Mit ’ner Harley

in den Himmel

Titel der Originalausgabe:
GETTING TO HEAVEN ON A HARLEY
A ’Radical Karma’ Workbook
© 2008, Colin C. Tipping
Herausgegeben von: Global 13 Publication, Inc.
Marietta, GA 30066, USA

Vollständige E-Book-Ausgabe der bei
J.Kamphausen Verlag & Distribution GmbH
erschienenen Printausgabe

Colin C. Tipping:

Lektorat und Gesamt-

Mit ’ner Harley in den Himmel

koordination: Michael Hübener

Übersetzung:

Umschlaggestaltung,

Susanne Willmore

Typografie/Satz: Wilfried Klei

© J. Kamphausen Verlag &

Foto: olly - fotolia.com

Distribution GmbH,

Druck & Verarbeitung Printausgabe:

Bielefeld 2009

Westermann Druck Zwickau GmbH

Datenkonvertierung E-Book:

Bookwire GmbH

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

ISBN E-Book: 978-3-89901-509-6
ISBN Printausgabe: 978-3-89901-196-8

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und
sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe
sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Colin C. Tipping

Mit ’ner Harley

in den Himmel

Durch Radikale Vergebung
zur Wahrheit des eigenen
Lebens vordringen

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Einführung

Seit wir angefangen haben, abstrakt zu denken, gibt es einige fundamentale Fragen, die sich Philosophen und gewöhnliche Menschen immer wieder gestellt haben.

Die Wichtigsten von ihnen lauten:

Wer sind wir?

Was sind wir?

Warum sind wir hier?

Was ist der Sinn unseres Lebens?

Und welche Bedeutung hat der Tod?

Es ist völlig verständlich, dass wir uns vor allem auf die letzte Frage konzentriert haben, denn sie ist die einzige, die wirklich wichtig ist. Wir alle marschieren unaufhaltsam auf den Tod zu, und wer von uns macht sich keine Gedanken darüber, was wohl passieren wird, wenn es so weit ist?

Es gibt tausende von Mythen, die versuchen, das Wesen des Todes zu erklären. Aber letztlich gibt es dazu nur zwei realistische Ideen, die sich noch dazu völlig widersprechen. Die erste ist klar, einfach und direkt – NICHTS passiert. Die Anhänger dieser Theorie sagen, dass unser Tod ähnlich zu sehen ist wie der Tod eines Baums. Wenn der Saft aufgehört hat zu fließen oder der Stamm gefallen ist, erlischt auch die Lebenskraft. Ähnlich ist es beim Menschen, wenn sein Herz nicht mehr schlägt. Dieser Mythos behauptet, dass mit dem Tod das Leben ganz einfach aufhört, und der Körper in seine Einzelteile zerfällt. Ende der Geschichte.

Die zweite Theorie, die es in tausenden von Variationen gibt, beruht auf der Vorstellung, dass der Körper zwar stirbt, aber dass die Seele – also die spirituelle Essenz der Person, die existierte, bevor es überhaupt einen Körper gab – im Jenseits weiterlebt. Auch hier gibt es die unterschiedlichsten Sichtweisen: Je nachdem wie wir uns verhalten haben, kommen wir dann entweder in den Himmel oder die Hölle. Dies ist der einfachste und deshalb wahrscheinlich auch der von allen am meisten akzeptierte Mythos. Am anderen Ende dieser Skala finden wir im Tibetischen Totenbuch sehr anspruchsvolle und geheimnisvolle Erklärungen, die tief in das Wesen des Todes vordringen.

Egal wie wir es sehen, es ist eine Tatsache, dass keiner mit Bestimmtheit sagen kann, was nach unserem körperlichen Tod wirklich passiert. All unsere Vorstellungen über den Tod und das Jenseits sind einfach nur Annahmen. Manche sind sehr simpel oder fast schon albern, andere haben für die Menschen je nach kulturellem Hintergrund eine enorme intellektuelle, emotionale oder spirituelle Bedeutung. Zu allen Zeiten haben große Philosophen Mythen gefunden, die ein akzeptables Jenseits für die Seele glaubhaft machen, und natürlich gründen sich auch die meisten Religionen auf die Grundannahme, dass die Seele ewig ist.

