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Vollständige E-Book-Ausgabe der bei
J.Kamphausen Verlag & Distribution GmbH
erschienenen Printausgabe

Wolf W. Lasko:

Umschlaggestaltung: Wilfried Klei

Jammere nicht, handle

Typografie/Satz: KleiDesign

© J. Kamphausen Verlag &

Druck & Verarbeitung Printausgabe:

Distribution GmbH, Bielefeld 2010

Westermann Druck Zwickau GmbH

Datenkonvertierung E-Book:

Lektorat: Stephanie Ehrenschwendner

Bookwire GmbH

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

ISBN E-Book: 978-3-89901-520-1
ISBN Printausgabe: 978-3-89901-267-5

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und
sonstige Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe
sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

WOLF W. LASKO

JAMMERE NICHT,

HANDLE

In 7 Schritten aus der Krise

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Einleitung

Hören Sie auf zu jammern oder die Schuld bei anderen zu suchen. Wachen Sie auf und handeln Sie. Wenn irgendwann Ihr Leben auf dem Zentralfriedhof die letzte Runde dreht, ist dies biologisch in Ordnung, aber bereits im Unternehmen zu sterben an Frust und Langeweile oder deprimiert durch Machtspiele, ist eine Tragödie. Es reicht nicht, nur körperlich an Ihrem Arbeitsplatz präsent zu sein, diese freizeitorientierte Schonhaltung in einem wohltemperierten Leben nach dem Motto: „Mir geht es vergleichsweise gar nicht so schlecht …“ ist ebenso unprofessionell wie tödlich.

Die Lösung liegt nicht darin, Ihr Unternehmen zu verändern, denn das wird Ihnen nicht gelingen. Auch der Wechsel zu einem anderen Unternehmen wird Ihr Problem nicht beheben, denn das Skript ist auch an einem anderen Ort dasselbe. Auch Auswandern nach Bali hilft nicht …, denn Sie nehmen sich ja immer mit, egal wohin Sie gehen. Bleiben Sie, wo Sie sind, und machen Sie dort das Beste daraus.

Aber wie, fragen Sie sich an dieser Stelle vielleicht. Dieses Buch ist nicht für Problemfälle geschrieben, sondern für erfolgreiche Menschen, die mehr vom Leben haben wollen, während sie ihrer Arbeit nachgehen. Mit den folgenden sieben Experimenten möchte ich Sie einladen, Ihre Denkstrukturen neu zu sortieren. Lassen Sie sich auf diese Diskurse des Nachdenkens ein: Passion, Courage, Creation, Choice, Resonance, Commitment und Mission – sieben Wachmacher in kristallisierter Form.

Leben heißt Veränderung. In jeder Sekunde unseres Lebens bieten sich Gelegenheiten, um das Schlechte zum Guten und das Gute zum Besseren zu wenden. Es gibt kein Falsch und Richtig, es gibt nur ein Anders. Darüber nachzudenken lohnt sich – und zwar aktiv, also bevor es zu einer Krise oder Katastrophe kommt.

Sieben Räume des Reflektierens gilt es zu durchschreiten. Alle Räume zusammen bilden ein Ganzes, ein Haus, in dem die Kunst des Lebens geübt wird. Schauen sie in die Räume hinein. Experimentieren Sie. Wagen Sie den ersten Schritt in das Neuland Ihrer Gedankenwelt und entdecken Sie Ihren eigenen Weg.

Begeben Sie sich auf die Suche nach außergewöhnlichen Antworten. Gehen sie wissenschaftlich an die Sache heran. Das Forschungsprojekt sind Sie selbst. Vergeuden Sie keine Zeit.

Wolf W. Lasko

1 Passion

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Bevor Sie jetzt munter draufloslesen: Stopp! Legen Sie dieses Buch erst einmal wieder zur Seite und überlegen Sie, was „Passion“ für Sie bedeutet. Denken Sie an Leidenschaft, an leidenschaftliche Hingabe, die ohne Rücksicht auf Verluste Erfüllung sucht? Etwa wie Fitzcarraldo in dem gleichnamigen Film, der die Erfüllung seiner Passion darin sah, im peruanischen Dschungel ein Opernhaus zu bauen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass Menschen dabei ihr Leben lassen mussten. Vielleicht denken Sie auch an Romeo und Julia oder an die leidenschaftliche Zuneigung des alternden Goethe zu der blutjungen Ulrike von Levetzow. Das alles sind wahrlich keine erfreulichen Leidenschaften, eher solche, die tatsächlich Leiden schaffen.

Leidenschaft ist nicht gleich Leidenschaft. Im Kontext dieses Buches bezeichnet Leidenschaft – Passion – die intensive Verfolgung von Zielen, ohne jedoch von zerstörerischen Begierden und Besessenheiten, von destruktiven Handlungen und Gefühlen begleitet zu sein. Vielmehr ist sie erfüllt von Freude, Begeisterung, Kreativität und Spaß an allem, was der Passion dient.

Die intensive Beschäftigung mit individuellen Interessen, die das Leben lebenswert und erfüllend erscheinen lassen, das ist die Art Passion, um die es hier geht. Ob es sich dabei um berufliche Ziele handelt, um das Sammeln wertvoller Briefmarken oder um den Herzenswunsch, alle 8.000er der Welt zu bezwingen, das spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist, dass die Passion mit der puren Lust zu leben einhergeht. Die Passion, um die es hier geht, dient dem begeisterten Leben und dieses Leben dient der begeisternden Passion.

