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Agnes Pollner

Die weibliche Seite
des Buddha

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Ein Lesebuch

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© Theseus Verlag in
J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld 2010

Layout/Satz: Ingeburg Zoschke, Berlin

Kohlezeichnungen von Petra Karoline Genster,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2009

Umschlaggestaltung: Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld, www.mbedesign.de

Umschlagfoto: © blickwinkel / R. Krawulsky

E-Book Gesamtherstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt a. M.

www.weltinnenraum.de

2. korrigierte und erweiterte Auflage 2010

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN Print 978-3-89901-248-4

ISBN E-Book 978-3-95583-211-4

www.weltinnenraum.de

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige

Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe, sowie

des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Inhalt

Hinweise zur Lektüre des Buches

Vorwort von Sylvia Wetzel

Einleitung

TEIL EINS: DIE FRAUEN DER ERSTEN STUNDE

1Wie die Frauen des frühen Buddhismus lebten und übten

imageDie Therigatha und die Frauen, die Befreiung erlangten

imageAlle Wesen können erwachen, auch Frauen?

imageWeibliche Übende vor dem Buddha

Die Jains

imageFrauen in der frühen buddhistischen Bewegung

Das Ideal der Weltabkehr

Der innere Feind

Der äußere Feind

Frauen als Vorbilder für Frauen

Die Lehrerin

imageWas bedeutet Befreiung für die Frauen der Therigatha?

imageDie Geschichten

imageMahaprajapati, Führerin der Vielen

Frauen verderben das Dharma …

… und erreichen Arhatschaft

Mahaprajapatis zweite Bitte

Das Bild der nährenden Mutter

imageSujata und der Milchreis

imagePatachara und die Familientragödie

Kisagotami

Die Lehrerin Patachara

Patacharas Erwachen

imageDhammadinna, die große Lehrerin

imageAmbapali und Vimala

Ambapali, Schützerin des Mangobaums

Vimala, die Prostituierte

Vimalas Lied

imageMaya und Sela, kraftvolle Bilder weiblicher Sinnlichkeit

Maya gebiert den zukünftigen Buddha

Sela, Frau mit Baum

imagePunnika, die Sklavin

Wie Punnika, die Sklavin, den Brahmanen belehrt

imageBaddha Kundalakesa, die Wahrheitssucherin

TEIL ZWEI: GÖTTIN, KÖNIGIN, STRASSENVERKÄUFERIN
UND
POETIN – DIE FRAUEN DES MAHAYANA

2Die weibliche Welt des Mahayana

imageDie Vision des Mahayana

Leerheit und Mitgefühl

Bodhisattva

Weibliche Buddhas

Der Schoß des Erwachens

Reine Länder

Reine Länder und Frauen

imageKönnen Frauen erwachen? Antworten des Mahayana

3Die Frauen der indischen Mahayana-Sutras

imageFrauen als Lehrende und Wissende

imageDie Geschichten

imageDie Naga-Prinzessin, die Shariputra zum Schweigen brachte

imageShunyatadevi, die gute Frau der Leerheit

imageEintritt in das Reich der Wirklichkeit – Das Avatamsaka-Sutra und seine Lehrerinnen

imageVasumitra weckt durch Küsse

imageDas Löwengebrüll der Königin Shrimala

Mallika und Pasenadi

Shrimaladevi

4Die Frauen des chinesischen Mahayana: Nonnen und Ch’an-Meisterinnen

imageBuddhismus in China und die Frauen

Die Schule des »Reinen Landes«

imageDie ersten Frauen, die in China den Weg gingen

Die Übung

Die Nonnen und das Essen

Der Lobgesang des Biografen

imageDie Geschichten

imageTan-hui, Strahlen des Dharma

imageChing-hsiu hat Vertrauen

imageDrei Geschichten von Freundinnen

Die dumme Freundin, Fa-hsiang und Hui-su

Die begabte Freundin, Shih Hui-mu und Ching-cheng

Zwei Frauen und ein Tiger

5Die Frauen des Ch’an

imageWie Frauen mit dem Ch’an leben

imageDie Geschichten

imageZwei Geschichten der Meisterin Yuan-chi

Yuan-chi und der widerspenstige Leichnam

Yuan-chi splitterfasernackt

imageMo-shan Liao-jan bekommt einen neuen Gärtner

imageLiu, die Eisenzermalmende, ärgert einen Freund

imageMyoshin und die Fahne im Wind

imageAlte Frauen als Ch’an-Meisterinnen

Die Reiskuchenverkäuferin

Die alte Frau aus Shan-hua

Die alte Frau Yao

6Die Frauen des Mahayana in Japan

imageDie buddhistische Lehre in Japan

imageFrauen im buddhistischen Japan

imageDie Geschichten

imageMugai Nyodai, Japans erste Zen-Meisterin

Der Mond im Wasser

imageBuddha Amida in der leer gegessenen Reisschale

imageDie alte San

imageSatsu, die Respektlose

imageOhashi, die Geisha

imageRyonen Gesho

imageEshun

imageRengetsu

7Kuan-yin

imageWie männlich ist Avalokiteshvara?

imageDer Siegeszug der weiblichen Kuan-yin

imageDie Geschichten

imageDie Legende von Miao-shan

imageDie Befreiungsgeschichte in der Legende

Die Wirkung der Befreiungsgeschichte

Weibliche Symbolik

imageMa-lang-fu, die Frau von Ma, oder Kuan-yin mit dem Fischkorb

TEIL DREI: YOGINI UND DAKINI – DIE FRAUEN DES VAJRAYANA

8Die Frauen des tantrischen Buddhismus

imageDie tantrische Bewegung

Sutra und Tantra

Wer übt Tantra, und was bedeutet das?

Buddhismus in Tibet

Schlüsselbegriffe der tantrischen Geschichten

Das Land Uddiyana

Siddhas und Siddhi

imageWie Frauen im tantrischen Buddhismus leben und üben

Frauen und Männer

Frauen formen das Tantra

Lehrerinnen

imageSexueller Yoga

Sexueller Yoga ist ein Weg der Gemeinsamkeit

Was bewirkt der Weg des sexuellen Yoga?

Die Darstellung der Vereinigung als »göttliches Paar«

Wie finden sich die Partner?

Ernüchterung

imageDakinis

Welche Frauen sind eine Dakini?

imageDie Begegnung mit der Dakini

Was kann die Begegnung mit der Dakini für eine Frau bedeuten?