Auf einer mehr prosaischen Ebene findet man die spannendsten ‚Beweise‘ für ein Leben nach dem Tod in der zugegebenermaßen äußerst subjektiven (und von der Wissenschaft gern belächelten) Literatur über das Phänomen des Nahtodes.

Wie der Name schon sagt, bezieht sich die Nahtod-Erfahrung auf einen Zustand, in dem der Mensch klinisch tot war, dann aber ins Leben zurückgekehrt ist und darüber sprechen kann, was passiert ist, als er (körperlich) tot war. Das Auffallendste an all diesen weltweit auftretenden Berichten ist ihre frappierende Ähnlichkeit. Alle beschreiben ziemlich genau dasselbe: Die jeweilige Person wurde in einen Tunnel strahlend weißen Lichts gezogen und näherte sich dabei immer mehr einer Art liebevoller Präsenz. Oft wurde sie dabei auch von kürzlich verstorbenen Angehörigen begrüßt. Der gemeinsame Aspekt in jeder dieser Geschichten zeigt sich in der Aussage, dass von dieser Präsenz eine starke Liebe ausging. Oftmals fühlten sich die Menschen weit mehr geliebt und angenommen, als zuvor im Leben. Fast alle berichten, dass sie ihre Aufgabe hier auf Erden noch nicht erledigt hätten und deshalb zurückkehren mussten. Die Liebe, die sie in diesen Gefilden verspürt hatten, war so überwältigend, dass sie am liebsten in dieser Dimension geblieben wären, aber sie hatten keine Wahl.

Manche gingen noch ein Stück weiter und haben berichtet, dass sie durch einen Prozess der Lebensrückschau gegangen sind. Sie erzählen, dass man ihnen einen Film über ihr Leben gezeigt habe, damit sie die Konsequenzen jeder Entscheidung erkennen konnten. Aber niemand hat von ihnen verlangt, dass sie darüber urteilen sollten. Es gibt nicht einen einzigen Bericht über eine Bestrafung. Und niemand je hat die Hölle erwähnt.

Auch wenn einige Wissenschaftler ihr Bestes versucht haben, die Nahtod-Erfahrung rational oder neurologisch zu erklären, kommen wir hier schnell an die Grenzen der Glaubwürdigkeit. Die Wissenschaft ist offensichtlich nicht dafür vorgesehen, spirituelle Phänomene zu erklären. Und meines Wissens gibt es bisher auch keinen bestätigten Bericht darüber, dass jemand die Reise in den Tunnel zum Licht auf einer Harley Davidson gemacht hat.

Aber schließlich ist ja alles möglich. Wenn du gleich die folgende Geschichte liest, wirst du es miterleben…

In Teil Eins dieses Buchs hat mein Hauptdarsteller Steve Parker einen tödlichen Motorradunfall. Und nach einigen Abenteuern in der Zwischenebene mit einem anderen, ebenfalls toten Kerl, rast er auf seiner Harley Davidson durch den besagten Lichttunnel. Die Ironie des Ganzen besteht darin, dass Steve nicht nur eine lebenslange Fixierung auf Harley Davidson Motorräder hatte, sondern dass sein Reinkarnationsengel, mit dem er seine Lebensrückschau durchläuft, ebenfalls Harley heißt. Auch er war, bevor er Engel wurde, ein Fan dieser Marke.

Harley führt Steve also durch seine Lebensrückschau, und dabei trifft Steve auf seine Seelenkameraden. Das sind Seelen, mit denen er vor dieser Inkarnation Vereinbarungen getroffen hatte und die ihm demzufolge in diesem Leben begegnet waren, wobei jeder von ihnen sich an seinen Teil der Abmachung gehalten hat. Andere waren Seelen, die ihn in diesem Leben „von der anderen Seite aus“ unterstützt haben.