Ein ganz wesentlicher Unterschied zu der Leiden schaffenden Passion ist auch, dass sie sich nicht vornehmlich auf den angestrebten Erfolg oder Besitz konzentriert. Zwar ist sie auch ergebnisorientiert, doch gilt hier eher der weise Spruch: Der Weg ist das Ziel. Die Passion ist wegweisend, und der Weg wird mit Freude, Begeisterung und Power gegangen – auch wenn eine ungünstige Richtung eingeschlagen wurde oder Stolpersteine hin und wieder das Weiterkommen erschweren.

Das 79/21-Gesetz oder die Verhältnismäßigkeit der Vollkommenheit

Es scheint ein Lebensgesetz zu geben, das in fast allen Bereichen unseres Seins Gültigkeit hat: das so genannte 79/21-Gesetz. Dieses Gesetz besagt, dass in den meisten Fällen 79 Prozent einer Situation als perfekt und 21 Prozent als eben nicht perfekt bewertet werden können. Die 21 Prozent sind in diesem Fall natürlich kein feststehender Wert, sie sind nur eine Metapher für das, was zur hundertprozentigen Perfektion fehlt. Und was ist schon hundertprozentig? Nichts im Leben ist hundertprozentig! Hundertprozentige Vollkommenheit ist reine Träumerei. Andererseits: Kaum etwas ist ausgeglichen fünfzigprozentig, halbe-halbe.

Beziehen Sie dieses Gesetz einmal auf Ihr privates Leben: Als Sie Ihren Lebenspartner kennenlernten, herrschte anfangs sicher nur eitel Sonnenschein: Zu 100 Prozent waren Sie verliebt! Und was ist jetzt? Einige Jahre sind vielleicht vergangen, und Sie haben Ihren Partner besser kennengelernt. Sie wissen inzwischen um seine Mucken und Macken, und siehe da: Es ist nicht alles pures Gold, was glänzt. In Prozenten ausgedrückt: 79 Prozent definieren das Niveau tiefen Erlebens, 21 Prozent sind der Teil, den Sie als weniger angenehm empfinden.

Das Gleiche gilt für den Job. Die 79 Prozent stehen dafür, dass Sie mit vollem Herzen in Ihrem Job sind. Das Produkt, die Karriereaussichten, die Mitarbeiter, Gehalt und Status – alles passt. Sie sind zwar nicht jeden Tag happy, aber das, was Sie tun, ist Ausdruck Ihrer Bestimmung. Die 21 Prozent repräsentieren den Teil, der Ihnen im Beruf nicht gefällt.

Betrachten Sie Ihre Freunde, Ihre Hobbys, Ihr Zuhause, den Urlaub – Sie werden das 79/21-Gesetz überall entdecken können: 79 Prozent einer Situation empfinden wir als positiv und 21 Prozent als negativ.

Entscheidend ist, dass wir die 21 Prozent vermeintliche Negativität akzeptieren und gut damit umgehen können. Der Virtuose des Spiels, das da Leben heißt, beherrscht die Kunst, auch mit dem Teil umzugehen, der ihm nicht gefällt. Allerdings sollte das Erfreuliche immer überwiegen, denn natürlich gibt es das 79/21-Gesetz auch umgekehrt: mehr Negatives als Positives. Nun weiß wohl jeder, dass es keinen Sinn hat, gegen den Strom zu schwimmen und zu versuchen, aus 21 Prozent 100 Prozent zu machen, wenn woanders die Chance besteht, aus 79 Prozent 100 Prozent zu machen. Das hört sich einfach an und ist auch einleuchtend – umso seltsamer mutet es dann an, dass sich immer wieder Leute auf der 21-Prozent-Seite plagen. Sie konzentrieren sich auf die 21 Prozent und wühlen unentwegt auf der negativen Ebene herum. Damit befinden sie sich in bester Gesellschaft mit anderen Menschen, die einem Ideal hinterherjagen und nicht erkennen, dass sie sich selbst die größten Steine in den Weg legen.

Vielleicht kennen Sie einen Menschen, der der Illusion unterliegt, die Arbeit müsse zu 100 Prozent angenehm und erfolgreich sein. Das, was ihm nicht so gefällt, ärgert ihn mehr, als dass ihn das Positive erfreut. Die Folge ist, dass er die Arbeit als bedrückend und belastend empfindet. Er quält sich durch den größten Teil des Arbeitstages und konzentriert sich darauf, was im Job alles nicht funktioniert, welcher Kollege ihm auf die Nerven fällt, was der Vorgesetzte falsch macht, und der Aufzug, der funktioniert auch schon wieder nicht ...

Solche Menschen sind natürlich bestrebt, den unbequemen 21 Prozent zu entfliehen. Ein neuer Job muss her, doch auch hier begegnen sie den 21 Prozent. Und wieder ein neuer Job, doch die 21 Prozent bleiben. Irgendwann steigen sie vielleicht aus und suchen ihr Glück in einem fernen Land: Sie wandern aus nach Bali, doch spätestens nach zwei Wochen werden sie auch hier mit den 21 Prozent konfrontiert. Aber wen wundert’s: Diese Menschen werden mit den 21 Prozent überall konfrontiert, weil sie sich darauf fokussieren und weil die 21 Prozent unumgänglicher Teil des Ganzen sind.

Wer mit den 21 Prozent nicht zurechtkommt, der wird ihnen nur schwerlich entfliehen können. Die 21 Prozent gehören eben zum Leben wie die Nacht zum Tag. Die einzig mögliche Veränderung ist, dass wir selbst uns verändern, um in der Lage zu sein, mit den 21 Prozent umgehen zu können. Entscheidend dabei ist, dass wir sie nicht verneinen und ablehnen, sondern als dazugehörend und unumgänglich akzeptieren. Es wäre doch jammerschade, wenn die 21 Prozent Ihre Passion beeinträchtigen würden.