Die Dakini erscheint in einem weiblichen Körper

Der Tanz der Dakini

Der Klang der Dakini

imageDie Geschichten

imageDakinis und Yoginis

Vetali

Frau Pfeilmacherin

Manibhadra

Lakshminkara

Mekhala und Kanakhala

Tiloma

Sahajayoginicinta

Yid Thogma

Bhikshuni Lakshmi

imageGründermütter

Sukhasiddhi

Niguma und die Insel aus Gold

9Die Legenden der großen Heldinnen: Machig Labdrön, Mandarava und Yeshe Tsogyal

imageMachig Labdrön

imageMandarava und Yeshe Tsogyal

imageMandarava

Die Leben und die Befreiung der Prinzessin Mandarava

Geburt als Mandarava

Mandarava hat vergessen, dass sie erwacht ist

Weltliche Lehrerinnen als Inspiration

Dämonenzähmerin

Hausarrest

Flucht

Klosterleben

Besuch vom Vajra-Meister

Ein verwirrter Vater und praktische Frauen

Reue

Mandarava wird erwachsen

Mandaravas Wahl

Vertiefung der Verwirklichung und Wirken als Paar

Wundertaten in fremden Ländern

Eingehen in den Dharmakaya

imageYeshe Tsogyal

Vorspiel in Sarasvatis Himmel und Empfängnis

Flucht aus dem Samsara, der Schrei

Hören und lernen

Reifen im Verborgenen

Die Macht der Stimme

Das Lied der Liebe und des Lebens

Dakini-Land

Herzenslieder und Schweigen

Versuchung in Bhutan

Widerspruch

Lehren und schützen

Bewahren und erzählen

Späte Anerkennug und heilsames Wirken

Letzte Lieder

imageÜberlegungen zur Lebensgeschichte von Yeshe Tsogyal

Widrigkeiten

Frauenbilder, Frauenrolle, Mutterland

Sakya Dema

Schülerinnen

Lehrerinnen

Symbole weiblicher Weisheit

Askese

Paarbeziehung

Die Legende der Lehrerin Suryachandrasiddhi

Melong Za Rinchen Tso, Yogini des juwelengleichen Spiegelsees

Anmerkungen

Literatur

Websites zum Thema

Danksagung

Register

Über die Autorin

Hinweise zur Lektüre des Buches

Leserinnen und Leser, die die Geschichten ohne Erläuterungen lesen möchten, können sich daran orientieren, dass die Geschichten durch eine andere Schrifttype optisch hervorgehoben wurden. (Siehe dazu auch S. 50, »Wie man das Buch benutzen und genießen kann«.)

Zur Schreibweise der fremdsprachigen Begriffe

Für Sanskrit- und Pali-Begriffe wurde die vereinfachte Umschrift ohne Diakritika verwendet, für chinesische Begriffe die Wade-Giles-Umschrift, und tibetische Begriffe wurden gemäß ihrer Aussprache wiedergegeben.

Vorwort von Sylvia Wetzel

Mit großer Freude lege ich dieses Lesebuch über die weisen Frauen im Buddhismus in Ihre Hände. Frauen gehörten zwar nie zum Mainstream des Buddhismus, aber sie befassten sich in allen Jahrhunderten und Kulturen mit den Lehren des Buddha und seiner Nachfolger und Nachfolgerinnen. Sie übten diese Lehren selbst, und sie versorgten Mönche und Nonnen, Einsiedlerinnen und Einsiedler mit Essen und Kleidung. In den Zeiten und Regionen, wo Frauen Zugang zu Besitz und Bildung hatten, förderten sie Nonnen und Mönche im großen Stil durch den Bau von Klöstern und durch großzügige Geld-, Nahrungs- und Kleiderspenden. Dort, wo einflussreiche Frauen wie die Königin Shrimala den buddhistischen Orden unterstützten, gibt es bis heute überlieferte Aufzeichnungen, die ihre Lehren enthalten.

Zu allen Zeiten gehörten Frauen auch zu der kleinen Gruppe derer, die die Lehren des Buddha mit Leib und Seele übten und Befreiung und Erleuchtung erlangten. Die buddhistischen Überlieferungslinien nennen viele große Praktizierende. In der Regel sind das die Namen großer Männer, und nur sehr selten sind darunter Frauen zu finden. Geschichten über weise Frauen gibt es viele, aber oft bleiben sie namenlos. Sie heißen »die Frau«, »die Alte« und »die Nonne«. Eine Zen-Lehrerin in Los Angeles war es Ende des 20. Jahrhunderts leid, immer nur die Namen der männlichen Ahnen zu rezitieren, und so stellte Wendy Egyoku Nakao Sensei, inzwischen zur Roshi in der Linie von Maezumi Roshi ernannt, eine Liste buddhistischer Frauen aus allen Jahrhunderten für eine Liturgie zusammen. Heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts, werden im Zen Center von Los Angeles die männliche und die weibliche Linie im Wechsel angerufen, und dieses Beispiel macht Schule.

In einem Meditationskurs zur Grünen Tara zum Jahreswechsel 2002/2003 erzählte Agnes Pollner mit großem schauspielerischen Talent die ersten drei Geschichten weiser Frauen im Buddhismus. Im Laufe der nächsten Jahre hörten wir viele weitere. Inspiriert von der englischen Version aus dem Zen Center Los Angeles erstellte Agnes Pollner eine deutsche Anrufung an die großen weisen Frauen. Diese Fassung nennt die Namen der Frauen der ersten Stunde, der Zeitgenossinnen des Buddha, einige bekannte Frauen aus dem indischen Mahayana und viele Übende aus dem indischen und tibetischen Vajrayana. In mehrtägigen Kursen rezitieren wir diese Anrufung der großen weisen Frauen täglich, und Agnes Pollners Geschichten füllen die Namen unserer spirituellen Ahninnen mit immer mehr Bedeutung.

2004 schlug ich ihr vor, einige dieser Geschichten aufzuschreiben. Sie stellte zunächst eine Sammlung von Kurzbiografien zusammen und schrieb schließlich die ausführlichen Geschichten auf. Das Ergebnis halten Sie jetzt in den Händen.

Die anschaulich erzählten Geschichten eignen sich gut zum Vorlesen. Sie sind in drei Teile gegliedert, die den drei großen Strömungen des Buddhismus entsprechen: Früher Buddhismus, Mahayana, Vajrayana. Ausführliche Erläuterungen des geistesund zeitgeschichtlichen Hintergrunds unterstützen das Verständnis. Die Geschichten machen Mut, denn sie zeigen, wie Frauen unbeirrt und kreativ große Hindernisse auf dem Weg überwinden und ihren Weg zum Erwachen mit Ausdauer und Geduld, mit Frechheit und Humor gehen.