Ich erzähle die fiktive Geschichte, um den Kern der Radikalen Vergebung bildhaft lebendig werden zu lassen. Allerdings werde ich das Konzept der Radikalen Vergebung in diesem Buch nur soweit erklären, wie es für den Leser von Bedeutung ist. Wenn du mehr dazu wissen möchtest, lies bitte zuerst mein Buch „Ich vergebe“. Die Grundprinzipien der Radikalen Vergebung findest du zusätzlich auch im Vorwort von Teil Vier auf Seite 194 dieses Buches.

Teil Zwei und Drei handeln von DIR! Darin wirst du gebeten, dir vorzustellen, wie deine radikale Lebensrückschau aussehen könnte, wenn du sie jetzt machen würdest. Und zwar nicht unter der normalen Prämisse, dass du Fehler gemacht hast, dass du anderen Schaden zugefügt hast, dass dir schlimme Dinge zugestoßen sind etc., sondern vom Standpunkt der Radikalen Vergebung aus, dass alles perfekt war und unter göttlicher Führung geschehen ist. Als Nächstes bekommst du dann die Gelegenheit, das Modell zu benutzen, um einen Plan zu entwerfen, wie du dein Leben von diesem Punkt aus neu gestalten könntest. Die Werkzeuge, die du hierzu einsetzen kannst, findest du übersichtlich im Teil Vier.

Ich hoffe, dieses Buch wird dir helfen, die anfangs gestellten Fragen selbst zu beantworten:

Wer bin ich? Warum bin ich hier? Worin liegt der Sinn meines Lebens? Und was werde ich als Nächstes tun?

Darüber hinaus bin ich mir absolut sicher, dass du es genießen wirst, dein Leben als vollkommen perfekt und vom Göttlichen geleitet zu sehen.

Colin Tipping, 2009

TEIL I

Steve Parkers
Geschichte

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1: Mit dem Ende anfangen

Endlich war ich tot. Unter diesen Umständen war es eine echte Überraschung, dass der Tod so leicht gekommen war. Da ich ja nicht wusste, was geschehen würde, waren die letzten Minuten für mich ziemlich schmerzhaft und beängstigend gewesen, und das, obwohl ich nur halb bei Bewusstsein war. Die Leute um mich herum hatten alles getan, um mein Leben zu retten. Aber es war wohl zu spät. Der Unfall war einfach zu heftig gewesen.

Und da stand ich nun, im Inneren unversehrt und total losgelöst. Ich beobachtete die Szene ohne Emotion und erstaunlich ruhig. Mein Körper war völlig zerschmettert, beide Beine ausgerenkt, das Rückgrat mehrmals gebrochen. Mein Kopf, mit dem Zopf aus grauen Haaren, war in einem merkwürdigen Winkel verdreht, und überall war Blut. Kein hübscher Anblick! Der desaströse Zustand meines Motorrads ließ erahnen, wie schnell ich gefahren war, als ich die Kontrolle über die Maschine verloren hatte, ins Schleudern gekommen und gegen den Baum geprellt war. Ich schätze so um die 160 km/h.

Wie schon so oft hatte ich versucht, durch die Raserei meinem Ärger Luft zu machen. Dies war einer der vielen Ventile, die ich benutzte, um mit meiner Wut und dem darunter liegenden Schmerz fertig zu werden. Auf dem Motorrad zu fahren und mir den Wind um die Nase wehen zu lassen, gab mir ein Gefühl der Freiheit. Das war meine Art, mich auszutoben. Aber dieses Mal hatte ich eindeutig den Preis dafür gezahlt…

Plötzlich fuhr ein Krankenwagen vor. Die Scheinwerfer leuchteten grell. „Vergesst es, Leute“, sagte der Polizist, der erstaunlich rasch am Unfallort erschienen war, gemeinsam mit anderen, die helfen wollten. „Der ist nicht mehr zu retten.“

Die Sanitäter warfen einen Blick auf mich, der ältere der beiden nickte nur. „Der Typ muss höllisch schnell gefahren sein“, sagte er und betrachtete zuerst meinen zerstörten Körper und dann die noch kaputtere Maschine. „Diese Ecke war schon immer heimtückisch. In den letzten Jahren haben wir schon einige Raser vom Pflaster gekratzt, aber unsere lieben Bürokraten fühlten sich wohl noch nicht genötigt, die Straße sicherer zu machen.“