Gehen wir einmal davon aus, dass Sie mit Anfang 20 ins Berufsleben starten. Bis zur Pensionierung liegen nun viele Jahre der Arbeit vor Ihnen. 50 Prozent Ihres gesamten Lebens widmen Sie also der Arbeit. Rechnen wir nun noch die Schul- und Ausbildungszeit hinzu, sind wir schnell bei den 79 Prozent des 79/21-Gesetzes.

Sie sehen also, das 79/21-Gesetz lässt sich auch auf das Verhältnis von Freizeit und Arbeit anwenden, und es wäre wenig intelligent, würden Sie sich weiter der Illusion hingeben, 79 Prozent Ihrer Zeit seien Freizeit und nicht Arbeitszeit. Fakt ist: 79 Prozent des Lebens sind Arbeit, nur 21 Prozent sind Freizeit. Bei dieser Gewichtung wäre es doch klug, sich das Leben nicht dadurch zu vermiesen, dass Freizeit als positiv und Arbeitszeit als negativ empfunden wird.

Aber, so klug sind wir oftmals nicht. Die Konzentration auf die 21-Prozent-Brille verzerrt unseren Blick für die Wirklichkeit, und wir unterliegen der Vorstellung, dass der größte Teil des Lebens Freizeit und Spaß sein sollte. So ist auch die maßlose Überbewertung der Freizeit zu erklären, die viel dazu beiträgt, dass ganze Heerscharen schon am Montagmorgen den Freitagnachmittag herbeisehnen. Sie quälen sich durch jeden Arbeitstag, sind missgestimmt und sehnen sich nach mehr Freizeit. Den größten Teil der Woche machen sie sich selbst zur Hölle und können – beladen mit dieser negativen Energie – die ersehnte Freizeit noch nicht einmal richtig genießen.

Wenn Sie jetzt einwenden, dass die tägliche Arbeitszeit durchschnittlich nur acht Stunden beträgt, dass es Wochenenden und Urlaub gibt, dann achten Sie doch bitte einmal darauf, wo Sie während der freien Zeit wirklich sind.

Die Indianer kennen den Satz: Die Seele reist langsamer als der Körper. Und das besagt: Wenn Sie zu Hause angekommen sind, ist Ihre Seele noch längst nicht da. Die Dinge des Tages wirken nach. Auch wenn Sie fernsehen, die Zeitung lesen, mit Ihrer Frau, den Kindern oder Ihren Sportkollegen zusammen sind, denken Sie an die Konferenz, die Teambesprechung, das Kundengespräch. Oft genug geht der Körper zu Bett, die Seele aber ist immer noch nicht angekommen. Und wenn Sie am nächsten Morgen unter der Dusche stehen, woran denken Sie dann? Richtig, Sie denken bereits an das, was an diesem Tag erledigt werden muss. Fast rund um die Uhr sind Sie also im Job. Denn woran Sie denken, da sind Sie! Ist das Freizeit?

An den Wochenenden sieht es auch nicht viel besser aus. Bis zum Samstagabend haben Sie es möglicherweise geschafft, mit den Gedanken nicht mehr im Job zu sein. Der Sonntagvormittag schenkt Ihnen vielleicht beinahe so etwas wie eine Erleuchtung, weil Seele und Körper zur gleichen Zeit am selben Ort sind. Das mag bis zum Mittagessen anhalten, aber schon während des Desserts drängen sich die Gedanken an den morgigen Arbeitstag mit all den zu erledigenden Aufgaben wieder nach vorne.

Selbst im Urlaub gelten Ihre Gedanken der Arbeit. Da haben Sie schließlich richtig viel Zeit, um nachzudenken: Ist es tatsächlich der passende Job für mich? Was soll ich tun, um mehr Geld zu verdienen? Hoffentlich weiß meine Vertretung mit dem ach so schwierigen Kunden korrekt umzugehen. Schade, dass ich so bald wieder zur Arbeit muss.

Fazit ist: Freizeit, so wie wir sie definieren, gibt es nicht. Es gibt keine Trennung zwischen dem Leben im Job und dem Leben außerhalb. Freizeit ist folglich die Zeit, die Ihnen rund um die Uhr zur Verfügung steht, abgesehen von den Stunden, in denen Sie schlafen.

Wenn Sie die 79 Prozent so betrachten können, machen Sie daraus runde 100 Prozent! Sie wissen zwar um die 21 Prozent, schenken ihnen jedoch keine Aufmerksamkeit – Sie leben die 79 Prozent mit Begeisterung und Elan. Wenn Sie die 79/21 akzeptieren, werden Sie die Arbeit so erlebnisreich, so attraktiv und so positiv wie möglich gestalten. Die positive Energie der Arbeit wird sich dann auf Ihre Freizeit übertragen, und die werden Sie dann wirklich genießen können.

Sollten Sie sich jetzt schon auf die Pensionierung freuen, weil Sie glauben, dann endlich hundertprozentige Freizeit genießen zu können, denken Sie daran, dass die meisten Menschen mit Anfang 70 – die Altersangaben variieren je nach Versicherung – bereits ein Meeting auf dem Zentralfriedhof haben. Manager, die engagiert im Berufsleben stecken, haben nach dem Berufsleben nur noch eine durchschnittliche Verweildauer von sechs bis neun Jahren auf diesem Planeten. Falls Sie also bisher die verheißungsvolle Fahrt über die Route 66 auf Ihr Rentenalter verschoben haben, machen Sie besser einen neuen Plan. Denn wer weiß, ob Sie dann noch dazu in der Lage sein werden.

