. Endlich kommen dem Süchtigen Gedanken, die wirklich realistisch sind: „Ich bin mehr als meine Sucht. Ich möchte nicht alles verlieren. Die Angst ist überwindbar. Es muss jetzt ein Ende haben.“ Es sind Augenblicke der Klarheit, und das Heilende geht aus dieser Klarheit selbst hervor. Der Mensch durchbricht die große Versuchung der Selbstzerstörung und erkennt das Unsinnige daran. In dieser Klarheit fügt sich das Ich wieder zusammen und sieht sich ohne Scheuklappen.

Sie haben nur ein einziges Ich. Es ist Ihr wahres Ich. Es ist jenseits von Gut und Böse.

Wenn die Gespaltenheit des Bewusstseins aufhört, verliert der Schatten seine Macht. Ohne die Spaltung ist weit und breit nichts als das eine Ich zu sehen. Es gibt keine Geheimverliese und Folterkammern mehr, keine moosbewachsenen Felsen, unter denen etwas zu verstecken wäre. Das Bewusstsein sieht sich selbst. Das ist sein eigentlicher Grundzustand, und aus diesem Grundzustand können, wie wir noch sehen werden, ein neues Ich und eine neue Welt geboren werden.

Der kollektive Schatten

Jungs große Leistung besteht nicht in der Identifizierung des Schattens oder in seiner Archetypenlehre. Er zeigte auf, dass uns Menschen ein Ich gemeinsam ist, und das ist seine größte Leistung. Das „Wer bin ich?“ setzt ein „Wer sind wir?“ voraus. Menschen sind die einzigen Lebewesen, die sich ein Ich erschaffen. Kleinkinder besitzen noch kein Ich und bauen es erst im Laufe der ersten drei Jahre auf, und in dieser Zeit bilden sich die Persönlichkeit, die Vorlieben, das Temperament und die Interessen heraus. Jede Mutter kann bestätigen, dass die Zeit, in der ihr Kind ein „unbeschriebenes Blatt“ ist, sehr schnell vergeht, falls es sie überhaupt gab. Wir treten nicht als passive Empfänger von Sinnesdaten in die Welt, sondern als begierige Schöpfer. Und wenn wir erst einmal ein Einzel-Ich mit Bedürfnissen, Überzeugungen, Impulsen, Antrieben, Wünschen, Träumen und Ängsten geworden sind, ergibt die Welt plötzlich einen Sinn. Dieses „Ich, mir und mein“ hat einen einzigen Zweck, nämlich den eigenen Platz in der Welt abzustecken.

Wir alle haben ein Ich, und wir scheuen keinen Aufwand, um sein Daseinsrecht zu verteidigen. Aber unsere Schöpfung ist angreifbar. Wir alle erleben persönliche Krisen, etwa den plötzlichen Tod eines geliebten Menschen oder die Diagnose, dass wir ernsthaft krank sind. Und alles, was unser persönliches Wohlbefinden infrage stellt, wird auch als Angriff auf unser Ichgefühl empfunden. Wenn Sie Ihr Haus oder Ihr ganzes Geld oder Ihren Ehepartner verlieren, breiten sich von diesem äußeren Ereignis her Wellen der Angst und des Zweifels in Ihnen aus. Immer wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Welt in die Brüche geht, sind es in Wirklichkeit das Ich und sein Glauben, es verstünde die Welt, die zerfallen. Nach einem körperlichen oder seelischen Trauma braucht die zerbrechliche Ich-Persönlichkeit Zeit, um sich wieder zu erholen. (Und zum Glück stimmt der alte Spruch, dass Seelen nicht zerbrechen, sondern zurückfedern.)

Da wir nicht wissen, wie wir dieses Ich aufgebaut haben, an dem wir so hängen, kann es uns manches Überraschende und Erstaunliche bieten. Freud tischte uns solch eine Überraschung auf, als er sagte, das Ich habe einen verborgenen Anteil voller Beweggründe und Wünsche, derer wir uns kaum auch nur bewusst sind. Jung, Freuds bekanntestem Schüler, fiel auf, dass seinem Lehrer ein Irrtum unterlaufen war. Das Unbewusste handelt nicht in erster Linie von mir. Es handelt von uns. Die unbewussten Impulse und Beweggründe eines Menschen entstammen der gesamten Menschheitsgeschichte. Wir alle, so Jung, sind an ein von ihm so genanntes „kollektives Unbewusstes“ angeschlossen. Damit entpuppt sich der Gedanke, dass jeder von uns sein gesondertes, isoliertes Ich kreiert, als Illusion. Vielmehr haben wir dabei aus dem gewaltigen Reservoir aller menschlichen Strebungen, treibenden Kräfte und Mythen geschöpft. Und dieses gemeinsame Unbewusste ist auch der Ort, an dem der Schatten lebt.