„Ich werde einen Bericht schreiben“, erwiderte einer der beiden Polizisten sarkastisch und beobachtete die Sanitäter bei der unangenehmen Aufgabe, meinen blutigen, verbogenen Körper auf eine Bahre zu hieven. „Ich habe seine Brieftasche, daher wissen wir wenigstens, wie er heißt. Einer von uns wird es wohl den Angehörigen mitteilen müssen. Ich hasse sowas. Hoffentlich erwischt’s mich nicht!“

„Verschwindet, Leute. Hier kann man nichts mehr ausrichten“, sagte er zu all den hilfsbereiten Leuten, die stehengeblieben waren und versucht hatten, mich zu retten. „Fahrt weiter – aber fahrt vorsichtig!“

„Der war nicht mehr ganz taufrisch“, bemerkte der jüngere Polizist, als die Menge sich zerstreut hatte. „Eigentlich hätte er längst ins Altersheim gehört. Tragisch, findest du nicht? Da arbeitete so einer jahrelang für die Pensionierung, und dann – puff! Weg ist er. Das gibt einem schon zu denken.“

„Mmmhh“, stimmten beide Sanitäter zu. Sie hatten eindeutig keine Lust, länger darüber nachzudenken. Schließlich hatten sie einen Job zu erledigen, und der wurde durch Nachdenken bestimmt nicht leichter.

„Ich nehme an, ihr holt einen Abschleppwagen für das Motorrad, okay?“ fragte der ältere von beiden, der die Sache rasch hinter sich bringen wollte.

In diesem Moment hatte ich das starke Bedürfnis, mich ihnen bemerkbar zu machen. Ich fragte mich sogar, ob ich wirklich tot war, oder ob ich vielleicht nur träumte oder eine außerkörperliche Erfahrung hatte. „Hey, das ist mein Körper, den ihr da habt“, rief ich den Sanitätern zu, als sie mich in den Krankenwagen luden. Ich verspürte Panik bei dem Gedanken, von meinem Körper getrennt zu sein. „Nehmt mich mit“, flehte ich sie an.

Keine Antwort.

Der Krankenwagen und der Polizeiwagen fuhren genau dann weg, als der Abschleppwagen kam und das Wrack abholte, das einmal mein ganzer Stolz gewesen war. Ich fühlte mich total allein und verlassen.

Der Verkehr begann wieder, ganz normal zu fließen. Autos und Lastwagen brausten vorbei. Die Insassen und ihre Beifahrer hatten glücklicherweise keine Ahnung davon, dass ich erst vor wenigen Minuten genau an dieser Stelle gestorben war. Die einzigen Hinweise für den Unfall waren die dunklen Blutlachen. Aber selbst die verschwanden langsam durch den Nieselregen, der inzwischen eingesetzt hatte…

Als der Verkehr wie selbstverständlich vorbeirauschte, ohne meine Gegenwart zu bemerken, verspürte ich ein überwältigendes, vernichtendes Gefühl von Getrenntheit und Einsamkeit. Ich war abgeschnitten von meiner menschlichen Existenz, trotzdem sehnte ich mich verzweifelt danach, wieder mit meinem Körper verbunden zu sein. Ich wollte in mein Leben zurückkehren, wieder mit meiner Frau und den Kindern sprechen und ihnen sagen, wie leid es mir tat, dass ich ein solcher Mistkerl gewesen war und dass ich es wieder gutmachen wollte. Das Mitgefühl, das ich in diesem Moment für sie empfand, war überwältigend.