Da leuchtet es doch ein, jedem Tag ein Ja zu schenken und jede Stunde des Tages mit Freude auszukosten. Wer etwas hat, das ihn motiviert, ihn begeistert, für den sind die 21 Prozent das Salz in der Suppe, das dem Leben erst den richtigen Geschmack verleiht. Genau das erklärt den Unterschied zwischen den Menschen, die die Welt als positiv erleben, und denen, die ihre Aufmerksamkeit dem weniger Perfekten schenken. Das erklärt den Unterschied zwischen denen, die im Leben einer Passion folgen, und denen, die das Leben als sinnlos empfinden.

Haben ist nicht der Maßstab für Sein

Nennen wir ihn Klaus. Klaus ist Student. Er schaut hoffnungsvoll in die Zukunft, hat konkrete Pläne für seine berufliche Karriere und er ist fleißig. Außerdem empfindet Klaus eine große Liebe für die hübsche Angelika Hoffnung, die erfreulicherweise diese Liebe erwidert. Gemeinsam haben die beiden viel Spaß am Leben, unternehmen während der Semesterferien gerne ausgedehnte Fernreisen, wenn auch mit kleinstem Budget, und planen freudig eine gemeinsame, glückliche Zukunft.

Klaus hat nun sein Studium beendet und findet sofort eine attraktive Anstellung. Schnell wird er zum Teamleiter befördert und nur kurze Zeit später zum Vertriebsleiter. Nach wie vor genießen die beiden das Leben, nach wie vor haben beide eine Leidenschaft für Fernreisen, wenn auch jetzt auf höherem Niveau. Natürlich sind Angelika und Klaus inzwischen verheiratet und als sich Nachwuchs ankündigt, gibt Angelika ihren Job auf. Sie sind glücklich, alles ist perfekt, alles ist so, wie es sich beide immer erträumt haben. Ein Jahr später wird das zweite Kind geboren, das Traumhaus im Grünen wird gekauft, und das Glück ist noch etwas perfekter als vorher.

Die Zeit verfliegt, und eines Tages – zehn Jahre sind inzwischen vergangen – kommt Klaus nach Hause und berichtet freudestrahlend, er sei zum Geschäftsführer bestellt worden! Gut, das bedeute zwar mehr Einkommen und weniger Freizeit, aber ihrem gemeinsamen Glück tue das doch keinen Abbruch. Angelika freut sich natürlich mit ihm. Doch es dauert nicht lange, da sieht sie ihren Klaus nur noch am Frühstückstisch, weil er wieder einmal bis spät in die Nacht gearbeitet hat. Auch an den Wochenenden ist er jetzt häufiger unterwegs.

Angelikas Bitten, doch endlich einmal wieder Zeit miteinander zu verbringen, beantwortet Klaus mit: „Das geht im Moment nicht.“ oder: „Später, später.“

Mit der Zeit wandelt sich Angelika Hoffnung zu Angelika Skepsis. Sie langweilt sich. Die Kinder besuchen mittlerweile ein First-Class-Internat, und weil es Angelika zu dumm wird, den lieben langen Tag alleine zu Hause zu sein, eröffnet sie kurzerhand eine Boutique mit exquisiter Mode. Und während Klaus in den Vorstand aufrückt, zum Vorstandsvorsitzenden gewählt wird, in den Aufsichtsrat aufsteigt und Aufsichtsratsvorsitzender wird, vollzieht sich in Angelika Skepsis, ehemals Angelika Hoffnung, die Wandlung zu Angelika Servus. Sie hatten alles, was man sich nur wünschen kann, und dennoch ist ihr Glück zerbrochen.

Wir wollen haben: einen besseren Job, eine größere Wohnung, ein schnelleres Auto, mehr Kapital oder auch einen größeren und renommierteren Freundeskreis. Wir glauben, die Quantität des Habens sei Maßstab für die Qualität des Glücks.

Für dieses Glück sind wir bereit, eine Menge zu tun. Wir tun es, um etwas zu erreichen – seien es materielle Ziele oder ideelle. In beiden Fällen handeln wir habenorientiert. Um ein größeres Haus zu kaufen, arbeiten wir mehr. Um angesehene Menschen kennenzulernen, werden wir Mitglied des Golfklubs. Um unser Kapital zu vermehren, kaufen wir Aktien. Um anerkannt zu werden, wollen wir Karriere machen. Um attraktiv und begehrt zu sein, quälen wir uns im Fitnessstudio, peinigen uns selbst mit immer wieder neuen Diäten und begeben uns unter die Messer der Schönheitschirurgen. Und wir spielen Lotto, weil wir auf den Super-Jackpot-Gewinn hoffen, um endlich all das haben zu können, von dem wir uns das Glück erhoffen.

Die Haben-Geilheit charakterisiert ein emotionales Defizit, sie produziert ein Lebensdrama, sie steht für ein Entwicklungsstadium, das es zu überwinden gilt. Dazu gibt es einen schönen Spruch: „Die meisten Menschen kaufen von dem Geld, das sie nicht haben, Dinge, die sie nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die sie nicht mögen.“ Die meisten Haben-Symbole entlarven sich jedoch selbst. Sie kennen bestimmt Menschen, die in ihrer Haben-Orientierung ein Haus haben, ein tolles Haus. Die monatlichen Belastungen dafür sind so hoch, dass sie das normale Leben total einschränken müssen. Selbst ein kurzer Urlaub ist nicht mehr drin. Da ist die Frage berechtigt: Wer besitzt hier wen? Besitzt der Käufer das Haus oder besitzt das Haus den Käufer?