Mit ihrem Buch inspiriert uns Agnes Pollner dazu, auch in den schwierigen Umständen unseres Lebens befreiende Elemente zu entdecken, und zeigt uns, wie wir traditionell überlieferte Geschichten aus einem neuen Blickwinkel sehen können: aus dem Blickwinkel der Frauen.

Traditionelle Listen von Überlieferungslinien enthalten zwischen neunzig und hundert Namen von Männern. Das entspricht den rund neunzig Generationen seit der Zeit des historischen Buddha vor zweieinhalbtausend Jahren. Die Anrufung der großen weisen Frauen enthält in der englischen Fassung 82 Namen, in der deutschen Fassung 73. Das Buch erzählt die Geschichten von etwa siebzig Frauen. Es gibt im Buddhismus natürlich weit mehr Frauen, die den Weg bis zum Ende gegangen sind und Befreiung und Erleuchtung erlangt haben. Einige Namen kennen wir und einige nicht. Aber auch wenn wir ihre Namen nicht kennen, haben sie doch gelebt und geübt, und auch das wirkt auf uns. Daran erinnern wir, wenn wir die Anrufung allen Frauen widmen, »die gesehen wurden und nicht gesehen, deren Namen vergessen wurden oder nicht genannt«.

Lesen Sie die Geschichten der weisen Frauen leise und laut. Lesen Sie sie anderen vor. Und freuen Sie sich über den Mut und die Ausdauer der Frauen, die den Weg zum Erwachen gingen und gehen.

Jütchendorf, im Juni 2008

Sylvia Wetzel

ARYA TARA

In einem anderen Zeitalter, als der Buddha Trommelklang lehrte, lebte eine Prinzessin mit dem Namen Yeshe Dawa, mondengleiche Weisheit. Ihr Herz und Sinn war erfüllt von dem Wunsch, zum Wohle aller Wesen zu wirken und zu erwachen, und so vertiefte sie sich leidenschaftlich in die Lehren des Buddha und übte sich Tag und Nacht in Meditation. Sie machte gute Fortschritte, und eines Tages hatte sie eine Verwirklichungsstufe erreicht, die sie befähigte, auszuwählen, in welchem Körper und von welchen Eltern sie im nächsten Leben geboren werden wollte.

Gute Nachrichten verbreiten sich schnell, und bald wusste es das ganze Land. Alle begannen zu feiern. Viele Menschen kamen, um Yeshe Dawa zu gratulieren, darunter auch die Gelehrten und weisen Männer aus den umliegenden Klöstern und Universitäten. Sie verbeugten sich tief vor der jungen Frau, strichen sich ihre Bärte und sagten zu ihr: »Wir freuen uns sehr, dass du nun nicht mehr, wie die meisten von uns, von den Winden des Karma hin und her geschleudert wirst. Dein Erwachen ist sicherlich nahe! Du kannst jetzt die günstigsten Voraussetzungen dafür schaffen, indem du dich in deinem nächsten Leben als Mann inkarnierst, dann wird es dir sicherlich gelingen!«

Die Prinzessin lächelte die weisen Männer freundlich an und antwortete: »Vielen Dank für eure guten Wünsche, aber das werde ich nicht tun. Es gibt viele, die in männlichen Körpern Erwachen gesucht und gefunden haben, aber nur wenige, die dies in einem Frauenkörper tun. Deswegen gelobe ich heute an dieser Stelle, mich in allen meinen Leben bis zur Erleuchtung und darüber hinaus, bis alle Wesen befreit sind, einzig in Frauenkörpern zu inkarnieren und als Frau zu erwachen.«

Und so geschah es. Ihr Erwachen verwandelte Yeshe Dawa zu Arya Tara, der Befreierin und freien Frau, die als Frau Erleuchtung erlangte, zum Wohl und zur Inspiration aller Frauen und natürlich auch der Männer.

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Einleitung

»Wenn ich über die Praxis von Frauen nachdenke, beginne ich damit, das Offensichtliche zu bestätigen: Über unermesslich lange Jahre, Hunderte, Tausende, Millionen, Milliarden von Kalpas haben Frauen geübt, sich manifestiert, Verwirklichung erlangt und den Weg des Buddha vollendet.«

Sensei Wendy Egyoku Nakao1

Doch wo sind sie, diese Frauen? Wo stehen ihre Namen, wo die Namen ihrer Lehrerinnen, und wo sind ihre Taten und Fähigkeiten dokumentiert?

Ganz gleich, ob wir im Osten oder im Westen einen buddhistischen Meditationsraum betreten, es blicken die eindrucksvollen Gesichter männlicher Meister auf uns herunter, mitten unter ihnen der Lehrbuddha unseres Zeitalters, Buddha Shakyamuni. Bilder von Frauen, die solche Verehrung genießen, kann man mit der Lupe suchen. Auch die Büchereien quellen über von Unterweisungen und den Lebensgeschichten berühmter Männer. Wo aber stehen die Bücher mit den Geschichten der Frauen, ihren Einsichten und Lehren?

In den Texten, die in buddhistischen Zentren in Ost und West gelehrt und verwendet werden, sucht man Frauen und ihre Namen meist vergeblich. Buddhistische Lehrer sprechen gerne von großen Übenden wie Milarepa, Guru Rinpoche, Hakuin und Bodhidharma, sie zitieren ihre Texte und Lieder, sie loben die Ausdauer, die Kühnheit und das Mitgefühl dieser Männer, aber Geschichten oder gar Lehrtexte von Frauen? Sendepause! Fast könnte man meinen, es hätte nie Frauen gegeben, die den Weg verwirklichten. Ist Sensei Egyokus Behauptung also reine Spekulation?

Nein, denn spätestens seit Tsültrim Alliones Buch Tibets weise Frauen, das 1984 erschienen ist, wissen alle, die es wissen möchten: Es gibt sie, die Frauen, die vor uns übten. In ihrem Buch präsentiert Tsültrim Allione eine Auswahl von Lebensgeschichten tibetischer weiser Frauen, die von der Tradition zwar überliefert worden waren, denen männliche Übersetzer und Übende bis dahin aber keine besondere Beachtung geschenkt hatten. Die Geschichten und Gestalten von Frauen im Buddhismus sind wie Perlen, die vergessen und unbeachtet in das staubige Halbdunkel des hintersten Winkels der patriarchalen Geschichtsschreibung rollten. Seit Tsültrim Alliones Tibets weise Frauen sind eine Reihe weiterer Bücher erschienen, die die Geschichten weiblicher Übender in den Fokus stellen. Der Weg in das allgemeine Bewusstsein ist für Veröffentlichungen wie diese aber immer noch weit.