Besonders große Sorgen machte ich mir um Verna, meine jetzige Frau. Verna war groß und schlank. Sie hatte braune Augen und langes, dunkles Haar, das sie die meiste Zeit als einen Pferdeschwanz trug – eine wirklich hübsche Frau. Wir waren seit zehn Jahren verheiratet, aber die Beziehung war nicht einfach. Trotz der Tatsache, dass wir dieselben geistigen Grundüberzeugungen hatten und unser Bestes taten, um sie auch zu leben, gab es immer wieder Spannungen. Ich wurde sehr schnell aufbrausend, was sie sofort in die Defensive trieb. Ihr früherer Mann hatte sie körperlich misshandelt, deshalb reagierte sie auch auf diese Weise, wenn mein Temperament mit mir durchging. Verschlimmert wurde das Ganze noch durch ihr Wissen, dass der Grund meines Ärgers im Tod der Frau begründet war, mit der ich vor ihr verheiratet war.

Aber trotz alle dem verband uns eine große Liebe, und ich wusste, dass mein plötzlicher Unfalltod sie hart treffen würde. Sie hing sehr an mir und würde sich ohne mich bestimmt ziemlich verloren und einsam fühlen. Ich sehnte mich danach, ihr zu sagen, wie sehr ich sie liebte und wie leid es mir tat, dass ich meinen Ärger so oft an ihr ausgelassen hatte.

Kurz bevor ich meine verhängnisvolle Fahrt auf der Harley angetreten hatte, war ich wütend aus dem Haus gestürmt und hatte Verna ohne ein Wort einfach stehen gelassen. Wenn ich nur zurückkehren und ihr sagen könnte, wie sehr ich sie liebte und dass es nichts mit ihr zu tun hatte! Es hing nur mit Susann zusammen.

Susann war meine zweite Frau, wirklich und wahrhaftig die Liebe meines Lebens. Schon vom Äußeren her war sie das Gegenteil von Verna. Sie war zierlich und hatte kurzes, blondes Haar. Ihre Augen waren unglaublich grün, sie funkelten und glänzten die ganze Zeit. Von Beruf war sie Tänzerin. Wir waren unzertrennlich und hätten am Liebsten unser ganzes Leben miteinander verbracht. Das wussten wir beide. Als ich sie heiratete, war ich 35, und sie 27 Jahre alt. Sieben Jahre später, mit 34, war sie tot. Ich war total am Boden zerstört. In Nullkommanichts ging es mit mir deutlich bergab – Alkohol, Drogen, beliebiger Sex und ein Projekt nach dem anderen, wie man schnell reich werden konnte, machten die nächsten sechs Jahre mein Leben aus. Ich war total am Ende und kurz davor, den Löffel abzugeben.

Aber genau in dieser Zeit begann ich, nach dem Sinn in meinem Leben zu suchen. Ich musste etwas finden, an dem ich mich festhalten, das den Schmerz über Susanns Verlust lindern und ihrem Tod eine Bedeutung geben konnte. Ohne das, so war mir klar, würde ich mich völlig ruinieren. Ich stand sowieso kurz davor. Aber eines Tages schickte mir ein Freund ein Buch mit dem Titel „Ich vergebe“. Ich legte es lange Zeit weg – habe es nicht einmal angefangen zu lesen. Aber dann, nach einer schrecklichen Nacht im Alkoholrausch, nahm ich es mir vor und fing an, darin zu blättern. Und dann konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Dieses Buch rückte alles in meinem Leben ins rechte Licht, es war der Beginn meiner Heilung. Im Grunde genommen hat es mir das Leben gerettet.

Meine Kinder stammten aus meiner ersten Ehe. Ich heiratete June, als ich in der Navy war. Damals war ich erst 22 und noch viel zu unreif, um Verantwortung für eine Familie zu übernehmen. Ich spielte mit anderen Frauen herum – eine in jedem Hafen, wie man so sagt – daher war unsere Ehe von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Wir bekamen schnell zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen. Aber mein Leben schwankte wie ein Schiff auf hoher See. Ich verließ die Navy und konnte keinen Job länger als ein paar Monate durchhalten. Unser drittes Baby starb an SIDS – plötzlichem Kindstod.

Man gab der Krankheit zwar einen Namen, aber niemand wusste, was der Grund dafür war, und das machte die Sache nur noch schlimmer. June gab sich selbst die Schuld dafür, und sie kam nie richtig darüber hinweg. Sie wurde sehr depressiv und unnahbar. Ich wusste einfach nicht, was ich mit ihr machen sollte. Daher wurden die Dinge ziemlich unangenehm, und nach zehn Ehejahren ließen wir uns scheiden.