Haben ist kein Garant für Glück. Wer das glaubt, begibt sich in die gefährliche Spirale des Habenwollens. Denn das Glücksempfinden wächst nicht proportional zum Haben. Im Gegenteil, der Preis, den wir für das Habenwollen zahlen müssen, ist hoch: Die Sucht und Gier nach mehr ist ebenso groß wie die Angst, alles zu verlieren.

Natürlich gibt es Menschen, die viel tun und viel haben und rundum glücklich sind. Ebenso gibt es Menschen, die viel tun und wenig haben und dennoch rundum glücklich sind. Und es gibt Menschen, die wenig tun und viel haben und ebenfalls glücklich sind.

Was also macht Glück aus? Wäre das Haben Garant für das Glück, wieso gibt es dann Menschen, die wenig haben, aber dennoch glücklich sind? Und warum gibt es Menschen, die viel haben und unglücklich sind? Das Haben allein kann also nicht Bedingung des Glücks sein. Die Glücksgleichung: „Je mehr ich habe, desto besser geht es mir“, funktioniert nicht. Trotzdem orientieren sich mehr als 80 Prozent aller Menschen daran.

Allerdings sehnen wir uns danach, glücklich zu sein, wissen jedoch nicht, wie es uns gelingen kann. Liegt das Glück vielleicht im Tun? Also stürzen wir uns in die Arbeit allein um des Tuns willen oder wir sammeln Briefmarken, fahren Ski, engagieren uns in sozialen Bereichen. Wir hoffen, dass wir umso glücklicher sind, je intensiver wir das tun. Doch wir warten vergeblich darauf, dass sich das Glücksgefühl einstellt.

Haben und Tun sind leer. Wer nur haben will, um zu ..., wer nur handelt, um zu ..., der wird das Glück nicht finden. Denn nicht das, was wir bekommen, macht uns glücklich, sondern nur das, was wir bereit sind uns selbst zu geben, macht uns glücklich.

Die Quelle des Glücks entspringt dem Sein. Bewusst zu sein und bewusst aus seinem Sein heraus zu operieren, das ist der Punkt, der es möglich macht, glücklich zu sein. Erst wenn wir verstanden haben, dass wir nur das haben, was wir selbst sind, und dass es eine Beziehung zwischen unserem Sein und unserem Tun gibt, können wir aufhören zu handeln, um etwas haben zu wollen, können wir uns ganz dem hingeben, was wir gerne tun. Je interessanter und leidenschaftlicher unser Tun ist, desto zufriedener und glücklicher werden wir sein – ob wir viel oder wenig haben.

Tun Sie das, was Sie tun, um Ihrer selbst willen. Tun Sie es mit Begeisterung und voller Leidenschaft – einfach nur, weil Sie es tun. Das Glück liegt nicht im Haben, es liegt in Ihnen selbst.

Die Einstellung leitet unser Handeln

Das Ergebnis stimmt, das Ziel ist erreicht. Ihre Mitarbeiter haben über Wochen einen absolut tollen Einsatz gezeigt. Die Prämie haben sich tatsächlich alle verdient. Wirklich alle? Sie gehen gedanklich die zurückliegenden Wochen und das Verhalten Ihrer Mitarbeiter durch.

Da ist dieser junge Spund, frisch von der Universität zu Ihnen gekommen. Wie hat er gemault, als bekannt wurde, dass Ihre Abteilung das Projekt von Anfang bis Ende betreuen sollte. Gejammert hat er, weil ihm in den nächsten Monaten wohl weder Zeit für seine Hobbys noch für seine Freundin bleiben werde. Richtig ins Zeug gelegt hat er sich erst, als er von der Prämie hörte. Na, hätte ich nur solche Mitarbeiter, wir hätten dieses Ergebnis nicht erzielt.

Frau S. dagegen hat geradezu gestrahlt, als hätte sie endlich ihre Lebensaufgabe gefunden. Von Anfang an hat sie sich voll engagiert. Öfter als andere war sie bis spät in die Nacht an ihrem Arbeitsplatz und konnte dann morgens oft genug perfekte Lösungen präsentieren. Mit einer solchen Arbeitseinstellung steht der Karriere dieser jungen Frau nichts im Wege.

Und was wäre wir ohne unsere gute Seele gewesen. Als Sekretärin hatte sie mit der Projektarbeit im Grunde gar nichts zu tun. Trotzdem war sie immer bereit, länger zu bleiben. Sie war sich auch nicht zu schade, kleine Besorgungen für die Kollegen zu erledigen, weil die wieder einmal bis in die späten Abendstunden beschäftigt waren.

Besonders positiv aufgefallen ist Herr K. Dieser stille Mensch – unauffällig, aber mit Feuereifer bei der Sache. Mit seinem fundierten Wissen hat er bei manchen Schwierigkeiten den richtigen Weg aufgezeigt.

Für Herrn M. waren offensichtlich weder die hohe Prämie noch das Ziel von Bedeutung. Hätte er nicht jeden Tag eine gehörige Portion Lob und Anerkennung bekommen, wäre seine Motivation wahrscheinlich nach kurzer Zeit auf dem Nullpunkt gewesen.

So gehen Sie in Gedanken Ihre Mitarbeiter durch und Sie stellen fest, dass es höchst unterschiedliche Motivationen für den Einsatz und damit für das Ergebnis gab.

Natürlich kann der Einsatz eines Mitarbeiters grundsätzlich verbessert werden, indem Sie ihm Status, Macht, Geld oder Incentives versprechen. Doch die dadurch bewirkte Motivation funktioniert wie eine Droge: Jede Motivation ist dazu verdammt, in Zukunft immer höher dosiert zu werden oder unwirksam zu verpuffen.