Ahninnen

In allen buddhistischen Schulen werden die Lebensgeschichten derjenigen, die den Weg zum Erwachen vor uns gegangen sind, eifrig gelesen, erzählt und studiert. Sie sind eine wichtige Inspirationsquelle für die eigene Entwicklung. Außerdem enthalten die meisten traditionellen Übungstexte einen Abschnitt mit den Namen der spirituellen Ahnen, auf die sich die Praxis oder die jeweilige Schule beruft und die dann bis zu Buddha Shakyamuni oder einer anderen Verkörperung des erwachten Prinzips zurückgeführt werden. Diese sogenannten »Liniengebete« werden rezitiert, um das Vertrauen derer, die jetzt üben, zu stärken. Durch die Linie sind die Übenden in der Gegenwart an die lebendige Weisheit des Erwachens all derer, die sie in der Vergangenheit verwirklicht haben, angeschlossen. Diese Verbundenheit in der Gegenwart garantiert, dass die lebendige Lehre auch in der Zukunft nicht verschwinden wird.

Wie ermutigend aber können solche Rezitationen für eine Frau sein, die täglich diese Gebete hört und spricht, in dieser Aufzählung aber nicht einen einzigen weiblichen Namen entdecken kann?

Wie stärkend und inspirierend können Geschichten, ja sogar eine ganze Tradition, wirklich auf Frauen wirken, wenn sie keine Legenden über erwachte Frauen erzählen und ihre Weisheitstexte nicht zitieren? Wenn es keine Identifikationsangebote für Frauen als Heldinnen von Geschichten des Erwachens gibt?

In der Vorbereitungszeit zu ihrer Lehrautorisierung in der Soto-Zen-Tradition verbeugen sich die Anwärter und seit einigen Jahren auch die Anwärterinnen täglich mindestens dreimal vor jedem der einundachtzig Patriarchen dieser Schule. Am zweiten Tag dieser Übungszeit saß die amerikanische Zen-Lehrerin Sensei Wendy Egyoku verzweifelt ihrem Lehrer Glassmann Roshi gegenüber: »Wo sind die Frauen?«, fragte sie und fragte es von da an jeden Tag, immer wieder: »Wo sind die Frauen?«

Da ihr niemand diese Frage beantworten konnte, machte sie sich auf, um nach ihren weiblichen Vorfahren innerhalb der Tradition zu suchen, in der sie selbst lehren sollte. Ihre ersten Schritte führten sie in die neblige Grauzone, in der sich Frauen immer bewegen, wenn sie in ihrer religiösen Tradition nach ihrem Frausein fragen: »Oft trauen sich Frauen nur, davon zu flüstern, fast so, als würde die Tatsache, darüber zu sprechen, einen Mangel an Verständnis dem Dharma gegenüber zeigen. Aber wenn wir in die Weisheit der Nichtdualität erwachen, erwachen wir dann nicht auch in die ganze Fülle des Menschseins?« Das heißt: Erwachen wir nicht auch in das Frausein hinein? Diese Frage schien zunächst in der Leere zu verhallen, doch dann schenkte die Suche ihr eine Inspiration: »Eines Tages, als ich im Bauch eines United Jet über das Land flog, kamen mir Worte über meine weiblichen Vorfahren in den Sinn, und ich habe sie für euch aufgeschrieben und freue mich darauf, sie mit euch zu erforschen.«

Diese Worte formten sich zu einem weiblichen Liniengebet, einer Anrufung der »Matriarchinnen«, wie Sensei Egyoku es nannte. Das Gebet stellt Frauen der Vergangenheit, die in der buddhistischen Lehre Impulse setzten, aber auch solche, von denen nicht mehr als ein Name davon zeugt, dass es sie gegeben hat, zum ersten Mal in den Umkreis ihrer Schwestern und Lehrerinnen. Man beginnt, die Fülle an Frauen und Geschichten zu ahnen, die zweitausendfünfhundert Jahre Übung hervorgebracht haben. Regelmäßig rezitieren seitdem die Übenden des Zen-Centers Los Angeles dieses weibliche Liniengebet. Ich stelle mir vor, wie es klingt, wenn die Namen dieser Frauen laut und volltönend zum ersten Mal in der Geschichte des Buddhismus die große Halle mitten in dieser modernen Millionenstadt anfüllen.

Erste Inspiration

Mittlerweile tönt dieser neue Klang auch aus deutschen Meditationshallen. Im PraxisNetzwerk TaraLibre rezitieren wir mit unserer Lehrerin Sylvia Wetzel allabendlich in jedem Retreat die Anrufung der »großen weisen Frauen«2. Im Jahr 2000 hatte mir eine Dharma-Freundin aus den USA die Anrufung der »Matriarchinnen« mitgebracht. Es war wie die Erfüllung einer Sehnsucht, die ich noch gar nicht zu formulieren gewagt hatte. Bislang waren mir über unsere Dharma-Ahninnen nur versprengte Fetzen hier und dort begegnet. Dieses einfache DIN-A4-Blatt war wie der Schlüssel zu einem zusammenhängenden Gewebe weiblicher Gestalten und Einflüsse.

Wer waren all diese Frauen, deren Namen mich von dem Papier auffordernd anschauten? Welche Informationen mochte es über ihr Leben und Üben noch geben? Wie hatten diese Frauen ihren Weg zum Erwachen gestaltet? Wie hatten sie gesprochen und widersprochen?

Wie eine Forscherin an einem unbekannten Ort in der Wüste packte ich meinen Spaten aus, begann zu graben und wurde fündig. Aus dieser Neugier, der ich zunächst nur für meine eigene Praxis nachging, wuchs mit der Zeit eine beträchtliche Materialsammlung. Interpretationsansätze und kulturkritische Betrachtungen zu den Fundstücken entwickelten sich. Sylvia Wetzel hat mich durch ihren frauenfreundlichen buddhistischen Ansatz und ihre Thesen dazu ermutigt und mir außerdem einen Schutzraum geboten. Im Klima ihres Praxismandalas und angeregt durch ihren Mut, zu fragen und zu forschen, konnten diese Samenkörner reifen und wurden schließlich in Vorträgen im Rahmen buddhistischer Seminare und Tagungen getestet.