Natürlich waren die Kinder am Boden zerstört, sie haben mir auch nie richtig verziehen. Ich verschwand fast völlig aus ihrem Leben und nahm erst dann wieder Verbindung mit ihnen auf, als ich das Buch „Ich vergebe“ gelesen und meine Reise in Richtung Heilung und Ganzwerdung begonnen hatte. Keines der Kinder wollte etwas mit mir zu tun haben, und ich kann es ihnen nicht einmal übelnehmen.

Aber was, überlegte ich mir, würden sie sagen wenn sie hörten, dass ich gestorben war? Würden sie sich wünschen, mir vergeben zu haben? Würden sie anfangen, sich zu fragen, wer ihr Vater war, nun, da ich nicht mehr am Leben war? Ich wünschte mir sehr, zurückkehren und Verbindung mit ihnen aufnehmen zu können. War es möglich, dass sie dasselbe empfanden?

Noch während ich den starken Drang verspürte, das Durcheinander in meinem Leben zu ordnen, bemerkte ich plötzlich ein heftiges Ziehen in genau die andere Richtung. Zu diesem Zeitpunkt verstand ich noch nicht, was dies zu bedeuten hatte. Aber später erkannte ich, dass es eine Einladung war, mich auf das Licht hin zu bewegen. Doch dafür war ich noch nicht bereit.

„Hey!“

Der Besitzer dieser Stimme erschien aus dem Nichts. Ungepflegt, voller Dreck und obwohl er mit getrocknetem Blut überschmiert war, trug er noch immer einen Anzug, ein weißes Hemd und eine Krawatte. Die Krawatte war zwar gelockert, aber dennoch am richtigen Platz. Er war von mittlerer Größe und trotz seines fortgeschrittenen Alters relativ schlank. Er sah so aus, als hätte er viel Sport getrieben und sein Äußeres gut gepflegt. Unter der Schmutzschicht ließ sich erkennen, dass er wahrscheinlich ein gutaussehender Mann war. Ich schätzte ihn auf etwa 60 Jahre, also nicht viel jünger als mich.

„Du auch hier?“ fragte er.

„Naja, du bist nicht der Erste, den es in dieser Kurve gerissen hat. Ich bin auch einer von denen. Hier sind schon ’ne Menge Leute gestorben. Ehrlich gesagt, hab ich dich auf deiner Harley kommen sehen. Ich wusste, was passieren würde. Es war nicht zu vermeiden. Ich hab die ganze Sache beobachtet. Wirklich sehr dramatisch. Warst du betrunken?“

„Nein“, gab ich schnell empört zurück.

„Bekifft?“

„Nein, ich war auch nicht bekifft. Einfach nur total geladen vor Wut!“

„Das ist dasselbe“, erwiderte er. „Wut ist nur eine weitere Sucht. Jede Sucht wird dich am Ende erledigen. Ich war hackebreit, als ich in meinem neuen Jaguar aus dieser Kurve getragen wurde. War auch sofort tot, aber es hat ’ne Weile gedauert, bis es mir klar wurde. Ich habe versucht, mit allen zu reden, doch sie haben mich weder gesehen noch gehört, was mich noch wütender gemacht hat. Ich dachte, sie würden mich ignorieren, weil ich so betrunken war. Aber schließlich hab ich‘s kapiert, dass ich tot bin. Das war vielleicht ein Schock!“

„Wie lange ist das her?“

„Keine Ahnung. Kann ich nicht sagen. Fühlt sich an wie ’ne Ewigkeit, aber für mich hat die Zeit aufgehört, deshalb weiß ich’s auch nicht. Meine Armbanduhr ist zum Zeitpunkt meines Todes stehengeblieben.“

Ich sah auf meine Armbanduhr und bemerkte, dass das bei mir auch der Fall war. Wahrscheinlich existiert auf dieser Seite die Zeit nicht. Als ich den Typ betrachtete, wurde ich plötzlich sehr traurig. Er schien irgendwie gefangen zu sein oder festzusitzen. Sofort machte ich mir Sorgen, dass ich in derselben misslichen Lage sein könnte. Noch immer spürte ich das geheimnisvolle Ziehen, das mich in mir unbegreifbare Dimensionen katapultieren wollte. Aber ich hatte auch das Gefühl, als wäre ich ebenfalls gefangen.