Ein weiterer Aspekt der Leistungssteigerung sind permanente Trainings. Die Schwäche dieses Ansatzes liegt in der Notwendigkeit der ständigen Wiederholung. Ganze Beraterstämme leben von diesen sich ständig wiederholenden Trainings – denn irgendwo scheint es einen Mechanismus zu geben, der bei den Mitarbeitern dafür sorgt, dass gerade die wichtigsten Inhalte durch das eine Ohr hinein und durch das andere sogleich wieder hinausgehen.

Und wenn weder Versprechungen noch Trainings etwas nützen, ist die Leistung vielleicht nur noch durch die Androhung von Sanktionen und durch mehr oder weniger verborgene Kontrollen zu steigern. Allerdings ist es sehr fraglich, ob derartige Steuersysteme tatsächlich der Leistungssteigerung dienen, führen sie über kurz oder lang doch zu mehr Bürokratie und Büromanie.

Wenn Angst und Druck den Einsatz der Mitarbeiter erzwingen, wenn Status, Machtstreben und Karrieregelüste den Einsatz bewirken, wenn Lob, Anerkennung und die Aussicht auf tolle Incentives den Einsatz fördern – vergessen Sie’s! Ob Zuckerbrot oder Peitsche – beide benutzen die Defizite des Mitarbeiters: seine Opfermentalität, seine Habgier, sein schlechtes Gewissen und seine Angst.

Natürlich soll hier nicht behauptet werden, dass Motivation, Trainings und Steuersysteme grundsätzlich nicht helfen. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass sie nur dann funktionieren, wenn die grundsätzliche Einstellung stimmt. Die besten Mitarbeiter sind diejenigen, die dank ihrer Einstellung Einsatz zeigen und dadurch Ergebnisse erzielen.

Die maßgebliche Frage ist: Welche Einstellung leitet unser Handeln, durch das wir erreichen, was wir haben wollen? Ist das Handeln geprägt von Freude oder von Verdrießlichkeit? Werden Niederlagen und Rückschläge akzeptiert oder verbittern sie? Und welche Einstellung haben wir zu dem, was wir haben wollen? Bereichert es uns wirklich oder wollen wir es nur, weil wir glauben, damit unser Ansehen vergrößern, unser Selbstwertgefühl aufpolieren oder anderen Menschen imponieren zu können?

Fest steht, dass nicht die Dinge selbst, sondern der Wert, den wir den Dingen beimessen, unser Handeln bestimmen. Je mehr dieser Wert unserer ganz persönlichen Einstellung entspricht, umso mehr Begeisterung wird das Handeln begleiten.

Die richtige Einstellung zu haben heißt aber auch, sich nicht von Rückschlägen und Krisen entmutigen und verdrießen zu lassen. Denn auch das ist eine Frage der Einstellung: die Akzeptanz dessen, was ist.

Ein Mensch ist so glücklich, wie sein Handeln und Haben seiner Einstellung entspricht. Ob es darum geht, ein Unternehmen zu führen oder Briefmarken zu sammeln, wenn die Einstellung stimmt, stimmt der Einsatz und damit auch das Ergebnis.

Wer leidenschaftlich etwas will, ist so stark wie 99 andere, die nur deshalb Interesse haben, weil sie etwas haben wollen – sei es Macht, Lob, Prestige oder Geld. Folgen Sie Ihrer Passion, leben Sie leidenschaftlich und sagen Sie ein hundertprozentiges Ja zu dem, was Sie sind, erleben, tun und haben. Damit erübrigt sich jede Frage nach dem Grund für den Einsatz und natürlich auch jede Frage, aus welchem Grund Sie ein Ergebnis erreichen wollen.

Finales Denken hilft

Ich fahre zu schnell, weil ich spät dran bin.

Ich fahre zu schnell, um pünktlich zu sein.

Ich esse, weil ich Hunger habe.

Ich esse, um satt zu werden.

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Sätze einer Gruppe ein und dasselbe auszusagen. Auf den zweiten Blick ist jedoch schnell zu erkennen, dass der jeweils erste Satz eine Ursache beinhaltet, aufgrund derer ich etwas tue. Das Tun ist also nur eine Reaktion auf eine Ursache. Die Ursache bewirkt die Aktion. Der zweite Satz hingegen benennt ein Ziel, das ich erreichen will. In diesem Fall ist das Tun keine Reaktion, sondern eine zielgerichtete Aktion. Das ist der Unterschied zwischen kausalem und finalem Denken.

Kausales Denken ist Abhängigkeit von Ursachen, die nicht unbedingt selbst herbeigeführt worden sind. Finales Denken hingegen ist eine gezielte Gedankenrichtung. Die Gedanken werden auf ein bestimmtes Ziel und auf die Erreichung dieses Ziels gerichtet. Das einzig Wichtige dabei ist, für das gesetzte Ziel den sinnvollsten Lösungsweg zu finden und ihn zu realisieren. Finales Denken beinhaltet Planungsfähigkeit, Problemlösung, ein klares Vorstellungsvermögen und die Fokussierung auf ein Ziel.

Das finale Denken, die Finalität, ist also klar auf einen konkreten Punkt, auf ein eindeutiges Ziel gerichtet. Das können Sie sich wie ein nach oben spitz zulaufendes Dreieck vorstellen. Doch jetzt kommt die Überraschung: Finales Denken zielt nicht von der Grundlinie zum obersten Punkt. Vielmehr ist dieser oberste Punkt der Ausgangspunkt, von dem das finale Denken in die Tiefe strebt.