Weibliche Spurensuche ist traditionsübergreifend

Mit diesem Buch möchte ich dazu anregen, Verbindungen zwischen den Frauen, von denen es erzählt, zu erkennen. So beschreibt es auch ihr gesellschaftliches und religiöses Umfeld und lässt eine Welt lebendiger Symbole und Bedeutung entstehen. Es möchte zum Schmökern einladen, zum Stöbern und zur Freude am Verstehen in den unterschiedlichen Landschaften und Kulturen der buddhistischen Tradition.

Weibliche Spurensuche ist traditionsübergreifend, sie muss es sein, schließlich sind auch die Beiträge von Frauen in allen Schulen und Kulturen traditionsübergreifend marginalisiert worden. Jetzt soll sich der Teppich weiblicher Weisheit wieder ungehindert und farbig aufrollen dürfen, von den Zeitgenossinnen des Buddha über die Frauen der Mahayana-Sutras, die Zen-Geschichten des Mumonkan bis hin zu den tantrischen Yoginis.

Dabei geht es auch darum, einen Überblick über das Mitwirken von Frauen an der Entwicklung des Buddhismus zu geben. Eine ganze Reihe interessanter Veröffentlichungen zu Frauen im Buddhismus sind in den letzten Jahren erschienen, sie konzentrieren sich aber meist auf einzelne, eingegrenzte Bereiche. The First Buddhist Women von Susan Murcott zum Beispiel spezialisiert sich auf die Zeitgenossinnen des Buddha, Tsültrim Alliones Tibets weise Frauen präsentiert ausschließlich Quellentexte der tibetischen Tradition, wohingegen der weit ausgelegten Sammlung von Joko Tisdale Women of the Way jeglicher Hinweis auf Tantrikerinnen fehlt.

Ich möchte mit diesem Buch Frauen der unterschiedlichen Traditionen und Jahrhunderte miteinander in Beziehung setzen und damit auch buddhistische Geschichte aus weiblicher Sicht beleuchten. Das Gros der bisherigen Veröffentlichungen ist außerdem in englischer Sprache erschienen, und nur wenig davon wird jemals auf Deutsch zugänglich sein. Es sind in erster Linie wissenschaftliche Arbeiten mit entsprechender Fragestellung, dem dazugehörigen Jargon und philologisch hieb- und stichfesten wörtlichen Übersetzungen der überlieferten Texte.3 Solche Quellentexte sind meist auch sperrig, und darum habe ich mich für eine freie Nacherzählung entschieden, die die Qualität der Texte als gute Geschichten wieder zugänglich macht. Ich habe nach Identifikationsfiguren für übende Frauen Ausschau gehalten, nach weiblichen Vorbildern auf dem Weg zum Erwachen, nach Stoff für Legendenbildung also, und so manches Fundstück wartete nur darauf, in diesem Sinne angemessen präsentiert zu werden.

Drei stärkende Einsichten

Die Perspektive einer Geschichte des Buddhismus aus weiblicher Sicht, die inspirierende Gegenwart der vielen Frauen, über die ich erzählen konnte, und das Nachdenken über eine Abstammungslinie der weiblichen Übungstradition haben drei stärkende Einsichten hervorgebracht:

1.Frauen, die jetzt in der buddhistischen Tradition üben, kommen auch als Frauen nicht aus dem Nirgendwo, sie haben Wurzeln.

2.Praktizierende Frauen heute müssen nicht alles neu erfinden, sie können an den Praxisgeschichten weiblicher Übender überprüfen, wie die Lehren auf Frauen wirken.

3.Es ist ein großes Glück, wenn Frauen im Dharma von Frauen lernen können.

Frauen, die jetzt in der buddhistischen Tradition üben, kommen auch als Frauen nicht aus dem Nirgendwo, sie haben Wurzeln.

Wenn wir damit beginnen, in der Geschichte buddhistischer Schulen weibliche Namen und Geschichten auszugraben, gähnen uns zunächst nur Lücken an. Da, wo eine Frau und ihre Geschichte sein sollte, ist Leere. Und wenn hier und da von einer weiblichen Praktizierenden die Rede ist, dann wurde ihr Name wahrscheinlich nicht überliefert. Andere Frauen, die zum Beispiel berühmte Männer unterrichteten und deren Namen bekannt sind, werden in den Liniengebeten und heiligen Geschichten nicht genannt. In einem anderen Fall finden sich vielleicht ein Name und eine Geschichte, aber nichts ist aus dem weiteren Umfeld der Frau bekannt – es bleibt im Dunkeln, wer ihre Lehrerinnen waren, woher sie stammte, ob sie mit anderen Frauen übte und wer diese waren. Die Geschichte einer eindrucksvollen Lehrerin und Yogini steht oft so vereinzelt in der Landschaft, als wäre sie ganz unvermittelt von einem anderen Stern gefallen. Das alles sind bekannte Schwierigkeiten, die denen begegnen, die sich auf irgendeine Weise mit der Geschichte von Frauen beschäftigen. Wie kommt man hier weiter?

Die feministische Geschichtsforschung setzt mittlerweile darauf, die Lücken selbst über Zusammenhänge Auskunft geben zu lassen. Man sieht sich die Gestalt der Lücken genauer an und überlegt, was sich daraus schließen lässt. Dass zum Beispiel eine Frau allein in einer ausschließlich männlichen Landschaft steht, muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass sie ein Einzelfall ist. Viel wahrscheinlicher ist sogar, dass so eine »Ausnahmefrau« aus einem größeren Umfeld weiblichen Übens und Denkens herausragt. Hinter jeder Frau, die es in die offizielle Geschichtsschreibung schaffte, steht also, so können wir annehmen, eine ganze Gruppe anderer Frauen, deren Namen vergessen wurden. Gehen wir von so einer Überlegung aus, öffnet sich aus jedem versprengten Frauennamen der Geschichte ein Fenster in ein Umfeld von Frauen hinein, das eine Vergangenheit und eine Zukunft hatte. So lässt die Gestalt der Lücke ein ganzes Gewebe erahnen.