„Warum bist du immer noch hier?“ fragte ich nervös.

„Wegen dem da – glaube ich.“ Er zeigte auf ein weißbemaltes Kreuz, das in den Boden gerammt worden war. Es war geschmückt mit Plastikblumen, Muscheln, Fotos und anderen Erinnerungsstücken. Auf den waagerechten Balken des grob gezimmerten Kreuzes war der Name Joseph gemalt worden. „Sieht so aus, als wär ich an das Ding gefesselt. Es lässt mich nicht los. Sie lassen mich nicht los.“

„Wen meinst du mit sie?“

„Meine Familie. Sie kommen einfach über meinen Unfalltod nicht weg und klammern sich an mich. Fast jeden Tag fahren sie an diesem Kreuz vorbei und drosseln dann das Tempo. Das müssten sie zwar sowieso tun wegen der Kurve, aber sie machen dann immer so traurige Mienen.“

„Sie müssen dich sehr geliebt haben“, bemerkte ich.

„Ach was! Sie sagen zwar, sie würden mich lieben, aber in Wirklichkeit geben sie mir die Schuld an dem Unfall, wegen dem Alkohol. Meine Frau ist wie du – voller Aggressionen. Auf diese Art zeigen sie ihren Kummer, aber sie erkennen nicht, dass mich ihre Reaktion hier auf der irdischen Ebene gefangen hält – oder, um genauer zu sein, auf der astralen Ebene, auf der du und ich uns gerade befinden. Das ist zwar nur eine Ebene über der irdischen Sphäre, aber noch nicht in der Welt des Göttlichen. Eine Art Niemandsland. Wir sind zwischen zwei Welten, du und ich, Mister. Aber wenn du schlau bist, bewegst du dich schnell hin zum Licht, über das sie alle reden, bevor deine Familie auch solche Sachen macht, die dich hier gefangen halten.“

„Vielleicht sitzt du ja gar nicht so fest, wie du glaubst“, überlegte ich. „Vielleicht hält dich nur deine eigene Scham zurück. Du hast doch bestimmt Angst, von anderen beurteilt zu werden, oder? Zur Hölle geschickt zu werden wegen deiner Alkoholexzesse und dem ganzen anderen Mist, den du gebaut hast?“

Obwohl keiner von uns beiden ein Bewusstsein der Zeit hatte und daher auch nicht sagen konnte, wie lange Joseph schon von unsichtbaren Fäden festgehalten wurde, die ihn durch das Mahnmal an seine Familie gebunden hielten, fiel mir auf, dass das Holz bereits einen Grünstich hatte und die Farbe langsam abblätterte. Das Kreuz war also bereits vor mehreren Monaten errichtet worden. Auch die Fotos waren schon recht vergilbt und wellten sich. Das Einzige, was sich nicht verändert hatte, waren die Plastikblumen. Da sie nicht vergehen konnten, leugneten sie den Tod und die Verwesung. Dadurch schenkten sie denen, die Tag für Tag an dieser Stelle vorbeifuhren, eine Art perversen Trost. Echte Blumen wären schon lange zerfallen und hätten so den Tod von Joseph P. Noland bestätigt. Plastikblumen hingegen verlängerten seine Qual und hielten ihn immer noch gefangen.