Wenn Sie sich vorstellen, dass Sie gerade im ersten Berufsjahr sind, dann wissen Sie meistens noch nicht so genau, wo der Berufsweg hinführen soll. Sicher, Sie haben Wünsche und Vorstellungen, doch klar definieren können Sie den beruflichen Weg nicht. Nehmen wir an, Sie haben Ihr Berufsleben als Außendienstmitarbeiter mit dem Wunsch gestartet, in absehbarer Zeit als Vertriebsleiter tätig zu sein. Nach einiger Zeit im Außendienst stellen Sie jedoch fest, dass der Verkauf an sich gar nicht so sehr Ihr Ding ist. Der Umgang mit den Menschen hingegen bereitet Ihnen sehr viel Freude, und Sie stellen fest, dass Ihre soziale Kompetenz deutlich ausgeprägter ist als Ihre Fähigkeiten im Verkauf. Da liegt es doch auf der Hand, dass Sie Ihr Talent – eben die soziale Kompetenz – weiter ausbauen. Sie besuchen entsprechende Seminare und weiten Ihr Können und Ihr Wissen aus.

Mit der Zeit fällt Ihren Vorgesetzten auf, wie sehr Kunden und Kollegen Sie wegen Ihrer einfühlsamen, fairen und konstruktiven Art schätzen. Und als der Posten des Teamleiters frei wird, fällt die Wahl auf Sie. Sie nehmen diesen Posten an, und durch den Besuch qualifizierender Seminare geht Ihr Wissen weiterhin in die Breite.

Inzwischen ist es natürlich längst nicht mehr Ihr Ziel, Vertriebsleiter zu werden. Vielmehr sehen Sie Ihre Berufung darin, Menschen zu führen, anzuleiten und zu motivieren. Darauf konzentrieren Sie sich, dafür engagieren Sie sich, dafür lernen Sie und dafür erweitern Sie die Basis Ihrer Fähigkeiten und Ihres Wissen. Sie gehen in die Tiefe, bauen Ihr Fundament immer weiter aus und klettern die Karriereleiter Stufe um Stufe empor.

Finales Denken bedeutet also keinesfalls, mit sturer Zielgerichtetheit auf einen Punkt zuzusteuern, ohne dabei nach rechts und links zu schauen. Vielmehr bedeutet es, zielbewusst und systematisch die Talente und Fähigkeiten, das Können und Wissen auszubauen.

Im Grunde setzt das finale Denken keinen Schlusspunkt. Solange Sie mit Begeisterung und Leidenschaft Ihre persönlichen Ressourcen ausbauen und erweitern, führt es immer weiter in die Tiefe und auf eine immer wieder noch breitere Ebene.

Dennoch, es gibt Grenzen. Spätestens dann, wenn die nächste Beförderung zwar Ihrer Passion, nicht aber Ihren Qualifikationen entspricht. Da mögen Sie bisher mit noch so viel Wissen und exzellenten Fähigkeiten geglänzt haben – in dieser Position Sie sind schlicht und einfach inkompetent.

Damit soll nicht gesagt werden, dass es falsch wäre, seine eigenen Grenzen zu überschreiten und unbekanntes Terrain zu betreten. Damit soll nur gesagt werden, dass es für jeden Menschen natürliche Grenzen gibt, die er einfach nicht überschreiten kann. Schließlich kann jeder viel, aber niemand kann alles können. Daher geschieht es sehr oft, dass fähige Mitarbeiter befördert werden und eine Position beziehen, für die sie unfähig und ungeeignet sind.

Natürlich ist es nur allzu menschlich, eine Beförderung anzunehmen, ist damit doch viel Angenehmes verbunden. Final gedacht wäre es jedoch besser, auf diese Beförderung zu verzichten und bei der Position zu bleiben, die dem eigenen Vermögen entspricht. Denn sonst könnte die Passion schnell zu einer Leidenschaft, die Leiden schafft, werden.

Die Vergangenheit ist tot, es lebe die Gegenwart!

Lassen wir die Zeit der Kindheit und der Jugend außer Acht, kann das Leben grob in drei Phasen aufteilt werden.

Die erste Phase beginnt im Alter von 20 Jahren und endet mit 40. Es ist ein Zeitraum des Aufbaus. Wir konzentrieren uns auf den beruflichen Werdegang und die Karriere. Wir gründen eine Familie, widmen uns der Kindererziehung und schaffen uns einen netten Freundeskreis. Persönlich sind wir während dieser Jahre auf der Suche nach unserer Identität. Am Ende dieser Phase könnten wir dann stolz auf das Geschaffte blicken.

Zwischen 40 und 60 – die zweite Phase – lernen wir mit den Konsequenzen unseres bisherigen Handelns und der getroffenen Entscheidungen zu leben. Daraus resultiert entweder Resignation oder eine neue Aufbruchstimmung. Wir setzen uns mit dem Tod auseinander und üben uns in der Akzeptanz, dass die Lebenszeit endlich ist. Die Kinder ziehen aus, die Beziehung zum Partner bekommt eine neue Qualität, die erst einmal bewältigt werden muss – eine offensichtlich schwierige Angelegenheit, wie die Zahl der Scheidungen in dieser Phase belegt. Neigt sich diese Phase dann langsam ihrem Ende zu, nimmt die Gesundheit einen wichtigen Stellwert ein, zudem gilt dem vorstehenden Rentenalter ein hohes Maß an Aufmerksamkeit.

Die dritte Phase beginnt mit 60. Die letzten Berufsjahre stehen an. Die meisten Menschen freuen sich darauf, bald in den Ruhestand entlassen zu werden. Endlich aus der Tretmühle herauskommen, endlich Freizeit haben! Doch bald schon merken sie, dass es recht langweilig sein kann, nichts zu tun zu haben, nicht tun zu müssen außer alltäglichen Besorgungen und Erledigungen. Wer gerne reist und es sich finanziell erlauben kann, dem bieten Weltreisen und Kreuzfahrten erlebnisreiche Abwechslung. Auch Ehrenämter sind bestens geeignet, dem täglichen Trott zu entkommen.