Laut zu denken und auszusprechen, dass praktizierende Frauen nicht aus dem Nirgendwo kommen, sondern Vorfahrinnen hatten, die existierten, selbst wenn ihre Namen vergessen oder ausgelassen wurden, stärkt das Vertrauen von Übenden jetzt und kann dazu beitragen, Gefühle des Mangels und Nichtgenügens aufzulösen.

Praktizierende Frauen heute müssen nicht alles neu erfinden, sie können an den Praxisgeschichten weiblicher Übender überprüfen, wie die Lehren auf Frauen wirken.

Sicherlich können für Frauen auch die Lebensgeschichten und Erfahrungen männlicher Praktizierender inspirierend sein. Kann eine Frau aber einer weiblichen Protagonistin begegnen, die sich auf den Weg der spirituellen Suche macht, Schwierigkeiten überwindet und zuletzt Befreiung erlangt, muss sie nicht erst vom Geschlecht dieser Hauptperson abstrahieren. Durch die Geschichten der Frauen können wir außerdem mehr darüber erfahren, wie buddhistische Übungen und Lehren in der Vergangenheit auf weibliche Übende wirkten und wie sie damit umgingen. Ich möchte dazu einige Punkte anführen, die mir beim Vergleich der Geschichten weiblicher Übender mit denen männlicher aufgefallen sind:

Körperlichkeit

»O Yogini, die du das Tantra gemeistert hast.

Der menschliche Körper ist die Grundlage

Für das Erlangen der Weisheit

Und die Körper der Männer und Frauen

Sind in gleicher Weise dazu geeignet,

Wenn aber eine Frau über starke Motivation verfügt,

Ist ihr Potenzial höher.«4

So spricht der tantrische Meister Padmasambhava zu seiner Partnerin Yeshe Tsogyal.

Körperlichkeit spielt in der Umsetzung der Lehren bei weiblichen Übenden eine ganz andere Rolle als bei männlichen. Das ist schon bei den Zeitgenossinnen des Buddha zu erkennen. Während ihre männlichen Kollegen die Vergänglichkeit gerne in einem Gegenüber und hier vorzugsweise im anderen Geschlecht betrachten, beziehen die Frauen die Lehren über Vergänglichkeit direkt auf ihre eigenen Körper. Dieses unmittelbare Einbeziehen der eigenen Körperlichkeit fördert existenzielle Einsichten, die in den Texten der betreffenden Frauen dann durchaus selbstironisch klingen können. In späteren Epochen des Buddhismus nutzen Frauen Sinnlichkeit als Weg zum Erwachen für sich und andere. In ihrer Körperlichkeit wirken sie nährend, heilend oder auch einfach so betörend, dass man nicht anders kann, als ihnen einfach zum Erwachen zu folgen. Im tantrischen Buddhismus eröffnet das Wissen der Frauen um Körper und Sinnlichkeit den für beide Geschlechter gemeinsamen Weg der Intimität.

Vorbilder im eigenen Geschlecht

Weibliche Übende suchen sich Vorbilder im eigenen Geschlecht. Sie nehmen also andere Frauen in ihrem Umfeld wahr, von denen sie lernen können und denen sie vertrauen. Schon in den Liedern der ersten Frauen, die erwachten, ist oft voller Freude von einer anderen Frau die Rede, die geholfen hat, den entscheidenden Schritt zu tun. Ihre männlichen Zeitgenossen beziehen sich dagegen fast ausschließlich auf den Buddha als Vorbild. Im Mahayana drängen dann starke Gestalten wie die Königin Shrimala (s. S. 156) oder Miao-shan (S. 224), die später zur Bodhisattva Kuanyin wurde, in den Vordergrund. Ihr Erscheinen und die Art und Weise, wie diese eigenwilligen Frauen in den Texten präsentiert werden, zeigt, dass es ein Umfeld von Frauen gegeben haben muss, das nach solchen weiblichen Vorbildern Ausschau hielt. Im tantrischen Buddhismus herrscht das Bild des übenden Paars vor, wir wissen aber auch von Zusammenkünften tantrischer Yoginis zu spirituellen Festen, bei denen sich Frauen hauptsächlich an anderen Frauen orientierten.

Unsichtbarkeit

Die vorwiegend gering geachtete Stellung der Frauen in buddhistischen Ländern machten sich weibliche Übende zunutze. Da sie selbst und ihre Aktivitäten sowieso meistens nicht beachtet wurden, konnten sich Frauen gesellschaftlich »unsichtbar« machen und in diesem Freiraum ihrer Übung nachgehen. Besonders einfach war das für alte Frauen und Frauen aus sozialen Randgruppen. Im tantrischen Buddhismus suchen Frauen dann ganz bewusst solche Lebensformen, um ungestört praktizieren zu können. Hatten sie später Verwirklichung erreicht, konnten sie sich, wenn sie wollten, auch wieder »sichtbar« machen, wie es zum Beispiel in der Geschichte von Shunyatadevi, der Reiskuchenverkäuferin oder der Yogini Tiloma in diesem Buch erzählt wird.

Yogi Milarepa als Modell

Tibetische Lehrer stellen gerne die Lebensgeschichte des Yogi Milarepa als Modell eines spirituellen Lebensweges vor und ermuntern ihre Schüler und Schülerinnen, sich daran zu orientieren. Besonderes Gewicht wird dabei auf die Beziehung Milarepas zu seinem Lehrer Marpa gelegt. Marpa lädt dem jungen Mann eine unsinnige und knochenbrechende Aufgabe nach der anderen auf, bevor er überhaupt darüber reden will, ob Milarepa von ihm Unterweisungen erhalten kann oder nicht. Auf diese Weise baut der Schüler mehrere Häuser mit eigenen Händen, nur um sie umgehend auf das Geheiß des Lehrers wieder abzureißen. Als Marpas Frau, Damema, dem übel zugerichteten jungen Mann helfen will, bekommt auch sie den Zorn ihres Mannes zu spüren. So geht es eine ganze Weile, bis schließlich Milarepa eines Tages überraschend zu den Belehrungen zugelassen wird und tiefe Inspiration erfährt. Danach praktiziert er viele Jahre einsam in einer Höhle und erlangt schließlich Erleuchtung.

Warum aber quält ihn sein Lehrer so? Milarepa kommt aus Furcht vor den Folgen seiner schlechten Taten zu Marpa. Er hatte sich zuvor aus Rachegefühlen der schwarzen Magie zugewandt und mehrere Menschen umgebracht. Marpa, so wird erklärt, will durch das, was er von ihm verlangt, die Verbohrtheit des Schülers abschleifen und in ihm das Vertrauen zum Lehrer, jenseits aller Vernunft, verankern.