Manche Menschen sind von eher sozialer, andere von eher unsozialer Natur, aber niemand steht außerhalb des kollektiven Ich. Das „Wir“ ruft uns ständig in Erinnerung, dass niemand eine Insel ist. Jung trug die soziale Oberfläche ab, um die verborgene Dimension des Wir freizulegen. Der Ausdruck „kollektives Unbewusstes“ mag nach Fachterminus klingen, aber das Ich, das Sie und ich mit allen anderen gemein haben, ist grundlegend für unser Leben und Überleben. Überlegen Sie einmal, in wie vielen Situationen Sie sich auf das Kollektive beziehen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen:

Wenn Sie den Rückhalt Ihrer Familie oder besten Freunde benötigen;

wenn Sie in eine politische Partei eintreten;

wenn Sie ehrenamtlich für eine Wohltätigkeitseinrichtung oder Ihre Wohngemeinde arbeiten;

wenn Sie den Entschluss fassen, für Ihr Land zu kämpfen oder auf andere Art dafür einzutreten;

wenn Sie sich mit Ihrer Nationalität identifizieren;

wenn Sie in den Begriffen von „wir gegen sie“ denken;

wenn Sie auf Katastrophen anderswo in der Welt betroffen reagieren;

wenn Sie von kollektiven Ängsten ergriffen werden.

Der Glaube, man könnte aus dem Wir aussteigen, ist reine Einbildung, auch wenn wir es alle dann und wann probieren. Wir möchten als Amerikaner oder Deutsche gesehen werden, aber nicht als hässliche Amerikaner oder Deutsche. Wir haben Sympathien für andere Ethnien, aber fühlen uns doch anders, von ihnen gesondert und für gewöhnlich besser. In einer Krise ist uns die Nähe der Familie sehr willkommen, aber ansonsten bestehen wir darauf, als Individuen mit einem eigenen Leben außerhalb der Familie zu gelten. Das Bündnis von „ich“ und „wir“ ist nicht unbedingt immer angenehm und behaglich.

Und Jung schürte das Unbehagen noch. Wenn es um den kollektiven Schatten geht, möchte keiner dazugehören, schließlich laufen in der Gesellschaft immer ein paar Dinge ab, die wir missbilligen. Aber sich zu distanzieren, ist hier sogar noch schwieriger als im Kreise der Familie. Die Familie ist die Grundeinheit oder Grundebene des kollektiven Ich, das wir hier noch relativ leicht erkennen. In der Familie kann man schon mal verlauten lassen, dass man kein verwöhntes Kind und kein rebellierender Teenager mehr ist und auch nicht so behandelt werden möchte. Da kann es dann sein, dass man sich nicht so recht gehört fühlt, vielleicht liegt der Familie auch viel daran, dass alle in den vertrauten Schubladen bleiben. Die Gesellschaft jedenfalls hat für dergleichen überhaupt kein Verständnis und duldet es nicht.

Mit unsichtbaren Klettenhaken ist die Gesellschaft in uns allen verankert. Man kann in Kriegszeiten Pazifist werden, das steht jedem frei, aber es hebt einen nicht automatisch aus dem kollektiven Schatten heraus, und in dem liegen die eigentlichen Kriegsgründe: Vorverurteilungen, Ressentiments, alte unbeglichene Rechnungen und das Gespenst des Nationalismus. Das von Jung als Bestandteil des kollektiven Unbewussten postulierte „Rassengedächtnis“ ist in Misskredit geraten, aber vielleicht existiert es doch noch, obwohl uns das Wort großes Unbehagen bereitet. Millionen finden nämlich überhaupt nichts dabei, von „typischen Männerreaktionen“ oder „Frauen am Steuer“ zu reden. Das Geschlecht ist eine Art Glaubensbekenntnis geworden, um das hitzig gestritten wird. An solchen Erscheinungen ist zu erkennen, wie sehr uns das kollektive Unbewusste am Wickel hat. An der Oberfläche mag Bürger X einer ganz anderen Fraktion angehören als Bürger Y, aber auf der Ebene des Unbewussten hängen sie zusammen wie die beiden Seilenden beim Tauziehen.

Sich dazugehörig oder nicht dazugehörig zu fühlen, ist eines der Kernthemen des kollektiven Schattens geworden. Es zeigt sich in Fragen wie:

Welche Pflichten habe ich gegenüber der Gesellschaft?

Welche gegenüber meinem Land?

Wie weit soll ich mit der Gesellschaft konform gehen oder mich abgrenzen?

Wie und wie stark bin ich mit anderen verbunden?

Was bin ich denen schuldig, denen es weniger gut geht?

Kann ich die Welt verändern?

Ihr Verstand kann nicht die ganze Antwort auf eine dieser Fragen geben, nicht einmal die am meisten zutreffende. Unter der Oberfläche rumort nämlich das kollektive Unbewusste mit Beweggründen, Vorurteilen, Frustrationen, Ängsten und Erinnerungen, die zu Ihnen gehören, weil das Wir ebenso Ihre Identität ist wie das Ich.

Wo ist der Beweis?