Er saß eine Weile schweigend da und dachte nach. Dann drehte er sich um und betrachtete lange das Kreuz, wobei er seinen Kopf arg verdrehen musste. „Kann schon sein. Auf jeden Fall hat man versucht, mich als Kind mit Religion vollzustopfen, so dass ich als Erwachsener dann nichts mehr damit am Hut hatte. Gott war für mich ein zorniger, nachtragender alter Mann, der mich ohne Weiteres in die Hölle schmeißen würde, wenn ihm meine Sünden zu heftig waren. Mein mieser alter Herr hat mir das jedenfalls so eingeimpft. Naja, gesündigt habe ich wirklich ’ne Menge, das muss ich zugeben. Am schlimmsten war es mit dem Alkohol, aber ich hab auch oft Ehebruch begangen. Mit Frauen, die das Ganze nicht so eng sahen – manchmal sogar auch mit Prostituierten. Es waren vor allem verheiratete Frauen, die konnte man am leichtesten mit ein paar netten Worten und teuren Geschenken verführen. Hab mir eigentlich selten Gedanken darüber gemacht, obwohl ich mit einer wirklich tollen Frau verheiratet war. Inzwischen fühl ich mich ziemlich mies deswegen. Ich weiß, dass ich ihr damit weh getan habe. Denn sie wusste ja Bescheid über meine Seitensprünge. Sie hat nie etwas gesagt, obwohl sie mich beim dritten Mal auf frischer Tat erwischt hat. Danach hat sie mich wohl aufgegeben, ist aber trotzdem bei mir geblieben. Keine Ahnung, warum. Vielleicht wegen des Geldes. Ich hab immer ordentlich Schotter nach Hause gebracht, und es hat ihr an nichts gefehlt. Ich hab sie nie knapp gehalten, Ehrenwort!“

Er blieb noch eine Weile schweigend sitzen. Ich hätte nicht zu sagen vermocht, ob er wehmütig an seine sexuellen Eroberungen dachte oder darüber nachsann, ob er wohl einen hohen Preis für seine Verfehlungen zahlen musste, wenn er erst mal vor dem Himmelstor stehen würde.

„Ich glaube, du hast recht“, sagte er und wandte mir den Kopf nur halb zu, damit er mich nicht direkt anschauen musste. „Ich hab echt Bammel vor dem Urteil. Bestimmt komm ich direkt in die Hölle. Von daher sollte ich mich besser genauso wegstehlen, wie die anderen beiden Typen, die vorher hier waren. Sie hatten wohl das gleiche Problem. Der eine war ein Kinderschänder, der andere ein Mörder. Ihre Chancen, in den Himmel zu kommen, sind wohl auch nicht besser als meine.“

„Was haben sie gemacht?“ erwiderte ich und fragte mich, wie hoch wohl meine Chancen sein würden. Besonders optimistisch war ich da nicht. Ich war zwar kein solcher Mistkerl gewesen wie Joseph oder die beiden Männer, die er erwähnt hatte, aber ein Engel war ich auch nicht. In meinem Leben hatte ich ’ne Menge Unsinn gemacht und viele Menschen verletzt. Ich habe eine Frau geheiratet, die ich nicht hätte heiraten sollen, hatte mit ihr zwei Kinder und habe sie dann nach zehn Jahren sitzen lassen. Auch meine Kinder hab ich ziemlich vernachlässigt. Damals kannten sie mich nicht richtig, und heute würden sie mir nicht mal guten Tag sagen. Ich war so verstrickt in mein eigenes Leben, dass ich nicht viel an sie gedacht habe. Warum sollten sie sich also jetzt im Alter um mich kümmern? Ich fragte mich, wie sie wohl reagieren würden, wenn sie von meinem Tod erfuhren. Wahrscheinlich dachten sie, es wäre gut, dass sie mich los sind. Meine zweite Frau, die Liebe meines Lebens, ist an Krebs gestorben. Da ich nicht allein sein wollte, habe ich Verna geheiratet, meine dritte Frau. Mit ihr bin ich jetzt seit zehn Jahren zusammen, aber ich habe auch sie nicht gut behandelt. Ich war extrem wütend darüber, dass ich Susan verloren hatte, und das habe ich an Verna ausgelassen. Unglaublich, wie wütend ich war! Und kaum hatte ich angefangen, darüber hinwegzukommen, die Liebe zu Verna und einen Job zu finden, der mir Spaß machte, hat es mich in dieser Kurve erwischt. Verdammt!