Ähnlich trägt es sich auch in der Geschichte eines anderen viel zitierten Yogi, Naropa, zu. Auch er hatte zwölf Jahre lang unsinnige, entwürdigende und lebensbedrohende Anforderungen seines Lehrers Tilopa zu ertragen, bis dieser ihm durch den Schlag mit einer Sandale auf den Kopf zum Erwachen verhalf. Naropa war vorher der Beste einer Eliteuniversität gewesen, er bildete sich viel auf sein Wissen ein und war durch seinen verschulten Geist offensichtlich über lange Zeit nicht in der Lage, auf anderen Ebenen als auf der des Intellekts empfänglich zu ein.

Schaut man sich dagegen die Geschichten der Frauen an, wird man keine einzige finden, in der einer Schülerin derartiges von einem Lehrer zugemutet worden wäre. Vielleicht, so könnte man einwerfen, waren die Schülerinnen den männlichen Lehrern nicht wichtig genug, um sich derart zu engagieren, aber das erzählen die Geschichten nicht. Die meisten Lehrer, von denen die Rede ist, bemühen sich sogar außerordentlich um ihre Adeptinnen. So erschien Buddha Shakyamuni eigens vor der Königin Shrimala, weil ihre Worte von so tiefer Überzeugung geprägt waren. Padmasambhava setzte sich mit seinem Leben für seine Schülerinnen Mandarava und Yeshe Tsogyal ein, auch wenn er letzterer gegenüber nicht immer besonders viel Feingefühl an den Tag legte. Als Yeshe Tsogyal nach Jahren des Einsiedlerlebens in der Wildnis zu ihm zurückkehrte und ihm zu Füßen sank, war seine Reaktion nicht gerade überschwänglich: »Oh, da bist du ja, ich dachte, du wärest tot.«

Dennoch, die Beziehungen von Frauen zu ihren Lehrern und Lehrerinnen verliefen anders als die ihrer männlichen Kollegen. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass Frauen auf ganz anderen Wegen zum Dharma fanden. Frauen trauten sich eine kriminelle Energie wie die von Milarepa gar nicht zu, sie hätten sie mangels Gelegenheit auch nicht umsetzen können, und zu den intellektuell verbildenden geistlichen Universitäten hatten sie sowieso keinen Zugang.

In den Geschichten der Frauen kristallisiert sich folgendes Muster heraus: Weiblichen Übenden begegnen Widrigkeiten schon viel früher auf dem Weg, noch bevor sie überhaupt einen Lehrer oder eine Lehrerin gefunden haben, und die Schwierigkeiten kommen meistens von außen. Die Gesellschaft, ihre soziale Situation oder Menschen, die über sie Macht haben, versuchen die Frauen daran zu hindern, sich überhaupt der spirituellen Übung zuzuwenden. Sie sollen heiraten, das Haus führen und sich ansonsten an die geltenden Normen halten. Die schwersten Auseinandersetzungen finden dabei statt, der Fremdbestimmtheit zu entkommen. Haben Frauen aber diesen Konflikt für sich entschieden, mit dem Dharma Kontakt hergestellt und »angebissen«, kann ihr Erwachen erstaunlich schnell und mühelos sein. Das tiefe Vertrauen in den Lehrer oder die Lehrerin – sie ist als spirituelle Bezugsperson leider nur selten überliefert – können Frauen allem Anschein nach leichter aufbauen. Oft genügt ein kurzer Kontakt, der in tantrischen Geschichten auch eine sexuelle Begegnung sein kann. »Frauen sind gegenüber Männern im Vorteil« – zu dieser Überzeugung gelangte auch die indische Meditationsmeisterin Dipa Ma. »Ihr Geist ist viel feiner und beweglicher … für Männer ist das vielleicht schwer zu verstehen, weil sie Männer sind. Aber der Buddha war ein Mann, und Jesus war auch ein Mann, also gibt es auch für die Männer ein bisschen Hoffnung.«5

Viele Geschichten stellen weise und verwirklichte Frauen so dar, als seien sie immer schon auf diese Weise in der Welt gewesen, ohne ihre spirituelle Herkunft zu beschreiben oder infrage zu stellen. Die Frauen sind eben einfach weise oder erwacht, aus sich selbst heraus, und wer das nicht erkennt, ist selbst schuld.

»Es war früher so und ist auch heute so: Frauen haben allgemein ein tieferes Vertrauen als Männer. Und sie sind beharrlicher in der Praxis«, beobachtete auch der tibetische Lehrer Bokar Rinpoche in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, und er zieht Schlüsse für uns heute daraus: »Der Grund, warum sich im Westen mehr Frauen für den Buddhismus interessieren als Männer, liegt sicher darin, dass die Frauen einen leichteren und direkteren Zugang zu Vertrauen und Hingabe haben. Auch haben sie einen viel offeneren Geist als die Männer auf dem spirituellen Weg.«6

Frauen im Dharma sind unkonventionell

Vielleicht ist dieser offenere Geist auch ein Ergebnis der Auseinandersetzung mit den verschärften Schwierigkeiten, die Frauen überwinden mussten, um überhaupt praktizieren zu können? Denn Frauen, die in der Vergangenheit ihr Leben dem Dharma widmen wollten, stellten sich damit in den meisten Fällen außerhalb jeder Konvention. Das gilt nicht nur für die Lebenswege der Frauen in den für uns exotischen Kulturen des Ostens. Geschichten »heiliger« Frauen aller Kulturen, sei es in Ost oder West, beschreiben niemals eine soziale Norm. Sie bergen immer kulturellen und/oder spirituellen Sprengstoff, schon allein dadurch, dass die handelnden Subjekte Frauen sind. Der Widerspruch zu den gegebenen Normen steckt bereits in der Tatsache, dass diese Frauen einem Leben der religiösen Suche und damit meist einer Frauengemeinschaft oder dem Einsiedlerinnenleben den Vorzug gegenüber der geforderten Eingliederung in die Familien geben. Nicht zu heiraten, allein oder in einer gleichgeschlechtlichen zölibatären Gemeinschaft zu leben, unabhängig zu handeln und nur in den Buddhas oder Gott die höchste Instanz für das eigene Verhalten zu sehen stößt fast immer auf Widerspruch. Dabei sind Frauen in patriarchalen Systemen besonderem Druck ausgesetzt, und darum verlangt der Sprung in diese Art des Lebens eine besondere Entschlossenheit von ihnen, die durchaus befreiend wirken kann. Erfreulicherweise gibt es auch bei den Frauengeschichten Ausnahmen von dieser Regel, wie zum Beispiel in Shrimaladevis Fall. Deren Eltern finden ihre Tochter so intelligent und begabt, dass sie sich nichts Besseres vorstellen können, als sie mit der buddhistischen Lehre bekannt zu machen und selbst alles dafür tun, dass das geschehen kann. Im Sutra von Shrimaladevis Löwengebrüll gibt es folgerichtig auch nicht den allerleisesten Hinweis darauf, dass irgendjemand es erstaunlich finden könnte, eine Frau in der Gegenwart und zur Freude des Buddha lehren zu sehen. Diese Rolle einzunehmen erscheint für eine Frau hier ganz natürlich.