Nur wenige Menschen sind der Meinung, dass Altwerden etwas Wunderbares sein kann. Für die meisten ist die dritte Lebensphase nicht gerade ein Hochgenuss. Die Angst vor dem körperlichen Verfall und dem näher kommenden Tod beeinträchtigt die Lebensqualität ebenso wie die Gier, in den verbleibenden Jahren alles das nachzuholen, was bisher vermeintlich versäumt wurde. Weltreisen und Ehrenämter helfen nicht darüber hinweg. Sie sind Zeitfüller, etwas Nettes gegen die aufkommende Langeweile.

Wer in den ersten beiden Lebensphasen nicht sorgfältig mit sich umgegangen ist, braucht sich nicht zu wundern, wenn er in späteren Jahren alles nur Mögliche unternimmt, um dem Einerlei zu entfliehen.

Genau darum geht es aber: sich nicht mit Zeitfüllern zu begnügen, sondern eine Tätigkeit auszuüben, die in Anspruch nimmt, die beflügelt und das Gehirn dazu anregt, bestehende Synapsen zu stimulieren und neue zu entwickeln.

Natürlich ist es schwer, die dritte Phase emphatisch zu leben, wenn die bisherigen Jahre mehr oder weniger trivial gelebt wurden. Unmöglich ist es jedoch nicht. Allerdings ist es im Alter wesentlich leichter, neue Herausforderungen anzunehmen, begeistert, intensiv, lebendig und leidenschaftlich zu sein, wenn in jüngeren Jahren der Grundstein dafür gelegt wurde.

Ist es nicht auffällig, dass Menschen, die sich ihr Leben lang mit Leidenschaft einer bestimmten Sache gewidmet haben, auch im Alter eine sehr lebendige und faszinierende Ausstrahlung besitzen? Dass sie ungeachtet aller körperlichen Alterserscheinungen jung wirken? Dass sie das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen genießen? Dabei ist es vollkommen unerheblich, was sie getan haben und was sie tun. Ausschlaggebend ist allein, wie sie es getan haben – nämlich engagiert, passioniert und lebensbejahend.

Herbert ist gerade 40 Jahre geworden. Und seit 20 Jahren arbeitet er in demselben Unternehmen. Wenn man ihm zuhört, wird man schnell erkennen, dass er sich für ein verkanntes Genie hält. Seine Eltern haben ihn nicht richtig gefördert, in der Schule sind seine Leistungen nicht richtig anerkannt worden. Hätte man seine Fähigkeiten berücksichtigt, dann hätte er das Abitur geschafft und studieren können. Denn eigentlich wäre er gerne Ingenieur geworden, und zweifelsohne hätte er es, davon ist Herbert überzeugt, in Fachkreisen zu großer Anerkennung gebracht.

Auch in dem Unternehmen, für das er – leider – statt dessen arbeitet, sind seine Fähigkeiten in all den Jahren nie gewürdigt worden. Denn sonst wäre auch hier einiges anders gelaufen. Hätte man sein Können richtig bewertet, dann wären ihm natürlich gute Aufstiegsmöglichkeiten geboten worden. Und heute wäre er oben, an der Spitze. Wäre, hätte, wäre, hätte, wäre, hätte … Das ist Simulation von Leben.

Natürlich ist Herbert unzufrieden. Aber die Unzufriedenheit reißt ihn nicht aus der Bequemlichkeit. Denn Herbert hat keine Kraft für die Gegenwart, weil er sie verbraucht für das Festhalten an der Vergangenheit. Und wahrscheinlich wird er noch an seinem 60. Geburtstag sagen: Hätte ich mit 40 Jahren die richtigen Möglichkeiten geboten bekommen, wäre ich bestimmt ein reicher Mann geworden.

Das ist ein Denken in der Vergangenheit. Doch die Vergangenheit ist tot, sie ist nicht mehr zu ändern. Aber wenn Sie den Kontext in Ihrem gegenwärtigen Leben nicht ändern, wird die Vergangenheit Sie immer wieder einholen, und Sie werden heute das Gleiche denken wie gestern: Es ist nicht zu ändern; die anderen sind schuld; die Chance ist vertan. Und Sie werden das Gleiche tun wie vorgestern: Nichts.

Wenn Sie doch damals das Studium nicht abgebrochen hätten, welche Möglichkeiten stünden Ihnen dann offen! Jetzt sind Sie am Ende Ihrer Karriere. Sie sind zwar seit acht Jahren stellvertretender Filialleiter einer Bank, aber genauso lange sind Sie der Meinung: Hätte ich damals das Studium beendet, dann könnte ich heute noch weiter oben sein. Und der Gedanke, was heute alles sein könnte, wenn Sie damals anders gehandelt hätten, macht Sie unzufrieden und nimmt Ihnen den Spaß an der Arbeit. Doch statt nach Gelegenheiten für Ihr Weiterkommen Ausschau zu halten, tun Sie das, was Sie schon seit acht Jahren tun: Den Möglichkeiten der Vergangenheit nachtrauern und die Hände in den Schoß legen.

Was gestern alles hätte passieren können, das ist uninteressant. Handeln gibt es nur in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit. Man kann lediglich aus dem Vergangenen lernen, für die Gegenwart und für die Zukunft. Die Erkenntnisse und Erfahrungen der Vergangenheit sind heute hilfreich und erleichtern das Leben. Nutzen Sie also das Wissen aus der Vergangenheit, um das Heute zu leben. Denn nur heute, immer nur heute, können Sie etwas tun.