Es ist ein großes Glück, wenn Frauen im Dharma von Frauen lernen können.

»Es ist wichtiger, Lehrmeisterinnen zu haben, als Rechte zuerkannt zu bekommen«, erkannten die Frauen der Libreria delle Donne in Mailand in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Es ist wahr: In allen Geschichten dieses Buches, in denen auch nur andeutungsweise davon berichtet wird, wie Frauen von anderen Frauen lernen, geschieht etwas Besonderes. »(…) Die Beziehung zu einer Person des eigenen Geschlechts (fördert) das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten in einem Ausmaß, wie das Beziehungen zu Personen des anderen Geschlechts selten können. Lehrerinnen sind der unwiderlegbare Beweis für Frauen, dass geistige Entwicklung für sie möglich ist,« hebt Sylvia Wetzel in ihrem Buch über Frauen und Freiheit hervor7. Frauen haben durch diese Beziehung die Möglichkeit, anderen Frauen Kompetenz zuzuschreiben, etwas, was in der Gesellschaft, die sie umgibt, wenig Raum hat. Außerdem empfangen sie das, was diese andere Frau ihnen geben kann, mit Dankbarkeit und Wertschätzung. Diese Herzensöffnung macht es für die lernende Frau möglich, auch in sich das Potenzial einer solchen Kompetenz, die in letzter Konsequenz »Erwachen« heißt, zu erkennen. Indem sie lernt, eine andere Frau, auch wenn diese gesellschaftlich und kulturell noch so sehr abgewertet erscheint, auf diese Weise wertzuschätzen, lernt sie auch, sich selbst wertzuschätzen. Im Kontext des Dharma bedeutet das, Lehrerin und Schülerin können in dem Gegenüber der anderen Frau und in sich selbst das Potenzial des Erwachens erkennen und sich darauf beziehen.

Welche Kraft aus solch einer Beziehung sprudeln kann, wird spürbar, wenn man daran denkt, welche Bedeutung und Wirkung die Lehrlinie für jede buddhistische Schule hat. Über achtzig Generationen dieser machtvollen Beziehung zwischen Männern bis zurück zu Buddha Shakyamuni – das ist eine enorme Schubkraft für das Vertrauen des einzelnen Übenden. Weibliche Lehrbeziehungen im Dharma konnte ich dagegen in den Geschichten nur über maximal drei Generationen verfolgen, dann scheint der Faden der Überlieferung immer wieder zu reißen. Aber immerhin wissen wir aus den Bruchstücken, dass es diese Art von Beziehung zwischen Frauen überhaupt gegeben hat. Die Lücken sollten uns nicht davon abhalten, eine Kontinuität zu spüren, die darunter lebendig ist.

Auch in den männlichen Lehrlinien gibt es mitunter größere zeitliche Lücken. Da muss dann ein bestimmter Meister auf magische Weise einige hundert Jahre gelebt haben, damit die Rechnung noch aufgeht. Daran wird aber auch deutlich, dass es bei dieser spirituellen Abstammungslinie nicht um eine gut gelöste Rechenaufgabe mit Jahreszahlen oder um, in diesem Sinne, »harte Fakten« geht. Viel wichtiger ist das Vertrauen in die ungebrochene Weitergabe des tiefen Wissens, das aus den Lehren und Übungen in den einzelnen Menschen lebendig wird. Die Linie ist ein kraftvolles Symbol dafür. Diese Sicht ermutigt dazu, auch in den Bruchstücken eine weibliche Verwirklichungslinie zu erahnen und sich davon tragen zu lassen.

Warum aber sollte es für Frauen oder auch für Männer überhaupt wichtig sein, nach Frauen als Trägerinnen der Weisheit Ausschau zu halten? Zur Verdeutlichung möchte ich eine Legende aus der europäischen Kultur erzählen.

Demeter und Kore – der zerrissene Blick

Der griechische Mythos von Demeter und Kore8 erzählt, wie der Blick zwischen Mutter und Tocher zerrissen wurde und wie dadurch die Welt aus den Fugen geriet.9

Die Göttin Demeter ist eine Erscheinung der großen Mutter, der Quelle, der alles entspringt.10 Ihre Macht ist die des Hervorbringens, und dieses Geheimnis übermittelt sie nach ihrem eigenen Ermessen dem Kosmos. Diese Macht des Hervorbringens beinhaltet jedoch auch die Macht, nicht hervorzubringen, wie der Mythos zeigt.

Demeter ist eine autonome Urkraft, sie vertritt die mütterliche Macht, die der gesamten Natur eingeschrieben ist. Sie hütet das »Zur-Welt-kommen«, das durch den Wortstamm nasci, lateinisch »geboren werden«, im Begriff »Natur« noch zu erkennen ist. Die Göttin Demeter hat eine erwachsene Tochter, Kore. Gemeinsam stehen sie für das mütterliche Kontinuum: Im Geborenwerden zeigt sich der Mensch in zwei Geschlechtern, geboren aber werden sowohl Mann als auch Frau von einer Frau. Das Kontinuum, auf solche Weise zur Welt zu kommen, fließt aus der anfangslosen Zeit und setzt sich in die Unendlichkeit fort, solange eine Mutter eine Tochter hat, die diese Potenzialität weitertragen kann. Mehr ist dafür nicht erforderlich.

Zwischen der Mutter und der Tochter herrscht kein Klima der Dominanz, sondern es ist eine Beziehung, in der die eine die Bedeutsamkeit der anderen für sich und die Welt erkennt und achtet. Diese Beziehung drückt sich in den antiken Darstellungen von Demeter und Kore durch einen Blick auf Augenhöhe aus.